Schlafmützen-Journalismus (Unwetter vs. Gauland)

Früher haben nachts alle gepennt. Bis auf die Räuber – und in den Städten die Nachtwächter. Informationsbedarf hatten jedenfalls die wenisten, sie gaben sich mit den Fantasiegeschichten ihrer Hirne zufrieden, aber die Welt hat sich auch damals schon in der Nacht weitergedreht, weshalb es manchmal schon am frühen Morgen etwas zu erzählen gab.

Neuerdings pennt alles asynchron. Und ist entsprechend ebenso unzeitgleich aktiv, auch wissbegierig. Kollektiv (und zum Teil miteinander) in’er Pofe liegt unterm Säufermond allerdings der deutsche Journalismus.

Über vier Stunden lang wurde letzte Nacht das Video einer dramatischen Überschwemmung in Braunsbach (Landkreis Schwäbisch Hall) tausendfach auf Facebook geteilt, hundertfach äußerten User ihre Sorge, was in diesen Fluten alles passiert sein könnte – doch der professionelle Journalismus blieb in der Pofe und titelt weiterhin mit der Wahnsinnsgeschichte „Gauland sagt was über Boateng“. Auch zwei Tote in Schwäbisch Gemünd, sogar behörlich vermeldet, waren als Wecker nicht laut genug.

Der vom Großteil des deutschen Journalismus nach allen Regeln der Wortkunst misshandelte Jörg Kachelmann schrieb schon vier Stunden bevor sich die deutschen Leitmedien ihre Matzel aus den Augen popelten:

Wir werden morgen über die Rolle von öffentlich-rechtlichen Radio- und TV-Sendern diskutieren, die immer senden, als ob nichts wäre. #wetter @Kachelmannwettr

Erst gegen vier Uhr in der Nacht merkte man bei der Tagesschau, bei spiegel.de, bei der Süddeutschen, dass es vielleicht ganz gut wäre, wenn Social-Media-Nutzer nicht wieder von „Lügenpresse“ sprechen, weil bei den großen (und zum Teil teuer bezahlten) Welterklärern eine Wetterkatastrophe gar nicht stattgefunden hat.

Das ist schon extrem peinlich. Und natürlich kontrastiert das Gauland-Bohei die Sache nochmal wunderbar. (Denn was der Mann gesagt hat, dieser eine – angebliche – Satz: „Die Leute finden ihn als Fußballspieler gut, aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben.“, ist so belanglos, so völlig egal, bei intensivem zweisekündigen Nachdenken auch Kokolores, dass ein Wichtiges vom Unwichtigen scheidender Journalismus darüber kein Wort verloren hätte, anstatt sich in der Rolle des Sofabloggers zu gefallen, weil die Spätschäden des Schwafel-LKs einfach zu gravierend sind…*)

Dazu nochmal Jörg Kachelmann:

Das Drama hatte schon am Nachmittag begonnen und sich dann laufend in den Abend und in die Nacht gesteigert. Auf Facebook und Twitter waren Menschen in Not zu sehen, in meterhohen Flutwellen um ihr Leben kämpfend. Was haben die zuständigen öffentlich-rechtlichen Medien unternommen, um ihre Existenz zu rechtfertigen, von Bürgern bezahlt zu werden und diese zu beschützen?
Nichts. Nichts. Nichts.

Was nutzt uns die Medienvielfalt, wenn alle die selben Themen setzen oder ignorieren? Und wenn die ganze Herde nach dem Feierabendbier die Nachtmütze aufsetzt und in die Pofe geht?

Update: Wenn der Journalist nicht zum Ereignis kommt, dann kommt eben das Ereignis zum Journalisten. Als sich heute auch in Hamburg der Himmel verfinsterte, war Spiegel-Online gleich zur Stelle.

