Archiv für die Kategorie ‘Qualitätsdebatte’

Aufregung im Herzen – Ein Pfarrer, Ehe für alle und journalistische Relevanz

Dienstag, 11. August 2015

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„Pfarrer vergleicht Homosexuelle mit Sodomiten“ betitelt die Süddeutsche ein Stück aus Oberfranken – und der Medienkritiker geht in Habachtstellung: schließlich hatten wir gerade erst die Behauptung, Ministerpräsidentin Kramp-Karrenbauer vergleiche „Homo-Ehe mit Inzest und Polygamie“, was man leider guten oder schlechten Gewissens als journalistische Fehlleistung bezeichnen musste.

Im Lead fasst Olaf Przybilla, Leiter des SZ-Büros Franken in Nürnberg und Wächterpreisträger, den Eklat so zusammen:

>>In einem Schreiben hat ein evangelischer Pfarrer in Oberfranken gleichgeschlechtliche Ehen mit Beziehungen zwischen Mensch und Tier in Verbindung gebracht.<<

Bei dem Schreiben handelt es sich um den „Kirchenboten“ der Evangelischen Kirchengemeinde Nemmersdorf (Goldkronach), in der Ortspfarrer Günter Weigel einleitend ein „geistliches Wort“ geschrieben hat, wie es in fast allen Gemeindebriefen üblich ist – hier „Andacht“ genannt. Die Zusammenfassung in der Süddeutschen Zeitung:


>>“Nachdem die Homo-Ehe praktisch vom Staat eingeführt und legalisiert wurde, wurde kürzlich die weitergehende Forderung laut, die ,Ehe für alle‘ einzuführen.“
Dies sei abzulehnen, findet der Pfarrer: „Die ,Ehe für alle‘ würde in der Konsequenz nämlich in der Tat bedeuten, dass auch die Ehe unter nahen Verwandten (z. B. zwischen Eltern und Kindern oder Geschwistern) dann ebenfalls möglich wäre; oder auch die ,Ehe‘ zwischen einem Menschen und seinem geliebten (Haus-)Tier (z.B. mit seinem Hund, seiner Katze, seinem Pferd, seinem Schaf, seiner Kuh usw.).“ Er frage sich deshalb: „Wie dekadent und pervers müssen einzelne Vertreter unserer Politik und Gesellschaft eigentlich sein, um auf solche Ideen und Forderungen zu kommen?“ Der Pfarrer ist sich sicher: „Die Verwirrung auf diesem Gebiet wird immer größer.“<<

Hat Pfarrer Weigel nach diesen Zitaten nun Homosexuelle mit Sodomiten verglichen? Wer dies herauszulesen imstande ist, möge das Ergebnis des Vergleichs benennen. Aufmerksame Leser werden sich zudem fragen, was denn bei diesem Zitat weggelassen wurde, an das Weigel mit „in der Tat“ anknüpft.

Das nicht nur von Stefan Niggemeier für seine Kompetenz immer wieder gefeierte Blog „focus.de“ genügte jedenfalls der Artikel in der Süddeutschen, um sehr rechercheökonomisch zu verdichten:

>>Homo-Ehe gleich Sodomie? Pfarrer mahnt in bizarrem Kirchenbrief: „Ehe für alle“ ermöglicht Sex mit Tieren<<

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Fangen wir also mal ganz vorne an und lesen den inkriminierten Text komplett (§ 51 UrhG).

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>>Nachdem die Homo-Ehe praktisch vom Staat eingeführt und legalisiert wurde, wurde kürzlich die weitergehende Forderung laut, die „Ehe für alle“ einzuführen. Die saarländische Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer hat sich dagegen ausgesprochen. Dafür wurde sie heftig gescholten. Zu Unrecht, wie ich meine. Die „Ehe für alle“ würde in der Konsequenz nämlich in der Tat bedeuten, dass auch die Ehe unter nahen Verwandten (z. B. zwischen Eltern und Kindern oder Geschwistern) dann ebenfalls möglich wäre; oder auch die „Ehe“ zwischen einem Menschen und seinem geliebten (Haus-)Tier (z. B. mit seinem Hund, seiner Katze, seinem Pferd, seinem Schaf, seiner Kuh . usw.). Auch der Mehrehe wäre dann Tür und Tor geöffnet, wie sie z. B. schon seit alters her im Islam, aber auch in christlichen Sekten in den USA und anderswo praktiziert wird.
Wundern Sie sich also nicht, wenn ich mir demnächst einen Harem mit mindestens 365 Ehefrauen zulege (für jeden Tag des Jahres eine). Achtung: Nur Spaß – ich hoffe, Sie verstehen Humor!
Wie dekadent und pervers müssen einzelne Vertreter unserer Politik und Gesellschaft eigentlich sein, um auf solche Ideen und Forderungen zu kommen? Die Verwirrung auf diesem Gebiet wird immer größer.
Auch hier kann uns die Bibel Orientierung und Wegweisung geben. Schauen wir uns deshalb einmal genauer an, wie Jesus sich die Ehe gedacht hat. Über die Gemeinschaft in der Ehe sagt Jesus im Matthäus-Evangelium Kapitel 19, Vers 4 – 6:
„Gott, der im Anfang den Menschen geschaffen hat, schuf sie als Mann und Frau und sprach: ,Darum wird ein Mann Vater und Mutter verlassen und an seiner Frau hängen, und die zwei werden ein Fleisch sein.‘ So sind sie nun nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch. Was nun Gott zusammengefügt hat, das soll der Mensch nicht scheiden‘!“
Diese Verse aus dem Matthäus-Evangelium werden bei jeder kirchlichen Trauung vorgelesen. Was können wir ihnen entnehmen? Wie hat sich Jesus die Ehe nach seinem Willen vorgestellt? – Er will keinesfalls eine „Ehe für alle“! Ehe nach dem Willen Jesu ist:
1. die engste Verbindung zwischen einem Mann und einer Frau.
2. Die Ehe ist prinzipiell auf leibliche Nachkommenschaft hin angelegt.
3. Die Ehe ist grundsätzlich unauflöslich. Sie soll Bestand haben, solange die Ehepartner leben.
Menschen, die „Ja“ zu diesen Grundprinzipien der Ehe sagen, segnet Gott. Alles andere ist keine Ehe, weder im Sinne des Grundgesetzes, und schon gar keine christliche Ehe.
Eine „Ehe für alle“ widerspricht dem ausdrücklichen Willen Jesu und steht nicht unter dem Segen Gottes.

