Bibliographische Daten – gibt’s bei amazon

Für was sind Nachrichten eigentlich gut? Die Frage stellt man sich ja immer wieder. Für die Nachrichtenmacher sind sie jedenfals unbestritten nur Ware, Erzeugnis, Teil der „Wertschöpfungskette“.

Spiegel-Online hat wie wohl alle anderen Nachrichtenmedien hinlänglich über amazon berichtet, nachdem eine Fernseh-Dokumentation Missstände angeprangert hat (letzter Beitrag vom 21.2.2013). Doch wenn es um den Verkauf der eigenen Produkte geht, wird der einfachste sprich kommerziell erfolgträchtigste Weg gewählt – und das promotete Buch mit dem amazon-Angebot verlinkt. Dass es auch Alternativen gibt, ebenso wie derzeit noch Läden, die auch andere analoge Waren wie etwa eine Hamburger Montagsillustrierte feilbieten.

Und aktuell siehe…

Wenn Journalistinnen mit dem Leben kollidieren

Gestern Abend habe ich es noch für einen peinlichen PR-Versuch gehalten, wie stern.de eine Nicht-Geschichte zu pushen versucht. Heute Morgen habe ich noch zwei Tassen Kaffee lang die aufbrausende Hysterie ignoriert, mir dann doch den „stern“ gekauft (und zwar, das war das Mindestmaß an Anstand – im Lidl).
Die Frage, ob der Mensch ein intelligentes Wesen ist, hat mich über den Tag nicht mehr bewegt als sonst – das übliche Grundrauschen quasi in dieser Gaga-Welt. Aber die Frage, was wohl Journalismus sein könnte -die war präsenter als im langjährigen Durchschnitt.

Nehmen wir Sueddeutsche.de. Dort lesen wir (derzeit als dritte Meldung):

„Brüderles Blick wandert auf meinen Busen“, berichtet sie [stern-Redakteurin Laura Himmelreich] dort, anschließend habe der FDP-Mann gesagt: „Sie können ein Dirndl auch ausfüllen.“ Im Laufe des Gesprächs habe er nach ihrer Hand gegriffen und diese geküsst.

Als Himmelreich versucht habe, den Politiker daran zu erinnern, dass sie Journalistin sei, habe er nur geantwortet: „Politiker verfallen doch alle Journalistinnen.“ Anschließend soll sich eine Sprecherin Brüderles bei Himmelreich entschuldigt haben.

Das ist offenbar eine professionelle nachrichtliche Zusammenfassung des „Themas“: Ein Mann schaut auf den Busen einer Frau neben ihm. [1] (Dazu ist er da. Muss ich Frauen ihre Anatomie erklären? Dass es sich bei nicht-laktierenden Frauen wohl nicht um einen Milch-Euter – „Körbchengröße 90 L“ – handelt, sollte auch biologisch ungebildeten Journalistinnen bekannt sein, und ansonsten mögen sie sich mal ein beliebiges nullipares Säugetier genauer betrachten.)
Daraufhin sagt der Mann etwas zum Aussehen der Frau. Und diese, statt darauf zugänglich oder abweisend zu reagieren, schreibt ein Jahr später einen Artikel, für den belanglos noch ein Euphemismus wäre, der aber gleichwohl vom Journalistenvolk zur investigativen Geschichte des – gütig sei es hinzugefügt – noch jungen Jahres erkoren wird.

Spiegel-Online-CvD Patricia Dreyer, vor fünf Jahren vom Blut-und-Titten-Blatt „BILD“ zum keuschen Online-Spiegel geflüchtet, beklagt als alltäglichen Sexismus:

Wenn ich, Chefin vom Dienst bei SPIEGEL ONLINE, im Büro ans Telefon gehe, höre ich nicht selten „Verbinden Sie mich bitte mit dem Chef vom Dienst“ – weil ich eine Frau bin, ist es wohl unvorstellbar, dass ich im SPIEGEL-Verlag Führungsverantwortung trage. – Stopp!

Susanne Herrmann darf auf Werben & Verkaufen in Laura Himmelreich’s Schilerung sexueller Übergriffe eine „Offenbarung“ sehen.

Ursula Kosser promotet ihr Buch „Hammelsprünge“ in der taz unter der Überschrift: „Brüderle ade –
Es gibt kein Recht auf sexuelle Anmache kraft Amtes“.

Bevor der Lärmsender „star.fm“ gerade den Sexismus von Rainer Brüderle zum Staatsthema Nummer eins erkor, lief noch ein Jingle fürs „Breakfast-Radio“: Wer hat den Längsten in Berlin.

