“Burka-Verbot” im Journalismus – ein Qualitäts-Check

Es sind nun schon zwei Wochen, die uns der deutsche Journalismus mit dem Thema “Burkaverbot” penetriert. Natürlich wird jeder Redakteur, jede Freie weit von sich weisen, Rädchen in der PR-Maschinerie der Berufspolitiker und anderer von öffentlicher Aufmerksamkeit lebender Institutionen (wie der Polizistenlobby) zu sein und sich stattdessen als Aufklärer*in sehen. Wagen wir einen Qualitätscheck mit drei einfachen Fragen, zu deren Beantwortung ein jeder das Medium seiner Wahl heranziehen darf.

1. Ist das Thema relevant?
An manchen Tagen passiert doch mehr auf der Welt, als in eine Zeitung, eine Radiosendung oder auf eine Website passt. An diesen Problemtagen stehen Redakteure vor der schwierigen Frage, welche Themen sie bearbeiten sollen und welche sie (vorläufig) ignorieren können (zur Beruhigung: die Welt dreht sich dann meist unabhängig von der Entscheidung weiter).
Um die Relevanz eines Themas zu prüfen, kann man schauen, ob es die Kundschaft (Leser, Hörer, Zuschauer) irgendwie betrifft, ob (weitere) Informationen zu dem Thema für sie nützlich sein können. Das muss nicht zwingend mit dem Interesse der Kunden übereinstimmen (das Interesse an positiven Medizinbefunden ist bei vielen Menschen z.B. gering entwickelt, trotzdem die Information ihrer Gesundheit dienlich sein könnte) – aber die Relevanz sollte objektiv messbar sein (und nicht nur im Hirn des Redakteurs gründen).

Wie relevant ist also die Debatte um ein “Burka-Verbot”? Ist daran irgendetwas neu (und wenn ja: was, wieso)? Betrifft es die Journalismuskunden (als Burkaträgerinnen, Verwandte von Burkaträgerinnen, als Nachbarn, als Burkawaschsalonmitarbeiterin, als potentielle Opfer von Selbstmordburkaträgerinnen …)? Ist die Debatte so relevant, dass man dazu eine Meldung machen muss, dass man ein Investigativteam mit Recherchen beauftragt, dass man einen Live-Ticker einrichtet und den journalistischen Notstand ausruft? Bitte prüfen Sie selbst.

Ist ein Thema nicht relevant und wird dennoch journalistisch bearbeitet, handelt es sich übrigens um Unterhaltung – und damit lustigerweise gerade nicht mehr um Journalismus. Ist aber natürlich auch wichtig.

2. Wird das Thema vollständig bearbeitet?
Es gibt Dinge, die funktionieren nur ganz oder gar nicht – da gibt es keine halben Sachen. Man mag ein halbes Automobil fahren können (im Volksmund “Motorrad” genannt) oder drei Viertel seiner Steurschuld zahlen, die meisten Diebe klauen nur ein bisschen (und bezahlen andere Dinge ganz regulär) – aber unvollständige Informationen sind gar keine Informationen. Dass der Bundeskanzler Opfer eines Attentats wurde, ist ohne den kleinen Zusatz “im Film Rogue Nation” keine Information, und selbst BILD informiert über den mit 30 cm Dicke mächtigsten Penis nicht ohne den Zusatz, dass er einem Blauwal gehört.
Dass irgendwer ein “Burkaverbot” fordert, ist daher noch gar keine Information, sondern Rauschen. Auch wenn die Forderung von einem Medien-Promi ausgestoßen wurde, macht sie das noch nicht zu einer Nachricht. Wenn sich ein Journalist für diesen Ausstoß interessieren sollte, müsste beginnen, was man früher einmal Arbeit nannte, in der konkreten Zunft “Recherche”: Fragen stellen und richtige (!) Antworten darauf suchen. Was ist der Anlass für die Forderung? Gab es das nicht schon einmal, wie wurde das damals diskutiert? Welches Ziel wird (vorgeblich) verfolgt – und ist der Vorschlag ein geeigneter Weg dahin? Was sind Alternativen? Welche Interessen stecken dahinter? Was würde die Umsetzung konkret bedeuten? Welche weiteren Forderungen könnte dies nach sich ziehen? Wie sehen Sanktionsmöglichkeiten aus?
Vollständig bearbeitet ist das Thema nicht dann, wenn jeder etwas dazu gesagt hat und damit publiziert wurde, sondern wenn alle für eine Entscheidung relevanten Fragen (richtig) beantwortet sind. Im Falle Burkaverbot sollte sich das – positive Relevanzprüfung im ersten Schritt vorausgesetzt – in einem einzigen, gut recherchierten Beitrag machen lassen (allerdings fehlt bislang ein empirischer Beleg).

