Lesebeute zum neuen Trump-Cover

* Michael Hanfeld, FAZ, über den aktuellen SPIEGEL-Titel:

Insofern spielt der „Spiegel“-Titel genau das, was Trump braucht: ein Zerrbild von ihm, mit dem er weiter an seinem Zerrbild der Presse arbeiten kann. Denn zu einem lädt der „Spiegel“ in Bild und Text nicht ein – zu einer nüchternen, differenzierten Betrachtung von Trumps Politik. Von der hat sich das Blatt allerdings nicht erst jetzt verabschiedet. Schon der Titel vom 12. November des vergangenen Jahres, in dem Trump als Komet mit Feuerball erschien, der die Erde verschlingt, war von ähnlicher Machart wie der jetzige.

* Ähnlich kritisiert Clemens Wergin in der Welt:  Weiterlesen

70 – und immer noch in der Pubertät

Man könnte Dirk Kurbjuweit eine eigene Rubrik spendieren, einerseits. Aber vermutlich ist er mit seiner Selbstgefälligkeit* doch eher der Prototyp des SPIEGEL-Redakteurs. Den Glückwünschen von Anja Reschke an die Hamburger Illustrierte schließen wir uns jedenfalls herzlichst an:

* Zur Erläuterung, wers verpasst haben sollte: Dirk Kurbjuweit hatte im Newsletter „Die Lage“ am Dienstag äußerst kompetent spekuliert, wer SPD-Kanzlerkandidat werden wird. Er lag daneben und den Scoop landete außgerechnet eine andere Hamburger Zeitschrift mit Bildchen. Darüber ging Kurbjuweit am nächsten Morgen mit einem Sonnenbad in der Gästeliste seines Büros hinweg. Auszug:  Weiterlesen

Spiegel rückt weiter aus dem Fokus

Als wir vor zehn Jahren mit Spiegelkritik als Medienblog begonnen haben (damals tagesaktuell), ging es ja tatsächlich um ein „Spiegel“-Watchblog. Schon vor dem BILDblog haben wir allerdings den Horizont erweitert, nachdem für unseren Geschmack hinlänglich gezeigt war, dass auch beim Spiegel journalistische Merkwürdigkeiten passieren.

Bald passiert da vielleicht gar nichts mehr. 149 Mitarbeiter nicht mehr beschäftigen zu können (um’s wollen geht es ja angeblich nicht) ist ja wohl doch ein Alarmzeichen: Meldung in der Süddeutschen; aktuelle Geschäftsführung.

Konservative Christen irritieren Spiegel-Intellektuelle

spiegel-2015-21Konservative Christen erobern Deutschland“ titelt der SPIEGEL (Nr. 21/2015). Die Geschichte dahinter ist so langweilig wie die Sexstory des Covers. Auf halbe Twitterlänge redigiert: Konservative Protestanten sind konservativ und stehen dazu.

Erstaunlicher aber ist, welche Engstirnigkeit SPIEGEL-Leute heute zur Schau stellen. Von Auseinandersetzung, Disput, intellektueller Freiheit ist da nichts zu merken.

Ja,  es gibt evangelikale Kreise, die Homosexualität als „unvereinbar mit der biblischen Ethik“ sehen. Na und? Niemand muss ihnen folgen. Und Polemik über Vertreter „traditioneller Familienbilder“ wäre mutiger gewesen zu Zeiten, als in Deutschland männliche Homosexualität noch unter Strafe stand – immerhin bis 1969 in jeglicher Form und bis 1994 mit einem  „Schutzalter“ von 18 Jahren!

Dafür fordert der SPIEGEL in seinem Artikel gleich eine neue Diskriminierung: nämlich die der Evangelikalen. Mit ihnen dürfen Politiker nicht sprechen, sie dürfen für ihre Positionen keine Lobbyarbeit machen, und sie sollen wohl auch nicht demonstrieren dürfen. Und es gilt dem Blatt für Religions-Mainstreaming schon als unerhört, wenn ein evangelischer Pfarrer predigt, man solle als Christ keine Buddhafiguren zuhause aufstellen. Wie intolerant! Wie mittelalterlich! Wie gefährlich für das Abendland.

