Fragen stellen und Antworten verstehen

Von der diesjährigen „Jahreskonferenz“ des Vereins „Netzwerk Recherche“ nur Eindrücke von zwei Veranstaltungen zu sehr grundlegenden Problemen im Journalismus.

1. Fakten statt Fiktionen – das bleibt eine Herausforderung

Mit dem richtigen Zuhören haben selbst gestandene Journalisten wie Hans Leyendecker ein Problem. Und das kann einen wahnsinnig machen, weil richtiges Zuhören (und Verstehen) die Voraussetzung für objektive Berichterstattung ist. Aber auch viele Journalisten hören, was sie hören wollen – bis hin zur Skandalisierung.
Alexander Gauland, stellvertretender Sprecher der Bundes-AfD und bis vor kurzem Vorsitzender in Brandenburg, hatte die Einladung zu einer Podiumsdiskussion angenommen, Titel: „‚Populisten‘ und ‚Lügenpresse‘ – Die AfD und die Medien“.
Die Besetzung des Panels sprach schon nicht für all zu viele neue Erkenntnisse, denn neben Gauland nahmen drei Journalisten Platz: Melanie Amann vom Spiegel, Kai Gniffke von ARD aktuell und als Moderator Stefan Weigel von der Rheinischen Post. Ein Medienforscher etwa oder ein ausländischer Beobachter fehlten, so dass Gauland über weite Strecken drei Kontrahenten gegenüber saß, die sich intellektuell schmerzhaft an der Forderung festbissen, Gauland habe dafür zu sorgen, dass Journalisten bei AfD-Veranstaltungen nicht ausgeschlossen werden, andernfalls müsste er doch wohl aus der Partei  austreten. Dabei betonte Gauland zigfach, er selbst sei immer gegen Presseausschlüsse gewesen und in dem von ihm geführten Landesverband Brandenburg habe es das auch nie gegeben. Zur Erinnerung: Gauland selbst war 14 Jahre Herausgeber einer Tageszeitung, der Märkischen Allgemeinen.
Schon hier wurde die Geduld all derer, die mit anderen als der eigenen Meinung leben können, gewaltig strapaziert. Denn zum Thema Pressefreiheit bei AfD-Veranstaltungen war bereits nach wenigen Minuten alles gesagt.
Moderator Weigel holte auch die alte „Gauland-Boateng“-Klamotte aus dem Schrank, aber nicht etwa als Beleg für Kampagnenjournalismus, sondern als Beleg für eine Strategie der AfD, stets öffentlich zu provozieren und dann ein wenig zurückzurudern. Dabei war die ganze mediale Inszenierung ein Paradebeispiel für „Meutenjournalismus“ – aber das soll jetzt hier nicht aufgedröselt werden. Interessant war nur, dass Gauland sich völlig ruhig und defensiv zu den erneuten Vorwürfen verhalten hat.

Als es dann um die Dresdner Höcke-Rede ging (warum eigentlich?, mit Medien hatte sie nichts zu tun), sagte Gauland sinngemäß, Rudolf Augstein habe 1998 unter dem Stichwort „Schandmal“ fast das gleiche gesagt – im Spiegel.

Schon Spiegel-Frau Melanie Amann verwahrte sich sofort gegen jeden Vergleich und jede Vereinnahmung ihres toten Herausgebers. Und dann legte eben Hans Leyendecker, als Publikumsfrage getarnt, nach: Er, Leyendecker, habe achtzehneinhalb Jahre für den Spiegel gearbeitet und sei stolz darauf. Ob nun Gauland ernsthaft Höcke mit Augstein vergleichen wollte?
Und da musste Gauland nochmal erklären, was wirklich jeder Erstsemester bereits richtig verstanden haben sollte: er habe nicht zwei Personen miteinander verglichen oder gleichgestellt, sondern eine Aussage von ihnen. Aber über die vielen, vielen falschen Vergleichsbehauptungen von Journalisten  könnte man sicher ein ganzes Buch füllen.

