Archiv für die Kategorie ‘Pressefreiheit’

Ex-Ministerin macht auf Ex-Bundespräsident

Donnerstag, 19. November 2015

Als Promi den Medien zu drohen, wenn einem die Berichterstattung nicht gefällt, gehört zu den deutschen Doofheiten. Christian Wulff musste wegen dieser Erkrankung aus Schloss Bellevue ausziehen.

Gemeinhin delektieren sich die deutschen Medien an solchen Vorgängen. Wo man Angriffe auf die Pressefreiheit vernimmt wird unter Journalisten der Bündnisfall ausgerufen. Normalerweise.

Aber offenbar nicht, wenn es sich um vermeintlich „kircheninterne“ Dinge handelt. Denn mit Kirche – so groß die Ladenkette auch immernoch sein mag – hat ein seriöser Journalist (Realist, Humanist) nichts am Hut. Deshalb interessiert es in diesem sonst so gackerfreudigen Hühnerstall weder Hahn noch Henne, dass Ex-Bundesministerin Irmgard Schwaetzer in Funktion als Vorsitzenden (korrekt: Präses) der EKD-Synode (unkorrekt: Kirchenparlament) bei der Nachrichtenagentur „Idea“ dafür gesorgt haben soll, rund zwei Tage nach Erscheinen einen EKD-kritischen Kommentar aus dem Netz zu nehmen.

Dass Grund für diesen „Artikelrückruf“ eine kirchliche Stelle ist, war anzunehmen und ist inzwischen vom betroffenen Autor, Uwe Siemon-Netto, so erklärt worden:

Die Präses der EKD-Synode, Irmgard Schwätzer, hatte bei ihm [Agenturchef Idea, Helmut Matthies] am Montag angerufen, ihm eine Verleumdung der Synode vorgeworfen und mit dem Presserat gedroht. Es gibt offensichtlich auch Bestrebungen, die jährlichen EKD-Subventionen von 130.000 an idea zu streichen.

Idea selbst dementiert das mit folgenden interpretationswilligen Worten:

idea-statement-2Ein Gespräch zwischen Schwaetzer und Matthies bestreitet er nicht, nur sei die Artikelrücknahme „unabhängig“ (davon) erfolgt. Das wäre soweit der Klassiker, denn wenn beide Gesprächspartner nichts (bzw. nicht alles) über den Gesprächsinhalt sagen, könnten nur unsere Lauschdienste den Sachverhalt klären.

Auch EKD-Pressesprecher Carsten Splitt zeigt Mut zur Lücke. Auf unsere Anfrage, ob Siemon-Netto’s Darstellung zutreffend sei – versehen mit dem Zusatz: „Denn sollte die Schilderung zutreffend sein, wäre es ja ein ungeheuerlicher Vorgang.“ antwortet er:

„Die unten zitierte Schilderung ist – wie sie ja selbst schon vermuteten – keinesfalls zutreffend.“

Auf eine dezidierte Nachfrage, ob es denn überhaupt ein Gespräch zwischen Präses Schwaetzer bzw. einem anderen Vertreter der EKD und der Idea-Redaktion gegeben habe, hat Splitt am Abend nicht mehr geantwortet. Die an vielen Stellen auf Facebook von allerhand Usern gestellte Frage, wer denn in dieser Geschichte lüge, wurde von keinem der Beteiligten beantwortet oder auch nur kommentiert. [Update 20.11.2015, 14:30 h: Der Pressesprecher hat weiterhin nicht geantwortet. Das ist beredtes Schweigen.]

Der Vorwurf, der große Apparat EKD habe in die Unabhängigkeit einer Nachrichtenagentur eingegriffen, steht also so oder so im Raum. Und was sagt der fachlich am ehesten zuständige Journalistenclub? epd-Chefredakteur Thomas Schiller teilt mit (ungekürzt):

das ist bisher für uns kein Thema.

Was eigentlich nur bedeuten kann, dass solche Einflussnahmen zum Tagesgeschäft gehören und den Fachmann daher langweilen.

