SPAM – Ein Ausfall mit Kollateralschaden

Spiegel-Online könnte Satire vertragen, dieser unserer Meinung schließt sich nun auch Martin Sonneborn von der SPAM-Abteilung bei Spiegel-Online an. In einem Interview mit der Frankfurter Rundschau sagt er:

Für meinen Geschmack sind Satire und Berichterstattung noch viel zu klar getrennt. Ich hätte noch größeren Spaß, wenn die Dinge mehr vermischt würden, und die Leser mit Satire konfrontiert werden, ohne es vorher zu wissen. Das ist ja das Problem der Titanic: Sie rennt immer offene Scheunentore ein, weil sie Leute bedient, die genau das lesen wollen und geschult sind im Umgang mit Satire. Der Reiz an „Spam“ ist, dass Leute vor den Kopf gestoßen werden, die darauf gar nicht gefasst sind.

Dass er dies zur Zeit nicht darf, haben wir bereits bedauert. Dass er allerdings auch kaum noch Diskussionsvorlagen produziert, mit denen man einen Chefredakteur auf den Geschmack bringen könnte, ist eine aktuelle Klage.

Denn vieles, was SPAM präsentiert, ist allenfalls akzeptabler Käse, aber weit ab von der beanspruchten professionellen Satire.
Nach dem hoffnungsfrohen Anfang ist wenig nachgekommen. Seit nun zweieinhalb Monaten traktiert Sonneborn uns mit seinen vorab gedrehten Politiker-Interviews, und wenn er damit nicht doch in Parteiwahrheit einen breit angelegten Menschenversuch tätigt, sondern in den Filmchen „aufklärerischen als auch hohen komischen Wert“ sieht („das einmal zu zeigen, macht schon großen Spaß“), dann staunt er offenbar nur mal wieder über sich selbst: über die erste Digicam, über einen bewegten Mann, das ganze mit Ton – da kann man schon ein paar Monate den Mund offen stehen lassen.
SPAM ist extrem flach, in den letzten zwei Monaten gab es keine zündende Idee, nichts, was über Geplätscher hinausginge, kein Spiel mit Formen und vor allem praktisch keine Satire – allenfalls Witze.

Ein gravierendes Problem aller Titanic-Leute ist ihre Selbstverliebtheit. Mit wie viel Satirekleister sie auch probieren, ihrem Gebaren noch ein klein wenig Komik anzupappen: sie meinen es stets ganz, ganz ernst. Wenn Sonneborn in dem Interview ceterumcenseo Titanic als „einziges ernst zu nehmendes Satire-Magazin in Deutschland“ bezeichnet, meint er das exakt so – und man würde ihm sofort glauben, dass er auch in nichts anderes hineinschaut.

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Unter dieser Haltung leidet das Spiegel-Online-Projekt erheblich. Titanic-Satirikern ist völlig egal, was sonst noch auf der Welt passiert. Doch statt seine Leser mit Billigwitzen aus Fernost zu verschaukeln, sollte sich Sonneborn seinem eigenen Anspruch mal stellen: Leuten vor den Kopf stoßen, Leser überraschen, Journalisten verunsichern, – eben nicht einfach nur das überflüssige Mediendessert sein. SPAM wird praktisch nicht zitiert, nicht gelinkt (google Page-Rank 0), löst keine Diskussionen aus – kurz: ist bisher völlig unbedeutend.

Klar, das könnte einem egal sein – Belangloses gibt es wie Sand am Meer. SpOn ist ohne SPAM in die schwarzen Zahlen gekommen, SpOn wird auch ohne SPAM weiter gut fahren (und darauf, dass Ende April Schluss ist, jede Wette).
Aber es geht hier ums Genre. Sonneborn hat die Chance, politische Satire in Deutschland voranzubringen. Eben das Stilmittel in den Journalismus zurückzubringen. Und damit neue Fragen, neue Darstellungen und neue Erkenntnisse zu ermöglichen. Aber das wird offenbar nichts, und da parallel ja noch an anderer Stelle* Satire sabotiert wird, dürfte es am Ende dieser kleinen Experimentierphase um Satire noch weit schlechter bestellt sein als zuvor.

Das wird Martin Sonneborn dann reichlich egal sein – oder er findet’s lustig.

Nachtrag 20. Januar: Nun ist doch eine hervorragende Satire erschienen – „Einmal Duden-Duschgel, Nike-Muskeln und das Wiki-Hirn, bitte!“

*Update Jahre später… „Glasauge“ von Welt.de hat sich im Laufe der Zeit zu einem oft sehr guten, weil politischem Magazin entwickelt.

Siehe zum Thema auch: Satire im Journalismus

2 Gedanken zu „SPAM – Ein Ausfall mit Kollateralschaden

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