3. Werden Eigeninteressen der Medien benannt?
Insbesondere die kompakte, vollständige Themendarbietung ist im Journalismus selten. Das Burkaverbot läuft eben schon seit gut zwei Wochen in den Medien, ohne dass dabei irgendeine neue Frage geklärt wird, die nicht bereits am ersten Tag der Thematisierung im Raum stand. Da Medien mit ihrem Häppchenjournalismus Aufmerksamkeit resorbieren und zwangsläufig andere Themen aus der Berichterstattung verdrängen, ist die häufig vernehmbare Belehrung, man könne ja wegschalten/ -klicken/ umblättern, Kokolores. Nicht nur beim Wetterbericht und Verkehrsfunk wünschen sich die meisten Kunden eine aktuelle, vollständige und relevante Unterrichtung – keine Wiederholung, keine halben Sachen (weil die Nichtmeldung einer Autobahn-Vollsperrung darüber informiert, dass dort nichts Ungewöhnliches vorliegt). Wenn das Redaktionen nicht schaffen oder nicht wollen, sollten sie deutlich darauf hinweisen: “Die Innenminister der Union werden in wenigen Tagen eine ‘Berliner Erklärung’ vorlegen und darin u.a. ein Burkaverbot fordern. Da wir im Moment nur zwei Praktikanten haben, die auch noch andere Dinge zu tun haben, beabsichtigen wir nicht das Thema zu recherchieren; stattdessen werden wir Ihnen täglich eine Zusammenfassung von Pressemitteilungen der politischen Akteure zusammenstellen.” Oder auch: “Einige Politiker fordern, das Tragen einer Vollverschleierung in der Öffentlichkeit zu verbieten. Da wir die Dinger auch hässlich finden, werden wir entsprechende Forderungen in den nächsten Wochen, Monaten und ggf. Jahren publizieren, bis die letzte Burka vom preußischen Bürgersteig verschwunden ist.”
Oder: “Wegen des laufenden Wahlkampfs vor der Wahl des Berliner Abgeordnetenhauses am 18. September 2016 werden wir das Thema Burkaverbot nicht journalistisch bearbeiten, damit sich die Kandidatinnen und Kandidaten den Wählerinnen und Wählern möglichst ungeküsst von Sinn und Verstand präsentieren können.”
Dann müsste man als Rezipient nicht täglich, gar stündlich neu die Hoffnung bemühen, nun sei endlich der journalistische Durchbruch geklückt und irgendein Reporter habe das Thema verstanden.

Damit Sie mit dieser Anleitung möglichst gut klar kommen, hier in aller Kürze ein Anwendungsbeispiel:

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1. Frage: Ist das Thema relevant?
– Ja, nachdem die Medien es selbst gesetzt haben.
– Nein, weil die Fragestellung unzulässig ist*. (Aber das könnte zur Not im Bericht selbst noch erläutert werden.)

2. Frage: Ist das Thema vollständig dargestellt?
– Sind alle wesentlichen Fakten benannt? Nein (alle Grunddaten zur Befragung fehlen, u.a. die “Grundgesamtheit” – nur wahlberechtigte Deutsche -, Stichprobengröße und die exakte Fragestellung bzw. die Antwortmöglichkeiten)
– Sind die Angaben richtig? Nein, sowohl die Überschrift als auch die Zusammenfassung “das Tragen von Burka oder Nikab zumindest in Teilen der Öffentlichkeit zu untersagen” sind falsch.
– Gibt es eine Einordnung (Kontext, Rechtslage, Ergebnisse der bisherigen intensiven Diskussion)? Nein.

