Archiv für die Kategorie ‘Qualitätsdebatte’

Die journalistische Leistung in der “Causa Wulff”

Dienstag, 22. Mai 2012

Die Verleihung des Henri-Nannen-Preis für investigativen Journalismus hat nochmal eine interessante Diskussion ausgelöst über die Leistungen der Medien. Und natürlich um die alte Frage, ob man die BILD-Zeitung überhaupt im journalistischen Kontext erwähnen darf.

Ein sehr lesenswertes Statement dazu stammt vom SPIEGEL-Redakteur Michael Fröhlingsdorf:

Auch sonst brachte die investigative Recherche nicht viel zustande. Mal beschäftigten sich die Medien miteinander, wie im Fall von Wulffs Mailbox-Anruf. Mal nahmen sie die Ex-Ehefrau Wulffs ins Visier, weil ihr ein ehemaliger Nachbar Wulffs einen Job verschafft habe.  [...]

Ganz aus dem Blick geriet dabei, weshalb Wulff tatsächlich zurücktrat. Die zunächst zögerliche Staatsanwaltschaft Hannover beantragte die Aufhebung seiner Immunität. Den Schritt hatte aber nicht etwa ein “Bild”-Bericht ausgelöst. [...]  Diese Papier hat kein Journalist aufgespürt oder je zu sehen bekommen.

Die Wahrheit ist nämlich: Die Diskussion um Wulff wurde für seinen Nachfolger David McAllister im heraufziehenden Landtagswahlkampf zu riskant.

Grassjournalismus: Was nicht gesagt wird

Mittwoch, 11. April 2012

Die Erstreaktionen auf Günter Grass’ Gedicht “Was gesagt werden muss” waren erwartbar. Doch dass es solange dauert, bis die eigentlich ebenfalls erwartbare Medienselbstkritik einsetzt, stellt grundlegende Fragen an den Journalismus.

Dass es soviel übereinstimmende Kritik an Grass gibt von tendenziell rechten bis linken Publizisten, ist dabei wenig überraschend. Problematisch ist jedoch, dass die “herrschende Meinung” auch als repräsentativ ausgegeben wird. Denn die überall verwendeten Sprachhülsen: “Welle der Empörung“, “Kritik reißt nicht ab“, “… gehen hart mit dem Nobelpreisträger hart ins Gericht” etc. ignorieren die in einer Demokratie viel wichtigere, weil in den wenigen Momenten souveräner Wahlentscheidungen allein zählende, “Volksmeinung” -

Lesenswert dazu sind u.a. folgende Beiträge:

Neue  Rheinische Zeitung: Was auch noch gesagt werden muss
Jakob Augstein bei Spon: Was gesagt werden musste
.

Qualitäts-Treiber Recherche: Impressionen von der NR-Jahreskonferenz

Montag, 04. Juli 2011

Das Netzwerk Recherche (nr) hat seine Jahreskonferenz ausgerichtet – wie immer beim NDR in Hamburg. Die Berichterstattung wird derzeit stark von Interna geprägt. Einige Spotlights zu den Konferenzthemen:

Kachelmann & Co – Wenn Journalisten zu Richtern werden

Sabine Rückert (Die Zeit) gab sich keine große Mühe, sympathisch rüber zu kommen – eigentlich redet sie auch gar nicht mit Journalisten, meinte sie – “was soll man auch reden?”. Dabei sind ihre Innenansichten deutscher Gerichtsberichterstattung wirklich stark. Sie kennt die Wirkung ihrer Texte – “ich überlege mir jeden Satz” -, sie reduziert Journalisten nicht auf Kolportierer, sondern verlangt von ihnen zu verstehen und Unrecht zu verhindern (weshalb sie kein Problem darin sieht, Kachelmanns ersten Anwalt Reinhard Birkenstock den Tipp gegeben zu haben, Rechtsanwalt Johann Schwenn ins Boot zu holen, weil er Experte für Falschbeschuldigungen sei), und sie ist mit ihrer Arbeit schlicht zufrieden (“ich wusste ja alles” – nach eigener Aussage lagen ihr die gesamten Prozessakten vor).

