Neue Bücherverbrennung gefällig ?

Stern.de hat heute mal wieder einen Aufreger zusammenkonstruiert: „Amazons braune Ecke„. Es geht darum, dass man beim Online-Händler amazon CDs von den „Böhsen Onkelz“ und Bücher wie „Der Sieg des Judenthums über das Germanenthum“ kaufen kann.

Dass amazon nicht der kleine, chaotisch-intellektuelle Buchladen im vermüllten Kreuzberger Hinterhof ist, hat Autor Jochen Siemens schon selbst festgestellt. Und doch erwartet er ein journalistenpolitisch korrektes Programm, was nach den Standesregeln alles ausschließt, das (nur) an deutschen Stammtischen diskutiert wird.

Die Onkelz haben für meine Ohren keine Musik, sondern nervtötendend Krach produziert. Aber das ist halt nur mein Geschmack. Wenn heute eine Onkelz-Cover-Band auftritt, ist die Halle voll Menschen und die Lokalzeitung voller Begeisterung. Journalisten hatten Jahre lang Zeit, gegen die Onkelz anzuschreiben. Sie haben sich aber lieber rechtzeitig auf die Echo-Gewinnerseite gestellt, wie immer, schließlich sind diese ganzen bekloppten Krach-Fans ja auch ihre Medien-Kunden. Den Rest muss dann tatsächlich der Markt machen. Noch ist unser Bundesimmissionsschutzgesetz zum Glück nicht so diktatorisch, dass sich damit freiwillige Onkelz-Beschallung verbieten ließe. Und stern.de ist – so gerne der Laden es wohl wäre – noch keine Außenstelle der Bundeszensurbehörde, dieser alten Wacht gegen Schmutz und Schund.
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Wenn Journalistinnen mit dem Leben kollidieren

Gestern Abend habe ich es noch für einen peinlichen PR-Versuch gehalten, wie stern.de eine Nicht-Geschichte zu pushen versucht. Heute Morgen habe ich noch zwei Tassen Kaffee lang die aufbrausende Hysterie ignoriert, mir dann doch den „stern“ gekauft (und zwar, das war das Mindestmaß an Anstand – im Lidl).
Die Frage, ob der Mensch ein intelligentes Wesen ist, hat mich über den Tag nicht mehr bewegt als sonst – das übliche Grundrauschen quasi in dieser Gaga-Welt. Aber die Frage, was wohl Journalismus sein könnte -die war präsenter als im langjährigen Durchschnitt.

Nehmen wir Sueddeutsche.de. Dort lesen wir (derzeit als dritte Meldung):

„Brüderles Blick wandert auf meinen Busen“, berichtet sie [stern-Redakteurin Laura Himmelreich] dort, anschließend habe der FDP-Mann gesagt: „Sie können ein Dirndl auch ausfüllen.“ Im Laufe des Gesprächs habe er nach ihrer Hand gegriffen und diese geküsst.

Als Himmelreich versucht habe, den Politiker daran zu erinnern, dass sie Journalistin sei, habe er nur geantwortet: „Politiker verfallen doch alle Journalistinnen.“ Anschließend soll sich eine Sprecherin Brüderles bei Himmelreich entschuldigt haben.

Das ist offenbar eine professionelle nachrichtliche Zusammenfassung des „Themas“: Ein Mann schaut auf den Busen einer Frau neben ihm. [1] (Dazu ist er da. Muss ich Frauen ihre Anatomie erklären? Dass es sich bei nicht-laktierenden Frauen wohl nicht um einen Milch-Euter – „Körbchengröße 90 L“ – handelt, sollte auch biologisch ungebildeten Journalistinnen bekannt sein, und ansonsten mögen sie sich mal ein beliebiges nullipares Säugetier genauer betrachten.)
Daraufhin sagt der Mann etwas zum Aussehen der Frau. Und diese, statt darauf zugänglich oder abweisend zu reagieren, schreibt ein Jahr später einen Artikel, für den belanglos noch ein Euphemismus wäre, der aber gleichwohl vom Journalistenvolk zur investigativen Geschichte des – gütig sei es hinzugefügt – noch jungen Jahres erkoren wird.

Spiegel-Online-CvD Patricia Dreyer, vor fünf Jahren vom Blut-und-Titten-Blatt „BILD“ zum keuschen Online-Spiegel geflüchtet, beklagt als alltäglichen Sexismus:

Wenn ich, Chefin vom Dienst bei SPIEGEL ONLINE, im Büro ans Telefon gehe, höre ich nicht selten „Verbinden Sie mich bitte mit dem Chef vom Dienst“ – weil ich eine Frau bin, ist es wohl unvorstellbar, dass ich im SPIEGEL-Verlag Führungsverantwortung trage. – Stopp!

