Archiv für die Kategorie ‘Spiegel’

Lesebeute: Kriminal-Studie verzerrend dargestellt

Sonntag, 22. März 2009
  • Heftige Kritik an der journalistischen Präsentation einer Studie des medial hyperpräsenten Christian Pfeiffer äußert die Neue Zürcher Zeitung. «Jugendliche in Deutschland als Opfer und Täter von Gewalt» heißt das Werk des Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen. Wer Studie und Berichterstattung (sowie 2 und 3) vergleiche,  “wird Anlass zum Erschrecken finden, weil das Medienecho nicht nur den Schwerpunkt der Studie grob verzerrt wiedergibt, sondern auch eine völlige Kritiklosigkeit gegenüber den methodischen Fragwürdigkeiten des Unternehmens erkennen lässt.”
  • Die Initative Nachrichtenaufklärung hat die vernachlässigten Top-Themen 2008 präsentiert.
  • SpOn-chef Büchner wird Chefredakteur der Deutschen Presseagentur (dpa).
  • Zu Büchners Online-Plänen derzeit beim Spiegel gibts ein Kress-Interview.
  • Auch der Spiegel hat mit Anzeigenrückgang zu kämpfen.
  • Die Galle hoch kam Joachim Müller-Jung, weil Spiegel-Online embryonalen und fötale neuronale Stammzellen verwechselt hat. Ist aber korrigiert.
  • Mit Buzzriders.com will Robert Basic “Spiegel Online und Heise angreifen”, sagt er im Meedia-Interview.
  • Dass Spiegel-Online die Pinneberger für die schlechtesten Autofahrer hält, sorgt bei den Betroffenen für Unmut, der im Abendblatt gelüftet wird.
  • Althaus drohen keine 3 Jahre Haft

    Dienstag, 10. Februar 2009

    Spiegel-Online hatte am Samstag erneut berichtet, Thüringens Ministerpräsident Dieter Althaus drohe “eine Anklage wegen ‘fahrlässiger Tötung unter besonders gefährlichen Verhältnissen’” und dramatisierte: “Im Falle einer Anklage drohen Althaus bis zu drei Jahren Haft.”

    Laut Süddeutscher Zeitung dementiert Staatsanwalt Walter Plöbst dies. Für besonders gefährliche Verhältnisse gebe es keine Anhaltspunkte. Die Höchststrafe für fahrlässige Tötung beträgt ein Jahr, mit Bewährung (bedingte Strafe) wäre zu rechnen.

    “Spiegel” und “junge Welt” werben für die Wahrheit

    Samstag, 07. Februar 2009

    “Fakten stören beim Verriß” überschrieb die Junge Welt (jW) am 28. Januar eine Kritik an der Spiegel-Berichterstattung über die Links-Fraktion und die Abgeordnete Ulla Jelpke.

    Dabei geht es der jW zum einen um den Beitrag “Gysis Heimkind” (“Ulla Jelpke steht so weit links, dass sich der Verfassungsschutz für sie interessiert. Ihre Alleingänge belasten die Partei – doch die Führung hält an der Abgeordneten fest.” – bereits einmal hier verhandelt), zum anderen um den Artikel “Komplizen des Terrors” (“In der Partei Die Linke schüren etliche Israel-Gegner antisemitische Ressentiments. Fraktionschef Gregor Gysi wurde zum israelischen Botschafter gebeten.” Spiegel 5/2009, S. 26, noch nicht online), beide von Markus Deggerich vom Berliner Spiegel-Büro.

    Nach mehreren Telefonaten und Mailwechseln dokumentieren wir nun die beiden widerstreitenden Ansichten.

    Die jW schreibt unter dem Pseudonym Karl Faust:

    Erst Anfang der Woche lieferte Der Spiegel ein weiteres Beispiel für manipulative Berichterstattung. »Komplizen des Terrors« ist ein Bericht über die Linksfraktion betitelt, in dem der Autor Markus Deggerich meinungsstark aber faktenschwach versucht, Teilen der Fraktion wegen ihrer Ablehnung der israelischen Kriegspolitik Antisemitismus anzuhängen. Dabei macht sich Deggerich nicht einmal die Mühe, zwischen »Antisemitismus« und »Antizionismus« zu unterscheiden. Die unterschwellige Botschaft lautet: Wer gegen Israels Kriegspolitik ist, will ein neues Auschwitz.
    Fakten können bei einem solchen Verriß nur stören. Da wird der Abgeordnete Wolfgang Gehrcke flugs zum außenpolitischen Sprecher ernannt. Falsch – er ist Obmann seiner Fraktion im außenpolitischen Ausschuß. Seiner Kollegin Ulla Jelpke wird ein israelkritisches Zitat aus einer Bundestagsrede untergeschoben – sie hat dort jedoch nie zu diesem Thema geredet.

    Markus Deggerich sagt dazu: “Wir haben Frau Jelpke kein “israelkritisches Zitat untergeschoben”, Sie finden es auf ihrer Homepage. Sie hat es allerdings nicht im Bundestag gesagt, wie sie nun sagt, sondern auf einer Demo, auf ihrer Homepage fand es sich aber unter der Rubrik “im bundestag”. Das Zitat selbst bestreitet sie auch gar nicht – anders als die junge Welt suggeriert.”

    Die jW schreibt:

    Über einen Protestbrief, den die Abgeordneten Gehrcke und Norman Paech (letzterer ist tatsächlich außenpolitischer Sprecher) an den israelischen Botschafter geschrieben hatten, heißt es, Fraktionschef Gregor Gysi habe dem Diplomaten »sein Bedauern über das Schreiben« geäußert, »auch im Namen der Autoren«. Beide bestätigten jedoch gegenüber jW, daß sie inhaltlich überhaupt nichts bedauern.