 

 

BILD-Referendum: nicht unjournalistisch

Freitag, 03. Juli 2015

bild-referendum

Michael Konken, dem Bundesvorsitzenden der Journalisten-Lobby DJV, ist zuzustimmen, wenn er die BILD-Berichterstattung zu den Schulden Griechenlands kritisiert – was nun wirklich nicht schwer ist, schließlich führen viele BILD-Kampagnen schlicht zum Brechreiz, aber gesagt ist dazu schon alles.

Die Aufregung konkret aber über das „BILD-Referendum“ ist nicht nachvollziehbar. Sie speist sich ganz offensichtlich nur aus der Angst vor dem Ergebnis. Auszug aus der Pressemitteilung:

Der Deutsche Journalisten-Verband fordert die BILD-Zeitung auf, ihr so genanntes „Referendum“ zur Griechenland-Unterstützung zu stoppen.
Sowohl in der gedruckten Zeitung als auch online bittet die Zeitung ihre Leser, darüber abzustimmen, ob Deutschland Griechenland weiterhin mit Geld unterstützen soll. Chefredakteur Kai Diekmann sagt dabei in dem Video-Format Daily auf Bild.de ganz unverhohlen, dass er damit rechnet, dass die Leser mit Nein stimmen werden. Dies sei dann auch ein Zeichen für die Mitglieder des Deutschen Bundestags, die im Herbst unter Umständen erneut über weitere Hilfszahlungen abstimmen müssen.
„Diekmann entfernt sich damit zum wiederholten Mal von seinem Auftrag als Journalist und macht selber Politik. Das ist nicht seine Aufgabe. Journalisten sollen Informationen anbieten, einordnen und erklären“, sagt Michael Konken, Bundesvorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbandes.

a) Leserbefragungen sind ein uraltes Mittel, um Stimmungen einzufangen. Ob Praktikanten oder Volontäre in die Fußgängerzone geschickt werden oder Online „gevotet“ wird – es ist vollkommen normal.

b) Dass solche – natürlich nicht repräsentativen – Stimmungsbilder von der Politik wahrgenommen werden, gehört zum demokratischen Diskurs. Dazu berichten Zeitungen, dazu schreiben Journalisten Kommentare, dazu gibt es Leserbriefe und Foren. Eine Story wird es doch erst, wenn Politiker darauf nicht reagieren.

c) Seine Leser um Stellungnahme zu bitten ist keine Politik, sondern reden über Politik. Zu Politik müssen es andere machen (Punkt b) – schließlich haben sich Politiker genau dieses Recht in Deutschand vorbehalten, wo sie auf das repräsentative Systsem pochen und Volksentscheide auf Bundesebene ablehnen.

d) Experten, Lobbyisten, Parteien nach ihren Meinungen zu fragen, ist journalistisches Tagesgeschäft: „Informationen anbieten, einordnen und erklären“. Warum sollte die Bild-Zeitung da nicht auch die eigenen Leser befragen dürfen?

e) Der PR-Erfolg sei dem Springer-Blatt gegönnt (und zu den satirischen Tweets kann man sogar gratulieren), schließlich hätte jede „Qualitätszeitung“ selbst eine solche Abstimmung anbieten könnten und die dafür notwendigen Informationen vorbildlich aufbereiten können. Allerdings besteht die Bevölkerung in Deutschland halt nicht nur aus FAZ-Lesern und DJV-Mitgliedern.

f) Grundsätzlich kranken Referenden wie Wahlen natürlich daran, dass viele Abstimmende nicht hinreichend informiert sind, dass Stimmenthaltungen nicht gewertet werden (außer beim Quorum) und dass es nur die Möglichkeit gibt, Ja oder Nein zu sagen, ohne etwas inhaltlich beitragen zu können. Aber genau dieses Problem wird von den Qualitätsmedien in ihrer Politikberichterstattung kaum behandelt. Der BILD kann man nun dieses Defizit aber wirklich nicht anlasten.

