Lesebeute

* Die Journalistenfirma „Correctiv“ will das Bistum Köln auf Herausgabe von Informationen zu seinen Aktienanlagen verklagen. In einem Spendenaufruf für den Prozess schreibt Annika Joeres:

Deutschlands Kirchen sind reich. Allein die katholische Kirche in Deutschland hat ein geschätztes Vermögen von mehreren hundert Milliarden Euro. All die Dome, Grundstücke, Kunstschätze: Ein guter Teil des Kirchenvermögens besteht aus Sachwerten. Hinzu kommen zig Milliarden Euro an Rücklagen.
Wie die Kirchen diese enormen Beträge investieren, weiß bislang niemand. […]
Wir akzeptieren diese Intransparenz nicht – und verklagen in diesen Tagen das Kölner Erzbistum auf Auskunft. Auf die Offenlegung der Investitionen zu pochen ist unser gutes Recht: Der Klimawandel und seine Auswirkungen auf Deutschland sind von erheblichem öffentlichem Interesse. […]
Es ist daher in erheblichem, allgemeinem Interesse zu erfahren, welche öffentliche Einrichtungen in fossile Rohstoffe investieren. Es ist Aufgabe der Presse, diese Informationen zusammen zu tragen und die Öffentlichkeit zu informieren […]
Gegen das Bistum Köln haben wir eine Auskunftsklage vorbereitet – um einen Präzedenzfall zu schaffen. Um am Ende Auskunft zu erhalten von allen 27 katholischen Bistümern und den 20 evangelischen Landeskirchen in Deutschland.
Falls wir gewinnen, müssen alle verraten, wie sie ihr Vermögen aus Immobilien, Verpachtungen und historischen Besitztümern investiert haben. Jeder und jede Gläubige würde zum ersten Mal erfahren, nach welchen Kriterien die Kirche das Geld der Gläubigen anlegt.

Eine Kirche zu verklagen klingt für Journalisten vermutlich sexy. Timo Rieg hält den ganzen Rechercheansatz jedoch für falsch: wirklich klimarelevantes Verhalten der Kirchenmitglieder und vor allem -beschäftigten lasse sich an ganz anderen Stellen festmachen als an Geldanlagen. Dass Correctiv meint, bislang wisse niemand etwas über kirchliche Geldanlagen, spreche zudem für große Unkenntnis der kirchlichen Strukturen. Eine ausführliche Entgegnung.

* Die Hamburger Illustrierte „Spiegel“ wird 70 Jahre alt. Die Deutsche Presseagentur (dpa) sprach mit Chefredakteur Klaus Brinkbäumer nicht über Altersstarrsinn und Tremor.

* Auch 10 Tage nach der Amokfahrt auf dem Weihnachtsmarkt an der Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche arbeiten sich Medien und Politiker an dem Fall ab – ein klares Zeichen: Terror ist (auch nur) ein Geschäft (freitag.de)

* Mit einem LKW in eine Menschenmenge zu fahren sei keine „sinnlose Gewalt“ sondern hoch effektiv – für den Täter. Nur mit dieser Sichtweise könne man Terrorismus verstehen: „Breitscheidbart„.

* Titanic schafft mal wieder etwas Erregung – mit einem Entspurt-Aufruf zum Promisterben 2016. Über den tieferen Sinn mag nachdenken, wer möchte – nichts zu denken gibt es jedenfalls bei der Erwartbarkeit der in Farbe abgebildeten noch lebenden Personen. Siehe Kommentare auf Facebook.

* Bonbon mit Korinthenaroma: Laptop und Lederhose, da laufen die Uhren manchmal anders. Deshalb wundert es uns nicht, dass die Süddeutsche Zeitung auch acht Jahre nach ihrer Abschaffung noch die Mineralölsteuer im Tank findet.
mineraloelsteuer-2014

 

Deutsche Presseagentur meinungsschwanger?

Wieviel Nachricht und wieviel Meinung steckt in der deutschen Berichterstattung über die US-Präsidentenwahl? Damit werden sich bestimmt im Nachhinein einige Arbeiten beschäftigen, heute nur mal ein „Schlaglicht“: Schauen wir uns einen Agenturtext an, hier von dpa (der wohl auf als Vorlage für einen Beitrag der Berliner Zeitung hergehalten hat – oder beide stützen sich auf dieselbe Quelle, jedenfalls könnte man den Berliner Text nochmal separat sezieren…)
Die nachfolgenden Anmerkungen und Fragen sind nur ein Angebot für die Diskussion – es erfolgt absichtlich keine abschließende Bewertung.

Den vollständigen Artikel lesen Sie bei az-online.de

 

Textpassage AZ/dpa: Anmerkungen:
Funktioniert das?

 

Wer stellt diese Frage? Klingt jedenfalls direkt in die tendenziöse Richtung „Besteht da noch eine Chance“. Man könnte auch fragen: „Wäre das legitim?“
Wahlleute sollen Trump stoppen Fordert wer? Das müsste schon deutlicher benannt werden, da die Aussage ja insgesamt tendenziös ist (für das gleiche Ergebnis könnte man auch fordern: „Wahlleute sollen Wählerwillen ignorieren“ – was ganz anders klingt).

 

– Verweigerung statt Vollzug? Ist es „Verweigerung“ oder „Rechtsbruch“?
Washington – Was in anderen Jahren nur langweiliges Vollzugsverfahren war, ist 2016 aufgeladen wie vielleicht noch nie: Die Situation, dass ein Kandidat zwar weniger Wählerstimmen als ein Wettbewerber, gleichwohl aber mehr Wahlleute bekommen hat, ist 2016 zum fünften Mal eingetreten. Bekannt sein dürfte noch der Fall Al Gore.

https://de.wikipedia.org/wiki/Popular_Vote

 

 

Die Stimmabgabe der Wahlleute in den USA. Kann Trump verhindert werden?