    Im Spiegel heißt es in “Komplizen des Terrors”:

    “Am vergangenen Donnerstag saß der Linken-Fraktionschef [Gregor Gysi] in der Residenz [des israelischen Botschafters] und erklärte sein Bedauern über das Schreiben, auch im Namen der Autoren. Am Ende einigte man sich, dass der Brief nun aus der Welt sei.”

    Deggerich dazu:
    “Wir behaupten desweiteren an keiner Stelle, Gehrcke und Paech hätten ihr Bedauern über den Brief an den Botschafter ausgedrückt. Wir schreiben, dass Gysi dieses gegenüber dem Botschafter gesagt hat. Wir bleiben bei unserer Darstellung.
    Mir ist kein Dementi von Gysi bekannt und die junge Welt kann es bisher auch nicht belegen.”

    Karl Faust dazu:
    “Herr Deggerich hätte auch Sorgfaltspflicht bewiesen, wenn er berichtet hätte, daß sich Gysi in der Fraktionssitzung am Dienstag vor dem Gespräch mit dem israelischen Botschafter inhaltlich voll hinter den Brief von Gehrcke und Paech gestellt hat. Deggerich hätte das wissen müssen – nach Informationen aus der Fraktion war er bei dieser Sitzung anwesend.
    Woher Deggerich die Information hat, daß Gysi in dem Gespräch sein »Bedauern über das Schreiben, auch im Namen der Autoren« geäußert hat, bleibt sein Geheimnis. Weder Gysis Büro noch die Pressestelle der Linksfraktion bestätigen diese Aussage. Dazu diese Presseerklärung von Gysi:


    »28.01.2009 – Gregor Gysi
    Spieglein, Spieglein an der Wand

    Im Gespräch des Vorsitzenden der Fraktion DIE LINKE, Gregor Gysi, mit dem israelischen Botschafter hat der Inhalt des offenen Briefes der Fraktionsmitglieder Wolfgang Gehrcke und Norman Paech zum Gaza-Krieg keine Rolle gespielt<, korrigiert der Pressesprecher der Fraktion DIE LINKE einen entsprechenden Bericht in der aktuellen Ausgabe des „Spiegel“, in dem es hieß, Gregor Gysi habe gegenüber dem Botschafter auch im Namen der Autoren sein Bedauern über das Schreiben ausgedrückt. Thalheim weiter:

    In der Fraktion wurde noch einmal bekräftigt, dass die Außenvertretung der Fraktion gegenüber Regierungen und Botschaftern Sache der Fraktionsvorsitzenden ist. Dies wird auch von Wolfgang Gehrcke und Norman Paech so gesehen. Nichts anderes hat Gregor Gysi dem Botschafter Israels übermittelt. Der Inhalt des offenen Briefes war schon deshalb nicht Gegenstand des Gesprächs mit ihm.«
    ---

    Mit zwei kurzen Telefonaten hätte er außerdem herausfinden können, daß beide Autoren überhaupt nichts bedauern.
    Angesichts dieser Sachlage sollte Herr Deggerich das Wort Recherche besser nicht in den Mund nehmen.”

    Markus Deggerich kritisiert:
    “Im Übrigen unterlässt die junge Welt den Hinweis, dass Frau Jelpke vor ihrem Einzug in den Bundstag Innenpoltik-Chefin des Blattes [jW] war.”

    Faust kommentiert:
    “Im jW-Artikel werden auch andere biografische Stationen von Frau Jelpke nicht erwähnt. Es wird auch nicht erwähnt, daß sie immer noch regelmäßige Mitarbeiterin der jW ist. Dieser Einwand hat etwa die gleiche Qualität, als wolle man uns anlasten, nicht erwähnt zu haben, daß Deggerich aus dem katholisch versumpften Dörfchen Elte stammt.
    Was will Herr Deggerich mit diesem Einwand andeuten? Daß dieser Artikel etwa von Frau Jelpke veranlaßt wurde? Oder daß sie ihn gar selbst unter dem Pseudonym »Karl Faust« geschrieben hat?”

    Der Spiegel schrieb im Juli 2008:

    Am Rednerpult steht Ulla Jelpke, 57, schmal, gut gebräunt und die Haare zum strammen Zopf geflochten.

    Die jW schrieb dazu:

    Den »strammen Zopf«, den er Jelpke andichtet, hat er bislang als einziger entdeckt.

    Deggerich verweist auf ein Video.

    Faust entgegnet:
    “Herr Deggerich schreibt: »… die Haare zum strammen Zopf geflochten.« Wo bitte hat er das gesehen? Auch das you-tube-Video gibt das nicht her.”

    Die jW schreibt:

    Fakten scheinen wohl nicht Deggerichs Ding zu sein. Ein ganzseitiger Artikel, den er im Juli [2008] über Jelpke schrieb, wimmelt von Fehlern, die die junge Welt keinem Praktikanten durchgehen ließe. Gysi wird da als Zitat in den Mund gelegt, Jelpke sei ein »Heimkind« – der Fraktionschef dementierte später, jemals dieses Wort gebraucht zu haben. Jelpke wird auch vorgeworfen, »Parteitage der DKP« besucht zu haben – was sie auch nach Auskunft von DKP-Mitgliedern nicht ein einiges Mal getan hat. Und daß sie im Juli zu politischen Gesprächen in die Türkei reiste, kommentierte ¬Deggerich als »erneutes Jelpke-Solo«, über das sich ihre Genossen »entsetzt die Haare raufen«, »ihre Alleingänge belasten die Partei«.

