Mit ‘Netzwerk Recherche’ getaggte Artikel

Qualitäts-Treiber Recherche: Impressionen von der NR-Jahreskonferenz

Montag, 04. Juli 2011

Das Netzwerk Recherche (nr) hat seine Jahreskonferenz ausgerichtet – wie immer beim NDR in Hamburg. Die Berichterstattung wird derzeit stark von Interna geprägt. Einige Spotlights zu den Konferenzthemen:

Kachelmann & Co – Wenn Journalisten zu Richtern werden

Sabine Rückert (Die Zeit) gab sich keine große Mühe, sympathisch rüber zu kommen – eigentlich redet sie auch gar nicht mit Journalisten, meinte sie – “was soll man auch reden?”. Dabei sind ihre Innenansichten deutscher Gerichtsberichterstattung wirklich stark. Sie kennt die Wirkung ihrer Texte – “ich überlege mir jeden Satz” -, sie reduziert Journalisten nicht auf Kolportierer, sondern verlangt von ihnen zu verstehen und Unrecht zu verhindern (weshalb sie kein Problem darin sieht, Kachelmanns ersten Anwalt Reinhard Birkenstock den Tipp gegeben zu haben, Rechtsanwalt Johann Schwenn ins Boot zu holen, weil er Experte für Falschbeschuldigungen sei), und sie ist mit ihrer Arbeit schlicht zufrieden (“ich wusste ja alles” – nach eigener Aussage lagen ihr die gesamten Prozessakten vor).

Sabine Rückert sprach sich deutlich für die Öffentlichkeit von Prozessen aus. Die Medienberichterstattung habe dem Prozess unterm Strich genutzt und nicht geschadet – denn das Gericht habe sich in eine Idee verrannt. Dass ein Verfahren mit einem Freispruch ende sei eine Seltenheit, schließlich müsse dazu das Gericht über seinen eigenen Schatten springen, denn mit dem Eröffnungsbeschluss – der Zulassung der Anklage – habe es ja eine Prognose gestellt, die es dann revidieren müsse (Freisprüche gebe es nur in 3% dieser Verfahren, meinte Rückert). Ohne die breite Berichterstattung wäre das Verfahren wohl anders ausgegangen.

Ganz anderer Ansicht natürlich Kachelmanns “Medienanwalt” Ralf Höcker. Für ihn wird in einer idealen Welt über solche Prozesse gar nicht berichtet, zumindest nicht unter Namensnennung von Beteiligten. Am Anfang die Pressemitteilung der Staatsanwaltschaft, dass ein Moderator wegen des Verdachts einer Sexualstraftat verhaftet worden ist, dann die Mitteilung des Prozessbeginns, und am Ende darf das Urteil verkündet werden – fertig. “Journalisten haben in einem Verfahrne per se nichts zu suchen” sagte Höcker, womit er wohl nur deren Kommentierung, nicht ihre Anwesenheit meinte, so kann man jedenfalls seine Reaktion auf eine Nachfrage zu interpretieren. Er liegt da – wenig verwunderlich – auf Linie aller “Promi-Anwälte”, die im Auftrag ihrer Mandanten jede missliebige Berichterstattung zu unterbinden suchen (über 100 Einstweilige Verfügungen hat er nach eigenen Angaben im Zusammenhang mit dem Kachelmann-Prozess erstritten – heißt: Veröffentlichungen in der Versenkung verschwinden lassen). Denn wann reden Promis mit Journalisten? -: Wenn es nicht mehr anders geht. So war auch seien Strategie im Kachelmann-Prozess. Anfragen wurden in den ersten Monaten nicht beantwortet, Höcker versuchte das Schweigen zu organisieren – “was nicht ganz gelungen ist”, wie er schmunzelnd einräumt.

Journalisten als Richter? Das traf wohl nur auf einzelne Kommentatorinnen zu. Rückert: “Frau Schwarzer ist keine Journalistin, sie ist Agitatorin, Demagogin.” Dass allerdings auch das parteiische Kommentieren Aufgabe des Journalismus ist – gerade auch während laufender Verfahren – wurde nicht weiter vertieft. Höcker sieht Einstweilige Verfügungen als notwendiges Instrument der Disziplinierung von Journalisten – und Rückert stimmte dem zu, ohne allerdings klar zu machen, welche Berichte sie weggeklagt sehen will oder nicht – aber es sei die einzig sinnvolle Maßnahme gegen Auswüchse – “Appelle bringen gar nichts”.

Was dürfen Reporter – Zur Unterscheidung zwischen Erfahrenem und Erlebtem

Natürlich musste es auch irgendwo halbwegs klar benannt um René Pfister und die Henri-Nannen-Preis-Verleihung 2011 gehen (zur Sprache kam die Sache an allen Ecken und Enden).

