Mit ‘Recherche’ getaggte Artikel

Vermeldungen und Verwurstungen

Montag, 09. September 2013

* Die Polizei ermittelt nicht nur in eigenen Dingen, sie übernimmt auch die Berichterstattung über ihre Arbeit selbst. Journalistische Fragen spielen im Transfer jedenfalls nur selten eine Rolle, wie man am gepflegten Schlagwort von der “wachsenden Gewalt gegen Polizisten” sehen kann. Dies schafft es in jede passende Nachricht – stets ungeprüft natürlich. Denn Gewalt gegen Polizisten ist, was Polizisten dafür halten – wie bei der Kriminalstatistik werden nicht Verurteilungen gezählt, sondern Ermittlungsverfahren. Und wenn sich da tatsächlich eine qualitative Veränderung zeigen sollte, bliebe die wichtige Frage: Woran liegts. Wenn der kleine Bruder häufiger heulend zu Mama rennt, muss jedenfalls nicht zwingend der größere gewalttätiger geworden sein.

* Ebenso unreflektiert wird der Erfolg von “Body-Cams” an Frankfurter Polizisten vermeldet. Polizisten werden damit zu Google-Streetview auf zwei Beinen (und mit etwas weniger Panorama). Aber selbst Journalisten dürfen einzelne Polizisten nicht fotografieren, wobei sie in übergriffstypischen Situationen wie Demonstrationen ohnehin vermummt sind. Selbst gegen eine Kennzeichnung durch Nummern wehrt sich Hessens Innenminister bekanntlich. Da muss man kein “Kriminologisches Institut” leiten, um zu prognostizieren, auf welcher Seite die amtlich festzustellende “Polizeigewalt” weiter wachsen wird.

* Empirisch betrachtet gibt es entgegen der Lehrmeinung nur ein Nachrichtenkriterium: “Lässt sich das irgendwie zu einer Story verwursten?” Anders ist die geschlossene, dem Credo von der Medienvielfalt Hohn sprechende Berichterstattung über den “Erpressungsversuch” nicht zu erklären, den Peer Steinbrück selbst als unpolitischen Nachbarschaftszwist einstuft.

Erfreulicherweise verweigern sich die politischen Gegner diesen Spielchen. So beteiligen sich Union und FDP nicht an der Schmutzkampagne gegen Steinbrück, genauso wie die Opposition auf die ungeklärten Plagiatsvorwürfe gegen Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) nicht eingeht. (Neue Osnabrücker Zeitung)

Jetzt müssten nur noch die Medien ihre Klappe halten. Aber Politik – lässt sich halt nur sehr schwer zu einer Story verwursten.

* Etwas weniger Blähung hätte dem taz-Artikel “Arschkarte gezogen” gut getan. Denn mit der Unterzeile “Sie warben mit fremden Ärschen. Jetzt sind sie selbst gekniffen: Der Wahlwerbespot der Republikaner muss vom Netz.” ist alles Notwendige gesagt. Wenn es aber unbedingt mehr werden sollte, dann könnte auch Platz für Details sein. Dass der Anwalt der Komparsen, die gegen die Ausstrahlung des Werbespots geklagt haben, zufällig auch der Hausjurist der taz ist etwa.  (Und der könnte der taz auch endlich mal erklären, dass “ein Ordnungsgeld von bis zu 250.000 Euro” niemals eine Meldung ist, weil solch ein abartig hohes ordnungsgeld natürlich nicht droht, sondern schlicht der gesetzliche Höchstbetrag ach § 890 ZPO ist, den schon vorab auf ein angemessenes Maß zu stutzen die Richter unwillig sind.) Verzichtbar, ansonsten aber erklärungsbedürftig ist auch folgender Absatz:, der den Eindruck erweckt, eine Strafanzeige sei das neue Blockwarttelefon:

Auch die Berliner Agentur Wanted ist stinksauer – und erstattete gleich noch Anzeige beim bayrischen Zoll. Der möge einmal prüfen, ob die Sunshine GmbH den Auftrag ordnungsgemäß gemeldet, gegebenenfalls Steuern und Abgaben, abgeführt habe.

Halbe Wahrheit wäre schon viel im Journalismus

Donnerstag, 25. Juli 2013

Endlich wieder mal flächendeckend eine Meldung über die Kosten des Rauchens. Aus Zeitgründen aber leider nur drei Zeilen dazu dort. (Zur Meldung u.a. bei t-online, zeit.de )

Seitenfülljournalismus

Montag, 27. Mai 2013

Gibt es Illustrationsjournalismus? Oder ist das einfach Hirn-aus-Seite-voll-Alltag, wenn eine Redaktion ein so herrliches Bild von galoppierenden “Wildpferden” ins Blatt klatscht und mit etwas idyllischem Agenturtext garniert?

“Immer am letzten Samstag im Mai wird die Herde der frei lebenden Tiere zusammengetrieben, um die einjährigen Hengste zu fangen.”

