“Burka-Verbot” im Journalismus – ein Qualitäts-Check

Es sind nun schon zwei Wochen, die uns der deutsche Journalismus mit dem Thema “Burkaverbot” penetriert. Natürlich wird jeder Redakteur, jede Freie weit von sich weisen, Rädchen in der PR-Maschinerie der Berufspolitiker und anderer von öffentlicher Aufmerksamkeit lebender Institutionen (wie der Polizistenlobby) zu sein und sich stattdessen als Aufklärer*in sehen. Wagen wir einen Qualitätscheck mit drei einfachen Fragen, zu deren Beantwortung ein jeder das Medium seiner Wahl heranziehen darf.

1. Ist das Thema relevant?
An manchen Tagen passiert doch mehr auf der Welt, als in eine Zeitung, eine Radiosendung oder auf eine Website passt. An diesen Problemtagen stehen Redakteure vor der schwierigen Frage, welche Themen sie bearbeiten sollen und welche sie (vorläufig) ignorieren können (zur Beruhigung: die Welt dreht sich dann meist unabhängig von der Entscheidung weiter).
Um die Relevanz eines Themas zu prüfen, kann man schauen, ob es die Kundschaft (Leser, Hörer, Zuschauer) irgendwie betrifft, ob (weitere) Informationen zu dem Thema für sie nützlich sein können. Das muss nicht zwingend mit dem Interesse der Kunden übereinstimmen (das Interesse an positiven Medizinbefunden ist bei vielen Menschen z.B. gering entwickelt, trotzdem die Information ihrer Gesundheit dienlich sein könnte) – aber die Relevanz sollte objektiv messbar sein (und nicht nur im Hirn des Redakteurs gründen).

Wie relevant ist also die Debatte um ein “Burka-Verbot”? Ist daran irgendetwas neu (und wenn ja: was, wieso)? Betrifft es die Journalismuskunden (als Burkaträgerinnen, Verwandte von Burkaträgerinnen, als Nachbarn, als Burkawaschsalonmitarbeiterin, als potentielle Opfer von Selbstmordburkaträgerinnen …)? Ist die Debatte so relevant, dass man dazu eine Meldung machen muss, dass man ein Investigativteam mit Recherchen beauftragt, dass man einen Live-Ticker einrichtet und den journalistischen Notstand ausruft? Bitte prüfen Sie selbst.

Ist ein Thema nicht relevant und wird dennoch journalistisch bearbeitet, handelt es sich übrigens um Unterhaltung – und damit lustigerweise gerade nicht mehr um Journalismus. Ist aber natürlich auch wichtig.

2. Wird das Thema vollständig bearbeitet?
Es gibt Dinge, die funktionieren nur ganz oder gar nicht – da gibt es keine halben Sachen. Man mag ein halbes Automobil fahren können (im Volksmund “Motorrad” genannt) oder drei Viertel seiner Steurschuld zahlen, die meisten Diebe klauen nur ein bisschen (und bezahlen andere Dinge ganz regulär) – aber unvollständige Informationen sind gar keine Informationen. Dass der Bundeskanzler Opfer eines Attentats wurde, ist ohne den kleinen Zusatz “im Film Rogue Nation” keine Information, und selbst BILD informiert über den mit 30 cm Dicke mächtigsten Penis nicht ohne den Zusatz, dass er einem Blauwal gehört.
Dass irgendwer ein “Burkaverbot” fordert, ist daher noch gar keine Information, sondern Rauschen. Auch wenn die Forderung von einem Medien-Promi ausgestoßen wurde, macht sie das noch nicht zu einer Nachricht. Wenn sich ein Journalist für diesen Ausstoß interessieren sollte, müsste beginnen, was man früher einmal Arbeit nannte, in der konkreten Zunft “Recherche”: Fragen stellen und richtige (!) Antworten darauf suchen. Was ist der Anlass für die Forderung? Gab es das nicht schon einmal, wie wurde das damals diskutiert? Welches Ziel wird (vorgeblich) verfolgt – und ist der Vorschlag ein geeigneter Weg dahin? Was sind Alternativen? Welche Interessen stecken dahinter? Was würde die Umsetzung konkret bedeuten? Welche weiteren Forderungen könnte dies nach sich ziehen? Wie sehen Sanktionsmöglichkeiten aus?
Vollständig bearbeitet ist das Thema nicht dann, wenn jeder etwas dazu gesagt hat und damit publiziert wurde, sondern wenn alle für eine Entscheidung relevanten Fragen (richtig) beantwortet sind. Im Falle Burkaverbot sollte sich das – positive Relevanzprüfung im ersten Schritt vorausgesetzt – in einem einzigen, gut recherchierten Beitrag machen lassen (allerdings fehlt bislang ein empirischer Beleg).

