Lesebeute: Spiegel ahnungslos bei Goethe und Jugendgewalt

* Wegen der (angekündigten) Betriebsferien erst heute ein Verweis auf die Korinthen-Kritik: Der Umblätterer befürchtete, im Spiegel dieser Woche einen Korrekturkasten zu vermissen, dessen Inhalt er gratis feilbot. Und so ist’s gekommen.  Daher hier das Korrekturangebot:

„Die ALDI-Europakarte auf S. 67 (im SPIEGEL 31/2010) stimmt nicht ganz, ALDI-Suisse ist Expansionsgebiet von ALDI-Süd, nicht -Nord. Und weil wir grad dabei sind, noch eine Korinthe zur Titelgeschichte der vorvorletzten Ausgabe (Nr. 29, S. 61): »Über allen Gipfeln ist Ruh …« a.k.a. »Ein Gleiches« ist nicht wirklich ein »Altersgedicht Goethes«, wie Susanne Beyer schreibt, der Dichter war da 31 Jahre und hatte noch 51 weitere zu leben, also na ja.“ (Verlinkungen von Spiegelkritik)

* Denkmalbauer Stefan Niggemeier:

„Bei „Spiegel Online” wird sie noch gepflegt, die alte journalistische Untugend des Überschriften-Stabreims. Mit diesem Eintrag möchte ich dem unbekannten Alliteraten in der Redaktion ein Denkmal setzen.“ –> Zur Alliterations-Kritik.

* Jugendfreizeiten werde es in der bisherigen Form künftig nicht mehr geben, trötete der SPIEGEL in Ausgabe 30/2010 in einem langen Text über die jugendlichen Gewalttaten auf Ameland. Dumm und dünn findet Timo Rieg diesen Beitrag offenbar, ohne seiner Kritik diese wunderschöne Alliteration verliehen zu haben.

Was ist gewonnen, wenn künftig die jährlich “über 50.000 Ferienreisen für Kinder und Jugendliche mit weit über 1,5 Millionen Teilnehmern” nicht mehr möglich sein sollten, weil “die verschärften Vorgaben […] die meisten Anbieter überordern [dürften]“? Berichte über Osnabrücker Ghetto-Kids, die nicht nach Ameland reisen dürfen, könnte der Spiegel auch diesen Sommer schon schreiben. Allein auf dem Silbertablett staatsanwaltschafltlicher Ermittlungen dürfte sich da auch für Osnabrücker Zeitvertreib Jugendlicher einiges finden lassen.

* Albrecht Müller findet  Spiegel online „immer unerträglicher“.  Weil in einem Artikel Ausländer als Arbeitnehmer gefordert werden und in einem anderen ein wirtschaftsboom herbeigeschrieben wird. So ungefähr.

Spiegel zerstört Existenzen

Wenn der Spiegel mit seinen Prophezeiungen zu Al Gore und Kachelmann ähnlich erfolgreich ist wie mit seinem sturmgeschützigen „Aufhören!“- und „Der bessere Präsident“-Titeln soll’s gut sein.
Ansonsten ist die permanente Beschwörung, die eigene Verdachtsberichterstattung zerstöre Menschenleben, reichlich perfide. Zum Fall Kachelmann hieß es im Print-Spiegel:

„Ohne einen Freispruch erster Klasse, wegen erwiesener Unschuld, wird er wohl nie wieder auftreten können. […] Es geht also um Existenzen.“

Heute wissen die Online-Kollegen über Al Gore:

„Der Nobelpreisträger dementiert heftig – sein Ruf dürfte trotzdem ruiniert sein.“

Mit dieser Zwangsläufigkeit argumentieren schon sehr erfolgreich die Zensuranwälte und verhindern Verdachts- und Ermittlungsberichterstattung. Dabei haben es die Medien sehr wohl in der Hand dafür zu sorgen, dass nicht immer und automatisch „etwas hängen bleibt“. Dass dieser Eindruck häufig besteht, liegt schlicht an der Tatsache, dass Fälle eben oft nicht vollständig geklärt werden können. Dann ist es manchmal SChicksal, manchmal auch nur recht und billig, wenn man sich an diese ungeklärten Geschichten auch später noch erinnert. Gegen wen aber Vorwürfe zu unrecht erhoben wurden, der muss zumindest von den Medien natürlich vollständig rehabilitiert werden. Und genau das haben sie in der Hand.

