Lebenspflicht-Journalismus

Was soll eigentlich Journalismus? Viele medienkritische Beiträge vermitteln nicht, dass diese Frage geklärt wäre. Es gibt sicher hunderte Definitionen, die sich in Nuancen unterscheiden oder schlicht in der (systemtheoretischen) Wortakrobatik, doch die grobe Zielrichtung ist dabei unstrittig: Journalismus bearbeitet gesellschaftlich relevante Themen, um Informationen bereitzustellen, die der Meinungsbildung dienen. Kurz gesagt geht es um Aufklärung, weil nur der aufgeklärte Mensch frei entscheiden kann.
Journalismus ist jedenfalls sicherlich nicht Volkserziehung. Journalismus ist nicht Mission. Journalismus ist nicht Kampagne.

Einige Jahre lang wurde als Leitmotiv des Journalismus ein fälschlich Hanns Joachim Friedrichs zugeschriebener Satz gehandelt: Ein seriöser Journalist macht sich mit keiner Sache gemein, auch nicht mit einer guten Sache.

Derzeit habe ich oft den Eindruck, dass es gar keinen Journalismus mehr ohne klares Bekenntnis zu einer vermeintlich guten Sache gibt: Man macht sich gemein mit der Bundesregierung, mit einer bestimmten Politik, mit der Bundeswehr, mit Staatsanwaltschaften, mit Demonstrationen, mit Tortenwerfern.

Natürlich haben Journalisten zu allem möglichen eine Meinung, insbesondere wenn sie recherchieren und sich ausgiebig mit einer Sache befassen. Und es ist gar nicht die Frage, ob Meinungen in journalistische Beiträge einfließen dürfen (sie tun es zwangsläufig immer), die Frage ist, ob Meinungen hinreichend begründet werden. Denn nur dann kann der Rezipient etwas mit ihnen anfangen, kann sie und den Rest des Beitrags einordnen. Eine Meinung, eine Positionierung, eine Haltung alleine ist noch gar nichts, sie ist belanglos. Doch je mehr ein Journalist seine persönliche, aber unbegründete Meinung zur Basis seiner Arbeit macht, um so wertloser wird das Ergebnis.

Einfaches Beispiel: Wetter
Es gibt offenbar eine über alle Mediengattungen hinweg gültige Konvention, dass Wetter nie einfach Wetter ist, sondern dass es stets zu bewerten ist, und zwar bundesweit einheitlich. Die Ankündigung, „es erwarten uns schöne Sommertage“ ist allerdings Nonsens, weil ich beileibe nicht der einzige bin, der Hitze und Sonne hasst und windstille Tage mit 32° C fürchterlich findet. Zum Radfahren wünsche ich mir bedeckten Himmel, genau null „Sonnenstunden“ soll der Tag haben; für Garten und Natur wünsche ich mir jeden Sommer zigfach ausgiebigen Landregen (was übrigens selbst zum Zelten besser ist als betonharter Trockenboden). Und was im Radio später allenthalben als „Schmuddelwetter“ beklagt wird, ist ein wunderbarer Herbst – für mich. Für andere nicht. Deshalb sind Fakten statt Meinungen hilfreich. Ich will nicht vorgeschrieben bekommen, wie ich Wetter zu finden habe.[2]

Schwierigeres Beispiel: Suizid
Eines der großen Anliegen von BILDblog und Umfeld ist offenbar die Suizidprävention. Der Gedanke, eine in den Medien berichtete Selbsttötung könnte jemanden zur Nachahmung ermutigen, treibt die Kollegen in tiefe Sorge. Im Magazin „ÜberMedien“ hat Boris Rosenkranz gerade ein Geschichte im „Tagesspiegel“ für pfui erklärt. Denn unter der Überschrift „Eine schöne Stelle zum Sterben“ hat sich Gerrit Bartels den Ort angesehen, an dem sich vor 3 Jahren der Künstler Wolfgang Herrndorf („Tschick“) erschossen hat.
Rosenkranz kritisiert:

Seit Jahren wissen wir, dass es gefährlich ist, zu explizit über Suizide zu berichten. Weil es, das ist wissenschaftlich belegt, dazu führen kann, dass sich andere Menschen durch die Beschreibung inspiriert fühlen und ebenfalls Suizid begehen, auf dieselbe Weise: der „Werther-Effekt“. Deshalb sollte man Suizide nicht verherrlichen oder romantisieren, man sollte nicht die Methode nennen, auch nicht den Ort. Es gibt dazu etliche Leitfäden.

Über Suizide und Suizidmethoden grundsätzlich nicht zu berichten, ist eine begründungspflichtige Verzerrung der Wirklichkeit. Horst Pöttker formulierte es 1999 unabhängig von diesem konkreten Thema so [3]:

„Verpflichtung zu umfassender Berichterstattung bedeutet: Im Zweifel ist das Nicht-Veröffentlichen zu begründen, nicht das Veröffentlichen. Und ferner: Das Nicht-öffentlich-Werden, das Schweigen und Verschweigen ist für Journalisten tendenziell problematischer als das Zuviel-Veröffentlichen von Überflüssigem oder Schädlichem.“

Den „Werther-Effekt“ kann man nur dann als Unfall der Publizistik sehen, wenn man Suizidenten pathologisiert – was ein gängiger, gleichwohl perfider Trick ist (der im übrigen keineswegs frei von profanen Wirtschaftsinteressen ist): indem man behauptet, ein Mensch mit Selbstmordabsicht sei zwangsläufig nicht-normal, also krank, müsse behandelt werden und sei wegen seiner Störung gar nicht mehr frei in seiner Entscheidung.

