Ein Brief vom Onkel aus Amerika

Ungebetene Ratschläge werden meist als unhöflich empfunden und reflexartig zurückgewiesen – was nur selten schade ist. Denn jeder gute Ratschlag verlangt zu verstehen, was der Beratene eigentlich will, auch und gerade, wenn man ihn auf ein anderes Pferd setzen möchte.
Dies ist einer der Gründe, weshalb Wissenschaftler es gerne bei der Forschung belassen, allenfalls Hinweise geben zur Interpretation ihrer Erkenntnisse, ansonsten aber von Ratgaben zur guten Lebensführung absehen.
Nun geben ausgerechnet Journalisten bekanntlich permanent ungefragt Ratschläge aller Art (sie sind nicht nur Co-Trainer, wie jeder gute Deutsche, sondern auch Co-Kanzler, Co-Minisster und Co-Papst, Cheffeminist und mindestens Oberdirektor einer Volksschule). Daher nehmen sie es Jay Rosen bestimmt nicht übel, dass er ihnen ungebeten* Ratschläge erteilt hat wie diesen:

Lernen Sie, [mit dem Spannungsverhältnis zwischen Objektivitätsgebot und Demokratieverteidigung] umzugehen. Vertrauen Sie niemandem, der es beseitigen will.

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Ihre Einschätzung: Ist das parteiisch?

Ihre Mithilfe ist erbeten: enthält eine Schlagzeile wie die folgende für Sie schon eine Aussage über den Unfallverursacher?

Es gibt bei dieser (üblichen) Form der Unfallschilderung jedenfalls einen aktiven und einen passiven Part: der Bus fährt in den Rettungswagen, nicht umgekehrt. Schwingt für Sie dabei auch die Aussage mit: Bus verursacht schweren Unfall (weil er ja in den Rettungswagen “kracht” und nicht umgekehrt Opfer eines schnell fahrenden RTW wurde)?

Und wie sieht es bei folgender Formulierung aus?

Der Bus der Gruppe war am Sonnabend zwischen Lensahn und Cismar mit einem Rettungswagen zusammengestoßen.

Ist “zusammenstoßen” neutral oder auch aktiv?
Hintergrund: die Unfallursache ist bisher laut Polizei unbekannt.

Für Ihre Einschätzungen wären wir dankbar, z.b. über die Kommentare (Sie müssen in diesem Fall hier nicht Ihre tatsächliche E-Mail-Adresse angeben!).

 

Unfassbare Aktionslosigkeit

Zur Berichterstattung über eine kleine spontane Demonstration im Wendland, die nachfolgende Polizeiarbeit und das große Versagen des Journalismus.

Eine inzwischen lange Sammlung, die unten weiterhin ergänzt wird. 
Summary als Kommentar

1. Einleitung

Die professionellen Nachrichtenmedien Deutschlands haben über das Pfingstwochenende mal wieder einen Skandal inszeniert, der mehr als lehrbuchmäßig ein journalismusfreies Publikationsbusiness zeigt. Das Verhalten der Nachrichtendistributoren erinnert an die Bahnmitarbeiter, die einige Zeit an Fahrkartenautomaten postiert wurden, um dem willigen Transportgut dessen Bedienung zu erläutern und damit den eigenen Arbeitsplatz oder den der Kollegen am Schalter abzubauen.

Das Presse-Äquivalent: Landauf landab übernehmen Redaktionen ohne jede eigene Recherche eine Pressemitteilung der Polizei, skandalisieren sie und kolportieren die von ihnen so geschaffene, bis aufs Komma völlig vorhersehbare Erregung. Das lässt sich bequem mit dem Smartphone vom Grill aus erledigen. Es lässt sich allerdings auch komplett ohne Journalisten erledigen.

Erst kürzlich echauffierte sich eine Journalisten-Gewerkschaft (die sinnigerweise und zukunftsweisende auch PR-ler vertritt), die Polizei mache mit ihren Pressemitteilungen im Internet den Job der freien Presse. Rauszuhören war schon damals, dass es nicht darum geht, selbst zu recherchieren (denn dann störten behördlich verbreitete Statements ja nicht), sondern die “Bullenmeldungen”, wie das in der stahlarbeiterkampferprobten Ausbildungsredaktion am Niederrhein  hieß, von einem nicht-öffentlichen Kanal auf einen öffentlichen zu heben. Früher wurden dazu Faxe abgetippt (und prosaisch aufgehübscht), heute geht’s mit Copy&Paste (weshalb die Damen von der Texterfassung längst zum privaten Sicherheitsdienst oder der mobilen Altenpflege gewechselt sind).  Weiterlesen

Medienkritik, wo ist der Journalismus?

Die mediale Vermittlung der sogenannten #metoo-Debatte* macht ein großes Problem des Journalismus sichtbar: er bemüht sich wenig um Aufklärung (Information) und versucht stattdessen, seine Kunden über applausfähige Meinungen zu binden. Das wäre ein recht normaler, weil bequemer Vorgang (“Billigproduktion”), wenn wenigstens das kleine Ressort der Medienkritik (“Journalismusjournalismus”) noch nach den Regeln der Kunst arbeiten würde. Doch auch dort steht der Glaube, das eigene Befinden, inzwischen über allem. Damit gibt sich der Journalismus aber auf – und wird je nach Schönheit zu Propaganda oder Literatur.