    Markus Deggerich verweist dazu auf eine Entscheidung des Beschwerdeausschuss 2 des Deutschen Presserats (BK2-206/08; dort wird fälschlich für die Spiegel-Veröffentlichung der 1. September 2008 genannt), die auf eine Eingabe von Ulla Jelpke zurückgeht. Am 3. Dezember 2008 hat demnach der Presserat entschieden: “Insgesamt liegt damit kein Verstoß gegen die Publizistischen Grundsätze des Deutschen Presserats vor, so dass der Beschwerdeausschuss die Beschwerde für unbegründet erklärt.
    Die Entscheidung ergeht mit 3 Ja-Stimmen, 1 Nein-Stimme und 1 Enthaltung.”

    Insgesamt ging es um sechs Kritikpunkte, die der Beschwerdeausschuss letztlich verworfen hat. Zu den Erwägungen des Beschwerdeausschusses heißt es darin: “Falsche Tatsachen kann der Ausschuss nicht erkennen. Alle aufgestellten Behauptungen kann die Redaktion mit Fakten belegen, lautet das abschließende Urteil der Mehrheit der Ausschussmitglieder.”

    In der Entscheidung heißt es aber auch: “Einen handwerklichen Fehler erkennt der Ausschuss in der Passage: ‘Doch egal, ob Jelpke auf Treffen ehemaliger Stasi-Kader ihre Solidarität beteuert, Parteitage der DKP besucht oder bei Grußworten in der venezolanischen Botschaft die ‘Unbeugsamkeit’ der kubanischen Revolution feiert: [...]‘ Vor dem Hintergrund, dass die Beschwerdeführerin zwar nie an einem DKP-Parteitag teilgenommen hat, dennoch mehrfach auf DKP-Veranstaltungen gesprochen hat, bewertet der Ausschuss die Wirkung dieses handwerklichen Fehlers auf den Leser als gering.”

    Dazu Karl Faust:
    “Auch wenn der Presserat im wesentlichen die Rabulistik der Spiegel-Rechtsabteilung übernimmt – auch er spricht von »handwerklichen Fehlern« in Herrn Deggerichs Bericht.
    Stellungnahmen des Presserates sind für die jW kein Ersatz für das, was tatsächlich geschehen ist und was wir persönlich recherchiert haben.
    Als Beispiel möchte ich Frau Jelpkes Reise nach Ankara anführen. Herr Deggerich schreibt »unabgesprochen«, daß sich die Genossen »entsetzt die Haare raufen«, »erneutes Jelpke-Solo«. Ich (K. Faust) war persönlich anwesend, als Frau Jelpke mit Gregor Gysi, Bodo Ramelow und Ulrich Maurer telefonisch ihre Reise abstimmte. Ich saß zufällig auch daneben, als sie das AA informierte. Da kann der Presserat schreiben, was er will: Deggerich hat Falsches berichtet: es war weder unabgesprochen, noch haben sich »die« Genossen die Haare gerauft, noch war es ein »Solo«.
    Es wäre vielmehr Herrn Deggerichs Sorgfaltspflicht gewesen, zu recherchieren.”

    Karl Faust meint abschließend:
    “Daß im journalistischen Alltag aus verschiedenen Gründen Fehler entstehen können, für die man anschließend am Ohr gezogen wird, weiß jeder Redakteur. Bei Deggerichs Berichten ist jedoch eine eindeutige Tendenz erkennbar: Er konstruiert künstliche Gegensätze in der Linksfraktion, bzw. in der Partei. Er hat zwar schon mehrfach in ziemlich abträglicher Weise über Frau Jelpke geschrieben, sich bisher jedoch nicht ein einziges Mal die Mühe gemacht, sie selbst anzurufen. Seriöse Berichterstattung sieht anders aus.”

    Recherche muss honoriert werden

    Donnerstag, 05. Februar 2009

    Journalismus ist nicht nur Berichterstattung und Kommentar in vielfältigen Darstellungsformen, Journalismus ist vor allem auch Nicht-Berichterstattung und Nicht-Kommentar in keiner Darstellungsform. Informationsverdichtung, Selektion von Unwichtigem, Konstruktionen von Wirklichkeit… – es gibt viele Schlagworte zu dieser Achillesferse des Journalismus: was ist relevant, was nicht – was kommt über die Medien in die Öffentlichkeit, was bleibt unbeachtet?
    Schulzki-Haddouti.jpegSpiegelkritik sprach darüber mit Christiane Schulzki-Haddouti. Die freie Journalistin arbeitet vor allem über Medien- und Technik-Themen und betreibt den Kooptech-Blog unter. Seit 2000 ist sie Jurymitglied in der Initiative Nachrichtenaufklärung (INA), fünf Jahre leitete sie Rechercheseminare an den Universitäten Dortmund und Bonn.

    SpKr: Die Initiative Nachrichtenaufklärung kürt jedes Jahr zehn vom deutschsprachigen Journalismus vernachlässigte Themen, das nächste Mal am 17. Februar. Mehr Wichtiges bleibt uns nicht verborgen?

    Schulzki-Haddouti: Jedes Jahr sehen wir eine ganze Reihe von Themen, die zwar gesellschaftlich relevant, aber dennoch aus verschiedenen Gründen vernachlässigt wurden. Ich bin gespannt, auf welche Themen sich die Jury in diesem Jahr einigt.

    In den USA kommt regelmäßig eine Liste von 25 Themen zusammen. Bei INA werden nicht so viele Themen eingereicht – es sind so etwa 150 pro Jahr. Diese Themen werden von Journalistik-Studenten recherchiert und am Ende werden etwa 20 Themen einer Jury vorgeschlagen, die dann die “TOP 10″ festlegt.