Peter-Matthias Gaede (Chefredakteur GEO) hält die Einbeziehung von Informationen, die nicht aus eigener Anschauung stammen, für zwingend notwendig – “Wie wollen Sie sonst über ein Atomkraftwerk berichten, nur aus der eigenen Besichtigung” fragte er (sinngemäß).

Cordt Schnibben vom Spiegel blieb vage, wenn es um Textpassagen ging, die Moderator Andreas Wolfers (Leiter Henri-Nannen-Schule) ein ums andere Mal vorlas. Letztlich hätte er den Pfister-Text gar nicht ausgewählt, und jeder Ressortleiter hätte die  ersten Sätzen als szenische Rekonstruktion erkannt – denn es sei nicht die Sprache einer Reportage, “sonst müsste man sagen: schreib nie wieder eine Reportage”. (Ach so, die ersten Sätze:

Ein paarmal im Jahr steigt Horst Seehofer in den Keller seines Ferienhauses in Schamhaupten, Weihnachten und Ostern, auch jetzt im Sommer, wenn er ein paar Tage frei hat. Dort unten steht seine Eisenbahn, es ist eine Märklin H0 im Maßstab 1:87, er baut seit Jahren daran. Die Eisenbahn ist ein Modell von Seehofers Leben.

Es gibt den Nachbau des Bahnhofs von Bonn, der Stadt, in der Seehofers Karriere begann. Nach dem Jahr 2004, als er wegen des Streits um die Gesundheitspolitik sein wichtigstes Amt verlor, baute er einen “Schattenbahnhof”, so nennt er ihn, ein Gleis, das hinab ins Dunkel führt.

Seit neuestem hat auch Angela Merkel einen Platz in Seehofers Keller. Er hat lange überlegt, wohin er die Kanzlerin stellen soll. Vor ein paar Monaten dann schnitt er ihr Porträtfoto aus und kopierte es klein, dann klebte er es auf eine Plastikfigur und setzte sie in eine Diesellok. Seither dreht auch die Kanzlerin auf Seehofers Eisenbahn ihre Runden.

Seehofer hat sich in Schamhaupten eine Welt nach seinem Willen geformt, er steht dort am Stellpult, und die Figuren in den Zügen setzen sich in Bewegung, wenn er den Befehl dazu erteilt. Es ist ein Ort, wo sich Seehofers Spieltrieb mit seiner Lust am Herrschen paart. Beides ergibt bei ihm keine glückliche Verbindung. )

Wenn Seehofer tausende Kilometer von zuhause entfernt in einem Gespräch von seiner Modelleisenbahn schwärmt, dann müsse man eben das erzählen – “das ist doch die viel stärkere Szene”.

Ines Pohl (taz-Chefredakteurin), die für die Aberkennung des Preises gestimmt hatte, blieb ebenfalls vage. Ihr ginge es um die Diskussion, die nun in Gang gekommen sei. Anders als Schnibben ist sie der Ansicht, das jeder die Einstiegsszene des Pfister-Textes für authentisch erlebt halte.

Ansonsten könnte man noch über die Kategorien streiten, vielleicht war das ganze ja auch mehr eine Dokumentation, da ist weniger Erlebtes gefordert – die Ausgangsfrage wurde nicht klar beantwortet, aber immerhin haben sich 3 Text-Chefs streiten können, und das ist ja auch ein interessantes Zeichen: so einfach, wie dein Chef es darstellt, ist es auf alle Fälle nicht.

Relevanz oder Firlefanz? Was bestimmt die Schlagzeilen?

Eigentlich sollte es in diesem Panel auch um eine Studie von Fritz Wolf gehen – “Wa(h)re Information – interessant geht vor relevant”, immerhin wurde die Publikation bei der Tagung breit gestreut, aber irgendwie kam es fast nicht dazu. Moderatorin Eva-Maria Schnurr (sehr gut!) hatte im Wesentlichen mit dem ARD-aktuell-Chef Kai Gniffke und dem dpa-Chefredakteur (und ehemaligen SpOn-ler) Wolfgang Büchner zu tun.

Beide waren sich einig, dass Relevanz das entscheidende Nachrichtenkriterium sei. Und woran misst man Relevanz? Gniffke:

* Wieviele Leute betrifft es?
* Wie einflussreich sind die handelnden Akteure?
* Welche Auswirkungen wird das Ereignis haben?

