Jauch und Rezensenten auf Augenhöhe

Den Sonntagstalk bei Günther Jauch zu kritisieren ist kein Kunststück, weil er sich brav an alle Regeln hält, die das Fernsehen in den letzten Jahren dafür entwickelt hat.
Wie so oft hatte das plakative Thema wenig mit der Sendung gestern zu tun, aber viel mit der Sendungsqualität, das Potential des Diskussionspersonals ließ auf wenig Bereicherung hoffen: „In Gottes Namen – wie gnadenlos ist der Konzern Kirche?“
Um hinten anzufangen: es gibt „den Konzern Kirche“ gensauso wie „den Konzern Fernsehen“ oder das Familienunternehmen „die Zeitung“. Dieser Hinweis ist keine Petitesse. Der Sendungstitel zeugt entweder von der Absicht der Redaktion, bewusst auf Krawall zu bürsten und der Unterhaltung wegen den ganzen Glaubensquark in einen Topf zu werfen, oder aber von völliger Unkenntnis der Materie.

Diskutiert wurde dann auch elend lang nur über einen Einzelfall der römisch-katholischen Kirche. Auf den größten Arbeitgeber nach dem Staat kommt man aber nur, wenn man alle Kirchen und deren selbständige Verbände zusammenfasst, also auch Caritas, Diakonie und 20 Landeskirchen nimmt. Die bilden allerdings keinen gemeinsamen Konzern, es sind Konkurrenzunternehmen – und zwar mehr im Hinblick auf Beschäftigte als Mitglieder oder – was etwas ganz anderes ist – Kunden.

Jauch hatte nicht im Ansatz vor, über die Arbeitsbedingungen bei kirchlichen Einrichtungen zu sprechen. Nicht einmal über katholische Krankenhäuser wollte er sprechen, und sein Verständnis von „Gnade“ behielt er für sich. Stattdessen debattierte er anhaltend darüber, was wohl Kardinal Meisner mit einer Presseerklärung gemeint haben könnte (offenbar ohne sich vorher schlau gemacht zu haben), und über uralte Fragen zur Abtreibung. Sein Erkenntnisinteresse war ganz offensichtlich null, so dass dieses von der Runde vollumfänglich befriedigt werden konnte.

Doch wenn es gegen „die Kirche“ geht, dann halten „die Journalisten“ fester zusammen als das Opus Dei. So langte dann stern.de – die digitale Ausgabe des neuen deutschen Anstandsmagazins – mit einer Rezension nach unter dem Titel „Diese Kirche braucht kein Mensch“.

Was in der Sendung schon alles nicht gesagt wurde, hat Autor Mark Stöhr nach Kräften falsch verstanden und um eigene Weltanschauungen ergänzt. So „könnte einem die Kirche ja egal sein“, journalistisch gesehen, wenn bei „ihr“, dieser Kirche, nicht „fast eineinhalb Millionen Menschen (…) in Brot und Lohn“ stünden.

Von Spiegel-Online lässt sich Mathias Zschaler seine Ahnungslosigkeit vergüten. Im „Kirchen-Talk“ entdeckte er eine

„Parallelwelt […] die durch den Betrieb von Kindergärten, Schulen, Krankenhäusern im wahrsten Sinne mitten unter uns ist, aber zugleich fernab jeder Lebensrealität agiert.“

Zschaler muss keine Kindergärten besuchen, ihm reicht ein bisschen Fernsehn, um daraus einen investigativen Artikel zu stricken – Spiegel-Genre „Kolportage“.

Es ist ohnehin eine merkwürdige Unart insbesonddere der Online-Medien, Fernsehen nachzuerzählen. Zschaler’s Text setzt sich weder mit der Sendung auseinander noch dreht er die Geschichte weiter, recherchiert nicht dort weiter, wo Jauch am Sonntag eingeschlafen ist.

Aber eine Frage an den Experten für Lebensrealität hätte ich noch: Ist es möglich, dass der Besitz des richtigen Parteibuches hilfreich sein könnte, wenn man bei einer Partei arbeiten möchte? Oder als Schreiberling in einem Verlag? Oder als Richter an einem Bundesgericht?

Vordergründig subtiles Geschwafel

Vorlage für eine Feuilleton-Satire gefällig? Sascha Jouini lesen:

Pianist David Fray wartete mit sehr weichem, geschmeidigem Anschlag auf und war sehr um ein ausgeglichenes Gesamtbild bemüht. Dabei setzte er indes ziemlich schwach Akzente. Seine Interpretation mutete in ihrer Dezenz unspektakulär, ja sogar etwas glatt an, obwohl ihm das Orchester genug Gelegenheit zu solistischer Entfaltung gab. In der Romanze behielt Fray diese vornehm-zurückhaltende Linie bei, spielte vordergründig subtil, in Wirklichkeit aber dynamisch und auch in emotionaler Hinsicht eher flach; der leidenschaftliche Ausbruch im Mittelteil ließe sich viel spannender vorstellen. Beim Rondo-Finale ergab sich ein ähnlicher Eindruck wie im Kopfsatz: Das Orchester begann mit viel Energie, um sogleich vom Pianisten auf streng gezügelte Bahnen zurückgeholt zu werden. Bei aller Kultiviertheit – so intellektuell tiefsinnig, wie es zunächst schien, war Frays Spiel keineswegs. (Gießener Allgemeine)

Zugabe von Jouini? Bitte.