Archiv für die Kategorie ‘Spiegel’

Der Krieg der Anderen

Freitag, 18. Juli 2008

Und da war sie wieder, die vermeintliche Alternative zur Diplomatie: der Krieg. Und der ist in der kleinen Welt der großen Herrscher über Leben und Tod sehr wahrscheinlich, nein: dringlich. „Der nächste Krieg in Nahost [rückt] schnell heran“, botschaftet der Spiegel aus der Welt der Ganzbesondersschlauen, die man ja bei so existenziellen Fragen fragt.

Die Kritik Walter van Rossum’s aus dem Januar trifft auf die gegenwärtige Berichterstattung des Spiegel immer noch zu:

„Wenn fünf Jahr lang über das iranische Atom-Programm berichtet wird, kann Ihnen immer noch kein Mensch sagen, was an diesem eigentlich schlimm sein soll. Das ist ein Informationsdesaster. Stattdessen werden völlig irreale Debatten lanciert. Da wird uns als Alternativen für eine Iran-Politik angeboten: Diplomatie oder Krieg. Die Aufgabe des Journalismus wäre ja nun zu zeigen, dass diese Debatte absurd ist, meiner Meinung nach sogar strafrechtlich nicht erträglich ist. Denn ein Angriffskrieg ist immer noch ein Verbrechen, nach deutschem Recht, nach Völkerrecht – kurz: diese Option gibt es gar nicht. Der Journalismus darf sich nicht auf Pro-Contra-Debatten einlassen, sonst ist er schon eingebunden in ein Spiel, das andere mit ihm machen. Aber dazu muss man eben Fragen stellen.“

Weil wir an dieser Stelle immer so gerne falsch verstanden werden: Es geht nicht um eine korrekte politische Haltung. Es geht ausschließlich um Journalismus. Und der findet zum Thema Iran weiterhin nicht statt beim Spiegel. Stattdessen schlittert er mit uns, mit seiner Besatzung und mit besten Nahost-Kontakten hinein in den nächsten gut verkäuflichen Krieg.

Journalismus soll Wissen und Kommunikation für persönliche Entscheidungen ermöglichen. Dazu stellt der Journalismus Fragen und sucht nach Antworten darauf. Guter Journalismus stellt gute Fragen. Schlechter Journalismus stellt Dusselfragen, was gar nicht so schlimm ist, nur viel mehr Zeit kostet und deshalb nicht zum Ziel führt, jedenfalls nicht, bis die besseren Kollegen mit ihrem Job schon fertig sind und der Markt vielleicht abgefrühstückt ist.

„Der Iran“ – womit vermutlich ein Teil des Herrschaftssystems gemeint ist – „ist böse“, lautet das westliche Diplomatiecredo. Warum?
„Weil der Iran ein Atomprogramm fährt, das nur vorgeblich der zivilen (und unbedingt förderungswürdigen) Nutzung dient, in Wahrheit aber den Bau von Atombomben vorbereiten soll.“

Dussel-Journalismus steigt da schon ein, verlangt nach Beweisfotos, diesen schönen Satelliten-Aufnahmen, die dann den Sand rund um eine Atomanlage zeigen, in der gerade waffenfähiges Plutonium zusammengeschraubt wird. Kann man machen. Aber es gibt natürlich auch Satelliten-Aufnahmen, die den Sand rund um eine Atomanlage zeigen, in der ganz brav und völlig en vogue an Brennstäben für Friedens-AKW gezimmert wird.

Eine zielführendere Frage an dieser Stelle lautet sicherlich: Wer darf was? Und da wird ein Begründungs-Warum mit beantwortet werden müssen. Warum etwa darf (oder muss?) Israel Atomwaffen besitzen, Iran aber nicht? Muss jedem Land der Erde, das Atomwaffen besitzt oder besitzen will, der Krieg erklärt werden, oder nur bestimmten, und ggf. welchen?

Diese Fragen zu stellen ist gerade keine Frage der politischen Haltung, hat nichts mit rechten oder linken Verkrümmungen zu tun. Es geht schlicht um Orientierung.