Debattenkultur am Beispiel „Feminismus und Ronja von Rönne“

Montag, 01. Juni 2015

Mit der Meinungsäußerungsfreiheit ist es so eine Sache: Etwas sagen zu dürfen ist das eine, die Bereitschaft, das Gesagte nicht einfach niederzubrüllen, sondern wenigstens ganz kurz zu bedenken, wenn es denn zum persönlichen Themenportfolio passt, das andere.

Wenn die Liebe zum eigenen Meinungssumpf nur an den längst aufgelösten Stammtischen zelebriert würde, wäre es kein Thema für uns bei Spiegelkritik. Doch seit Jahren beobachten wir leider, dass auch in unserer „Zunft“ große Probleme bestehen, neue Meinungen zu hören, zu bedenken und gar zu würdigen.

Aktuell: der „Fall RvR“. Um was geht es? Ronja von Rönne, 23-jährige sehr begabte Autorin, die seit diesem Jahr aufgrund ihrer Begabung ausstrahlenden Texte Redakteurin im Feuilleton der WELT wurde, hat dort einen Debattenbeitrag zum Feminismus, der sie „anekelt“, geschrieben, wofür sie nun diverse digitale Schläge erhält, zumal sie just jetzt auch noch zum Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb nach Klagenfurt eingeladen wurde.

Wer sich da nun wie und warum echauffiert, spielt eigentlich keine Rolle. Und dass gerade im Netz bei solchen Auseinandersetzungen viel Quark getreten wird, überrascht auch nicht. Aber dass es dafür so viel Aufmerksamkeit = Aufregung gibt und Autorin von Rönne ihren Blog Sudelheft.de vom Netz nimmt, gibt dann doch zu denken:

1. Wozu sollen Medien nutze sein, wenn die Bereitschaft fehlt, sich mit neuen Gedanken auseinanderzusetzen? Damit ein jeder für seine kleine Fan-Group schreibt? Damit alles so bleibt wie es ist (oder ohnehin wird)?

2. Die Lesekompetenz in Deutschland wird deutlich überschätzt.  Nicht jeder, der aus Buchstaben Worte zu formen im Stande ist, versteht auch ansatzweise, was er gerade liest.

3. Nicht billig, sondern hinterfotzig ist es, jemandem „Applaus von der falschen Seite“ vorzuhalten. Publizisten sind nicht dafür verantwortlich, wer ihre Publikationen stalkt.

4. Meinungsäußerungsfreiheit sollte unbegrenzt gelten (dafür stehen wir bei Spiegelkritik jetzt auch schon seit 10 Jahren). Dazu gehören auch hinterfotzige Meinungskundgaben und (vermutlich) strunzdumme.

5. Meinungsäußerungsfreiheit verlangt von Widersachern daher keine Verbotsanträge, sondern eigene geistreiche Beiträge.

6. Der Twitter-Post eines als Religionslehrer arbeitenden Pfarrers der EKHN, Dr. Hans Christoph Stoodt, fällt genauso unter die Meinungs- oder vielleicht eher Kunstfreiheit – er schrieb:

>>Feminismus ist was für Unterprivilegierte“ – „Adel ist was für die Laterne.“ Ca ira, #BachmannPreis, ca ira von Rönne!<< Foto Retweet

[Dazu folgende Erläuterungen:  „Feminismus ist was für Unterprivilegierte“ kommt als Zitat daher, steht aber so gar nicht in RvR’s Text. „Ca ira“ ist ein Lied aus der Französischen Revolution mit dem Slogan: „Wir werden es schaffen, die Adeligen an die Laterne“]

