Nur ein Zwischenruf statt Tumult

Zur Spiegel-Geschichte „Gysis Heimkind“ von Markus Deggerich in der aktuellen Print-Ausgabe (S.47) schreibt die darin porträtierte LINKE-Abgeordnete Ulla Jelpke:

Der Spiegel widmet sich in seiner aktuellen Ausgabe 30/08 vom 21. Juli 2008 sowohl tatsächlichen als auch erfundenen politischen Tätigkeiten von mir. Dazu merke ich Folgendes an:

Wenn der Spiegel meint, mir linksradikale Umtriebe vorwerfen zu müssen und auf diese Weise einen Keil zwischen meine Fraktionskolleginnen und –kollegen und mich zu treiben – geschenkt. Erschreckend ist vielmehr, dass Deutschlands führendes Nachrichtenmagazin nicht in der Lage ist, seinen Vorwürfen etwas Substanz beizufügen, und seinen Leserinnen und Lesern stattdessen eine wilde Mischung aus Unwahrheiten, Halbwahrheiten und Unterstellungen zumutet.
So müsste ein Spiegel-Redakteur doch eigentlich in der Lage sein, das Protokoll einer Bundestagssitzung zu lesen.

Markus Deggerich schreibt, es sei richtig laut im Bundestag geworden, als ich vor der Umwandlung des Bundeskriminalamtes in eine „geheim ermittelnde Staatspolizei“ warnte. Ich hätte meine letzen Worte gegen die Entrüstung im Plenarsaal schreien müssen. Ich lerne daraus: Der Spiegel bringt seinen Schreibern nicht bei, wie man Protokolle von Bundestagssitzungen liest.
Denn tatsächlich vermerkt das Protokoll dieser 170. Sitzung vom 20.Juni 2008 Beifall der LINKEN und einen (1!) Zwischenruf eines SPD-Abgeordneten. Unter Tumult und Empörung stelle ich mir was anderes vor. Zum von Deggerich halluzinierten Skandal kam es erst in verschiedenen Medien, nachdem eine Nachrichtenagentur behauptet hatte, ich hätte das BKA mit der Gestapo verglichen. Das war eine Falschmeldung, der der Spiegel noch eine eigene Erfindung hinterher schob. In diesem Stil geht es weiter in Deggerichs Enthüllungsstory. Dass ich nie im Leben an einem DKP-Parteitag teilgenommen habe – egal, behauptet ist es ja schnell.

Dass ich angeblich nicht fest verankert auf dem Boden der freiheitlichdemokratischen Grundordnung stünde und deswegen vom Verfassungsschutz beobachtet würde – auch das ist ein Vorwurf, dem man mit wenig Rechercheaufwand nachgehen könnte. Tipp: Ich habe vor einem Jahr meine Verfassungsschutzakte ins Internet gestellt. – da dürfen sich gerne auch Spiegel-Journalisten davon überzeugen, welche Erkenntnisse die Dienste über mich haben.

Zu den gemeingefährlichen Bestrebungen, die mir da vorgeworfen werden, gehört etwa die Tatsache, dass ich mich gegen Angriffskriege der Bundeswehr ausgesprochen habe und die Bundesregierung auffordere, die Verfassung einzuhalten – was man als „Linksextremistin“ halt so macht, wenn man grad keine Bomben legt.
Dass ich es insgeheim mit Bombenlegern halte, hat der Spiegel messerscharf aus meinem Engagement gegen das PKK-Verbot geschlussfolgert. Dass man dieses Verbot als Hindernis für eine friedliche Lösung des Türkei-Kurdistan-Konfliktes ansehen kann, ohne gleich „PKK-Sympathisantin“ zu sein – das ist für den Spiegel wohl schon nicht mehr nachvollziehbar.