3. Werden Eigeninteressen der Medien benannt?
Insbesondere die kompakte, vollständige Themendarbietung ist im Journalismus selten. Das Burkaverbot läuft eben schon seit gut zwei Wochen in den Medien, ohne dass dabei irgendeine neue Frage geklärt wird, die nicht bereits am ersten Tag der Thematisierung im Raum stand. Da Medien mit ihrem Häppchenjournalismus Aufmerksamkeit resorbieren und zwangsläufig andere Themen aus der Berichterstattung verdrängen, ist die häufig vernehmbare Belehrung, man könne ja wegschalten/ -klicken/ umblättern, Kokolores. Nicht nur beim Wetterbericht und Verkehrsfunk wünschen sich die meisten Kunden eine aktuelle, vollständige und relevante Unterrichtung – keine Wiederholung, keine halben Sachen (weil die Nichtmeldung einer Autobahn-Vollsperrung darüber informiert, dass dort nichts Ungewöhnliches vorliegt). Wenn das Redaktionen nicht schaffen oder nicht wollen, sollten sie deutlich darauf hinweisen: “Die Innenminister der Union werden in wenigen Tagen eine ‘Berliner Erklärung’ vorlegen und darin u.a. ein Burkaverbot fordern. Da wir im Moment nur zwei Praktikanten haben, die auch noch andere Dinge zu tun haben, beabsichtigen wir nicht das Thema zu recherchieren; stattdessen werden wir Ihnen täglich eine Zusammenfassung von Pressemitteilungen der politischen Akteure zusammenstellen.” Oder auch: “Einige Politiker fordern, das Tragen einer Vollverschleierung in der Öffentlichkeit zu verbieten. Da wir die Dinger auch hässlich finden, werden wir entsprechende Forderungen in den nächsten Wochen, Monaten und ggf. Jahren publizieren, bis die letzte Burka vom preußischen Bürgersteig verschwunden ist.”
Oder: “Wegen des laufenden Wahlkampfs vor der Wahl des Berliner Abgeordnetenhauses am 18. September 2016 werden wir das Thema Burkaverbot nicht journalistisch bearbeiten, damit sich die Kandidatinnen und Kandidaten den Wählerinnen und Wählern möglichst ungeküsst von Sinn und Verstand präsentieren können.”
Dann müsste man als Rezipient nicht täglich, gar stündlich neu die Hoffnung bemühen, nun sei endlich der journalistische Durchbruch geklückt und irgendein Reporter habe das Thema verstanden.

Damit Sie mit dieser Anleitung möglichst gut klar kommen, hier in aller Kürze ein Anwendungsbeispiel:

umfrage-burkaverbot-spon

 

1. Frage: Ist das Thema relevant?
– Ja, nachdem die Medien es selbst gesetzt haben.
– Nein, weil die Fragestellung unzulässig ist*. (Aber das könnte zur Not im Bericht selbst noch erläutert werden.)

2. Frage: Ist das Thema vollständig dargestellt?
– Sind alle wesentlichen Fakten benannt? Nein (alle Grunddaten zur Befragung fehlen, u.a. die “Grundgesamtheit” – nur wahlberechtigte Deutsche -, Stichprobengröße und die exakte Fragestellung bzw. die Antwortmöglichkeiten)
– Sind die Angaben richtig? Nein, sowohl die Überschrift als auch die Zusammenfassung “das Tragen von Burka oder Nikab zumindest in Teilen der Öffentlichkeit zu untersagen” sind falsch.
– Gibt es eine Einordnung (Kontext, Rechtslage, Ergebnisse der bisherigen intensiven Diskussion)? Nein.

3. Frage (Bonus): Benennt spiegel.de sein Eigeninteresse am “Agenda Setting“?

* = Natürlich kann man alles fragen – nur sinnvoll ist das Meiste dann nicht. Vermutlich tausende Online-Leser haben darauf hingewiesen, wie willkürlich die Idee eines Burkaverbots ist (und für bestimmte “Teilbereiche” des öffentlichen Lebens sind Klamottenfragen längst unabhängig von der Verschleierung geklärt). Da Beispiele wie Tennissockenverbote die Unzulässigkeit der Fragestellung offenbar nicht jedem zeigen, ein anderes: “Sollten Bankräuber auf frischer Tat erschossen werden?” Das kann man fragen, aber man sollte dazu sagen, dass es natürlich rechtlich nicht möglich ist und zur Legalisierung der Rechtsstaat komplett aufgehoben werden müsste (Einführung der Todesstrafe wäre noch möglich, aber Urteilsvollstreckung vor der Verhandlung eher nicht). Daher sind solche Fragen journalistisch unzulässig – weil sie nicht auf Fakten, sondern Fiktionen zielen.

Lebenspflicht-Journalismus

Was soll eigentlich Journalismus? Viele medienkritische Beiträge vermitteln nicht, dass diese Frage geklärt wäre. Es gibt sicher hunderte Definitionen, die sich in Nuancen unterscheiden oder schlicht in der (systemtheoretischen) Wortakrobatik, doch die grobe Zielrichtung ist dabei unstrittig: Journalismus bearbeitet gesellschaftlich relevante Themen, um Informationen bereitzustellen, die der Meinungsbildung dienen. Kurz gesagt geht es um Aufklärung, weil nur der aufgeklärte Mensch frei entscheiden kann.
Journalismus ist jedenfalls sicherlich nicht Volkserziehung. Journalismus ist nicht Mission. Journalismus ist nicht Kampagne.

Einige Jahre lang wurde als Leitmotiv des Journalismus ein fälschlich Hanns Joachim Friedrichs zugeschriebener Satz gehandelt: Ein seriöser Journalist macht sich mit keiner Sache gemein, auch nicht mit einer guten Sache.

Derzeit habe ich oft den Eindruck, dass es gar keinen Journalismus mehr ohne klares Bekenntnis zu einer vermeintlich guten Sache gibt: Man macht sich gemein mit der Bundesregierung, mit einer bestimmten Politik, mit der Bundeswehr, mit Staatsanwaltschaften, mit Demonstrationen, mit Tortenwerfern.  Weiterlesen

Spinner sind keine Nachricht

Spiegel-Frage-Sicherheit-in-ZuegenWenn Journalismus wirklich eine Orientierungsleistung erbringen würde, dann würden seine Werktätigen nicht ein ums andere Mal die gleichen Fragen stellen und immer neu nach verkäuflichen Antworten suchen. Spiegel.de meint:

Der Angriff auf mehrere Fahrgäste in einem Regionalzug bei Würzburg wirft erneut die Frage nach der Sicherheit in Zügen und Bahnhöfen auf.