Rein wirtschaftlich können Verlage und Sender natürlich auf Meinungsprostitution setzen (so wie jeder alles machen darf, ggf. mit entsprechenden Konsequenzen), aber dann sollte auch schleunigst die Rollen(selbst)zuschreibung geändert werden: Journalismus stellt Fragen und sucht Antworten dazu. Das verlangt vieles, allem voran aber Interesse (das natürlich professionell gespielt sein kann, es muss also gerade nicht vom Herzen kommen) und ein Mindestmaß an Verstand.

Nehmen wir die Kritik von Thomas Fischer an der Verdachtsberichterstattung der ZEIT über Dieter Wedel und den Umgang der Medien damit. Dass sich das Publikum an einer solchen Stelle sehr schnell in Fanblöcken sortiert, ist ein beobachtbares Phänomen, das wie jedes Phänomen seine Gründe hat. Aber dass sich auch viele Journalisten in diese Fanblöcke stellen und auf ihren stets mit der Wichtigkeit ihrer Arbeitsplätze aufgeladenen Privataccounts die Fahnen schwenken, befördert Zweifel an der Funktionsfähigkeit des Journalismus. Die ZEIT hat peinlicherweise nicht nur die Veröffentlichung des Fischer-Textes abgelehnt, sondern dem bis eben noch Star-Autor gleich komplett die Beziehung gekündigt. (Erschienen ist Fischers Text dann bei Meedia.)  Weiterlesen

Gonzo macht Presse gaga

Gagajournalismus ist eine zwangsläufige Evolutionsstufe des kapitalistischen Nachrichtengeschäfts: geringste Produktionskosten und ein selbst generierter Absatz des Plunders, das freut das Haus. Warum sich die Medienkritik gleichwohl immer  mal wieder mit diesen Produkten beschäftigen sollte: weil dieser Produktionsstil vermutlich gelegentlich auch für die angeblich höherwertigen Beiträge eingesetzt wird. Heutiges Fallbeispiel: die Skandalisierung eines popeligen Blogbeitrags, den zwar so gut wie niemand zur Kenntnis genommen hat, der sich aber für  eine ganze Reihe von Gagaartikeln hervorragend eignet.

Das Mini-Ereignis: Hardy Prothmanns “Rheinneckarblog” (RNB) brachte in den sehr frühen Morgenstunden des letzten Sonntags einen Bericht über einen angeblichen Terroranschlag in Mannheim – den “bisher größten in Westeuropa”. Nach einer Reihe leicht wirrer Details über Tote und Verletzte, Tatorte und blockierte Nachrichtenkanäle bricht der Text mit der Fiktion:

Auf Rückfrage unserer Kontakte bestätigen uns alle Sicherheitsbehörden, dass es bislang nur eine abstrakte Gefährdungslage gegeben habe. Konkrete Hinweise auf Anschläge in Mannheim habe es nicht gegeben.
Wenn Sie bis hierhin gelesen haben, hatten Sie den Eindruck, dass Sie gut informiert worden sind. Das sind Sie. Über mögliche Entwicklungen.
Wir berichten immer aktuell und immer auch vorausschauend. Ein Anschlag dieses Ausmaßes in Mannheim? Undenkbar? Natürlich ist das denkbar – oder waren frühere Anschläge in anderen Städten “undenkbar”?

Selbstverständlich wären die Mannheimer Sicherheitsbehörden gegenüber einem Anschlag von 50 Mördern in Zweierteams vermutlich eine ganze Zeitlang komplett unterlegen – und dass, obwohl die Mannheimer Polizei sehr effizient organisiert ist.
Das gilt für jede Stadt in Europa. Bislang kennen wir überwiegend nur Einzeltäter oder kleine Gruppen von Tätern wie in Paris, Brüssel oder London. […]

Kleines, nun von vielen für besonders wichtig erachtetes Detail zur Artikelpräsentation  noch: der zitierte Passus war nur für Kunden lesbar, also hinter einer sog. Paywall.

Was Prothmann mit dem Text bezweckte, ist hier eigentlich irrelevant, aber wer zu eigenen Spekulationen anheben möchte sollte die Erläuterung dazu vielleicht doch einmal zur Kenntnis nehmen.

Die publizierte Kritik richtet sich derzeit vor allem auf drei Aspekte, die wir mal so zusammenfassen wollen:  Weiterlesen

SPIEGEL vertuscht Mord an Steingart als Sturz

Pressemitteilungen abzutippen ist kein Journalismus. Pressemitteilungen bei einer Tasse Kaffee weiterzuspinnen auch nicht. Geeignete Pressemitteilungen aus dem großen Angebot der PR auszuwählen, das könnte schon etwas mit Journalismus zu tun haben: wenn das Wichtige aus der Masse des Unwichtigen gefischt wird, wenn Fakten gegenüber Spekulationen und Forderungen bevorzugt werden, wenn durch Publikation eines Fertigtextes die Kunden immerhin etwas “orientierter” sein könnten also ohne.

