Demokratie als Journalisten-Phantasie

DeineDemokratie-RadiokampagneIm Radio wird das nächste große Nichtwähler-Bashing vorbereitet. 23 private und gebührenfinanzierte Sender in Baden-Württemberg, Sachsen-Anhalt und Rheinland-Pfalz werben bei ihren Kunden derzeit für die Teilnahme an den Landtagswahlen am Sonntag.

In einem von drei Spots wanzt sich beispielsweise eine Frauenstimme an die Hörer ran:  Weiterlesen

Nachrichtenagentur „Idea“ löscht Beitrag, Kommentare und Anfragen

Leserkritik-ueber-Loeschungen-bei-Idea

Auch dieser Leser-Kommentar wurde von „Idea“ gelöscht. Aus der Welt ist er dennoch nicht.

Vermutlich ist das alles Absicht, damit eine kleine, pietistische Botschaftenverbreiterin namens „Idea“ im hippen Web etwas Aufmerksamkeit bekommt – dabei soll sie die gerade gar nicht mehr bekommen. Was ist los?  Weiterlesen

Chefredaktion sucht Praktikumsplatz

Jeder darf beliebigen Müll ins Netz stellen. Oder sollte es zumindest dürfen. Aber ist es notwendig, dies Nochmindertalentierten explizit beizubringen?

Zeitjung.de, „die digitale Bravo, die Schmonzette feuchter Studententräume“ (Müßiggang Magazin), ist ein öffentliches Archiv von Belanglosigkeiten. Mit Journalismus haben die meisten Veröffentlichungen nichts zu tun. Nur ein aktuelles Beispiel: die Schreibübung „Religion: Warum uns der Vatikan an nichts mehr glauben lässt„. Wollte man den Text redigieren, bliebe nur der Papierkorb. (Null Recherche, keine Bezüge zur Zielgruppe – etwa junge Erwachsene in den vielen katholischen Jugendverbänden -, eine Kausalkette, dass sich selbst Religionsoberbasher Karlheinz Deschner geschüttelt hätte…)

Und just dieser Hort des Unvermögens sucht nun ab 2016 wieder Praktikanten, um ihnen „die Kniffe des Online-Journalismus“ beizubringen.

Bis Januar ist ja noch ein wenig hin. Für ein Kurzpraktikum des Chefredakteurs, seiner die Bewerbungen sichtenden Stellvertreterin oder irgendeines anderen Worthauers von zeitjung.de bei egal welchem JOURNALISMUS-Betrieb sollte es noch reichen. Den Kindern zuliebe.

praktikum-zeitjung

IQ schwer verkäuflich

Journalismus kann ein netter Service sein. Wenn er etwa eine Tagung zusammenfasst, alles Blabla der Talkrunden und Panels ausblendet, mit den wichtigsten O-Tönen als Video für den realistischen (Sympathie-)Eindruck.
Warten wir also gespannt, was Journalisten von der Tagung der „Initiative Qualität im Journalismus“ (IQ) berichten werden, die am 12. Oktober 2015 im Berliner Funkhaus des Deutschlandradios stattfand. Denn mit Eröffnung der Mittagspause, die eine eher karge, ob des bereits eingesparten Frühstückhappens aber dringend benötigte Verpflegung in Aussicht stellte, schritt der Autor, der nichts bloggen sondern nur eine warme Mahlzeit schnorren wollte, von dannen.

Nur recht wenige Journalisten, Wissenschaftler und um die Demokratie Besorgte waren zu diesem achten Herbstforum der „IQ“ gekommen, am Vormittag konnte man etwa 70 Köpfe zählen – bei 16 Referenten und Podiumsdiskutanten. Der Veranstaltungstitel versprach auch nicht die ganz großen Knaller: „Qualität  hat ihren Preis – Journalismus finanzieren“.

Das größte Manko des Forums: zu viel Geplauder, zu wenig Hard Facts. Stephan Ruß-Mohl nur 20 Minuten für den einzigen Vortrag an diesem Tag zu geben war da, weil wohl nicht Frechheit, Verkennen von Qualität. Denn der Mann, der – bis heute zu seinem Leidwesen zitiert – vor einem viertel Jahrhundert journalistische Qualitätsbestimmung für so einfach hielt, wie einen Pudding an die Wand zu nageln (was er längst revidiert hat), hatte zu den ökonomischen Aspekten des Journalismus natürlich jede Menge zu sagen, musst sich aber durch seine Folien hetzen und auf einen provokativen Ausblick verzichten, um die strenge Zeitvorgabe einzuhalten.