Am Sonntag erwartet und bei Günther Jauch wohl die Frage: Zerbricht Deutschland am Gockel?

Wie soll man Medien, die dem alltäglichsten aller Themen nicht gewachsen sind, noch irgendeine Leistung zutrauen, wenn ihr Personal nicht einmal diese sechs Worte über die Lippen bekommt: „Ich danke Ihnen für dieses Gespräch.“

Timo Rieg

[1]= Wenigstens etwas hilfreich könnte ja sein zu prüfen, ob dem „Täter“ straf- oder zivilrechtlich etwas vorgeworfen werden könnte (und dann auch müsste, sprich: verhandelt würde). Da ist aber auch nach der langatmigen Schilderung im Heftchen nicht zu erahnen. Danach sollte man alle „Standesregeln“ durchgehen, Selbstverpflichtungen etc. Und wenn dann immer noch nicht zu finden ist, sollte mal geprüft werden, ob es sich um eine „Befindlichkeit“ handelt – und ob dies nach den im jeweiligen Medienhaus gebräuchlichen Relevanzkritierien die Öffentlichkeit tangieren müssen.

Ergänzungen:

* Kritisch zur stern-Berichterstattung: Wibke Bruhns im Tagesspiegel.

* Und zur Debatte an sich Thomas Stadler.

* Wo ist die Eigenleistung der kommerziellen Medien, wenn sie nur wiederkäuen, was – hoch repräsentativ – auf Twitter erzählt wird? Z.B. Spiegel-Online, FAZ , Berliner Zeitung, Berliner Morgenpost.

* lesenswert differenziert zur „aufschrei“-Debatte: frau meike

* Dass ausgerechnet Rechtsanwalt Ralf Höcker zeigt, was Journalismus u.a. zu leisten gehabt hätte (nämlich: Fragen stellen)…. – bei VOCER.

* Die Frage, warum die Geschichte erst nach einem Jahr aufgewärmt wird, „schwächt die Bestandsaufnahme der Journalistin“ nicht nur, wie Katja Bauer in der Stuttgarter Zeitung schreibt, sie macht sie quasi unüberprüfbar. Denn wenn nicht jemand die Szene mit Ton gefilmt hat, ist nach dieser Zeit auf die menschliche Erinnerung nicht viel zu geben (und schon gar nicht nach der Veröffentlichung des stern-Artikels).

Der Verpixelungs-Wahn: Kommune 1

aus dem SPIEGEL 25/2010Zum Trend der Nicht-Berichterstattung durch Anonymisierung im Allgemeinen und Fotoverpixelungen im Besonderen haben wir uns hier auf Spiegelkritik schon mehrfach geäußert. In der letzten Woche machte uns der SPIEGEL (25/2010) allerdings mit einer neuen Variante stutzig: da wurde zum tausendsten Mal das Nackerten-Foto der Kommune 1 veröffentlicht – doch anders als bislang immer – etwa noch in Heft 8/2008 oder 5/2007 (html-Version hier) – wurde nun der 1967 noch sehr kleine Junge Nessim verpixelt – und zwar an Kopf und Po.
Im Text geht es um die „Missbrauchsgeschichte“ der „Linken“, Headline: „Kuck mal, meine Vagina“. (pdf)

(Dieser Alt-Eintrag vom 4. Juli 2010 hatte sich in den „Entwürfen“ versteckt und erscheint daher mit nur gut  zwei Jahren Verspätung – ohne weiteren Ausbau…)

Falsch zitieren heißt jetzt „sponen“

Spiegel-Online (Veit Medick und Annett Meiritz) schreiben über Bundespräsident Christian Wulff:

Er wollte „neue Maßstäbe“ setzen in Sachen Aufklärung, alle offenen Fragen in seiner Kredit- und Medienaffäre beantworten. Dieses Versprechen gab Christian Wulff in seinem Fernsehinterview.

Da setzt eher  Spiegel Online neue Maßstäbe bei der Sorgfalt des Zitierens.