Wir alle wissen: das schnelle Blabla steht in den Medien vor der Information, oder anders gesagt: es werden Ereignisse so inszeniert, dass man Berichte über sie als Information deklarieren kann. Blabla ist dabei sehr einfach zu entlarven: Alles, was ohne Mangel auch hätte unveröffentlicht bzw. (heute treffender) unkolportiert bleiben können, steht unter Blub-Verdacht. Tratsch halt.

“Hast du schon gehört, der Gabor Steingart soll ja gefeuert werden, weil er so einen bösen Text über diesen Martin Schulz geschrieben hat.” Sinngemäß so kolportieren es heute alle Medien, die sich offenbar für nachrichtenrelevant halten. Wenn der Spiegel das doch so sagt

Dabei ist diese Spekulation doch völlig irrelevant. Wen interessiert, was der Spiegel zu wissen glaubt, der kaufe sich diese Illustrierte oder lese auf der zugehörigen Website. Wer sich hingegen als Journalist (m/w) mit eigenem Kopf versteht, der hinterfragt die Spiegel-PR und deren Thema: Kann das sein? Soll es möglich sein, dass ein Herausgeber und Geschäftsführer gefeuert wird, weil seinem Verleger die Wortwahl in einem Newsletter nicht gefällt? Soll es möglich sein, dass ein Spitzenpolitiker, um den es in dem Text geht, einen solchen Kotau annimmt, anstatt empört aufzuschreien, er wolle mit einem solch eklatanten Eingriff in die (innere) Pressefreiheit nichts zu tun haben? Und ist es möglich, dass vom Medienmainstream Totgesagte sterben (müssen), eben weil sie von allen bereits für tot erklärt worden sind?

Um zu prüfen, bei wem welche Tassen aus dem Schrank gefallen sind, sollte man den Text von Gabor Steingart mal lesen. Wegen der Bedeutung (und dem unterlassenen Zitieren in den meisten “Berichten” zur “Causa Steingart”) hier komplett (Hervorhebungen von SpKr, Hervorhebungen des Originals nicht übernommen):

Innerhalb der SPD hat ein bizarrer Machtkampf begonnen. Der mittlerweile ungeliebte Parteichef Martin Schulz will den derzeit beliebtesten SPD-Politiker, Außenminister Sigmar Gabriel, zur Strecke bringen und an dessen Stelle im Ministerium Quartier beziehen. Das Duell wird nach den Regeln des Parteienkampfes ausgetragen, also im Verborgenen. Besondere Raffinesse wird dabei vor allem von Schulz verlangt, da er sich nicht beim Mord an jenem Mann erwischen lassen darf, dem er das höchste Parteiamt erst verdankt.

Der Tathergang wird in diesen Tagen minutiös geplant. Der andere soll stolpern, ohne dass ein Stoß erkennbar ist. Er soll am Boden aufschlagen, scheinbar ohne Fremdeinwirkung. Wenn kein Zucken der Gesichtszüge mehr erkennbar ist, will Schulz den Tod des Freundes aus Goslar erst feststellen und dann beklagen. Die Tränen der Schlussszene sind dabei die größte Herausforderung für jeden Schauspieler und so auch für Schulz, der nichts Geringeres plant als den perfekten Mord.
Einzig sein Angstschweiß verrät ihn. Noch zaudert er. Wird das Publikum sein Alibi überhaupt akzeptieren? In ruhigen Minuten kommen dem ehemaligen Buchhändler, ohne dass er sich dagegen wehren kann, wahrscheinlich die mahnenden Worte des Schriftstellers Franz Grillparzer in den Sinn: „Allen Sündern wird vergeben“, schrieb der einst, „nur dem Vatermörder nicht“.

Spiegelkritik ist mal als “SPIEGEL-Watchblog” gestartet. Das wurde recht schnell eintönig, weil die Kritik an der Hamburger Illustrierten immer wieder aufs Gleiche zielen muss: Meinungsmache statt Information. Nicht nur mit Titeln und Themen, die ganze berümt-berüchtigte “SPIEGEL-Sprache” ist davon durchdrungen. Und der kurze Artikel auf Spiegel.de, der nun von allen journalismusbefreiten Medien nachgebetet wird, ist ein Paradebeispiel dafür. Dass Steingart mal eine große Nummer beim SPIEGEL war – geschenkt, es braucht für eine launige Story keine Verschwörungstheorie.

Vier Autoren werden für den kurzen Text benannt. Und dann dies:
+ Keine akzeptable Quelle für die Informationen, die hier gerade über die Reputation eines Kollegen entscheiden dürften. “Dem Vernehmen nach”…
+ Fertige Meinung statt Einladung zur Meinungsbildung über den kritisierten Steingart-Text. Von diesem werden nur Schlagworte wiedergegeben, aber natürlich wertend eingeordnet:

“Steingart fabulierte vom ‘perfekten Mord’. Der ‘Tathergang’ werde minutiös geplant.”