Dafür gab es dann zwei Stunden lang Gespräche über Finanzierungsmodelle von Blogs, Online-Zeitungen, E-Paper und Print, mit: Konny Gellenbeck (taz-Genossenschaft), Dr. Christian Humborg (Correct!v), Philipp Schwörbel (Prenzlauer Berg Nachrichten), Alexander von Streit (Krautreporter), Hermann-Josef Tenhagen (finanztip), Moritz Tschermak (Watchblog „Topf voll Gold“), Florian Kranefuß (Der Tagesspiegel), Bascha Mika (Frankfurter Rundschau), sowie nach der Pause wohl noch Talk mit Dr. Ralf Bremer (Google Digital News Initiative), Simone Jost-Westendorf (LfM-Stiftung Vielfalt und Partizipation Düsseldorf), Prof. Dr. Marlis Prinzing (Macromedia-Hochschule), Jens Rehländer VolkswagenStiftung) und Prof. Dr. Stephan Ruß-Mohl (European Journalism Observatory, Lugano).

Das war nicht völlig uninteressant, allerdings vor allem vom Boulevard aus betrachtet, wegen der Personalisierung, dem People-haften. Fast alles, was Interviewer Werner Lauff nicht zu wissen vorgab und daher, gelegentlich auch mehrfach, erfragte, war dem interessierten Mediennutzer und dreimaldrei Mal dem medienjournalistisch Fachkundigen bereits bekannt. Die Essentials lassen sich auf einem Blatt zusammenfassen – als Kondensation der kleinen Tagungsmappe.

Eine wirkliche Vertiefung hätten die Ideen zur öffentlichen Finanzierung von Journalismus vertragen – so tauchten sie immer nur am Rande auf. Schon im Grußwort zur Eröffnung hatte sich Deutschlandradio Intentant Dr. Willi Steul klar gegen staatliche Subventionen ausgesprochen – wohlwissend und bekennend, dass er als Vertreter des öffentlich-rechtlichen Rundfunks da eigentlich im Glashaus sitzt. Stephan Ruß-Mohl hatte zwar ebenfalls staatliche Presseförderung als „völlig abwegig“ bezeichnet, konnte sich aber gleichwohl eine „Flat-Rate“ vorstellen, worunter er wohl die alte Idee verstand, das Geld der GEZ-Haushaltsabgabe nicht nur für den Rundfunk zu verwenden, sondern darüber nach bestimmten Kriterien Journalismus aller Mediengattungen zu fördern – ein konkreter potentieller Empfänger wäre wohl das „gemeinnützige Recherchezentrum“ „CORRECT!V“ von David Schraven und Kollegen (siehe: Kulturflatrate).

In der Logik des Subventionsberichts der Bundesregierung wäre es auch eine Staatsleistung, Online- und Printjournalismus einheitlich zu besteuern. Der ermäßigte Mehrwertsteuersatz von 7 Prozent gilt derzeit nur für Printprodukte. So mussten die Krautreporter von der ersten Million, die sie per Crowdfunding eingesammelt hatten, den vollen Mehrwertsteuersatz von 19% abführen (siehe hierzu Hamburger Abendblatt: Finanzminister Schäuble macht das Lesen teurer).

Einige Tweets von der Veranstaltung (#IQF15):

Michael Geffken: „Hat mangelnde Zahlungsbereitschaft vielleicht auch mit Relevanz zu tun?“

BDZV: „@marlisprinzing: Community nicht als lästiges Anhängsel sehen, sondern mit einbeziehen. Dann steigt Qualität der Kommentare“

Eva Werner : „Etwas überspitzt: ‚Kein normaler Mensch draußen interessiert sich für die #Medienkrise‘, meint @Jens_Rehlaender von @VolkswagenSt.“

Journalisten-Verband (DJV): „Viele können sich unter Qualitätsjournalismus gar nichts mehr vorstellen, so @marlisprinzing. Daher fehle es an Zahlungsbereitschaft.“

BDZV: „F Kranefuß [Tagesspiegel] bei #IQF15: Wir sind froh über unsere E-Paper, machen 10 bis 15 % unserer verkauften Auflage aus.“

DJV Hamburg: „Moritz Tschernak u seine Jungs von @topfvollgold können durch Bloggen wenigstens Miete bezahlen #IQF15 (mf)“