Der Spiegel stellt diese Fragen allerdings nicht. Er geht von irgendeiner – Gott gegebenen? – Machtverteilung aus und sorgt sich auf dieser Basis sogleich, dass Deutschland von diplomatischen statt kriegerischen Lösungen wirtschaftlich hart getroffen wird. Für 5,2 Milliarden Dollar habe Deutschland 2006 in den Iran exportiert. Und Gas will Deutschland vom Iran haben, damit nicht alles von den immer noch nicht ganz lieben Russen kommen muss. Ach Gott, ja, Krieg oder Diplomatie, sag’s mir doch bitte in Dollar.

Wer darf was? Es ist eine wirklich offene Frage, aber sie muss natürlich so lange gestellt werden, bis all das an Informationen vorliegt, was ein Souverän so braucht zum Souveränsein. Bis klar ist, warum die gerichtliche Todesstrafe (in Deutschland, nicht etwa den USA) menschenrechtswidrig ist, aber eine diplomatische oder militärische Todesstrafe nicht. Woran man die guten Länder erkennt, die Atomwaffen als überlebenswichtige Friedenssicherung haben dürfen, und diejenigen, die damit Böses wollen und darum kräftig was auf die Mütze brauchen.

Was würde eigentlich Isaak Ben-Israel sagen, wenn ihn der Spiegel fragte, wieviel Zuckerbrot und Peitsche die Atommacht Israel so braucht, um zum Einlenken bewogen zu werden? Im Spiegel darf sich der israelische Generalmajor a.D. und Knesset-Abgeordneter immerhin schon im Hinblick auf den Iran äußern. Fehlt auch noch die Frage, wer hier warum Dompteur spielt.

LKW-Krieg: Der Osten schlägt zurück

Dienstag, 27. Mai 2008

Das Grundproblem ist vielleicht die Ressortierung. Die Idee war ja mal gut: Neigungsangebote zu schaffen für Leser und Autoren. Da sollte Sachverstand zusammenkommen.

Olympia etwa: Eigentlich unzweifelhaft Sport-Ressort. Aber dann kommen die Proteste, für sowas Komisches sind Sportredakteure nicht gemacht, daher ist die Auslands-Politik zuständig. Schon bald äußern sich aber auch deutsche Politiker so deutlich, dass Olympia im Deutschland-Ressort bearbeitet werden muss. Wenn sich dann allerdings ausgewiesene Nicht-Politiker verlautbaren – Musiker, Maler, Schauspieler gar – ist ohne Zweifel das Panorama, das Vermischte zuständig. Und bei all dem Rummel erwacht eventuell sogar das Wirtschafts-Ressort und fragt, wer an dem ganzen eigentlich verdient – und wer die Zeche zahlt. Das ganze angereichert mit Korrespondentenberichten von überall auf der Welt, wo Korrespondenten verfügbar sind und das olympische Feuer vorbei kommt oder eben gerade nicht. Als Sahnehäubchen kommentiert die Chefredaktion ein wenig – am Ende haben dann alle etwas “gesagt” – hintergrundberichtet, pressekonferenzverlautbart – wofür eines der Lieblingswörter des SPIEGEL steht: Kakophonie.

Wie kakophon (oder kakophophil) der Spiegel selbst ist, wissen wir treuen Leser natürlich. Es prädestiniert den Spiegel für jedes – jedes! – WG-Klo und macht ihn zum Orakel von Delphi der Gegenwart.
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Arme Demokoratie

Dienstag, 20. Mai 2008

Ein Kommentar von Richard Jecht

Dirk Kurbjuweit sitzt im Hauptstadtbüro und schreibt. Über Demokratie. Die „Gefährdung der Demokratie in Deutschland“. Er blickt auf und schaut versonnen aus dem Fenster. Vielleicht fragt er sich einen Moment lang, ob man Gedanken metaphorisch mit vorbeiziehenden Wolken vergleichen kann, – dann nimmt sein Gesicht einen entschlossenen Ausdruck an. Man meint, in diesem Moment die Last der Verantwortung zu spüren, die auf den Schultern des Journalisten liegt. Er atmet tief durch und beginnt, seine Überlegungen gewissenhaft auszuformulieren.