+ Keine Quelle für den (angeblichen) Brief von Steingarts Verleger an Martin Schulz, nur ein sehr kurzes Zitat. Was steht noch in dem Brief? Liegt er den Autoren vor? Warum wurde er durchgestochen?
+ Keine Stellungnahme von Schulz. Das ist doch das eigentliche Thema (Querelen in einer Firma gibt es überall, ob die nun Handelsblatt heißt oder “Roberts Rohrreinigung”). Schulz würde doch eine solche Entschuldigung angeekelt zurückweisen – andernfalls wäre DAS die Story.
+ Warum kein Statement von Steingart, sondern nur/ direkt von seinem Anwalt (der nichts sagt)?
+ Steingarts “Kampagne gegen den SPD-Vorsitzenden Martin Schulz” sei “umstritten” – welche Kampagne, mit welchen Argumenten von wem wo umstritten?

Ganz ernsthaft: Den Steingart-Text kann man zu blumig oder “drastisch” finden (der SPIEGEL als Oberschwadronaut darf dies allerdings gerade nicht  siehe auch Update unten), aber das ist Geschmacksfrage. Wenn ein Journalist (egal welcher Hierarchiestufe) einen Text wie diesen nicht mehr schreiben darf und wenn Politiker für einen solch harmlosen, jedenfalls unter allen Aspekten zulässigen Kommentar eine Entschuldigung akzeptieren, dann kann man sich nur angewidert abwenden.

Ganz ernsthaft: Steingart soll gefeuert werden, weil er das Politiktheater mit einem Theater vergleicht und weil er in seinem Stück einen Parteisoldaten töten lässt?

Ganz ernsthaft: #nichtdafür  Weiterlesen

Schnibbens Banalisierungsfabrik

Ob Cordt Schnibben wirklich geeignet ist, die besten journalistischen Produkte in Gestalt von Reportagen auszuzeichnen? Auch wenn Können und Können-entdecken nicht zusammenfallen müssen – angesichts solcher Kommentare bin ich unsicher:

Es ist völlig okay, Boulevardjournalismus doof zu finden. So wie man auch die SPIEGEL-Zeitschrift doof finden darf, manches, war Correctiv macht etc. (Wobei es natürlich auch besonders billig ist, Boulevard zu verachten, distanziert man sich damit doch nur vom Lesepöbel.) Aber wenn man für den Applaus seiner Fans so tut, als sei man mit einer Sechs-Wort-Überschrift der BILD-Zeitung ernsthaft überfordert, wird es peinlich.

Die BILD hatte heute getitelt: “Ausländer dürfen über deutsche Regierung abstimmen“. Cordt Schnibben schlägt als weitere Überschriften u.a. vor: “Schwule dürfen über deutsche Regierung abstimmen.” Warum ihm beim Assoziationsspiel zu “Ausländer” die Begriffe “Frauen” und “Schwule” einfallen, mag er vielleicht noch irgendwann erläutern; doch während die BILD-Schlagzeile journalistisch korrekt die Nachricht fokussiert, spinnt Schnibben Nonsens.
Es mag ja sein, dass er keine Erwähnung wert findet, was der BILD zum Aufmacher taugt. Das macht den BILD-Artikel (auf den Schnibben mit keinem Wort eingeht) aber nicht journalistisch falsch, fragwürdig oder irrelevant. Über die Entscheidungsmacht der SPD-Mitglieder wird ja nun tatsächlich landauf, landab diskutiert (auch unter Politologen). Da ist es schon ein relevanter Hinweis, dass über die Regierungskoalition im Zuge des Mitgliedervotums nun auch Menschen entscheiden können, die in Deutschland kein Wahlrecht haben: die also nicht mitentscheiden durften, welche Partei wie stark wird, die nun aber mitentscheiden dürfen, ob die SPD in die Regierung geht (was auch alle Nicht-SPD-Wähler betreffen wird).

Statt ihren Kollegen auf die Peinlichkeit seines Assoziationsspiels aufmerksam zu machen, treibt die bei diesem Thema derzeit unvermeidliche Anja Reschke es noch weiter, direkt bis zum Schmerzpunkt:

Immerhin verweist Reschke auf einen Text, der “soziale Zusammensetzung der Parteimitgliederschaften” thematisiert. Und trotzdem geht ihr Einwurf am BILD-Thema vorbei: denn dass die Mitgliederstruktur in Parteien nie die Bevölkerung widerspiegelt, ist bekannt und geradezu zwingend (sonst bräuchte es ja keine Parteien). Und warum die guten atheistischen Frauen nur auf Twitter groß sind, nicht aber in den Parteien, könnte Panorama ja bei Gelegenheit mal untersuchen. All das hat aber nichts mit dem Artikel der BILD zu tun. Und wer das nicht versteht, empfiehlt sich nicht gerade als Welterklärer oder Notengeber für Welterklärer.