    Eines der am meisten vernachlässigten Themen des vergangenen Jahr waren ja Menschenrechtsverletzungen in China – im Zuge der Olympischen Spiele wurde dann über einiges berichtet. Doch über die vielen Gefangenenlager weiß man – aus nachvollziehbaren Gründen – bis heute zu wenig.

    SpKr: Und die Medien laufen hernach rot an vor Scham, dass sie so wichtige Dinge übersehen haben?

    Schulzki-Haddouti: Die Reaktionen sind leider sehr verhalten. Die Kollegen berichten nur selten über die Initiative; man kann schon froh sein, dass das Ergebnis kurz vermeldet wird (siehe dazu ausführlich in Kooptech). Aber es wird praktisch nie als Anstoß für eigene Recherchen genutzt. Etwa die Geschichte über den Grünen Punkt: Hier hatten wir eine ganze Latte von Rechercheansätzen aufgezeigt, aber es hat ein paar Jahre gedauert, bis der WDR der Sache nachgegangen ist, und das nur in Ansätzen. Man hätte da sehr viel daraus machen können.

    SpKr: Das beklagen auch investigative Journalisten wie Jürgen Roth, der sich wundert, dass gerade auch in der Regionalberichterstattung kaum an den vielen Informationen in seinen Büchern weitergearbeitet wird. Sind die Journalisten zu dusselig dafür, zu faul oder woran liegt es? (weiterlesen…)

    Korinthe (69): “Sexting” klickt sich gut

    Samstag, 17. Januar 2009

    Spiegel-Online schreibt in einer Geschichte über den neuen amerikanischen Traum vom “Sexting”:
    nackte-teenager.jpg

    Glaubt man einer aktuellen Studie ( Download: pdf), haben bereits rund 20 Prozent aller US-Teenager Nacktbilder von sich über elektronische Medien versandt, berichteten am Donnerstag etliche US-Medien.

    Dazu merkt Detlef Gürtler in seinem taz-Blog “Wortistik” u.a. an:

    Allerdings ist erstens der Spiegel-Satz glatt gelogen. Laut der Studie haben 20 Prozent der befragten US-Teenager

    “sent/posted a nude or semi-nude picture/video of yourself”

    und sogar einem Online-Redakteur sollte auffallen, dass “nude or semi-nude” NICHT das Gleiche ist wie “Nacktbilder”.
    Und zweitens ist es zwar nicht direkt gelogen, aber höchst angreifbar, aus den “20 Prozent der Befragten” auf “20 Prozent aller US-Teenager” zu schließen. [...]

    (Ausführlich bitte dort weiterlesen)

    Korinthe (67): Kinderglaube für Bachelor-Chickens

    Montag, 24. November 2008

    vater-staat-sein-geld.gif

    Vermutlich war Vater für weitere Recherchen gerade per E-Mail nicht zu erreichen, denn unsere Zweifel an seinem Vermögen, das er sich gutmütig abnehmen lässt, konnte auch der 2. Teil der Story nicht beseitigen, obwohl der vielversprechend betitelt ist: “Vor dem Antrag: Wo kommt das Bafög her, wer kriegt es, wie stellt man das an?” Möglicherweise wird das Geld in den Mensa-Küchen der Studentenwerke gebacken.

    Korinthe (66): Fußball-Kapitalismus

    Dienstag, 18. November 2008

    Mit einer kryptischen Überschrift lädt Spiegel-Online heute zum Leser-Dialog: Was könnten wir gemeint haben? “Guter Kapitalismus funktioniert wie im Fußball”
    kapitalismus-fussball.jpg
    Funktioniert wie wer oder was im Fußball? Dov Seidman hat jedenfalls im Interview etwas ganz anderes gesagt:

    Das war aber mal anders. Denken Sie an Fußball! Guter Kapitalismus funktioniert so, dass man in eine Mannschaft investiert und viel dafür tut, dass sie gewinnt. Man ist der Mannschaft verbunden. Vielleicht wettet man sogar, aber nur auf den Sieg.

    Lesebeute: Münchhausen Spice

    Freitag, 14. November 2008
  • Im wöchentlichen “Münchhausen-Test” des Spiegel geht es in dieser Woche (46/2008, S. 16) um die Aussage von Krankenkassenministerin Ulla Schmidt: “Der Anteil der Gesundheitsausgaben am Bruttoinlandsprodukt ist seit 20 Jahren praktisch gleich geblieben. Eine ganze Reihe von Reformmaßnahmen haben die Kosten eingedämmt”. Der Spiegel kommt zum Ergebnis: “Ulla Schmidts Behauptung ist falsch. Lägen die Gesundheitsausgaben auf demselben Niveau wie vor 20 Jahren, fielen sie um etwa 40 Milliarden Euro geringer aus.”
    Schmidts Pressesprecher, der für teils sehr kryptische Mitteilungen bekannte Klaus Vater, wuchtet als Entgegnung mit eigenen Zahlen und fazitiert: “Der Spiegel liegt richtig daneben.”

  • Die Ahnungslosigkeit des Spiegel bei seiner Berichterstattung über “Spice”, “deren Zusammensetzung sogar Experten nicht kennen” und über deren Suchtfaktor man wenig wisse, verwundert den verwirrten Schreibgeist von “flüchtige notizen”, der mit drei Links für Erhellung sorgen will, weil “der befragte ‘experte’ ebenso wie der schreiberling nicht ueber einen internetzugang zu verfuegen” schienen.
  • Offener Brief an Ove Saffe zur Moderation der Spiegel-Foren

    Montag, 22. September 2008

    Eingereicht von Wolfgang Hoffmann

    Aufruf zur Niederlegung der Doktrin, den SPIEGEL-Leser als ‚saudummen’ Kunden zu behandeln.

