Archiv für die Kategorie ‘Qualitätsdebatte’

Kurze Anmerkungen zum Medien-Hype um Edathys Kinderpornos

Freitag, 14. Februar 2014

Der Rummel ist einfach beispielhaft. Mustergültig. Mit allen notwendigen Fragen, deren Beantwortung endlich zur Erkenntnis führen könnte, was Journalismus eigentlich will-ist-soll. Mal 5 grundsätzliche Fragen zum  Anfang.

* Was ist Kinderpornografie? Und versteht möglicherweise “die Justiz” etwas anderes darunter als “die Menschen”? Ein Nacktbild ist noch lange keine Pornografie. (Eine andere Frage ist dann die,  wie solche Bilder entstanden sind.)

Mit dem Begriff Kinderporno behaftet ist jedenfalls jeder in Deutschland sozial tot. (Laut Christian Rath, taz, ist bislang nichts von verbotenen Bildern bekannt.)

* Wer traut sich die wirklich kritischen Fragen zu stellen? Kinderporno ist ein Stichwort, mit dem kein Autor konnektiert werden möchte. Niemand wird sich hier dem Vorwurf aussetzen wollen, etwas zu relativieren, zu verharmlosen.

* Wozu die Hektik, die Live-Ticker, die Titelstorys? Interessant würde es erst ganz am Ende, bei einem Gerichtsurteil. Doch bis dahin sind die Medien natürlich schon hundert Skandale weiter. Dabei wäre es völlig egal, ob ein möglicherweise “unhaltbarer Minister” noch ein paar Monate oder gar Jahre im Amt ist, bis man sich ein fundiertes Urteil bilden kann.
[Live-Ticker: Bild, Süddeutsche ]

* Wie scheinheilig dürfen Journalisten sein? Sich über “Geheimnisverrat” zu erregen, weil man selbst nicht mit den geheimen Informationen versorgt worden ist.

* Was anderes als Unterhaltung sollte die derzeitige Berichterstattung sein? Vergessen wir die Mär von der “Orientierungsleistung”, die Journalismus angeblich erbringe. Im Fall Edathy wächst die Desorientierung von Stunde zu Stunde.

PS: Nein, keine persönliche Sympathie für Sebastian Edathy, den wir spätestens seit seinem legendären “Interview” mit Radio 1 einen Widerling finden.

Roland Nelles auf Spiegel.de: “Eines sollten alle Beteiligten wissen, die Wahrheit kommt in politischen Affären hierzulande glücklicherweise irgendwann ans Licht. Meistens zumindest. Da helfen dann auch keine Ausreden mehr.” Die Wahrheit kommt irgendwann – schön. Und bis dahin? Machen wir eben “Journalismus”.

Wenn der Scheiß-Kahn sinkt

Sonntag, 25. August 2013

Die Wahlberechtigten in Deutschland reden vier Wochen vor der Bundestagswahl am 22. September 2013 übers Wetter und Essen, nicht aber über Politik, beklagt Günther Lachmann in der Welt aktuelle Meinungsumfragen. Und konstatiert am Ende:

“Das Land [Deutschland] scheint eine Insel der Seligen, eine Oase des Wohlstands zu sein. Es verharrt in einem eigenartigen Stillstand, der die Schatten der Zukunft fernzuhalten scheint. Dieses Land, das so oft und so sehr nach einem Wandel strebte, will derzeit nur eines: die Zeit anhalten. Es gibt sich einer gefährlichen Illusion hin.”

Selige und Wohlhabende gibt es ohne Zweifel, aber dass sie “das Land” sind, müsste erstmal bewiesen werden – viel Spaß bei dem Versuch.

Natürlich “steht viel auf dem Spiel”, wie es im Vorspann heißt, – doch die erforschte Interesselosigkeit ist gerade kein Wunder, sondern Zwangsläufigkeit. Lachmann führt zwar einige “Highlights” deutscher Politikdiskussionen an, verkennt aber, dass genau ihre Folgenlosigkeit zum Politikerverdruss geführt hat, und zwar, wie richtig analysiert, fortwährend – wenn auch nicht kontinuierlich – steigend.