Stattdessen bestätigen die beiden Journalisten und ihre Jünger natürlich einmal mehr, wie Medienmainstream funktioniert: nicht von irgendwo gesteuert, natürlich nicht, sondern aus freien Stücken – aufgrund gleicher Sozialisation, ähnlicher persönlicher Interessen, identischer Informationsnetzwerke etc.

Dass es bei solchen Tweets um mehr geht, als Boulevard allgemein oder speziell die BILD blöd zu finden, zeigen viele Reaktionen darauf: Das Assoziationsspiel geht weiter, den Artikel der BILD hat niemand gelesen, Falschinformationen machen die Runde, das eigene Weltbild wird  mit Freude und Phantasie ausgeschmückt – es passiert also genau das Gegenteil von dem, was Journalismus will (oder wenigstens soll). Und deshalb muss man sich über solche Twitter-Botschaften aufregen.

PS: Warum stören sich ausgerechnet Menschen, die sich für sehr weltoffen und -erfahren halten, immer an der Bezeichnung “Ausländer”, die sie doch vom eigenen Rollenspiel in der Ferne nur zu gut aus der anderen Perspektive kennen sollten?  Weiterlesen

Ausländerkriminalität: Fragen wird man wohl noch müssen

Dass sich in den Sozialen Medien Leute reflexartig mit Juhu und Bäh profilieren wollen, mit Begeisterung und Verachtung, mit dem lukeschnell aus der Hüfte geschossenen Totalverriss tagelanger journalistischer Arbeit, gehört zur digitalen Ökologie – und die ist wertfrei. Es ist, wie es ist – der Journalismus muss sich des Phänomens nicht groß annehmen.
Wenn aber Journalisten selbst in dieser Art Journalismus infrage stellen, haben wir ein Problem. Denn wenn schon Journalisten mit einem Federstreich Journalismus aus markenstarker Quelle für Bullshit erklären, besteht wohl grundsätzlich Anlass, dieser angeblichen Info-Profession zu misstrauen.

Dass Journalisten so wie jeder Mensch ihre Meinung zu allem und jedem kund tun dürfen, ist unbestritten – wenn auch allein dies in vielen Zusammenhängen das Vertrauen in objektive Berichterstattung trüben kann.

Wenn sich Journalisten oder ihre Medien allerdings gegenseitig vorwerfen, Propaganda statt Aufklärung zu betreiben, hat sich das Business tatsächlich erledigt. (Den Verlagen und Sendern wird das wenig ausmachen, sie verkaufen dann eben nur noch Kochtöpfe und Unterhaltung, Journalisten braucht es dafür allerdings nicht, allenfalls zum Päckchenpacken und Durchfeudeln.)

Nur weil Mario Sixtus auf Twitter (über einhunderttausend Follower) im Cover der aktuellen “FAZ Woche” eine Wiederkehr des “Stürmers” sieht, habe ich mir das Heft gekauft (von dessen Verzichtbarkeit in meinem Medienplan ich mich schon vor einiger Zeit überzeugt hatte).
Aber Sixtus’ kleine Notiz war zu provozierend:

Er konnte zu seinem Geistesblitz ja nur nach Lektüre des Artikels gekommen sein, schließlich gab das von ihm zitierte Cover zu einer Stürmer-Analogie nun überhaupt keinen Anlass.
Doch der Text tut dies noch weniger. Von Propaganda nicht die Spur! Die Redakteure Philip Eppelsheim und Andreas Nefzger erläutern völlig unaufgeregt Zahlen aus der “Polizeilichen Kriminalstatistik” (PKS) und lassen Fachleute zu Wort kommen. Ein ganz normales Stück.

Sollte die Kritik ernsthaft an einer stinknormalen Frage festgemacht sein? “Wie kriminell sind Ausländer?” steht klein auf dem Umschlag. Oder gar an der Silhouette dreier Personen, eine davon mit bekanntem Sportgerät in der Hand? Sixtus schreibt dazu in einem weiteren  Post: “Es ist dabei völlig egal, was in dem Artikel steht. Umpfzigtausend Menschen sehen im Netz und am Kiosk nur den Titel, und der bleibt hängen.”
Doch was soll da hängenbleiben? Eine Schlagzeile “Tatort Deutschland” und drei nicht erkennbare Personen, aus der Nähe betrachtet wohl ohne Frauenquote?