Mit sommerlich-sonnigen Grüßen,
Ihr Pfarrer Dr. Günter Weigel<<

Es juckt natürlich in den Fingern, als erstes zu kommentieren, über die Qualität des Beitrags könne man sicherlich streiten – um Distanz aufzubauen. Doch genau da liegt schon ein Fehler: Ist es Aufgabe von (weltlichen) Journalisten, intellektuelle oder geistliche Tiefgründigkeit einer Kurzpredigt zu bewerten? Und ist das eigene Verständnis eines solchen Textes dafür die geeignete Richtskala?

Versuchen wir es also mal, was den reinen Text angeht, systematisch:

a) Pfarrer Weigel wendet sich gegen eine „Ehe für alle“ – die er einer „praktisch vom Staat eingeführt[en] und legalisiert[en]“ „Homo-Ehe“ gegenüberstellt. Das mag sehr tricky oder ein Versehen sein, jedenfalls bezieht sich alles in dem Artikel auf die nicht näher bestimmte „Ehe für alle“, nicht auf die „Homo-Ehe“.

b) Weigel knüpft an die Aufregung um das Interview mit Kramp-Karrenbauer in der Saarbrücker Zeitung an und pflichtet der CDU-Frau bei, einer ersten Öffnung der Ehe werden weitere folgen. Das darf man für Dummzeug halten, juristisch ist aber die willkürliche Begrenzung viel schwieriger zu rechtfertigen. Und mit der von leitenden Protestanten vorgetragenen Position, auf Dauer angelegten Liebesbeziehungen wolle man den Segen nicht verwehren, ist die Beschränkung auf Paare auch schwierig zu begründen. So oder so: Es gab die Diskussion schon, intensiv-medial, auf diese hat Weigel Bezug genommen. Diese Information darf in einem Bericht über Weigels Text nicht fehlen.

c) Die Verwandtenheirat ist so abwegig nicht, außerhalb der geraden Blutslinie ist sie in Deutschland sogar erlaubt. Die Sinnhaftigkeit des strafrechtlichen Inzestverbots wird tatsächlich von namhaften Denkern bezweifelt, eine Korrektur des noch bestehenden Eheverbots (§ 1307 BGB) wäre dann vermutlich folgerichtig.
Dass Weigel diese Verwandtenehen nicht möchte, sollte ihm nicht nur als Meinungsfreiheit zugestanden werden: als jemand, der kirchliche Trauungen vollzieht, dürfte man ihm sogar eine besondere Kompetenz zusprechen – und zwar gerade unabhängig davon, ob einem das Ergebnis passt.

d) Die Ehe zwischen Mensch und Tier steht derzeit tatsächlich nicht besonders aufdringlich im Raum, wie Moritz Kircher vom Nordbayerischen Kurier recherchiert hat.*)
Aber: Hat das Weigel behauptet? Er prognostiziert diese Möglichkeit als Konsequenz einer radikalen „Ehe für alle“, und es sollte für Sprachwesen exegetisch ein Leichtes sein, dies für eine satirische Überspitzung zu halten. Darauf deutet nicht nur die konkrete Benennung einzelner Tierarten, sondern auch die nachfolgende Aufklärung, man solle sich nicht wundern, „wenn ich mir demnächst einen Harem mit mindestens 365 Ehefrauen zulege“. Weigel setzt nur in diesem tierlichen Zusammenhang „Ehe“ in Anführungszeichen. Nicht ganz so bedeutsam, aber der Vollständigkeit halber zu erwähnen: der Autor selbst behauptet, genau diese satirische Überspitzung intendiert zu haben.
Aber selbst, wer dieser Hermeneutik nicht folgen mag, sollte sich in einer Erregungspause fragen, wen oder was eine nicht-satirische Warnung vor der Ehe zwischen Menschenfrau und Katzenkater diskriminieren oder intellektuell beleidigen sollte.
Was hat denn eine homosexuelle Paarbeziehung mit Zoophilie zu tun? Nichts, eben. Beides wird hier auch nicht verglichen oder miteinander in Bezug gesetzt. Weigel denkt nur das Rechtsinstitut Ehe weiter (das, es sei ob der inzwischen vielen wirklich „bizarren“ Überschriften zu dem Thema betont, nichts mit Sex zu tun haben muss). Und da sollen mal gerade Protestanten nicht so verstört gucken, schließlich hat ihr Luther den bekannten Satz geprägt: Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott. Wenn also schon ein Auto oder Beruf zu Gott werden können…
Der schnöde Ehe-Text des BGB (§ 1353) jedenfalls ließe sich für allerhand Veralberungen nutzen.

e) Einzelne politische Forderungen hat Weigel nicht genannt und zugeordnet, weshalb seine Entrüstung vielleicht etwas überraschend kommt:

„Wie dekadent und pervers müssen einzelne Vertreter unserer Politik und Gesellschaft eigentlich sein, um auf solche Ideen und Forderungen zu kommen?“

Aber sein Text ist auch recht kurz, und wer sich nur mal in Erinnerung ruft, welch wechselhafte Rechtsgeschichte die Sodomie durchlaufen hat, wird allerhand zum Staunen finden, eben auch aus dem Politikbetrieb.

f) Wer meint, Weigel werfe hier alles durcheinander, seine Gedanken seien „bizarr“ oder verworren, der wird dann zwangsläufig seiner Feststellung zustimmen müssen: „Die Verwirrung auf diesem Gebiet wird immer größer.“ Das ist rhetorisch ein toller Kniff.

g) Danach folgt eine biblische Begründung Weigels Ablehnung einer „Ehe für alle“. Daran wird man nichts auszusetzen finden, entsprechende Diskussionen sind ja auch hunderttausendfach geführt worden. Es gibt halt solche und solche Ansichten.

Was also war jetzt der Aufreger? Was hat diesen „Leitartikel“ in einem kleinen Gemeindebrief zu einem nationalen Problem erhoben? Im Focus-Blog liegt die Relevanz allein darin begründet, dass die Süddeutsche Zeitung etwas geschrieben hat, was man daher dringend ab- und umschreiben musste. In der SZ klingt eine andere Legitimation an: nicht die Pfarrerrede gegen eine „Ehe für alle“ an sich weckte den journalistischen Jagdtrieb, sondern die Beschwerde eines homosexuellen Paares aus der Gemeinde, das sich an die bayerische Kirchenleitung als oberste Pfarreraufsicht gewandt hat. Aber ist das ein Relevanzkriterium – eine Beschwerde?