“Politisch interessiert blieben die Deutschen dennoch. Die Atomenergie spaltete die Gesellschaft in zwei Lager, in das der Befürworter und das der erbitterten Gegner. Aus der Ablehnung der Aufrüstung zwischen Ost und West formierte sich die Friedensbewegung. Bis zur Bundestagswahl 1987 lag die Wahlbeteiligung bei weit über 80 Prozent.”

Eben: Atomkraftwerke hat die Mehrheit der Bevölkerung immer schon abgelehnt, schlicht aus Angst. Dennoch wurden immer mehr gebaut, und selbst der rot-grüne Ausstieg war nur eine Vertröstung, kein Ende der Gefahr. Wen oder was soll man da wählen, wenn ohnehin Politiker im Verbund mit Wirtschaft, “Experten” und im schlimmsten Fall auch noch Journalismus-Onkels als Kaste der Weisen entscheiden, wo es zum Wohl des dummen Volkes hingehen soll? Und Atommüll hinterlassen, für das nun – völlig ernstgemeint! – ein auf eine Million Jahre sicheres Lager gefunden werden soll! Jetzt, nachdem Politiker in ihrer unendlichen Weisheit sechs Jahrzehnte lang das Land mit Atommüll angereichert haben. Allein dieser langanhaltende Wahnsinn macht alle beteiligten Parteien unwählbar.

“Zum anderen gelang es SPD und Grünen, den Menschen das Gefühl zu vermitteln, mit ihnen breche eine neue Zeit an. Als diese neue Zeit dann in Form der Hartz-Gesetze wirkungsvoll in den Alltag eingriff, stürzte Schröder über massive Proteste auf der Straße, aber auch aus der eigenen Partei.”

Eben. Gewählte Politiker setzen eben nicht um, was die Wähler wollen (wozu natürlich auch die Kommunikationswege fehlen), sondern sie machen, was sie wollen. Deshalb gibt es eine wahlerfolgreiche Links-Partei, die natürlich im Falle der Regierungsbeteiligung auch wieder nur machen würde, was ihren Karrieristen nützt.

“Die Menschen glauben nicht mehr, dass Politik die Probleme dieser Zeit lösen kann. Sie wissen aber auch nicht, wer diese Probleme sonst lösen könnte.”

Im ersten Satz muss es richtig heißen “lösen will”, nicht “kann”: Politiker leben schließlich von ihren selbstgeschaffenen Problemen – “alles in Ordnung” ist für sie keine Geschäftsgrundlage. Der zweite Satz ist nicht mehr als eine freche Behauptung, schließlich gibt es unzählige Bürgerinitiativen, engagierte Gruppen, Vorschläge von Verbänden und Kirchen und weiß der Kuckuck wem alles, die jedoch eint, dass sie nicht gewählt werden können. Vom Politikjournalismus wird das jeweils nur soweit zur Kenntnis genommen, wie es für die eigene Leserschaft notwendig ist, sei es als Skandal oder Hoffnung.

Die Ignoranz des Journalismus’, zumindest in diesem Fall des Springer-Journalismus’, quillt zum Beispiel aus folgenden zwei Sätzen: (mehr …)

Medienkritik 2.0

Freitag, 23. August 2013

Axel Springers ewige Rache

Samstag, 25. Mai 2013

Es ist ja komplett zwecklos, sich über das aufzuregen, was die Bild-Zeitung in weiten Teilen macht, was mit Sicherheit kein Journalismus ist, auch wenn ersiees Fragen stellt, und was mit ebensolcher Sicherheit kein Stammtischpalaver ist, weil dafür der kreative Suff fehlt, aber manchmal muss man halt doch kurz aufschreien, und dann etwa der völlige Hirnlosigkeit bezeugenden Frage “Darf ein Knast so kuschelig sein?” einfach einen Tucholsky ins Blatt göbeln:

“Es gibt kein staatliches Recht des Strafens. Es gibt nur das Recht der Gesellschaft, sich gegen Menschen, die ihre Ordnung gefährden, zu sichern. Alles andere ist Sadismus, Klassenkampf, dummdreiste Anmaßung göttlichen Wesens, tiefste Ungerechtigkeit.” (Kurt Tucholsky: Deutsche Richter)