Nein! Diese Frage stellt sich nicht. Jedenfalls stellt sie sich niemand, der wenigstens ab und an mit der Bahn fährt und daher den Betrieb kennt. Es ist völlig absurd, hier über Sicherheitskontrollen wie am Flughafen zu schwadronieren (das ist ähnlich sinnvoll wie die Forderung einer Gurtpflicht, die nach jedem kleinen Bahnunfall von irgendeinem Provinzpolitiker erhoben wird). Aber man kann damit natürlich Seiten und Minuten füllen, Menschen zum Reden bringen, unsinnige Diskussionen führen…

Und wenn doch ein weiser Verkehrsjournalist meint, das Thema sei unumgänglich und da ließe sich mit viel Aufwand schon etwas machen: dann sei schon mal darauf hingewiesen, dass man dieses Spiel unendlich betreiben kann. Der nächste Durchgeknallte spaziert vielleicht in einen Kindergarten (Schulen haben ja z.T. schon mega Sicherheitsvorkehrungen seit den Schüler-Amokläufen), oder ein Krankenhaus, oder einen Supermarkt; vielleicht zündelt er an einer Tanke, vielleicht entlässt er (oder – für die Aufschreierinnen – “sie” natürlich, pardon) Giftgas in einer U-Bahn, rollt einen großen Stein auf die Autobahn, vergiftet Lebensmittel oder rennt einfach in ein Motorrad hinein…

Wenn Journalismus eine Orientierungsleistung erbringen würde, dann hätte er seit einer Ewigkeit geklärt, dass es keine Sicherheit vor Spinnern gibt, ob sie nun Einzelpsychopathen sind, Religionsfanatiker oder kranker Despot mit Armeegewalt. (Vom wahnsinnigen PR-Support für die Durchgeknallten durch die mediale Hysterie wollen wir hier gar nicht erst reden…)

 

10 Jahre sinnloses PR-Verbot

“Journalisten machen keine PR” – dieser dogmatische Satz ist seit 10 Jahren das einzige, was vom “Medienkodex” des Netzwerk Recherche (nr) wahrgenommen wird.
Nun wurde er einer Überprüfung unterzogen – und von der Mitgliederversammlung am 8. Juli 2016 in Hamburg mit nur marginalen Änderungen bzw. Ergänzungen bestätigt. Doch der Satz scheidet weiterhin die Geister, – in diejenigen, die es sich leisten können niemals PR zu machen, und jene, die sich darauf angewiesen sehen, in diesem überjournalistisch bezahlten Publizitätsbereich ihre Fähigkeiten zu vermarkten.

Das wahre Problem mit diesem Satz ist seine Unbestimmtheit: Was soll mit “PR” gemeint sein, die kein Journalist betreiben darf? Es war vor allem das Leidenschaftsthema von Thomas Leif, Vorsitzender von 2001 bis 2011, und er meinte damit alle Versuche der Einflussnahme auf journalistische Produkte, die verborgenen Spin-Doktoren ebenso wie die öffentliche INSM. Dabei ist PR, ist Öffentlichkeitsarbeit viel mehr – und in weiten Teilen für den Journalismus völlig unproblematisch.

Es beginnt damit, dass jeder Journalist PR macht – nämlich in eigener Sache. Dies zu fördern wird vor allem Freien seit Jahren gepredigt: Marke werden, wiedererkennbar sein, Stil entwickeln. “Klappern gehört zum Handwerk”, von der eigenen Website, den Social-Media-Accounts bis zur Teilnahme an einer Jahreskonferenz des nr, am besten auf und nicht vor dem Podium. Wer als Vorstand des nr irgendetwas für den Verein tut, macht PR: die Vielzahl von nr-Veranstaltungen und nr-Publikationen gehören zum Portfolio professioneller Öffentlichkeitsarbeit.  Weiterlesen

Cumhuriyet & Facebook – Was zu löschen ist

Anmerkungen zu zwei Preisen des Netzwerk Recherche

Im Rahmen seiner Jahrestagung 2016 hat der Verein “Netzwerk Recherche” (nr) wieder zwei Preise verliehen: den positiven “Leuchtturm für besondere publizistische Leistungen” und den Negativpreis “verschlossene Auster“. Zu beiden kann man Medienkritisches anmerken.  Weiterlesen

Leberwurst-Journalismus

Nachdem es einige Leberwurst-Journalisten mit ihrer Erregung über Til Schweiger mal wieder (via dpa) bis in meine Provinzzeitung gebracht haben, sollten wir doch mal kurz über die Aufgabe von Kunst- und Medienkritik nachdenken.

Das Grundproblem der Schweiger-Kritiker dürfte sein, was etwa Spiegel-Online in einem Nachrichtenversuch so beschreibt:

„Das Verhältnis zwischen Til Schweiger und Film- und Fernsehkritikern ist angespannt. Der Regisseur und Schauspieler verzichtet oft darauf, seine Filme zu regulären Pressevorführungen vor dem Start zugänglich zu machen.“

Das klingt, als gäbe es einen Anspruch der Presse, Filme für Besprechungen sehen zu dürfen. Dem ist natürlich nicht so, und Schweigers Umgang mit der Presse dürfte bei professionellen Autoren keinerlei Auswirkungen auf die Werkkritik haben. Davon sind allerdings viele, viele Artikel über Til Schweiger weit entfernt.

Was die beiden aktuellen Folgen „Der große Schmerz“ und „Fegefeuer“ sowie die Rezeption eines Facebook-Postings von Schweiger dazu anbelangt, machen die Leberwurst-Journalisten mal wieder keine gute Figur:

– Die beiden Folgen waren ohne Zweifel sehr gut inszeniert. Das Ergebnis muss niemandem gefallen (so wie auch niemand sehr guten Brokkoli mögen muss), aber was Schweiger an die Adresse des Regisseurs Christian Alvart schreibt, wird man cineastisch nicht beanstanden können.

– Dass eine “schlechte” Fernseh-Quote von rund 20% (7,69 Millionen Zuschauer) Beleg für eine schlechte Sendung sein soll (“kein Erfolg“), kann kein Kritiker ernst meinen. Sonst ist eben doch „BILD“ die beste Tageszeitung der Republik. Wenn sich für einen Münster-Tatort mehr Zuschauer finden, sagt das doch nicht das Mindeste über die Qualität des Hamburg-Tatorts. Muss man daran erinnern, was die meistverkaufte deutsche Fernsehserie ist? Soll das der Benchmark sein?