Wird nicht sonst gerne gefordert, Kirchenleute sollten sich mutiger bekennen und für ihre Werte eintreten? Muss nicht jedes deutliche Wort, wenn es nicht belanglos sein soll, irgendwen vor den Kopf stoßen? Predigt der Pfarrer gegen die Ausbeutung der tierischen Mitgeschöpfe, beschweren sich die Bauern (passiert regelmäßig, deshalb sagen auch prominente Kirchenvertreter nichts Interessantes zur Landwirtschaft). Ruft der Pfarrer zum Autofasten auf, fühlen sich Berufspendler diskriminiert und zu unrecht als Umweltsünder gebrandmarkt. Fordert er mehr (finanzielle) Anerkennung für Kindergärtnerinnen, steigt ihm der Bürgermeister aufs Dach etc.

Was also war jetzt der Aufreger? Wagen wir einen Schnellcheck einiger journalistischen Qualitätskriterien für den SZ-Bericht (in simplen drei Stufen):
Aktualität: Ja
Ausgewogenheit: Ja
Ethik: unklar (Was die Berichterstattung auslöst, ist noch unbekannt)
Neuigkeit (Investigation): Nein (der konkrete Fall schon, aber ähnliche Überlegungen sind schon zigfach publiziert worden, prominent etwa von Bischof Stefan Oster)
Objektivität: Ja
Relevanz: Nein
Richtigkeit: Ja (soweit von uns – richtig – geprüft)
Transparenz: Nein (es fehlt ein Hinweis auf das Zustandekommen der Geschichte, was uns evtl. wichtiges zur Motivlage sagen könnte)
Vollständigkeit: mittelprächtig (Auszug des kritisierten Textes zu kurz; Anspielung auf eine frühere Kritik Weigels völlig unnachvollziehbar – es ging um den PR-Film „Eine Tür ist genug„)

Eine Sache verdiente dann allerdings doch noch genauere Beachtung, wo die Geschichte schon mal auf dem Tisch ist: das Verhalten der Landeskirche.
Derart klare, gegen einen Pfarrer gerichtete Worte wie nun von Michael Mädler (Leitung Presse- und Öffentlichkeitsarbeit/Publizistik im Landeskirchenamt der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern) gibt es äußerst selten. Und dass man in der Oberverwaltung einer Landeskirche, deren Bischof derzeit auch EKD-Ratsvorsitzender ist, mit der Interpretation eines theologischen Textes „unsere Juristen“  beschäftigt, lässt richtig Schreckliches ahnen.

Ceterum censeo: „Medienblogger und Medienjournalisten jammern vorwiegend darüber, dass bestimmte Medien ihre politischen Ansichten nicht teilen. Und sie ignorieren Fehlleistungen, wenn die Beiträge ihrer eigenen politischen Meinung entsprechen.“ (Markus Reiter, Deutschlandradio)

Update 12. August:

1) Neue Variante der Interpretationskunst: Nun hat Weigel „Ehe für alle“ mit Kindesmissbrauch verglichen. Der Text auf infranken.de  ist vom epd, die Überschrift hoffentlich nicht. Kleiner Tipp vom Biologen: „Eltern“ und „Kind“ bezeichnet hier Verwandtschaft, kein Alter. Aber das merken sicherlich spätestens „die Juristen der bayerischen Landeskirche“.

in-franken-epd-nemmersdorf-sodomie-kindesmissbrauch

2) Dank n24 werden wir aufgeklärt, dass es Inzest zwischen Mensch und Tier gibt. Linné, Darwin – da müsst ihr wohl noch etwas nachbessern.

n24-inzest-mit-tieren>>Dr. Günter Weigel, Pfarrer der ländlichen evangelischen Kirchengemeinde Nemmersdorf in Oberfranken, hat in seinem Gemeindebrief die Ehe für schwule Paare mit inzestuösen Beziehungen zwischen Mensch und Tier verglichen.<<

3) Weder der Sprecher der evangelischen Landeskirche noch die dortigen Juristen haben übrigens bisher von Pfarrer Weigel eine Stellungnahme haben wollen (wie bisher die meisten „Berichterstatter“). Wozu sonst hat man in der Schule die werkimmanente Interpretation geübt?!!

4) Rosenheim.

5) Einen Überblick der Social-Media-Kommentare bei rivva.

6) Der Qualitätsfunk meldet sich zu Wort. Unbelievable. Soviel Unverstand ist doch schon strafbar (in anderen Zusammenhängen wird da gerne von Volksverhetzung gesprochen). Der Bayerische Rundfunk schreibt: „Die gleichgeschlechtliche Ehe sei wie eine Ehe zwischen Mensch und Tier: Dieser bizarre Vergleich des Pfarrers aus Nemmersdorf (Lkr. Bayreuth) beschäftigt nun die evangelische Landeskirche. Sie prüft juristische Konsequenzen.“ Man beachte auch die tolle Karriere des Adjektivs „bizarr“, hoffentlich bekommt Mädler dafür Tantiemen.
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*) = Investigativ-Hinweis: Die Geschichte ausgegraben hat Moritz Kircher, im Nordbayern-Kurier veröffentlicht am 8. August 2015. In seinem Artikel kommt u.a. auch jemand aus dem Kirchenvorstand zu Wort. Von Kircher stammt auch der Verweis auf eine frühere Andacht Weigels im Gemeindebrief; darüber hatte Kircher im Mai 2014 geschrieben: Pfarrer Weigel nahm damals Anstoß an einem PR-Video der EKD. Im Kirchenboten Mai-Juli 2014 hieß es damals:

>>Seit Ende Februar hat die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) die Aktion gestartet: „Eine Tür ist genug“. In dieser Aktion möchte sie deutlich  machen, dass Menschen in allen Beziehungsformen in der Kirche willkommen sind. Vorgestellt werden Menschen, die als Hetero-, Homo- oder Intersexuelle leben. Auf der Internetseite der EKD heißt es: „Eine Tür ist genug – alle gehören dazu“;  Frauen und Männer, vom anderen oder vom gleichen Geschlecht angezogen, in Paarbeziehung lebend oder alleinstehend, Männer, die sich als Frauen fühlen, Frauen, die sich als Männer fühlen, Menschen mit ganz individueller Geschlechtsidentität. Zu sehen ist bei dieser Aktion ein Video, in dem sich Menschen mit unterschiedlichen sexuellen Identitäten, in oder vor der Toilette begegnen.  Die EKD setzt sich also dafür ein, die Toilettentüren für beide Geschlechter abzuschaffen und nur durch eine Tür zu ersetzen.
Diese Aktion ist für mich ein Skandal. Gott, der Schöpfer, hat nur zwei Geschlechter geschaffen: Mann und Frau. Das Video wurde aus Kirchensteuermitteln finanziert. Ist eine solche Aktion Aufgabe der Kirche? Wie geht die EKD mit Kirchensteuergeldern um? Spenden unsere Gemeindeglieder für so einen Schwachsinn? Im Kirchenvorstand überlegen wir, ob wir künftig keine Kollekten mehr an die EKD überweisen. Kritische Stimmen zu diesem Video wurden nicht veröffentlicht und unterdrückt. Die EKD gleicht damit einer totalitären Organisation, die andere Meinungen zensiert, so wie wir es in totalitären Regimen vorfinden. Ich kann mich davon nur aufs Schärfste distanzieren.<<

Es folgten Überlegungen zum Bibelwort „Jesus Christus spricht: Ich bin die Tür; wenn jemand durch mich hineingeht, wird er selig werden.“ Damals hatte sich laut Kircher Dekan Hans-Martin Lechner schützend vor Weigel gestellt: Eine Andacht solle immer zum Nachdenken anregen und „über diese Andacht kann man eben trefflich streiten“. Eine „theologisch schwachbrüstige Argumentation“, wie sie die byerische Kirchenverwaltung nun im aktuellen Fall Weigel vorwirft, diagnostizierte damals niemand. Die EKD-Kampagne war tatsächlich hoch-umstritten, über nicht-veröffentliche Kommentare gab es viele Beschwerden.

Ist Journalismus mehr als Posten?

Montag, 09. März 2015

Wenn sich Journalisten noch irgendwie von Mediennutzern unterscheiden wollen (von denen man einige früher mal „Blogger“ nannte, was aber in Zeiten von WhatsApp & Co so viel mehr out ist als der den Bloggern so verhasste „Cyberspace“), dann sollten sie vor dem Veröffentlichen ihrer beruflichen Beiträge vielleicht doch ganz kurz prüfen, was sie damit gerade von ihrem Publikum abhebt.

So kann man natürlich jede Menge Bildchen und Sprüche posten. Als journalistisches erzeugnis ausgegeben, sollte dem aber vielleicht ein klein wenig Journalismus*) vorweg gehen. Dann hätte etwa die Rheinische Post wohl bemerkt, dass die Beschriftung eines LKW-Anhängers mit einem Protest gegen die Einstellung des Strafprozesses gegen Sebastian Edathy nicht reiner Volksmut war.

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Sondern schlicht eine biedere rechte Meinungsäußerung – legitim, aber wenig originell. So wie die Trucker-Kalender mit nackten Mädels derselben Firma. Oder ihre Warnung vor Zuwanderung (1).

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*) Journalismus, was ist das eigentlich? Da schauen wir doch spaßeshalber mal in ein Lehrbuch, Journalistik von Klaus Meier, 3. Auflage. Da definiert er auf Seite 14:

„Journalismus recherchiert, selektiert und präsentiert themen, die neu, faktisch und relevant sind. er stellt Öffentlichkeit her, indem er die Gesellschaft beobachtet, diese Beobachtungen über periodische Medien einem Massenpublikum zur verfügung stellt und dadurch eine gemeinsame Wirklichkeit konstruiert.“

(Den Konstruktivismusschlenker musste er natürlich wegen der „Anschlussfähigkeit“ einbauen, viele seiner Kollegen haben darin ja ein leckeres Betätigungsfeld gefunden…)

Das Qualitätsstichwort heißt im Fall dieser Spedition Stegemöller aus Kamen: Vollständigkeit. (Bei der „Neuigkeit“ sind wir mal nicht so streng.)

(1) Zu diesem auch nur gefundenen Bild haben wir heute Abend die Firma nicht mehr befragt, wie es sich für Journalismus gehören würde. Es ist ein Blog-Post.

Update:
Bild kommt auch ohne Verweis auf andere Sprüche des Splittfahrers aus.
Edathy selbst postet das zweite Bild auch auf Facebook und nennt die Parole einen NPD-Spruch (was google auch so anbietet).

Popeljournalismus

Montag, 09. Februar 2015

Oh Himmel, wie unglaublich sensibel deutsche Journalisten doch sind. Da hat der Papst bei seiner Generalaudienz am Mittwoch eine Anekdote berichtet und wohlwollend kommentiert – und halb Deutschland steht auf den Tischen und ruft „unerhört!“ Denn der Journalismus hat einen „Prügelpapst“ entdeckt und geoutet. (Korrekter müsste es wohl „Prügelfanpapst“ heißen, aber darauf kommt es ja nicht an.)

n-tv:
wuerdevolles-pruegeln-n-tv

focus:
schlagen-ist-in-ordnung-focus

Stuttgarter Nachrichten:
wurdevoll-schlagen-stuttgart

Die unglaublichen Worte des Papstes lassen sich bei Radio Vatican so nachlesen:

„Ein guter Vater versteht es zu warten und zu vergeben, aus der Tiefe seines Herzens. Natürlich weiß er aber auch mit Entschlossenheit zu korrigieren: er ist kein schwacher, nachgiebiger, sentimentaler Vater. Der Vater, der es versteht zu korrigieren, ohne zu erniedrigen, ist derselbe, der Schutz gebietet, ohne sich zu schonen. [In freier Rede fährt der Papst fort:] Einmal habe ich in einer Versammlung mit Ehepaaren einen Vater sagen hören: „Hin und wieder muss ich meine Kinder ein wenig schlagen, aber nie ins Gesicht, um sie nicht zu erniedrigen.“ Wie schön! Er hat Sinn für die Würde. Er muss strafen, aber er tut es gerecht, und geht voran.“

Bei allem Recht auf journalistische Konstruktion von Wirklichkeit: Mit wie viel Unverstand und mit wie viel Hochmut muss man ausgestattet sein, um aus diesen Worten einen Eklat zu konstruieren?

