Archiv für die Kategorie ‘Qualitätsdebatte’

Jahrbuch 2010 Qualität der Medien in der Schweiz

Montag, 16. August 2010

Qualitätsverlust der Medien belastet die Demokratie

(Pressemitteilung der “fög – Forschungsbereich Öffentlichkeit und Gesellschaft / Universität Zürich”)

Die schweizerischen Medien befinden sich mitten in einem fundamentalen Transfor-mationsprozess: Die Verschiebung der Mediennutzung zu einer Gratiskultur Online und Offline fördert zusammen mit der massiv verschlechterten finanziellen Situation eine Qualitätserosion in der grossen Tradition der schweizerischen Publizistik. Ein Wandel, der auch auf die Qualität demokratischer Auseinandersetzungen durch-schlägt. Dies zeigt das erste Jahrbuch ‚Qualität der Medien – Schweiz Suisse Svizze-ra‘, das am 13.8.2010 in Bern der Öffentlichkeit vorgestellt wurde.

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Zusammenfassungen, die es nicht braucht

Freitag, 23. Juli 2010

Das besondere Profil von “evangelisch.de” muss mir zwar ohnehin nochmal jemand erklären, aber auch das unspezifische ist mir gerade Limit-kennend vernebelt: Da bringt das “Mehr als du glaubst”-Portal eine absolut für Print geschriebene epd Meldung ohne jeden Link und in biederstem Agenturdeutsch:

Im Streit über das Engagement des öffentlich-rechtlichen Rundfunks im Internet hat sich der ARD-Vorsitzende Peter Boudgoust mit scharfen Worten gegen die “Frankfurter Allgemeine Zeitung” (FAZ) gewandt. In einem offenen Brief an Herausgeber Frank Schirrmacher, blablablub

Was soll das? Service wäre eine kurze Notiz der Art: FAZ-Medienredakteur Michael Hanfeld hat in einem Kommentar die Online-Aktivitäten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks erneut kritisiert und von “Staatsjournalismus” gesprochen, der ARD-Vorsitzenden Peter Boudgoust reagierte mit einem offenen Brief an FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher, “denn mit dem Kommentar von Herrn Hanfeld ist meines Erachtens eine Grenze überschritten”.
Nichts gegen gute Zusammenfassung. Aber die beiden Originaltexte müssten wenigstens verlinkt sein – und der Rest ist entbehrlich. (Tg)

Essen und Fernsehen von entzückender Bescheidenheit

Freitag, 02. Juli 2010

Darf man vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk erwarten, dass er auch bei einem auf den ersten Blick simplen Termin-Bericht ein wenig rechts und links des Weges bzw. hinter die Inszenierungs-Kulissen schaut? Wohl schon, wenn andernfalls das Ergebniss eine arge Verzerrung zu dem ist, was alle anderen wahrgenommen haben.

Der simple Termin: Fernsehkoch Johann Lafer kommt in ein Schul-Bistro, um medienwirksam ein von ihm beschirmherrschaftetes Verpflegungs-Konzept zu begutachten.

Die Inszenierungs-Kulisse: leckeres Essen, attraktive Preise, freundliche Mitarbeiter, begeisterte Schüler.

Der Haken: Es braucht eine Jugendredaktion der ortsansässigen Lokalzeitung, um mit vier Monaten Verspätung aufzuklären, wie es tatsächlich um Qualität, Vielfalt und Preise der Schulverpflegung steht.
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Lesebeute: Freiheitsräuber Tempo

Dienstag, 11. Mai 2010

“Was ist Qualitätsjournalismus? Ich glaube, dass er zuallererst etwas mit der inneren Einstellung zu tun hat – mit Haltung.

Guter Journalismus muss vor allem das machen, was mit dem zeitlos schönen Wort Aufklärung umschrieben werden kann. Aufklärung im Sinne von Licht in dunkle oder verborgene Ecken zu werfen. Wir dürfen uns nicht mit der bloßen Beschreibung der politischen Inszenierung begnügen, wir müssen sie hinterfragen und aufdecken, den Leserinnen und Lesern sagen, welches Stück gespielt wird.