    Sehr geehrter Herr Saffe,

    wir gratulieren Ihnen herzlich zu Ihrer Berufung als neuer Geschäftsführer des SPIEGEL-Verlags und setzen einige Hoffnungen auf Ihren Wiedereinstieg in den Verlag.

    Wir, das ist eine Gruppe engagierter Nutzer des SPIEGEL ONLINE Forums, die sich mit der derzeit praktizierten Zensur durch die Moderation im SPON-Forum nicht abfinden wollen und deshalb mit der Redaktion SPIEGEL ONLINE in Kontakt getreten ist.

    Bekanntlich hatten wir die Chef-Redakteure von SPIEGEL Online, Herrn Büchner und Herrn Ditz, in unserem Schreiben vom 18.08.2006 darauf hingewiesen, dass wir immer noch auf eine inhaltliche Antwort der Redaktion SPIEGEL ONLINE auf unsere Vorschläge zu einer transparenteren Moderation im SPIEGEL ONLINE Forum warten (pdf).

    Dennoch ist keine Reaktion seitens des SPIEGEL erfolgt, worauf wir als Folgereaktion auf die ausgebliebenen Antworten weiter unser zensurfreies Forum SPONtanum ausbauen, um damit der willkürlichen Zensur der Meinungsfreiheit im SPIEGEL ONLINE Forum und der Moderation nach Gutsherren-Art wirksam entgegen zu treten.

    Wir möchten Sie deshalb als neuen Geschäftsführer des SPIEGEL-Verlags etwas umfassender über den bisherigen Stand der Dinge informieren und bitten Sie, das o.a. Anschreiben, dessen Anlagen und folgende Punkte zum besseren Verständnis genauer aufzunehmen:

    1. Bekanntlich hatten wir SPIEGEL-Leser und SPIEGEL ONLINE-Foristen dem SPIEGEL konkrete Vorschläge zur Verbesserung der Moderation im SPON-Forum auf Grund der Auswüchse der willkürlichen Zensur am 14.02.2008 unterbreitet (s. Anlagen unten).

    Leider hat die Redaktion SPIEGEL ONLINE bis heute nicht auf unser Anliegen in angemessener Form geantwortet. Das ist bedauerlich, scheint es doch zu zeigen, dass wir mit unserem Ansinnen nicht ernst genommen werden (s. Anlage). Für uns ist das Thema aber zu wichtig, um es als erledigt anzusehen. Wir meinen, es sollte auch für den SPIEGEL nicht erledigt sein, denn Aussitzen a la Telekom ist keine Lösung für dieses Problem.

    2. Uns als Forum-Benutzer ist natürlich klar, dass wir uns der sogenannten “Netiquette“ beim Eintritt in den Kreis der Forum-Teilnehmer unterworfen haben und diese respektieren – deshalb geben wir aber nicht unsere Persönlichkeitsrechte an der Garderobe von SPIEGEL ONLINE ab.

    3. Des weiteren sollten die Moderatoren darauf hingewiesen werden, dass eine Moderation neutral zu erfolgen hat, das heißt, die persönlichen Ansichten und Einstellungen des Moderators zum behandelten Thema bei seiner Tätigkeit außen vor zu bleiben haben.

    Die derzeitige Praxis der Moderation wird von uns aber als Zensur empfunden, weil weder Gründe für Nichtveröffentlichungen, Veränderungen oder Löschungen nachvollziehbar sind. Diese Praxis steht den Regeln von Wahrheit und Klarheit entgegen und schadet zu allererst dem SPIEGEL selbst enorm.

    4. Wir sind sicher, dass Sie positive Veränderungen in der Art und Weise der Moderationen im SPIEGEL ONLINE initiieren können. Und wir meinen sehr deutlich, dass gerade Sie beim SPIEGEL-Verlag das tun sollten, weil Sie nach wie vor eine Verpflichtung gegenüber der Meinungsfreiheit haben.

    Wir dürfen Ihnen versichern, dass wir an einer qualifizierten Diskussion dieses Themas mit der Redaktion von SPIEGEL ONLINE großes Interesse haben und daran festhalten wollen. Sollten unsere berechtigten Wünsche weiterhin unbeachtet bleiben, sind wir auch vorbereitet, dieses Thema erneut in geeigneter Form einer breiteren Öffentlichkeit zu verdeutlichen.

    5. Bitte nehmen Sie deshalb zur Kenntnis:

    Auf dieser Bühne, z.B. in der Zeitschrift ‚journalist’ Heft 09/2008, des Deutschen Journalisten-Verbandes (DJV), Artikel ‚Die lieben Leser’, gibt der SPIEGEL keine besonders gute Figur gegenüber anderen Presse-Organen ab, sich unter der Tastatur versteckt zu haben, denn es wirft einen Schatten auf die Unternehmens-Kultur des Hauses, wenn selbst gegenüber Journalisten-Kollegen das Thema Moderation in SPIEGEL ONLINE abgeschottet wird, siehe „Wir danken Ihnen für dieses Gespräch“.

    6. Es helfen auch keine Ausflüchte zu dieser betriebenen Art und Weise der Moderation wg. der Arbeitsüberlastung des Moderatoren-Teams, die sich dann nach erfolgter Recherche bei der FAZ als peinliche Fehler in der Darstellung und Rohr-Krepierer herausstellen.

    7. Die Redaktion SPIEGEL ONLINE lehnt es schlichtweg ab, das Problem Moderation und Zensur im eigenen Bereich zu thematisieren und hüllt sich ein in vorgetäuschte Veränderungen, z.B. eines zusätzlichen Moderators Wolfgang Büchner SPIEGEL ONLINE, der nicht moderiert oder im SPIEGEL ONLINE-Forum aktiv ist.