Sabine Rückert sprach sich deutlich für die Öffentlichkeit von Prozessen aus. Die Medienberichterstattung habe dem Prozess unterm Strich genutzt und nicht geschadet – denn das Gericht habe sich in eine Idee verrannt. Dass ein Verfahren mit einem Freispruch ende sei eine Seltenheit, schließlich müsse dazu das Gericht über seinen eigenen Schatten springen, denn mit dem Eröffnungsbeschluss – der Zulassung der Anklage – habe es ja eine Prognose gestellt, die es dann revidieren müsse (Freisprüche gebe es nur in 3% dieser Verfahren, meinte Rückert). Ohne die breite Berichterstattung wäre das Verfahren wohl anders ausgegangen.

Ganz anderer Ansicht natürlich Kachelmanns “Medienanwalt” Ralf Höcker. Für ihn wird in einer idealen Welt über solche Prozesse gar nicht berichtet, zumindest nicht unter Namensnennung von Beteiligten. Am Anfang die Pressemitteilung der Staatsanwaltschaft, dass ein Moderator wegen des Verdachts einer Sexualstraftat verhaftet worden ist, dann die Mitteilung des Prozessbeginns, und am Ende darf das Urteil verkündet werden – fertig. “Journalisten haben in einem Verfahrne per se nichts zu suchen” sagte Höcker, womit er wohl nur deren Kommentierung, nicht ihre Anwesenheit meinte, so kann man jedenfalls seine Reaktion auf eine Nachfrage zu interpretieren. Er liegt da – wenig verwunderlich – auf Linie aller “Promi-Anwälte”, die im Auftrag ihrer Mandanten jede missliebige Berichterstattung zu unterbinden suchen (über 100 Einstweilige Verfügungen hat er nach eigenen Angaben im Zusammenhang mit dem Kachelmann-Prozess erstritten – heißt: Veröffentlichungen in der Versenkung verschwinden lassen). Denn wann reden Promis mit Journalisten? -: Wenn es nicht mehr anders geht. So war auch seien Strategie im Kachelmann-Prozess. Anfragen wurden in den ersten Monaten nicht beantwortet, Höcker versuchte das Schweigen zu organisieren – “was nicht ganz gelungen ist”, wie er schmunzelnd einräumt.

Journalisten als Richter? Das traf wohl nur auf einzelne Kommentatorinnen zu. Rückert: “Frau Schwarzer ist keine Journalistin, sie ist Agitatorin, Demagogin.” Dass allerdings auch das parteiische Kommentieren Aufgabe des Journalismus ist – gerade auch während laufender Verfahren – wurde nicht weiter vertieft. Höcker sieht Einstweilige Verfügungen als notwendiges Instrument der Disziplinierung von Journalisten – und Rückert stimmte dem zu, ohne allerdings klar zu machen, welche Berichte sie weggeklagt sehen will oder nicht – aber es sei die einzig sinnvolle Maßnahme gegen Auswüchse – “Appelle bringen gar nichts”.

Was dürfen Reporter – Zur Unterscheidung zwischen Erfahrenem und Erlebtem

Natürlich musste es auch irgendwo halbwegs klar benannt um René Pfister und die Henri-Nannen-Preis-Verleihung 2011 gehen (zur Sprache kam die Sache an allen Ecken und Enden).

Peter-Matthias Gaede (Chefredakteur GEO) hält die Einbeziehung von Informationen, die nicht aus eigener Anschauung stammen, für zwingend notwendig – “Wie wollen Sie sonst über ein Atomkraftwerk berichten, nur aus der eigenen Besichtigung” fragte er (sinngemäß).

Cordt Schnibben vom Spiegel blieb vage, wenn es um Textpassagen ging, die Moderator Andreas Wolfers (Leiter Henri-Nannen-Schule) ein ums andere Mal vorlas. Letztlich hätte er den Pfister-Text gar nicht ausgewählt, und jeder Ressortleiter hätte die  ersten Sätzen als szenische Rekonstruktion erkannt – denn es sei nicht die Sprache einer Reportage, “sonst müsste man sagen: schreib nie wieder eine Reportage”. (Ach so, die ersten Sätze:

Ein paarmal im Jahr steigt Horst Seehofer in den Keller seines Ferienhauses in Schamhaupten, Weihnachten und Ostern, auch jetzt im Sommer, wenn er ein paar Tage frei hat. Dort unten steht seine Eisenbahn, es ist eine Märklin H0 im Maßstab 1:87, er baut seit Jahren daran. Die Eisenbahn ist ein Modell von Seehofers Leben.

Es gibt den Nachbau des Bahnhofs von Bonn, der Stadt, in der Seehofers Karriere begann. Nach dem Jahr 2004, als er wegen des Streits um die Gesundheitspolitik sein wichtigstes Amt verlor, baute er einen “Schattenbahnhof”, so nennt er ihn, ein Gleis, das hinab ins Dunkel führt.

