Bundesamt für Witzzulassungen

Von Rassismus kann man gut leben. Also von Rassismusvorwürfen. Denn nur mit ihnen kann man sich selbst als Antirassist abgrenzen. Psychologen haben für dieses Abgrenzen allerhand Erklärungen parat, aber es ist vor allem simple Ethologie: der Mensch als Familientier braucht ein paar Artgenossen um sich herum, mit denen er sich gegen den Rest der Welt verbündet und für seine Sippschaft sorgt (gerne auch beliebig auf Kosten anderer). Wo das mit Familien und kleinen Dörfern nicht mehr geht, bilden sich Ersatz-Clans auch ohne jede Verwandtschaft – eine Schulklasse hält für gewöhnlich gegen andere Klassen zusammen, auch eine Bundeswehrstube, eine Fußballfanuniform oder eine Twitter-Jüngerschaft schaffen neue Sozialverbände, die sich jeweils durch Abgrenzung von allen anderen definieren.

Es ist daher überhaupt nichts Besonderes, wenn irgendwelche Twitterwesen zu einer Karikatur der BILD über deutsche Politiker lauthals herausposaunen, es handele sich dabei um „rassistische Scheiße“. Man sollte es da auf gar keinen Fall mit Argumentation versuchen, mit Fakten oder Logik – es ist auch egal, ob sich Leute empören, die vor zweieinhalb Jahren noch Charlie waren, denn auch Charlie war ja nur eine temporäre Ersatzfamilie, die billigst mögliche Abgrenzung gegen Terroristen und ein Gute-Laune-Macher (wir stehen zusammen auf der richtigen Seite).

Nicht ganz so belanglos ist es, wenn Journalisten oder reichweitenstarke Journalismuskritiker ihre Peergroup-Fahne auch im Job hochhalten und darüber ein paar Tugenden guter Berichterstattung vergessen. Denn mit seinem Vorwurf, die Bild-Zeitung bediene mit einer Karikatur zur möglichen Jamaika-Koalition auf Bundesebene Klischees, liegt Moritz Tschermak vom Bildblog einfach daneben. Warum? Weil sein ganzer kurzer Beitrag aus Fiktionen besteht statt aus Fakten. Weil er vor lauter Fahnengeschwenke eine Karikatur nicht als Karikatur erkennt und gleichzeitig mit genau den Mitteln der Karikatur die Bild-Zeitung kritisieren will.

Die Ausgangsfiktion: „So stellt sich die ‚Bild‘-Redaktion eben einen typischen Jamaikaner vor: jointrauchend, trommelspielend, rastazöpfig.“

Das ist zunächst schlicht falsch. Denn was sich „die ‚Bild‘-Redaktion“ vorstellt, weiß Tschermak nicht, kann er auch gar nicht wissen, selbst wenn er „die ‚Bild‘-Redaktion“ befragte. Es ist ein weit verbreitetetes Unvermögen im Journalismus, Sein und Schein zu unterscheiden. Was ein Mensch sagt und tut ist das eine, Wahrnehmbare, was er tatsächlich denkt ist das andere, jedem Journalisten Unzugängliche. (Siehe dazu das nun schon öfters referierte Beispiel von Wolf Schneider)

Die Behauptung ist aber auch als bloße Interpretation der Montage äußerst unsinnig: denn es geht bei Karikaturen bekanntlich nicht darum, die Realität abzubilden, sondern sie gerade zu verzerren. Es wird nicht das Normale, Übliche betont, sondern die Besonderheit – und die kann sogar erfunden sein, wie die berühmte Kohlbirne, die zum Selbstläufer wurde.

Wenn Tschermak in der Bild-Karikatur wirklich einen „Klischee-Rausch“ erkennt, sollte er entweder seine eigenen Schubladen neu sortieren oder sich mit ihnen arrangieren. Denn dass ein „typischer Jamaikaner“ Joint raucht, muss man ja erstmal in seinem eigenen Weltrasta so vorgesehen haben, um ihn wiederzuerkennen. (Man kann z.B. mangels Jamaika-Erfahrung die Dreier-Combo mit dem Kreuzberger „Karneval der Kulturen“ assoziieren, was natürlich auch eine Schublade ist – ohne Schubladen funktioniert der Mensch nicht, aber das ist ein eigenes Thema.)

Um das „Stereotypenprogramm“ von Karikatur und Artikel der Bild zu kritisieren, karikiert Tschermak nun seinerseits die Redaktion des Springer-Blattes, indem er ein kurzes Redaktionsgespräch erfindet. Die Intention – siehe oben – können wir nicht kennen, aber je nach Schubladensystem können wir Bildblog-Leser das fiktive Gespräch z.B. unter „Dummbeutel“ oder „Genies“ einsortieren – wie es halt unseren Klischees von der Bild-Zeitung entspricht, wie es in unser Raster oder die Schubladen passt.

Was bleibt? Eine Karikatur ist eine Karikatur. Weder Knollen- noch Hakennase, Baguette oder Wampe sind in einer Karikatur rassistisch, niemals. Rassistisch kann natürlich die Aussage einer Karikatur sein. Doch davon, dass Bildblog eine solche Aussage in der Karikatur von drei weit übernatürlich sympathisch daherkommenden Politikern gefunden hat, steht im Artikel nichts. Es dürfte auch äußerst unwahrscheinlich sein. Die Karikatur sagt etwas über die deutsche Politik, nichts über Jamaikaner. Wer etwas weniger verkniffen ist, kann sie sogar lustig finden. Wer lieber miesepetrig vor sich hin phantasiert (und Ausländerfeindlichkeit identifizieren möchte), könnte als Anregung für weitere Fiktionen u.a. die Fakten „Wahlprogramme“ heranziehen. Die Tüte steckt jedenfalls auch unkaribisch im richtigen Mund.

Zugaben:
Leander Badura zum antirassistischen Blockwartdenken (freitag.de)
Christian Jakob über die „rassifizierte Linke“ (taz)

Ein Gedanke zu „Bundesamt für Witzzulassungen

  1. Das ist verharmlosender und erschreckend kurz gesprungener Unfug. „Rassistisch kann natürlich die Aussage einer Karikatur sein.“ schreibt der Helgoländer, ohne darüber zu reflektieren, wo denn bitte die damit implizierte scharfe Abgrenzung zwischen einer Karikatur und ihrer Aussage anzusetzen sei, und ohne zu reflektieren, ob der in Rede stehenden Karikatur eine – ggf. auch nur unbewusste – rassistische Aussage innewohnt.

    Man kennt diese Relativierungen bis zur maximalen kommunikativen Beliebigkeit, wenn mal wieder ausschließlich auf die Intention einer Aussage abgestellt wird, ohne zu bedenken, dass man durchaus auch gedankenlos objektiv Rassistisches äußern kann.

    Dass statt der o.g. Reflexion über die Kritik des Bildblogs, statt einer inhaltlichen Auseinandersetzung damit, im wesentlichen die Kritik bloß durch Pathologisierung delegitimiert wird, ist – so widerlich und kleingeistig das ist – dann schon par for the course.

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