Wir bestochenen Journalisten

Freitag, 17. Mai 2013

Es wäre die investigativste Story, seitdem der Helgoländer Vorbote die besten Zwischenrufer des Deutschen Bundestags gekürt hat. Denn vermutlich würde nicht nur ein kleiner Bescheißerladen hochgehen, sondern ein ganzes korruptes Fast-Food-System gesprengt. Was ist schon Pferdefleisch in einer Bolognese-Soße im Vergleich zu unserem Fund: Mc Donald’s “Chicken Mc Nuggets” in einer weißen No-name-Verpackung “Chicken Nuggets”, frei Haus von einem Pizzabringdienst geliefert, der keine Pizza im Sortiment hat? (mehr …)

Wenn Journalistinnen mit dem Leben kollidieren

Donnerstag, 24. Januar 2013

Gestern Abend habe ich es noch für einen peinlichen PR-Versuch gehalten, wie stern.de eine Nicht-Geschichte zu pushen versucht. Heute Morgen habe ich noch zwei Tassen Kaffee lang die aufbrausende Hysterie ignoriert, mir dann doch den “stern” gekauft (und zwar, das war das Mindestmaß an Anstand – im Lidl).
Die Frage, ob der Mensch ein intelligentes Wesen ist, hat mich über den Tag nicht mehr bewegt als sonst – das übliche Grundrauschen quasi in dieser Gaga-Welt. Aber die Frage, was wohl Journalismus sein könnte -die war präsenter als im langjährigen Durchschnitt.

Nehmen wir Sueddeutsche.de. Dort lesen wir (derzeit als dritte Meldung):

“Brüderles Blick wandert auf meinen Busen”, berichtet sie [stern-Redakteurin Laura Himmelreich] dort, anschließend habe der FDP-Mann gesagt: “Sie können ein Dirndl auch ausfüllen.” Im Laufe des Gesprächs habe er nach ihrer Hand gegriffen und diese geküsst.

Als Himmelreich versucht habe, den Politiker daran zu erinnern, dass sie Journalistin sei, habe er nur geantwortet: “Politiker verfallen doch alle Journalistinnen.” Anschließend soll sich eine Sprecherin Brüderles bei Himmelreich entschuldigt haben.

Das ist offenbar eine professionelle nachrichtliche Zusammenfassung des “Themas”: Ein Mann schaut auf den Busen einer Frau neben ihm. [1] (Dazu ist er da. Muss ich Frauen ihre Anatomie erklären? Dass es sich bei nicht-laktierenden Frauen wohl nicht um einen Milch-Euter – “Körbchengröße 90 L” – handelt, sollte auch biologisch ungebildeten Journalistinnen bekannt sein, und ansonsten mögen sie sich mal ein beliebiges nullipares Säugetier genauer betrachten.)
Daraufhin sagt der Mann etwas zum Aussehen der Frau. Und diese, statt darauf zugänglich oder abweisend zu reagieren, schreibt ein Jahr später einen Artikel, für den belanglos noch ein Euphemismus wäre, der aber gleichwohl vom Journalistenvolk zur investigativen Geschichte des – gütig sei es hinzugefügt – noch jungen Jahres erkoren wird.

Spiegel-Online-CvD Patricia Dreyer, vor fünf Jahren vom Blut-und-Titten-Blatt “BILD” zum keuschen Online-Spiegel geflüchtet, beklagt als alltäglichen Sexismus:

Wenn ich, Chefin vom Dienst bei SPIEGEL ONLINE, im Büro ans Telefon gehe, höre ich nicht selten “Verbinden Sie mich bitte mit dem Chef vom Dienst” – weil ich eine Frau bin, ist es wohl unvorstellbar, dass ich im SPIEGEL-Verlag Führungsverantwortung trage. – Stopp!

Susanne Herrmann darf auf Werben & Verkaufen in Laura Himmelreich’s Schilerung sexueller Übergriffe eine “Offenbarung” sehen.