Seit neuestem hat auch Angela Merkel einen Platz in Seehofers Keller. Er hat lange überlegt, wohin er die Kanzlerin stellen soll. Vor ein paar Monaten dann schnitt er ihr Porträtfoto aus und kopierte es klein, dann klebte er es auf eine Plastikfigur und setzte sie in eine Diesellok. Seither dreht auch die Kanzlerin auf Seehofers Eisenbahn ihre Runden.

Seehofer hat sich in Schamhaupten eine Welt nach seinem Willen geformt, er steht dort am Stellpult, und die Figuren in den Zügen setzen sich in Bewegung, wenn er den Befehl dazu erteilt. Es ist ein Ort, wo sich Seehofers Spieltrieb mit seiner Lust am Herrschen paart. Beides ergibt bei ihm keine glückliche Verbindung. )

Wenn Seehofer tausende Kilometer von zuhause entfernt in einem Gespräch von seiner Modelleisenbahn schwärmt, dann müsse man eben das erzählen – “das ist doch die viel stärkere Szene”.

Ines Pohl (taz-Chefredakteurin), die für die Aberkennung des Preises gestimmt hatte, blieb ebenfalls vage. Ihr ginge es um die Diskussion, die nun in Gang gekommen sei. Anders als Schnibben ist sie der Ansicht, das jeder die Einstiegsszene des Pfister-Textes für authentisch erlebt halte.

Ansonsten könnte man noch über die Kategorien streiten, vielleicht war das ganze ja auch mehr eine Dokumentation, da ist weniger Erlebtes gefordert – die Ausgangsfrage wurde nicht klar beantwortet, aber immerhin haben sich 3 Text-Chefs streiten können, und das ist ja auch ein interessantes Zeichen: so einfach, wie dein Chef es darstellt, ist es auf alle Fälle nicht.

Relevanz oder Firlefanz? Was bestimmt die Schlagzeilen?

Eigentlich sollte es in diesem Panel auch um eine Studie von Fritz Wolf gehen – “Wa(h)re Information – interessant geht vor relevant”, immerhin wurde die Publikation bei der Tagung breit gestreut, aber irgendwie kam es fast nicht dazu. Moderatorin Eva-Maria Schnurr (sehr gut!) hatte im Wesentlichen mit dem ARD-aktuell-Chef Kai Gniffke und dem dpa-Chefredakteur (und ehemaligen SpOn-ler) Wolfgang Büchner zu tun.

Beide waren sich einig, dass Relevanz das entscheidende Nachrichtenkriterium sei. Und woran misst man Relevanz? Gniffke:

* Wieviele Leute betrifft es?
* Wie einflussreich sind die handelnden Akteure?
* Welche Auswirkungen wird das Ereignis haben?

Büchner findet es mehr als Gniffke okay, dass sich das “Interessante” weiter vordrängelt: “Eine Gesellschaft, die keine existenziellen Probleme hat, darf sich auch mit nicht-existenziellen Fragen beschäftigen.” So sei auch schon immer das menschliche Interesse gewesen. “Schon die Minnesänger haben Nachrichten und Firlefanz transportiert. Am Lagerfeuer wollte man wissen: Wer hat die Schlacht gewonnen und wer hat was mit wem.”

Gniffke sieht in seinem Laden hingegen keinen Trend zum Boulevard (“An unserem Lagerfeuer werden vor allem Geschichten von den Schlachten erzählt”) . Die Tagesschau sei vor 20 Jahren nicht anders gewesen als heute. Allerdings werde seine Redaktion gelegentlich getrieben. Wenn man etwas nicht für ein Tagesschau-Thema halte, es aber in allen anderen Medien durchgenudelt werde, dann könne man sich da nach ein oder zwei Tagen auch nicht mehr entziehen – der Tagesschau-Zuschauer soll nicht der einzig Doofe im Land bleiben (und die Tagesschau hat im Schnitt immernoch 9 Millionen Zuschauer).