Lesebeute: Def. Medienjournalismus

„Medienjournalismus.  Schon das Wort belustigt Begriffsstutze wie Henryk M. Broder, weil sie so tun, als wäre es analog zu Zeitungs-, Fernseh- und Onlinejournalismus gebildet und stelle also eigentlich einen Pleonasmus dar. Dabei steht es in einer Reihe mit Sport-, Politik- oder Wirtschaftsjournalismus; der erste Wortteil bezeichnet nicht das Medium, sondern seinen Gegenstand.

Doch die scheinbare Doppeldeutigkeit des Wortes zeigt auch das Spezielle an der Arbeit als Medienjournalist, das Dilemma beim Schreiben in den Medien über die Medien. Fast jeder Text ist zwangsläufig ein Text über ehemalige oder potentielle zukünftige Auftrag- oder Arbeitgeber, über direkte Kollegen oder Konkurrenten. Fast jeder medienjournalistische Text steht somit unter dem Generalverdacht einer Interessenskollision, eines Kalküls jenseits journalistischer Kriterien.

Ich nehme an, dass diese Situation auch den Medienjournalisten beim „Spiegel” nicht fremd ist. Was ihnen aber offenbar fremd ist: Dass ein journalistisches Leben außerhalb der „Spiegel”-Redaktion existiert. Dass es Journalisten gibt, sogar Medienjournalisten, die nicht angestellte Redakteure sind, mit festem Gehalt und Einbindung in eine Hierarchie, sondern frei arbeiten, und das sogar freiwillig, nicht aus Not.“  (Stefan Niggemeier, anlässlich einer rätselhaften SPIEGEL-Meldung)

Schwatzbudenjournalismus

Die Medien haben es mal wieder geschafft. Wie immer. Sie bekommen ihre Sendungen und Seiten voll, und erschreckenderweise interessiert sich immer noch jemand dafür.

Nach der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zu den Hartz-IV-Regelsätzen hatte Guido Westerwelle am 11. Februar in der Welt einige  Aschermittwoch-Parolen abgesonders: Die Jugend müsse lernen, „dass Leistung keine Körperverletzung ist“ und: „Die Diskussion nach der Karlsruher Hartz-IV-Entscheidung hat sozialistische Züge.“

Die Medien haben daraus eine Fortsetzungs-Story gebastelt, die ihren Höhepunkt im Spiegel-Titel von morgen findet. Um es höflich zu formulieren: Habt ihr noch alle Tassen im Schrank?

Ein journalistisches Thema?

Dass sich ein Berufspolitiker äußert, ist nun wahrlich nicht ungewöhnlich – es ist ja quasi das einzige, was er überhaupt macht. Manchmal mag er auch irgendwem zuhören, ganz selten auch etwas zu versehen bemüht sein, aber in aller erster Linie sondert er ab – und konfrontiert damit auch (und oft ausschließlich) den Medienbetrieb.

