Axel Springers ewige Rache

Es ist ja komplett zwecklos, sich über das aufzuregen, was die Bild-Zeitung in weiten Teilen macht, was mit Sicherheit kein Journalismus ist, auch wenn ersiees Fragen stellt, und was mit ebensolcher Sicherheit kein Stammtischpalaver ist, weil dafür der kreative Suff fehlt, aber manchmal muss man halt doch kurz aufschreien, und dann etwa der völlige Hirnlosigkeit bezeugenden Frage “Darf ein Knast so kuschelig sein?” einfach einen Tucholsky ins Blatt göbeln:

“Es gibt kein staatliches Recht des Strafens. Es gibt nur das Recht der Gesellschaft, sich gegen Menschen, die ihre Ordnung gefährden, zu sichern. Alles andere ist Sadismus, Klassenkampf, dummdreiste Anmaßung göttlichen Wesens, tiefste Ungerechtigkeit.” (Kurt Tucholsky: Deutsche Richter)

Wir bestochenen Journalisten

Es wäre die investigativste Story, seitdem der Helgoländer Vorbote die besten Zwischenrufer des Deutschen Bundestags gekürt hat. Denn vermutlich würde nicht nur ein kleiner Bescheißerladen hochgehen, sondern ein ganzes korruptes Fast-Food-System gesprengt. Was ist schon Pferdefleisch in einer Bolognese-Soße im Vergleich zu unserem Fund: Mc Donald’s “Chicken Mc Nuggets” in einer weißen No-name-Verpackung “Chicken Nuggets”, frei Haus von einem Pizzabringdienst geliefert, der keine Pizza im Sortiment hat?  Weiterlesen

Wenn Journalistinnen mit dem Leben kollidieren

Gestern Abend habe ich es noch für einen peinlichen PR-Versuch gehalten, wie stern.de eine Nicht-Geschichte zu pushen versucht. Heute Morgen habe ich noch zwei Tassen Kaffee lang die aufbrausende Hysterie ignoriert, mir dann doch den “stern” gekauft (und zwar, das war das Mindestmaß an Anstand – im Lidl).
Die Frage, ob der Mensch ein intelligentes Wesen ist, hat mich über den Tag nicht mehr bewegt als sonst – das übliche Grundrauschen quasi in dieser Gaga-Welt. Aber die Frage, was wohl Journalismus sein könnte -die war präsenter als im langjährigen Durchschnitt.

Nehmen wir Sueddeutsche.de. Dort lesen wir (derzeit als dritte Meldung):

“Brüderles Blick wandert auf meinen Busen”, berichtet sie [stern-Redakteurin Laura Himmelreich] dort, anschließend habe der FDP-Mann gesagt: “Sie können ein Dirndl auch ausfüllen.” Im Laufe des Gesprächs habe er nach ihrer Hand gegriffen und diese geküsst.

Als Himmelreich versucht habe, den Politiker daran zu erinnern, dass sie Journalistin sei, habe er nur geantwortet: “Politiker verfallen doch alle Journalistinnen.” Anschließend soll sich eine Sprecherin Brüderles bei Himmelreich entschuldigt haben.

Das ist offenbar eine professionelle nachrichtliche Zusammenfassung des “Themas”: Ein Mann schaut auf den Busen einer Frau neben ihm. [1] (Dazu ist er da. Muss ich Frauen ihre Anatomie erklären? Dass es sich bei nicht-laktierenden Frauen wohl nicht um einen Milch-Euter – “Körbchengröße 90 L” – handelt, sollte auch biologisch ungebildeten Journalistinnen bekannt sein, und ansonsten mögen sie sich mal ein beliebiges nullipares Säugetier genauer betrachten.)
Daraufhin sagt der Mann etwas zum Aussehen der Frau. Und diese, statt darauf zugänglich oder abweisend zu reagieren, schreibt ein Jahr später einen Artikel, für den belanglos noch ein Euphemismus wäre, der aber gleichwohl vom Journalistenvolk zur investigativen Geschichte des – gütig sei es hinzugefügt – noch jungen Jahres erkoren wird.

Spiegel-Online-CvD Patricia Dreyer, vor fünf Jahren vom Blut-und-Titten-Blatt “BILD” zum keuschen Online-Spiegel geflüchtet, beklagt als alltäglichen Sexismus:

Wenn ich, Chefin vom Dienst bei SPIEGEL ONLINE, im Büro ans Telefon gehe, höre ich nicht selten “Verbinden Sie mich bitte mit dem Chef vom Dienst” – weil ich eine Frau bin, ist es wohl unvorstellbar, dass ich im SPIEGEL-Verlag Führungsverantwortung trage. – Stopp!

Susanne Herrmann darf auf Werben & Verkaufen in Laura Himmelreich’s Schilerung sexueller Übergriffe eine “Offenbarung” sehen.