Jens Rehländer: „@vonstreit (l.) bei #iqf15: @krautreporter ist eine ‚offene Versuchsanordnung‘ für die Branche.“ [mit Foto]

Marlis Prinzing : „@correctiv_org #Iqf15 @chumborg Christian humborg plädiert für generell mehr gemeinnützigen Journalismus!“

Jens Rehländer: „@srussmohl sieht Ausbildung und Qualitätssicherung im Journalismus möglicherweise als Finanzierungsaufgabe für Steuerzahler“

U. Maercks-Franzen: „Ruß-Mohl: Müssen auch ‚for Profit-Journalismus‘ neb. öff.- rechtlich. Journ. am Leben halten, wenn wir Qualitätsjourn.  wollen“

Frederike Roser: „#Stiftungen sind für die Finanzierung von Journalismus nur ein Tropfen auf den heißen Stein, sagt @srussmohl auf der Tagung #iqf15 beim @DLF“

matias: „DLR Intendant Steul fordert Qualitäts- statt Rudeljournalismus vom öffentlich rechtlichen Rundfunk“

Mehr Tweets beim DJV (Storify).

Ordentliche Berichte von der Tagung:
(in der am 26.10.2015 an die Teilnehmer verschickten Dokumentation finden sich einige wenige Medienbelege. Daraus kann man folgendes verlinken:)

HAZ: Wer finanziert guten Journalismus?

Bericht bei der GKP (Gesellschaft katholischer Publizisten Deutschlands)

Weiteres zum Thema:

Ad-Blocker hatte Ruß-Mohl als ein Problem der Journalismus-finanzierung genannt. Logisch irgendwie. Daher auch kein Skandal, dass Bild.de AdBlocker-Usern keinen Gratis-Content liefern will. (Bericht bei meedia)

Ampelmännchen vom Hörensagen

Journalisten schreiben gerne von einander ab. Manche (Internet-)Magazine füllen sich gar überwiegend mit Wiedergaben dessen, was andere irgendwo geschrieben haben. Dass dabei wirklich jede eigene Recherche vermieden wird, ist oft genug penibel korrekt dokumentiert. So etwa beim Deutschlandfunk in der Causa „WDR-Zensur“*:

Nach Angaben der „Bild“ machte sich Plasberg in der Sendung zum Beispiel darüber lustig, dass es in Deutschland 190 Professoren für Geschlechterforschung gebe, 180 davon weiblich. Zudem habe er sich darüber mokiert, dass die Umbenennung eines „Studentenwerks“ in „Studierenden-Werk“ eine Million Euro gekostet habe.

Als Informationsquelle für Zitate aus einer Sendung dient nicht etwa die Sendung (die ja bisher u.a. auf Youtube gut zu finden ist und einem ÖRR-Journalisten auch sonst zugänglich sein sollte), sondern die BILD-Zeitung.

Eine Sendung, über die ein halbes Jahr nach der Ausstrahlung nun ein Bohei gemacht wird, selbst anzuschauen, bevor man darüber berichtet, ist offenbar nicht selbstverständlich. Einfacher als in drei Minuten die Stellen (1 und 2) im Video zu suchen, an der sich Plasberg laut BILD über die Geschlechterforschung lustig gemacht haben soll, ist es natürlich, die BILD abzuschreiben.

*): Um was geht es? Gegen die „Hart aber fair“-Sendung „Nieder mit den Ampelmännchen – Deutschland im Gleichheitswahn?“ am 2. März 2015 hatte u.a. die „Landesarbeitsgemeinschaft der Gleichstellungbeauftragten in NRW“ Programmbeschwerde beim WDR eingereicht. „Die Auswahl der Gäste** (war nicht dazu geeignet, eine faire Diskussion über Geschlechterforschung zu führen“, heißt es darin. Moderator Frank Plasberg habe manipulative Fragen gestellt. „Es handelt sich um einen ungeheuerlichen Machtmissbrauch des ‚Moderators‘, die neutrale Position zu verlassen und auf diese Art und Weise ZuschauerInnen manipulieren zu wollen. Es schien so, als solle der ‚gesunde Menschenverstand‘ beschworen und bedient werden, der sich seit Monaten montags auf der Straße zeigt.“
Auf Vorschlag des WDR-Rundfunkrat Programmrats war laut WDR-Fernsehdirektor Jörg Schönenborn kurz vor der Sitzung des Rundfunkrats am 18. August die Sendung aus der Mediathek genommen worden. Damit wurde die alte Sendung nun nochmal zu einem viel diskutierten Thema. Laut Meedia kündigte der WDR an, in Kürze eine neue Hart-aber-Fair-Sendung „zum Gender-Thema“ auszustrahlen.