– Eine völlige Unsitte ist es, angeblich journalistische Produkte mit Beschreibungen von anderen Webseiten zu füllen (siehe Kritik 2011), insbesondere mit dem Wiederkäuen von Facebook und Twitter. Die Beiträge werden für die dortige Leserschaft geschrieben („Community“), und sie sind öffentlich für jeden Interessierten. Dort kann man sie auch diskutieren oder sich gegenseitig bewerfen – es ist vollkommen überflüssig, das als „Nachricht“ verkleidet auf Papier zu bringen.

– Aber wenn man dann schon als Leberwurst-Journalist+#_in berichten will, was alle auf Facebook lesen können, sollte man es wenigstens verstehen, weil sonst jede Umformung (mehr Eigenleistung ist ja nicht zu erbringen) zu neuer Dichtung wird. (Und wer das schafft, wird im Schweiger-Posting nicht mehr viel Echauffierstoff finden – er ist belanglos.)

Wer die journalistische Leistung der deutschen Fernsehkritik bewerten will, solle sich ihren Umgang mit Til Schweiger anschauen, nicht nur im aktuellen Tatort-Fall. Das dürfte aufschlussreich sein.

5 PS:
Wir haben schon einige schöne Journalismen hier gekürt. Verwiesen sei auf
Zirkusjournalismus,
Seitenfülljournalismus,
Gagajournalismus,
Popeljournalismus und
Phantasiejournalismus.

Mehr PS:
Irgendwo muss man mal die vielen sonstigen “Journalismen” sammeln. Z.B.:
Borderlinejournalismus” (Wikipedia; SPIEGEL wirft diesen Stil BILD-Chef Reichelt vor)
Erziehungsjournalismus” (Jan Fleischhauer)
Eifersuchtsjournalismus” (“Profi-Journalisten vs. YouTuber…”)
Gonzo-Journalismus
Kikeriki-Journalismus” (Heribert Prantl über die Angst vor Bloggern)
“Sanso-Journalismus (schäfchenweich)” (Heribert Prantl zu Konstruktivem Journalismus, 26. Januar 2017 bei NDR, nicht mehr online; Quelle)
Sensorjournalismus” (>>SUPERKÜHE ist die erste Auskopplung der Sensorstory, die erste Auskopplung der Sensorstory, die die Reporter Björn Erichsen, Jakob Vicari und Bertram Weiß zusammen mit Chapter One und dem Westdeutschen Rundfunk (WDR) entwickelt haben. Ein völlig neues journalistisches Format: Sensordaten füttern einen Textroboter, der vernetzten Tieren und Dingen um uns herum zu uns sprechen lässt.<< re:publica)
Troll-Journalismus” (vom Experten “siegstyle”, der in unseren Anfangsmonaten hier unter jedem Beitrag rumgetrollt hat…)

und so diverse Disqualifizierungs-ismen wie Shitposting-Journalismus

 

Empörung statt Recherche

Woran erkennt man die Qualität eines journalistischen Artikels? Diese Frage beschäftigt uns hier im Blog schon seit vielen Jahren, und die Suche wird weitergehen. Da sich auf die Schnelle ein Sachverhalt  vom Rezipienten meist nicht prüfen lässt (von persönlichen Spezialkenntnissen abgesehen) ist ein wichtiges Indiz die einem Beitrag zugrunde liegende Recherche – erkennbar an den genannten Quellen und ihrer Einordung. Erstaunlich oft ist da aber – wenig. Ein Beispiel:

Der Bürgermeister von Jüterbog, Arne Raue, schrieb am 3. November 2015 auf Facebook folgendes:

Infektionsgefahr-Fluechtlinge-Ausgangspost-BM

Kontakt mit Asylbewerbern und Flüchtlingen-
Warnung vor Infektionskrankheiten

Ich bin heute schriftlich durch eine Ärztin als Bürgermeister darauf hingewiesen worden, dass schon bei geringfügigem Kontakt mit Neuankömmlingen Gefahr von Infektionskrankheiten besteht. Einige Infektionskrankheiten können verstärkt auftreten:
-Windpocken
-Keuchhusten
-Poliomyelitis
-Röteln
-Mumps
-Hepatitis A
-Hepatitis B
Zusätzlich gibt es auch solche Infektionskrankheiten, gegen die es leider keine wirksame Impfung gibt und die in vielen Entwicklungsländern noch weit verbreitet sind. Hierzu zählt vor allem Tuberkulose. Sie wird durch Tröpfcheninfektion, also über die Luft, übertragen.
Ich weise die Bevölkerung von Jüterbog ausdrücklich darauf hin.
Für das städtische Personal werde ich vorsorglich (soweit für einzelne Krankheiten möglich) Impfungen anbieten.

In den Facebook-Kommentaren dazu gibt es die übliche Lagerbildung: “Hetze” werfen  die einen vor, “Verharmlosung” die anderen. Man giftet sich gegenseitig an, nur vereinzelt gibt es sachliche Beiträge. Soweit, so traurig-normal.

Doch wie greifen die Medien das Thema auf? Sie setzen wie so oft bei der Empörung an. Das geht besonders einfach, wenn sich politische Widersacher zu Wort gemeldet haben. So bringt die Märkische Allgemeine die notorische Rücktrittsforderung:

Angesichts von Stimmungsmache gegen Flüchtlinge sei Raue „unhaltbar“, so Grünen-Landeschef Clemens Rostock. Es sei ein von rechten Kräften in die Welt gesetztes Gerücht, dass Flüchtlinge die Gesundheit anderer gefährdeten.