So ähnlich könnte einer der im typischen „SPIEGEL-Sprech“ verfassten Beiträge beginnen, die Woche für Woche zuverlässig im „Deutschen Nachrichtenmagazin“ erscheinen. Die es Woche für Woche zu dem machen, was es sein soll: zu einem rund 300 Gramm schweren Magazin, randvoll gespickt mit „Nachrichten-Geschichten“ über Deutschland und den Rest der Welt. Und mit Anzeigen. Und farbigen Abbildungen. Seit gefühlten 2000 Jahren. Seit Konstantin der Große Rudolf Augstein zum Herausgeber ernannt hat.

Um Demokratie soll es diesmal (20/2008) also gehen, oder vielmehr um die „Gefährdung der Demokratie“. Das ist einerseits lustig, weil Enzensberger und andere dem SPIEGEL schon vor Urzeiten sinngemäß was bescheinigt haben? Genau! Durch die fortwährende Manipulation der Öffentlichkeit die Demokratie zu gefährden! Andererseits enttäuschen die Autoren, weil sie sich einseitig auf das im Westen herrschende Modell der repräsentativen Demokratie kaprizieren, statt ein differenziertes Bild der „Demokratie“ zu zeichnen. Es steht für sie von vornherein fest, daß das westliche Demokratiemodell sowieso das beste oder jedenfalls das am wenigsten schlechte aller politischen Systeme ist. Daher kommt es ihnen auch nicht in den Sinn, es kritisch zu hinterfragen und beispielsweise zu prüfen, ob das neokonservative System in den USA mit einer Demokratie im eigentlichen Sinn überhaupt noch was zu tun hat. Oder – viel interessanter noch – in Erfahrung zu bringen und darzustellen, wie die westlichen Demokratien in anderen Kulturkreisen wahrgenommen werden.

Stattdessen machen sich die Autoren pauschal zu Anwälten der „Demokratie“ – was im Klartext heißt: des westlichen Regierungssystems – und tun so, als seien sie bzw. als sei der SPIEGEL irgendwie für ihr Bestes zuständig. Arme Demokratie.

Demokratie im journalistischen Paralleluniversum

Donnerstag, 15. Mai 2008

Der Auftakt verhieß schon nichts Gutes. “Demokratie” sollte die Serie also schlicht lauten, und das “o” im Signet ist angekreuzt – Demokratie ist Wählen, ist Ankreuzen, Stimme abgeben. Der erste Beitrag in Heft 19/2008 (S. 38-44) kommt unter der Überschrift “Das Kreuz mit der Demokratie” daher. Da war auf die in der Einleitung gestellte Frage: “Wie können sich Deutschland und die internationalen Institutionen reformieren, damit die Demokratie neuen Schwung gewinnt?” nicht viel zu erwarten. Sinkende Wahlbeteiligungen werden denn auch als “schwindendes Interesse” graphisch fehlinterpretiert, Demokratie “im westlichen Sinne” wird zum “Versprechen auf Gerechtigkeit und Mitbestimmung” reduziert, die Welt in “frei”, “teilweise frei” und “nicht frei” arealisiert. So einfach ist der Spiegel- Globus, auf dem Paraguay schlicht das “Reich der pfannkuchenflachen Pampas” ist.

Diese Woche sollte es dann um “die prekäre Demokratie in Deutschland” gehen, versprach die Weekly-Soap-Vorschau, doch schon der Vorspann macht klar, dass hier nicht journalistisch Probleme recherchiert, sondern religiös Dogmen zelebriert werden:

“Die Demokratie in Deutschland lebt, aber sie zeigt Abnutzungserscheinungen, während weltweit autokratische Staatsformen triumphieren. Zu selbstverständlich wird genommen, was jeden Tag gepflegt sein will.”