Denn natürlich hatte Wulff nicht gesagt, er wolle alle offenen Fragen zu seiner „Affäre“ beantworten. – Affäre, das ist ein Verkaufsetikett des Journalismus (und müsste doch, wenn schon, eigentlich eines der Journalismus-Vermarkter, also der Verlage und Sender sein). Wulff hatte gesagt:

Ich glaube, diese Erfahrung, dass man die Transparenz weitertreiben muss, die setzt auch neue Maßstäbe. Morgen früh werden meine Anwälte alles ins Internet einstellen. Dann kann jede Bürgerin, jeder Bürger, jedes Details zu den Abläufen sehen und bewertet sie auch rechtlich. Und ich glaube nicht, dass es das oft in der Vergangenheit gegeben hat, und wenn es das in Zukunft immer gibt, wird es auch unsere Republik offenkundig auch zu mehr Transparenz positiv verändern.“

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SpOn-Forum

Zu Moderation und Kultur in den Spiegel-Online-Foren erreichen uns jede Woche Beiträge. Wir greifen sie nur selten auf, weil sie meist nicht unseren Themenfokus treffen, nämlich den Journalismus.
Heute dazu jedoch ein Leserbrief von Wolfgang Hoffmann unter der Überschrift: Der SPIEGEL und der Rechts-Terrorismus

Da gackert der SPIEGEL seit dem 11.11.2011 wie ein mit Antibiotika auf Wachstum aufgepumptes Hühnchen gegen den offenbarten organisierten Rechts-Terrorismus und toleriert aber im SPIEGEL Online, ‚Cafè SPONtan‘, in der Moderation schon lange braune Gesinnung pur der Foristen und hofft dabei auf die Anzeige durch andere user – weil selbst – sprich die Moderation des SPON-Forums – anscheinend unfähig ist, den braunen Sumpf im eigenen Forum zu erkennen und zu unterbinden. (Weiter als pdf: SpiegelKritik_Leserbrief_20111116)
(Ferner die darin erwähnte Spiegelkritik_20111112)

Siehe zum Thema auch:
+ Für eine faire Moderation im Spiegel-Online-Forum

Einmal Recherche für auf die Hand

Da hat Spiegel-Online ja eine ganz alte Wurst ausgegraben und sie von Angela Elis durch den Sprachwolf drehen lassen: „Zwei Stehwürste mit Pommes rotweiß bitte!“

Das deutsche Steuerrecht ist wahnsinnig kompliziert und von daher de facto verrückt. Und zu den verschiedenen Mehrwertsteuersätzen (wobei es nicht nur 7 und 19 Prozent gibt) kann man immer wieder lustige Vergleichsuntersuchungen fabrizieren. Nur: dass Fast-Food zum Mitnehmen nur mit 7%, beim restaurant-ähnlichen Sofortverzehr aber mit 19% besteuert wird, ist eine uralte Kamelle. Ist Frau Elis noch nie bei Mc Donald’s gewesen? „Zum hier essen oder mitnehmen?“ heißt die Frage vom Kassenpersonal am Ende jedes Verkaufsgespräches. Und wer Mc Donald’s doof findet und nur aus purer Verzweiflung dort einkehrt antwortet politisch-korrekt schon immer mit „für hier“ – weil das Unternehmen dann eben 19% Mehrwertsteuer abdrücken muss – der Preis für den Kunden ändert sich dadurch nicht.

Die Pressemitteilung des Bundesfinanzhofs zur Grundlage von Elis‘ Geschichte ist nun auch schon fast einen Monat alt. Da wäre doch Zeit gewesen, über das Imbissbudengeplauder hinauszukommen und mal zu schauen, wie das seit Jahren in der Praxis so läuft.  Möglicherweise hätte die Moderationsliteratin dabei den Eindruck gewinnen können, die Entscheidungen des Bundesfinanzhofes in dieser Sache führten nicht zum Untergang des Heimatlandes, sondern zu etwas Vereinfachung bei der Umsatzsteuererklärung von Imbiss-Betreibern.

Lesebeute: Spiegel ohne Hitler-Titel

Spiegel-Online expandiert weiter und will neue Mitarbeiter einstellen – für „mehr Reportagen und mehr Hintergrund, mehr Meinung und mehr Originalität“.Martin Eiermann hält es da mehr mit Jeff Jarvis (dem er unnötigerweise als Guru huldigt): „Do what you do best, and link to the rest.“

Das bedeutet im Fall des Boulevards ganz konkret, Axel Springer einfach mal machen zu lassen. Angst, Hass, Titten und den Wetterbericht gibt es seit 1952 bei der BILD und in den zahllosen anderen Blättchen, die den deutschen Kiosken Geld in die Kassen und den deutschen Kioskblattlesern Unsinn zwischen die Ohren spülen. SPON kann sich mühen und winden – das Race to the Bottom wird Hamburg nicht gewinnen. (Mehr bei: The European)