Es gibt viele Begriffe für sogenannte „Nachrichtenkriterien“, aber letztlich lassen sich alle wesentlichen unter einer Frage zusammenfassen: Ist das, was es zu berichten geben könnte, relevant? (Auch die vermeintlich eigenständigen Kriterien wie etwa Neuigkeit, Kuriosität oder Unterhaltungswert müssen immer ihre Relevanz behaupten, wenn bei der Nachrichtenproduktion nicht schlicht das Zufallsprinzip herrschen soll – was auch ein durchaus spannender, aber bisher öffentlich nicht vertretender Ansatz wäre.)
Jedenfalls wird man unabhängig von eigener Parteipräferenz, unabhängig von Alter, Geschlecht und Schwere des Dachschadens kaum Anzeichen von Relevanz in Westerwelles Beitrag finden können. Den Verwertungsorganen des Springer-Verlags sei die ökonomische Relevanz zugestanden, in kleinen Meldungen darauf zu verweisen, der FDP-König habe in der Welt etwas vom Stapel gelassen. Damit sollte es aber dann auch gut sein. Weil:
– In Westerwelles Text steht nichts Neues.
– Westerwelle bringt keinerlei Kompetenz für das Thema mit, weder originäre noch formelle.
– Sein Wortgetöse sollte ihm schon ein mittelprächtig talentierter Redaktions-Praktikant um die Ohren hauen können (aber es eben wegen mangelnder Relevanz beim Vermögen belassen): dass ausgerechnet einer der ganz fetten „Bezieher von Steuergeld“ beklagt, es gebe „niemanden, der das alles erarbeitet“ und als hauptberuflicher Leistungsverweigerer von lohnender Leistung schwadroniert, mag einen Schmunzeln oder Kopfschütteln machen, in jedem Fall aber nicht auf die Spur bringen, hier habe gerade ein heller Kopf Erhellendes zur Lage der Nation gesagt.
Westerwelles Beitrag wird selbstredend auch nicht dadurch relevanter, dass sich in der Folge dutzende andere berufliche Sprachabsonderer nach vorne drängeln. Für all dies gibt es eine aus (oder mit, wie uns zunehmend dünkt) Steuergeldern gut beheizte Einrichtung, die man bei Welt-Online nicht „Schwatzbude“ nennen darf.
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Lesebeute: Warum Verlagsleiter Christian Schlottau den Spiegel verlässt

Der Spiegel hatte am Freitag in einer Pressemitteilung geschrieben:  „Christian Schlottau, 52, als Verlagsleiter zuständig für alle Verlagsobjekte der SPIEGEL-Gruppe mit den Bereichen Anzeigenvermarktung, Onlinevermarktung, Vertrieb, Marketing-Services und Werbung, wird das Unternehmen zum 31. Dezember 2009 in bestem Einvernehmen und aller Freundschaft verlassen.“

Die Fachzeitung Horizont sieht neben der formalen Umstrukturierung, die der Spiegel als Begründung für den Weggang Schlottaus angibt, auch andere Motive und schreibt u.a.: “ Die wahre Erklärung für Schlottaus scheinbar plötzlichen Abgang dürfte im Inneren des „Spiegel“ liegen: Die neue, fusionierte Vermarktungssparte Spiegel QC, die seit September am Start ist, läuft dem vielfachen Vernehmen nach nicht richtig rund. „

Lesebeute: Spiegel-Kritik von links

* Im August hatte Bild.de mehr Visits als Spiegel-Online, das bisher führende Nachrichtenmagazin im Web (dwdl).

* Scharfe Kritik von links gibt es an dem Spiegel-Artikel „Die Feuer der Hölle“ (35/2009, S. 118-122), der für den Kulturteil beworben wurde mit „Mythen: Der Heldenkult um den schwarzen Todeskandidaten Mumia Abu-Jamal“ .

* Bei Spiegel-Online war am Wahltag 30. August die Linke kurzzeitig wieder zur PDS mutiert.

* Bild und Spiegel sind sich mal wieder einig – und machen gemeinsam mit bei der etwas undurchsichtigen Kampagne „Zeit der Entscheidung“, einer Wahl-Werbe-Soap. Bei Bild – bei Spiegel-Online.

* Die Spiegel Mitarbeiter KG hat eine neue Satzung.

* Der Spiegel als Förderer einer Islamophobie? Die NRhZ über das neue Buch von  Kay Sokolowsky: „Feindbild Moslem“

* Spiegelfechter Jens Berger stellt – auf seine Weise – vier prominente Spiegel-Mitarbeiter vor:
„Wenn man den Niedergang des SPIEGELs an Personen festmachen will, so fallen immer wieder die Namen Claus Christian Malzahn, Henryk M. Broder, Gabor Steingart und Reinhard Mohr.“ Titel der Betrachtung: „Die vier Konvertiten“.