**): Gäste der Sendung waren Anton Hofreiter (B’90/Grüne, Fraktionsvorsitzender) Birgit Kelle (Publizistin), Wolfgang Kubicki (FDP, stellv. Bundesvorsitzender), Sophia Thomalla (Schauspielerin), Anne Wizorek (feministische Bloggerin, #Aufschrei).

 

Phantasiejournalismus

Es war ja klar, dass Medium um Medium nachziehen würde bei der Geschichte einer „bizarren“ Andacht und dem Unverständnis darüber. Um den ausführlichen Text dazu nicht noch länger zu machen, hier die Medienkritik in aller Kürze:

1. Der Pfarrer aus Nemmersdorf hat keinen Vergleich angestellt. „Mir schmecken Äpfel besser als Birnen“ ist ein Vergleich (weshalb die erste Steigerung von gut auch ein Komparativ ist – zumindest in Bayern kann jeder so viel Latein, um das zu verstehen). Die Warnung: „Wenn du heute einen Apfelbaum pflanzt, dann setzt du morgen vielleicht noch einen Birnenbaum, übermorgen einen Plaumenbaum, und am Ende ist dein Garten ein Wald“ ist kein Vergleich zwischen Apfelbäumen und Birnenbäumen, er setzt auch nicht die Pflaume mit dem Apfel gleich. Das muss man doch nicht ernsthaft erläutern, oder? In Gesprächen mit Journalisten, die im aktuellen Fall von „Vergleich“ geschrieben haben, diestanzierten denn auch einige sich vom Begriff „Vergleich“ und sprachen von „das eine in die Nähe des anderen rücken“ oder „einen Kontext herstellen“. Nun gut. Spannend wird es ja auch erst im nächsten Schritt: was soll denn eigentlich verglichen worden sein?

2. Gerade wenn sich Journalisten freuen, endlich mal Schmuddelwörter schreiben zu dürfen, sollten sie um deren Bedeutung wissen.
* Eine (fiktive) Ehe zwischen Mensch und Tier ist keine Sodomie (so aber z.B. die Welt)
* Eine (fiktive) Ehe zwischen Elter und Kind ist kein Kindesmissbrauch. (z.B. Mediengruppe Oberfranken)
* Ehe (und daher auch die „Ehe für alle“) ist kein Synonym für Sex.
* Inzest bezeichnet nicht den Geschlechtsverkehr zwischen Mensch und Tier (z.B. Focus).
Es ist erstaunlich, wie viele Überschriften und Teaser zu diesem bayerischen „Eklat“ völlig in die Binsen gehen. Und noch erstaunlicher, dass selbst nach deutlichem Hinweis auf den Fehler keine Korrektur erfolgt.

 

Strafanzeigen haben keine journalistische Relevanz

Immer wieder vermelden Journalisten, jemand habe gegen eine andere Person eine Strafanzeige erstattet. Das mag zwar faktisch richtig sein (überprüft wird es selten, in der Regel reicht die Behauptung oder auch nur Ankündigung des (künftigen) Anzeigenerstatters), aber es ist keine Nachricht. Warum?

Weil mit der Vermeldung einer Strafanzeige stets der Eindruck erweckt wird, es läge auch ein strafbares Verhalten vor oder wenigstens der Verdacht. Das muss aber gar nicht der Fall sein. Eine Strafanzeige ist zunächst nicht mehr als der Antrag an die Staatsanwaltschaft, eine Sache auf ihre strafrechtliche Relevanz hin zu überprüfen. Eine Strafanzeige kann jeder jederzeit stellen, auch anonym.

Weil nur selten vollständig berichtet wird, d.h. vor allem ebenso prominent später berichtet wird, das aus der Strafanzeige nichts geworden ist.

Weil eine solche Meldung den Anzeigenerstatter hervorhebt, obwohl es doch nur um eine juristische Prüfung durch eine Behörde geht.

Weil die Berichterstattung über Anzeigen Nachahmungstäter generiert. Jeder kann inzwischen darauf hoffen, öffentliche Beachtung zu finden, wenn er einen Promi anzeigt.