3. Frage (Bonus): Benennt spiegel.de sein Eigeninteresse am “Agenda Setting“?

* = Natürlich kann man alles fragen – nur sinnvoll ist das Meiste dann nicht. Vermutlich tausende Online-Leser haben darauf hingewiesen, wie willkürlich die Idee eines Burkaverbots ist (und für bestimmte “Teilbereiche” des öffentlichen Lebens sind Klamottenfragen längst unabhängig von der Verschleierung geklärt). Da Beispiele wie Tennissockenverbote die Unzulässigkeit der Fragestellung offenbar nicht jedem zeigen, ein anderes: “Sollten Bankräuber auf frischer Tat erschossen werden?” Das kann man fragen, aber man sollte dazu sagen, dass es natürlich rechtlich nicht möglich ist und zur Legalisierung der Rechtsstaat komplett aufgehoben werden müsste (Einführung der Todesstrafe wäre noch möglich, aber Urteilsvollstreckung vor der Verhandlung eher nicht). Daher sind solche Fragen journalistisch unzulässig – weil sie nicht auf Fakten, sondern Fiktionen zielen.

Spinner sind keine Nachricht

Spiegel-Frage-Sicherheit-in-ZuegenWenn Journalismus wirklich eine Orientierungsleistung erbringen würde, dann würden seine Werktätigen nicht ein ums andere Mal die gleichen Fragen stellen und immer neu nach verkäuflichen Antworten suchen. Spiegel.de meint:

Der Angriff auf mehrere Fahrgäste in einem Regionalzug bei Würzburg wirft erneut die Frage nach der Sicherheit in Zügen und Bahnhöfen auf.

Nein! Diese Frage stellt sich nicht. Jedenfalls stellt sie sich niemand, der wenigstens ab und an mit der Bahn fährt und daher den Betrieb kennt. Es ist völlig absurd, hier über Sicherheitskontrollen wie am Flughafen zu schwadronieren (das ist ähnlich sinnvoll wie die Forderung einer Gurtpflicht, die nach jedem kleinen Bahnunfall von irgendeinem Provinzpolitiker erhoben wird). Aber man kann damit natürlich Seiten und Minuten füllen, Menschen zum Reden bringen, unsinnige Diskussionen führen…

Und wenn doch ein weiser Verkehrsjournalist meint, das Thema sei unumgänglich und da ließe sich mit viel Aufwand schon etwas machen: dann sei schon mal darauf hingewiesen, dass man dieses Spiel unendlich betreiben kann. Der nächste Durchgeknallte spaziert vielleicht in einen Kindergarten (Schulen haben ja z.T. schon mega Sicherheitsvorkehrungen seit den Schüler-Amokläufen), oder ein Krankenhaus, oder einen Supermarkt; vielleicht zündelt er an einer Tanke, vielleicht entlässt er (oder – für die Aufschreierinnen – “sie” natürlich, pardon) Giftgas in einer U-Bahn, rollt einen großen Stein auf die Autobahn, vergiftet Lebensmittel oder rennt einfach in ein Motorrad hinein…

Wenn Journalismus eine Orientierungsleistung erbringen würde, dann hätte er seit einer Ewigkeit geklärt, dass es keine Sicherheit vor Spinnern gibt, ob sie nun Einzelpsychopathen sind, Religionsfanatiker oder kranker Despot mit Armeegewalt. (Vom wahnsinnigen PR-Support für die Durchgeknallten durch die mediale Hysterie wollen wir hier gar nicht erst reden…)

 

Cumhuriyet & Facebook – Was zu löschen ist

Anmerkungen zu zwei Preisen des Netzwerk Recherche

Im Rahmen seiner Jahrestagung 2016 hat der Verein “Netzwerk Recherche” (nr) wieder zwei Preise verliehen: den positiven “Leuchtturm für besondere publizistische Leistungen” und den Negativpreis “verschlossene Auster“. Zu beiden kann man Medienkritisches anmerken.  Weiterlesen

Böhmermahn

Schuld sind wie immer die Journalisten. Also noch. Bis die Sozialen-Medien mit ihrer reinen Ich-Kommunikation sie irgendwann ganz in die Bedeutungslosigkeit gedrängt haben werden. Aber noch sind immer die Journalisten schuld. Weil sie niemals Wichtiges von Unwichtigem scheiden, weil sie nur selten spannende Fragen beantworten, Probleme lösen, Orientierung geben wollen, sondern weil sie schlicht Aufmerksamkeit suchen – Einschaltquoten, Auflage, Klicks, Follower.