7. Dieser Post, der auf Twitter nicht mehr verfügbar ist, wurde nun von vielen als Morddrohung gesehen oder zumindest als verbale Gewalt: Ronja von Rönne als „Adelige“ an die Laterne. Darüber können sich Deutschkurse den Kopf zerbrechen, problematisch wurde der Post spätestens dadurch, dass er in Massenmedien aufgegriffen wurde. Andreas Rosenfelder, Ressortleiter Feuilleton der WELT, macht in seinem Kommentar „Wie man Sachen mit Wörtern macht“ für die aufgebrachte Stimmung im Netz wesentlich den „Frankfurter ‚Antifa-Pfarrer‘ Hans-Christoph Stoodt“ verantwortlich. Doch dieser reagiert darauf gar nicht weiter, obwohl er einen langen Text („Die Morddrohung. Wie ein FAZ-Ritter mal in den Krieg ziehen wollte“) zu dem schon von Don Alphonso in einem FAZ-Blog erhobenen Vorwurf schreibt.
Alleine, weil Stoods Mini-Kommentar auf Twitter nun als Äußerung eines evangelischen Pfarrers wahrgenommen wird, wäre seine Beteiligung an der Debatte notwendig (bevor sich in seiner Beamtenstruktur Höherstehende dazu berufen fühlen).

8. Wie so oft melden sich in der Debatte viele mit von ihnen für göttlich gehaltenen Statements zu Wort.Sie erlauben sich absolute Urteile, die ohne jede Begründung, ohne jeds nachvollziehbare Kriterium auskommen und allein darauf basieren, dass der Urteilende über allem steht, eben als Gott. Beispiele:
Fabian Federl (Tagesspiegel) nennt von Rönne schlicht „altklug„, womit ihre Erfahrung mit dem Feminismus eben nicht mehr ihre Erfahrung ist, sondern der inszenierter Skandal eines – auch dieser Hinweis darf nicht fehlen – „Ex-Models“.
Joerg Thadeusz hält eine von Rönne-Kritikerin schlicht für überfordert – damit ist sie hilfsbedürftig, aber nicht diskutabel – nettester Paternalismus.
Andere sprechen von Rönne einfach mal jedes Schreibtalent ab.

 

Noch einige weitere Hinweise zur Debatte

Vor ihrem „Feminismus“-Text (8. April)  hat von Rönne u.a. den Beitrag „Warum ihr alle psychisch gestört seid“ publiziert (26. März). In einem Interview mit dem Blog Kaffee und Fluchen sagt sie dazu u.a. (29. März):

>>Es tut mir aufrichtig Leid, wenn einige aus dem Text herauslesen, dass ich psychische Krankheiten so sehe wie einen Kurzurlaub. Dann ist tatsächlich etwas schief gelaufen. An Stellen war der Text sehr unsensibel, euphemistisch würde man sagen: polemisch. Wenn der Eindruck entsteht, dass ich aus dem Leiden schwer Kranker Menschen mit einem provozierenden Artikel Profit schlagen wollte, ist wirklich etwas schief gelaufen.
Allerdings wirkten viele der Twitterer nicht wie Depressive oder Borderliner, sondern wie Internet – Krawallmacher, Trittbrettfahrer auf einer Empörungswelle, die mit ihrer Pseudo-Betroffenheit retweets generieren wollen. Posts wie „Ich wünsche dir Krebs“ sind ekelhaft. Das war sehr schlimm, und es trifft mich auch. Natürlich frage ich mich dann, wie das eigentlich so schief laufen konnte. Auf Twitter ist es leicht, bei einem ungerechten Post auf „retweet“ zu klicken. Die 140 Zeichen berauben jeden User der Differenzierung. Ein schreckliches Portal, Twitter. Man kann sich nicht wehren.<<

Der Vollständigkeit halber sei erwähnt: Im Teaser zu Ronja von Rönne’s Beitrag „Hasskultur: Schreibt diese Frau gerade ‚homophobe Schlampe‘?“ steht auch ein Absoluturteil: „Eine Kolumnistin sagt etwas Unkluges zu einer Schwulenhochzeit …“ was nun gerade im Hinblick darauf, dass die „Kolumnistin“ aus ihrem Fachgebiet schrieb schon eine ordentliche Anmaßung wäre, nur: der Teaser stammt wie so oft von der Welt-Redaktion.