 

„Kann Trump verhindert werden“ ist extrem meinungsgeladen. Es meint ja „Schlimmes verhindern“. Nachrichtlich wäre z.B. „Könnten die Wahlleute das Wahlergebnis noch / eigenmächtig verändern?“
Auf 538 Menschen ruht die letzte Hoffnung von Millionen. Ob es wirklich Millionen sind, weiß niemand, kann auch dpa nicht wissen – es sei denn, die Agentur unterstellt, dass Millionen Wähler von Clinton und Co das Ergebnis nicht akzeptieren.

Ferner wird für einen nachrichtlichen Text willkürlich nur ein Teil der Wählerschaft in den Blick genommen. Die anderen „Millionen“ hoffen wohl (überwiegend), dass die Wahlleute so abstimmen, wie es das Wahlergebnis verlangt.

Wenn an diesem Montag das Gremium der Wahlleute in den USA seine Stimmen abgibt, sollen sie als eine Art letzte Verteidigungslinie einen Präsidenten Donald Trump verhindern – so die Hoffnung seiner vielen Gegner „Verteidigungslinie“? Wer oder was soll verteidigt werden? Das eigene Interesse?
nicht nur in den USA Dürfen ausländische Meinungen bei einer US-Wahl eine Rolle spielen? Und auch hier: Wer ist damit gemeint? Die paar Laut-Kommentierer in den Socialen Medien? Politische Redakteure in Deutschland, die in jüngster Zeit ihre vornehmste Aufgabe darin sehen festzulegen, welche Parteien und welche Politiker in einer Demokratie eine Rolle spielen dürfen?
Aber daraus wird wohl nichts. In der Geschichte der USA haben die Wahlleute zu 99 Prozent so gewählt, wie sie bei der Wahl bestimmt wurden.

 

Und das, könnte man ergänzen, obwohl oft ein Missverhältnis zwischen Wählerstimmen und Wahlmännern bestand (s.u.).

 

Warum gibt es Druck auf die Wahlleute?

Viele verweisen neben ihrem nackten Unbehagen über Trump

Die Wahlleute werden von der jeweiligen Partei bestimmt, deren Kandidat zu Wahl steht (und der zuvor in einer Vorwahl bestimmt worden ist).
auf das Wahlergebnis selbst: Zwar hat der Republikaner 306 Wahlleute gewonnen und Clinton 232, das ist deutlich. Aber Clinton führt in der Gesamtzahl der Stimmen mit stolzen 2,8 Millionen oder gut zwei Prozent. Die Kritiker argumentieren, die Wahlleute repräsentierten nicht das wahre Verhältnis der Mehrheiten im Land. Das ist Kritik an einem alten Wahlverfahren. Das Wahlverfahren darf man legitimerweise VOR der Wahl infrage stellen – und muss ggf. auf eine Teilnahme verzichten. Es später infragezustellen, wenn einem das Ergebnis nicht passt, ist unlauter – und daher auch in dieser Form keine Nachricht. Es ist ja gerade das Prinzip des Mehrheitswahlrechts, dass das Endergebnis nicht die wahren Präferenzen in der Wahlbevölkerung widerspiegelt (so wie schon das Wahlergebniss eben weit entfernt ist vom Willen der Bevölkerung insgesamt, selbst der wahlberechtigten).
Sie fordern, die Abstimmung am Montag müsse verschoben werden: Erst müsse der künftige Präsident sich zur Zukunft seiner Geschäfte äußern, außerdem müsse erst eine Beeinflussung der Wahl durch Russland geklärt werden. Wer konkret fordert eine Verschiebung der Abstimmung?
Dass sich Trump erst erklären müsse, ist ein völlig neues Argument, das mit dem Vorgenannten nichts zu tun hat – und das auch dringend eingeordnet werden müsste, z.B. im Hinblick auf die früheren Präsidenten.
Was tut sich in der Gruppe der 538?

Elektoren

„Elektoren“ gibt es nicht, die Eindeutschung des englischen „presidential elector“ ist hier jedenfalls nicht hilfreich.
berichten von Hunderten, sogar Tausenden Zuschriften mit der Forderung, Trump zu verhindern. Gab es solche „Forderungen“ bei früheren Wahlen nicht?
Fast fünf Millionen Menschen haben eine Online-Petition unterzeichnet Fünf Millionen Petenten – gegenüber fast 63 Millionen Wählern, die für Trump gestimmt haben.
. Im Gremium – das aber nie als Gruppe auftritt Gemeint ist vermutlich „als Gruppe zusammentritt“; eine einheitliche Meinung werden die Wahlleute der beiden Pateien wohl kaum äußern.
– brodelte es. Ein Republikaner trat wegen Trump zurück, ein anderer drückte öffentlich seinen Widerwillen aus. Demokraten versuchten, neue Mehrheiten zu organisieren.

 

Zwei republikanische Wahlmänner, die mit Trump nicht einverstanden sind als Beleg fürs „Brodeln“ ist etwas dünn.
Was geschieht am kommenden Montag?

Die Wahlleute aller 50 Bundesstaaten und der Hauptstadt Washington schicken ihr Votum für den US-Präsidenten und den Vize in sechs Umschlägen an vier Adressaten, unter anderem an den Präsidenten des US-Senats.

 

Wann wird das Ergebnis bekannt werden?

 

Spätestens neun Tage nach dem Votum müssen die Umschläge eingegangen sein. Zwischen diesem Zeitpunkt und dem 6. Januar kann das Ergebnis an die Öffentlichkeit dringen – am 6. wird es im Kongress verkündet.

 

Etwas verwirrende Beschreibung des Wahlverfahrens. Wichtige Mitteilung wäre, dass sich die Wahlmänner in der Hauptstadt ihres Bundesstaates treffen, also an 50 verschiedenen Orten -das „Electoral College“ tagt nicht gemeinsam.
Was müsste passieren, um Trump zu verhindern?

 

s.o.
38 oder ein Achtel der Trump-Wahlleute müssten gegen ihn stimmen. Sie könnten für einen anderen Republikaner votieren, häufig genannt wird Ohios Gouverneur John Kasich. Wenn Demokraten sich ihnen anschließen, könnte der neue Kandidat über die Mehrheit von 270 kommen. Schließen sich die Demokraten dem nicht an, hat keiner eine Mehrheit. Dann entscheidet das Repräsentantenhaus, das wiederum deutlich in der Hand der Republikaner ist. Der Ausgang wäre wohl klar.