Überhaupt ist, wer mit Kurden spricht, dem Magazin offenbar suspekt. Bei meiner kurzfristig angesetzten Türkei-Reise zum Parteitag der im türkischen Parlament vertretenen „Partei für eine demokratische Gesellschaft“ DTP am vergangenen Wochenende in Ankara kann es deswegen unmöglich mit rechten Dingen zugegangen sein. Ahnungslos fabuliert der Spiegel, ich sei „unabgesprochen“, ja als „linke Diplomatin in eigener Mission“ nach Ankara geflogen, um „den Druck in der Geiselfrage zu erhöhen“.

Dass ich tatsächlich von Menschenrechtsaktivisten angefragt worden war, mich einer Delegation anzuschließen, um die verschleppten deutschen Bergsteiger sicher nach Deutschland zurückzubringen, das war schon wieder zu schwierig, als dass der Spiegel es hätte herausfinden können. Dass meine Reise selbstverständlich mit dem Fraktionsvorstand abgesprochen war, dass sogar das Auswärtige Amt informiert war – das ist für den Spiegel nur ein lästiges Detail, ein Faktum, das man lieber durch eine erfundene Behauptung ersetzt. So fragt man sich, was den Journalisten eigentlich ärgert. Hätte ich meine Türkeireise vielleicht noch vom Spiegel absegnen lassen müssen?
Nun beschränkt sich der Spiegel-Journalist nicht drauf, falsche Behauptungen zu
verbreiten, nein: Er liefert auch falsche Erklärungen dafür. Eine böse Kindheit muss
die Jelpke, das „Heimkind“, wohl gehabt haben. Nun interessiert sich der, nach eigenen Internet-Angaben „im schönen münsterländischen Dorf Elte“ aufgewachsene Deggerich überhaupt nicht dafür, welche Zustände in den Kinderheimen der 1960er Jahre geherrscht haben.

Das muss er auch nicht. Aber wie abgehoben vom Elend in der Welt, wie gleichgültig gegenüber den Verbrechen der selbsternannten Zivilisation und wie selbstzufrieden muss man eigentlich sein, wenn man sich gar nicht mehr vorstellen kann, dass es gute Gründe dafür gibt, den Kapitalismus überwinden zu wollen? Die Methode, derer sich Deggerich bedient, hat einen Namen: Es ist die Psychiatrisierung politisch Andersdenkender.
Wenn es den imaginierten tiefen Graben zwischen den Auffassungen der Fraktion und meinen persönlichen Auffassungen gäbe, wäre unverständlich, warum ich weiterhin innenpolitische Sprecherin der Fraktion bin und diese auch im Innenausschuss des Bundestages vertrete.

Ich meine: Sommerloch hin oder her – einen Mindestanspruch an Qualität haben die Leserinnen und Leser des Spiegel auch im Sommer verdient.

Ulla Jelpke, MdB

„Verbesserung der Moderation im SPIEGEL ONLINE Forum“

Spiegel-Online-Foristen sind verärgert über eine ihrer Ansicht nach intransparente und teilweise willkürliche Moderationspraxis. Auf einen offenen Leserbrief vom 18. Juni hatte Werner Theurich, verantwortlich für die SpOn-Foren, geantwortet und dabei die „manchmal etwas strenge“ Moderation verteidigt: „Wir bemühen uns, so viel Freiheiten wie möglich zu lassen, aber auch so streng wie nötig zu sein – nie kann man es allen recht machen.“

In den Forums-Richtlinien (Netiquette) heißt es seit 20. Juni: „Die Redaktion behält sich vor, Beiträge, die werblichen, strafbaren, beleidigenden oder anderweitig inakzeptablen Inhalts sind, zu löschen bzw. sie nicht freizuschalten. […] Benachrichtigungen über nicht freigeschaltete bzw. gelöschte Beiträge können aufgrund der großen Zahl der täglichen Beiträge nicht erfolgen.“

Eine Diskussion über die Moderationspraxis ist bei Spiegel-Online nach Kritikerangaben nicht erwünscht, 79 Aktive haben sich daher in einem eigenen „Forum SPONtanum“ zusammengetan. Wir dokumentieren einen weiteren offenen Leserbrief dieser Gruppe an die Spiegel-Online-Chefredaktion, eingereicht von Wolfgang Hoffmann.