Jan Böhmermanns Gedicht „Schmähkritik“. Hatten die freiwilligen Zuschauer, hatte das leidenschaftliche Publikum, hatten diejenigen, für die „Neo Royal Magazin“ gemacht wird, ein Problem mit der Sendung? Und bedurften sie journalistischen Beistands? Brauchten sie Welterklärer und Moralverbesserer an ihrer Seite?

Ein großer Teil des Medientratsches dreht sich nur noch um Dinge, von denen man nie etwas wissen wollte. Es geht nicht um investigative Recherchen, nicht um die Aufdeckung des zu unrecht Verborgenen, sondern um die Skandalisierung von Fragmenten aus Nischenereignissen. Das, was erfolgreich separiert war, nachdem es mehr als ein Fernsehprogramm und eine Staatszeitung in Deutschland gibt, was Angebote und Interessenten nach Interessen zusammenbrachte, wird vom Journalismus wieder zusammengepanscht und zum „general interest“ erhoben, auf dass jeder eine Meinung dazu habe (nicht entwickle!) und der deutsche Smalltalk gleichgeschaltet sei.

Dass selbst dröge Familienzeitungen und die außerhalb ihrer Sendung weniger dröge wirkende Anne Will den türkischen Affentanz zu einer Liedparodie von extra3 und zu einem Beitrag in der vorletzten Böhmermann-Sendung zum nationalen Problem erheben, zeigt den Geisteszustand dieses Landes deutlich, vor allem das völlig gestörte Verhältnis zur Freiheit.

Böhmermann hat den türkischen Präsidenten Erdogan nicht beleidigt (mal abgesehen davon, dass er dies jederzeit versuchen dürfen sollte und für den Erfolg allein der Sichbeleidigtfühlende verantwortlich wäre –> Grundrecht Beleidigungsfreiheit)! Er hat eine Satire-Show aufgezeichnet, in der auch der Name Erdogan fiel. „Tötet Merkel“ von Till Reiners ist auch kein Mordaufruf. (Schönster Satz übrigens: „Ich glaube nicht, dass sich Merkel privat für Politik interessiert.“)  Weiterlesen

Demokratie als Journalisten-Phantasie

DeineDemokratie-RadiokampagneIm Radio wird das nächste große Nichtwähler-Bashing vorbereitet. 23 private und gebührenfinanzierte Sender in Baden-Württemberg, Sachsen-Anhalt und Rheinland-Pfalz werben bei ihren Kunden derzeit für die Teilnahme an den Landtagswahlen am Sonntag.

In einem von drei Spots wanzt sich beispielsweise eine Frauenstimme an die Hörer ran:  Weiterlesen

Nachrichtenagentur “Idea” löscht Beitrag, Kommentare und Anfragen

Leserkritik-ueber-Loeschungen-bei-Idea

Auch dieser Leser-Kommentar wurde von “Idea” gelöscht. Aus der Welt ist er dennoch nicht.

Vermutlich ist das alles Absicht, damit eine kleine, pietistische Botschaftenverbreiterin namens “Idea” im hippen Web etwas Aufmerksamkeit bekommt – dabei soll sie die gerade gar nicht mehr bekommen. Was ist los?  Weiterlesen

Chefredaktion sucht Praktikumsplatz

Jeder darf beliebigen Müll ins Netz stellen. Oder sollte es zumindest dürfen. Aber ist es notwendig, dies Nochmindertalentierten explizit beizubringen?