Weitere Beiträge:
Beifall von der falschen Seite“ (SZ, Johannes Boie)
„Meinungsfreiheit in Deutschland: Zwei Fälle in zwei Wochen“ (Roland Tichy)
von Rönne sei „normschön“ (A++)
„Über das Zurückschlagen von Empörungswellen und eine seltsame Argumentation im Fall Rönne“ (Annette Baumkreuz)

 

 

 

 

 

Was darf die Satire? Falsche Frage

Samstag, 17. Januar 2015

Wenn halb Deutschland auf dem Sofa sitzt und übel nimmt, dann hat das nicht die Satire zu verantworten. Es ist die Sache jedes einzelnen Sofasitzers. Soviel emotionale Autonomie sollten wir uns schon attestieren.

Seit dem Attentat auf Mitarbeiter der französischen Satirezeitung „Charlie Hebdo“ am 7. Januar 2015 wird die Kanäle rauf und runter wieder diskutiert, was „die Satire“ darf. Es wird überlegt, wie viel Verletzung Menschen um der Meinungsäußerungsfreiheit willen aushalten müssen, wo gesetzliche und wo moralische Grenzen des Zumutbaren liegen.

Dabei ist dieser Blickwinkel grundlegend falsch. Er unterstellt, der Schöpfer einer Satire sei dafür verantwortlich, was sein Werk bei beliebigen Rezipienten an Gefühlen auslöst. Aber das ist grotesk – und eine Entmündigung des Publikums zu Reaktionsrobotern. (Weiter auf freitag.de)

Wie groß ist der Einfluss der Politik auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk?

Montag, 19. Mai 2014

Neue Bücherverbrennung gefällig ?

Donnerstag, 07. März 2013

Stern.de hat heute mal wieder einen Aufreger zusammenkonstruiert: „Amazons braune Ecke„. Es geht darum, dass man beim Online-Händler amazon CDs von den „Böhsen Onkelz“ und Bücher wie „Der Sieg des Judenthums über das Germanenthum“ kaufen kann.

Dass amazon nicht der kleine, chaotisch-intellektuelle Buchladen im vermüllten Kreuzberger Hinterhof ist, hat Autor Jochen Siemens schon selbst festgestellt. Und doch erwartet er ein journalistenpolitisch korrektes Programm, was nach den Standesregeln alles ausschließt, das (nur) an deutschen Stammtischen diskutiert wird.

Die Onkelz haben für meine Ohren keine Musik, sondern nervtötendend Krach produziert. Aber das ist halt nur mein Geschmack. Wenn heute eine Onkelz-Cover-Band auftritt, ist die Halle voll Menschen und die Lokalzeitung voller Begeisterung. Journalisten hatten Jahre lang Zeit, gegen die Onkelz anzuschreiben. Sie haben sich aber lieber rechtzeitig auf die Echo-Gewinnerseite gestellt, wie immer, schließlich sind diese ganzen bekloppten Krach-Fans ja auch ihre Medien-Kunden. Den Rest muss dann tatsächlich der Markt machen. Noch ist unser Bundesimmissionsschutzgesetz zum Glück nicht so diktatorisch, dass sich damit freiwillige Onkelz-Beschallung verbieten ließe. Und stern.de ist – so gerne der Laden es wohl wäre – noch keine Außenstelle der Bundeszensurbehörde, dieser alten Wacht gegen Schmutz und Schund.
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50 Jahre SPIEGEL-Affäre multimedial (PM)

Sonntag, 28. Oktober 2012

Am  Freitag (26. Oktober 2012) jährte sich zum 50. Male der Einmarsch der staatlichen Macht in die Redaktion des SPIEGEL und dessen vierwöchige Besetzung. Redakteure und Informanten mussten zusammen 390 Tage hinter Gittern sitzen. Die Vorwürfe, Landesverrat und Bestechung, hatten sich später nach und nach in Luft aufgelöst.