Oh Gott! Politiker-Litanei also, in einer Art Girls-Day mal nicht aus Bundestag oder Bundespressekonferenz, sondern dem Spiegel-Haupstadtbüro. Dirk Kurbjuweit und Christoph Schwennicke hätten bereits hier “Amen” sagen können und mit den überflüssig folgenden sieben nicht Anzeigen bepackten Seiten ihre Spiegel-Anteilseigner-Rendite verbessern können. Stattdessen wird ein Demokratie-Credo entfaltet, das es in dieser Banalität nichtmals auf den stets veralberten evangelischen Kirchentagen gibt.

Dabei ist es durchaus ein überraschender Ansatz, für einen Essay auf die Straße zu gehen, sein Büro zu verlassen und zu schauen, zu fragen, eventuell auch zuzuhören. Allerdings nur, wenn man wirklich etwas erfahren möchte, wenn man neugierig ist auf die Welt da draußen, auf das wie auch immer empfundene Ticken der Menschen. Und wenn man nicht die Wahllosigkeit Regie führen lässt, sondern mit eigenen Fragen auf Recherchetour geht.
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Das gemeine Volk

Mittwoch, 14. Mai 2008

Nach der verunglückten Kabinettsumbildung zieht Ministerpräsident Dieter Althaus geschwächt ins Wahljahr 2009. Thüringens Union droht der Machtverlust.

So teasert der Spiegel im aktuellen Heft (20/2008, S. 42) unter der Überschrift “Heiliger Eifer”. Und so schreibt der Spiegel auch sonst in allen politischen Lebenslagen: aus dem Blickwinkel der Politiker. Die stellen aber zweifelsohne die Minderheit der Leserschaft.

Thüringens Union droht kein Machtverlust. Allenfalls könnte es sein, dass die sich nicht-enthaltenden thüringischen Wähler mehrheitlich andere Parteien präferieren. Es droht kein Machtverlust irgendwem, es droht ein klitzekleines Stück Entscheidungsfreiheit.

Das ist keine Spitzfindigkeit, sondern ein Grundproblem des Politik-Journalismus’. Die Meute in der nervösen Zone diffundiert ins politische Establishment, verliert die Distanz, dreht sich um sich selbst und um ihre protagenen Brötchengeber und publiziert sich und leider auch uns eine “Berliner Republik” zusammen.

(Mutmaßliche) Wählerentscheidungen sind dann erdrutschartige Verluste, Denkzettel und vor allem immer gerne Debakel.

Es ist okay, wenn der Bayernkurier so schreibt oder vorwärts, Das Parlament oder Cicero. Aber einer der zwei, drei auflagenstarken politischen Wochenzeitschriften stünde ein Betrachtung der Welt aus anderer als Herrschersicht gut an. Klickhuren wird auf Dauer keine Alternative sein.

Gleichheit vor dem Spiegel

Freitag, 09. Mai 2008

Das Spiegel-Gespräch mit Ursula von der Leyen (18/2008, S. 27-30) hätte ich wirklich gerne gesehen. Oder zumindest gehört. Denn es ist über weite Strecken geil. Schon der Einstieg:

SPIEGEL: Frau Ministerin, wir sind wegen der Gleichberechtigung da.

Von der Leyen: Zwei Männer, die wegen der Gleichberechtigung kommen. Das finde ich schon mal gut.

Oder so entspannte Dialoge wie:

SPIEGEL: Eine Umfrage hat ergeben, dass mehr als die Hälfte der deutschen Frauen mit Til Schweiger ins Bett wollen. [...]

Von der Leyen: Ins Bett gehen ist Sex, und Sex hat mit körperlicher Attraktivität zu tun. Insoweit kann ich das mit Til Schweiger verstehen. [...]

Wie souverän die Bundesministerin da wohl geblinzelt haben mag? Oder musste ihr Pressereferent als kleine Eselsbrücke ein Abziehbildchen von Schweiger hochhalten? Nun, es wird geheim bleiben, auch künftig, denn der Spiegel plant leider nicht, solche schönen Interviews auch in Ton und Bild zur Verfügung zu stellen. Die Gespräche seien ja “in der Regel auch viel länger als gedruckt”, verweist die Sprecherin Anja zum Hingst auf das häufiger diskutierte Procedere bis zum gedruckten Werk.