Diese Aufklärung ist das Kerngeschäft eines verantwortungsvollen Journalismus. Und nicht das, was ich Wellness-Journalismus nennen möchte, dem es primär darum geht,”schöne” Geschichten, Wohlfühlgeschichten zu inszenieren und zu schreiben. Meist sind es gerade die “unschönen” Geschichten, die uns das meiste über unsere Gesellschaft erzählen.
[...] “The press was to serve the governed, not the governors.” – Die Presse hat den Regierten und nicht den Regierenden zu dienen.” (mehr)

Lisa Nimmervoll, Standard, bei der Verleihung des österreichischen Staatspreis’ für Bildungsjournalismus

Schwatzbudenjournalismus

Sonntag, 21. Februar 2010

Die Medien haben es mal wieder geschafft. Wie immer. Sie bekommen ihre Sendungen und Seiten voll, und erschreckenderweise interessiert sich immer noch jemand dafür.

Nach der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zu den Hartz-IV-Regelsätzen hatte Guido Westerwelle am 11. Februar in der Welt einige  Aschermittwoch-Parolen abgesonders: Die Jugend müsse lernen, “dass Leistung keine Körperverletzung ist” und: “Die Diskussion nach der Karlsruher Hartz-IV-Entscheidung hat sozialistische Züge.”

Die Medien haben daraus eine Fortsetzungs-Story gebastelt, die ihren Höhepunkt im Spiegel-Titel von morgen findet. Um es höflich zu formulieren: Habt ihr noch alle Tassen im Schrank?

Ein journalistisches Thema?

Dass sich ein Berufspolitiker äußert, ist nun wahrlich nicht ungewöhnlich – es ist ja quasi das einzige, was er überhaupt macht. Manchmal mag er auch irgendwem zuhören, ganz selten auch etwas zu versehen bemüht sein, aber in aller erster Linie sondert er ab – und konfrontiert damit auch (und oft ausschließlich) den Medienbetrieb.

Es gibt viele Begriffe für sogenannte “Nachrichtenkriterien”, aber letztlich lassen sich alle wesentlichen unter einer Frage zusammenfassen: Ist das, was es zu berichten geben könnte, relevant? (Auch die vermeintlich eigenständigen Kriterien wie etwa Neuigkeit, Kuriosität oder Unterhaltungswert müssen immer ihre Relevanz behaupten, wenn bei der Nachrichtenproduktion nicht schlicht das Zufallsprinzip herrschen soll – was auch ein durchaus spannender, aber bisher öffentlich nicht vertretender Ansatz wäre.)
Jedenfalls wird man unabhängig von eigener Parteipräferenz, unabhängig von Alter, Geschlecht und Schwere des Dachschadens kaum Anzeichen von Relevanz in Westerwelles Beitrag finden können. Den Verwertungsorganen des Springer-Verlags sei die ökonomische Relevanz zugestanden, in kleinen Meldungen darauf zu verweisen, der FDP-König habe in der Welt etwas vom Stapel gelassen. Damit sollte es aber dann auch gut sein. Weil:
- In Westerwelles Text steht nichts Neues.
- Westerwelle bringt keinerlei Kompetenz für das Thema mit, weder originäre noch formelle.
- Sein Wortgetöse sollte ihm schon ein mittelprächtig talentierter Redaktions-Praktikant um die Ohren hauen können (aber es eben wegen mangelnder Relevanz beim Vermögen belassen): dass ausgerechnet einer der ganz fetten “Bezieher von Steuergeld” beklagt, es gebe “niemanden, der das alles erarbeitet” und als hauptberuflicher Leistungsverweigerer von lohnender Leistung schwadroniert, mag einen Schmunzeln oder Kopfschütteln machen, in jedem Fall aber nicht auf die Spur bringen, hier habe gerade ein heller Kopf Erhellendes zur Lage der Nation gesagt.
Westerwelles Beitrag wird selbstredend auch nicht dadurch relevanter, dass sich in der Folge dutzende andere berufliche Sprachabsonderer nach vorne drängeln. Für all dies gibt es eine aus (oder mit, wie uns zunehmend dünkt) Steuergeldern gut beheizte Einrichtung, die man bei Welt-Online nicht “Schwatzbude” nennen darf.
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ADAC hat Vampire nicht kontrolliert