 

Der Absatz ist recht verworren – und natürlich mehr als spekulativ: Es müssten sich „alle Demokraten“ diesem abweichenden Votum anschließen – bzw. insgesamt müssten sich mindestens 270 Wahlleute auf einen Kandidaten/ eine Kandidatin verständigen. Es gab immer wieder auch Meldungen, dass evtl. nicht alle Demokraten für Clinton stimmen werden.
Sind die Wahlleute an den Wählerwillen gebunden?

 

Ja und Nein. Ein Bundesgesetz gibt es dazu nicht, aber 29 Staaten und die Hauptstadt verpflichten die Elektoren zur Wahl desjenigen, den ihre Partei nominiert hat. Andernfalls werden sie bestraft. Es gibt aus beiden politischen Lagern ernste Mahnungen: Man könne das ganze Verfahren ja veraltet finden, aber es sei nun mal von der Verfassung vorgesehen.

 

Hier wird es doch interessant, aber die Details fehlen: Wie viele republikanische Wahlmänner stammen aus den 29 Staaten, d.h. wie groß ist die Zahl derer, die rechtlich eindeutig gebunden sind?
Es sei undemokratisch, sich nun nicht daran halten zu wollen, weil einem der Wahlausgang des 8. Novembers nicht passe. Dies sollte man hier nicht als Meinung sehen, sondern als Fakt – andernfalls kann jeder zu jeder Zeit alle gesetzlichen Bestimmungen ignorieren. Nimmt man die Verpflichtung, so abzustimmen wie verlangt, als Fakt, wird eine ganz andere Meldung aus dem Ganzen.
Warum gibt es dieses ganze Verfahren überhaupt?

 

Die US-Bürger wählen den Präsidenten nur indirekt. Am Wahltag wird je nach Größe des Bundesstaates eine bestimmte Zahl an Wahlleuten bestimmt. Wer in einem Staat die Mehrheit erhält, bekommt mit ganz wenigen Ausnahmen alle Wahlleute – „the winner takes all“.

 

Was war der ursprüngliche Sinn des Gremiums?

 

Mit seiner Einrichtung verbanden die Gründungsväter der USA eines: Sie wollten Demagogen verhindern. Sie misstrauten dem Volkswillen, deswegen sollte er sozusagen gefiltert werden. Die Verfassung wurde so angelegt, dass spontane und kurzfristige Politik zurückstehen würde hinter einer Politik zum Wohl langfristiger Interessen des Landes.

 

Hier fehlt jeglicher Beleg.

Auch ist nicht ersichtlich, warum es nur um den „ursprünglichen Sinn“ gehen sollte.

 

Auch fehlen weitere Beispiele aus der Verfassung für die behauptete Intention.

 

Der Sinn des Mehrheitswahlrechts wird gar nicht erläutert – obwohl dessen Einführung auch in Deutschland immer wieder gefordert wird.

Trump, der Politik in affektgetriebene Spontanaktionen ummünzt, könnten dabei die Ohren klingeln. Theoretisch. Bislang hatte Trump noch wenige Möglichkeiten Politik zu machen, ihm wird nur sehr viel Aufmerksamkeit zuteil.
Wird sich an diesem alten System jemals etwas ändern?

 

Eine mit verlaub idiotische Frage. Sachlich wäre z.B.: „Kann die Präsidentenwahl gesetzlich anders geregelt werden“ – also entgegen der Intention der (weisen) „Gründungsväter“?

 

Ja, kann sie, es gab im Laufe der Geschichte zwei Verfassungsergänzungen dazu, die aber das Grundprinzip nicht angetastet haben.

 

Auf kurze Sicht sicher nicht, aber die Diskussion ist da. „Es würde mich wundern, wenn wir nicht in zehn Jahren nach einer Mehrheit der Stimmen entscheiden würden“ – das sagte kürzlich einer, der mit dem Missverhältnis von Stimmen und Wahlleuten eigene Erfahrungen gemacht hat: Al Gore, im Jahr 2000 Wahlverlierer gegen George W. Bush.

 

. Interessant wären hier allein aktuelle politische Bestrebungen, konkrete Ankündigungen von Politikern,

 

Nachklapp as much as you can

tz-herzzerreissend

Gut, Patrick Steinke hat es halt gar nicht gepeilt**, trotzdem alles Nötige sogar in seinem Text steht. Aber emotional auf den Leim gegangen sind dem Ganzen wohl auch alle Kollegen, die zwar sachlich richtige Meldungen gezimmert haben, die Relevanz aber auch nur aus dem möglichen Missverständnis ableiten können:

Die Familie der in Freiburg vergewaltigten und ermorderten Studentin Maria L. hatte am 26. Oktober in der FAZ eine Traueranzeige geschaltet. Eine Story versuchen Nachrichtenaufbläser nun daraus zu konstruieren, dass mit den statt Blumen erbetenen Spenden möglicherweise auch die lokale Flüchtlingsarbeit gefördert werden sollte – und das, wo am 2. Dezember als Tatverdächtiger ein Flüchtling aus Afghanistan festgenommen worden ist.

Im einfachsten Fall soll damit die besondere Niedertracht des Verbrechens betont werden: die Hinterbliebenen sammelten Geld für Flüchtlinge, während der flüchtige Mörder ein Flüchtling ist. Nachrichtenwert: null, weil es eben gerade keinen kausalen oder temporalen Zusammenhang zwischen der Festnahme eines Tatverdächtigen und dem Spendenaufruf gibt! Und dass Spenden für gemeinnützige Organisatioen anstelle von Blumen und Kränzen am Grab erbeten werden ist alles andere als ungewöhnlich (was ein Blick in die entsprechende Anzeigenrubrik der Tageszeitungen zeigt).
Selbst die Behauptung, die Angehörigen hätten um Spenden für die Flüchtlingsarbeit gebeten, ist eine völlig unbewiesene Interpretation. Kein Autor der gesichteten Meldungen bietet einen Beleg dafür. Fakt ist die Spendenbitte für den Verein „Weitblick„. Wie genau die Verfasser der Traueranzeige dessen Aktivitäten kennen und ob sie sich damit identifizieren, weiß offenbar kein Berichterstatter. Man könnte z.B. auch um Spenden für einen Verein bitten, dessen Engagement man in Einzelbereichen sehr kritisch sieht. (Leider ist diese Sprachschluderei weit verbreitet. Ein prägnantes Beispiel aus Esslinger/ Schneider: Die Überschrift, 5. Auflage, S. 24: „Steinbrück hält Sieg für möglich“ titelte die Augsburger Allgemeine vor der Bundestagswahl 2013 – obwohl niemand wissen konnte, was Steinbrück für möglich hielt; dass Steinbrück unablässig behauptet hat, er könne gegen Merkel gewinnen, ist etwas ganz anderes.)