Und noch folgende Hinweise:

* Am 2. Oktober gibt es in Berlin eine interessante Tagung zum Google-Book-Settlement. (via iRights.info/Arbeit 2.0)

* Eine Übersicht der bisher veröffentlichten Stellungnahmen zu einem möglichen „dritten Korb“, also weiteren Änderungen des Urheberrechtsgesetzes insbesondere im Hinblick auf digitale Nutzung und Bearbeitung, gibt es bei www.iuwis.de

Spiegel bringt Farbe in 2. Weltkrieg

Foto-Deklarationen sind beim Spiegel so eine Sache, der wir bei Gelegenheit einmal einen genaueren Blick schenken wollen. Heute nur der Hinweis, dass das Cover-Foto der aktuellen Ausgabe (37/2009) nachträglich coloriert worden ist, ohne dass darauf hingewiesen wird. Laut Bild will die Redaktion auf dieses Versäumnis in der nächsten Ausgabe hinweisen.

Lesbeute: Rotzige Spiegel-Leute

+Über den „rotzigen Ton“ eines Spiegel-Interviews mit Ministerpräsident Günther Oettinger, das mehr über die Fragesteller als den Befragten aussage, mokiert sich im Südkurier Gabriele Renz: “ Meist aber spielt Oettinger mit wie ein Schaf, das ohne Murren zur Schlachtbank geführt wird. Er steht nicht auf und verlässt das Gespräch, bemüht sich, anders als sein Gegenüber, um Sachlichkeit. Forsch sei gefragt worden, und er habe ’sportlich reagiert‘, sagt Günther Oettinger, darauf in der Regierungspressekonferenz angesprochen.
Im Inhaltsverzeichnis ist nachzulesen, worum es den Fragestellern offenbar ging: den ‚politischen Abstieg‘ des Interviewpartners.“
+Die ARD ist Deutschlands zweitgrößter Medienbetrieb – nach Bertelsmann und lange vor Axel Springer.

+Den Verzicht auf eine Urhebernennung von Filmmaterial in SpiegelTV kritisiert Stefan Niggemeier.

Lesebeute: Leserreporter suchen behinderte Zeitbomben

+ Der aktuelle Spiegel-Titel (28/2009) mit der Unterzeile „Warum auf den Ersten Weltkrieg ein zweiter folgen musste“ lädt nicht gerade zum Lesen ein. Arno Widmann hat es aber womöglich getan und muss sich in der FR sehr aufregen.

+ Schon im Editorial des Spiegel 26/2009 wird auf einen recht merkwürdigen Beitrag hingeweisen („Wie bayerische eltern mit einem behinderten Kind leben, das sie abtreiben lassen wollten“).
Bei Oliver Tolmein, der u.a. auf journalistische Fehler hinweist, gibt es eine Diskussion dazu

+ Süddeutsche.de vermutet hinter dem großen Bauer-Interview im Spiegel 27/2009  – obwohl bzw. wohl ob es gähnend langweilig ist – einen Deal, mit dem eine eigene, bereits zu Pfingsten fertige Geschichte verhindert werden sollte. Wer sich für Spekulationen interessiert, hier.

+ Auch der Spiegel muss sparen und wird Stellen streichen, berichtet das Hamburger Abendblatt.

+ Der vorherige Spiegel-Chefredakteur Stefan Aust moderiert mit Sabine Christiansen einen Talk und soll für die WAZ neue Print-Konzepte entwickeln, weiß u.a. meedia.

+ Zum Beitrag von Reinhard Mohr über „Deutsche Linke und Iran“ gibt es viele Kommentare. Wir verweisen mal auf Spiegelblog und Nachdenkseiten, die noch einen interessanten Hinweis auf Jürgen Elsässer veröffentlichen.

+ Patrick Beser wundert sich, dass Spiegel-Mobil auch Leser-Reporter sucht.