Interessiert hätte mich das Interview-Ambiente auch bei der Begegnung mit Stephan Weidner (18/2008, S. 168f). Denn aufgrund der schriftlichen Fassung kann ich nichtmals erahnen, mit was sich dieser jüngerschaftsreiche Stümper für den Kulturteil empfohlen hat. Und welchen Erkenntnisgewinn die Spiegel-Redaktion von dem Termin und seiner zweiseitigen Heftpräsentation erwartet.

Vielleicht hätten die männlichen Politikredakteure mit dem Gründungsmitglied der Böhsen Onkelz Weidner sprechen sollen, um auf das Wesentliche zu kommen. Immerhin verdanken wir Lyriker Weidner Sexologisches wie diese Verse:

Herr, ich bin schuldig
ich habe es getan
ich habe sie verdorben
und es war nicht das erste Mal
frag mich besser nicht,
sonst muss ich lügen
ja, ich habe sie entweiht
und es war mir ein Vergnügen

ich ließ ihre Lippen bluten
ich nahm ihr den Verstand
ich hörte dich zwar rufen
doch der Teufel gab mir seine Hand

wir ham’s getan, wie man es tut
im Stehen und im Liegen
und wenn wir einmal Engel sind
dann fick ich dich im Fliegen

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Lesebeute: SPIEGEL schasst Geschäftsführer

Samstag, 26. April 2008
  • Der SPIEGEL will seinen erst im Januar 2007 installierten Geschäftsführer Mario Frank offenbar vor die Tür setzen.
  • Die Überwachung der SPIEGEL-Korrspondentin Susanne Koelbl wird inzwischen ja auf und ab diskutiert. Warum es einen noch überraschen kann, dass Bespitzelungsbehörden spitzeln?
  • Der Darmstädter Journalistik-Professor und ehemalige SpOn-Redakteur Lorenz Lorenz-Meyer sieht in der China-Berichterstattung des Spiegels Kampagnen-Journalismus.
  • Spiegel-Verlagsleiter Fried von Bismarck kann sich eine Zusammenlegung von Print-und Online-Redaktion vorstellen. Dass es dafür aber offenbar sinkende Hefterlöse braucht zeigt, dass man auch beim Spiegel Print und Online weiterhin für zwei getrennte Medien hält – es sind aber nur zwei verschiedene Distributionswege.
  • Eine “besonders gelungene Kombination aus Meldung und Werbung” hat Coffee & TV gefunden.
  • Spiegel-Kritik gehört zu den derzeit 25 “dynamischsten Medienblogs”. Sagt irgendeine Auswertung bei metaroll.de
  • Kurbjuweits entrückte Meinungsmache

    Dienstag, 22. April 2008

    Ein Leserbrief von Richard Jecht

    Schon erstaunlich, was da im Spiegel Nr. 17 / 21.04.08 in gänzlich unverdaulicher Weise nebeneinander steht: zum einen der Artikel „Die Flucht der Elite“, zum anderen das Pamphlet „Die Zuckerbäckerin“. Was daran unverdaulich ist? Die offensichtliche Wider-sinnigkeit der Beiträge! Ist es Zufall? Satire? Ein Versehen? Oder hat der Schmarren System?

    So wird, was in „Die Flucht der Elite“ als gesellschaftliche Wirklichkeit nüchtern und sachlich dargelegt wird – daß die Kluft zwischen Arm und Reich in Deutschland immer größer wird (oder präziser: daß immer mehr Menschen über immer weniger Einkommen und Vermögen verfügen), was u.a. zum „Rückzug“ der Wohlhabenden in eine Parallelwelt führt –, nur wenige Seiten weiter durch den neoliberalistischen Propagandatext „Die Zuckerbäckerin“ völlig konterkariert. Und das, wie ich finde, nicht nur in einem ganz und gar degoutanten Stil à la „Bild“ („Und das Volk will gepampert werden. Wird gemacht.“); sondern paradoxerweise – oder sollte man besser sagen: „kafkaeskerweise“? – eben auch in völliger Ignoranz der nur einige Seiten zuvor beschriebenen Wirklichkeit in Deutschland.