Zeitjung.de, “die digitale Bravo, die Schmonzette feuchter Studententräume” (Müßiggang Magazin), ist ein öffentliches Archiv von Belanglosigkeiten. Mit Journalismus haben die meisten Veröffentlichungen nichts zu tun. Nur ein aktuelles Beispiel: die Schreibübung “Religion: Warum uns der Vatikan an nichts mehr glauben lässt“. Wollte man den Text redigieren, bliebe nur der Papierkorb. (Null Recherche, keine Bezüge zur Zielgruppe – etwa junge Erwachsene in den vielen katholischen Jugendverbänden -, eine Kausalkette, dass sich selbst Religionsoberbasher Karlheinz Deschner geschüttelt hätte…)

Und just dieser Hort des Unvermögens sucht nun ab 2016 wieder Praktikanten, um ihnen “die Kniffe des Online-Journalismus” beizubringen.

Bis Januar ist ja noch ein wenig hin. Für ein Kurzpraktikum des Chefredakteurs, seiner die Bewerbungen sichtenden Stellvertreterin oder irgendeines anderen Worthauers von zeitjung.de bei egal welchem JOURNALISMUS-Betrieb sollte es noch reichen. Den Kindern zuliebe.

praktikum-zeitjung

IQ schwer verkäuflich

Journalismus kann ein netter Service sein. Wenn er etwa eine Tagung zusammenfasst, alles Blabla der Talkrunden und Panels ausblendet, mit den wichtigsten O-Tönen als Video für den realistischen (Sympathie-)Eindruck.
Warten wir also gespannt, was Journalisten von der Tagung der “Initiative Qualität im Journalismus” (IQ) berichten werden, die am 12. Oktober 2015 im Berliner Funkhaus des Deutschlandradios stattfand. Denn mit Eröffnung der Mittagspause, die eine eher karge, ob des bereits eingesparten Frühstückhappens aber dringend benötigte Verpflegung in Aussicht stellte, schritt der Autor, der nichts bloggen sondern nur eine warme Mahlzeit schnorren wollte, von dannen.

Nur recht wenige Journalisten, Wissenschaftler und um die Demokratie Besorgte waren zu diesem achten Herbstforum der “IQ” gekommen, am Vormittag konnte man etwa 70 Köpfe zählen – bei 16 Referenten und Podiumsdiskutanten. Der Veranstaltungstitel versprach auch nicht die ganz großen Knaller: “Qualität  hat ihren Preis – Journalismus finanzieren”.

Das größte Manko des Forums: zu viel Geplauder, zu wenig Hard Facts. Stephan Ruß-Mohl nur 20 Minuten für den einzigen Vortrag an diesem Tag zu geben war da, weil wohl nicht Frechheit, Verkennen von Qualität. Denn der Mann, der – bis heute zu seinem Leidwesen zitiert – vor einem viertel Jahrhundert journalistische Qualitätsbestimmung für so einfach hielt, wie einen Pudding an die Wand zu nageln (was er längst revidiert hat), hatte zu den ökonomischen Aspekten des Journalismus natürlich jede Menge zu sagen, musst sich aber durch seine Folien hetzen und auf einen provokativen Ausblick verzichten, um die strenge Zeitvorgabe einzuhalten.

Dafür gab es dann zwei Stunden lang Gespräche über Finanzierungsmodelle von Blogs, Online-Zeitungen, E-Paper und Print, mit: Konny Gellenbeck (taz-Genossenschaft), Dr. Christian Humborg (Correct!v), Philipp Schwörbel (Prenzlauer Berg Nachrichten), Alexander von Streit (Krautreporter), Hermann-Josef Tenhagen (finanztip), Moritz Tschermak (Watchblog “Topf voll Gold”), Florian Kranefuß (Der Tagesspiegel), Bascha Mika (Frankfurter Rundschau), sowie nach der Pause wohl noch Talk mit Dr. Ralf Bremer (Google Digital News Initiative), Simone Jost-Westendorf (LfM-Stiftung Vielfalt und Partizipation Düsseldorf), Prof. Dr. Marlis Prinzing (Macromedia-Hochschule), Jens Rehländer VolkswagenStiftung) und Prof. Dr. Stephan Ruß-Mohl (European Journalism Observatory, Lugano).