Ursula Kosser promotet ihr Buch “Hammelsprünge” in der taz unter der Überschrift: “Brüderle ade –
Es gibt kein Recht auf sexuelle Anmache kraft Amtes”.

Bevor der Lärmsender “star.fm” gerade den Sexismus von Rainer Brüderle zum Staatsthema Nummer eins erkor, lief noch ein Jingle fürs “Breakfast-Radio”: Wer hat den Längsten in Berlin.

Am Sonntag erwartet und bei Günther Jauch wohl die Frage: Zerbricht Deutschland am Gockel?

Wie soll man Medien, die dem alltäglichsten aller Themen nicht gewachsen sind, noch irgendeine Leistung zutrauen, wenn ihr Personal nicht einmal diese sechs Worte über die Lippen bekommt: “Ich danke Ihnen für dieses Gespräch.”

Timo Rieg

[1]= Wenigstens etwas hilfreich könnte ja sein zu prüfen, ob dem “Täter” straf- oder zivilrechtlich etwas vorgeworfen werden könnte (und dann auch müsste, sprich: verhandelt würde). Da ist aber auch nach der langatmigen Schilderung im Heftchen nicht zu erahnen. Danach sollte man alle “Standesregeln” durchgehen, Selbstverpflichtungen etc. Und wenn dann immer noch nicht zu finden ist, sollte mal geprüft werden, ob es sich um eine “Befindlichkeit” handelt – und ob dies nach den im jeweiligen Medienhaus gebräuchlichen Relevanzkritierien die Öffentlichkeit tangieren müssen.

Ergänzungen:

* Kritisch zur stern-Berichterstattung: Wibke Bruhns im Tagesspiegel.

* Und zur Debatte an sich Thomas Stadler.

* Wo ist die Eigenleistung der kommerziellen Medien, wenn sie nur wiederkäuen, was – hoch repräsentativ – auf Twitter erzählt wird? Z.B. Spiegel-Online, FAZ , Berliner Zeitung, Berliner Morgenpost.

* lesenswert differenziert zur “aufschrei”-Debatte: frau meike

* Dass ausgerechnet Rechtsanwalt Ralf Höcker zeigt, was Journalismus u.a. zu leisten gehabt hätte (nämlich: Fragen stellen)…. – bei VOCER.

* Die Frage, warum die Geschichte erst nach einem Jahr aufgewärmt wird, “schwächt die Bestandsaufnahme der Journalistin” nicht nur, wie Katja Bauer in der Stuttgarter Zeitung schreibt, sie macht sie quasi unüberprüfbar. Denn wenn nicht jemand die Szene mit Ton gefilmt hat, ist nach dieser Zeit auf die menschliche Erinnerung nicht viel zu geben (und schon gar nicht nach der Veröffentlichung des stern-Artikels).

Immer wieder: Das Relevanzkriterium

Montag, 31. Dezember 2012

Vielleicht die gute Nachricht zuerst: offenbar die meisten journalistischen Medien haben zutreffend erkannt, dass nicht jeder Antisemitismus-Vorwurf eine Nachricht ist – auch nicht, wenn dahinter ein amerikanischer Verein steht, der sich einen prominenten Namen entliehen hat.

Die taz aber schenkt der Sache Aufmerksamkeit. Doch nach welchen professionellen Relevanzkriterien, offenbart sie nicht.

Muss es taz-Leser_innen interessieren, wie sich Henryk Broder ein ums andere Mal inszeniert – und dabei Kollegen mit Dreck bewirft? Und was erfahren sie stattdessen nicht (aus raum- und zeitökonomischen Gründen)?

a) Irgendeine amerikanische Institution (1) kürt einen renommierten, engagierten und gut lesbaren deutschen Journalisten  zu einem der großen Antisemiten des Jahres 2012. Das ist nicht an sich schon ein Thema zum Publizieren und Kommentieren, sondern allenfalls zum Recherchieren: Was kann da nur dran sein? Brauchen wir – im deutschsprachigen Journalismus – die Hilfe aus Übersee, um einen weltweit zu fürchtenden, immerhin weltweit zu ächtenden Antisemiten im Land zu erkennen?