Sehr geehrter Herr Büchner,
sehr geehrter Herr Ditz,

vielen Dank für die Beantwortung unseres Anschreibens vom 18.06.2008 zu Ihrer Begrüßung als neue Chef-Redakteure durch Herrn Theurich, der für die Redaktion Spiegel Online erfreulicherweise noch am gleichen Tag Stellung genommen hat.

Leider enthält die Antwort der Redaktion SPON Online nur eine nette Umschreibung der derzeitigen Form der Moderation, die inhaltlich keines Falls den Kern der Ursache dieses Problems betrifft.

1. Doch vorab müssen wir bemerken, dass wir über eine Zahlenangabe etwas irritiert sind, die uns als ein Fehler in der Darstellung erscheint.

Es wird als grundlegendes Argument für diese Art der Moderation angeführt, dass bis zu 3.000 Beiträge am Tag einlaufen würden und das suggeriert unseres Erachtens auf den Monat bezogen ein etwas zu massiges Mengengerüst, denn:

Noch im März 2008 hat die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung in dem von uns zitierten Artikel vom 17.03.2008 mit der Quelle: Angaben der Verlage, zu Spiegel Online ausgeführt:

„Spiegel Online: 15.000 bis 18.000 Kommentare monatlich – gebündelt in Foren, nicht unter den einzelnen Artikeln. Ein Redakteur und mehrere Aushilfen prüfen sie „in der Regel“ vor der Veröffentlichung.“

Die darin angegebene Personal-Ausstattung zur Moderation spricht für sich. Jedoch wirft die Anzahl der postings nach Angaben des Verlages ein völlig anderes als das geschilderte Bild ab – entweder ist die Zahl in der FAZ falsch oder die Angabe in Ihrer Antwort?

2. Auch das wirklich charmante Werben um Verständnis für eine Moderation im Spiegel Online Forum, die tatsächlich – ganz bewusst und nicht versehentlich – Benutzer-unfreundlich betrieben und mit einer willkürlichen Zensur die Meinungsfreiheit traktiert, ist keine inhaltliche Antwort auf unser Anschreiben zur Moderation im SPON-Forum vom 04.02.2008 erfolgt.

3. Wir möchten Sie bitten, dass seitens der Redaktion Spiegel Online inhaltlich Stellung genommen wird zu den von uns aufgeführten und analysierten Themen

· Zusammenfassung der Diskussion

· Was kann man kurzfristig im Café ändern?

· Was kann man langfristig ändern?

· Motivation

4. Das von Spiegel Online verwendete vBulletin-System Version 3.6.4 (Deutsch) stellt sehr wohl Funktionalitäten zur Begründung von Maßnahmen der Moderation bei Änderung oder Löschung von postings bereit, aber diese Optionen werden bewusst nicht als Standard der Moderation eingesetzt.

Wir sind zu einem Dialog mit Ihnen über die Art der Moderation im Spiegel Online Forum zur Erhöhung der Akzeptanz und Transparenz bereit, wenn der willkürlichen Zensur der Meinungsfreiheit bei der Moderation nachhaltig Einhalt geboten wird.

Mit freundliche Grüßen

Das Forum SPONtanum.
ActionBoard

Für eine faire Moderation
im Spiegel-Online-Forum

Offener Brief: Resümee eines Vorstoßes zur Verbesserung der Moderation im SPIEGEL ONLINE Forum

Sehr geehrter Herr Büchner,
sehr geehrter Herr Ditz,

wir gratulieren Ihnen herzlich zu Ihrer Berufung als neue Chef-Redakteure von SPIEGEL ONLINE!
Wir, das ist eine Gruppe engagierter Nutzer des SPIEGEL ONLINE Forums, welche sich mit den derzeit praktizierten Moderatorenzensuren im SPIEGEL ONLINE Forum nicht abfinden wollen und deshalb mit der Redaktion von SPIEGEL ONLINE in Kontakt getreten ist.

