SPAM – ein hoffnungsvoller Anfang unter schwerem Beschuss

Pimmel werden wir wohl beim Spiegel weiterhin vermissen. Auf den – oft preisgekrönten – Covern des altehrwürdigen Prints ebenso wie im schnelllebigen, inzwischen auch oft bewegten Onliner.
Martin Sonneborn hatte es versucht. Im Rahmen der neuen Freiheit bei Spiegel-Online, für die es seit 31. Oktober die Satire-Rubrik „SPAM“ gibt. In einer guten Bilderstrecke ließ ein „Soldat“ „seinen“ Pimmel allerhand verrichten, was definitiv keine Leichenschändung in Afghanistan war – entspannte Pause bei der Mülltrennung inklusive.
Das war ein guter Beginn für politische Satire, – zu einem Thema, das die taz als einzige Zeitung mit täglicher Satire-Seite mit einem soliden, aber wenig satirischen Cartoon kommentierte.

Doch der Spaß mit dem Plastik-Lümmel währte nicht lange – und die Bilderstrecke verschwand im SpOn-Orkus. Wieso, weshalb, warum? „Kein Kommentar“ hieß es abgestimmt bei den Hamburger SpOn-Verantwortlichen und der freien, hauptstadtnahen SPAM-Redaktion. Die Grenze dessen, was die wertvolle Marke „Spiegel“ für verkaufbar hielt, war überschritten.

Wie lange Sonneborn sowie die Kollegen Behrend und Schiffner die Grenzen der Hamburger Satire-Freiheit ausloten, ist ungewiss. Wohl nicht ganz aus Gag heraus wirbt Spiegel-Online für seine Satire-Rubrik mit dem Slogan „Nur für begrenzte Zeit“. Es ist ein Experiment.

Potential ist reichlich vorhanden: nicht nur das der Macher, sondern auch das der Konsumenten. Als Klick-Führer kann SpOn mit dem „Satire-Hitler“ Sonneborn (Bernd Zeller) weit mehr aufrühren, als das ewig sinkende Mutterschiff Titanic. Ob SpOn das wirklich will, ist fraglich.

Der Output der SPAM-Redaktion ist bisher wenig spam-verdächtig gering – wie die Formen-Vielfalt spam-verdächtig arm ist. Kürzesttexte wie seit Jahren auf der Titanic Homepage, Veräppelungsfilmchen mit Politikern, die einen Ticken ärmer dran sind als die Satire-Macher, und Cartoons, wie sie die drei Satire-Hefte Eulenspiegel, Pardon und Titanic zeichnen.

Kurt Tucholsky hat nicht nur gefordert, dass Satire alles darf (sogar – damals noch straffrei – Soldaten Mörder nennen), sondern dass sie alles muss – mehr noch: dass sie sich alles erlaubt oder nicht ist. Daran mangelt es allenthalben.

Überwiegend ist Satire in Deutschland: nicht. Titanic freut sich, wenn sie als Witzblatt und Thomas-Rilke-Hausmitteilung nicht zu viele Abonnenten verliert; die taz entgegnet jedem Biederkeits-Vorwurf mit ihrem handgemachten Wahrheits-Ausweis; die Welt kaschiert mit ihrem besten aller Kolumnisten ihre Gesamtunzulänglichkeit in Sachen Durchblick; und die herrschende Politik stellt „Reden“ der Bundeskanzlerin online. Mehr Satire ist derzeit nicht. Satire wird soweit auf versteckten Gag reduziert, dass Martin Walser in Wikipedia als Satiriker gilt.

Was darf die Satire? – Alles. Außer sonne Scheiße:

Franziska van Almsick, im 8. Monat schwanger, plant offenbar eine Wassergeburt. Medienberichten zufolge ist sie derzeit auf der Suche nach einem Krankenhaus mit 25-Meter-Becken. Ihr ehemaliger Trainer Norbert Warnatzsch traut der 28jährigen eine neue persönliche Bestzeit von rund 0:31:17 über 50 Meter Drücken durchaus zu. (Nicht von Franz Josef Wagner, sondern eben von SPAM)

Martin Sonneborn hat das Potential für politische Satire. Aber dazu müssten ihn die Hamburger mindestens machen lassen. Besser noch: sie müssten seine Arbeit in die ihre integrieren. Wenn es denn eine Antwort auf die Frage gibt, was Satire – bei SpOn – soll.

Wenn SpOn nur ein wenig Amüsement zwischen dröge Politik und BILD-geführtes Panorama-Geplenkel streuen will, sollte man sich dort direkt für eine Witzseite entscheiden. Das ist uralt, funktioniert immer und tut niemandem weh.

Wenn SpOn aber Satire als eine bunte Gestaltungsform für Aussagen verstehen will – im journalistischen Geschäft eben für Nachrichten, Kommentare oder Reportagen -, dann braucht Martin Sonneborn nicht nur freie Hand, dann muss er die Hamburger Redakteure coachen. Die brave Kolportage über eine „Partei ohne Raum“ ist der NPD nicht gewachsen. Die intellektuelle Folterung des Volkes mit einer Jahre währenden „Gesundheitsreform“ ist überhaupt nur noch mit Satire journalistisch zu fassen.

„Sehr gewagt“ fand die Berliner Zeitung, dass „auf gestellten Aufnahmen […] deutsche Soldaten harmlos-absurden Tätigkeiten nach[gehen], während ihnen ein riesiger Plastikpenis aus der Tarnhose hängt.“ Nein, das ist nicht gewagt, sondern der einzig brauchbare Ansatz, die weltweiten Bundeswehreinsätze zu diskutieren, über den neuen Militarismus zu berichten, kurz: seinen Job als Fragesteller und Vermittler zu machen.

Auch Sonneborn bräuchte die Anbindung an die „echte“ Redaktion. Seine Partei-Gründung war genial – aber das immense Potential dieses Projekts verebbt, seit über einem Jahr kommt da nichts Bewegendes mehr. Es fehlen die Fragestellungen, die Journalisten entwickeln können sollten.

SpOn hat derzeit eine riesige Chance, eine neue Marke im Journalismus zu setzen. Dass man diese Chance nutzt, ist äußerst unwahrscheinlich. Nicht zuletzt, weil Satire zu nichts weniger passt als zum selbstgefälligen Geschwafel des führenden deutschen Montagsmagazins.

Obwohl: Warum soll nicht einer, der uns schon die Fußball-WM beschert hat, …

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