Zitate – (Korinthe 80)

In einerRegionalzeitung heute früh stolperte ich über einen Satz von Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder, der bei der Vorstellung seiner Biografie gefallen sein soll und den ich online nun hier gefunden habe:

«An meiner Wiege wurde mit Sicherheit nicht gesungen: Ich werde Bundeskanzler. Aber an Ihrer, Frau Merkel, auch nicht.» (Augsburger-Allgemeine)

Es ist ein Agenturtext von dpa, in meiner Zeitung mit Autorenzeile „Kristina Dunz“ versehen. Warum ich darüber gestolpert bin? Weil ich schon im Kopf eher eine Formulierung hatte, wie sie für den selben Vorgang dann die Süddeutsche postete:

sz-merkel-schroederEin nicht unerheblicher Unterschied!
Aber so ist das mit den „Zitaten“. Die Doktorarbeit, auf die ich am häufigsten verweise, erschien 2001 unter dem Titel: „‚So habe ich das nicht gesagt!‘ – Die Authentizität der Redewiedergabe im nachrichtlichen Zeitungstext“. Autor Alexander Marinos ist heute stellvertretender Chefredakteur der WAZ. In deren Online-Ausgabe findet sich, von Diana Zinkler geschrieben, der Satz ähnlich der dpa-Fassung:

„An meiner Wiege wurde nicht gesungen, dass ich Bundeskanzler werde, aber mit Verlaub Frau Merkel, an Ihrer auch nicht.“

Da wollen wir doch mal der Wahrheit die Ehre geben und abschreiben, was Phönix uns zu bieten hat:

„Wenn Sie mir erlauben, Frau Merkel, will ich darauf hinweisen, dass zwar an meiner Wiege mit Sicherheit nicht gesungen worden ist, dass ich Bundeskanzler werden würde, aber wenn Sie mir das erlauben zu sagen an Ihrer auch nicht, und zwar aus anderen Grünen mit einem völlig anderen familiären Hintergrund natürlich.“

Da haben sich also alle Berichterstatter was zurechtgebogen. „Wenn Sie mir das erlauben“ ist etwas anderes als „mit Verlaub“, und die Anrede „Frau Merkel“ ist alles andere als identisch mit „Frau Bundeskanzlerin“.

Aber was soll man da Korinthen kacken, wo doch ein ganzer großer Journalistenpreis mit einem falschen Zitat hausieren geht.

hanns-joachim-friedrichs-guter-journalist

„Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache.“ Das wird als die große Hajo-Friedrichs-Weisheit ausgegeben. Dabei ist es zusammengepanscht, und Friedrichs selbst hat sich nie als Urheber dargestellt. In seiner Autobiografie schrieb er 1994:

[…] Charles Wheeler. Er war bei der BBC mein väterlicher Freund, und von ihm habe ich mehr über Journalismus gelernt als von jedem anderen. […] Zu seinen Maximen gehörte die Erkenntnis, dass ein seriöser Journalist „Distanz zum Gegenstand seiner Betrachtung“ hält, dass er sich „nicht gemein“ macht mit einer Sache, „auch nicht mit einer guten Sache“; dass er nicht in lauten Jubel einstimmt oder in öffentlicher Betroffenheit versinkt; und dass er auch im Umgang mit Katastrophen „cool“ bleibt, ohne „kalt“ zu wirken. „Immer dabeisein, nie dazugehören“, dieses Journalisten-Motto beschreibt den Reporter Charles Wheeler wohl am treffendsten. (Hanns Joachim Friedrichs: Journalistenleben; München: Droemer Knaur, S. 70f; ähnlich später nochmal im Spiegel 13/1995 kurz vor seinem Tod, ohne Wheeler zu nennen)

 

 

 

 

 

6 Gedanken zu „Zitate – (Korinthe 80)

  1. „„Wenn Sie mir das erlauben“ ist etwas anderes als „mit Verlaub““
    Inwiefern? Beides drückt doch in dem Zusammenhang dasselbe aus.

  2. Nein, das ist sprachlich ein großer Unterschied. „Wenn Sie mir das erlauben“ ist eine Höflichkeitsfloskel zur Einleitung eines Beitrags, der nicht ganz zum Thema passt, weiter ausholt o.ä., während „mit Verlaub“ stets den Krawall-Karakter der folgenden Aussage betonen soll und in die Richtung geht, wie sie Joschka Fischer am 18. Oktober 1984 in die deutschen Zitatbücher schrieb: „Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch.“

  3. Ich benutze in vielen Angelegenheiten nach der Anrede die Einleitung „Mit Verlaub, ……….“, wenn Mann/Frau mit mir unsinnig kommuniziert hat, z.B. aktuell mit anschließender Belehrung:

    „Sehr geehrter Herr xxxxxxxx,

    mit Verlaub, Ihre Nachricht verwundert mich.

    Ihre freundliche Büro-Dame hat nach Rücksprache mit Ihnen, meine Telefon-Nummer aufgenommen und mich dahingehend informiert, dass Sie mich am Nachmittag anrufen würden. Da Sie dazu keine Gelegenheit gefunden und ich einen Arzt-Termin um 15.45h hatte, meinte ich in meiner E-Mail von 15:19h mit ‚abstimmen‘ wann wir in einer für Sie und mich besseren Terminlage ein beidseitiges Telefon-Gespräch führen können – daher auch der Hinweis auf meine Abwesenheit in Berlin in der nächsten Woche.

    Auf Ihre Vermutungen gehe ich nicht weiter ein, das ist mir fremd. Hatten Sie keinen guten Tag?

    Nun empfinde ich es so, dass es beendet ist, bevor es begonnen hat – schade um die Sache.

    Mit freundlichen Grüßen

    WOLFGANG HOFFMANN & Partner
    Beratender Dipl.-Math.
    OBJECT-INNOVATION
    Web http://www.object-innovation.de

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