* PS, weil das offenbar mehr interessiert – warum der Satz (oder bei anderer Interpunktion: die zwei Sätze) von Alexander Gauland kein Thema ist (sind):
a) Der AfD-Vizevorsitzende Gauland hat eine Einschätzung geäußert, eine Meinung. „Jedes Kind“ weiß, dass „man“ mit „die Leute“ jeden und niemanden meinen kann. Ersetzen „wir“ „die Leute“ durch „es gibt Leute“, wird die Banalität hoffentlich deutlicher: ja, es gibt Deutsche, die keine schwarzen Nachbarn haben wollen. (Solche Abgrenzungen gibt es überall, zwischen allen Nationalitäten, Bekenntnissen, Politikfarben…) Und Gauland meint offenbar, wenn man mal den ganzen Artikel liest, mit „die Leute“ konkret AfD-Wähler.

Es gebe unter den AfD-Anhängern die Sorge, „dass eine uns fremde Religion sehr viel prägender ist als unsere abendländische Tradition“. Die große Zahl der Fremden sei das eigentliche Problem. Und diese große Zahl komme nun einmal aus Regionen, in denen vor allem Muslime lebten. Gauland geht sehr weit in seiner Auslegung des Fremden. Sicher werde der in Berlin geborene Fußballspieler Jerome Boateng, der einen ghanaischen Vater und eine deutsche Mutter hat, als Spieler in der deutschen Nationalmannschaft geschätzt. „Die Leute finden ihn als Fußballspieler gut. Aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben“, sagt Gauland.

b) Wenn es sich um die als verkappten Rassismus diagnostizierte Meinung Gaulands handeln sollte („Ich finde Jérôme Boateng als Fußballspieler gut, aber ich will ihn nicht als Nachbarn haben“), ist es ebenfalls belanglos. Jeder darf bekunden, neben wem er wohnen möchte und neben wem nicht – es interessiert nur hoffentlich niemanden außer die realen Nachbarn.
c) Politiker werden vom Politikjournalismus völlig überbewertet! Als sei Politik allein ihr Geschäft und weil alles politisch ist, gilt jeder noch so kleine Sprachfetzen aus dem Munde eines Politikers als Zungenreden höherer Mächte. Der Grund dafür ist einfach: es ist die arbeitsökonomisch ergiebigste Weise, Nachrichten zu produzieren. Wie wir am Beispiel Gauland-Boateng sehen: ein Satz, und der Journalismusbetrieb hat für einige Tage seine Story…
d) Dass Politiker auf irgendwas mit Empörung oder Gesetzesforderungen reagieren, ist absolut kein Zeichen von Relevanz, sondern nur ein Indiz dafür, dass die entsprechenden Politiker noch leben. Ihr Geschäftsmodell ist bekanntlich nicht die Problemlösung, sondern die Problemerfindung (u.a. als „Alarmismus„). Parteien und ihr Personal bemühen sich nicht um gemeinsame Problemlösung, sondern um Abgrenzung. Es ist so unglaublich billig, wenn Journalisten ihnen dafür an jedem gewünschten Ort Bühne und Publikum bereitstellen.
e) Zweisekündiges Nachdenken könnte zu der Erkenntnis führen, dass Gauland über ein (erfundenes) Luxusproblem spricht: denn „die Leute“, die „einen Boateng nicht als Nachbarn haben [wollen]“ müssen ähnlich gut betucht sein wie der Fußballnationalspieler. Aber es ist natürlich eine zu gute Vorlage, um etwas Witziges oder Staatstragendes zu äußern und so vom Gauland zu profitieren.

