Archiv für die Kategorie ‘kurz kommentiert’

Schiefes Bild: Verkehrsschlagader

Freitag, 08. Oktober 2010

Vor allem die Lokalredaktionen bezeichnen gerne jede stark befahrene Straße in ihrem Revier als “Schlagader”.

Kölner Straße ist die Schlagader des Südens (WAZ)

Schlagader des Reviers steht still (KStA)

Schlagader Alsfelds für 2,2 Millionen ausgebaut (AAZ)

Dabei ist “Schlagader” ein politideologischer Begriff, der keineswegs nur beschreibt, was ist, sondern was man interpretiert.
Eine Schlagader führt vom Herz in die Periferie. Sie ist in der Tat lebensnotwendig, bereits eine kurzfristige Unterbrechung führt zum Tot des Organismus’. In ihr fließt es nicht gleichmäßig vor sich hin, sondern es pulsiert eben – und natürlich nur in eine Richtung. Pulsierenden Verkehr auf einer großen “Verkehrsader” wird man wohl nur im Trickfilm hinbekommen.

Die meisten “Verkehrsschlagadern” dürften keineswegs lebensnotwendig sein (wie sich zeigt, wenn sie für Bauarbeiten mal komplett abgeklemmt werden), sondern lebensbedrohendes, auch Leben vernichtendes Übel – politisch für notwendig gehalten. Es sind eben Straßen, mit allen Vor- und Nachteilen, über die man – anders als bei Schlagadern – diskutieren kann.

Fotografie: Titelbusen diesmal nur innen

Dienstag, 05. Oktober 2010

Soll es besondere Unabhängigkeit zeigen oder welche Politik steckt dahinter, dass der Spiegel ein Thema über den Partner Stayfriends konstruiert, ins eigene Heft und in Kollegenblätter hebt?

Die Meldung von Seite 101 der aktuellen Ausgabe (40/2010) findet sich fast wörtlich auch bei Welt: das Online-Netzwerk Stayfriends lässt nach eigenen Angaben “20 000 Schulen in ganz Deutschland fotografieren – ohne vorher um Erlaubnis zu fragen Erst im Nachhinein wolle man die Fotos von den Schulleitern autorisieren lassen…”

Dabei schreibt der Spiegel selbst nachfolgend, dass am Fotografieren rechtlich überhaupt nichts auszusetzen ist. Niemand muss solche Bilder autorisieren – das wäre ja noch schöner.

Bleibt, dass in Münster ein Styfriends-Fotograf unangenehm aufgefallen sein soll. So what. Macht der Spiegel künftig auch zu jedem Lehrer eine Meldung, der irgendwem “Gewalt androht”? Ganze Schülerzeitungen sind mit entsprechenden “Stilblüten” gefüllt.

Apropos Foto: Dass Marilyn Monroe missliebige Fotos von einem dreitägigen Shooting, bei dem sie meist “nackt und betrunken” war, mit Nagellack durchgestrichen hat, ist wohl als Auswahlkriterium gedacht gewesen, damit posthum auf das Spiegel-Cover zu kommen. So haben es die Hamburger zumindest interpretiert.

Bevölkerung, Wahlberechtigte und Wähler

Mittwoch, 22. September 2010

“Die Mehrheit der bayrischen Bevölkerung hatte sich in einem Volksentscheid für ein strenges Nichtraucherschutzgesetz ausgesprochen, das Gaststätten, Bars und Festzelte einschließt.” (stern.de “Raucher, schleicht’s euch!”)

Nicht nur induktive Statistiken werden permanent fehl- oder zumindest überinterpretiert, auch Vollerhebungen wie Wahlen. Dabei ist die Sache doch hier eigentlich sehr einfach – wenn man sich klar macht, von welcher Gruppe man spricht, die sich da geäußert hat. Denn es waren beim Volksentscheid eben nur die Wählenden – über alle anderen kann man nur spekulieren. Also:
a) Es hatte sich am 4. Juli 2010 nicht die Mehrheit der Bevölkerung für oder gegen etwas ausgesprochen (denn die Bevölkerung war gar nicht gefragt, sondern nur die Wahlberechtigten, ohne Kinder, Jugendliche, Ausländer), auch nicht die Mehrheit der Wahlberechtigten, sondern schlicht die Mehrheit der Abstimmenden, von denen nämlich 61%.
b) Bezogen auf die Wahlberechtigten bedeutet dies: 22,94% der stimmberechtigten Bayern haben sich im Volksentscheid für ein totales Rauchverbot ausgesprochen.
c) Bezogen auf die Bevölkerung Bayern bedeutet dies: etwa 17,2% der bayerischen Bevölkerung hatten sich für das strenge Rauchverbot ausgesprochen. Das ist nicht ganz die Mehrheit.