„Man fragt sich, warum in den Medien immer wieder Beiträge mit dieser Stoßrichtung platziert werden, meist im Stil eines »Enthüllungsjournalismus«“, schreibt Helmut Frank im nicht gerade als pietistisch bekanntem Sonntagsblatt dazu.

Weil, so eine mögliche Antwort, im deutschen Politikjournalismus Antikirchlichkeit zum guten Ton gehört. Dass man dabei die verschnarchten Landeskirchen und die konservativ-lebendigen Freikirchen gegeneinander ausspielen kann, macht die Kritik selbst Ahnungslosen einfach.

Energiemix beim Spiegel

Der SPIEGEL lässt sich von der Firma DONG Energy sponsern, die unter anderem Windparks betreibt, und macht gleichzeitig das gesetzlich verordnete Energiesparen als „Volkdsverdämmung“ zum Titel-Thema. Das findet Volker Lilienthal gar nicht in Ordnung – der ausgerechnet die Rudfolf-Augstein-Stifungsprofessur inne hat. Mehr bei Cicero.

Was sich beim SPIEGEL so tut

* Blattreform: optisch und meinungsmäßig (feste Kolumnisten statt Vielfalt, Sonneborn statt Satire)
Blattkritik DWDL: in der Summe gelungen
Blattkritik Tagesspiegel: Gesamtkunstwerk
Blattkritik Horizont: Leitartikel, Luftigkeit – und keine Satire
Blattkritik Süddeutsche: Renoviert
* Meedia-Chefredakteur Stefan Winterbauer lobt das neue digitale Storytelling bei Spiegel(online).
* Der letzte Titel „Krieg in Europa?“ bekommt – natürlich – Kritik von links.
* Stefan Niggemeier über Werbung bei Spiegel.de, die wie redaktioneller Content daherkommt (mit Zugaben 1 und 2)

Und wo wir schon beim SPIEGEL sind: Was uns die verfilmte Spiegel-Affäre über die Bundesrepublik der 60er Jahre sagt – ZEIT.

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Nichtwähler ins SPIEGEL-Erziehungsheim

Wenn in einer Parteiendemokratie die größte Wählergruppe die Nichtwähler sind, dann – ist dies nicht das Ergebnis von Meinungswettstreit, von journalistischer Berichterstattung, von freien Entscheidungen – sondern dann hat diese größte Gruppe einfach einen Knall. Weil das in den letzten Monaten propagandamäßig von fast allen kommerziellen Medien verbreitet wird, hat der Spiegel die letzte Chance vor der Bundestagswahl zum Mitmachen genutzt und sein aktuelles Titelthema (38/2013) den Systemschmarotzern und Demokratiesaboteuren gewidmet: den „Schamlosen“. Erkenntnis war nicht zu erwarten, Unterhaltung fehlt etwas überraschend. Dazu nur ein paar lose Anmerkungen.

Argumente:

Nichtwähler sind irgendwie schuld an dem, was kommen wird. Auch daran, dass Ex-Nichtwähler „die populistische AfD“ wählen und im schlimmsten Fall sogar ins Parlament bringen werden. Für das Ergebnis einer Wahl sollten daher nicht die Wähler haften, sondern die Nichtwähler.

Argumente einiger prominenter Nichtwähler haben es zwar in den Artikel geschafft, doch fast jeder Konter stammt von den Spiegel-Autoren selbst, der sich jeweils auf apodiktischen Demokratiedefinitionen speist. Demnach verhalten sich Nichtwähler „wie Schwarzseher, die keine GEZ-Gebühr bezahlen und trotzdem über das Programm der Öffentlich-Rechtlichen herziehen“. Sie „missbrauchen […] ihre Bildung, um sich über das politische System zu erheben“. Ausgerechnet Nichtwähler sind nach Spiegel-Logik „Konsumenten“, die „von der Politik etwas ‚geboten‘ bekommen“ wollen, „statt sich selbst über die politischen Angebote zu informieren“.

In keiner Zeile wird auch nur der Versuch unternommen zu erklären, warum Wählen sinnvoll sein soll, wie sich darin die Meinung gut informierter Bürger ausdrücken soll. Stattdessen wird mit Verweis auf Immanuel Kant erklärt, Nichtwähler seien „Schutzbefohlene“ und hätten als solche gar kein Wahlrecht. (Sich darauf einen Reim zu machen bleibt wohl den Philosophen vorbehalten, ob jetzt mit offenem Hemd oder zugeknöpft krawattiert.)

