Self-Fulfilling Questions

01. Juni 2011

Es gibt nicht nur dumme Fragen (natürlich! jede Menge!), es gibt auch überflüssige Fragen – was noch milde ausgedrückt ist. Eigentlich sind es demagogische Fragen. Z.B. all jene zur Zukunft, deren beantwortung die Zukunft aktiv mitgestaltet (statt sie zu prognostizieren). Kennt man als self-fulfilling prophecy.

Schon während des Kachelmann-Prozess’ und erst recht nun danach wird überall gefragt: Wird Jörg Kachelmann wieder in der Öffentlichkeit arbeiten können, kommt er ins Fernsehen zurück? Das fragte gestern Abend z.B. Sandra Maischberger, das fragt stern.de (“Kehrt der nette Wetteronkel zurück?”).

Wer da Nein sagt, meint: das geht nicht, das darf nicht sein, das wird nicht sein (selbst wenn ich es ja gut heißen würde, aber so ist das nunmal). Wer Ja sagt, meint: muss, der muss zurückkommen (das sind wir ihm schuldig oder so).

Unter dem Deckmäntelchen der Prognose, der “Experteneinschätzung” wird damit an den Fakten gebastelt. Insofern ist auch die Frage nach Kachelmanns Zukunft schlicht – eine dumme Frage.

Die szenische Rekonstruktion

01. Juni 2011

Der SPIEGEL hatte mit seinem Verweis, dass “szenische Rekonstruktionen” in “Reportagen” üblich seien, insofern recht, als wir uns endlich mit den unsäglichen Pseudo-Reportagen im Fernsehen beschäftigen müssen. In der Ankündigung schreibt Phönix zwar von einer “Dokumentation” (was immer noch etwas anderes als eine Inszenierung sein müsste), im Filmbeitrag über Kreditkartenbetrug wurde hingegen eine Reportage von Edgar Verheyen angekündigt, und sie besteht praktisch nur aus gestellten Szenen (und einem Verheyen, der beim Autofahren mehr in die Kamera spricht als auf die Straße zu schauen und ansonsten über den HighTec-Betrug staunt, bei dem Menschen falsche Namen an ihre Briefkästen schreiben).

Kulturflatus*)

28. Mai 2011

Anke Engelke als Wetten-dass-Moderatorin, warum nicht, mir soll’s recht sein, ich schau nämlich gar nicht ins Fernsehen – aber der Stefan Kuzmany von Spiegel-Online, der nun als Pate für diese Idee genannt wird,  ist nicht der erste, der das fordert, soviel Fairness muss auch freitags noch drin sind, und darum sei gesagt, wer’s vor zwei Wochen schon gesagt hat, nämlich der Winterbauer Stefan vom Meedia.

*)= Die Überschrift ist spitze, passt natürlich überhaupt nicht hierher, aber es war gerade kein Setzkasten mehr frei für sie.

Lesebeute: Die SPIEGEL-Sprache

27. Mai 2011

Meedia schaut, was von Hans Magnus Enzensberger’s Kritik heute noch aktuell ist.

Anatomie einer SPIEGEL-Story

25. Mai 2011

Sehr unterhaltsam hat Stefan Niggemeier die Spiegel-Titelgeschichte dieser Woche – “Sex und Macht – Anatomie einer gefährlichen Beziehung” seziert.

Interessant dabei ein Leser-Kommentar, der darauf hinweist, dass Autor Ullrich Fichtner über seinen Protagonisten Strauss-Kahn noch vor kurzem ganz anders geschrieben hat

Bratze sucht Synonym

23. Mai 2011

Ganz freundlich und mit großem Augenzwinkern habe ich die Kollegin bei der Lokalzeitung darauf hingewiesen, dass es keine Stadtparlamente gibt in Deutschland. Und begründet, weshalb ich das nicht als Geschmacksfrage sehe, denn Parlamente sind die Legislativorgane, die Mitbestimmungsgremien der Kommunen gehören aber zur Exekutive, zur Verwaltung.

Der kurze und unmittelbar einsichtige Kommentar: “Haben Sie vielleicht ein passendes Synonym für Stadtverordnetenversammlung? Andernfalls müsste ich (und natürlich auch meine Kollegen) leider weiterhin den Oberbegriff Parlament verwenden.”

Soviel Verstand in zwei Sätzen, das verschlägt einem doch den Atem.

Redakteure halt.

Korinthe in Frankfurter Grün

21. Mai 2011

Auch diesen Monat haben wir bald überlebt, und so am Ende trifft man im Lesestapel dann auf die “geschobenen Blätter”. Dabei hätte es manches Blatt verdient, zeitiger rezipiert zu werden.