Ein weiteres Problem beim Zuhören bereitet einigen Journalisten, dass sie zu wissen meinen, was in anderen Köpfen vor sich geht. Auch dieses Thema sollte eigentlich beim ersten journalistischen Praktikum abgehandelt worden sein.
Zur Höcke-Rede wusste nämlich die Spiegel-Rechercheurin zu verkünden, der AfD-Politiker habe sich da nicht unglücklich ausgedrückt, er habe viel mehr genau das gesagt, was sein Weltbild ist*.
Man kann Wolf Schneider in vielen Zusammenhängen zurecht verhöhnen,
aber wenn es um sprachliche Exaktheit geht sollte mancher Kollege doch mal wieder in Schneiders Praxisbücher schauen, z.B. „Die Überschrift“ (gemeinsam mit Detlef Esslinger), worin er folgendes Beispiel ausführt (2015: 25):
Wenn der damalige Hamburger Bürgermeister Helmut Schmidt sagt: „Ich will nicht Bundeskanzler werden“, dann ist die Überschrift „Schmidt will nicht Bundeskanzler werden“ reine Spekulation, denn was jemand wirklich will und was er sagt, sind gerade bei Karriereplanungen oft zwei verschiedene Dinge – wie ja dann auch der weitere Lauf der Geschichte gezeigt hat.
Amann kennt sicherlich viele Äußerungen von Höcke. Sie kann also ggf. sagen, dass er ähnliches schon an dieser und jener Stelle von sich gegeben habe, – aber sie kann sein Weltbild nicht kennen, das ist bisher schlicht medizinisch/ biologisch/ technisch nicht möglich. Diese Erkenntnisgrenze nicht anzuerkennen ist keine Petitesse, keine Sprachkorinthe, sondern kollossale Selbstüberschätzung, die objektive Berichterstattung schwer macht.

Vielleicht greift das Netzwerk Recherche das Thema nächstes Jahr nochmal auf – in Kürze erscheint ja eine große Studie von Michael Haller (der bei der Gauland-Veranstaltung im Publikum saß, aber nicht das Wort ergriff), und diese Studie (Update: nun erschienen) zeigt deutliche Recherchemängel der gesamten deutschen Medienlanschaft in der journalistischen Bearbeitung der „Flüchtlingskrise“ – und dann muss sich Gauland nicht mehr nur auf Giovanni di Lorenzo (Die Zeit) berufen, der Fehler in der journalistischen Arbeit eingestanden hat. Und dann könnte auch das zweite Stichwort aus dem Veranstaltungstitel noch bearbeitet werden, das dieses Mal gar keine Rolle spielte: „Populisten“, was als Chiffre für journalistische Etiketten steht.

2. Kein Journalismus ohne Recherche
In der vierteiligen Reihe „Im Visier der Meute“ sprach Sarah Tacke (ZDF) eine Stunde lang mit dem Wettervorhersager Jörg Kachelmann. Am Ende appellierte dieser an den journalistischen Nachwuchs im Saal, doch bitte, bitte wieder zu recherchieren, was die alten Säcke längst aufgegeben hätten*. Das wurde zwar interessiert aufgenommen (und getwittert), aber ob es wirklich fruchtet? Gleich zu Anfang hatte Kachelmann zahlreiche Punkte für Recherchen benannt (die leider im Videomitschnitt fehlen): Denn wer hier „Free Deniz“ rufe und die Haftbedingungen in der Türkei kritisiere, sollte sich zunächst mal schlau machen, wie es in einem deutschen Knast zugeht. Zwei Mal eine halb Stunde Gespräch pro Monat steht einem Untersuchungshäftling laut Kachelmann zu, in der knappen Zeit könne man nichts regeln und nichts am Laufen halten, weshalb nach einer U-Haft die Existenz zerstört sei. Laut Kachelmann dauert ein Briefwechsel zwischen Kind und inhaftiertem Vater hin und zurück in der JVA Mannheim sechs Wochen. Kakerlaken und Ratten gebe es in Massen, die Anstaltsleitung störe das nicht, ebensowenig wie die Hakenkreuze an den Wänden und so weiter und so fort.