Der kurze Beitrag des Bürgermeisters wird ohne weitere Erläuterungen als Tritt ins “Fettnäpfchen” bezeichnet, der nicht sein erster sei:

Zuletzt hatten Stadtverordnete im Mai seine Alleingänge gerügt und die Kommunalaufsicht des Kreises eingeschaltet.

Erst danach werden weitere Einschätzungen gebracht, die aber allesamt politisch sind. Eine Beschäftigung mit dem Kernthema erfolgt nicht, obwohl sie recht einfach wäre:

Gegen alle genannten Krankheiten außer Hepatitis B und Tuberkulose empfiehlt das Robert Koch Institut bzw. die Ständige Impfkommission grundsätzlich eine Impfung, und diese ist in Deutschland auch schon lange üblich, erfolgt also, wenn Eltern sie ihren Kindern nicht aktiv verwehren (weshalb immer wieder über eine Impfpflicht diskutiert wird). Schutzimpfungen gegen Hepatitis A wird nur für bestimmte Personengruppen bzw. bei bestimmten Aktivitäten (u.a. Reisen in Prävalenz-Gebiete, homosexuell aktive Männer, medizinisches Personal) angeraten.

Dass in Ländern, aus denen derzeit viele Flüchtlinge kommen, keineswegs von einer durchgängig vorhandenen Immunisierung gegen diese Krankheiten ausgegangen werden kann, ist bekannt – und ein wichtiges Thema der Gesundheitsämter. Allerdings besteht eben für Geimpfte in Deutschland keine Gefahr. Durch die Flüchtlinge hat sich also an der Situation nichts geändert: jeder darf bisher noch selbst entscheiden, ob er sich gegen bestimmte Infektionskrankheiten impfen lässt oder nicht – und die Nicht-Geimpften werden meist deshalb nicht krank, weil eben der größte Teil der Mitmenschen geimpft ist und damit eine Krankheitsausbreitung verhindert (auch dies beschreibt das Robert-Koch-Institut (RKI) an zig Stellen).

Eine Orientierungsleistung des Journalismus in dem Zusammenhang könnte also sein zu erläutern:
– dass für Personen mit Imfpschutz kein Risiko besteht
– eine Infektion immer direkten (bzw. nahen) Kontakt mit einem infektiösen Erkrankten voraussetzt (längst nicht jeder Infizierte kann auch zum Überträger einer Krankheit werden!)- dass es in Deutschland nicht-übertragbare Krankheiten gibt (Malaria etwa – bis der Klimawandel weiter vorangeschritten  ist jedenfalls)
– wie man sich vor nicht-impfbaren oder in Deutschland nicht geimpften Krankheiten schützen kann (dazu müsste man sich nur vergegenwärtigen, was Ärzte machen, die täglich mit allen möglichen Krankheiten zu tun haben und dies meist gut überstehen).

Auch die (vorsichtige) Warnung vor Tuberkulose von Bürgermeister Raue könnte man journalistisch, also recherchierend, aufarbeiten, anstatt sie aus dem Bauch heraus zur Panik- oder Stimmungsmache zu erklären. Man könnte dabei u.a. feststellen:
– dass das RKI Flüchtlinge durchaus als Risikogruppe sieht:

In Deutschland ist die aktive Fallsuche von Erkrankten eine wichtige Voraussetzung für die Reduzierung der Erkrankungshäufigkeit an Tuberkulose. Diese besteht in der Umgebungsuntersuchung von Kontaktpersonen infektiöser Tuberkulosepatienten.8 Zu den Zielgruppen für eine aktive Fallsuche gehören darüber hinaus Migranten aus Ländern mit hoher Tuberkulose-Prävalenz (wie Asylsuchende, Flüchtlinge, Aussiedler) und Personengruppen mit erhöhtem Infektionsrisiko, z.B. Obdachlose, Drogengebraucher und Gefängnisinsassen.

– dass längst nicht alle Flüchtlinge sofort bei Aufnahme in eine Sammelunterkunft (Erstaufnahmeeinrichtung, entsprechende Außenstellen oder “Überlauflager”) auf Tuberkulose untersucht werden, sondern i.d.R. nur ein medizinischer Schnellcheck erfolgt (Anamnese, also Befragung, Fibermessen etc.), eine TBC-Prüfung erst später erfolgt (was einige Zeit dauern kann, zumal wenn Flüchtlinge sich auf eigene Faust auf den weiteren Weg machen)
– dass eine “geschlossene Tuberkulose” nicht ansteckend ist
– die allermeisten Flüchtlinge, die in Deutschland ankommen, gesund sind*, was kein politisches Bekenntnis ist, sondern schlicht der Tatsache geschuldet ist, dass mit einer schweren Erkrankung die strapaziöse Reise bis hier meist gar nicht machbar wäre und die Inkubationszeit der meisten Krankheiten ggf. im Zeitverlauf der Flucht liegen müsste. (*=Diese Einschätzung stammt von einem niedergelassenen Arzt, der bei Erstuntersuchungen mitwirkt.)

Das Fazit könnte also sein: Es besteht natürlich die Gefahr einer Krankheits-Infektion für Personen, die unmittelbaren, nahen Kontakt mit infizierten Flüchtlingen haben, aber die Gefahr unterscheidet sich nicht vom Risiko bei der Begegnung mit anderen Personen (z.B. Deutschen, die im Urlaub waren), die nicht geimpft sind und sich eine Bakterien- oder Virusinfektion eingefangen haben. Es schützen die empfohlenen Grundimpfungen und die Regeln der Hygiene (u.a., – peinlich, dass man darauf in Deutschland immer noch hinweisen muss: regelmäßiges Händewaschen).