    Gleichzeitig betreibt man eine rigide Zensur aller Aussagen über das Wesen der Demokratie – auch noch derjenigen Zitate honoriger Personen des Zeitgeschehens wie die zensierten Beiträge mit Bezug Demokratie im Café SPONtan in der Zeit vom 25.-27.03.2008 zeigen, u.a.:

    7.1 Titel: Ernst Zermelo
    Wegen Gesundheitsproblemen gab er seine Professur in Zürich auf und nahm seinen Wohnsitz im Schwarzwald.
    Er arbeitete mit einer Ehren-Professur in Freiburg im Breisgau, musste diese Arbeit aber wieder aufgeben, da er sich weigerte die Vorlesungen mit Hitlergruß zu beginnen, was von Kollegen (Gustav Doetsch und dessen Assistent Eugen Schlotter) denunziert wurde.
    zensiert (Ernst Zermelo)

    7.2 Jetzt ist es hier im Forum geschafft:
    „Es kommt nicht so sehr darauf an, daß die Demokratie nach ihrer ursprünglichen Idee funktioniert, sondern daß sie von der Bevölkerung als funktionierend empfunden wird.”
    zensiert (Rudolf Augstein)

    7.3 [QUOTE=who;2103309]Ich kenne das, Ernst Zermelo! Auch Ernst ist hier durch die Roste gefallen… Und das davor war Helmut Schmidt.[/QUOTE]
    Also stellen wir sie her:
    “Öffentlichkeit ist der Sauerstoff der Demokratie.”
    zensiert (Günter Grass)

    8. Ferner werden Benutzereinstellungen ohne Vorankündigung und ohne Begründung geändert. So ist bei allen Foristen die Signaturfunktion abgeschaltet worden. Bereits existierende Signaturen verschwanden einfach. Die Funktion ‘Wohnort’ wurde bei allen Foristen ohne Angabe von Gründen abgeschaltet. Inzwischen können Foristen auch ihre Registrierung nicht mehr selbsttätig löschen und auf Löschungsgesuche reagiert der Sysop nicht. Solche willkürlichen und unangekündigten Änderungen verstärken den Eindruck, dass das Forum eine Spielwiese für Administratoren ist und nicht ein Freiraum für Lesermeinungen.

    Der SPIEGEL und die Redaktion SPIEGEL ONLINE sollten beachten, dass die Abschottung des Themas ‚Zensur in SPIEGEL ONLINE’ nicht gelingen wird.

    Nehmen Sie bitte ebenfalls zur Kenntnis, dass wir zumindest eine vernünftige inhaltliche Antwort auf unser Anliegen erwarten und simples Abtauchen und Ignorieren nicht akzeptieren werden. Handeln nach altvorderen Prinzipien – agieren ohne zu erklären – ist nach unserer Meinung weder einem mitteleuropäischem Periodikum, geschweige denn den Ansprüchen des SPIEGEL angemessen.

    Mit freundlichen Grüßen

    Das Forum SPONtanum.
    Action Board

    ______
    Anlagen:

    anschreiben_zum_forum.pdf

    antwort_auf_anschreiben.pdf

    replik_auf_antwort.pdf

    Gespiegelte Irrelevanz

    Donnerstag, 14. August 2008

    Mathias Müller von Blumencron, ehemaliger Chef-Blogger und inzwischen Chefredakteur des Spiegel, hält Spiegelkritik.de für irrelevant und wirkungslos. Das hat er frühzeitig genug gesagt, um in seinem Heft 30/2008 in der kleinen Geschichte über die unpolitischen „Beta-Blogger“ Deutschlands journalistisch korrekt nicht weiter auf die Pimpfe einzugehen. Nicht klar ist allerdings, warum sich sein Blatt überhaupt mit Blogs beschäftigt.

    Das Problem wird im Vorspann deutlich: da sprechen die drei Autoren – Markus Brauck, Frank Hornig und Isabell Hülsen – von Online-Schreibern, um dann fortan aber doch nur Blogger zu meinen, also die Nutzer eines stark vereinfachten und stets chronologisch sortierenden Content-Management-Systems (CMS).

    Über diese Fokussierung auf eine Technik bin ich wenige Stunden vor Lesegenuss der „Beta-Blogger“ bei einem Telefonat gestoßen. Mal wieder schreibt eine Studentin ihre medienwissenschaftliche Abschlussarbeit über Blogs, und selbst die kleine Spiegelkritik wird dann befragt, – etwa einmal im Monat kommt eine solche Anfrage. Und da war sie dann wieder, diese dubiose Frage: „Wann haben Sie mit dem Bloggen angefangen?“ Mit dem Bloggen? Wen interessiert das, was kann man damit anfangen? Ich arbeite seit 1995 mit dem Internet und publiziere dort seit 1997 – in Dutzenden Projekten. Ich habe sowohl „Online-Tagebücher“ als auch komplette News-Sites in HTML geschrieben und täglich etliche Male mit Dreamweaver aktualisiert. Dann kamen (Web-)CMS. Und irgendwann war auch WordPress dabei. Aber es war mit Sicherheit kein besonderer Tag, keine Wende, kein Sprung oder Flug in eine neue Dimension.