Allein schon der Mut, überhaupt einen kurze Redesequenz zum Anlass für Berichterstattung und harsche Kommentare zu nehmen, ist – trotz der guten deutschen Übung – stets wieder erstaunlich. Wie selbstgerecht muss man sein, wenn man sich anmaßt, aus einem solch winzigen Fragment die Haltung eines lebenserfahrenen und wohl unbestreitbar gebildeten Menschen herauszulesen und darüber gleich selbst noch zu Gericht zu sitzen?

Was steht in den Papstworten, vielleicht ausnahmsweise nüchtern betrachtet, ideologiefrei? Franziskus gibt wieder, was ihm mal bei entsprechender Gelegenheit irgendein Vater aus dessen Erziehungsalltag erzählt hat. Irgendeiner, irgendwann. Es sagt nicht: „Täglich erzählen mir Eltern….“, sondern „Einmal habe ich (…) einen Vater sagen hören“.

Und die simple Kommentierung des Papstes zu der Aussage des anonymen Vaters: „Wie schön! Er hat Sinn für die Würde. Er muss strafen, aber er tut es gerecht, und geht voran.“

Wo ist hier die Rede von Prügel? Wo von einem Recht auf körperliches Strafen oder Erziehen? Wo die Empfehlung, es so zu tun?

Und wenn sich hier ein „Prügelpapst“ geoutet hätte: gab es einen Aufschrei derer, zu denen er gesprochen hatte (und für ausschließlich die seine Worte gedacht waren)? Haben die aufmerksame Wortpaparazzi keinen weiteren Papstkrumen gefunden, der sich zu einem Empörungskuchen aufblasen ließe?

Wenn das, was angebliche Nachrichtenmedien in Deutschland über die letzte Generalaudienz des Papstes schwadroniert haben, noch Journalismus sein soll – was ist dann in Abgrenzung dazu Klatsch, Tratsch und Trash?

– Wo ist der Nachrichtenwert?
Er liegt ja ganz offenbar nicht im Zitat selbst, sonst hätte dieses in allen Medien zu kolportieren genügt. Der Nachrichtenwert liegt ausschließlich in der journalistischen Empörung.

– Wo ist der Maßstab, die Relation?
Ein – launig dahergesagter – Satz soll für eine komplette Haltung stehen, und zwar am besten nicht nur der sprechenden Person, sondern einer gesamten Institution? Was sagt der Papst sonst zur Kindererziehung? Mit welchem Recht soll dieser eine Papstaussage für die ausgelöste „Empörungswelle“ stehen?

– Wo ist der eingeforderte Respekt?
Natürlich, liebe berufsatheistische Kollegen, dürfen Sie auch mit dem Papst so hart umspringen wie es Ihnen beliebt. Aber beim Objekt seiner Berichterstattung einen Mangel an Respekt zu konstruieren und diesen mit größtmöglicher Respektlosigkeit pazifistisch zu geißeln kratzt doch ein wenig an der ehemaligen journalistischen Qualitätskategorie „Glaubwürdigkeit“.

„Die Mär vom Heiligen Opi“ betitelt Christiane Florin auf Zeit.de ihre Empörung – und stöhnt: „Mein Gott, Franz“ (um schließlich die Bedeutungslosigkeit der ganzen Aufregung und demnach auch ihres Geschreibsels mit der Erkenntnis zu krönen: „Die Haudraufrate in katholischen Haushalten wird aber trotz des päpstlichen Segens nun gewiss nicht steigen. Ihren Päpsten gehorchen Katholiken nämlich schon lange nicht mehr.“)

Dieser Popeljournalismus, der aus einem winzigen Fragment einen Eklat konstruiert, um sich daran tagelang zu laben, ist natürlich kein neues Geschäftsmodell. Schon vor Social Media und Internet überhaupt haben Politikjournalisten gerne aufs Denken verzichtet (persönliches Erweckungsdatum: 10. November 1988). Inzwischen lässt sich allerdings mit den Popeln mehr machen: sie lassen sich digital vervielfältigen und beliebig weit schießen. Als Material sind dafür weder Wissen noch Bildung nötig. 140 Zeichen Info sind schon hinreichend Zumutung fürs eigene Weltbild.

Der Überbringer einer schlechten Nachricht ist für diese nicht verantwortlich, das stimmt. Aber ihr Erfinder vielleicht doch.

Updates: Andere Beispiele für Popeljournalismus

Burger-King-Kritik, weil ein Mitarbeiter auf Facebook einen doofen  Kommentar doof kommentiert hat.

Aus dem Bereich Test & Lebensberatung gibt es jede Menge Beispiele, die einen fragen lassen, für wie dumm oder unfähig Redaktionen ihr Publikum halten mögen. Selbst mit Schmunzelfaktor ist etwa ein „Kleckertest“ mit Milchverpackungen reichlich Banane – die FAZ hat ihn trotzdem gemacht: „Welche Milchtüte spritz am wenigsten?“

Nuhr irrelevant

Mittwoch, 29. Oktober 2014

Soll das die Qualität namhafter Zeitungen in Deutschland sein – wenigstens im Netz, konkret bei Facebook?
Dass jede Anmoderation in der Frage mündet „Was meint ihr dazu?“, weil sich das ein Communitymanager mal so ausgedacht hat – geschenkt, auch wenn darin schon ein massives Problem steckt: denn zum einen spricht die Frage dafür, dass sich die Redaktion selbst nicht viel Orientierungsleistung zutraut, zum anderen werden die vielen Leserkommentare kaum irgendwo ausgewertet, bearbeitet, genutzt.
Schlimmer ist allerdings, was man als Themen geboten bekommt. Ich nutzte Facebook überwiegend als Nachrichtenfeed. Doch die Erwartung, wenigstens die „Qualitätspresse“ gebe Relevantes von sich, wird täglich enttäuscht. Gestern Vormittag hielten SZ und FAZ z.B. Folgendes für Weltnachrichten:

faz-geisterstadt

Brauchen Sie noch ein Weihnachtsgeschenk? Wie wäre es mit einer amerikanischen Geisterstadt? Passend zu Halloween kommt Johnsonville unter den Hammer. (FAZ)