Das war nicht völlig uninteressant, allerdings vor allem vom Boulevard aus betrachtet, wegen der Personalisierung, dem People-haften. Fast alles, was Interviewer Werner Lauff nicht zu wissen vorgab und daher, gelegentlich auch mehrfach, erfragte, war dem interessierten Mediennutzer und dreimaldrei Mal dem medienjournalistisch Fachkundigen bereits bekannt. Die Essentials lassen sich auf einem Blatt zusammenfassen – als Kondensation der kleinen Tagungsmappe.

Eine wirkliche Vertiefung hätten die Ideen zur öffentlichen Finanzierung von Journalismus vertragen – so tauchten sie immer nur am Rande auf. Schon im Grußwort zur Eröffnung hatte sich Deutschlandradio Intentant Dr. Willi Steul klar gegen staatliche Subventionen ausgesprochen – wohlwissend und bekennend, dass er als Vertreter des öffentlich-rechtlichen Rundfunks da eigentlich im Glashaus sitzt. Stephan Ruß-Mohl hatte zwar ebenfalls staatliche Presseförderung als “völlig abwegig” bezeichnet, konnte sich aber gleichwohl eine “Flat-Rate” vorstellen, worunter er wohl die alte Idee verstand, das Geld der GEZ-Haushaltsabgabe nicht nur für den Rundfunk zu verwenden, sondern darüber nach bestimmten Kriterien Journalismus aller Mediengattungen zu fördern – ein konkreter potentieller Empfänger wäre wohl das “gemeinnützige Recherchezentrum” “CORRECT!V” von David Schraven und Kollegen (siehe: Kulturflatrate).

In der Logik des Subventionsberichts der Bundesregierung wäre es auch eine Staatsleistung, Online- und Printjournalismus einheitlich zu besteuern. Der ermäßigte Mehrwertsteuersatz von 7 Prozent gilt derzeit nur für Printprodukte. So mussten die Krautreporter von der ersten Million, die sie per Crowdfunding eingesammelt hatten, den vollen Mehrwertsteuersatz von 19% abführen (siehe hierzu Hamburger Abendblatt: Finanzminister Schäuble macht das Lesen teurer).

Einige Tweets von der Veranstaltung (#IQF15):

Michael Geffken: “Hat mangelnde Zahlungsbereitschaft vielleicht auch mit Relevanz zu tun?”

BDZV: “@marlisprinzing: Community nicht als lästiges Anhängsel sehen, sondern mit einbeziehen. Dann steigt Qualität der Kommentare”

Eva Werner : “Etwas überspitzt: ‘Kein normaler Mensch draußen interessiert sich für die #Medienkrise’, meint @Jens_Rehlaender von @VolkswagenSt.”

Journalisten-Verband (DJV): “Viele können sich unter Qualitätsjournalismus gar nichts mehr vorstellen, so @marlisprinzing. Daher fehle es an Zahlungsbereitschaft.”

BDZV: “F Kranefuß [Tagesspiegel] bei #IQF15: Wir sind froh über unsere E-Paper, machen 10 bis 15 % unserer verkauften Auflage aus.”

DJV Hamburg: “Moritz Tschernak u seine Jungs von @topfvollgold können durch Bloggen wenigstens Miete bezahlen #IQF15 (mf)”

Jens Rehländer: “@vonstreit (l.) bei #iqf15: @krautreporter ist eine ‘offene Versuchsanordnung’ für die Branche.” [mit Foto]

Marlis Prinzing : “@correctiv_org #Iqf15 @chumborg Christian humborg plädiert für generell mehr gemeinnützigen Journalismus!”

Jens Rehländer: “@srussmohl sieht Ausbildung und Qualitätssicherung im Journalismus möglicherweise als Finanzierungsaufgabe für Steuerzahler”

U. Maercks-Franzen: “Ruß-Mohl: Müssen auch ‘for Profit-Journalismus’ neb. öff.- rechtlich. Journ. am Leben halten, wenn wir Qualitätsjourn.  wollen”

Frederike Roser: “#Stiftungen sind für die Finanzierung von Journalismus nur ein Tropfen auf den heißen Stein, sagt @srussmohl auf der Tagung #iqf15 beim @DLF”

matias: “DLR Intendant Steul fordert Qualitäts- statt Rudeljournalismus vom öffentlich rechtlichen Rundfunk”

Mehr Tweets beim DJV (Storify).