    Als Bildblogger Christoph Schultheis noch bei seinen Vorträgen erklären musste, was Blogs sind und was Bildblog macht, habe ich einmal – es war in Wiesbaden – gefragt, was denn an Bildblog nun der die das Blog sei – und nur Achselzucken im ganzen Raum als Antwort bekommen. Denn natürlich gab es schon längst Medienmagazine im Internet, auch monothematische. Aber die nannten sich nicht Blog, weil sie eine andere Software genutzt haben oder schlicht nicht wussten, dass sie gerade einen Hype verpassen. Es war der damalige Online- und heute Ganz-Spiegel-Chef Mathias Müller von Blumencron, der die Klassifizierung einmal damit karikierte, dass er sprach: „Wir machen ein Blog, das ist Spiegel Online.“

    Natürlich kann man mal einen neuen Technik-Trend thematisieren, auch im großen Spiegel-Rahmen – wenn denn irgendwie die Relevanz erkennbar wird. Schließlich sorgt jede Thematisierung dafür, dass anderes unbeachtet bleibt – nicht nur Druckseiten sind begrenzt, auch die Konsum-Lust, die Zeit, der gute Wille der Rezipienten sind endlich.

    Aber was ist relevant? Jedenfalls nicht, was Menschen bewegt. Jeder pupsige Gemeindebrief hat mehr Leser als fast alle Blogs – von ihrer „Meinungsmacht“ ganz zu schweigen -, und doch gab es im Spiegel zu dem Stichwort in den letzten 15 Jahren von einer Randbemerkung abgesehen nur zwei bescheidene Schenkelklopfer im Hohlspiegel. Der Spiegel dürfte jede Woche mehrere tausend Leserbriefe erhalten – von denen uns nur ein Bruchteil stark bearbeitet und nach nicht-öffentlichen Kriterien ausgewählt publik gemacht wird. Wo ist das Summary all der engagierten Äußerungen, wo die Auseinandersetzung damit, die Antwort auf Kritik, die Reaktion auf Vorschläge, die Debatte mit den Nicht-Anteilseignern des Spiegel?

    Denn warum sonst sollte man sich als Journalist mit Blogs beschäftigen, wenn nicht um andere Publikationen zur Kenntnis zu nehmen? Natürlich bietet das Internet Partizipationsmöglichkeiten – aber nur soweit, wie auch zur Kenntnis genommen wird, was dort geschieht. Das unterscheidet aber das Netz nicht von Papier, Blogs nicht von Schülerzeitungen, den Spiegel nicht von der – um mal in der Verbreitung nach oben zu gehen – ADAC-Motorwelt.

    Journalismus leidet bei uns in weiten Teilen an einem Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom. Er beschäftigt sich mit Pipifax und lässt das Großeganze außen vor. Deshalb wird auch über jeden Parteitag berichtet, obwohl die ausrichtenden Sekten schon lange nicht in der Lage sind, politischen Willen zu artikulieren. Aber es ist so einfach, sich mit ihnen zu beschäftigen: wenig Aufwand, geringe Kosten – aber volle Medien. Viel anstrengender ist es, die unglaublich vielen Bürgervereinigungen zur Kenntnis zu nehmen, Diskussionsforen zu lesen, sich mit Petitionen zu befassen, die vielen, vielen Experten zur Kenntnis zu nehmen, die sich hobbymäßig für eine Sache engagieren.

    So resümiert der Spiegel denn in seiner Beta-Blogger-Geschichte auch konsequent falsch:

    „Blogs bleiben ein Nischenprodukt. Mal lustig, mal interessant. Sehr oft mit nichts als sich selbst beschäftigt. Aber insgesamt ohne große Bedeutung. Man spricht nicht darüber.“

    Man spricht nicht darüber, weil unsere bedeutungslosen Alpha-Journalisten nur die personalisierbare Einzelgeschichte suchen. Unter anderem den einzelnen Blogger, über dessen Hybris oder wenigstens Arbeitszimmer sich doch irgendwie eine Geschichte machen lassen muss.

    Der Spiegel-Logik folgend erwartet uns wohl in Kürze ein Beitrag über das ach so überschätzte Familiengespräch: keine relevante Werbevermarktung, keine Resonanz in der Welt-Presse – das Geschwätz an deutschen Küchentischen ist – noch vor dem Stammtisch, der wenigstens rhetorisch Erwähnung findet – „ohne große Bedeutung“.

    In Wahrheit manövriert sich allerdings ein Journalismus in die Bedeutungslosigkeit, der alles ignoriert, was Menschen bewegt, der noch daran glaubt, selbst die Agenda zu setzen und die Hürden aufbauen zu dürfen, über die springen muss, wer irgendwie ins Blatt will.

    Dass der Spiegel zu dieser Hybris neigt, zeigt beispielhaft der Beta-Blogger-Text – aber auch die Diplomarbeit von Katja Schönherr „Medienwatchblogs als journalistische Qualitätskontrolle“.

    Die Arbeit wurde bereits im Mai 2007 fertiggestellt, liegt mir aber erst seit kurzem vor. Katja Schönherr stellt u.a. Ergebnisse ihrer Inhaltsanalyse von sechs Medienblogs vor: BILDblog, Dailyerror, Spiegelkritik, Meckern (Zeit), Österreich-Blog (offline) und Krone-Blog.

    Ferner hat sie mit Vertretern der gewatchblogten Medien Leitfadeninterviews geführt.

    Nun liegt der ganzen Arbeit, wie schon der Titel verrät, eine sehr fragwürdige Aufgabenzuschreibung für Medienblogs vor. Denn „Qualitätskontrolle“ ist wahrlich nicht die Aufgabe von Medienjournalismus – dafür stehen ja bisher nicht einmal brauchbare Qualitätsstandards bereit. Zumindest wir bei Spiegelkritik wollen wahrlich kein kostenloses Außenkorrektorat für den Spiegel sein, und Fact Checking haben wir bei unseren eigenen Projekten genug. Doch die Erwartung ist weit verbreitet. Jedes Kollegengespräch über Spiegelkritik führt innerhalb der ersten Minute zu der Frage: „Und, was sagt der Spiegel dazu?“ Und selbst ein dpa-Mitarbeiter schreibt, so er richtig wiedergegeben ist, Medienblogs die Aufgabe zu, Nachrichten zu überprüfen, weshalb er Spiegel-Online für ein bedenkliches Leitmedium hält, das nicht wie BILD durchs BILDblog überprüft werde (ich war zwar bei der NR-Konferenz, aber nicht bei diesem Panel).