Nach einer Pressekonferenz in Leeds wird der britische Premierminister David Cameron von einem Jogger fast über den Haufen gerannt. Der Mann wird sofort festgenommen, nach 15 Minuten jedoch ohne Anklage wieder freigelassen. (Süddeutsche Zeitung)

sz-polizistenmoerder

James Tully trägt Warnweste und Ausweis um den Hals. Sein Problem: Er sieht einem flüchtigen Polizistenmörder ähnlich und wird andauernd kontrolliert. Nun bekommt er deshalb sogar ein Auto geschenkt. (Süddeutsche Zeitung)

Liebe werdende Väter, bei der Geburt geht es nicht um Euch. Es geht um Eure Frauen und um Eure Kinder.
Also überlasst alle Dämlichkeiten bitte Robbie Williams.  (Süddeutsche Zeitung)

faz-laufband

Geht das ein bisschen schneller da vorn? Im spanischen Gijon wird ein neues Laufband getestet, das die Fluggäste deutlich flotter zum Gate befördern soll. (FAZ.NET – Frankfurter Allgemeine Zeitung)

 

Wer mich mit solchem Pipifaxkram behelligt wird doch nicht ernsthaft erwarten, dass ich ihm Nachrichtenkompetenz zuspreche? Es ist einerseits der Diebstahl von Aufmerksamkeit, von Zeit, ja auch von Nerven, und es ist andererseits die Nivellierung der Themen: im Prinzip kann man heute über alles berichten, auch über den sprichwörtlichen Sack Reis, es braucht nur einen kleinen unterhaltsamen Dreh.

Qualität von Medien kann man nicht an Einzelbeiträgen messen, sondern nur in der Summe des Veröffentlichten. Wer nicht die Kompetenz hat, mich mit Irrelevantem zu verschonen, kann zwangsläufig auch keine Kompetenz haben, Relevantes angemessen aufzubereiten, in der nötigen Tiefe zu bearbeiten.

Am Sonntag habe ich noch kurz überlegt, ob ich etwas zur Irrelevanz der Nuhr-Berichterstattung schreiben sollte. Allerdings war sie mir da nur in den üblichen Zirkeln aufgefallen. Am nächsten Tag hatte sich die Frage längst erübrigt. Wer sich für intellektuell hält, wurde in aller Erlauchtheit mit tiefschürfenden Qualitäts-Kommentaren versorgt, Heribert Prantl erläuterte zur Abwechslung mal wieder das deutsche Strafrecht (und wo „es“ einen Fehler gemacht hat) – die ganze Maschinerie lief auf Hochtouren, so dass auch LeFloid mit seinem üblichen Unverstand das Thema aufgriff und so immerhin dafür sorgte, dass „Zeitungsleser“ und Youtube-Gucker wieder auf einem „Informationsniveau“ angekommen sind. Vater und Sohn könnten diskutieren – wenn es etwas zu diskutieren gäbe.

lefloid-nuhr

Ich versuche seit Jahren empirisch zu ermitteln, was Nachrichtenmacher für relevant halten. Es lässt sich bislang nicht konkreter fassen, als dass relevant ist,  was Journalisten für relevant halten. (Und die halten für relevant, was andere für relevant halten…)
Nach welchem Maßstab sonst sollte es eine Meldung wert gewesen sein, dass ein bis dahin völlig unbekannter „Hassprediger“ den Kabarettisten Dieter Nuhr angezeigt hat?

Eine Strafanzeige an sich ist niemals ein journalistisches Thema, sie ist niemals ein Relevanzkriterium! Weil sie nichts anderes als eine Meinungsäußerung darstellt, die – entsprechend lanciert – auf besondere Publicity hofft. Damit haben wir mal wieder eine nicht nur völlig überflüssige, sondern auch völlig chaotische Diskussion bekommen über Religions- und Meinungsfreiheit, Islam und Christentum, und spätestens als sich die ersten Politiker zu Wort meldeten war klar: es gibt wie immer eine Kakophonie, sonst nichts.

Das einzige, was anspruchsvoller Journalismus hier hätte leisten können, wäre professionelles Ignorieren gewesen. Aber Prantl und LeFloid wollen beide – genau wie die Facebook-Seiten von Süddeutscher und FAZ – schlicht Aufmerksamkeit für sich. Da muss die Aufklärung schon mal über die Wupper.

(Timo Rieg)

PS: Mehr zu „Nuhr“

Los gings im Lokalteil der Neuen Osnabrücker Zeitung (1, 2). Obwohl Nuhr sich zunächst von dort beschossen sah, sollte er sich großzügig bedanken für diesen gigantischen PR-Support der Lokalhelden.

# stern.de kocht mal wieder auf, dass auch christliche Kirchen gerne gegen Satire klagen. Und gleich im ersten Satz der Ausweis präziser Sachkenntnis: „Die Klage eines Osnabrücker Muslims gegen den Kabarettisten Dieter Nuhr sorgt bundesweit für Empörung.“ Es gibt keine Klage, und für die Empörung hat die mediale Aufbereitung gesorgt. Ansonsten wäre die Anzeige geblieben, was sie ist: eine Verwaltungsroutine.

# Die Wiener Zeitung macht im Islam das letzte Tabu aus, auch der Berliner Tagesspiegel und viele andere sehen in Dieter Nuhr plötzlich den letzten aufrechten Kabarettisten (was ihnen vorher offenbar selbst gar nicht aufgefallen war, dazu brauchte es Erhat Toka).

# Einigermaßen hilfreich äußert sich Kerim Pamuk im Hamburger Abendblatt (sogar frei zugänglich!):

„Spräche man umgekehrt ständig von „dem Christentum“ und würde sämtliche Gruppen von den Katholiken, Protestanten, Zeugen Jehovas bis zu den wiedergeborenen Christen in einen Topf werfen, würde auch dem Letzen klar werden, wie hirnrissig die gnadenlose Vereinfachung „DER Islam“ ist. […]
Nur weil ein empfindsamer Betonkopf einen Kabarettisten angezeigt hat, geht das Abendland nicht unter. […]
Vor allem verhindert das Gekeife der Erregten einen echten Diskurs, der dringend nötig wäre. „