Bekanntlich hatten wir Herrn Dr. Mario Frank, GF des Spiegel-Verlags, in unserem Schreiben vom 21.04.2008 darauf hingewiesen, dass wir immer noch auf eine inhaltliche Antwort der Redaktion SPIEGEL ONLINE auf unsere Vorschläge zu einer transparenteren Moderation im SPIEGEL ONLINE Forum warten (pdf).

Dennoch ist keine Reaktion seitens des SPIEGEL erfolgt, worauf wir, die Zensurgegner, als Folgereaktion auf die ausgebliebene Antwort auf das ‚Resumee eines Vorstoßes zur Verbesserung der Moderation im SPON Forum’ an Herrn Dr. Frank, ein zensurfreies Forum SPONtanum eingerichtet haben, um damit der willkürlichen Zensur der Meinungsfreiheit im SPIEGEL ONLINE Forum und der Moderation nach Gutsherren-Art wirksam entgegen zu treten.

Wir möchten Sie als neue Verantwortliche für diesen Bereich deshalb gerne etwas umfassender mit dem bisherigen Stand der Dinge vertraut machen und bitten Sie, sich folgende Punkte und Unterlagen zum besseren Verständnis anzulesen:
 Weiterlesen

Korinthe (62): Hubraum

dragster.jpg
Ein Gastbeitrag von Benedikt Fuest

Hätte der erste Swamp-Rat-Dragster tatsächlich nur die 1,2 Liter Hubraum eines Kleinwagens gehabt (wie im Garlits-Artikel geschrieben), er wäre damals kaum der schnellste Dragster der Welt geworden. Da aber damals wie heute im Drag Racing Hubraum nur durch mehr Hubraum zu ersetzen ist, setzte Garlits auf einen 1957 Chrysler V8-Motor mit 454 cu. inch (Quelle: http://www.garlits.com/), was in etwa einem Hubraum von 7,4 Litern enspricht – das kesselt ;-).

Datenschutz mittlerweile kleingeschrieben?

Ein Leserbrief

Hallo SPIEGEL online / SPIEGEL TV,

abgesehen vom nervig süffisanten Ton gegen Hausbesetzer im Video-Beitrag auf
www.spiegel.de/video/video-30954.html finde ich es enttäuschend, dass der ver.di-Mitgliedsausweis des jungen Mannes – nachdem er ihn weggeworfen hat – so nah herangezoomt wird, dass jeder Websitebesucher den vollen Namen, samt Adresse und ver.di-Mitgliedsnummer erkennen kann.

Hat Till *** aus der *** Straße seine Erlaubnis dazu gegeben?

Keine journalistische Meisterleistung, finde ich.

Schöne Grüße
Carlo, Hamburg

Unfaire Statement-Verkürzung zur Solarenergie

Ein Leserbrief von Wolf von Fabeck

Der Solarenergie-Förderverein Deutschland (SFV) vertritt die Ansicht, dass Solarstromerzeugung aus Klimaschutzgründen notwendig ist und durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) weiterhin in dem Maße gefördert werden muss wie bisher.

Die SFV-Position wurde in SPIEGEL-ONLINE vom 7.5.08 unzulässig verkürzt dargestellt und entstellt wiedergegeben.

** Zitat aus SPIEGEL-ONLINE:

‚Besonders dreist finden die Wirtschaftsfachleute der Union die Lobbyarbeit der Solarbranche. So schrieb der Solarenergie-Förderverein kürzlich an Bundestagsabgeordnete, der Ausbau der Fotovoltaik koste jeden Stromverbraucher maximal acht Euro im Monat, diese Summe sei in jedem Fall vertretbar. „Da wird sehr leichtfertig mit dem Geld anderer Leute umgegangen“, schimpft Pfeiffer. (…)‘

Der SFV hat tatsächlich Folgendes geschrieben:

‚** Stromkunden zahlen für PV weniger als für Gewinne der Stromwirtschaft

Übermäßige Mehrbelastungen energieintensiver Produktionsbetriebe wird durch die im EEG vorgesehene Befreiung solcher Betriebe von der EEG-Umlage vermieden. Die monatliche Belastung der übrigen Stromverbraucher – selbst bei engagiertem Ausbau der Solarenergie – bleibt mit etwa 8 Euro deutlich unter dem Anteil, den jeder Stromverbraucher monatlich zu den Gewinnen der Stromwirtschaft beiträgt. Zudem vermindert die ständige Verteuerung der konventionellen Energien die Differenz zwischen Solarstromkosten und Kosten der konventionellen Energien. Wenn Solarstrom billiger als konventioneller Strom ist, hat der Stromverbraucher sogar noch einen finanziellen Vorteil.‘

Sie können das Original der SFV-Stellungnahme auf der Internetseite des
Bundestages – Ausschussdrucksache 16(16)393K – als pdf nachlesen.

Die htm-Version finden Sie auf unserer Internetseite.

Mit freundlichen Grüßen
Wolf von Fabeck

Mitverantwortung für Hochschul-Entwicklung

Ein Leserbrief von Richard Jecht

Möglich, daß sich nach den Jahren der „Reformwut“ auch beim SPIEGEL Ernüchterung breit macht; daß man jetzt erst mal durchatmet und in durchaus selbstkritischer Distanz registriert, was man in der Vergangenheit so alles an Umgestaltungen mitverursacht hat. Möglich aber auch, daß die Magazinverantwortlichen bereits jetzt die nächste interne „Reformrunde“ eingeläutet haben und die Redakteure und Autoren dazu anhalten, auch weiterhin und vor allem im Vorfeld der nächsten Bundestagswahl im Herbst 2009 noch mal so richtig Stim-mung zu machen.

Gegen notwendige Reformen ist ja auch gar nichts einzuwenden, solange sie von langer und berufener Hand geplant und umsichtig durchgeführt werden – doch genau das Gegenteil war und ist ja offenbar der Fall, wie man dem Artikel „Die Studenten-Fabrik“ im SPIEGEL Nr. 18 / 2008 mit Staunen und Unbehagen entnimmt. So hat die deutsche Bildungspolitik das Hochschulsystem gleichsam über Nacht „bachelorgerecht zusammengestaucht“ und überläßt es den Lehrenden und Studierenden, die daraus unweigerlich entstehenden Organisationsprobleme aufzufangen und zu meistern – wie schon bei der vorangegangenen Schulreform.

Daß man bei einer derart sensiblen Sache wie der Umgestaltung des Hochschulsystems derart brachial und schnell vorging, „… waren ja nicht zuletzt Wünsche aus der Industrie gewesen, die den Bologna-Reformern als Ansporn dienten: Zu alt und zu praxisfern seien die Uni-Absolventen, pflegten Personalchefs zu klagen. Der Wechsel zum Bachelor und Master müsse ‚so schnell wie möglich erfolgen‛, drängelten die Personal-vorstände von 22 großen deutschen Unternehmen in einer gemeinsamen Erklärung vor zwei Jahren.“ Zitat Ende.

Da man beim „Deutschen Nachrichtenmagazin“ besonders lautstark für Reformen Partei ergriffen hat und daher eine gewisse Mitverantwortung an den aktuellen Entwicklungen (nicht nur) im Hochschulsystem nicht leugnen kann: schon möglich, daß man sich deshalb mit Kritik vorerst zurückhält und das weitere Procedere erst mal abwartet, – aber mit Journalis-mus hat das alles halt schon gar nichts mehr oder genau so viel zu tun wie die Umgestaltung des Hochschulsystems mit der Förderung einer unabhängigen Forschung und Wissenschaft. Deutschland, das „Land der Dichter und Denker“? Der Begriff taugt jetzt nicht mal mehr für das Marketing der Hochschulen.

