Unfassbare Aktionslosigkeit

Zur Berichterstattung über eine kleine spontane Demonstration im Wendland, die nachfolgende Polizeiarbeit und das große Versagen des Journalismus.

Eine inzwischen lange Sammlung, die unten weiterhin ergänzt wird. 
Summary als Kommentar

1. Einleitung

Die professionellen Nachrichtenmedien Deutschlands haben über das Pfingstwochenende mal wieder einen Skandal inszeniert, der mehr als lehrbuchmäßig ein journalismusfreies Publikationsbusiness zeigt. Das Verhalten der Nachrichtendistributoren erinnert an die Bahnmitarbeiter, die einige Zeit an Fahrkartenautomaten postiert wurden, um dem willigen Transportgut dessen Bedienung zu erläutern und damit den eigenen Arbeitsplatz oder den der Kollegen am Schalter abzubauen.

Das Presse-Äquivalent: Landauf landab übernehmen Redaktionen ohne jede eigene Recherche eine Pressemitteilung der Polizei, skandalisieren sie und kolportieren die von ihnen so geschaffene, bis aufs Komma völlig vorhersehbare Erregung. Das lässt sich bequem mit dem Smartphone vom Grill aus erledigen. Es lässt sich allerdings auch komplett ohne Journalisten erledigen.

Erst kürzlich echauffierte sich eine Journalisten-Gewerkschaft (die sinnigerweise und zukunftsweisende auch PR-ler vertritt), die Polizei mache mit ihren Pressemitteilungen im Internet den Job der freien Presse. Rauszuhören war schon damals, dass es nicht darum geht, selbst zu recherchieren (denn dann störten behördlich verbreitete Statements ja nicht), sondern die “Bullenmeldungen”, wie das in der stahlarbeiterkampferprobten Ausbildungsredaktion am Niederrhein  hieß, von einem nicht-öffentlichen Kanal auf einen öffentlichen zu heben. Früher wurden dazu Faxe abgetippt (und prosaisch aufgehübscht), heute geht’s mit Copy&Paste (weshalb die Damen von der Texterfassung längst zum privaten Sicherheitsdienst oder der mobilen Altenpflege gewechselt sind).  Weiterlesen

Schnibbens Banalisierungsfabrik

Ob Cordt Schnibben wirklich geeignet ist, die besten journalistischen Produkte in Gestalt von Reportagen auszuzeichnen? Auch wenn Können und Können-entdecken nicht zusammenfallen müssen – angesichts solcher Kommentare bin ich unsicher:

Es ist völlig okay, Boulevardjournalismus doof zu finden. So wie man auch die SPIEGEL-Zeitschrift doof finden darf, manches, war Correctiv macht etc. (Wobei es natürlich auch besonders billig ist, Boulevard zu verachten, distanziert man sich damit doch nur vom Lesepöbel.) Aber wenn man für den Applaus seiner Fans so tut, als sei man mit einer Sechs-Wort-Überschrift der BILD-Zeitung ernsthaft überfordert, wird es peinlich.

Die BILD hatte heute getitelt: “Ausländer dürfen über deutsche Regierung abstimmen“. Cordt Schnibben schlägt als weitere Überschriften u.a. vor: “Schwule dürfen über deutsche Regierung abstimmen.” Warum ihm beim Assoziationsspiel zu “Ausländer” die Begriffe “Frauen” und “Schwule” einfallen, mag er vielleicht noch irgendwann erläutern; doch während die BILD-Schlagzeile journalistisch korrekt die Nachricht fokussiert, spinnt Schnibben Nonsens.
Es mag ja sein, dass er keine Erwähnung wert findet, was der BILD zum Aufmacher taugt. Das macht den BILD-Artikel (auf den Schnibben mit keinem Wort eingeht) aber nicht journalistisch falsch, fragwürdig oder irrelevant. Über die Entscheidungsmacht der SPD-Mitglieder wird ja nun tatsächlich landauf, landab diskutiert (auch unter Politologen). Da ist es schon ein relevanter Hinweis, dass über die Regierungskoalition im Zuge des Mitgliedervotums nun auch Menschen entscheiden können, die in Deutschland kein Wahlrecht haben: die also nicht mitentscheiden durften, welche Partei wie stark wird, die nun aber mitentscheiden dürfen, ob die SPD in die Regierung geht (was auch alle Nicht-SPD-Wähler betreffen wird).