Ursula Kosser promotet ihr Buch “Hammelsprünge” in der taz unter der Überschrift: “Brüderle ade –
Es gibt kein Recht auf sexuelle Anmache kraft Amtes”.

Bevor der Lärmsender “star.fm” gerade den Sexismus von Rainer Brüderle zum Staatsthema Nummer eins erkor, lief noch ein Jingle fürs “Breakfast-Radio”: Wer hat den Längsten in Berlin.

Am Sonntag erwartet und bei Günther Jauch wohl die Frage: Zerbricht Deutschland am Gockel?

Wie soll man Medien, die dem alltäglichsten aller Themen nicht gewachsen sind, noch irgendeine Leistung zutrauen, wenn ihr Personal nicht einmal diese sechs Worte über die Lippen bekommt: “Ich danke Ihnen für dieses Gespräch.”

Timo Rieg

[1]= Wenigstens etwas hilfreich könnte ja sein zu prüfen, ob dem “Täter” straf- oder zivilrechtlich etwas vorgeworfen werden könnte (und dann auch müsste, sprich: verhandelt würde). Da ist aber auch nach der langatmigen Schilderung im Heftchen nicht zu erahnen. Danach sollte man alle “Standesregeln” durchgehen, Selbstverpflichtungen etc. Und wenn dann immer noch nicht zu finden ist, sollte mal geprüft werden, ob es sich um eine “Befindlichkeit” handelt – und ob dies nach den im jeweiligen Medienhaus gebräuchlichen Relevanzkritierien die Öffentlichkeit tangieren müssen.

Ergänzungen:

* Kritisch zur stern-Berichterstattung: Wibke Bruhns im Tagesspiegel.

* Und zur Debatte an sich Thomas Stadler.

* Wo ist die Eigenleistung der kommerziellen Medien, wenn sie nur wiederkäuen, was – hoch repräsentativ – auf Twitter erzählt wird? Z.B. Spiegel-Online, FAZ , Berliner Zeitung, Berliner Morgenpost.

* lesenswert differenziert zur “aufschrei”-Debatte: frau meike

* Dass ausgerechnet Rechtsanwalt Ralf Höcker zeigt, was Journalismus u.a. zu leisten gehabt hätte (nämlich: Fragen stellen)…. – bei VOCER.

* Die Frage, warum die Geschichte erst nach einem Jahr aufgewärmt wird, “schwächt die Bestandsaufnahme der Journalistin” nicht nur, wie Katja Bauer in der Stuttgarter Zeitung schreibt, sie macht sie quasi unüberprüfbar. Denn wenn nicht jemand die Szene mit Ton gefilmt hat, ist nach dieser Zeit auf die menschliche Erinnerung nicht viel zu geben (und schon gar nicht nach der Veröffentlichung des stern-Artikels).

Immer wieder: Das Relevanzkriterium

Vielleicht die gute Nachricht zuerst: offenbar die meisten journalistischen Medien haben zutreffend erkannt, dass nicht jeder Antisemitismus-Vorwurf eine Nachricht ist – auch nicht, wenn dahinter ein amerikanischer Verein steht, der sich einen prominenten Namen entliehen hat.

Die taz aber schenkt der Sache Aufmerksamkeit. Doch nach welchen professionellen Relevanzkriterien, offenbart sie nicht.

Muss es taz-Leser_innen interessieren, wie sich Henryk Broder ein ums andere Mal inszeniert – und dabei Kollegen mit Dreck bewirft? Und was erfahren sie stattdessen nicht (aus raum- und zeitökonomischen Gründen)?

a) Irgendeine amerikanische Institution (1) kürt einen renommierten, engagierten und gut lesbaren deutschen Journalisten  zu einem der großen Antisemiten des Jahres 2012. Das ist nicht an sich schon ein Thema zum Publizieren und Kommentieren, sondern allenfalls zum Recherchieren: Was kann da nur dran sein? Brauchen wir – im deutschsprachigen Journalismus – die Hilfe aus Übersee, um einen weltweit zu fürchtenden, immerhin weltweit zu ächtenden Antisemiten im Land zu erkennen?

Wenn das, was Cigdem Akyol vorträgt, schon das Ergebnis ihrer Recherchen ist, hätte ihr selbst dünken müssen, dass das Thema gerade keines ist. Man muss nicht über jeden Stock springen, den einem ein Zirkusdirektor hinhält. Vier Wortfetzen von Augstein präsentiert Akyol als Beleg für den goroßen Antisemiten. Der erste:

„Gaza ist ein Gefängnis. Ein Lager. Israel brütet sich dort seine eigenen Gegner aus“ (19.11., Spiegel Online),

Das ist doch kurz, bündig und richtig – zumindest richtig von einem bestimmten, legitimen Standpunkt aus besehen.

b) Dazu sagt ein anderer deutscher Journalist etwas, der schon immer – von seinen Anfängen bei den St. Pauli-Nachrichten – als Posenclown abonniert ist, und der zufällig auch als einzige Begründung in dem Wiesenthal-Center-Dokument auftaucht. Und der alles, was die taz nun bringt, bereits vor einigen Wochen in einem seinem Poltergeist nicht gerecht werdenden Langweiler-“Brief an meinen Lieblings-Antisemiten Augstein” formuliert hat.