Einseitige Israel-Berichterstattung

Ein Kommentar zu Christoph Schult, Nahost:Das Leide n der Anderen. DER SPIEGEL 11/2008 vom 10.03.2008, Seite 122
von Anis Hamadeh

Eine Palästinenserin aus Gaza wird in einem israelischen Krankenhaus gerettet, das ist die Story dieses Spiegel-Artikels und es ist einer dieser Moralartikel. Seht, wie nett Israel in Wirklichkeit ist und ihr Araber bedroht die Zivilisten! Seht, selbst die Palästinenser, die es am eigenen Leib spüren, sie verstehen Israel. Die Sympathie des Lesers wird so auf den Judenstaat gelenkt, aus historischen Gründen. Wegen Dingen, die mit der deutschen, mit unserer Geschichte zu tun haben. Wir!

Die Palästinenser hingegen benötigen keine Spazierfahrten über die Grenze, um Gewalt am eigenen Leib zu spüren, sie leben unter Besatzung. (Oh, gibt es da Besatzung?) Bei sich zu Hause leben sie viel unsicherer. Solche Tatsachen allerdings stören die Dramaturgie der Nahostartikel, für die der Spiegel leider berüchtigt ist. Kaum ein Gebiet, wo das Blatt sich in der Meinung einer beträchtlichen Anzahl potenzieller Leser stärker diskreditiert als dieses. Platt wie Flundern kommen die Spiegler plötzlich daher, wo sie sonst alles ganz genau wissen wollen. Und am Tiefpunkt der Skala lauert Herr Broder mit seinen Berichten von Jenseits der Rechtstaatlichkeit (siehe www.anis-online.de/1/essays/21.htm).

Tatsächlich gibt es eine Menge Zeitungsleser, die Seine Majestät den Spiegel wegen seiner manipulativen Nahost- und Islam-Artikel nicht als seriös einschätzen und ihn möglichst nicht zitieren, es sei denn in einer Medienkritik, weil oft genug unfair berichtet wird und ideologisch.

Bedenkliche Spiegel-Kooperation?

Offener Brief an DER SPIEGEL bezüglich Ihrer Kooperation mit dem russischen Fernsehjournalisten Michail Leont’ev
von Dr. Andreas Umland

Betr.: Die russische Zeitschrift Profil‘ – DER SPIEGEL und ukrainische Zeitschrift DER SPIEGEL – Profil‘
Kiew, 21.2.08

Sehr geehrte Damen und Herren,

vielleicht könnte folgender Hinweis an die bei Ihnen hierfür zuständigen Redakteure bzw. Geschäftsführer weitergeleitet werden:

Der Präsentation der russischen und ukrainischen hochauflagigen Journale Profil’ auf dem WWW (http://www.profile.ru/) und den Vorderumschlägen der Printausgaben nach zu urteilen, gibt es eine Zusammenarbeit dieser Zeitschriften mit DER SPIEGEL. Auch drucken die Zeitschriften regelmäßig russische Übersetzungen Ihrer Beiträge ab – mit Ihrem Einverständnis, so muss vermutet werden. Ist dies tatsächlich der Fall? Wenn nicht, sollten Sie gegen die Verwendung Ihres Logos und Ihrer Texte durch Profil‘ vorgehen.

Falls Sie tatsächlich mit Profil‘ zusammenarbeiten: Der derzeitige Chefredakteur beider Magazine ist der bekannte russische Fernsehjournalist Michail Leont’ev. Mich wundert, dass DER SPIEGEL mit dieser Person eine Kooperation eingegangen ist und den Namen sowie das Logo von DER SPIEGEL für diese beiden (und womöglich noch weitere, mir unbekannte) Projekte Leont’evs zur Verfügung stellt. Leont’ev gilt als Lieblingsjournalist Putins und ist ein fanatischer russischer „Patriot“, der mit Fernsehsendungen wie Odnako (Allerdings) seit Jahren eine allwöchentliche Dämonisierung der USA und neuerdings auch Großbritanniens sowie Schürung von Vorurteilen gegenüber der europäisch-amerikanischen Welt allgemein betreibt. In politischen Diskussionssendungen redet er sich regelmäßig in antiwestliche Rage. 2001 war er Gründungsmitglied des Zentralen Rates von Aleksandr Dugins radikal antiwestlichen Bewegung „Eurasien“. Zu dieser Bewegung: “Toward an Uncivil Society? Contextualizing the Recent Decline of Extremely Right-Wing Parties in Russia,″ Weatherhead Center for International Affairs Working Papers, Nr. 3, 2002, http://www.wcfia.harvard.edu/node/589.