Was erstaunlich viele Journalisten, die sich lautstark auslassen, nicht verstehen, ist ihr Job. Journalismus soll Fragen stellen, Antworten darauf suchen, diese aufbereiten, gewichten und als Informationsangebot zur Verfügung stellen, zur Orientierung, zur gesellschaftlichen Diskussion, und aus dem, was damit geschieht, sollen sie ggf. weitere Fragen entwickeln, Antworten suchen …

Aber es ist absolut nicht die Aufgabe des Journalismus, Menschen von bestimmten Positionen zu überzeugen, sie Glaubensbekenntnisse nachbeten zu lassen, ihr Verhalten in eine bestimmte Richtung zu lenken. Das ist gemeinhin die Profession der vom Journalismus so sehr (m.E. zu Unrecht) verachteten PR (m.E. konkreter: der Werbung).
Am Beispiel Ausländerkriminalität: Vielen Journalisten erscheint schon jeder Blick auf Zahlen und Fälle verboten, solange sie sich im Gefühl wiegen, es gebe da keine eklatanten Auffälligkeiten, gerne beschrieben mit dem Satz: “Ausländer sind nicht krimineller als Deutsche.”
Wenn dem so ist, ist dies die Information, die Journalismus zur Verfügung stellen muss – mit Quelle und ein paar mehr Details. Journalismus kann aber aus sich heraus gar nicht taxieren, ob das nun eine gute oder schlechte Nachricht ist, ein Langweiler oder ein Aufreger. Es ist legitim zu erwarten, dass sich Ausländer in dieser oder jener Weise in ihrem Gastland verhalten und mithin nicht strafrechtlich auffällig werden. Es ist ebenso legitim zu erwarten, dass Ausländer weit überdurchschnittlich kriminell sind, weil sie aus bestimmten Verhältnissen kommen, traumatische Erlebnisse haben, nur wegen finanzieller Erfolgsaussichten im kriminellen Business einreisen oder sonst etwas. Journalisten sollten ihre Ohren aufsperren und diese unterschiedlichen Positionen wahrnehmen, dazu wiederum Fragen stellen…

Der Artikel in der FAZ-Woche macht das recht lehrbuchhaft: er dröselt die Zahlen auf, er trägt Interpretationsmöglichkeiten vor, er stellt Beziehungen her, lässt diese von anderen bewerten. Aber der Artikel gibt nicht die einzig zulässige Befindensmöglichkeit vor: Es ist Sache jedes einzelnen Bürgers, die dargestellten Ermittlungszahlen groß oder klein zu finden, bedrohlich oder beruhigend oder belanglos.

Zum Titelthema veröffentlicht die FAZ-Woche auch eine zwei Seiten umfassende Vertiefung zum speziellen Segment “Drogenkriminalität”. Auch das recht nüchtern. Die Interpretation bleibt wieder dem mündigen Bürger überlassen. Ich kann das ganze Thema z.B. vom Tisch wischen, wenn Politik und Wähler von Bevormundung und Besserwisserei abrücken und alle Drogen freigeben: freier Konsum für freie Bürger. Aber auch zu Drogen liefern viele Journalisten lieber Benimmunterricht als Fakten. Das zum FAZ-Artikel “Kampf gegen die Hydra” veröffentlichte Foto z.B. zeigt eines der vielen Informationsdefizite: Wo sind die unabhängigen, sprich verdeckten Beobachtungen polizeilicher Arbeit? Mir persönlich wird schlecht wenn ich sehe, wie Polizisten intim befingern, wen sie und wo sie jemanden für interessant halten, minderjährige Bleichgesichter natürlich eingeschlossen. “Alltägliche Szene: Die Polizei kontrolliert mutmaßliche Dealer im Frankfurter Bahnhofsviertel” steht bei dem Bild; von dem, was da tatsächlich passiert, gibt es nichtmals eine Ahnung. Mehr Infos bitte! Dann kann sich mit mir erbrechen, wem danach ist, oder sich daran ergötzen und mehr Härte fordern – das liegt nicht im Zuständigkeitsbereich des Journalismus. Seine Aufgabe ist es, wissbegierig und wachen Verstandes hinzuschauen – und die recherchierten Informationen bereitzustellen. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk kann, darf und soll das selbst dann tun, wenn sich überhaupt niemand dafür interessiert. Der kundenfinanzierte Journalismus kann sich das nicht leisten und muss auch noch für die Aufmerksamkeit sorgen. Die FAZ-Woche hat dabei sicherlich nicht gegen Qualitätsstandards verstoßen.

Wenn jetzt Journalismus nicht mehr nur von denjenigen diskreditiert wird, die in seinen Produkten vorkommen, sondern direkt von denen, die ihn produzieren, hat er sich schlicht erledigt.

“Burka-Verbot” im Journalismus – ein Qualitäts-Check

Es sind nun schon zwei Wochen, die uns der deutsche Journalismus mit dem Thema “Burkaverbot” penetriert. Natürlich wird jeder Redakteur, jede Freie weit von sich weisen, Rädchen in der PR-Maschinerie der Berufspolitiker und anderer von öffentlicher Aufmerksamkeit lebender Institutionen (wie der Polizistenlobby) zu sein und sich stattdessen als Aufklärer*in sehen. Wagen wir einen Qualitätscheck mit drei einfachen Fragen, zu deren Beantwortung ein jeder das Medium seiner Wahl heranziehen darf.