stern.de als Steigbügelhalter für Selbstdarsteller in Verbrecher-Milieu

Montag, 06. September 2010

Dass sich Journalisten echaffieren, was sie wenige Tage zuvor doch für unreflektierten Quark Aufmerksamkeit heischend verbreitet haben – eine alte Nummer (Stichworte: Gladbecker Geisel-Drama, Amoklauf von Ganzegal). Dass sich Journalisten aber schon während ihrer Berichterstattung über eben diese ihr Haupt schütteln, ist eine interessante und eher neue Spielart. Es geht nicht um die übliche Heuchelei: “Wir haben uns in der Redaktion lange überlegt, ob wir Ihnen diese Bilder zeigen dürfen…”

stern.de attestiert sich Geschmacklosigkeit - denn ohne Publikum wäre Oliver Pochers Aktion keine Aktion gewesen. Stern.de hat nämlich – wie einige andere Medien – beim heutigen Prozessauftakt in der Causa Kachelmann in Mannheim einen falschen Kachelmann entdeckt: Oliver Pocher nutzte die hungrige Medienmeute für einen kleinen Clown-Auftritt. (Und auf diesen hat die Medienmeute auch gewarte – denn was soll es von einem ersten Prozesstag zu berichten geben, was man nicht schon wüsste, ahnte oder ohnehin nicht wissen will?)  Doch nicht nur, dass stern.de Pocher Geschmacklosigkeit vorwirft für eine Satirepraxis, die zumindest Martin Sonneborn großes und bedächtiges Kopfnicken eingetragen hätte*), – die Online-Redaktion echauffiert sich mit einer ganzen Bilderstrecke über Pochers unanständige Promotion-Aktion.

*)= Es wäre zumindest hilfreich die Bewertungskriterien offen zu legen, nach denen Pocher ein reiner Selbstdarsteller ist und kein genialer Satiriker, der mit den Beutereflexen der Medien spielt.

Deutschland von Afrikanern überrannt

Dienstag, 31. August 2010

Das Gequake um Thilo Sarrazin nimmt ja gar kein Ende mehr. Dabei hat es in den Medien schlicht nichts zu suchen. Zu den großen Promotern von Sarrazin (im Prinzip ohne irgendwas drumrum – wer könnte schon eine klare These von ihm formulieren?) gehört der Spiegel, der letzte Woche Auszüge aus Sarrazins Buch “Deutschland schafft sich ab – Wie wir unser Land aufs Spiel setzen” brachte.
In der taz rechtfertigte sich Chefredakteur Mathias Müller von Blumencron unter anderem mit den Worten:

(weiterlesen…)

Süddeutsche bläst Fliegenschiss groß auf

Mittwoch, 11. August 2010

Gestolpert sind wir über den “TV-Pfarrer”. Oh Gott. Der Begriff wird ja nur für den einen verwendet, und es ist jedesmal ärgerlich. Denn Jürgen Fliege ist kein “Fernsehpfarrer”, sondern Unternehmer, Publizist, Moderator – was auch immer (sonst wäre Stefan Raab wohl Fernsehmetzger und Merkel Pysikpolitikerin). Aber es klingt halt so lustig und ist auch so gemeint, ohne dass jemals irgendein Nährwert damit verbunden wäre.

Und diesmal geht es um etwas, das wirklich niemanden interessieren muss: Fliege hat Ärger mit einem gekauften Grundstück. Soll vorkommen. Tausendfach täglich. Sueddeutsche.de tritt den einen Fall breit:

Den Verkäufer hat er verklagt und den Kaufvertrag wegen arglistiger Täuschung angefochten: Das Areal ist nämlich um eine Winzigkeit zu klein, um bebaut werden zu dürfen.

Die Geschichte ist, wenn auch ein wenig süffisant aufgemacht und dabei natürlich abzielend auf Häme, Bedauern, Empörung – ganz nach Gusto -, nichts für eine journalistische Berichterstattung. Sie ist dämlicher Klatsch.