Was wäre nach einer solchen Recherche noch am Posting des Bürgermeisters von Jüterbog auszusetzen? Dass er nicht das lange Erklärstück geliefert hat, welches auch die Journalisten nicht zustande bringen? An seiner Information ist nichts falsch, sie entspricht dem, was das für maßgeblich gehaltene RKI selbst ständig schreibt; sein Angebot, für städtische Mitarbeiter Imfpungen anzubieten (was wohl meint: die Kosten zu übernehmen, die nicht regulär von den Kassen getragen werden, das betrifft regulär Hepatitis und die Schutzimpfungen gegen “Kinderkrankheiten” im Erwachsenenalter) ist konstruktiv und nach dem Stand der Dinge verantwortungsvoll, nicht Panik verbreitend. Und es bleibt die Frage, warum die Medien selbst das Thema nicht (flächendeckender) selbst aufgegriffen haben – denn wer vor Ort recherchiert, bei den Helfern etwa, der stößt geradezu unweigerlich darauf.

Die Märkische Allgemeine (MAZ) war natürlich nicht die einzige Zeitung, die aus einer Info einen Eklat gemacht hat.
Der Tagesspiegel (Berlin) etwa dichtet schon in der Überschrift: “Bürgermeister bezeichnet Flüchtlinge als ansteckend”. Der Teaser in BILD-Erregung:

Jüterbogs Bürgermeister warnt vor Kontakt zu Flüchtlingen – weil die angeblich Infektionskrankheiten übertragen. Und er hat kein Problem damit, als Rassist beschimpft zu werden. Das Sozialministerium ist entsetzt.

Daran ist – zumindest bezogen auf den hier zitierten Facebook-Eintrag (sollte es andere Publikationen geben, bitten wir um Hinweise – der Tagesspiegel verlinkt sie nicht), so viel falsch als möglich. Raue hat nicht vor Kontakt zu Flüchtlingen gewarnt! Infektionskrankheiten können (von jedem, Flüchtlinge eingeschlossen) nicht nur angeblich, sondern tatsächlich übertragen werden. Die Bezeichnung als “Rassist” sollte vor der Verbreitung geprüft und im Artikel nachvollziehbar dargelegt werden. Und ein Sozialministerium kann wohl kaum entsetzt sein (es wird auch nur ein namentlich nicht weiter identifizierter Sprecher des Ministeriums zitiert).

Alexander Fröhlich schreibt auf tagesspiegel.de:

Der parteilose Bürgermeister von Jüterbog (Teltow-Fläming), Arne Raue, macht mit der Warnung vor ansteckenden Krankheiten Stimmung gegen Flüchtlinge. In einer Mitteilung warnte er die Bürger seiner Stadt „ausdrücklich“ vor dem Kontakt mit Asylbewerbern.

“Stimmung gegen Flüchtlinge” ist eine gewagte Interpretation, die der Faktenlage nicht standhält. Und dass er “‘ausdrücklich’ vor dem Kontakt mit Asylbewerbern” warnt, ist schlicht falsch, denn das zitierte Wort “ausdrücklich” steht in einem anderen Zusammenhang (Hervorhebung von spiegelkritik.de):

Zusätzlich gibt es auch solche Infektionskrankheiten, gegen die es leider keine wirksame Impfung gibt und die in vielen Entwicklungsländern noch weit verbreitet sind. Hierzu zählt vor allem Tuberkulose. Sie wird durch Tröpfcheninfektion, also über die Luft, übertragen.
Ich weise die Bevölkerung von Jüterbog ausdrücklich darauf hin.

(Tg)

Bonusmaterial:

Wer mag, konnte sich über die Diskriminierung von Flüchtlingen und anderen Gruppen schon lange aufregen:

Nach dem „Gesetz zur Verhütung und Bekämpfung von Infektionskrankheiten beim Menschen“ (Infektionsschutzgesetz – IfSG) sind Bewohner von „Altenheim, Altenwohnheim, Pflegeheim“ und in einer „Gemeinschaftsunterkunft für Obdachlose, Flüchtlinge, Asylbewerber oder in eine Erstaufnahmeeinrichtung des Bundes für Spätaussiedler“ verpflichtet, „ein ärztliches Zeugnis darüber vorzulegen, dass bei ihnen keine Anhaltspunkte für das Vorliegen einer ansteckungsfähigen Lungentuberkulose vorhanden sind.“ Flüchtlinge und Asylsuchende über 15 Jahre müssen dazu eine in Deutschland erstellte Röntgenaufnahme ihrer Lunge vorweisen, Schwangere ausgenommen (§ 36 Absatz 4 IfSG). Die entsprechenden Untersuchungen müssen sich die Menschen gefallen lassen, das Gesetz legt dazu explizit fest: „Das Grundrecht der körperlichen Unversehrtheit (Artikel 2 Abs. 2 Satz 1 Grundgesetz) wird insoweit eingeschränkt.“

Ferner bestimmt das Asylgesetz (AsylG) in § 62:

„Ausländer, die in einer Aufnahmeeinrichtung oder Gemeinschaftsunterkunft zu wohnen haben, sind verpflichtet, eine ärztliche Untersuchung auf übertragbare Krankheiten einschließlich einer Röntgenaufnahme der Atmungsorgane zu dulden. Die oberste Landesgesundheitsbehörde oder die von ihr bestimmte Stelle bestimmt den Umfang der Untersuchung und den Arzt, der die Untersuchung durchführt.“

(Im Jahr 2014 gab es in Deutschland insgesamt 4.488 Tuberkulose-Fälle.)

Zur Prävention empfiehlt das Robert Koch Institut, auch bei den hier ankommenden Flüchtlingen umgehend fehlende Impfungen nachzuholen. Liegen keine Impfdokumente vor, sei davon auszugehen, dass kein Schutz besteht und daher geimpft werden müsse. (Diese Info für jene, die in den FB-Kommentaren darauf hinweisen, dass Flüchtlinge doch meist gar keine Impfpässe bei sich tragen.)