1. Ist das Thema relevant?
An manchen Tagen passiert doch mehr auf der Welt, als in eine Zeitung, eine Radiosendung oder auf eine Website passt. An diesen Problemtagen stehen Redakteure vor der schwierigen Frage, welche Themen sie bearbeiten sollen und welche sie (vorläufig) ignorieren können (zur Beruhigung: die Welt dreht sich dann meist unabhängig von der Entscheidung weiter).
Um die Relevanz eines Themas zu prüfen, kann man schauen, ob es die Kundschaft (Leser, Hörer, Zuschauer) irgendwie betrifft, ob (weitere) Informationen zu dem Thema für sie nützlich sein können. Das muss nicht zwingend mit dem Interesse der Kunden übereinstimmen (das Interesse an positiven Medizinbefunden ist bei vielen Menschen z.B. gering entwickelt, trotzdem die Information ihrer Gesundheit dienlich sein könnte) – aber die Relevanz sollte objektiv messbar sein (und nicht nur im Hirn des Redakteurs gründen).

Wie relevant ist also die Debatte um ein “Burka-Verbot”? Ist daran irgendetwas neu (und wenn ja: was, wieso)? Betrifft es die Journalismuskunden (als Burkaträgerinnen, Verwandte von Burkaträgerinnen, als Nachbarn, als Burkawaschsalonmitarbeiterin, als potentielle Opfer von Selbstmordburkaträgerinnen …)? Ist die Debatte so relevant, dass man dazu eine Meldung machen muss, dass man ein Investigativteam mit Recherchen beauftragt, dass man einen Live-Ticker einrichtet und den journalistischen Notstand ausruft? Bitte prüfen Sie selbst.

Ist ein Thema nicht relevant und wird dennoch journalistisch bearbeitet, handelt es sich übrigens um Unterhaltung – und damit lustigerweise gerade nicht mehr um Journalismus. Ist aber natürlich auch wichtig.

2. Wird das Thema vollständig bearbeitet?
Es gibt Dinge, die funktionieren nur ganz oder gar nicht – da gibt es keine halben Sachen. Man mag ein halbes Automobil fahren können (im Volksmund “Motorrad” genannt) oder drei Viertel seiner Steurschuld zahlen, die meisten Diebe klauen nur ein bisschen (und bezahlen andere Dinge ganz regulär) – aber unvollständige Informationen sind gar keine Informationen. Dass der Bundeskanzler Opfer eines Attentats wurde, ist ohne den kleinen Zusatz “im Film Rogue Nation” keine Information, und selbst BILD informiert über den mit 30 cm Dicke mächtigsten Penis nicht ohne den Zusatz, dass er einem Blauwal gehört.
Dass irgendwer ein “Burkaverbot” fordert, ist daher noch gar keine Information, sondern Rauschen. Auch wenn die Forderung von einem Medien-Promi ausgestoßen wurde, macht sie das noch nicht zu einer Nachricht. Wenn sich ein Journalist für diesen Ausstoß interessieren sollte, müsste beginnen, was man früher einmal Arbeit nannte, in der konkreten Zunft “Recherche”: Fragen stellen und richtige (!) Antworten darauf suchen. Was ist der Anlass für die Forderung? Gab es das nicht schon einmal, wie wurde das damals diskutiert? Welches Ziel wird (vorgeblich) verfolgt – und ist der Vorschlag ein geeigneter Weg dahin? Was sind Alternativen? Welche Interessen stecken dahinter? Was würde die Umsetzung konkret bedeuten? Welche weiteren Forderungen könnte dies nach sich ziehen? Wie sehen Sanktionsmöglichkeiten aus?
Vollständig bearbeitet ist das Thema nicht dann, wenn jeder etwas dazu gesagt hat und damit publiziert wurde, sondern wenn alle für eine Entscheidung relevanten Fragen (richtig) beantwortet sind. Im Falle Burkaverbot sollte sich das – positive Relevanzprüfung im ersten Schritt vorausgesetzt – in einem einzigen, gut recherchierten Beitrag machen lassen (allerdings fehlt bislang ein empirischer Beleg).