Wir treten hier bei Spiegelkritik ja immer wieder für die Pressefreiheit ein, die auch gerade nicht von Privatzensur angetastet werden darf. Und für juristische Gegenwehr darf der Artikel auch keine Grundlage bieten. Nur: je mehr solcher Blödsinnstexte erscheinen, um so schwerer wird es zu behaupten, die Medien könnten schon alleine entscheiden, was relevant ist und was nicht. Dabei ist genau das ihr presserechtliches Kapital.

Sueddeutsche.de hat es mal wieder in die Gülle gekickt. Ginge es um Probleme beim Grundstückskauf allgemein und dann um ein prominentes Beispiel, damit sich die vielen anderen nicht so alleine fühlen – okay. Aber so? Ein Fernsehgesicht kauft ein Grundstück und ist damit unzufrieden. Sorry, Süddeutsche, aber das ist für die Füße.

ARD-Intelligenzquotient 29

Freitag, 25. Juni 2010

Turi2 verweist gestern Nachmittag auf einen DWDL-Bericht mit den Worten:

ARD mit neuer Traumquote: 29,19 Mio Zuschauer verfolgten gestern den Sieg der Nationalmannschaft gegen Ghana – das ist die beste Quote, die jemals bei einem Vorrundenspiel gemessen wurde.

Traumquote, beste Quote? Wenn der Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks darin besteht, möglichst viele Menschen zum Fußballspielgucken zu bringen, sollte die ARD auf den anderen Schmonses verzichten, wenigstens aber nicht parallel noch verbundintern für Ablenkung sorgen (An der Werra goldenen Ufern, Bloch: Tod eines Freundes usw.).

Süße Gurke des Monats

Donnerstag, 27. Mai 2010

Es ist ja nett, dass Christoph Süß selbst fragt, was er denn auf dem Bayern-Kanal mache, quasi dem Youtube-Staatsfernsehen. Aber eine Antwort gibt der Moderator von “quer” leider nicht.

Es ist auch nett, dass sich Horst Seehofer als Ministerpräsident in dem Clip ein wenig selbst auf die Schippe nimmt.  Doch das Maß an Verkumpelung zwischen Journalismus und Politik ist in diesem Falle schon – eklig.

PS: In einigen Sequenzen schaut der Horst, der Horst hoast, wie Otti in die Welt.

Unabhängige Gegenfragen

Samstag, 13. März 2010

“Darf ein Medienschaffender, ein moralisch hoch anspruchsvoller zudem, für Unternehmen arbeiten, über die er hauptberuflich berichtet, zum Beispiel Stefan Niggemeier, der sich mit BILDBLOG und FAS-Kolumne für mediale Reinheit einsetzt?
Niggemeier verfasste als Co-Autor das Drehbuch zum ECHO 2010 [...] Kann ein Wertewart wie Niggemeier gleichzeitig fürs Buch kassieren, um die Woche drauf wieder ganz und gar unabhängig über die ARD zu berichten? Klare Sache: BILDBLOG hätte gnadenlos draufgedroschen.” (Hajo Schumacher heute in V.i.S.d.P. Nr. 153.)

Kann ein Medienjournalist, der sich für seinen Medienjournalismus bezahlen lässt, anderntags wieder unabhängig tun und über Medien und Journalismus berichten, von denen er sich zuvor aushalten ließ? Kann sich ein hübscher Journalist für seine Fernsehpräsenz bezahlen lassen, um die Woche drauf wieer ganz und gar unabhängig über das Fernsehen herzuziehen?
Darf sich ein Medienschaffender von einem der wichtigsten Journalismus-Konzern der Republik – dem Spiegel – bezahlen lassen, über den er eigentlich berichten müsste?

Ein Bild – idiotischer als tausend Worte

Montag, 25. Januar 2010
evangelisch.de - Verkündigungsstark?

evangelisch.de - Verkündigungsstark?

Journalisten sind merkwürdige Menschen, wir uns hier als Leser und Schreiber Betätigende wissen es. Was aber zumindest wir Schreiber gerne noch wüssten: Was sind das für Menschen, die einen Text über Journalisten und Journalisten-Schüler mit einem “ziemlichen Einheitsbrei”-Foto einer Internet-Billig-Agentur zumanschen, das mit Sicherheit kein Spiegel des Journalismus ist?


WP SlimStat