Donnerstag, 26. November 2009

Den ersten Fehler machte der ADAC. Dessen Pressestelle hatte aus den Daten seiner Verkehrssicherheits-Mitarbeiter eine Mitteilung gebastelt, die dem Autofahrerclub ein wenig  Polizeibefugniss nahelegte. Es ging um eine “Stichprobe” zur Beleuchtung von Fahrrädern und der Schutzkleidung von Fahrradfahrern. In der PM heißt es:

Danach fuhren knapp 40 Prozent aller Radler bei Dunkelheit ohne Licht – teils weil das Fahrrad über keine funktionierende Beleuchtung verfügte, teils weil vorhandenes Licht nicht eingeschaltet war. Bei weiteren zwölf Prozent fehlten Scheinwerfer oder Schlussleuchte. Weniger als die Hälfte war mit vorschriftsmäßig beleuchteten Fahrrädern und so mit der gebotenen Sicherheit unterwegs. Überprüft wurden mehr als 1 500 Radfahrer auf Radwegen an vielbefahrenen Kreuzungen.

Hellhörig hätten Journalisten beim letzten Satz werden müssen: Wie mag der ADAC eine Überprüfung von 1500 Fahrradfahrern durchgeführt haben?

Doch die Redaktionen übernahmen die Formulierung oder nutzten schlicht vermeintliche Synonyme. Bei der Welt wurden die Radler “gecheckt”, bei Focus wurden sie “getestet”,  der Münchner Merkur ließ die ADAC-Mitarbeiter gar “Lichtmuffel” “ertappen” und in vielen Medien wurden die Fahrradfahrer “kontrolliert”; entsprechend bebilderten Online-Medien denn auch mit Polizeikontrollen.

Fakt ist aber: ADAC-Mitarbeiter haben die Fahrradfahrer nur beobachtet.  Etwas anderes wäre rechtlich auch schwierig. Dementsprechend konnten sie jedoch gar nicht unterscheiden, ob ein Licht defekt oder nur nicht eingeschaltet war.

Vorsicht ist wie immer beim eigenen Um- und dazudichten angeraten.

News.de schreibt: “Lediglich 14 Prozent aller Probanden gaben an, absichtlich helle oder reflektierende Bekleidung zu tragen.”  Dabei wurde überhaupt niemand befragt.

Und bei der Welt können wir lesen: ” Radfahrer nehmen es mehrheitlich mit der Beleuchtung ihrer Räder nicht so genau. Knapp 40 Prozent fuhren bei Dunkelheit ohne Licht [...]“  (Fettmarkierung von uns)

Die große Presseresonanz ist medienjournalistisch auch grundsätzlich interessant. Die Meldung des ADAC regte nicht nur zu phantasievollen Überschriften an (“Vampire auf zwei Rädern: Lichtscheu und gefährlich”), sondern mündete auch in Kommentaren und Moralkampagnen.

Dabei kann Fahrradfahrer ohne Licht auch jeder Journalist beobachten, der seinen Schreibplatz einmal bei Dunkelheit verlässt. Die Frage, wieso viele Fahrräder unbeleuchtet unterwegs sind und ob davon tatsächlich eine immense Gefährdung ausgeht (und nicht etwa von den starken Autoscheinwerfern) wäre eine spannende Recherchefrage, bei der dann auch die Klientel der Lobbyisten etwa von ADFC oder dem hier Thema setzenden ADAC gewürdigt werden könnten.

(Anm.: Den ersten Kontakt mit der ADAC-Pressestelle zu diesem Thema gab es bereits am 17. November.)


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