3. Werden Eigeninteressen der Medien benannt?
Insbesondere die kompakte, vollständige Themendarbietung ist im Journalismus selten. Das Burkaverbot läuft eben schon seit gut zwei Wochen in den Medien, ohne dass dabei irgendeine neue Frage geklärt wird, die nicht bereits am ersten Tag der Thematisierung im Raum stand. Da Medien mit ihrem Häppchenjournalismus Aufmerksamkeit resorbieren und zwangsläufig andere Themen aus der Berichterstattung verdrängen, ist die häufig vernehmbare Belehrung, man könne ja wegschalten/ -klicken/ umblättern, Kokolores. Nicht nur beim Wetterbericht und Verkehrsfunk wünschen sich die meisten Kunden eine aktuelle, vollständige und relevante Unterrichtung – keine Wiederholung, keine halben Sachen (weil die Nichtmeldung einer Autobahn-Vollsperrung darüber informiert, dass dort nichts Ungewöhnliches vorliegt). Wenn das Redaktionen nicht schaffen oder nicht wollen, sollten sie deutlich darauf hinweisen: “Die Innenminister der Union werden in wenigen Tagen eine ‘Berliner Erklärung’ vorlegen und darin u.a. ein Burkaverbot fordern. Da wir im Moment nur zwei Praktikanten haben, die auch noch andere Dinge zu tun haben, beabsichtigen wir nicht das Thema zu recherchieren; stattdessen werden wir Ihnen täglich eine Zusammenfassung von Pressemitteilungen der politischen Akteure zusammenstellen.” Oder auch: “Einige Politiker fordern, das Tragen einer Vollverschleierung in der Öffentlichkeit zu verbieten. Da wir die Dinger auch hässlich finden, werden wir entsprechende Forderungen in den nächsten Wochen, Monaten und ggf. Jahren publizieren, bis die letzte Burka vom preußischen Bürgersteig verschwunden ist.”
Oder: “Wegen des laufenden Wahlkampfs vor der Wahl des Berliner Abgeordnetenhauses am 18. September 2016 werden wir das Thema Burkaverbot nicht journalistisch bearbeiten, damit sich die Kandidatinnen und Kandidaten den Wählerinnen und Wählern möglichst ungeküsst von Sinn und Verstand präsentieren können.”
Dann müsste man als Rezipient nicht täglich, gar stündlich neu die Hoffnung bemühen, nun sei endlich der journalistische Durchbruch geklückt und irgendein Reporter habe das Thema verstanden.

Damit Sie mit dieser Anleitung möglichst gut klar kommen, hier in aller Kürze ein Anwendungsbeispiel:

umfrage-burkaverbot-spon

 

1. Frage: Ist das Thema relevant?
– Ja, nachdem die Medien es selbst gesetzt haben.
– Nein, weil die Fragestellung unzulässig ist*. (Aber das könnte zur Not im Bericht selbst noch erläutert werden.)

2. Frage: Ist das Thema vollständig dargestellt?
– Sind alle wesentlichen Fakten benannt? Nein (alle Grunddaten zur Befragung fehlen, u.a. die “Grundgesamtheit” – nur wahlberechtigte Deutsche -, Stichprobengröße und die exakte Fragestellung bzw. die Antwortmöglichkeiten)
– Sind die Angaben richtig? Nein, sowohl die Überschrift als auch die Zusammenfassung “das Tragen von Burka oder Nikab zumindest in Teilen der Öffentlichkeit zu untersagen” sind falsch.
– Gibt es eine Einordnung (Kontext, Rechtslage, Ergebnisse der bisherigen intensiven Diskussion)? Nein.

3. Frage (Bonus): Benennt spiegel.de sein Eigeninteresse am “Agenda Setting“?

* = Natürlich kann man alles fragen – nur sinnvoll ist das Meiste dann nicht. Vermutlich tausende Online-Leser haben darauf hingewiesen, wie willkürlich die Idee eines Burkaverbots ist (und für bestimmte “Teilbereiche” des öffentlichen Lebens sind Klamottenfragen längst unabhängig von der Verschleierung geklärt). Da Beispiele wie Tennissockenverbote die Unzulässigkeit der Fragestellung offenbar nicht jedem zeigen, ein anderes: “Sollten Bankräuber auf frischer Tat erschossen werden?” Das kann man fragen, aber man sollte dazu sagen, dass es natürlich rechtlich nicht möglich ist und zur Legalisierung der Rechtsstaat komplett aufgehoben werden müsste (Einführung der Todesstrafe wäre noch möglich, aber Urteilsvollstreckung vor der Verhandlung eher nicht). Daher sind solche Fragen journalistisch unzulässig – weil sie nicht auf Fakten, sondern Fiktionen zielen.

Lebenspflicht-Journalismus

Was soll eigentlich Journalismus? Viele medienkritische Beiträge vermitteln nicht, dass diese Frage geklärt wäre. Es gibt sicher hunderte Definitionen, die sich in Nuancen unterscheiden oder schlicht in der (systemtheoretischen) Wortakrobatik, doch die grobe Zielrichtung ist dabei unstrittig: Journalismus bearbeitet gesellschaftlich relevante Themen, um Informationen bereitzustellen, die der Meinungsbildung dienen. Kurz gesagt geht es um Aufklärung, weil nur der aufgeklärte Mensch frei entscheiden kann.
Journalismus ist jedenfalls sicherlich nicht Volkserziehung. Journalismus ist nicht Mission. Journalismus ist nicht Kampagne.

Einige Jahre lang wurde als Leitmotiv des Journalismus ein fälschlich Hanns Joachim Friedrichs zugeschriebener Satz gehandelt: Ein seriöser Journalist macht sich mit keiner Sache gemein, auch nicht mit einer guten Sache.

Derzeit habe ich oft den Eindruck, dass es gar keinen Journalismus mehr ohne klares Bekenntnis zu einer vermeintlich guten Sache gibt: Man macht sich gemein mit der Bundesregierung, mit einer bestimmten Politik, mit der Bundeswehr, mit Staatsanwaltschaften, mit Demonstrationen, mit Tortenwerfern.  Weiterlesen