Wenn das, was Cigdem Akyol vorträgt, schon das Ergebnis ihrer Recherchen ist, hätte ihr selbst dünken müssen, dass das Thema gerade keines ist. Man muss nicht über jeden Stock springen, den einem ein Zirkusdirektor hinhält. Vier Wortfetzen von Augstein präsentiert Akyol als Beleg für den goroßen Antisemiten. Der erste:

„Gaza ist ein Gefängnis. Ein Lager. Israel brütet sich dort seine eigenen Gegner aus“ (19.11., Spiegel Online),

Das ist doch kurz, bündig und richtig – zumindest richtig von einem bestimmten, legitimen Standpunkt aus besehen.

b) Dazu sagt ein anderer deutscher Journalist etwas, der schon immer – von seinen Anfängen bei den St. Pauli-Nachrichten – als Posenclown abonniert ist, und der zufällig auch als einzige Begründung in dem Wiesenthal-Center-Dokument auftaucht. Und der alles, was die taz nun bringt, bereits vor einigen Wochen in einem seinem Poltergeist nicht gerecht werdenden Langweiler-”Brief an meinen Lieblings-Antisemiten Augstein” formuliert hat.

Fangen wir doch mal hinten an. Was soll denn Broder sein, der so viel Raum in der taz einnehmen darf? Ein Semit? Nach  einer äußerst befremdlichen Rassenideologie wäre das vielleicht möglich (was auch immer “polnisch-jüdisch” in seinem Wikipedia-Zuchtbuch bedeuten soll). Aber er läuft wohl mit deutschem Pass rum und hat mit der Religion Judentum nichts am Hut.

Und ist jeder, der kein Antisemit ist, automatisch in der Landfrage Israels und Palästinas ein “antimuslimischer Rassist“?

Die Nummer funktioniert wie immer nur, weil sich Leute den Schuh anziehen wollen. Wenn ich oben im Text vor den “Zirkusdirektor” (mit dem natürlich nicht dessen freischaffender Clown gemeint ist) nur das Wort “krummnasiger” setzen würde, bin ich vermutlich Gegenstand einer Strafanzeige. Weil das heutige Antisemitismus-Schema genau dadurch funktioniert, dass sich Leute von Karikaturen angesprochen fühlen, deren Bezug zu ihnen sie empört weit von sich weisen.

Akyol meint:

“Schon alleine Gaza und Lager in einem Atemzug zu nennen, ist unerträglich.”

So einfach wird man also im deutschen Journalismus zum Antisemiten. Jakob Augstein selbst hat dazu schon treffend festgestellt: “Der Antisemitismus-Vorwurf wird inflationär gebraucht. Und er wird missbraucht. Immer häufiger wird Israels Besatzungspolitik mit dem Antisemitismus-Argument gegen jede Kritik in Schutz genommen. Dadurch verliert der Begriff seine Bedeutung und das Thema seine Würde.”

PS: Augustein zitiert auf seiner FB-Seite seine – leider ARD-mäßig langweilige – Antwort zu dem “Vorgang” an die dpa: “Das SWC ist eine wichtige, international anerkannte Einrichtung. Für die Auseinandersetzung mit dem und den Kampf gegen den Antisemitismus hat das SWC meinen ganzen Respekt. Um so betrüblicher ist es, wenn dieser Kampf geschwächt wird. Das ist zwangsläufig der Fall, wenn kritischer Journalismus als rassistisch oder antisemitisch diffamiert wird.”

(1): Ich versuche mir vorzustellen, wie die Wertung einer solchen Menschenrechtsorganisation ausfiele, wenn sie in Deutschland residierte und nicht von Rabbinern, sondern von “Kirchenfürsten” geleitet würde. Ihre Reputation im christlichen Abendland dürfte gering sein.

(2): Statt der taz hätte sich ja mal der Zentralrat der Juden in Deutschland äußern können, dessen (Ex-)”Tante Charly” immerhin vor vier Jahren für Broder ein Recht auf freie Meinungsäußerung gefordert hat. Wo das, was Jakob Augstein zum israelisch-palästinenischen Konflikt schreibt, nicht von diesem Recht gedeckt sein soll, müsste der Zentralrat ggf. erklären – oder sich von der PR-Aktion des Wiesenthal-Centers distanzieren.