Völlig skurril daneben lag aber die tz mit Patrick Steinkes Beitrag:
tz-jetzt

Mehrfach behauptet Steinke, die Angehörigen hätten „jetzt“ in irgendeiner Form reagiert – obwohl die Traueranzeige bereits fünf Wochen vor der Festnahme eines Tatverdächtigen aus Afghanistan erschienen war.

Wie das Aufblasen solcher Nichtigkeiten und die unsorgfältige Verknüpfung von Fakten zu weiterem Chaos führt, zeigt beispielhaft Folgendes:

Holger Arppe, AfD-Abgeordneter in der Rostocker Bürgerschaft und im Landtag Mecklenburg-Vorpommern, schrieb am 4.12.2016 auf Twitter als Reaktion auf die Medienberichte zur angeblichen Spendensammlung für Flüchtlinge der Familie L.:

„#HAmv Pathologische Realitätsverweigerung: Vater sammelt auf Beerdigung seiner von Flüchtlingen ermordeten Tochter Spenden für Flüchtlinge.“

An dieser Behauptung ist bis auf (nach derzeitigem Kenntnisstand:) „ermordet“ alles falsch.*

Doch das wäre nicht gar so tragisch, sinnentstellenden Verkürzungen bereits nur halb oder gar nicht Verstandenens sind grade beim Verkürzungsdienst Twitter an der Tagesordnung, und zwar über alle politischen Lager hinweg. Arppe hat derzeit rund 350 Follower – sein Beitrag blieb zunächst unkommentiert, die üblichen Fans geben ein Sternchen und damit hat sich die Sache. Doch dann wird die Mini-Notiz zwei Tage später skandalisiert, es folgen zig Reaktionen auf Twitter – die bis auf ganz wenige Ausnahmen allerdings zuunrecht einen zeitlichen Zusammenhang von Festnahme eines Flüchtlings und Spendenbitte für Flüchtlinge konstruieren, z.B. so:

Reaktionen auf Twitter und Berichte über diese dürften sich mal wieder gegenseitig befeuert haben. Nordkurier.de:
afd-beschimpft-vater

Resümee: Aus einer Nullnachricht machen zahlreiche Medien trotzdem eine Meldung, die geradezu erwartbar auch fehlinterpretiert wird, es folgen auf dieser Fehlinterpretation beruhende Reaktionen und Reaktionen auf diese Reaktionen… angedockt an ein Verbrechen viel digitaler Blödsinn wegen nichts – aber natürlich fürs eigene Geschäft.

* Die Fehler im Arppe-Post:
1. „Realitätsverweigerung“ betreibt in seinem Statement Arppe, über die Pathologie wollen wir nicht spekulieren, jedenfalls gibt es keinerlei Anzeichen für diesen Befund beim Vater der Getöteten. (Später räumte Arppe ein,  dass ‚man‘ „vielleicht etwas länger nachdenken sollte, bevor man zu irgendeinem Thema irgendetwas schreibt”.
2. Nicht der Vater, sondern alle Unterzeichner baten um Spenden statt Blumen.
3. Er sammelte wohl auch nicht auf der Beerdigung, sondern anlässlich dieser – mit der Bitte um Überweisung.
4. Der Mörder steht noch nicht fest, tatverdächtig ist zu diesem Zeitpunkt aber eine Einzelperson, es gab keine Berichte, dass die Polizei von mehreren Tätern ausgeht.
5. Spenden für Flüchtlinge wurden, siehe oben, nicht gesammelt.

** Die andere mögliche Interpretation wäre nur, Steinke hat zwar verstanden, dass es keinen Zusammenhang gibt, stellt ihn aber trotzdem her – was noch ärgerlicher wäre.

Zugabe:

Ösis weniger dumm als befürchtet

Als die „Financial Times Deutschland“ im Jahre 2002 eine Wahlempfehlung für die Union mit Kanzlerkandidat Edmund Stoiber druckte, war die Debatte groß und empört. 1300 Leserbriefe soll es dazu gegeben haben (deren veröffentlichte Auswahl nicht nur der Spiegel kritisierte).

14 Jahre später hat sich in Deutschland nicht die Wahlempfehlung durchgesetzt, sondern eine Wählerverachtung: wer nicht wählt, was der deutsche Journalismus für richtig hält, ist Hohn und Spott ausgesetzt. Rund um die Bundespräsidentenwahl in Österreich sind die journalistischen Meinungsverbreiter dabei zu neuer Hochform aufgelaufen.

Die „Leiterin Digitale Redaktion Berliner Zeitung und Berliner Kurier“ etwa gratuliert der knappen Mehrheit aktiver österreichischer Wähler auf Twitter:

Michaela Pfisterer hätte also auch etwas weniger an ihrer eigenen Recherche zweifelnd schreiben können: „48,3% der österreichischen Wähler_innen so dumm wie erwartet.“

Stern-Mann Andreas Petzold sieht Wahlen offenbar als gefährliches Glücksspiel und stellt erleichtert fest: gutgegangen.