Ordentliche Berichte von der Tagung:
(in der am 26.10.2015 an die Teilnehmer verschickten Dokumentation finden sich einige wenige Medienbelege. Daraus kann man folgendes verlinken:)

HAZ: Wer finanziert guten Journalismus?

Bericht bei der GKP (Gesellschaft katholischer Publizisten Deutschlands)

Weiteres zum Thema:

Ad-Blocker hatte Ruß-Mohl als ein Problem der Journalismus-finanzierung genannt. Logisch irgendwie. Daher auch kein Skandal, dass Bild.de AdBlocker-Usern keinen Gratis-Content liefern will. (Bericht bei meedia)

Ampelmännchen vom Hörensagen

Journalisten schreiben gerne von einander ab. Manche (Internet-)Magazine füllen sich gar überwiegend mit Wiedergaben dessen, was andere irgendwo geschrieben haben. Dass dabei wirklich jede eigene Recherche vermieden wird, ist oft genug penibel korrekt dokumentiert. So etwa beim Deutschlandfunk in der Causa “WDR-Zensur”*:

Nach Angaben der “Bild” machte sich Plasberg in der Sendung zum Beispiel darüber lustig, dass es in Deutschland 190 Professoren für Geschlechterforschung gebe, 180 davon weiblich. Zudem habe er sich darüber mokiert, dass die Umbenennung eines “Studentenwerks” in “Studierenden-Werk” eine Million Euro gekostet habe.

Als Informationsquelle für Zitate aus einer Sendung dient nicht etwa die Sendung (die ja bisher u.a. auf Youtube gut zu finden ist und einem ÖRR-Journalisten auch sonst zugänglich sein sollte), sondern die BILD-Zeitung.

Eine Sendung, über die ein halbes Jahr nach der Ausstrahlung nun ein Bohei gemacht wird, selbst anzuschauen, bevor man darüber berichtet, ist offenbar nicht selbstverständlich. Einfacher als in drei Minuten die Stellen (1 und 2) im Video zu suchen, an der sich Plasberg laut BILD über die Geschlechterforschung lustig gemacht haben soll, ist es natürlich, die BILD abzuschreiben.

*): Um was geht es? Gegen die “Hart aber fair”-Sendung „Nieder mit den Ampelmännchen – Deutschland im Gleichheitswahn?“ am 2. März 2015 hatte u.a. die “Landesarbeitsgemeinschaft der Gleichstellungbeauftragten in NRW” Programmbeschwerde beim WDR eingereicht. “Die Auswahl der Gäste** (war nicht dazu geeignet, eine faire Diskussion über Geschlechterforschung zu führen”, heißt es darin. Moderator Frank Plasberg habe manipulative Fragen gestellt. “Es handelt sich um einen ungeheuerlichen Machtmissbrauch des ‘Moderators’, die neutrale Position zu verlassen und auf diese Art und Weise ZuschauerInnen manipulieren zu wollen. Es schien so, als solle der ‘gesunde Menschenverstand’ beschworen und bedient werden, der sich seit Monaten montags auf der Straße zeigt.”
Auf Vorschlag des WDR-Rundfunkrat Programmrats war laut WDR-Fernsehdirektor Jörg Schönenborn kurz vor der Sitzung des Rundfunkrats am 18. August die Sendung aus der Mediathek genommen worden. Damit wurde die alte Sendung nun nochmal zu einem viel diskutierten Thema. Laut Meedia kündigte der WDR an, in Kürze eine neue Hart-aber-Fair-Sendung “zum Gender-Thema” auszustrahlen.

**): Gäste der Sendung waren Anton Hofreiter (B’90/Grüne, Fraktionsvorsitzender) Birgit Kelle (Publizistin), Wolfgang Kubicki (FDP, stellv. Bundesvorsitzender), Sophia Thomalla (Schauspielerin), Anne Wizorek (feministische Bloggerin, #Aufschrei).