Fangen wir doch mal hinten an. Was soll denn Broder sein, der so viel Raum in der taz einnehmen darf? Ein Semit? Nach  einer äußerst befremdlichen Rassenideologie wäre das vielleicht möglich (was auch immer “polnisch-jüdisch” in seinem Wikipedia-Zuchtbuch bedeuten soll). Aber er läuft wohl mit deutschem Pass rum und hat mit der Religion Judentum nichts am Hut.

Und ist jeder, der kein Antisemit ist, automatisch in der Landfrage Israels und Palästinas ein “antimuslimischer Rassist“?

Die Nummer funktioniert wie immer nur, weil sich Leute den Schuh anziehen wollen. Wenn ich oben im Text vor den “Zirkusdirektor” (mit dem natürlich nicht dessen freischaffender Clown gemeint ist) nur das Wort “krummnasiger” setzen würde, bin ich vermutlich Gegenstand einer Strafanzeige. Weil das heutige Antisemitismus-Schema genau dadurch funktioniert, dass sich Leute von Karikaturen angesprochen fühlen, deren Bezug zu ihnen sie empört weit von sich weisen.

Akyol meint:

“Schon alleine Gaza und Lager in einem Atemzug zu nennen, ist unerträglich.”

So einfach wird man also im deutschen Journalismus zum Antisemiten. Jakob Augstein selbst hat dazu schon treffend festgestellt: “Der Antisemitismus-Vorwurf wird inflationär gebraucht. Und er wird missbraucht. Immer häufiger wird Israels Besatzungspolitik mit dem Antisemitismus-Argument gegen jede Kritik in Schutz genommen. Dadurch verliert der Begriff seine Bedeutung und das Thema seine Würde.”

PS: Augustein zitiert auf seiner FB-Seite seine – leider ARD-mäßig langweilige – Antwort zu dem “Vorgang” an die dpa: “Das SWC ist eine wichtige, international anerkannte Einrichtung. Für die Auseinandersetzung mit dem und den Kampf gegen den Antisemitismus hat das SWC meinen ganzen Respekt. Um so betrüblicher ist es, wenn dieser Kampf geschwächt wird. Das ist zwangsläufig der Fall, wenn kritischer Journalismus als rassistisch oder antisemitisch diffamiert wird.”

(1): Ich versuche mir vorzustellen, wie die Wertung einer solchen Menschenrechtsorganisation ausfiele, wenn sie in Deutschland residierte und nicht von Rabbinern, sondern von “Kirchenfürsten” geleitet würde. Ihre Reputation im christlichen Abendland dürfte gering sein.

(2): Statt der taz hätte sich ja mal der Zentralrat der Juden in Deutschland äußern können, dessen (Ex-)”Tante Charly” immerhin vor vier Jahren für Broder ein Recht auf freie Meinungsäußerung gefordert hat. Wo das, was Jakob Augstein zum israelisch-palästinenischen Konflikt schreibt, nicht von diesem Recht gedeckt sein soll, müsste der Zentralrat ggf. erklären – oder sich von der PR-Aktion des Wiesenthal-Centers distanzieren.

Update: Zum Thema auch, aber ohne jede Relevanzfrage, Nils Minkmar, FAZ.
Ferner: SPIEGEL über die Schwierigkeiten, mit dem Verantwortlichen der Augstein-Platzierung ins Gespräch zu kommen.

Update 14.01.2013: Das BILDblog nölt mal wieder rum, die Medien hätten das nicht richtig gelesen. Den Links und der Auffindeinfachheit nach haben aber wohl die meisten Medien selbst auf die “TOP 10 Anti-Semitic/ Anti-Israel Slurs” geschaut. Aber dann muss man nicht jeden Eiertanz mitmachen.  Wenn es um Satzfragmente ginge, nicht um Autoren, hätte das PR-Zentrum auch die Namen weglassen können. Albern. Unseres Erachtens geht es eh um ein ganz anderes Problem – wie oben benannt.

BILD besser als SPIEGEL

Manchmal muss eine Geschichte auch deshalb fertig erzählt werden, weil man dabei seine zuvor geäußerten Gedanken neu kommentieren, einordnen, revidieren oder verstärken muss.