    Es ist Hybris oder schlicht Unverstand zu meinen, Medienjournalismus geschehe den Medien zuliebe. Eine Buchrezension schreibt man doch auch nicht für den einen Buchautor, sondern für die (potenziellen) Buch-Leser.

    Katja Schönherr konstatiert:

    Nach Auswertung der Leitfadeninterviews zu Spiegelkritik, DailyError und Krone-Blog sind diese drei Blogs als wirkungslos zu betrachten. Spiegelkritik scheint dabei noch das bekannteste zu sein, weil es auch von anderen Befragten erwähnt wurde. Hier wird der fehlende lange Atem zum Manko: Mit kurzen Überprüfungsrecherchen kommt das Blog nicht an gegen die redaktionsinternen Kontrollmechanismen des Spiegel, wo Fehler ohnehin nicht so offensichtlich sein dürften wie bei Boulevardblättern. SpiegelOnline, repräsentiert durch Mathias Müller von Blumencron, hält die kritisierten Aspekte nicht für relevant genug, als dass sie Korrekturen bedürften.

    Mal abgesehen davon, dass das Korrekturverständnis beim Spiegel für Fremde ohnehin schwer zu verstehen it: es ist absolut nicht unsere Intention, den Spiegel zu irgendetwas zu bewegen. Spiegelkritik ist ein klitzekleiner Beitrag zur Medienkritik. Dabei ist das meiste, was wir aufgreifen, nur beispielhaft. Die diskutierten Beiträge, journalistischen Standards oder Dogmen sind so auch bei vielen anderen Medien zu finden. Der Spiegel bietet aber ob seiner weiten Verbreitung eine gute Grundlage.

    Natürlich weisen wir auch mal auf Fehler hin: wenn sie uns anspringen und sie eine Veröffentlichung wert sind (wobei die Latte dafür inzwischen sehr niedrig hängt, nachdem Spiegel-Online bei der Konkurrenz jeden Stripe zum Skandal aufbläst). Das sind aber nicht mehr als Hinweise darauf, dass selbstredend auch im großen Spiegel nicht alles stimmt. Es ist aber überhaupt nicht unsere Absicht, besonders viele Fehler zu entdecken. Es geht um die Funktion von Journalismus – „Richtigkeit“ ist nur einer von vielen Aspekten.

    Die Forschungserkenntnis, dass der Spiegel den Blog spiegelkritik nicht zur Kenntnis nimmt, ist für uns weder neu noch überraschend – es ist ganz bestimmt so.

    Hinsichtlich der Frage „Wie beurteilen Kritisierte die sie beobachtenden Medienwatchblogs?“ lässt sich für DailyError und Spiegelkritik sagen, dass sie von den Befragten als irrelevant und wirkungslos erachtet werden. Spiegelkritik hatte es lediglich mit einem Eintrag vermocht, den befragten Spiegel-Redakteur zu einer Überprüfung eines Fakts zu bewegen, der sich als richtig herausstellte. Er besucht es seither nicht mehr und hält es für zu „gewollt“. Mathias Müller von Blumencron findet, es würden zu viele Kleinigkeiten thematisiert.

    Der Spiegel schreibt:

    In Deutschland sind die vielen Hände der Amateure ziemlich leer. Blogs bleiben ein Nischenprodukt. Mal lustig, mal interessant. Sehr oft mit nichts als sich selbst beschäftigt. Aber insgesamt ohne große Bedeutung. Man spricht nicht darüber.

    Mit „man“ sind wohl die Spiegel-Redakteure gemeint. Denn natürlich spricht sonst wer darüber, mögen es auch zu jedem Blog nicht viele sein. Sehr schön hat das gestern Olaf in einem Beitrag auf jonet formuliert:

    Ein einzelnes Blog mag nicht journalistisch sein. Viele Blogs hingegen, und das ist der Witz, den auch der Begriff der Blogosphäre nur unzureichend zu fassen bekommt, verdichten die Subjektivität der Einzelmeinungen schnell zu einem – mmja, – interaktiven Kosmos der persönlichen Meinungsbildung.

    Und *zack* haben wir etwas, das journalistische Funktionen erfüllt, auch wenn nicht jedes einzelne Blog journalistisch geführt wird. Und ja, wir befinden uns da erst am Anfang einer sehr interessanten Entwicklung, zumal in Deutschland, wo es um die Diskussionskultur im öffentlichen Bereich nun wahrlich nicht gut bestellt ist.

    Es geht nicht darum, einen einzelnen Blog zur Kenntnis zu nehmen. Es geht darum, als Journalist eine Ahnung von den vielfältigen Debatten, Berichten, Ideen, Kritiken, Aktionen zu haben, die kund getan werden, u.a. in Blogs. Dabei muss niemand Spiegelkritik lesen, und auch die im Spiegel namentlich Geschmähten darf man durchaus übersehen, für irrelevant halten, einfach nicht mögen. Aber unterm Strich sollten Journalisten, die sich mit Gesellschaftsthemen im weitesten Sinne beschäftigen, doch wissen, dass da was läuft. Davon ist der Beitrag „Die Beta-Blogger“ weit entfernt.