Andernfalls nämlich ist es völlig selbstverständlich, dass Berichterstattung und damit Informiertheit zu Verhalten (oder Verhaltensänderungen) führt. Ein schöner Reisebericht lässt Leser an den beschriebenen Ort reisen. Ein Artikel über die Riester-Rente kann dazu führen, dass Leser gerade deswegen „riestern“ oder es ab sofort bleiben lassen. Und die Meldung, dass jemand auf diesem oder jenem Weg erfolgreich aus dem Leben geschieden ist, muss auch dazu führen dürfen, dass sich jemand sagt: „Na also, es geht doch, dann probiere ich es jetzt auch.“
Die Mehrheit der Bevölkerung war entgegen der Bundestagsmehrheit dafür, dass Sterbewillige professionelle Unterstützung erfahren – nicht im Trotzdem-leben, sondern im Sterben.
Dem Pathologisierungsansatz stelle ich im übrigen entgegen, dass viele Menschen, die keinen Suizid begehen, dies nicht aus freier Überzeugung tun. Sie wünschen sich sehnlichst, dass endlich Schluss ist, doch sie wissen nicht, wie sie es machen sollen, sie können es z.T. auch gar nicht (mehr), und dann ist da noch der große soziale Druck: wie werden die Nachbarn reden, welche Schmach für die Familie… Das ist keine Theorie, sondern Empirie.

Ausgerechnet im Fall Wolfgang Herrndorf kommt hinzu, dass er sich vehement für das Recht auf Suizid ausgesprochen hat und die Pathologisierung unerträglich fand.
Deshalb wollte er auch, dass nach seinem Tod genau berichtet wird, wie gut oder schlecht sein Suizid geklappt hat:

„Kaliber, Schusswinkel, Stammhirn etc., für Leute in vergleichbaren Situationen. Das hat mich so viele Wochen so ungeheuer beunruhigt, keine exakten Informationen zu haben.“

Es ist nicht die Aufgabe des Journalismus, Bürger vorm Suizid zu „bewahren“ oder sie – aufgrund von Verschweigen – in naheliegende, aber ungeeignete Suizidmethoden zu treiben. Wer das Thema anfasst, der muss auch recherchieren, welche Folgekosten für die Angehörigen etwa ein ICE-Tod hat.

Im Buch „Letzte Hilfe – Ein Plädoyer für das selbstbestimmte Sterben“ von Uwe-Christian Arnold legt der von mir wahrlich nicht sehr geschätzt Michael Schmidt-Salomon ausführlich die Geschichte der Suizid-Stigmatisierung dar. Es ist mir unbegreiflich, wie unkritisch dieses religiöse Dogma heute von Journalisten übernommen wird – ohne eine nachvollziehbare Begründung dieser extrem bevormundenden Haltung.

Fußnoten
[1] Eine der modischen Distanzierungen von diesem  Satz ist zu proklamieren, man müsse sich als Journalist sogar mit Sachen gemein mache, z.B. mit dem Grundgesetz – was mich nicht überzeugt. Mit einem Gesetz, das von Politikern in bestimmten Situationen ausbaldowert wird, mache ich mich als Bürger normalerweise nicht gemein. Ich halte mich im großen und ganzen an die Gesetze und muss ansonsten die Sanktionen für Verstöße akzeptieren – darf aber gleichwohl für Gesetzesänderungen eintreten, das ist schließlich politisches Tagesgeschäft. Und wer als Journalist das Grundgesetz einmal gelesen hat, wird sich hoffentlich nicht mit diesem gemein machen wollen; stattdessen bietet es jede Menge Themenstoff für die gesellschaftliche Debatte – die allerdings viel zu oft schon im Keim erstickt wird mit einem Geschwurbel von den Vätern und Müttern des Grundgesetzes, die dies und jenes aus guten Gründen…

[2] Das gilt für viele andere Stereotypen ebenso. Etwa die dogmatische Vorgabe, das Wochenende sei der schönste, wenn nicht einzig schöne Teil der Woche und der Montag mit seinem Arbeitsbeginn auf alle Fälle der schrecklichste.

[3] Horst Pöttker: Initiative Nachrichtenaufklärung: Zwölf Thesen über das öffentliche (Ver-) Schweigen; in: Peter Ludes/ Helmut Schanze (Hrsg.): Medienwissenschaft und Medienwertung, Wiesbaden: Westdeutscher Verlag

PS: Beispiel für eine Distanzierung von der eigenen Suizid-Berichterstattung mit Pathologisierung bei der Süddeutschen.

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