Der Titanic (Mai 2011, S. 9) entnehmen daher erst jetzt und heute einen wichtigen Korrekturhinweis, den wir sogleich vermelden wollen: Es heißt nicht Minnegesang, lieber Spiegel, es heißt Minnesang.

Was wäre Deutsch ohne die Frankfurter Sprachwürste?

Der tratschende Reporter

09. Mai 2011

Die “Berichterstattung” in eigener Sache  bei der Spiegel-Gruppe nähert sich allmählich ja der Marke mit ihren Mägden – Bild -. Überall Spiegel-Bücher, Spiegel-TV-Sendungen, Spiegel-Bestsellerlisten, Spiegel-Kooperationen… Nun gut.

Manch Eigending muss ja auch kolportiert werden – Spiegel-Online kann im Text über die Verleihung der Henri-Nannen-Preise die vielen Preisträger aus dem eigenen Haus nicht verschwiegen.

Aber die Kritik, die es am Reportage-Preisträger René Pfister gibt, hätte schon auch noch Platz finden dürfen. SpOn schreibt:

Den ersten Platz in der Kategorie Reportage und damit den traditionellen Egon-Erwin-Kisch-Preis gewann SPIEGEL-Redakteur René Pfister. Für seinen Artikel mit dem Titel “Am Stellpult” hatte er Horst Seehofer am Pult seiner Modelleisenbahn porträtiert.

Dabei hat Pfister offenbar gerade nicht Seehofer an seiner Modelleisenbahn porträtiert – oder nur in dem Maße, in dem er auch Seehofer auf dem Klo zu porträtieren vermag; vielmehr hat er ihn dorthin getextet.

Seit neuestem hat auch Angela Merkel einen Platz in Seehofers Keller. Er hat lange überlegt, wohin er die Kanzlerin stellen soll. Vor ein paar Monaten dann schnitt er ihr Porträtfoto aus und kopierte es klein, dann klebte er es auf eine Plastikfigur und setzte sie in eine Diesellok. Seither dreht auch die Kanzlerin auf Seehofers Eisenbahn ihre Runden.

In dieser Art schreibt Pfister jede Menge Details und Betrachtungen von Seehofers Eisenbahn. Nur dass er diese offenbar nie gesehen hat. Beim SPIEGEL fällt das kaum weiter auf, weil sich der geneigte Leser ja bei jedem zweiten Artikel fragt, wie der Spiegel-Autor denn bei dieser oder jener Situation schon wieder anwesend gewesen sein soll ( – aber es sind dann meist völlig harmlose Nacherzählungen unbekannter Quellen).

Die Dinge, die man in einer Reportage den Lesern nahe bringt, selbst nur aus Erzählungen zu kennen, ist ein – ungewöhnlicher Ansatz. Das sollte Spiegel-Online wenigstens herausstellen.

Update 10. Mai 2011:

Die Jury hat Pfister den Preis inzwischen wieder aberkannt. Bei Spiegel-Online zeigt sich das altbekannte Problem, dass Artikel nicht aktualisiert werden. Zwar wird “in eigener Sache” die Aberkennung erwähnt und auch die Begründung der Jury zitiert (neben einer Stellungnahme des Spiegel, wie imme sich ein Magazin artikulieren kann), der alte Jubeltext enthält aber keinen Verweis darauf.

Seriöse MeinungsBILDung

30. April 2011

Journalisten und ihre Reflexe. Zu McDonalds kommt ihnen nie “lecker” in den Sinn (nichtmals über die Ecke: finden offenbar andere, sonst gäb’s ja nicht so viele davon), sondern “fette, faule Vielfraße”. Und so illustriert man die Meldung, dass McDonald’s in den USA 62.000 Mitarbeiter eingestellt hat, informationshalber so:

RP-Illustration McDonalds

Das Bild ist allerdings schon sehr abgenutzt. Unser Vorschlag (auch an die Welt, die eine andere Wirtschaftsmeldung zu McDonald’s mit einer sehr hübschen Darbietung sichtlich kalten, zerdrückten FastFoods illustriert): zeigt zerrissene Ohrläppchen. Bringt noch mehr Traffic und passt genauso gut.

Links helfen auch Redakteuren beim Verstehen

24. April 2011

Über Twitter schreiben ist immer irgendwie modern. Auch wenn es offenbar gar nicht um Twitter geht, sondern um schlichte Kurztexte, die in ein Buch gepackt wurden. Jedenfalls habt die Nürnberger Zeitung selbst offenbar nicht einen einzigen passenden Link zum Thema gefunden. Weiterlesen »


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