Büchner findet es mehr als Gniffke okay, dass sich das “Interessante” weiter vordrängelt: “Eine Gesellschaft, die keine existenziellen Probleme hat, darf sich auch mit nicht-existenziellen Fragen beschäftigen.” So sei auch schon immer das menschliche Interesse gewesen. “Schon die Minnesänger haben Nachrichten und Firlefanz transportiert. Am Lagerfeuer wollte man wissen: Wer hat die Schlacht gewonnen und wer hat was mit wem.”

Gniffke sieht in seinem Laden hingegen keinen Trend zum Boulevard (“An unserem Lagerfeuer werden vor allem Geschichten von den Schlachten erzählt”) . Die Tagesschau sei vor 20 Jahren nicht anders gewesen als heute. Allerdings werde seine Redaktion gelegentlich getrieben. Wenn man etwas nicht für ein Tagesschau-Thema halte, es aber in allen anderen Medien durchgenudelt werde, dann könne man sich da nach ein oder zwei Tagen auch nicht mehr entziehen – der Tagesschau-Zuschauer soll nicht der einzig Doofe im Land bleiben (und die Tagesschau hat im Schnitt immernoch 9 Millionen Zuschauer).

Büchner: “Ich glaube ja nicht, dass Google und Facebook eine Gefahr für den Journalismus sind, sondern Arroganz und Bequemlichkeit.”

dpa nutzt laut Büchner die Social Media für drei Dinge:
* Recherche (Fragen an die User / Follower)
* Themen-Scouting (Was läuft gerade, was wird diskutiert?)
* Korrektiv / Rückkanal für die Leser (Fehlermeldungen und anderes)

(Übirgens hat dpa für seine Kunden einen eigenen Rückkanal: jeder Beitrag, jedes Bild kann vom Kunden mit den erprobten 140 Zeichen kommentiert werden und Büchner verspricht eine Reaktion binnen 15 Minuten)

Büchner / Gniffke über Firlefanz und Relevanz:
http://140z.de/2011/dpa-chef-wbuechner-sieht-social-media-als-mogliches-korrektiv-die-nr11-twitterer-freuts/

Und sonst?

Wer Spiegel-Chefredakteur Georg Mascolo künftig ärgern will, sollte dessen Blatt schlicht “Zeitschrift” nennen. Denn genau das verbat er sich gegenüber Moderator Tom Schimmeck: “Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie es ein Magazin nennen könnten”. Großer Hybris-Faktor.

Frank A. Meyer (Chefpublizist Ringier): “Was ist das Mantra des nr, des Thomas Leif, für den ich ja um die Welt reisen würde, wenn er mich anruft? -: die Recherche.”

Das Streitgespräch zwischen Jakob Augstein und Claudius Seidel: “Abschaffen oder retten?” über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk war ganz unterhaltsam, revolutionäre Ideen kamen aber leider nicht – das Thema werden wir hier daher nochmal aufgreifen.

Leyendecker: Der letzte Mensch, der mich “Obermoralisierer” genannt hat, war Dr. Helmut Kohl.

Verleihung der Verschlossenen Auster:
Laudatio Prantl
Gegenrede Knott (E.on)
http://www.wwwagner.tv/?p=8632
Verschlossene Auster fürs Netzwerk?

Weitere Links:
Selbstvermarktung von Journalisten (Folien)

Journalisten machen keine PR – wie schade

Sonntag, 03. Juli 2011

Der Journalisten-Verein “Netzwerk Recherche” erlebte auf seiner Jahrestagung an diesem Wochenende im NDR Hamburg zum 10-jährigen Jubiläum einen PR-GAU. Der Vorsitzende Thomas Leif legte sein Amt nieder. Was als Zeichen von Größe gedacht war, geriet zur Peinlickeit für alle Beteiligten.

Fachleute waren zahlreich vor Ort, unter ihnen der perfekt selbstinzenierte, wahnsinnig unterhaltungswerthaltige Klaus Kocks – aber gute Journalisten machen ja einen Bogen um PR-Leute.
Gescriptet war für den Tag wohl einiges, so Dankworte schwanger eröffnete Kuno Haberbusch die Jahrestagung des Netzwerk Recherche am Freitag, aber am Ende des Tages waren Regisseur, Dramaturg und Autoren stiften gegangen, im großen Saal unterhielt der Poetry-Slamer Marc Uwe Kling ein kleines, begeistertes Publikum im Rahmen der großen 10-Jahres-Fete, während sich der Manager des gesamten Jahrzehnt-Werks Thomas Leif gedemütigt vom Acker schlich. Es war ein Abend großer Tragik in diesem kleinen, aber wirkmächtigen Verein. Es war aber auch eine Lehrstunde für Journalisten, die gerne die Welt erklären, aber sich selbst nur selten fragen, was sie eigentlich so machen. (mehr …)