Kein Glück hatten dann später die Italiener, für die Petzold auch noch auf Vernunft statt Dummheit gehofft hatte (es geht, das muss man offenbar verstehen, bei solchen Wahlen nicht darum, seinen ganz unbedeutenden Wunsch in die Waagschale zu werfen, wer künftig im eigenen Land eine wichtige Rolle spielen soll, es geht darum, sich korrekt deutsch zu verhalten – woran bekanntlich zunehmend selbst die Deutschen versagen – aber der Ruf nach einem „Wahlführerschein“ wird schon wieder kommen):

Die frühere Chefredakteurin der taz, heute Korrespondentin der „Deutschen Welle“, bedankt sich bei „Österreich“, es dem deutschen Journalismus recht gemacht zu haben:

Der nur halb für Sueddeutsche.de twitternde Stefan Plöchinger hat ein Fußballmatch oder einen Zwei-Fronten-Krieg beobachtet, den jedenfalls „dieses Österreich“ gewonnen hat.

Und so ging das munter den ganzen Wahlabend.

Bernd Ulrich, Die ZEIT:

Dominik Mai, Berliner Zeitung:

Martin Kaul, taz:

Sebastian Fischer, Spiegel-Online:

Thorsten Denkler, Süddeutsche Zeitung:

Hanna Herbst, stellvertretende Chefredakteurin „Vice Austria“

Was ist der Informationswert all dieser Gemütsbekundungen – die sich ja auch so in den Artikeln niederschlagen? Dienen sie irgendwie den Lesern/ Zuschauern/ Mediennutzern – oder sollen sie nur Fans sammeln, Applaus und wohlwollendes Kopfnicken wichtiger(er) Kollegen, denen zu gefallen Teil des Geschäfts ist?

Natürlich hat jeder Journalist zu allem Möglichen eine Meinung, und zu Themen, mit denen er sich beruflich beschäftigt vermutlich ganz besonders. Nur ist diese nackte Meinung reichlich egal – hilfreich könnte sie allenfalls in Form eines „disclosure“ sein: „Die Autorin dieses Textes ist FDP-Wählerin / Mitglied in der Bezirksvertretung für die GRÜNEN/ ehrenamtliche Funktionärin bei XY…“ Doch gerade solche formalen Offenlegungen sind in Deutschland unüblich. Stattdessen werden absolutistische Meinungen und Wertungen kund getan.

Dabei sollte man doch schon als freier Schülermitarbeiter bei der Lokalzeitung lernen, dass bloße Meinungen im Journalismus meist der Verzicht auf Information sind. „Die Band hat toll gespielt“, „Die Fotos in der Ausstellung sind grandios“, „Das Buch ist langweilig“, – solche Meinungen sagen nichts über das Berichterstattungsobjekt, sondern nur etwas über den Berichterstatter: wie es ihm gefallen hat. Damit kann man allenfalls im engeren Bekanntenkreis etwas anfangen, weil man die Äußerungen einordnen kann. („Steht mir das?“ fragt man ja auch nicht beliebige andere Kunden im Klamottenladen, sondern die bewusst ausgewählte Begleitung, deren Urteil man einzuschätzen vermag…)

Die Kunst jedes journalistischen Kommentars, jeder Rezension oder sonstigen journalistischen Bewertung liegt darin, seinen Kunden ein eigenes Urteil zu ermöglichen. Wer meint, es könne nur eines geben, der muss entsprechend nachvollziehbar und überzeugend argumentierten (und damit leben, dass es wohl immer Rezipienten gibt, die aus den vermittelten Fakten anderes folgern).

Um was ging es bei der österreichischen Bundespräsidentenwahl? Um Pannen, um Witzigkeiten und eine Entscheidung zwischen Vernunft und Rechtspopulismus. Und darum, dass die Wahl im Ergebnis vom deutschen Journalismus akzeptiert worden ist.

Vielen Dank für diese Information.

Gerannt werden (Korinthe 83)

Wer ausgezeichneten Lokaljournalismus erkennen und auszeichnen will, sollte möglicherweise mit dem Unterschied zwischen Aktiv und Passiv zurande kommen. Die Landesmedienanstalt NRW – eine Behörde, wie sie journalistischer nicht sein könnte – teilt über ihren Pressesprecher heute mit: „Fünf Beiträge noch im Rennen um den LfM-Stiftungspreis für Lokaljournalismus„.

rennen

Den Quatsch kennt man natürlich von jedem Wahlabend, an dem sich angeblich Parteien oder Kandidaten ein „Kopf an Kopf Rennen“ liefern. Aber weder die Kandidaten noch hier die eingereichten Reportagen rennen – sie können auf den Ausgang des „Verfahrens“ (im einen Fall die Auszählung von Wählerstimmen, im anderen Fall eine Jury-Entscheidung) keinerlei Einfluss mehr nehmen. Anstatt eines spannenden Rennens gibt es nur langweilige Wartezeit.

Neues aus dem Hühnerhaufen: Was ein Beschuldigter auf gar keinen Fall darf in einem Rechtsstaat

Wir haben in Deutschland keinen Mainstream-Journalismus? Angesichts der kollektiven Erregung über den Selbstmord von Jaber Albakr darf man das mal wieder bezweifeln. Unisono wird beklagt: „Wie konnte das passieren.“ Was unterstellt: soetwas darf nicht passieren. Ein Häftling darf sich nicht umbringen. Warum eigentlich? Könnte das mal jemand recherchieren? Und ansonsten neben der aktuellen Rechtslage auch die Logik bemühen? Mehr dazu im Beitrag „Suizid ist Menschenrecht„, mit einer kleinen Sammlung bemerkenswerter Kommentierungen dazu.

Update 12.02.2017:
Wenn sich ein Beschuldigter übrigens nicht selbst aus dem Verkehr zieht, sondern aus dem Verkehr gezogen wird, haben wir es mit einer gänzlich anderen Situation zu tun, bei der sogar über Verdienstorden für den Aussage- und Strafentzug diskutiert wird.
Dass Anis Amri, der Amokfahrer vom Berliner Weihnachtsmarkt an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, bei einer Kontrolle von zwei italienischen Polizisten erschossen wurde, war jedenfalls kein Aufreger. Dass es dann doch kein Tapferkeits- oder Schützenorden gab lag alleine daran, dass sich die Exekutive optische ein wenig zu faschistisch verhalten hatte…

Profi-Tamtam um nichts

Man muss es wohl für folgerichtig halten, dass die Medien in ihrem Böhmermann-Zirkus jetzt nochmal Sondervorstellungen geben, bevor der Gaul dann doch totgeritten ist.