Ergänzungen:

  1. Hier noch der fast wortgleiche Text des Bürgermeisters auf www.jueterbog.de – wie im Tagesspiegel-Artikel erwähnt, steht hier noch der Zusatz “Bitte prüfen Sie Ihren Impfschutz!”
  2. Landrätin Kornelia Wehlan (Landkreis Teltwo-Fläming) hat sich am 9.11 auch geäußert und schreibt unter anderem: “Herr Raue warnte in den sozialen Medien davor, dass Asylbewerber Krankheiten einschleppen und somit eine Gefahr für die Bevölkerung darstellen würden. Das deckt sich in keiner Weise mit unseren Erfahrungen und den Einschätzungen des Gesundheitsamtes.” Dies steht jedoch nicht im Widerspruch zu dem viel diskutierten Hinweis Raues, “dass schon bei geringfügigem Kontakt mit Neuankömmlingen Gefahr von Infektionskrankheiten besteht.” Wann und wie diese Gefahr besteht, ist oben ausführlich beschrieben.
  3. Auch RBB hat berichtet.

Aufregung im Herzen – Ein Pfarrer, Ehe für alle und journalistische Relevanz

sz-pfarrer-homoehe

„Pfarrer vergleicht Homosexuelle mit Sodomiten“ betitelt die Süddeutsche ein Stück aus Oberfranken – und der Medienkritiker geht in Habachtstellung: schließlich hatten wir gerade erst die Behauptung, Ministerpräsidentin Kramp-Karrenbauer vergleiche „Homo-Ehe mit Inzest und Polygamie“, was man leider guten oder schlechten Gewissens als journalistische Fehlleistung bezeichnen musste.

Im Lead fasst Olaf Przybilla, Leiter des SZ-Büros Franken in Nürnberg und Wächterpreisträger, den Eklat so zusammen:

>>In einem Schreiben hat ein evangelischer Pfarrer in Oberfranken gleichgeschlechtliche Ehen mit Beziehungen zwischen Mensch und Tier in Verbindung gebracht.<<

Bei dem Schreiben handelt es sich um den „Kirchenboten“ der Evangelischen Kirchengemeinde Nemmersdorf (Goldkronach), in der Ortspfarrer Günter Weigel einleitend ein „geistliches Wort“ geschrieben hat, wie es in fast allen Gemeindebriefen üblich ist – hier „Andacht“ genannt. Die Zusammenfassung in der Süddeutschen Zeitung:

 Weiterlesen

Ist Journalismus mehr als Posten?

Wenn sich Journalisten noch irgendwie von Mediennutzern unterscheiden wollen (von denen man einige früher mal “Blogger” nannte, was aber in Zeiten von WhatsApp & Co so viel mehr out ist als der den Bloggern so verhasste “Cyberspace”), dann sollten sie vor dem Veröffentlichen ihrer beruflichen Beiträge vielleicht doch ganz kurz prüfen, was sie damit gerade von ihrem Publikum abhebt.

So kann man natürlich jede Menge Bildchen und Sprüche posten. Als journalistisches erzeugnis ausgegeben, sollte dem aber vielleicht ein klein wenig Journalismus*) vorweg gehen. Dann hätte etwa die Rheinische Post wohl bemerkt, dass die Beschriftung eines LKW-Anhängers mit einem Protest gegen die Einstellung des Strafprozesses gegen Sebastian Edathy nicht reiner Volksmut war.

laster-gegen-edathy

Sondern schlicht eine biedere rechte Meinungsäußerung – legitim, aber wenig originell. So wie die Trucker-Kalender mit nackten Mädels derselben Firma. Oder ihre Warnung vor Zuwanderung (1).

stegemoeller-lasterwerbung-gegen-zuwanderung-indianer

*) Journalismus, was ist das eigentlich? Da schauen wir doch spaßeshalber mal in ein Lehrbuch, Journalistik von Klaus Meier, 3. Auflage. Da definiert er auf Seite 14:

“Journalismus recherchiert, selektiert und präsentiert themen, die neu, faktisch und relevant sind. er stellt Öffentlichkeit her, indem er die Gesellschaft beobachtet, diese Beobachtungen über periodische Medien einem Massenpublikum zur verfügung stellt und dadurch eine gemeinsame Wirklichkeit konstruiert.”

(Den Konstruktivismusschlenker musste er natürlich wegen der “Anschlussfähigkeit” einbauen, viele seiner Kollegen haben darin ja ein leckeres Betätigungsfeld gefunden…)

Das Qualitätsstichwort heißt im Fall dieser Spedition Stegemöller aus Kamen: Vollständigkeit. (Bei der “Neuigkeit” sind wir mal nicht so streng.)

(1) Zu diesem auch nur gefundenen Bild haben wir heute Abend die Firma nicht mehr befragt, wie es sich für Journalismus gehören würde. Es ist ein Blog-Post.

Update:
Bild kommt auch ohne Verweis auf andere Sprüche des Splittfahrers aus.
Edathy selbst postet das zweite Bild auch auf Facebook und nennt die Parole einen NPD-Spruch (was google auch so anbietet).

Popeljournalismus

Oh Himmel, wie unglaublich sensibel deutsche Journalisten doch sind. Da hat der Papst bei seiner Generalaudienz am Mittwoch eine Anekdote berichtet und wohlwollend kommentiert – und halb Deutschland steht auf den Tischen und ruft “unerhört!” Denn der Journalismus hat einen “Prügelpapst” entdeckt und geoutet. (Korrekter müsste es wohl “Prügelfanpapst” heißen, aber darauf kommt es ja nicht an.)

n-tv:
wuerdevolles-pruegeln-n-tv

focus:
schlagen-ist-in-ordnung-focus

Stuttgarter Nachrichten:
wurdevoll-schlagen-stuttgart

Die unglaublichen Worte des Papstes lassen sich bei Radio Vatican so nachlesen:

„Ein guter Vater versteht es zu warten und zu vergeben, aus der Tiefe seines Herzens. Natürlich weiß er aber auch mit Entschlossenheit zu korrigieren: er ist kein schwacher, nachgiebiger, sentimentaler Vater. Der Vater, der es versteht zu korrigieren, ohne zu erniedrigen, ist derselbe, der Schutz gebietet, ohne sich zu schonen. [In freier Rede fährt der Papst fort:] Einmal habe ich in einer Versammlung mit Ehepaaren einen Vater sagen hören: „Hin und wieder muss ich meine Kinder ein wenig schlagen, aber nie ins Gesicht, um sie nicht zu erniedrigen.“ Wie schön! Er hat Sinn für die Würde. Er muss strafen, aber er tut es gerecht, und geht voran.“

Bei allem Recht auf journalistische Konstruktion von Wirklichkeit: Mit wie viel Unverstand und mit wie viel Hochmut muss man ausgestattet sein, um aus diesen Worten einen Eklat zu konstruieren?