Investigative Ahnungslosigkeit

Dienstag, 14. Oktober 2014

Investigativer Journalismus ist, wenn Journalisten jede Frage in der gewünschten Weise beantwortet wird. Investigativ ist ansonsten auch noch, wenn man beklagen muss, dass Fragen nicht in der gewünschten Weise beantwortet wurden („investigativer Schmoll“). Als wenigstens noch behelfs-investigativ gilt, als Ersatz für die verwehrten Wunschantworten einen Darsteller des Vertrauens ins Fernsehbild zu setzen und ihn spekulieren zu lassen („investigative Flipchart“).
Was man sich jedoch nach Genuss der beiden investigativen Kirchenfinanz-Reportagen „Vergelt’s Gott – Der verborgene Reichtum der katholischen Kirche“ (ARD) und „Glaube, Liebe, Kapital – Die katholische Kirche und ihre Finanzen“ (ZDF) als Zuschauer fragen darf: Was wollen Journalisten eigentlich mit Haushaltszahlen der Kirchen, wenn sie nicht im geringsten in der Lage sind, diese Zahlen einzuordnen? Wo beginnt beispielsweise „Prunk“, wenn einem egal ist, ob etwas einen Euro oder eintausend Euro kostet?
Natürlich kann es jedem passieren, dass er eine Tabelle beim schnellen Überfliegen falsch liest, weil dabei die Legende ignoriert wurde. Aber was soll man von einem Film halten, in den es trotz einer – vor allem aus dem Blickwinkel freie Print-Journalisten – oppulenten Mitarbeiterschar (Autoren: Nina Behlendorf, Nicolai Piechota; redaktionelle Mitarbeit: Stella Könemann, Redaktion: Annette Uhlenhut, Beate Höbermann; Produktion: Denise Bischoff, Delia Gruber; Leitung der Sendung: Claudia Ruete) folgende Behauptung schafft:

„Im bislang geheimen Bischöflichen Stuhl stecken 92 Millionen Euro. Das ist 500-mal mehr, als Limburg an Kirchensteuern kassiert.“

Wie wenig Ahnung von Kirche und Finanzen muss man haben, um an dieser Stelle nicht aus dem Halbschlaf geschreckt zu rufen: Das kann doch wohl nicht sein! Nämlich sowohl, dass das 500-Fache der jährlichen Mitgliedereinnahmen auf der hohen Kante liegt (woher soll das Geld kommen?) als auch, dass ein ganzes katholisches Bistum nur ein Fünfhundertstel von 92 Millionen Euro jährlich an Mitgliedsbeiträgen bekommt? Wo doch schon der gescholtene „Protzbau“ zu Limburg über 30 Millionen Euro gekostet hat?

Leider musste man noch nicht einmal so investigativ sein, die Haushaltszahlen des Bistums selbst zu erfragen. Es reicht, die Reportage von ZDF-Zoom eine Minute zurückzuspulen, um den Fehler zu finden:

ZDF-Zoom-Fehler-Kirchensteuer

Wie üblich wurden in den Tabellen aus Gründen der Übersichtlichkeit ein paar Nuller weggelassen. Drei jeweils, wie der Legende zu entnehmen ist: „Angaben in T€“. Denn natürlich erhält das Bistum Limburg nicht nur 180.257 Euro Kirchensteuer pro Jahr, sondern 180 Millionen – und damit umfasst das ausgewiesene Vermögen des Bischöflichen Stuhls nicht mehr das 500-Fache, sondern nur noch die Hälfte der jährlichen Kirchensteuer.
Und jedes Kirchenmitglied zahlt im Schnitt nicht nur 28 Cent pro Jahr für seinen Verband, sondern – Achtung, komplizierte Verschiebung des Kommas um drei Stellen nach rechts – 280 Euro.

Update 16. Oktober:
Auf eine Anfrage von uns teilt die Redaktion mit: „Der von Ihnen angesprochenen Zahlenpatzer ist von uns ärgerlicherweise erst nach Ausstrahlung entdeckt worden – inzwischen haben wir die Korrektur-Version gefertigt.“
Zur eigenen Transparenz verweist ZDFzoom auf eine entsprechende Veröffentlichung. Danach kostet eine ZDFzoom-Produktion je nach Länge (30 oder 45 Minuten) zwischen 90.000 Euro und 130.000 Euro pro Ausgabe.

Kurze Anmerkungen zum Medien-Hype um Edathys Kinderpornos

Freitag, 14. Februar 2014

Der Rummel ist einfach beispielhaft. Mustergültig. Mit allen notwendigen Fragen, deren Beantwortung endlich zur Erkenntnis führen könnte, was Journalismus eigentlich will-ist-soll. Mal 5 grundsätzliche Fragen zum  Anfang.

* Was ist Kinderpornografie? Und versteht möglicherweise „die Justiz“ etwas anderes darunter als „die Menschen“? Ein Nacktbild ist noch lange keine Pornografie. (Eine andere Frage ist dann die,  wie solche Bilder entstanden sind.)

Mit dem Begriff Kinderporno behaftet ist jedenfalls jeder in Deutschland sozial tot. (Laut Christian Rath, taz, ist bislang nichts von verbotenen Bildern bekannt.)

* Wer traut sich die wirklich kritischen Fragen zu stellen? Kinderporno ist ein Stichwort, mit dem kein Autor konnektiert werden möchte. Niemand wird sich hier dem Vorwurf aussetzen wollen, etwas zu relativieren, zu verharmlosen.

* Wozu die Hektik, die Live-Ticker, die Titelstorys? Interessant würde es erst ganz am Ende, bei einem Gerichtsurteil. Doch bis dahin sind die Medien natürlich schon hundert Skandale weiter. Dabei wäre es völlig egal, ob ein möglicherweise „unhaltbarer Minister“ noch ein paar Monate oder gar Jahre im Amt ist, bis man sich ein fundiertes Urteil bilden kann.
[Live-Ticker: Bild, Süddeutsche ]

* Wie scheinheilig dürfen Journalisten sein? Sich über „Geheimnisverrat“ zu erregen, weil man selbst nicht mit den geheimen Informationen versorgt worden ist.

* Was anderes als Unterhaltung sollte die derzeitige Berichterstattung sein? Vergessen wir die Mär von der „Orientierungsleistung“, die Journalismus angeblich erbringe. Im Fall Edathy wächst die Desorientierung von Stunde zu Stunde.

PS: Nein, keine persönliche Sympathie für Sebastian Edathy, den wir spätestens seit seinem legendären „Interview“ mit Radio 1 einen Widerling finden.

Roland Nelles auf Spiegel.de: „Eines sollten alle Beteiligten wissen, die Wahrheit kommt in politischen Affären hierzulande glücklicherweise irgendwann ans Licht. Meistens zumindest. Da helfen dann auch keine Ausreden mehr.“ Die Wahrheit kommt irgendwann – schön. Und bis dahin? Machen wir eben „Journalismus“.