 

Beispiele:

Aktuell: Annegret Kramp-Karrenbauer
Zeit-online (und fasst wie die meisten Kollegen den Sachverhalt auch noch falsch zusammen: „Eine Berliner Anwältin hat wegen der Inzucht-Aussage Strafanzeige gegen die saarländische Ministerpräsidentin erstattet.“ Link zur Anzeigenerstatterin)
Stern.de
strafanzeige-karrenbauer-stern

Strafanzeige gegen Dieter Nuhr

Strafanzeige gegen (Team) Günter Wallraff: DWDL, Kress,

PS:
Anzeigenerstattern, die groß hausieren gehen, sollten immer an § 164 StGB denken. Auszug: „Wer einen anderen bei einer Behörde oder einem zur Entgegennahme von Anzeigen zuständigen Amtsträger oder militärischen Vorgesetzten oder öffentlich wider besseres Wissen einer rechtswidrigen Tat oder der Verletzung einer Dienstpflicht in der Absicht verdächtigt, ein behördliches Verfahren oder andere behördliche Maßnahmen gegen ihn herbeizuführen oder fortdauern zu lassen, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.“

Debattenkultur am Beispiel „Feminismus und Ronja von Rönne“

Mit der Meinungsäußerungsfreiheit ist es so eine Sache: Etwas sagen zu dürfen ist das eine, die Bereitschaft, das Gesagte nicht einfach niederzubrüllen, sondern wenigstens ganz kurz zu bedenken, wenn es denn zum persönlichen Themenportfolio passt, das andere.

Wenn die Liebe zum eigenen Meinungssumpf nur an den längst aufgelösten Stammtischen zelebriert würde, wäre es kein Thema für uns bei Spiegelkritik. Doch seit Jahren beobachten wir leider, dass auch in unserer „Zunft“ große Probleme bestehen, neue Meinungen zu hören, zu bedenken und gar zu würdigen.

Aktuell: der „Fall RvR“. Um was geht es? Ronja von Rönne, 23-jährige sehr begabte Autorin, die seit diesem Jahr aufgrund ihrer Begabung ausstrahlenden Texte Redakteurin im Feuilleton der WELT wurde, hat dort einen Debattenbeitrag zum Feminismus, der sie „anekelt“, geschrieben, wofür sie nun diverse digitale Schläge erhält, zumal sie just jetzt auch noch zum Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb nach Klagenfurt eingeladen wurde.

Wer sich da nun wie und warum echauffiert, spielt eigentlich keine Rolle. Und dass gerade im Netz bei solchen Auseinandersetzungen viel Quark getreten wird, überrascht auch nicht. Aber dass es dafür so viel Aufmerksamkeit = Aufregung gibt und Autorin von Rönne ihren Blog Sudelheft.de vom Netz nimmt, gibt dann doch zu denken:

1. Wozu sollen Medien nutze sein, wenn die Bereitschaft fehlt, sich mit neuen Gedanken auseinanderzusetzen? Damit ein jeder für seine kleine Fan-Group schreibt? Damit alles so bleibt wie es ist (oder ohnehin wird)?

2. Die Lesekompetenz in Deutschland wird deutlich überschätzt.  Nicht jeder, der aus Buchstaben Worte zu formen im Stande ist, versteht auch ansatzweise, was er gerade liest.

3. Nicht billig, sondern hinterfotzig ist es, jemandem „Applaus von der falschen Seite“ vorzuhalten. Publizisten sind nicht dafür verantwortlich, wer ihre Publikationen stalkt.

4. Meinungsäußerungsfreiheit sollte unbegrenzt gelten (dafür stehen wir bei Spiegelkritik jetzt auch schon seit 10 Jahren). Dazu gehören auch hinterfotzige Meinungskundgaben und (vermutlich) strunzdumme.

5. Meinungsäußerungsfreiheit verlangt von Widersachern daher keine Verbotsanträge, sondern eigene geistreiche Beiträge.

6. Der Twitter-Post eines als Religionslehrer arbeitenden Pfarrers der EKHN, Dr. Hans Christoph Stoodt, fällt genauso unter die Meinungs- oder vielleicht eher Kunstfreiheit – er schrieb:

>>Feminismus ist was für Unterprivilegierte“ – „Adel ist was für die Laterne.“ Ca ira, #BachmannPreis, ca ira von Rönne!<< Foto Retweet

[Dazu folgende Erläuterungen:  „Feminismus ist was für Unterprivilegierte“ kommt als Zitat daher, steht aber so gar nicht in RvR’s Text. „Ca ira“ ist ein Lied aus der Französischen Revolution mit dem Slogan: „Wir werden es schaffen, die Adeligen an die Laterne“]