Die Staatsanwaltschaft Mainz stellt also die Ermittlungen gegen Jan Böhmermann ein, es wird keine Anklage geben.* Welche Sensation! Also für Journalisten, die ihren Kunden zuvor ausgemalt haben, der kindsköpfige Comedian könne bald für Jahre im Gefängnis verschwinden.

focus.de

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bild-schickt-boehmermann-ins-gefaengnis

bild.de

Den deutschen Journalismus kennzeichnet derzeit, dass er Recherche durch Gefühl ersetzt hat. Es sollte uns also nicht wundern, dass Journalisten, die es  im April für gut möglich hielten, Jan Böhmermann werde für seinen Scherz (oder seine Satire) mit Freiheitsentzug büßen müssen, die Einstellung des Ermittlungsverfahrens mit Unverständnis vermelden. Beispielhaft Chefchecker Lorenz Maroldt vom Tagesspiegel, der sich heute Morgen ob der staatsanwaltschaftlichen Einschätzung,

ein „ernstlicher Angriff auf den personalen oder sozialen Achtungs- und Geltungsanspruch“ Erdogans sei nicht zu belegen, die „absurde Anhäufung vollkommen übertriebener, abwegig anmutender Zuschreibungen negativ bewerteter Eigenschaften und Verhaltensweisen“ bleibe ohne Bezug zu den Tatsachen,

oral bepisst haben muss vor Lachen, was er denn auch seinem Publikum anriet:

(Regieanweisung: Publikum dreht sich prustend zur Seite und schaut sich auf dem Smartphone das vom ZDF aus der Mediathek genommene Original an.)

Was wissen diese Paragraphenreiter schon von der Welt? Haben die überhaupt gefühlte Meinungen, die sich tapfer gegen jeden Fakt behaupten können?

(Fred Steinhauer)

* Für die Hype-Verweigerer: Böhmermann hatte in seiner Sendung „Neo Magazin Royale“ am 31. März 2016 als Performance zum Unterschied zwischen Satire und Schmähkritik ein Gedicht namens „Schmähkritik“ über den türkischen Präsidenten Erdogan vorgetragen.Anlass war Erdogans Empörung über eine Satire der NDR-Sendung Extra3. Böhmermanns Sender ZDF hatte die Sendung aus der Mediathek gelöscht und damit wohl wesentlich zu deren Verbreitung beigetragen. Der Medienhype machte die kurze Nummer zu einer Staatsaffäre, in der sich selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel zu Wort meldete – und diese bis heute vorgeworfen bekommt. Und das alles, weil kein Journalist fähige war kurz und bündig zu recherchieren, dass dies alles gar kein Thema ist, sondern nur Kerzennebel.

Checkpoint hat den Durchblick

Checkpoint hat den Durchblick

Updates und Ergänzungen zum Thema:

+ Jan Böhmermanns Statement vom 5. Oktober 2016 (Video)
+ Jan Böhmermann spricht darin selbst von einem Witz, nicht von Satire. Das war zu befürchten.

+ Michael Hanfeld, FAZ, gibt natürlich auch keine Ruhe. Schließlich hatte er  bereits am 1. April 2016 unter der Überschrift „Dümmer als das Presserecht erlaubt“ Böhmermann als „Deppen“ bezeichnet, der mit seinem Arsch irgendwie gute Satire kaputt macht, und geschlaumeiert: „Wer jemanden auf das Übelste verunglimpft, jemandem perverse Neigungen nachsagt, gar Verbrechen unterstellt, muss damit rechnen, dass er damit spätestens vor Gericht nicht mehr durchkommt.“
Nun konnte man mit etwas Medienrechtskenntnis erwarten, dass das Hamburger Landgericht zivilrechtlich einige Passagen verbieten würde (weil dort die Benimmkammer Deutschlands ansässig ist), strafrechtlich die Sache aber vollkommen irrelevant ist (andernfalls die Sorge um dieses Land wirklich groß werden müsste). Als nun Hanfeld und andere Feuilletonhygieniker mit ihren wohl recherchierten Fakten von der Justiz eine lange Nase gezeigt bekamen, fragt Hanfeld seine Leser, ob sich Jan Böhmermann „mit seinem Gedicht immer noch für den King of Kotelett der deutschen Satireszene“ halte und bäbäbät: „Die strafrechtliche Würdigung des Schmähgedichts hätte übrigens auch ganz anders ausfallen können.“ Was man so lesen darf: „Die Staatsanwaltschaft Mainz hat einfach keine Ahnung, warum lesen die nicht wenigstens Hanfelds komprimierte Weisheiten?“

+ Verständnisprobleme lässt schon erkennen, wer – gar wiederholt – von „Böhmermanns Schmähkritik“ oder „dem Schmähgedicht“ spricht. Es ist in diesem Fall keine Korinte gekackt, wenn mandie korrekte Bezeichnungen verlangt: die vorgetragenev Verse trugen den Titel „Schmähkritik“, eine solche liegt aber in der Gesamtperformance (und nur um die kann es gehen) gerade nicht vor. Wie schon einmal erläutert: Wenn ein Schauspieler auf der Bühne oder im Fernsehen sagt: „Fick dich, du Hurensohn“, dann ist das auch keine Beleidigung. (Tatort-Tote sind übrigens meist auch nicht wirklich tot.)

 

„Burka-Verbot“ im Journalismus – ein Qualitäts-Check

Es sind nun schon zwei Wochen, die uns der deutsche Journalismus mit dem Thema „Burkaverbot“ penetriert. Natürlich wird jeder Redakteur, jede Freie weit von sich weisen, Rädchen in der PR-Maschinerie der Berufspolitiker und anderer von öffentlicher Aufmerksamkeit lebender Institutionen (wie der Polizistenlobby) zu sein und sich stattdessen als Aufklärer*in sehen. Wagen wir einen Qualitätscheck mit drei einfachen Fragen, zu deren Beantwortung ein jeder das Medium seiner Wahl heranziehen darf.