Wie war das jetzt mit dem ach so unsäglichen Joachim Witt Video “Gloria”? Ekelhaft und diskreditierend und vor allem – Gipfel der Lächerlichkeit – jugendgefährdend sollte es sein. Da war sich der deutschsprachige Profi- bzw. Kommerz-Journalismus weitgehend einig. Und dann? Irrt die Bundesprüfstelle in ihrer Beurteilung:

Eine Jugendgefährdung nach § 18 Abs. 1 JuSchG kann nicht festgestellt werden, da weder unsittliche, verrohend wirkende oder zu Gewalttätigkeit, Verbrechen oder Rassenhass anreizende Medieninhalte vorliegen.

Könnte es sein, dass sich Stefan Kuzmany auf Spiegel-Online mal wieder vergaloppiert hat? (Das meint wohl auch Jan Wigger.) Ebenso wie Thomas Schmoll auf stern.de? (für den das Video in vierfacher Hinsicht grauenhaft ist: “1. Die Musik ist furchtbar. 2. Der Sänger kann nicht singen. 3. Der Text ist stümperhaft. 4. Eine Frau wird vergewaltigt” – soviel Rezensionstiefe war selten); auch bei stern.de endet die Geschichte mit der bevorstehenden Indizierung (und einer “beleidigten Leberwurst” Witt).  Wo ist derHinweis im Kampfblog Bundeswehrblog “Augen geradeaus“, das vielfach als Nachrichtenquelle für die Indizierungsabsicht genannt wurde?

Im Prinzip sollten professionelle Medien ein solch wichtiges Update behandeln wie eine Gegendarstellung: in gleicher Größe an gleicher Stelle veröffentlicht, damit die Nachricht von möglichst vielen derer wahrgenommen wird, die den Anfang davon gelesen haben. Und online sollte es eine Selbstverständlichkeit sein, unter die alten Artikel ein “Update” zu setzen, damit auch Googler und Archivnutzer nicht nur durch Zufall erfahren, dass die Sache anders ausgegangen ist, als die Journaille glaubte.

Die Agenturmeldung dazu gab es schließlich, und bild.de hat es geschafft, sie aufzugreifen. Dafür gibts hier eine ja immerhin in diesem einen Punkt zutreffende Provokationsüberschrift.

Die journalistische Leistung in der “Causa Wulff”

Die Verleihung des Henri-Nannen-Preis für investigativen Journalismus hat nochmal eine interessante Diskussion ausgelöst über die Leistungen der Medien. Und natürlich um die alte Frage, ob man die BILD-Zeitung überhaupt im journalistischen Kontext erwähnen darf.

Ein sehr lesenswertes Statement dazu stammt vom SPIEGEL-Redakteur Michael Fröhlingsdorf:

Auch sonst brachte die investigative Recherche nicht viel zustande. Mal beschäftigten sich die Medien miteinander, wie im Fall von Wulffs Mailbox-Anruf. Mal nahmen sie die Ex-Ehefrau Wulffs ins Visier, weil ihr ein ehemaliger Nachbar Wulffs einen Job verschafft habe.  […]

Ganz aus dem Blick geriet dabei, weshalb Wulff tatsächlich zurücktrat. Die zunächst zögerliche Staatsanwaltschaft Hannover beantragte die Aufhebung seiner Immunität. Den Schritt hatte aber nicht etwa ein “Bild”-Bericht ausgelöst. […]  Diese Papier hat kein Journalist aufgespürt oder je zu sehen bekommen.

Die Wahrheit ist nämlich: Die Diskussion um Wulff wurde für seinen Nachfolger David McAllister im heraufziehenden Landtagswahlkampf zu riskant.

Siehe dazu auch: Spiegel-Online zitiert Wulff falsch

 

 

Grassjournalismus: Was nicht gesagt wird

Die Erstreaktionen auf Günter Grass’ Gedicht “Was gesagt werden muss” waren erwartbar. Doch dass es solange dauert, bis die eigentlich ebenfalls erwartbare Medienselbstkritik einsetzt, stellt grundlegende Fragen an den Journalismus.

Dass es soviel übereinstimmende Kritik an Grass gibt von tendenziell rechten bis linken Publizisten, ist dabei wenig überraschend. Problematisch ist jedoch, dass die “herrschende Meinung” auch als repräsentativ ausgegeben wird. Denn die überall verwendeten Sprachhülsen: “Welle der Empörung“, “Kritik reißt nicht ab“, “… gehen hart mit dem Nobelpreisträger hart ins Gericht” etc. ignorieren die in einer Demokratie viel wichtigere, weil in den wenigen Momenten souveräner Wahlentscheidungen allein zählende, “Volksmeinung” –

Lesenswert dazu sind u.a. folgende Beiträge:

Neue  Rheinische Zeitung: Was auch noch gesagt werden muss
Jakob Augstein bei Spon: Was gesagt werden musste
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