Mit ‘Fotojournalismus’ getaggte Artikel

Seitenfülljournalismus

Montag, 27. Mai 2013

Gibt es Illustrationsjournalismus? Oder ist das einfach Hirn-aus-Seite-voll-Alltag, wenn eine Redaktion ein so herrliches Bild von galoppierenden “Wildpferden” ins Blatt klatscht und mit etwas idyllischem Agenturtext garniert?

“Immer am letzten Samstag im Mai wird die Herde der frei lebenden Tiere zusammengetrieben, um die einjährigen Hengste zu fangen.”

Mit ein ganz bisschen Fragebereitschaft (oder -vermögen?) hätte dem Seitenbastler der Gießener Allgemeinen Zeitung (Ausgabe vom 27. Mai)  dünken können, dass ein solches Spektakel vor 15.000 zahlenden Gästen auch kritisch gesehen werden kann. Was sollen Wildpferde in Deutschland sein? Wozu treibt man die zusammen? Und warum werden einjährige Hengste herausgefangen (was mit “Geburtenkontrolle” nichts zu tun haben kann)?

Die Stadt Dülmen selbst als Vermarkter des Cowboy-Spektakels erläutert den tieferen Quatsch der Bedeutung. Es wäre also nicht grundsätzlich unjournalistisch gewesen, das schmucke “Wildpferde”-Foto durch zwei bis drei Gehirnwindungen laufen zu lassen, um seine Schönheit und Aussagekraft erneut zu beurteilen.

Nicht gegen den Pressekodex verstoßen hätte auch der Texthinweis, dass ausgerechnet an diesem Samstag das geschehen war, wovor Tierschützer schon lange warnen: ein Fohlen wurde totgetrampelt. Dazu gibt es auch schmucke Fotos.

Die tendenziösen Nicht-Bilder

Sonntag, 04. November 2012

Nachrichtenfilm zur Beschneidung bei der Süddeutschen Zeitung

Auch Monate nach Beginn der “Beschneidungs-Debatte” glänzt der Journalismus in Deutschland mit Fehlinformationen. Bilder von Beschneidungen gibt es nämlich nicht. Nur so kann weiterhin von einem kleinen, unbedeutenden Eingriff gesprochen werden. Die ganze Peinlichkeit fasst ein Reuters-Video (hier bei sueddeutsche.de): auch bei Beschneidung gibt es im Politikjournalismus nur Laber-Laber-Rhabarber. In zwei Micorozenen wird eine OP im Krankenhaus gezeigt, und man mag erahnen, dass eine Schwester mit OP-Besteck einen Penis gleich einer Lakritzschnecke in die Länge zieht. Aber man sieht eigentlich nichts. Kein Kind (Säugling, Knabe, Jüngling?), keine Vorhaut, keinen Schnitt, – stattdessen viele Politiker.

(mehr …)

Das Barschel-Foto war Journalistenpflicht

Freitag, 12. Oktober 2012

[Stuttgarter Zeitung:] Sie sind nicht sofort rausgelaufen, um Hilfe zu holen – sondern zückten den Fotoapparat, um Bilder eines Toten zu machen. Schämen Sie sich heute für diese Reaktion?

[Sebastian Knauer:] Für eine solche Situation hat man ja kein Betriebshandbuch. Ich sah den leblosen Körper, aber ich wusste nicht, ob Barschel tot war. Dass ich dann fotografiert habe, kann man mir vorwerfen. Es war ein journalistischer Reflex, auch diese Situation zu dokumentieren.

Seit 25 Jahren nun schon wird das bekannte Barschel-Foto für voyeuristischen Journalismus gehalten, gilt als Paradebeispiel für Grenzüberschreitung. Und seit 25 Jahren finde ich das völlig albern, ja inakzeptabel. Diese “Situation” zu fotografieren, für die Öffentlichkeit zu dokumentieren, zumindest erstmal festzuhalten, muss eine absolute Selbstverständlichkeit sein. Vom lebenden Barschel hätte es vermutlich abertausende Fotos nicht gebraucht.

Bild-Aufklärung

Dienstag, 17. Juli 2012

Fotos können auch Journalismus sein. Und manchmal geht Journalismus gar nicht gut ohne Fotos. Im Radio muss man dann umständlich beschreiben – wenn das Bild nicht fehlen soll.

In der Beschneidungsdebatte fehlt das Bild praktisch überall. Während jeder politische Aussetzer zum Thema Alkoholkonsum bei Jugendlichen (gerade war Schröderle mit einer Ausgangssperre ab 20 Uhr in der medialen Psycho-Ambulanz) mit einem nie so bezeichneten “Symbolbild versehen wird (schlafender Jugendlicher im Hinter-, Schnapsflaschen im Vordergrund), gibt es zur Beschneidung nie was Richtiges zu sehen (Bsp. 1, 2, 3). Dabei wäre das alles andere als populistisch oder voyeuristisch. Von der Beschneidung selbst abgesehen könnten doch Bildergalerien mit Dödeln verschiedener Schnittformen sehr erhellend sein. Dann würde es mir auch in Wort statt Bild genügen zu erfahren, wie die männlichen Redenschwinger jeweils untenherum (oder sagt man: vornerum?) aussehen. (Bei den meisten Debattierern muss man ja sehr skeptisch ob sie selbst wissen, wie sie aussähen, wenn man mit ihnen gemacht hätte, was sie ganz undramatisch finden.)