1. Ist das Thema relevant?
An manchen Tagen passiert doch mehr auf der Welt, als in eine Zeitung, eine Radiosendung oder auf eine Website passt. An diesen Problemtagen stehen Redakteure vor der schwierigen Frage, welche Themen sie bearbeiten sollen und welche sie (vorläufig) ignorieren können (zur Beruhigung: die Welt dreht sich dann meist unabhängig von der Entscheidung weiter).
Um die Relevanz eines Themas zu prüfen, kann man schauen, ob es die Kundschaft (Leser, Hörer, Zuschauer) irgendwie betrifft, ob (weitere) Informationen zu dem Thema für sie nützlich sein können. Das muss nicht zwingend mit dem Interesse der Kunden übereinstimmen (das Interesse an positiven Medizinbefunden ist bei vielen Menschen z.B. gering entwickelt, trotzdem die Information ihrer Gesundheit dienlich sein könnte) – aber die Relevanz sollte objektiv messbar sein (und nicht nur im Hirn des Redakteurs gründen).

Wie relevant ist also die Debatte um ein „Burka-Verbot“? Ist daran irgendetwas neu (und wenn ja: was, wieso)? Betrifft es die Journalismuskunden (als Burkaträgerinnen, Verwandte von Burkaträgerinnen, als Nachbarn, als Burkawaschsalonmitarbeiterin, als potentielle Opfer von Selbstmordburkaträgerinnen …)? Ist die Debatte so relevant, dass man dazu eine Meldung machen muss, dass man ein Investigativteam mit Recherchen beauftragt, dass man einen Live-Ticker einrichtet und den journalistischen Notstand ausruft? Bitte prüfen Sie selbst.

Ist ein Thema nicht relevant und wird dennoch journalistisch bearbeitet, handelt es sich übrigens um Unterhaltung – und damit lustigerweise gerade nicht mehr um Journalismus. Ist aber natürlich auch wichtig.

2. Wird das Thema vollständig bearbeitet?
Es gibt Dinge, die funktionieren nur ganz oder gar nicht – da gibt es keine halben Sachen. Man mag ein halbes Automobil fahren können (im Volksmund „Motorrad“ genannt) oder drei Viertel seiner Steurschuld zahlen, die meisten Diebe klauen nur ein bisschen (und bezahlen andere Dinge ganz regulär) – aber unvollständige Informationen sind gar keine Informationen. Dass der Bundeskanzler Opfer eines Attentats wurde, ist ohne den kleinen Zusatz „im Film Rogue Nation“ keine Information, und selbst BILD informiert über den mit 30 cm Dicke mächtigsten Penis nicht ohne den Zusatz, dass er einem Blauwal gehört.
Dass irgendwer ein „Burkaverbot“ fordert, ist daher noch gar keine Information, sondern Rauschen. Auch wenn die Forderung von einem Medien-Promi ausgestoßen wurde, macht sie das noch nicht zu einer Nachricht. Wenn sich ein Journalist für diesen Ausstoß interessieren sollte, müsste beginnen, was man früher einmal Arbeit nannte, in der konkreten Zunft „Recherche“: Fragen stellen und richtige (!) Antworten darauf suchen. Was ist der Anlass für die Forderung? Gab es das nicht schon einmal, wie wurde das damals diskutiert? Welches Ziel wird (vorgeblich) verfolgt – und ist der Vorschlag ein geeigneter Weg dahin? Was sind Alternativen? Welche Interessen stecken dahinter? Was würde die Umsetzung konkret bedeuten? Welche weiteren Forderungen könnte dies nach sich ziehen? Wie sehen Sanktionsmöglichkeiten aus?
Vollständig bearbeitet ist das Thema nicht dann, wenn jeder etwas dazu gesagt hat und damit publiziert wurde, sondern wenn alle für eine Entscheidung relevanten Fragen (richtig) beantwortet sind. Im Falle Burkaverbot sollte sich das – positive Relevanzprüfung im ersten Schritt vorausgesetzt – in einem einzigen, gut recherchierten Beitrag machen lassen (allerdings fehlt bislang ein empirischer Beleg).

3. Werden Eigeninteressen der Medien benannt?
Insbesondere die kompakte, vollständige Themendarbietung ist im Journalismus selten. Das Burkaverbot läuft eben schon seit gut zwei Wochen in den Medien, ohne dass dabei irgendeine neue Frage geklärt wird, die nicht bereits am ersten Tag der Thematisierung im Raum stand. Da Medien mit ihrem Häppchenjournalismus Aufmerksamkeit resorbieren und zwangsläufig andere Themen aus der Berichterstattung verdrängen, ist die häufig vernehmbare Belehrung, man könne ja wegschalten/ -klicken/ umblättern, Kokolores. Nicht nur beim Wetterbericht und Verkehrsfunk wünschen sich die meisten Kunden eine aktuelle, vollständige und relevante Unterrichtung – keine Wiederholung, keine halben Sachen (weil die Nichtmeldung einer Autobahn-Vollsperrung darüber informiert, dass dort nichts Ungewöhnliches vorliegt). Wenn das Redaktionen nicht schaffen oder nicht wollen, sollten sie deutlich darauf hinweisen: „Die Innenminister der Union werden in wenigen Tagen eine ‚Berliner Erklärung‘ vorlegen und darin u.a. ein Burkaverbot fordern. Da wir im Moment nur zwei Praktikanten haben, die auch noch andere Dinge zu tun haben, beabsichtigen wir nicht das Thema zu recherchieren; stattdessen werden wir Ihnen täglich eine Zusammenfassung von Pressemitteilungen der politischen Akteure zusammenstellen.“ Oder auch: „Einige Politiker fordern, das Tragen einer Vollverschleierung in der Öffentlichkeit zu verbieten. Da wir die Dinger auch hässlich finden, werden wir entsprechende Forderungen in den nächsten Wochen, Monaten und ggf. Jahren publizieren, bis die letzte Burka vom preußischen Bürgersteig verschwunden ist.“
Oder: „Wegen des laufenden Wahlkampfs vor der Wahl des Berliner Abgeordnetenhauses am 18. September 2016 werden wir das Thema Burkaverbot nicht journalistisch bearbeiten, damit sich die Kandidatinnen und Kandidaten den Wählerinnen und Wählern möglichst ungeküsst von Sinn und Verstand präsentieren können.“
Dann müsste man als Rezipient nicht täglich, gar stündlich neu die Hoffnung bemühen, nun sei endlich der journalistische Durchbruch geklückt und irgendein Reporter habe das Thema verstanden.