    Angesichts der Tatsache, daß die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich eine Gefahr für die Demokratie bedeutet, wirkt die Meinungsmache des Autors Kurbjuweit nicht nur entrückt und wirklichkeitsfern, sondern auch unprofessionell und zynisch – was letztlich zur Frage führt, warum DER SPIEGEL etwas derart offensichtlich widersinniges druckt. Verdaue es, wer kann!

    Herzliche Grüße.

    Richard Jecht

    Claus Kleber will weiter nix vom Spiegel

    Dienstag, 18. März 2008

    Die Selbstironie an der Spiegel-Eigenwerbung mit Claus Kleber ist doch gelungen: “Dieses Angebot vom SPIEGEL nehme ich gerne an” bewirbt der ZDF-Moderator derzeit Spiegel-Wissen, diesen etwas diffusen Informations-Auswurf. Und hat das Angebot natürlich schon wieder nicht angenommen. Nachdem er im Dezember abgelehnt hatte, Chefredakteur des Blattes zu werden, wollte er nun (letztlich) nicht für Spiegel-Wissen werben. Denn wie Michael Hanfeld in der FAZ schreibt, ist die Werbung wider Klebers Willen im Spiegel wie auch in externen Magazinen geschaltet worden.

    Das ZDF und Kleber haben den Werbeauftritt nicht genehmigt. Das sei schon „ungewöhnlich“ heißt es auf Anfrage beim Sender. „Zwischen Schmunzeln und Irritation“ bewege sich die Gemütslage an der Spitze des ZDF.

    Schreibt Hanfeld. Der Spiegel habe den Fehler auf Nachfrage eingeräumt und soweit möglich die Anzeigenkampagne gestoppt.

    Bedenkliche Spiegel-Kooperation?

    Montag, 17. März 2008

    Offener Brief an DER SPIEGEL bezüglich Ihrer Kooperation mit dem russischen Fernsehjournalisten Michail Leont’ev
    von Dr. Andreas Umland

    Betr.: Die russische Zeitschrift Profil’ – DER SPIEGEL und ukrainische Zeitschrift DER SPIEGEL – Profil’
    Kiew, 21.2.08

    Sehr geehrte Damen und Herren,

    vielleicht könnte folgender Hinweis an die bei Ihnen hierfür zuständigen Redakteure bzw. Geschäftsführer weitergeleitet werden:

    Der Präsentation der russischen und ukrainischen hochauflagigen Journale Profil’ auf dem WWW (http://www.profile.ru/) und den Vorderumschlägen der Printausgaben nach zu urteilen, gibt es eine Zusammenarbeit dieser Zeitschriften mit DER SPIEGEL. Auch drucken die Zeitschriften regelmäßig russische Übersetzungen Ihrer Beiträge ab – mit Ihrem Einverständnis, so muss vermutet werden. Ist dies tatsächlich der Fall? Wenn nicht, sollten Sie gegen die Verwendung Ihres Logos und Ihrer Texte durch Profil’ vorgehen.

    Falls Sie tatsächlich mit Profil’ zusammenarbeiten: Der derzeitige Chefredakteur beider Magazine ist der bekannte russische Fernsehjournalist Michail Leont’ev. Mich wundert, dass DER SPIEGEL mit dieser Person eine Kooperation eingegangen ist und den Namen sowie das Logo von DER SPIEGEL für diese beiden (und womöglich noch weitere, mir unbekannte) Projekte Leont’evs zur Verfügung stellt. Leont’ev gilt als Lieblingsjournalist Putins und ist ein fanatischer russischer „Patriot“, der mit Fernsehsendungen wie Odnako (Allerdings) seit Jahren eine allwöchentliche Dämonisierung der USA und neuerdings auch Großbritanniens sowie Schürung von Vorurteilen gegenüber der europäisch-amerikanischen Welt allgemein betreibt. In politischen Diskussionssendungen redet er sich regelmäßig in antiwestliche Rage. 2001 war er Gründungsmitglied des Zentralen Rates von Aleksandr Dugins radikal antiwestlichen Bewegung „Eurasien“. Zu dieser Bewegung: “Toward an Uncivil Society? Contextualizing the Recent Decline of Extremely Right-Wing Parties in Russia,″ Weatherhead Center for International Affairs Working Papers, Nr. 3, 2002, http://www.wcfia.harvard.edu/node/589.