Allein schon der Mut, überhaupt einen kurze Redesequenz zum Anlass für Berichterstattung und harsche Kommentare zu nehmen, ist – trotz der guten deutschen Übung – stets wieder erstaunlich. Wie selbstgerecht muss man sein, wenn man sich anmaßt, aus einem solch winzigen Fragment die Haltung eines lebenserfahrenen und wohl unbestreitbar gebildeten Menschen herauszulesen und darüber gleich selbst noch zu Gericht zu sitzen?

Was steht in den Papstworten, vielleicht ausnahmsweise nüchtern betrachtet, ideologiefrei? Franziskus gibt wieder, was ihm mal bei entsprechender Gelegenheit irgendein Vater aus dessen Erziehungsalltag erzählt hat. Irgendeiner, irgendwann. Es sagt nicht: “Täglich erzählen mir Eltern….”, sondern “Einmal habe ich (…) einen Vater sagen hören”.

Und die simple Kommentierung des Papstes zu der Aussage des anonymen Vaters: “Wie schön! Er hat Sinn für die Würde. Er muss strafen, aber er tut es gerecht, und geht voran.”

Wo ist hier die Rede von Prügel? Wo von einem Recht auf körperliches Strafen oder Erziehen? Wo die Empfehlung, es so zu tun?

Und wenn sich hier ein “Prügelpapst” geoutet hätte: gab es einen Aufschrei derer, zu denen er gesprochen hatte (und für ausschließlich die seine Worte gedacht waren)? Haben die aufmerksame Wortpaparazzi keinen weiteren Papstkrumen gefunden, der sich zu einem Empörungskuchen aufblasen ließe?

Wenn das, was angebliche Nachrichtenmedien in Deutschland über die letzte Generalaudienz des Papstes schwadroniert haben, noch Journalismus sein soll – was ist dann in Abgrenzung dazu Klatsch, Tratsch und Trash?

– Wo ist der Nachrichtenwert?
Er liegt ja ganz offenbar nicht im Zitat selbst, sonst hätte dieses in allen Medien zu kolportieren genügt. Der Nachrichtenwert liegt ausschließlich in der journalistischen Empörung.

– Wo ist der Maßstab, die Relation?
Ein – launig dahergesagter – Satz soll für eine komplette Haltung stehen, und zwar am besten nicht nur der sprechenden Person, sondern einer gesamten Institution? Was sagt der Papst sonst zur Kindererziehung? Mit welchem Recht soll dieser eine Papstaussage für die ausgelöste “Empörungswelle” stehen?

– Wo ist der eingeforderte Respekt?
Natürlich, liebe berufsatheistische Kollegen, dürfen Sie auch mit dem Papst so hart umspringen wie es Ihnen beliebt. Aber beim Objekt seiner Berichterstattung einen Mangel an Respekt zu konstruieren und diesen mit größtmöglicher Respektlosigkeit pazifistisch zu geißeln kratzt doch ein wenig an der ehemaligen journalistischen Qualitätskategorie “Glaubwürdigkeit”.

“Die Mär vom Heiligen Opi” betitelt Christiane Florin auf Zeit.de ihre Empörung – und stöhnt: “Mein Gott, Franz” (um schließlich die Bedeutungslosigkeit der ganzen Aufregung und demnach auch ihres Geschreibsels mit der Erkenntnis zu krönen: “Die Haudraufrate in katholischen Haushalten wird aber trotz des päpstlichen Segens nun gewiss nicht steigen. Ihren Päpsten gehorchen Katholiken nämlich schon lange nicht mehr.”)

Dieser Popeljournalismus, der aus einem winzigen Fragment einen Eklat konstruiert, um sich daran tagelang zu laben, ist natürlich kein neues Geschäftsmodell. Schon vor Social Media und Internet überhaupt haben Politikjournalisten gerne aufs Denken verzichtet (persönliches Erweckungsdatum: 10. November 1988). Inzwischen lässt sich allerdings mit den Popeln mehr machen: sie lassen sich digital vervielfältigen und beliebig weit schießen. Als Material sind dafür weder Wissen noch Bildung nötig. 140 Zeichen Info sind schon hinreichend Zumutung fürs eigene Weltbild.

Der Überbringer einer schlechten Nachricht ist für diese nicht verantwortlich, das stimmt. Aber ihr Erfinder vielleicht doch.

Updates: Andere Beispiele für Popeljournalismus

Burger-King-Kritik, weil ein Mitarbeiter auf Facebook einen doofen  Kommentar doof kommentiert hat.

Aus dem Bereich Test & Lebensberatung gibt es jede Menge Beispiele, die einen fragen lassen, für wie dumm oder unfähig Redaktionen ihr Publikum halten mögen. Selbst mit Schmunzelfaktor ist etwa ein “Kleckertest” mit Milchverpackungen reichlich Banane – die FAZ hat ihn trotzdem gemacht: “Welche Milchtüte spritz am wenigsten?”

Der Begriff “Popeljournalismus” ist übrigens nicht für Artikel über Joachim Löw reserviert.