7. Dieser Post, der auf Twitter nicht mehr verfügbar ist, wurde nun von vielen als Morddrohung gesehen oder zumindest als verbale Gewalt: Ronja von Rönne als „Adelige“ an die Laterne. Darüber können sich Deutschkurse den Kopf zerbrechen, problematisch wurde der Post spätestens dadurch, dass er in Massenmedien aufgegriffen wurde. Andreas Rosenfelder, Ressortleiter Feuilleton der WELT, macht in seinem Kommentar „Wie man Sachen mit Wörtern macht“ für die aufgebrachte Stimmung im Netz wesentlich den „Frankfurter ‚Antifa-Pfarrer‘ Hans-Christoph Stoodt“ verantwortlich. Doch dieser reagiert darauf gar nicht weiter, obwohl er einen langen Text („Die Morddrohung. Wie ein FAZ-Ritter mal in den Krieg ziehen wollte“) zu dem schon von Don Alphonso in einem FAZ-Blog erhobenen Vorwurf schreibt.
Alleine, weil Stoods Mini-Kommentar auf Twitter nun als Äußerung eines evangelischen Pfarrers wahrgenommen wird, wäre seine Beteiligung an der Debatte notwendig (bevor sich in seiner Beamtenstruktur Höherstehende dazu berufen fühlen).

8. Wie so oft melden sich in der Debatte viele mit von ihnen für göttlich gehaltenen Statements zu Wort.Sie erlauben sich absolute Urteile, die ohne jede Begründung, ohne jeds nachvollziehbare Kriterium auskommen und allein darauf basieren, dass der Urteilende über allem steht, eben als Gott. Beispiele:
Fabian Federl (Tagesspiegel) nennt von Rönne schlicht „altklug„, womit ihre Erfahrung mit dem Feminismus eben nicht mehr ihre Erfahrung ist, sondern der inszenierter Skandal eines – auch dieser Hinweis darf nicht fehlen – „Ex-Models“.
Joerg Thadeusz hält eine von Rönne-Kritikerin schlicht für überfordert – damit ist sie hilfsbedürftig, aber nicht diskutabel – nettester Paternalismus.
Andere sprechen von Rönne einfach mal jedes Schreibtalent ab.

 

Noch einige weitere Hinweise zur Debatte

Vor ihrem „Feminismus“-Text (8. April)  hat von Rönne u.a. den Beitrag „Warum ihr alle psychisch gestört seid“ publiziert (26. März). In einem Interview mit dem Blog Kaffee und Fluchen sagt sie dazu u.a. (29. März):

>>Es tut mir aufrichtig Leid, wenn einige aus dem Text herauslesen, dass ich psychische Krankheiten so sehe wie einen Kurzurlaub. Dann ist tatsächlich etwas schief gelaufen. An Stellen war der Text sehr unsensibel, euphemistisch würde man sagen: polemisch. Wenn der Eindruck entsteht, dass ich aus dem Leiden schwer Kranker Menschen mit einem provozierenden Artikel Profit schlagen wollte, ist wirklich etwas schief gelaufen.
Allerdings wirkten viele der Twitterer nicht wie Depressive oder Borderliner, sondern wie Internet – Krawallmacher, Trittbrettfahrer auf einer Empörungswelle, die mit ihrer Pseudo-Betroffenheit retweets generieren wollen. Posts wie „Ich wünsche dir Krebs“ sind ekelhaft. Das war sehr schlimm, und es trifft mich auch. Natürlich frage ich mich dann, wie das eigentlich so schief laufen konnte. Auf Twitter ist es leicht, bei einem ungerechten Post auf „retweet“ zu klicken. Die 140 Zeichen berauben jeden User der Differenzierung. Ein schreckliches Portal, Twitter. Man kann sich nicht wehren.<<

Der Vollständigkeit halber sei erwähnt: Im Teaser zu Ronja von Rönne’s Beitrag „Hasskultur: Schreibt diese Frau gerade ‚homophobe Schlampe‘?“ steht auch ein Absoluturteil: „Eine Kolumnistin sagt etwas Unkluges zu einer Schwulenhochzeit …“ was nun gerade im Hinblick darauf, dass die „Kolumnistin“ aus ihrem Fachgebiet schrieb schon eine ordentliche Anmaßung wäre, nur: der Teaser stammt wie so oft von der Welt-Redaktion.

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