Büchner: “Ich glaube ja nicht, dass Google und Facebook eine Gefahr für den Journalismus sind, sondern Arroganz und Bequemlichkeit.”

dpa nutzt laut Büchner die Social Media für drei Dinge:
* Recherche (Fragen an die User / Follower)
* Themen-Scouting (Was läuft gerade, was wird diskutiert?)
* Korrektiv / Rückkanal für die Leser (Fehlermeldungen und anderes)

(Übirgens hat dpa für seine Kunden einen eigenen Rückkanal: jeder Beitrag, jedes Bild kann vom Kunden mit den erprobten 140 Zeichen kommentiert werden und Büchner verspricht eine Reaktion binnen 15 Minuten)

Büchner / Gniffke über Firlefanz und Relevanz:
http://140z.de/2011/dpa-chef-wbuechner-sieht-social-media-als-mogliches-korrektiv-die-nr11-twitterer-freuts/

Und sonst?

Wer Spiegel-Chefredakteur Georg Mascolo künftig ärgern will, sollte dessen Blatt schlicht “Zeitschrift” nennen. Denn genau das verbat er sich gegenüber Moderator Tom Schimmeck: “Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie es ein Magazin nennen könnten”. Großer Hybris-Faktor.

Frank A. Meyer (Chefpublizist Ringier): “Was ist das Mantra des nr, des Thomas Leif, für den ich ja um die Welt reisen würde, wenn er mich anruft? -: die Recherche.”

Das Streitgespräch zwischen Jakob Augstein und Claudius Seidel: “Abschaffen oder retten?” über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk war ganz unterhaltsam, revolutionäre Ideen kamen aber leider nicht – das Thema werden wir hier daher nochmal aufgreifen.

Leyendecker: Der letzte Mensch, der mich “Obermoralisierer” genannt hat, war Dr. Helmut Kohl.

Verleihung der Verschlossenen Auster:
Laudatio Prantl
Gegenrede Knott (E.on)
http://www.wwwagner.tv/?p=8632
Verschlossene Auster fürs Netzwerk?

Weitere Links:
Selbstvermarktung von Journalisten (Folien)

Seriöse MeinungsBILDung

Samstag, 30. April 2011

Journalisten und ihre Reflexe. Zu McDonalds kommt ihnen nie “lecker” in den Sinn (nichtmals über die Ecke: finden offenbar andere, sonst gäb’s ja nicht so viele davon), sondern “fette, faule Vielfraße”. Und so illustriert man die Meldung, dass McDonald’s in den USA 62.000 Mitarbeiter eingestellt hat, informationshalber so:

RP-Illustration McDonalds

Das Bild ist allerdings schon sehr abgenutzt. Unser Vorschlag (auch an die Welt, die eine andere Wirtschaftsmeldung zu McDonald’s mit einer sehr hübschen Darbietung sichtlich kalten, zerdrückten FastFoods illustriert): zeigt zerrissene Ohrläppchen. Bringt noch mehr Traffic und passt genauso gut.

Journalistik der Uni Leipzig wird umgebaut

Mittwoch, 12. Januar 2011

Die Abteilung für Journalistik an der Universität Leipzig, Institut für Kommunikation und Medienwissenschaft (KMW), soll umstrukturiert werden. Da wir derzeit keine redaktionellen Kapazitäten für das Thema haben, verweisen wir einstweilen auf die entsprechende Mitteilung von gestern: Information_Journalistik_Leipzig(pdf).

Im Instituts-Blog ist dazu derzeit noch nichts zu lesen.

Weitere Reaktionen:

Der DJV Sachsen “kritisiert Streichpläne

Nebenbei:

Die Leipziger Journalistik ist in jüngster Zeit ja auch mit anderen internen Querelen um Professor Machill medienwirksam geworden.

Update 18.01.11: Nun hat sich auch Michael Haller zu Wort gemeldet, der den Studiengang wesentlich geprägt und vor allem nach außen repräsentiert hat – und kein Freund der Verquickung von Journalismus und PR ist. Nachricht in der Bild.

Update 20.01.11: Ausführlicher Bericht auf Zeit-Online von Ralf Geissler, der selbst in Leipzig studiert und gelehrt hat. Der Journalismus siecht

Update 20.01.11: Vom Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft gibt es offenbar seit 6. Januar 2011 eine schriftliche Kritik an den Positionen der Leipziger Journalistik und der entsprechenden Berichterstattung, die damals noch nicht online war. Darin heißt es zunächst:

“Die Stellungnahme der Journalistik ist inhaltlich in weiten Teilen falsch, gibt Beschlussvorschläge und externe Gutachten falsch wider und enthält persönliche Diffamierungen der demokratisch gewählten Vertreter des Instituts und der Fakultät. Die offenkundig von Partikularinteressen geleitete, öffentliche Kampagne über eine noch laufende Meinungsbildung in den zuständigen Gremien der Universität ist vertrauensschädigend und beschädigt den Ruf und das Engagement der Mitarbeiterinnen, Mitarbeiter und Studierenden des Instituts. Leider geschieht dies zum wiederholten Male durch einen einzigen Professor und seine Mitarbeiter, die nur einen kleinen Teil des Gesamtinstituts darstellen und nicht für die 1.300 Studierenden und mehr als 50 Mitarbeiter sprechen. Das Institut und die gewählten Vertreter der Professoren, Mitarbeiter, Studierenden und nichtwissenschaftlichen Mitarbeiter distanzieren sich einstimmig von diesem Vorgehen.” (Weiterlesen: pdf)

Jahrbuch 2010 Qualität der Medien in der Schweiz

Montag, 16. August 2010

Qualitätsverlust der Medien belastet die Demokratie

(Pressemitteilung der “fög – Forschungsbereich Öffentlichkeit und Gesellschaft / Universität Zürich”)

Die schweizerischen Medien befinden sich mitten in einem fundamentalen Transfor-mationsprozess: Die Verschiebung der Mediennutzung zu einer Gratiskultur Online und Offline fördert zusammen mit der massiv verschlechterten finanziellen Situation eine Qualitätserosion in der grossen Tradition der schweizerischen Publizistik. Ein Wandel, der auch auf die Qualität demokratischer Auseinandersetzungen durch-schlägt. Dies zeigt das erste Jahrbuch ‚Qualität der Medien – Schweiz Suisse Svizze-ra‘, das am 13.8.2010 in Bern der Öffentlichkeit vorgestellt wurde.

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Zusammenfassungen, die es nicht braucht

Freitag, 23. Juli 2010

Das besondere Profil von “evangelisch.de” muss mir zwar ohnehin nochmal jemand erklären, aber auch das unspezifische ist mir gerade Limit-kennend vernebelt: Da bringt das “Mehr als du glaubst”-Portal eine absolut für Print geschriebene epd Meldung ohne jeden Link und in biederstem Agenturdeutsch:

Im Streit über das Engagement des öffentlich-rechtlichen Rundfunks im Internet hat sich der ARD-Vorsitzende Peter Boudgoust mit scharfen Worten gegen die “Frankfurter Allgemeine Zeitung” (FAZ) gewandt. In einem offenen Brief an Herausgeber Frank Schirrmacher, blablablub

Was soll das? Service wäre eine kurze Notiz der Art: FAZ-Medienredakteur Michael Hanfeld hat in einem Kommentar die Online-Aktivitäten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks erneut kritisiert und von “Staatsjournalismus” gesprochen, der ARD-Vorsitzenden Peter Boudgoust reagierte mit einem offenen Brief an FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher, “denn mit dem Kommentar von Herrn Hanfeld ist meines Erachtens eine Grenze überschritten”.
Nichts gegen gute Zusammenfassung. Aber die beiden Originaltexte müssten wenigstens verlinkt sein – und der Rest ist entbehrlich. (Tg)

Essen und Fernsehen von entzückender Bescheidenheit

Freitag, 02. Juli 2010

Darf man vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk erwarten, dass er auch bei einem auf den ersten Blick simplen Termin-Bericht ein wenig rechts und links des Weges bzw. hinter die Inszenierungs-Kulissen schaut? Wohl schon, wenn andernfalls das Ergebniss eine arge Verzerrung zu dem ist, was alle anderen wahrgenommen haben.

Der simple Termin: Fernsehkoch Johann Lafer kommt in ein Schul-Bistro, um medienwirksam ein von ihm beschirmherrschaftetes Verpflegungs-Konzept zu begutachten.

Die Inszenierungs-Kulisse: leckeres Essen, attraktive Preise, freundliche Mitarbeiter, begeisterte Schüler.

Der Haken: Es braucht eine Jugendredaktion der ortsansässigen Lokalzeitung, um mit vier Monaten Verspätung aufzuklären, wie es tatsächlich um Qualität, Vielfalt und Preise der Schulverpflegung steht.
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Lesebeute: Freiheitsräuber Tempo

Dienstag, 11. Mai 2010

“Was ist Qualitätsjournalismus? Ich glaube, dass er zuallererst etwas mit der inneren Einstellung zu tun hat – mit Haltung.