    So dürfen sich Ihre Autoren Beat Balzli, Frank Hornig, Markus Dettmer, Holger Stark und andere nicht wundern, dass sie sich als Autoren des Kiewer DER SPIEGEL – Profil’ vom 3. März 2008 (siehe S. 45-51, http://www.profile.ru/items/?item=25557, http://www.profile.ru/items/?item=25558) in der zweifelhaften Gesellschaft des genannten Aleksandr Dugin finden. Dugin publizierte in der selben ukrainischen Ausgabe Nr. 8 einen Artikel zur Kosovo-Problematik unter dem bezeichnenden Titel „Für Russland ist der Moment der Wahrheit gekommen“ (S. 22-24, http://www.profile.ru/items/?item=25545). In den neunziger Jahren bezeichnete Dugin die Waffen-SS als eine „intellektuelle Oase“ im Dritten Reich. Als Chef der sogenannten Internationalen Eurasischen Bewegung, deren Leitungsmitglied Leont’ev einst war, bedauerte er den Tod Reinhard Heydrichs, eines, wie Dugin meinte, „überzeugten Eurasiers“. Unter dem Pseudonym „Aleksandr Šternberg“ verfasste Dugin eine Ode auf Heinrich Himmler. Siehe: „Faschismus à la Dugin,“ Blätter für deutsche und internationale Politik, Nr. 12, 2007, S. 1432-1435, http://www.blaetter.de/artikel.php?pr=2721.

    Diese Beobachtungen ließen sich weiter ausführen. Unter Umständen haben die Mitglieder des Netzwerkes „Junge Osteuropa-Experten“ oder der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde, an die diese Mail per CC geht, weitere sachdienliche Hinweise.

    In der Ukraine, wo Leont’ev zeitweise persona non grata war, hat die Zeitschrift DER SPIEGEL – Profil’ und deren Berichterstattung bereits negative Reaktionen bei den örtlichen Journalisten hervorgerufen. Siehe z.B. Jurij Makarov, „Spokusa prostych rišen’,“ Ukrajinskyj Tyžden’, Nr. 5(13), 2008, S. 2, http://www.ut.net.ua/art/164/0/295/.

    Ich kann nur davon abraten mit Leont’ev zu kooperieren. Sie müssen schlecht beraten worden sein, Ihren auch in Russland geschätzten Namen für dessen Projekte zur Verfügung zu stellen. Dies ist um so verwunderlicher, als es in Moskau inzwischen eine ganze Reihe, wir mir scheint, würdigerer, einst prominenter Journalisten gibt, die aufgrund ihrer politischen Positionen aus den zentralen Massenmedien verdrängt wurden und womöglich an einer Zusammenarbeit und neuen Projekten mit DER SPIEGEL Interesse hätten. Geeignetere potentielle Kooperationspartner in der Ukraine gibt es ebenfalls (die ich Ihnen ggf. gerne vermitteln kann).

    Mit vorzüglicher Hochachtung!
    Ihr langjähriger Leser
    Dr. Andreas Umland
    DAAD-Lektor
    Nationale Taras-Ševčenko-Universität Kiew

    Der Spiegel bestätigte auf Nachfrage von SpKr eine Vereinbarung zur Zweitverwertung. Da der Brief von Andreas Umland bisher unbeantwortet geblieben ist, haben wir ihn nun veröffentlicht. -Red.


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