Deutlicht macht der Spiegel nur, dass jedes Argument gegen die Wahl einer Partei albern sei, etwa wenn Theaterregisseur Sebastian Hartmann erklärt, er wolle die Grünen nicht wählen, weil er die Windräder nicht mehr sehen könne. Also informieren, Parteiprogramme lesen – und dann trotzdem wählen.

Recherche:
Der Artikel besteht überwiegend aus Recyceltem. Der Philosoph Richard David Precht wird als Prototyp der arroganten Intellektuellen-Schnösel dargestellt, „die derzeit durch Fernsehshows und Feuilletons der Republik schwirren, um sich auf Kosten der Demokratie zu profilieren“. Nicht erwähnt wird, dass die Sendung „Der Montag an der Spitze„, auf die sich der Spiegel bezieht, vom Spiegel mitveranstaltet wurde, die Moderatoren Vize-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer und Ressortleiterin Britta Sandberg waren, die Diskussion live bei Spiegel.de übertragen wurde.
Aus der Günther Jauch Sendung vom 25. August wird nicht nur Ex-Spiegel-Mann Gabor Steingart recycelt, sondern sogar die wohl unbekannt zu nennende, 28-jährige Autorin Andrea Hanna Hünniger, die schon bei Jauch kaum was sagen durfte und als Nichtwählerin nicht ernst genommen wurde.

Auch ein brillanter Essay von Harald Welzer („Das Ende des kleineren Übels“) kommt noch einmal vor, veröffentlicht vor vier Monaten – im Spiegel.

Selbst da, wo die Spiegel-Autoren Fragen entdecken, verzichten sie auf Recherche: Vor dem Hintergrund eines über Jahrhunderte erkämpften Grundrechts wirke „es besonders seltsam, dass der Anteil der Nichtwähler gerade in Ostdeutschland deutlich höher als im Westen ist“. Eigentlich sollte man als Journalist so etwas nicht seltsam finden, sondern aufklärungswürdig. Vielleicht ist es ja kein Unfall?

Völlig unerwähnt bleibt auch die Nichtwählerforschung, die inzwischen einiges mehr als (journalistische) Plattitüden anzubieten hat.

Auf eine peinliche, der Staatsunterwürfigkeit geschuldete Fehlinterpretation von Satire hat u.a. Markus Kompa hingewiesen

Quintessenz?

Was will diese Spiegel-Titelgeschichte eigentlich? Nichtwähler-Bashing geht  okay, aber wem gefällt das außer all jenen, die von der Parteienwirtschaft abhängig sind?

Geht es um die eigene Existenz? Schließlich leben Journalismusprodukte wie der Spiegel ganz wesentlich von dem Glauben, gut informiert wenigstens alle vier Jahre Einfluss auf die Parteien und damit auf die Fremdgestaltung des eigenen Lebens nehmen zu können.

Lieblingsargument „der Nichtwähler“ sei die Ununterscheidbarkeit der Parteien, behauptet der Spiegel, der zwar nicht Woche für Woche, aber doch im Langzeitvergleich genau dies zeigt: es gibt nur Regierung und Opposition. Wenn wir die Namen weglassen (und durch Bundskanzler, Oppositionsführer etc. ersetzen) lesen sich Spiegel-Artikel seit 60 Jahren gleich. Nur ob man Regierung oder Opposition wählen sollte, wüssten wir am Ende immer noch nicht.

Zum Thema:
Nichtwähler-Debatte als Bankrotterklärung (stern)
Argumente fürs Nicht- bzw. Ungültigwählen (unwählbar.de)
Noch mehr Nichtwähler-Bashing bei Fleischhauer

Recall Zeitschrift Spiegel

„Es ist immer ein schlechtes Zeichen für eine Publikation, wenn sie sich zu sehr mit sich selbst beschäftigt.“ Zitiert turi2 heute Klaus Harpprecht aus der Süddeutschen Zeitung zum Spiegel, was uns an eine Sternstunde der Eitelkeit zurückdenken lässt, in der sich Spiegel-Chefredakteur Georg Mascolo verbat, sein Blatt eine Zeitschrift zu nennen: “Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie es ein Magazin nennen könnten”.