Guter Journalismus muss vor allem das machen, was mit dem zeitlos schönen Wort Aufklärung umschrieben werden kann. Aufklärung im Sinne von Licht in dunkle oder verborgene Ecken zu werfen. Wir dürfen uns nicht mit der bloßen Beschreibung der politischen Inszenierung begnügen, wir müssen sie hinterfragen und aufdecken, den Leserinnen und Lesern sagen, welches Stück gespielt wird.

Diese Aufklärung ist das Kerngeschäft eines verantwortungsvollen Journalismus. Und nicht das, was ich Wellness-Journalismus nennen möchte, dem es primär darum geht,”schöne” Geschichten, Wohlfühlgeschichten zu inszenieren und zu schreiben. Meist sind es gerade die “unschönen” Geschichten, die uns das meiste über unsere Gesellschaft erzählen.
[...] “The press was to serve the governed, not the governors.” – Die Presse hat den Regierten und nicht den Regierenden zu dienen.” (mehr)

Lisa Nimmervoll, Standard, bei der Verleihung des österreichischen Staatspreis’ für Bildungsjournalismus

Schwatzbudenjournalismus

Sonntag, 21. Februar 2010

Die Medien haben es mal wieder geschafft. Wie immer. Sie bekommen ihre Sendungen und Seiten voll, und erschreckenderweise interessiert sich immer noch jemand dafür.

Nach der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zu den Hartz-IV-Regelsätzen hatte Guido Westerwelle am 11. Februar in der Welt einige  Aschermittwoch-Parolen abgesonders: Die Jugend müsse lernen, “dass Leistung keine Körperverletzung ist” und: “Die Diskussion nach der Karlsruher Hartz-IV-Entscheidung hat sozialistische Züge.”

Die Medien haben daraus eine Fortsetzungs-Story gebastelt, die ihren Höhepunkt im Spiegel-Titel von morgen findet. Um es höflich zu formulieren: Habt ihr noch alle Tassen im Schrank?

Ein journalistisches Thema?

Dass sich ein Berufspolitiker äußert, ist nun wahrlich nicht ungewöhnlich – es ist ja quasi das einzige, was er überhaupt macht. Manchmal mag er auch irgendwem zuhören, ganz selten auch etwas zu versehen bemüht sein, aber in aller erster Linie sondert er ab – und konfrontiert damit auch (und oft ausschließlich) den Medienbetrieb.

Es gibt viele Begriffe für sogenannte “Nachrichtenkriterien”, aber letztlich lassen sich alle wesentlichen unter einer Frage zusammenfassen: Ist das, was es zu berichten geben könnte, relevant? (Auch die vermeintlich eigenständigen Kriterien wie etwa Neuigkeit, Kuriosität oder Unterhaltungswert müssen immer ihre Relevanz behaupten, wenn bei der Nachrichtenproduktion nicht schlicht das Zufallsprinzip herrschen soll – was auch ein durchaus spannender, aber bisher öffentlich nicht vertretender Ansatz wäre.)
Jedenfalls wird man unabhängig von eigener Parteipräferenz, unabhängig von Alter, Geschlecht und Schwere des Dachschadens kaum Anzeichen von Relevanz in Westerwelles Beitrag finden können. Den Verwertungsorganen des Springer-Verlags sei die ökonomische Relevanz zugestanden, in kleinen Meldungen darauf zu verweisen, der FDP-König habe in der Welt etwas vom Stapel gelassen. Damit sollte es aber dann auch gut sein. Weil:
- In Westerwelles Text steht nichts Neues.
- Westerwelle bringt keinerlei Kompetenz für das Thema mit, weder originäre noch formelle.
- Sein Wortgetöse sollte ihm schon ein mittelprächtig talentierter Redaktions-Praktikant um die Ohren hauen können (aber es eben wegen mangelnder Relevanz beim Vermögen belassen): dass ausgerechnet einer der ganz fetten “Bezieher von Steuergeld” beklagt, es gebe “niemanden, der das alles erarbeitet” und als hauptberuflicher Leistungsverweigerer von lohnender Leistung schwadroniert, mag einen Schmunzeln oder Kopfschütteln machen, in jedem Fall aber nicht auf die Spur bringen, hier habe gerade ein heller Kopf Erhellendes zur Lage der Nation gesagt.
Westerwelles Beitrag wird selbstredend auch nicht dadurch relevanter, dass sich in der Folge dutzende andere berufliche Sprachabsonderer nach vorne drängeln. Für all dies gibt es eine aus (oder mit, wie uns zunehmend dünkt) Steuergeldern gut beheizte Einrichtung, die man bei Welt-Online nicht “Schwatzbude” nennen darf.
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