So dürfen sich Ihre Autoren Beat Balzli, Frank Hornig, Markus Dettmer, Holger Stark und andere nicht wundern, dass sie sich als Autoren des Kiewer DER SPIEGEL – Profil’ vom 3. März 2008 (siehe S. 45-51, http://www.profile.ru/items/?item=25557, http://www.profile.ru/items/?item=25558) in der zweifelhaften Gesellschaft des genannten Aleksandr Dugin finden. Dugin publizierte in derselben ukrainischen Ausgabe Nr. 8 einen Artikel zur Kosovo-Problematik unter dem bezeichnenden Titel „Für Russland ist der Moment der Wahrheit gekommen“ (S. 22-24, http://www.profile.ru/items/?item=25545). In den neunziger Jahren bezeichnete Dugin die Waffen-SS als eine „intellektuelle Oase“ im Dritten Reich. Als Chef der sogenannten Internationalen Eurasischen Bewegung, deren Leitungsmitglied Leont’ev einst war, bedauerte er den Tod Reinhard Heydrichs, eines, wie Dugin meinte, „überzeugten Eurasiers“. Unter dem Pseudonym „Aleksandr Šternberg“ verfasste Dugin eine Ode auf Heinrich Himmler. Siehe: „Faschismus à la Dugin,“ Blätter für deutsche und internationale Politik, Nr. 12, 2007, S. 1432-1435, http://www.blaetter.de/artikel.php?pr=2721.

Diese Beobachtungen ließen sich weiter ausführen. Unter Umständen haben die Mitglieder des Netzwerkes „Junge Osteuropa-Experten“ oder der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde, an die diese Mail per CC geht, weitere sachdienliche Hinweise.

In der Ukraine, wo Leont’ev zeitweise persona non grata war, hat die Zeitschrift DER SPIEGEL – Profil‘ und deren Berichterstattung bereits negative Reaktionen bei den örtlichen Journalisten hervorgerufen. Siehe z.B. Jurij Makarov, „Spokusa prostych rišen‘,“ Ukrajinskyj Tyžden‘, Nr. 5(13), 2008, S. 2, http://www.ut.net.ua/art/164/0/295/.

Ich kann nur davon abraten mit Leont’ev zu kooperieren. Sie müssen schlecht beraten worden sein, Ihren auch in Russland geschätzten Namen für dessen Projekte zur Verfügung zu stellen. Dies ist um so verwunderlicher, als es in Moskau inzwischen eine ganze Reihe, wir mir scheint, würdigerer, einst prominenter Journalisten gibt, die aufgrund ihrer politischen Positionen aus den zentralen Massenmedien verdrängt wurden und womöglich an einer Zusammenarbeit und neuen Projekten mit DER SPIEGEL Interesse hätten. Geeignetere potentielle Kooperationspartner in der Ukraine gibt es ebenfalls (die ich Ihnen ggf. gerne vermitteln kann).

Mit vorzüglicher Hochachtung!
Ihr langjähriger Leser
Dr. Andreas Umland
DAAD-Lektor
Nationale Taras-Ševčenko-Universität Kiew

Der Spiegel bestätigte auf Nachfrage von SpKr eine Vereinbarung zur Zweitverwertung. Da der Brief von Andreas Umland bisher unbeantwortet geblieben ist, haben wir ihn nun veröffentlicht. -Red.