Susanne Herrmann darf auf Werben & Verkaufen in Laura Himmelreich’s Schilerung sexueller Übergriffe eine „Offenbarung“ sehen.

Ursula Kosser promotet ihr Buch „Hammelsprünge“ in der taz unter der Überschrift: „Brüderle ade –
Es gibt kein Recht auf sexuelle Anmache kraft Amtes“.

Bevor der Lärmsender „star.fm“ gerade den Sexismus von Rainer Brüderle zum Staatsthema Nummer eins erkor, lief noch ein Jingle fürs „Breakfast-Radio“: Wer hat den Längsten in Berlin.

Am Sonntag erwartet und bei Günther Jauch wohl die Frage: Zerbricht Deutschland am Gockel?

Wie soll man Medien, die dem alltäglichsten aller Themen nicht gewachsen sind, noch irgendeine Leistung zutrauen, wenn ihr Personal nicht einmal diese sechs Worte über die Lippen bekommt: „Ich danke Ihnen für dieses Gespräch.“

Timo Rieg

[1]= Wenigstens etwas hilfreich könnte ja sein zu prüfen, ob dem „Täter“ straf- oder zivilrechtlich etwas vorgeworfen werden könnte (und dann auch müsste, sprich: verhandelt würde). Da ist aber auch nach der langatmigen Schilderung im Heftchen nicht zu erahnen. Danach sollte man alle „Standesregeln“ durchgehen, Selbstverpflichtungen etc. Und wenn dann immer noch nicht zu finden ist, sollte mal geprüft werden, ob es sich um eine „Befindlichkeit“ handelt – und ob dies nach den im jeweiligen Medienhaus gebräuchlichen Relevanzkritierien die Öffentlichkeit tangieren müssen.

Ergänzungen:

* Kritisch zur stern-Berichterstattung: Wibke Bruhns im Tagesspiegel.

* Und zur Debatte an sich Thomas Stadler.

* Wo ist die Eigenleistung der kommerziellen Medien, wenn sie nur wiederkäuen, was – hoch repräsentativ – auf Twitter erzählt wird? Z.B. Spiegel-Online, FAZ , Berliner Zeitung, Berliner Morgenpost.

* lesenswert differenziert zur „aufschrei“-Debatte: frau meike

* Dass ausgerechnet Rechtsanwalt Ralf Höcker zeigt, was Journalismus u.a. zu leisten gehabt hätte (nämlich: Fragen stellen)…. – bei VOCER.

* Die Frage, warum die Geschichte erst nach einem Jahr aufgewärmt wird, „schwächt die Bestandsaufnahme der Journalistin“ nicht nur, wie Katja Bauer in der Stuttgarter Zeitung schreibt, sie macht sie quasi unüberprüfbar. Denn wenn nicht jemand die Szene mit Ton gefilmt hat, ist nach dieser Zeit auf die menschliche Erinnerung nicht viel zu geben (und schon gar nicht nach der Veröffentlichung des stern-Artikels).

stern.de als Steigbügelhalter für Selbstdarsteller in Verbrecher-Milieu

Dass sich Journalisten echaffieren, was sie wenige Tage zuvor doch für unreflektierten Quark Aufmerksamkeit heischend verbreitet haben – eine alte Nummer (Stichworte: Gladbecker Geisel-Drama, Amoklauf von Ganzegal). Dass sich Journalisten aber schon während ihrer Berichterstattung über eben diese ihr Haupt schütteln, ist eine interessante und eher neue Spielart. Es geht nicht um die übliche Heuchelei: „Wir haben uns in der Redaktion lange überlegt, ob wir Ihnen diese Bilder zeigen dürfen…“

stern.de attestiert sich Geschmacklosigkeit - denn ohne Publikum wäre Oliver Pochers Aktion keine Aktion gewesen. Stern.de hat nämlich – wie einige andere Medien – beim heutigen Prozessauftakt in der Causa Kachelmann in Mannheim einen falschen Kachelmann entdeckt: Oliver Pocher nutzte die hungrige Medienmeute für einen kleinen Clown-Auftritt. (Und auf diesen hat die Medienmeute auch gewarte – denn was soll es von einem ersten Prozesstag zu berichten geben, was man nicht schon wüsste, ahnte oder ohnehin nicht wissen will?)  Doch nicht nur, dass stern.de Pocher Geschmacklosigkeit vorwirft für eine Satirepraxis, die zumindest Martin Sonneborn großes und bedächtiges Kopfnicken eingetragen hätte*), – die Online-Redaktion echauffiert sich mit einer ganzen Bilderstrecke über Pochers unanständige Promotion-Aktion.

*)= Es wäre zumindest hilfreich die Bewertungskriterien offen zu legen, nach denen Pocher ein reiner Selbstdarsteller ist und kein genialer Satiriker, der mit den Beutereflexen der Medien spielt.