Gastkritik

EnzensbergerIn vielen Medien ist es üblich, die eigene Arbeit selbst redaktionsöffentlich zu kritisieren. Meist machen das Redakteure, aber damit man nicht immer im eigenen Saft schmort, holt man sich dazu gerne auch Gastkritiker. Und so wollen wir es auch hier halten. Die Spiegelkritik heute übernimmt: Hans Magnus Enzensberger. In seinem wunderbaren Band „Einzelheiten I – Bewußtseins-Industrie“ schreibt er 32 Seiten über – so die Überschrift – „Die Sprache des Spiegel“. Diese Spiegelkritik hat er 1957 veröffentlicht, also vor knapp 50 Jahren, und sie ist in vielen Teilen heute noch so aktuell wie damals.

Enzensberger zitiert zunächst einen Spiegel-Text über den walisischen Dichter Dylan Thomas. Anschließend wendet er die gleiche Sprache auf Goethe an und schreibt einen kurzen fiktiven Text, wie er Enzensbergers Meinung nach im Spiegel gestanden hätte, wenn es das Magazin 1776 bereits gegeben hätte:

Y, 27, Verwaltungsjurist, wurde am 11. Juni vom Staatspräsidenten von P. als Staatssekretär für besondere Aufgaben ins Kabinett berufen. Damit fand eine Blitzkarriere ihren vorläufigen Abschluß, die vor sieben Jahren einigermaßen unrühmlich begonnen hatte. Die juristische Fakultät der Universität Z. hatte damals die Dissertation des jungen Y kurzerhand in den Papierkorb gesteckt. Seiner einflußreichen Familie war es trotzdem gelungen, den genialisch angehauchten Versager als Referendar an den Bundesgerichtshof zu lancieren, nachdem er sich durch intime Eroberungen in den Kreisen der Hochfinanz einen gewissen Namen gemacht hatte. Das Aktenderby ließ den eher gefühlig veranlagten Anfänger jedoch zunächst kalt. Stattdessen verfiel er auf die Idee, sich als Sensationsschriftsteller zu versuchen, wobei er rasch einen beachtlichen Riecher entwickelte. Bereits der erste, keß hingehauene und sentimental verbrämte Skandalroman schockierte das internationale Publikum und hatte eine Selbstmordepidemie zur Folge. Den Druck eines unförmigen Ritterdramas, des nächsten Werks aus der Hobby-Schublade des dilettierenden Juristen, mußte er allerdings selbst bezahlen, weil er keinen Verleger dafür fand.

Soweit der fiktive Spiegel-Text. Enzensberger selbst fährt nun fort:

Das Experiment erweist, daß die Sprache der Zeitung unkenntlich macht, was sie erfaßt. Unter der Drapierung durch ihren Jargon sind weder die Züge Goethes noch die von Dylan Thomas wiederzuerkennen. Es wäre falsch, von einem Spiegel-Stil zu Sprechen. Stil ist immer selektiv; er ist nicht anwendbar auf beliebig Verschiedenes. Er ist an den gebunden, der ihn schreibt. Hingegen ist die Spiegel-Sprache anonym, das Produkt eines Kollektivs. Sie maskiert den, der sie schreibt, ebenso wie das, was beschrieben wird. Es handelt sich um eine Sprache von schlechter Universalität: Sie hält sich für kompetent in jedem Falle. Vom Urchristentum bis zum Rock and Roll, von der Poesie bis zum Kartellgesetz, vom Rauschgiftkrawall bis zur minoischen Kunst wird alles über einen Leisten geschlagen. Der allgegenwärtige Jargon überzieht das, worüber er spricht, also alles und jedes, mit seinem groben Netz: die Welt wird zum Häftling der Masche. (…)

Was an ihrer Struktur komplex scheint ist gerade das Trickhafte, das Taschenspielerische: also das Erlernbare schlechthin. Die Kokketterie mit der eigenen Gewitztheit, die rasch applizierte Terminologie, die eingestreuten Modewörter, der Slang der Saison, die hurtige Appretur aus rhetorischen Beifügungen, dazu eine kleine Zahl syntaktischer Gags, sie sich meist von angelsächsischen Mustern herschreiben: Das sind einige der auffälligsten Spezialitäten der Spiegel-Sprache. […] Das tiefe Bedürfnis, mitreden zu können, beutet die Sprache des Spiegel geschickt aus.

Enzensberger zitiert anschließend ein Beispiel aus einem real erschienenen Spiegel-Artikel:

Bei der Schlußfeier der XVI. Olympischen Spiele schickten die australischen Salutschützen dem Muskelkrieg von Melbourne ein martialisches Echo nach. Die Artilleristen Ihrer Majestät der englischen Königin lieferten den aktuellen kriegerischen Kulissendonner zu jenem olympischen Schauspiel, das inmitten einer sehr unfriedlichen Welt zum schlechten Stück geworden war. Sie kanonierten die wie einen Zylinderhut aufgestülpte Schlußfeier-Stimmung und alle preisenden Reden von der Gleichheit und Brüderlichkeit unter sportsleuten zu eitel Schall und Rauch.

Als Enzensberger versucht, das Zitat ins Deutsche zurückzuübersetzen,

so ergeben sich zwei Sätze, die in der Tat knapp sind: „Bei der Schlußfeier der Olympiade wurde Salut geschossen. Das hat uns mißfallen.“ Hätte sich der Verfasser der Passage so ausgedrückt, so wären dem vielbeschäftigten Durchschnittsleser neun Zeilen überflüssiger Lektüre erspart geblieben. Auch die Verständlichkeit der Mitteilung hätte nicht gelitten. Die Vermutung, es wäre dem Schreiber nicht darum zu tun gewesen, daß man ihn verstehe, liegt nahe. In der Spiegel-Fassung ist die bescheidene Nachricht von ihrer Auslegung nicht zu unterscheiden. Information und Kommentar sind derart in die Masche verstrickt, daß sie sich nicht mehr trennen lassen.

Soviel für heute von Enzensberger, vielleicht ein andermal mehr. Im Buch ist übrigens noch eine FAZ-Kritik, eine Wochenschaukritik, eine Taschenbuchkritik und – besonders interessant auch – eine Kritk des Neckermann-Versandhauskataloges. Eine lesenswerter als die andere.

5 Gedanken zu „Gastkritik

  1. Wahrlich ein Klassiker. Wir freuen uns auf den restlichen Kanon Deiner Oberstufen-Literatur. Nächste Woche wünschen wir: Wolf Schneider. Oder Eike Christian Hirsch. Oder E.A. Rauter.

  2. Wolf Schneider, den alten Revisionisten? Soll ich in dem Blog hier zitieren? Freiwillig? Niemals!

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