Statt ihren Kollegen auf die Peinlichkeit seines Assoziationsspiels aufmerksam zu machen, treibt die bei diesem Thema derzeit unvermeidliche Anja Reschke es noch weiter, direkt bis zum Schmerzpunkt:

Immerhin verweist Reschke auf einen Text, der “soziale Zusammensetzung der Parteimitgliederschaften” thematisiert. Und trotzdem geht ihr Einwurf am BILD-Thema vorbei: denn dass die Mitgliederstruktur in Parteien nie die Bevölkerung widerspiegelt, ist bekannt und geradezu zwingend (sonst bräuchte es ja keine Parteien). Und warum die guten atheistischen Frauen nur auf Twitter groß sind, nicht aber in den Parteien, könnte Panorama ja bei Gelegenheit mal untersuchen. All das hat aber nichts mit dem Artikel der BILD zu tun. Und wer das nicht versteht, empfiehlt sich nicht gerade als Welterklärer oder Notengeber für Welterklärer.

Stattdessen bestätigen die beiden Journalisten und ihre Jünger natürlich einmal mehr, wie Medienmainstream funktioniert: nicht von irgendwo gesteuert, natürlich nicht, sondern aus freien Stücken – aufgrund gleicher Sozialisation, ähnlicher persönlicher Interessen, identischer Informationsnetzwerke etc.

Dass es bei solchen Tweets um mehr geht, als Boulevard allgemein oder speziell die BILD blöd zu finden, zeigen viele Reaktionen darauf: Das Assoziationsspiel geht weiter, den Artikel der BILD hat niemand gelesen, Falschinformationen machen die Runde, das eigene Weltbild wird  mit Freude und Phantasie ausgeschmückt – es passiert also genau das Gegenteil von dem, was Journalismus will (oder wenigstens soll). Und deshalb muss man sich über solche Twitter-Botschaften aufregen.

PS: Warum stören sich ausgerechnet Menschen, die sich für sehr weltoffen und -erfahren halten, immer an der Bezeichnung “Ausländer”, die sie doch vom eigenen Rollenspiel in der Ferne nur zu gut aus der anderen Perspektive kennen sollten?  Weiterlesen

Perspektivwechsel: Polizeihetze verursacht Unfall

Mit einer waghalsigen und unverhältnismäßigen Autojagd hat die Polizei in Darmstadt das Leben zahlreicher Passanten gefährdet. Wie durch ein Wunder gab es am Ende nur zwei Verletzte.
Nach Angaben der Polizeipressestelle hatten Beamte “das Auto in der Innenstadt kontrollieren wollen, der 29-jährige Fahrer gab jedoch Gas.” Anstatt dem Flüchtigen verdeckt zu folgen oder in Ruhe über das Autokennzeichen den Halter zu ermitteln, jagten die Polizisten ihre Beute mit Blaulicht und Martinshorn durch die Innenstadt, bis es zu einem Unfall kam. “Nach der Kollision mit einem Verkehrszeichen und einem Ampelmast war das Auto so beschädigt, dass es nicht mehr weiterfahren konnte”, teilt die Polizei mit.
“Solche Verfolgungsfahrten durch die Polizei treiben den Verfolgten in eine Angstspirale, bei der er völlig die Kontrolle über sein Handeln verliert”, erläutert Verkehrspsychologe Fred Steinhauer auf Anfrage. Aus der Angst, ohne Führerschein erwischt zu werden, entstehe so regelmäßig ein immenser Schaden, nicht selten mit Verletzten oder sogar Toten.
Die Polizeibehörde hingegen zeigte sich in einer ersten Reaktion gestern uneinsichtig. “Wer vor der Polizei abhaut, hat etwas zu verbergen und muss ohne Wenn und Aber sofort gestellt werden”, sagte Darmstadts Polizeipräsident Walter Verknackdich.

Die auf einer Pressemitteilung der Polizei beruhende Agenturversion liest sich allerdings gewohnt anders.

Siehe auch: Zirkusjournalismus