Update: Zum Thema auch, aber ohne jede Relevanzfrage, Nils Minkmar, FAZ.
Ferner: SPIEGEL über die Schwierigkeiten, mit dem Verantwortlichen der Augstein-Platzierung ins Gespräch zu kommen.

Update 14.01.2013: Das BILDblog nölt mal wieder rum, die Medien hätten das nicht richtig gelesen. Den Links und der Auffindeinfachheit nach haben aber wohl die meisten Medien selbst auf die “TOP 10 Anti-Semitic/ Anti-Israel Slurs” geschaut. Aber dann muss man nicht jeden Eiertanz mitmachen.  Wenn es um Satzfragmente ginge, nicht um Autoren, hätte das PR-Zentrum auch die Namen weglassen können. Albern. Unseres Erachtens geht es eh um ein ganz anderes Problem – wie oben benannt.

BILD besser als SPIEGEL

Sonntag, 04. November 2012

Manchmal muss eine Geschichte auch deshalb fertig erzählt werden, weil man dabei seine zuvor geäußerten Gedanken neu kommentieren, einordnen, revidieren oder verstärken muss.

Wie war das jetzt mit dem ach so unsäglichen Joachim Witt Video “Gloria”? Ekelhaft und diskreditierend und vor allem – Gipfel der Lächerlichkeit – jugendgefährdend sollte es sein. Da war sich der deutschsprachige Profi- bzw. Kommerz-Journalismus weitgehend einig. Und dann? Irrt die Bundesprüfstelle in ihrer Beurteilung:

Eine Jugendgefährdung nach § 18 Abs. 1 JuSchG kann nicht festgestellt werden, da weder unsittliche, verrohend wirkende oder zu Gewalttätigkeit, Verbrechen oder Rassenhass anreizende Medieninhalte vorliegen.

Könnte es sein, dass sich Stefan Kuzmany auf Spiegel-Online mal wieder vergaloppiert hat? (Das meint wohl auch Jan Wigger.) Ebenso wie Thomas Schmoll auf stern.de? (für den das Video in vierfacher Hinsicht grauenhaft ist: “1. Die Musik ist furchtbar. 2. Der Sänger kann nicht singen. 3. Der Text ist stümperhaft. 4. Eine Frau wird vergewaltigt” – soviel Rezensionstiefe war selten); auch bei stern.de endet die Geschichte mit der bevorstehenden Indizierung (und einer “beleidigten Leberwurst” Witt).  Wo ist derHinweis im Kampfblog Bundeswehrblog “Augen geradeaus“, das vielfach als Nachrichtenquelle für die Indizierungsabsicht genannt wurde?

Im Prinzip sollten professionelle Medien ein solch wichtiges Update behandeln wie eine Gegendarstellung: in gleicher Größe an gleicher Stelle veröffentlicht, damit die Nachricht von möglichst vielen derer wahrgenommen wird, die den Anfang davon gelesen haben. Und online sollte es eine Selbstverständlichkeit sein, unter die alten Artikel ein “Update” zu setzen, damit auch Googler und Archivnutzer nicht nur durch Zufall erfahren, dass die Sache anders ausgegangen ist, als die Journaille glaubte.

Die Agenturmeldung dazu gab es schließlich, und bild.de hat es geschafft, sie aufzugreifen. Dafür gibts hier eine ja immerhin in diesem einen Punkt zutreffende Provokationsüberschrift.

Lesehinweis

Montag, 22. Oktober 2012

Der Niedergang des Journalismus am Beispiel Marion Schmidt (FTD) (Duckhome)
Medienkritik am Artikel “Lasst Frau Schavan in Ruhe”

Berliner Relevanz

Dienstag, 04. September 2012

Aus dem parteipolitisch-lobbyistischen Berlin hält Spiegel-Online vieles für berichtenswert. Interessant daher, dass die heutige Räumung des Tacheles der Redaktion nur einen kurzen, überwiegend aus Agenturmaterial bestehenden Text wert war. Die Tagesschau hatte dazu einen Beitrag in der 20-Uhr-Ausgabe.