Damit Sie mit dieser Anleitung möglichst gut klar kommen, hier in aller Kürze ein Anwendungsbeispiel:

umfrage-burkaverbot-spon

 

1. Frage: Ist das Thema relevant?
– Ja, nachdem die Medien es selbst gesetzt haben.
– Nein, weil die Fragestellung unzulässig ist*. (Aber das könnte zur Not im Bericht selbst noch erläutert werden.)

2. Frage: Ist das Thema vollständig dargestellt?
– Sind alle wesentlichen Fakten benannt? Nein (alle Grunddaten zur Befragung fehlen, u.a. die „Grundgesamtheit“ – nur wahlberechtigte Deutsche -, Stichprobengröße und die exakte Fragestellung bzw. die Antwortmöglichkeiten)
– Sind die Angaben richtig? Nein, sowohl die Überschrift als auch die Zusammenfassung „das Tragen von Burka oder Nikab zumindest in Teilen der Öffentlichkeit zu untersagen“ sind falsch.
– Gibt es eine Einordnung (Kontext, Rechtslage, Ergebnisse der bisherigen intensiven Diskussion)? Nein.

3. Frage (Bonus): Benennt spiegel.de sein Eigeninteresse am „Agenda Setting„?

* = Natürlich kann man alles fragen – nur sinnvoll ist das Meiste dann nicht. Vermutlich tausende Online-Leser haben darauf hingewiesen, wie willkürlich die Idee eines Burkaverbots ist (und für bestimmte „Teilbereiche“ des öffentlichen Lebens sind Klamottenfragen längst unabhängig von der Verschleierung geklärt). Da Beispiele wie Tennissockenverbote die Unzulässigkeit der Fragestellung offenbar nicht jedem zeigen, ein anderes: „Sollten Bankräuber auf frischer Tat erschossen werden?“ Das kann man fragen, aber man sollte dazu sagen, dass es natürlich rechtlich nicht möglich ist und zur Legalisierung der Rechtsstaat komplett aufgehoben werden müsste (Einführung der Todesstrafe wäre noch möglich, aber Urteilsvollstreckung vor der Verhandlung eher nicht). Daher sind solche Fragen journalistisch unzulässig – weil sie nicht auf Fakten, sondern Fiktionen zielen.

Buchbesprechungen erfordern Fachkenntnis

Spiegel-Interview-Reybrouck

SPIEGEL-Teaser

Ist es schon eine journalistische Leistung, den Inhalt eines (quergelesenen) Buches kurz zu referieren und dem Werk noch eine Schulnote zu verpassen? Zumindest letzteres, die persönliche Bewertung, ist nutzlos, wenn der Rezensent den Weg zu seiner Meinungsbildung nicht nachvollziehbar macht. Dazu dürfte in der Regel auch gehören, das „Marktumfeld“ des besprochenen Buches zu kennen und zu würdigen.

Mit offenbar großem PR-Aufwand ist es dem deutschen Wallstein Verlag gelungen, das bei ihm aus dem Niederländischen übersetzt erschienenen Buch „Gegen Wahlen – Warum Abstimmen nicht demokratisch ist“ von David Van Reybrouck in den Medien zu lancieren. Noch vor dem Erscheinungstag brachte der SPIEGEL ein vierseitiges Interview mit dem Autor, zahlreiche Besprechungen gingen damit einher (u.a. im Deutschlandradio, der Welt, der Süddeutschen Zeitung, dem Tagesspiegel).
Allen journalistischen Beiträgen zu Van Reybroucks Buch ist gemein, dass sie kein Wort über das „Marktumfeld“ verlieren, sprich: die schon lange laufende Fachdebatte um „aleatorische Demokratie“. Das mag man jemandem, der selbst seit zehn Jahren zu genau diesem Thema arbeitet und publiziert, als Erfolgsneid auslegen. Andererseits kann sachliche Mängel eigentlich nur erkennen, wer das Feld zumindest gut beobachtet – wenn nicht gar selbst bestellt.

Alle Rezensenten habe ich darauf aufmerksam gemacht, dass Van Reybrouck zwar ein tolles Buch geschrieben hat, dass seine Idee der Auslosung statt Wahl aber nicht ganz neu ist. Nur ein(e) Autor(in) hat darauf reagiert – und schrieb mir:  Weiterlesen

Lebenspflicht-Journalismus

Was soll eigentlich Journalismus? Viele medienkritische Beiträge vermitteln nicht, dass diese Frage geklärt wäre. Es gibt sicher hunderte Definitionen, die sich in Nuancen unterscheiden oder schlicht in der (systemtheoretischen) Wortakrobatik, doch die grobe Zielrichtung ist dabei unstrittig: Journalismus bearbeitet gesellschaftlich relevante Themen, um Informationen bereitzustellen, die der Meinungsbildung dienen. Kurz gesagt geht es um Aufklärung, weil nur der aufgeklärte Mensch frei entscheiden kann.
Journalismus ist jedenfalls sicherlich nicht Volkserziehung. Journalismus ist nicht Mission. Journalismus ist nicht Kampagne.

Einige Jahre lang wurde als Leitmotiv des Journalismus ein fälschlich Hanns Joachim Friedrichs zugeschriebener Satz gehandelt: Ein seriöser Journalist macht sich mit keiner Sache gemein, auch nicht mit einer guten Sache.

Derzeit habe ich oft den Eindruck, dass es gar keinen Journalismus mehr ohne klares Bekenntnis zu einer vermeintlich guten Sache gibt: Man macht sich gemein mit der Bundesregierung, mit einer bestimmten Politik, mit der Bundeswehr, mit Staatsanwaltschaften, mit Demonstrationen, mit Tortenwerfern.  Weiterlesen