Die Invasion in den SPIEGEL mittels der „Sicherungsgruppe Bonn“ (BKA), dem Militärischen Abschirmdienst der Bundeswehr (MAD), der Bundesanwaltschaft aus Karlsruhe sowie erzwungener „Amtshilfe“ seitens Hamburger Kriminal- und Schutzpolizei kam unerwartet. Eigentlich hätte die Affäre auch nach der Illustrierten stern heißen können, denn der hatte einen Tag vor dem SPIEGEL eine ähnliche Geschichte im Blatt: Wie stark sind wir?

Dass der stern den SPIEGEL „überholen“ konnte, so der damalige stern-Redakteur, hängt mit einem spezifischen Umstand zusammen, der dem Nachrichtenmagazin während der vierwöchigen Blockade das Überleben ermöglicht hatte: die „Hamburger Kumpanei“.

Anlässlich dieses historischen Ereignisses hat das DokZentrum ansTageslicht.de ein hamburgweites und hochschulübergreifendes Projekt initiiert, das 1) die Geschehnisse von damals dokumentiert (z.B. in mehreren Chronologien bis hin zu den Wechselwirkungen der Kuba-Krise) und 2) die langfristigen Folgen bis heute thematisiert: 50 Jahre SPIEGEL-Affäre multimedial. U.a. mit Zeitzeugen, die alles hautnah miterlebt hatten. Partner des Projekts sind die Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation (MHMK), die Universität Hamburg (Masterstudiengang Journalistik und Kommunikationswissenschaft) sowie der Studiengang Illustration an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften, wo derzeit auch das DokZentrum ansTageslicht.de beheimatet ist.

Die Aufbereitung der Affäre, die – für den damaligen Zeitgeist typisch – nicht nach dem Verursacher, sondern nach dem unbotmäßigen Medium benannt ist, erfolgt auf zwei Websites: Auf einer gemeinschaftlichen Site, die gerade am Entstehen ist, unter www.spiegelaffaere.de. Im DokZentrum selbst wird auch später alles unter www.ansTageslicht.de/Spiegelaffaere dokumentiert sein. (Pressemitteilung des DokZentrums)

Spiegel-Online ignoriert Ekelvideo nach Kräften

Mittwoch, 10. Oktober 2012

Die Wertmaßstäbe deutscher Journalisten bleiben rätselhaft. Ein Interesse, sie offenzulegen, gibt es meist nicht. Entsprechend wenig nachvollziehbar sind dann ihre Kommentare.

Stefan Kuzmany findet das Musikvideo „Gloria“ von  Joachim Witt ekig, hält es für Schund. Schön. Nur was interessiert uns das? Genauso gut könnte er in einem Spiegel-Online-Artikel offenbaren, dass er Erdbeereis mag und Spinat schon immer doof fand – oder wie auch immer seine Geschmackgefühlslage da sein mag.

Hilfreich wäre daher zu erfahren, wie Kuzmany zu seinem Urteil kommt.

„Das Video zum neuen Song „Gloria“ von Joachim Witt wäre eigentlich keiner Erwähnung wert, würde es nicht neben schwarz beflügelten Engeln, einem seltsamen Fantasy-Typen mit drei Augen und einer katholischen Prozession in einer Berglandschaft auch Bundeswehrsoldaten zeigen.“

Musik und Filmästhetik sind also nicht Gegenstand seiner journalistischen Betrachtung. Relevant wird das Video, weil es in zwei Szenen Soldatenschauspieler zeigt, – die, und das ist wohl das alleinige Thema, deutsche „Hohheitszeichens auf den Uniformen“ tragen, wie Witt selbst sagt. Diese Soldaten vergewaltigen eine Frau und filmen das ganze.

Nun wäre es gut zu erfahren, warum dies nicht nur einer Erwähnung, sondern großer Aufregung wert ist. Vergewaltigung wird in jedem zweiten Krimi gespielt,  sie gehört zu jedem Krieg, sie ist Standardrepertoire gewalttätiger Dominanz – in jedem Knast, in jedem Lager, potenziel überall, wo Männer für längere Zeit zusammengefercht werden.