Dass gerade die U-Haft so selten thematisiert wird, haben wir auf Spiegelkritik (und an anderer Stelle) schon mehrfach kritisiert – u.a. auch mit Verweis auf Tucholsky, der das nicht-öffentliche Vorverfahren schon vor 80 Jahren scharf kritisiert hat, an dem sich aber bis heute nichts Grundlegendes geändert hat.

Man kann Jörg Kachelmann seinen Hohn und Spott für den „Vollpfostenjournalismus“ nicht übel nehmen, wenn man auch nur im Ansatz begreift, wie sehr ihm diese Gesellschaft Unrecht getan hat, wie seine komplette Existenz, wie er selbst immer wieder sagt, zerstört wurde, und wenn man sich die Feigheiten und Verlogenheiten auch nach seinem Freispruch vergegenwärtigt (dass er bzw. seine Firma z.B. nicht mehr das Wetter für die ARD machen darf, gehört zu diesen Unerträglichkeiten).

In der Berichterstattung über den Tatvorwurf und den Prozess ist ja nicht irgendwo mal ein Fehler gemacht worden – es war praktisch alles falsch, begonnen bei der Gewichtung des Themas, über die vielen vielen unterlassenen Recherchen bis hin zum Versäumnis, sich am Ende für schlechte Arbeit zu entschuldigen.

Auch hier sollte mein Verein „Netzwerk Recherche“ nochmal anknüpfen. Mit einem Panel ist es ja noch nicht getan, werden ähnliche verheerende Fehler in Zukunft noch nicht vermieden.

Links & Ergänzungen

  • Siehe zur Medienberichterstattung über den Kachelmann-Prozess auch Notizen von der nr-Jahrestagung 2011 sowie eine kleine Kritik von 2010 am SPIEGEL. * Wörtlich sagte Kachelmann am Ende der Veranstaltung: „Und einfach den Antrag an die jungen Menschen: Macht einfach diesen Job, den die alten, faulen bräsigen Fettsäcke nicht machen. Macht bitte diesen Job mit der Recherche und so, fangt wieder damit an…“)
  • Zur Debatte über den Umgang der Medien mit AfD: * wörtlich sagte Melanie Amann: „Der Punkt ist doch, dass Herr Höcke genau gesagt hat, was er meint, er hat genau das gesagt, was er inhaltlich meint, was sein Weltbild ist, und er hat dann festgestellt: „oh je, man wirft mir das vor, deshalb nehme ich jetzt den Ton zurück und tue so, als wäre es nur an der Verpackung gelegen. Aber es lag nicht an der Verpackung, es lag am Inhalt, der durch die Verpackung nur noch mal transportiert wurde sozusagen.“
  • Aus Prinzip und für den „anderen Blick“ verweisen wir auf das Resümee von Hadmut Danisch, der auf der Veranstaltung mit seinen Fragen tatsächlich eher die Rolle eines Trolls spielte. Es gäbe vieles anzumerken, u.a., dass eine Fachkonferenz für Journalisten halt eine Fachkonferenz für Journalisten ist – und nicht für Journalismuskunden; dennoch ist es wichtig, die Wahrnehmung „externer Beobachter“ zur Kenntnis zu nehmen. Danisch, der sich bei seinen Publikumsfragen stets als Blogger vorstellte, schreibt z.B.: „Die Welt ist nicht in Ordnung, wenn es Blogger gibt, sondern wenn man sie nicht braucht, weil Journalisten ihre Arbeit machen. Und davon sind wir sehr weit entfernt.“
  • Über die Podiumsdiskussion mit Alexander Gauland hat auch das NDR Medienmagazin ZAPP berichtet. Der Beitrag ist in vielerlei Punkten kritikwürdig. U.a. fehlen notwendige Transparenz-Angaben: dass die Tagung auf dem Gelände des NDR stattfand z.B. und dass Moderatorin Anja Reschke selbst Vorstandsmitglied war und bei der Organisation der Jahreskonferenzen zumindest einige Jahre lang beteiligt war.

Hier noch die Aufzeichnung des Panels „‚Populisten‘ und ‚Lügenpresse‘ – Die AfD und die Medien“ mit Alexander Gauland, Melanie Amann, Kai Gniffke und Stefan Weigel.

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