„Versorgungslücke“ – Energie-Lüge beim Spiegel

Ein Kommentar von Henrik Paulitz

Seit Jahrzehnten schon beschäftigen die großen Energiekonzerne Politiker, Journalisten und die interessierte Öffentlichkeit mit einer Energie-Lüge nach der anderen. Noch in den 1990er Jahren wurde behauptet und zehntausendfach in den Medien wiedergegeben, erneuerbare Energien könnten auch langfristig maximal vier Prozent zur Stromversorgung beitragen. Hunderttausende, wenn nicht Millionen Menschen glaubten diesen Unsinn. Fakt ist, dass die erneuerbaren Energien heute bereits zu 15 Prozent zur Stromversorgung Deutschlands beitragen, in Sachsen-Anhalt sind es schon mehr als 35 Prozent. Für Hessen wurde in einer aktuellen Abschätzung exemplarisch gezeigt, dass bis zum Jahr 2025 – also in nur 17 Jahren – der Strom zu 100% aus erneuerbaren Energiequellen bereitgestellt werden kann. Das Gleiche ist bundesweit problemlos möglich.

Haben die Propheten aus der Energiewirtschaft, der Politik und den Medien ihre fehlerhafte Prognose jemals offiziell korrigiert? Haben diejenigen, die diese 4-Prozent-Prognose wider besseren Wissens verbreitet haben, jemals zugegeben, dass sie die Öffentlichkeit jahrelang systematisch belogen haben?

In den vergangenen Jahren beschäftigte man die Öffentlichkeit schließlich mit einer völlig verlogenen Klimadebatte, im Zuge derer man sogar neue Kohlkraftwerke begründen wollte und suggerierte, man könne und wolle das ganze CO2 in den Untergrund Deutschlands pumpen.

Und schon geht das illustre Unterhaltungsprogramm der gezielten Desinformation in die nächste Runde: „Spiegel Online“ warnt nun panisch vor einer „dramatischen Versorgungslücke“, wenn man aus Kohle und Atom aussteigt. Auch dieser neueste Unsinn dürfte in den nächsten Monaten und Jahren mit Unterstützung gut bezahlter „Experten“ vielfach in den Medien wiedergegeben werden.

Tatsächlich aber ist die Versorgungssicherheit Deutschlands vornehmlich dadurch gefährdet, dass die Energiekonzerne noch immer auf den Import von Öl, Gas, Kohle und Uran setzen und den dezentralen Ausbau der erneuerbaren Energien noch immer nach Kräften behindern. Wegen der energiepolitischen Versäumnisse in den vergangenen drei Jahrzehnten werden nun – unter Beteiligung deutscher Soldaten – weltweit Kriege um den Zugang zu den knapper werdenden Rohstoffen geführt und andere Länder besetzt. Da war auf einer Münchener Sicherheitskonferenz bereits von einer „Energie-Außenpolitik“ Deutschlands die Rede – eine Umschreibung dafür, dass man sich auch mit militärischer Gewalt den Zugriff auf Energie-Rohstoffe in Form von Lagerstätten, Pipelines, Seewegen und dergleichen sichern will.

Haben sich die Verantwortlichen in der Energiewirtschaft, in der Politik und in den Medien jemals dafür entschuldigt, dass wegen ihrer jahrzehntelangen Blockade-Politik beim dezentralen Ausbau erneuerbarer Energien die Abhängigkeit von Energieimporten noch immer extrem hoch ist und dass die weltweiten Konflikte um Energie-Rohstoffe auch aufgrund der deutschen Energiepolitik dramatisch zugenommen haben? Warum wird selbst heute dieser brand-gefährliche Kurs nicht korrigiert? In einer Pressemitteilung des Bundesumweltministeriums vom Januar 2007 wurde bereits vor einem „Ressourcen-Weltkrieg“ gewarnt.

Der Propaganda-Maschinerie der Industrie und vieler Medien ist dieser Kurs möglicherweise nicht unrecht – schließlich profitieren die Energiekonzerne von den steigenden Energiepreisen, die Rüstungskonzerne vom steigenden Absatz an Waffensystemen, Minen und Munition und die Medienkonzerne vom profitablen Anzeigengeschäft. Wenn der Rubel rollt, bleibt die Wahrheit vielfach auf der Strecke.

(Henrik Paulitz ist Koordinator des Arbeitsbereichs Atomenergie bei IPPNW)