Mit ein ganz bisschen Fragebereitschaft (oder -vermögen?) hätte dem Seitenbastler der Gießener Allgemeinen Zeitung (Ausgabe vom 27. Mai)  dünken können, dass ein solches Spektakel vor 15.000 zahlenden Gästen auch kritisch gesehen werden kann. Was sollen Wildpferde in Deutschland sein? Wozu treibt man die zusammen? Und warum werden einjährige Hengste herausgefangen (was mit “Geburtenkontrolle” nichts zu tun haben kann)?

Die Stadt Dülmen selbst als Vermarkter des Cowboy-Spektakels erläutert den tieferen Quatsch der Bedeutung. Es wäre also nicht grundsätzlich unjournalistisch gewesen, das schmucke “Wildpferde”-Foto durch zwei bis drei Gehirnwindungen laufen zu lassen, um seine Schönheit und Aussagekraft erneut zu beurteilen.

Nicht gegen den Pressekodex verstoßen hätte auch der Texthinweis, dass ausgerechnet an diesem Samstag das geschehen war, wovor Tierschützer schon lange warnen: ein Fohlen wurde totgetrampelt. Dazu gibt es auch schmucke Fotos.

Lesetipp: Katastrophaler Wirtschaftsjournalismus

Dienstag, 27. November 2012

Sebastian Dullien, Journalist und Professor für Volkswirtschaft an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin spricht von einem geradezu unterirdischem Wirtschaftsjournalismus in Deutschland. Anstatt selber hart zu recherchieren würden sich immer wieder Redaktionen hinter so genannten Experten und Wirtschaftsweisen verstecken. [...] “[Hans Werner] Sinn behauptet ein katastrophales Export-Defizit genau in dem Jahr, in dem Deutschland real Export-Weltmeister war. Trotzdem wird er immer wieder von den Medien hofiert und durch die Talkshows geschleust”, bedauert Dullien.

bei evangelisch.de

Jugendschutz bei Erwachsenen?

Samstag, 28. Januar 2012

“Landesregierung will Jugendschutz verbessern” – dieser Satz fand sich gestern in vielen hessischen Zeitungen in der Subheadline zum neuen Spielhallengesetz. Über den inhaltlichen Kokolores der Neuregelung kann man an anderer Stelle den Kopf schütteln, uns interessiert nur: welche Jugend soll da geschützt werden? Spielhallen dürfen von Jugendlichen nicht betreten werden. Punkt. Ob die nun eine oder sechs Stunden am Tag geschlossen haben müssen oder künftig mindestens 300 Meter Luftlinie auseinander liegen ist da reichlich schnuppe.

Lesebeute: Recherchen beim Zoll

Montag, 04. Oktober 2010

(Pressemitteilung des DokZentrum, Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg)

Keine Atomwaffenzünder für den Iran. Oder: Ein Flughafenzöllner, der entlassen wird – der Fall Stefan R.

Unter diesem Titel wird im DokZentrum ansTageslicht.de der Fall des jungen Zollbeamten Stefan R. wieder aufgerollt, der im November 2002 nachts um 3 Uhr auf dem Flughafen Frankfurt am Main spontan reagiert und das Zollkriminalamt und Bundeskriminalamt alarmiert hatte. Ein sofort aktiviertes Sicherheitskommando konnte vier Stunden später die heiße Ware sicherstellen: 44 “Fast High Voltage Transistor Switches” des Typs “HTS 31-480-SI” – so genannte Dual Use-Güter. Eigentlich für medizinische High-Tech-Zwecke konstruiert, kann man sie auch zu Atomwaffenzündern umfunktionieren. Genau dies sollte im Iran geschehen, dem geplanten Bestimmungsort der 44 Hochfrequenzschalter. So hatten es Ermittlungsbehörden später festgestellt. Der rechtzeitig verhinderte Export: ein klarer Erfolg für die internationale Weltgemeinschaft. Kein Erfolg allerdings für den Jungzöllner: Er wurde entlassen. (mehr …)

DuMont für mehr investigative Recherche

Montag, 07. Dezember 2009

Konstantin Neven DuMont fordert, den investigativen Journalismus zu stärken, gerade auch in den Kommunen. In der zum Verlag DuMont Schauberg gehörenden Frankfurter Rundschau schreibt er u.a.:

Dazu können investigativ arbeitende Medien einen entscheidenden Beitrag leisten. M. DuMont Schauberg entwickelt gerade Konzepte, den Anteil investigativer Reportagen in seinen Blättern zu erhöhen. Daneben gibt es Überlegungen, eine Vermarktungsplattform für Bezahlinhalte deutschsprachiger Verlage und Autoren zu gründen. Damit soll die Möglichkeit geschaffen werden, hochwertige journalistische Inhalte nicht länger im Internet zu verschenken.