Warum soll das nicht in einem Musikvideo vorkommen dürfen – zumal die Vergewaltigungszene ohne jeden Voyeurismus gedreht ist, sie sich vielmehr auf gut funktionierenden Andeutungen beschränkt?

Wo die Grenzverletzung liegen soll, legt Kuzmany selbst dann nicht dar, wenn es um eine anstehende Zensur geht. Dass die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) das Video nun auf Antrag des Bundesfamilienministeriums auf den Index setzen soll, sieht der Journalist nur als mögliche weitere Werbung. Was an diesem Video verbotswürdig sein soll – kein Wort. Eine Nachfrage beim Deutschen Journalistenverband, ob er schon die Alarmglocken läuten lässt gegen einen solchen Eingriff in die Kunstfreiheit – für das wohl zweifelsohne weit anspruchslosere Titanic-Cover hatte er sich ja gerade stark gemacht – Fehlanzeige.

Stattdessen die Prognose, eine Indizierung (bedeutet u.a.: Zugang nur für Erwachsene, keine öffentliche Werbung, Mehrwertsteuer 19 statt 7 Prozent) würde Witt freuen:

„Sein Schund würde damit auch noch ein amtliches Gütesiegel bekommen.“

Update zur Geschichte: BILD besser als SPIEGEL. Das video wurde – selbstverständlich – nicht indiziert.

Beleidigungsfreiheit ist ein Grundrecht

Samstag, 10. Dezember 2011

Ungerührt und in den Schlaf geschüttelt wie üblich hat der Medienbetrieb ein Urteil des Berliner Landgerichts kolportiert, wonach die Bezeichnung eines Menschen als „Arschloch“ nie von der Meinungsfreiheit gedeckt ist und dieses Wort zu führen auf der Bühne höchstens Ausnahmekünstlern zugestanden sein könnte. Berichterstattungsgrund ist stringenterweise auch nicht das Urteil an sich, sondern der Name des Klägers: Jörg Kachelmann.

Bei mehreren Konzerten soll der Rapper Kool Savas im Jahr 2010 in kurzen Texten zwischen Musikstücken Kachelmann als “Arschloch” bezeichnet haben.  „Zudem äußerte [Savas] in Bezug auf den Kläger unter anderem ‚verfickter … ‚, ‚Bastard‘, ‚Idiot‘, ‚Ich ficke ihn‘.“ (mehr …)

Infoblocker Presse

Montag, 21. November 2011

Liebes Netzwerk Recherche,

Vorschlag für den nächsten Informationsblockierer-Preis „Verschlossene Auster“: die Medienhäuser selbst. Niemand ist der Presse gegenüber so maulfaul wie die Presse. Journalistische Anfragen an Redaktionen bleiben eigentlich immer unbeantwortet, von Verlagen kommt nach tagelanger Reifezeit allenfalls unbrauchbare „Unternehmenskommunikation“.
Die Medienjournalisten dieses Landes werden schnell eine lange Liste professioneller Informationsblockierer zusammenstellen können. Der Preis kann dann an einen beliebigen Stellvertreter der Sippe gehen. Am besten an einen öffentlich-rechtlichen Sender. Das könnte auch die Unabhängigkeit des u.a. vom NDR stark geförderten und im neuen Vorstand vom ÖRR dominierten Netzwerkes unterstreichen.

Dass sich die FAZ heute noch immer nicht zum Perlentaucher-Urteil äußern will – geschenkt. Aber dass sie sich auch weigert, das ihr natürlich vorliegende aber noch nicht veröffentlichte Urteil kollegial als Arbeitsgrundlage zur Verfügung zu stellen, ist schlicht – doof.
(Der Perlentaucher immerhin bot die Einsichtnahme in seiner Berliner Residenz an, aber mit viel verbalem Klimper-Klimper war denn doch noch das OLG zu bewegen, dass uns „ausnahmsweise eine anonymisierte Fassung des Urteils – so wie wir es in die Landesrechtsprechungsdatenbank einstellen werden –
heute noch vorab in pdf-Form per Mail zugesandt wird“.)