Wenn der Scheiß-Kahn sinkt

Sonntag, 25. August 2013

Die Wahlberechtigten in Deutschland reden vier Wochen vor der Bundestagswahl am 22. September 2013 übers Wetter und Essen, nicht aber über Politik, beklagt Günther Lachmann in der Welt aktuelle Meinungsumfragen. Und konstatiert am Ende:

„Das Land [Deutschland] scheint eine Insel der Seligen, eine Oase des Wohlstands zu sein. Es verharrt in einem eigenartigen Stillstand, der die Schatten der Zukunft fernzuhalten scheint. Dieses Land, das so oft und so sehr nach einem Wandel strebte, will derzeit nur eines: die Zeit anhalten. Es gibt sich einer gefährlichen Illusion hin.“

Selige und Wohlhabende gibt es ohne Zweifel, aber dass sie „das Land“ sind, müsste erstmal bewiesen werden – viel Spaß bei dem Versuch.

Natürlich „steht viel auf dem Spiel“, wie es im Vorspann heißt, – doch die erforschte Interesselosigkeit ist gerade kein Wunder, sondern Zwangsläufigkeit. Lachmann führt zwar einige „Highlights“ deutscher Politikdiskussionen an, verkennt aber, dass genau ihre Folgenlosigkeit zum Politikerverdruss geführt hat, und zwar, wie richtig analysiert, fortwährend – wenn auch nicht kontinuierlich – steigend.

„Politisch interessiert blieben die Deutschen dennoch. Die Atomenergie spaltete die Gesellschaft in zwei Lager, in das der Befürworter und das der erbitterten Gegner. Aus der Ablehnung der Aufrüstung zwischen Ost und West formierte sich die Friedensbewegung. Bis zur Bundestagswahl 1987 lag die Wahlbeteiligung bei weit über 80 Prozent.“

Eben: Atomkraftwerke hat die Mehrheit der Bevölkerung immer schon abgelehnt, schlicht aus Angst. Dennoch wurden immer mehr gebaut, und selbst der rot-grüne Ausstieg war nur eine Vertröstung, kein Ende der Gefahr. Wen oder was soll man da wählen, wenn ohnehin Politiker im Verbund mit Wirtschaft, „Experten“ und im schlimmsten Fall auch noch Journalismus-Onkels als Kaste der Weisen entscheiden, wo es zum Wohl des dummen Volkes hingehen soll? Und Atommüll hinterlassen, für das nun – völlig ernstgemeint! – ein auf eine Million Jahre sicheres Lager gefunden werden soll! Jetzt, nachdem Politiker in ihrer unendlichen Weisheit sechs Jahrzehnte lang das Land mit Atommüll angereichert haben. Allein dieser langanhaltende Wahnsinn macht alle beteiligten Parteien unwählbar.

„Zum anderen gelang es SPD und Grünen, den Menschen das Gefühl zu vermitteln, mit ihnen breche eine neue Zeit an. Als diese neue Zeit dann in Form der Hartz-Gesetze wirkungsvoll in den Alltag eingriff, stürzte Schröder über massive Proteste auf der Straße, aber auch aus der eigenen Partei.“

Eben. Gewählte Politiker setzen eben nicht um, was die Wähler wollen (wozu natürlich auch die Kommunikationswege fehlen), sondern sie machen, was sie wollen. Deshalb gibt es eine wahlerfolgreiche Links-Partei, die natürlich im Falle der Regierungsbeteiligung auch wieder nur machen würde, was ihren Karrieristen nützt.

„Die Menschen glauben nicht mehr, dass Politik die Probleme dieser Zeit lösen kann. Sie wissen aber auch nicht, wer diese Probleme sonst lösen könnte.“

Im ersten Satz muss es richtig heißen „lösen will“, nicht „kann“: Politiker leben schließlich von ihren selbstgeschaffenen Problemen – „alles in Ordnung“ ist für sie keine Geschäftsgrundlage. Der zweite Satz ist nicht mehr als eine freche Behauptung, schließlich gibt es unzählige Bürgerinitiativen, engagierte Gruppen, Vorschläge von Verbänden und Kirchen und weiß der Kuckuck wem alles, die jedoch eint, dass sie nicht gewählt werden können. Vom Politikjournalismus wird das jeweils nur soweit zur Kenntnis genommen, wie es für die eigene Leserschaft notwendig ist, sei es als Skandal oder Hoffnung.

Die Ignoranz des Journalismus‘, zumindest in diesem Fall des Springer-Journalismus‘, quillt zum Beispiel aus folgenden zwei Sätzen: (mehr …)

Medienkritik 2.0

Freitag, 23. August 2013

Axel Springers ewige Rache

Samstag, 25. Mai 2013

Es ist ja komplett zwecklos, sich über das aufzuregen, was die Bild-Zeitung in weiten Teilen macht, was mit Sicherheit kein Journalismus ist, auch wenn ersiees Fragen stellt, und was mit ebensolcher Sicherheit kein Stammtischpalaver ist, weil dafür der kreative Suff fehlt, aber manchmal muss man halt doch kurz aufschreien, und dann etwa der völlige Hirnlosigkeit bezeugenden Frage „Darf ein Knast so kuschelig sein?“ einfach einen Tucholsky ins Blatt göbeln:

„Es gibt kein staatliches Recht des Strafens. Es gibt nur das Recht der Gesellschaft, sich gegen Menschen, die ihre Ordnung gefährden, zu sichern. Alles andere ist Sadismus, Klassenkampf, dummdreiste Anmaßung göttlichen Wesens, tiefste Ungerechtigkeit.“ (Kurt Tucholsky: Deutsche Richter)

Wir bestochenen Journalisten

Freitag, 17. Mai 2013

Es wäre die investigativste Story, seitdem der Helgoländer Vorbote die besten Zwischenrufer des Deutschen Bundestags gekürt hat. Denn vermutlich würde nicht nur ein kleiner Bescheißerladen hochgehen, sondern ein ganzes korruptes Fast-Food-System gesprengt. Was ist schon Pferdefleisch in einer Bolognese-Soße im Vergleich zu unserem Fund: Mc Donald’s „Chicken Mc Nuggets“ in einer weißen No-name-Verpackung „Chicken Nuggets“, frei Haus von einem Pizzabringdienst geliefert, der keine Pizza im Sortiment hat? (mehr …)