Update 31. Mai 2016:
Die Gauland-Causa hätte natürlich einen eigenen Eintrag verdient. Man steht wirklich fassungslos vor der professionellen Erregungsmaschinerie – obwohl ja nun wirklich ein Fall den nächsten jagd. Allein schon das Muster „X hat Y beleidigt“ oder „X hat Y mit Z verglichen“ taucht ja jede Woche in irgendeiner Spielart auf – und es ist fast immer schlicht falsch.
Ein großer Teil der „Politikjournalisten“ beansprucht inzwischen ohne mit der Wimper zu zucken Moralrichter zu sein. Sie sagen was geht und was nicht geht, was man hinzunehmen habe (sonst ist man Rassist, Sexist, Volksverhetzer, Populist…) und worüber man sich öffentlich erregen muss (sonst sympatisiert man mit Rassisten, Sexisten, Volksverhetzern, Populisten…)
Es fehlt regelmäßig an der Nüchternheit zu prüfen, ob ein Ereignis überhaupt relevant ist – oder ob man es wie bei einer self-fulfilling prophecy erst durch massive „Berichterstattung“ relevant machen muss. Dass sich zu Gauland-Boateng nun der DFB, die Bundeskanzlerin, Psychologen, Historiker und weiß der Kuckuck wer noch alles öffentlich äußern, sagt ja nichts über die tatsächliche Relevanz, sondern nur etwas über die Vermarktbarkeit.
Mir macht ein Journalismus Angst, der die einfachsten Dinge nicht mit Verstand erfassen kann, sondern nur danach sucht, wie sich etwas zum Skandal machen lässt. Der Gauland-Satz über Boateng ist, wie oben schon geschrieben, banal, und er ist mit Sicherheit keine Beleidigung (die in Deutschland strafbar ist; siehe dazu auch Stephan Detjen vom Deutschlandradio). Man hätte darüber kein Wort verlieren müssen (oder die FAZ-Journalisten hätten detaillierter nachfragen müssen, was Alexander Gauland meint, welche Konsequenzen das haben sollte, und was das konkret an wählbarer AfD-Politik bedeutet). Ansonsten ist es eben völlig belanglos, was ein Politiker für Ansichten von der Welt hat.
Es ist geradezu unverschämt, wie Journalisten Trivialitäten zu Nationalthemen hochjazzen, aus keinem anderen Grund als dass es eben ihr Geschäftsmodell ist, dass sie genau damit ihr Geld verdienen. Denn mit dem altklugen Ratschlag, es einfch zu ignorieren, wenn es einen nicht interessiert, ist es ja leider nicht getan: solche Skandalisierungen schaffen Fakten, sie verändern die Gesellschaft, oft genug führen sie zu Gesetzen oder Verordnungen, zu personellen Konsequenzen…
In einem Studiogespräch erläutert das ganze Stephan Detjen nochmal deutlich (mp3). Widersprchen möchte ich ihm aber, dass es sich auch in diesem Zusammenhang um eine Skandalisierungsstrategie der AfD handelt. Denn für eine Skandalisieurng hätte Gauland sich jederzeit selbst öffentlich äußern können (und nicht darauf gehofft, dass es die FAZ-Journalisten aufgreifen), und er hätte es viel deutlicher machen können. Nein, die gesamte Skandalisierung wird hier vom Journalismus betrieben, der wie immer Hand in Hand mit der Politik arbeitet, die natürlich das allergrößte Interesse an dem Bohei hat.

Update 2. Juni:
Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FAS) hat in ihrem Artikel, der die gesamte „Rassismus-Debatte“ um Gauland ausgelöst hatte, ein falsch zugeordnetes Zitat zurückgenommen. Der Korrekturvorgang selbst ist allerdings einem angeblichen Qualitätsmedium unwürdig – denn anstatt wirklich zu korrigieren und wahre Aussagen zu publizieren, haben die Frankfurter einfach die falsche Zuordnung aus dem Text gelöscht und ein sinnfreies Wörtergerippe stehen lassen.
Einige (Übersichts-)Artikel, die den medialen Rummel um das Gauland-Zitat über Boateng kritisieren:
* Friedensblick
* Die Spoekenkiekerei
*
Zu einer ernsthaften Fachdiskussion sollte die Positionierung des Deutschen Journalistenverbands (DJV) führen, der bislang offenbar keine Qualitätsmängel im FAS-Ausgangstext und dem nachfolgenden Meutenjournalismus sieht (PM). Dabei haben inzwischen ja zahlreiche Journalisten auf eklatante Mängel hingewiesen (u.a. eben wie oben geschrieben: Fehlinterpretation einer banalen Aussage, selbsterzeugte Relevanz, keine Recherche/ Nachfrage, fehlende Transparenz, Skandalisierung im eigenen Medienhaus, falsche Zitatzuordnung).

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