Archiv für die Kategorie ‘kurz kommentiert’

Dem Minister sein Sohn ist mir wurscht

Donnerstag, 20. Januar 2011

Das Spiel haben wir ja täglich in den Medien: Sohn von Schauspielerin betrunken am Steuer erwischt, Ex-Mann von Hmhmhm hat Pickel am Po, und nun rappt der Sohn eines Ministers standard-dreckige Zeilen und prahlt mit seinem Wodka-Konsum.
Ich kann mir die Freude des “Enthüllers” ja vorstellen, aber: der Sohn von einem Promi ist kein Medienthema, nur weil er der Sohn ist. Wenn seine Musik, sein Facebookprofil oder sonstetwas auch ohne jeden Bezug zum Vater berichtenswert ist – okay. Aber ansonsten geht es nicht nur darum, dasss Promikinder sich austoben können müssen wie alle anderen auch – es ist auch billigst, die Eltern damit zu konfrontieren, über Erziehungsmängel, Durchsetzungsschwäche und ähnliches zu spekulieren.
Wir sind ja immer gegen Einschränkungen der Berichterstattungsfreiheit – und oft geht uns die gerichtliche Durchsetzung von Persönlichkeitsrechten viel zu weit. Dabei wird in dem aktuellen Fall – wie bei den meisten ähnlichen Konstellationen – selbst von scharfen Promi-Anwälten nicht viel zu holen sein (hoffentlich jedenfalls): was da berichtet wird, ist völlig legal.

Aber es sollte dem journalistischen Berufsethos widersprechen. Journalisten sollten längst nicht alles, was sie wissen, herausposaunen. Es gehört eben nicht jede Beobachtung in eine Reportage, nicht jeder Satz aus einem Gespräch als Zitat in den Bericht. Und es gehören Promi-Kinder überhaupt nicht in die Medien.
Wenn Süddeutschen Zeitung und Abendzeitung an einem Innenminister nicht mehr zu kritisieren haben, als dass dessen volljähriger Sohn nicht ganz der journalistischen Vorstellung eines Innenminister-Zöglings entspricht, dann sollten sie vielleicht einfach zwei, drei Schmuckbilder mehr drucken oder auch Mut zur Freiflächen haben, Weißraum zum Nachdenken über die Welt und ihre Probleme – dann füllt sich das schon wieder, irgendwann.
(Timo Rieg)

Die neuen Alten

Montag, 17. Januar 2011

Neu am Start oder bereits erfahren – so unterscheidet Spiegel-Online die Nutzer des Diskussions-Forums. “Neu” ist man dort allerdings auch, wenn man schon 2 Jahre dabei ist – oder erst 7 Monate, in denen man – rätselhafte – 2597 Beiträge geschrieben hat.  Vielleicht wäre hier doch eine qualitative Gewichtung (User-Response) hilfreicher.

Pressewahnsinn (Hinweise)

Donnerstag, 13. Januar 2011

* Hysterie: Wolfs-Hatz in Gießen – Berichterstattung außer Kontrolle

* Ausfall: Schwänze bei Media, Frauenspalten bei der taz sowie “unten ohne”-Begeisterung beim Spiegel (bzw. MM) (übrigens alle 1 - 2 - 3 Beiträge mit der 8-Bild-Klick-Reihe)

* Abgang bzw Neuzugang: Marvin Oppong und die Carta-öffentliche Peinlichkeit

Alpha-Journalisten killen Meinungsfreiheit

Sonntag, 09. Januar 2011

Journalist ist einer der gefährlichsten Berufe der Welt. Schon als Schüler wurde ich mit dem Berufstod bedroht: “Sie haben das letzte Mal für eine Zeitung geschrieben, dafür sorge ich” brüllte mir der Vorsitzende eines Kleintierzüchtervereins das Hirn aus dem linken Ohr heraus, weil ich in einem Anflug von Kommentarsucht – durchaus mit Wahrheitsliebe koitierend – von meinem Besuch in einem “nicht sonderlich attraktiven Vereinheim” geschrieben hatte.
Einer meiner Volontariats-Ausbilder ist dem Tod gleich mehrmals nur knapp entkommen – einmal stand der Bürostuhl nicht dort, wo er ihn – bereits im Niederlassen begriffen – wähnte, mal war eine Stufe aus dem Boden gewachsen, als er nach ausgedehnter Mittagspause mit heftig gegen den Wind wehender Fahne in die Redaktionsstube zurücktorkelte. In Deutschland sterben jedes Jahr mehr als 1.000 Journalisten – die meisten von ihnen sind allerdings seit längerem nicht mehr im Dienst.
Und so liegt es gut im Trend, dass der Deutsche Journalistenverband jetzt mit einem Film der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte für den lebensgefährlichen Job wirbt:

Reporter ohne Grenzen, das Komitee zum Schutz von Journalisten oder die International Federation of Journalists bringen regelmäßig die Zahl getöteter Journalisten in die Medien. Rund 50 waren es im Jahr 2010. Kann man mal erwähnen.

Der Pressefreiheit in Deutschland bringt das allerdings wenig. Auch der kurze Werbefilm lenkt völlig davon ab, was in Deutschland die freie Meinungsäußerung bedroht (und für die ja keineswegs in erster Linie Journalisten zuständig sind). Denn da ist sicherlich zunächst einmal das redaktionelle Desinteresse, der Mainstream bei Themen und Kommentaren und die unglaubliche Selbstgenügsamkeit unserer “Alpha-Journalisten” zu nennen.
Die Meinungsfreiheit wird in Deutschland durch einen Zivilgerichtsbürgerkrieg und gelegentlich auch strafrechtliche Verfolgung behindert.
Die Pressefreiheit wird durch Privatisierung von öffentlichem Raum, behördliche “Verschlusssachen” und professionell gespielte Ahnungslosigkeit gefährdet, durch den Mangel an Redaktionskonzepten, die Globalkapitalisierung von Pressehäusern und die journalistische Interesselosigkeit von Sendern.
Medienblogs, Medienseiten und Medienmagazine präsentieren regelmäßig genug Anhaltspunkte, was (journalistische) Meinungsfreiheit gefährdet. Gewehrkugeln sind äußerst selten dabei. (HV)

Chaostage: Nachts war alles dunkel

Samstag, 25. Dezember 2010

“Und plötzlich fiel dann von oben Wasser herab. Meine Frisur war dahin, meine Papier-Einkaufstüte riss, die Konserven rollten über den Parkplatz – es war ein Bild des Grauens.” Müssen wir uns so die künftige Spiegel-Online-Berichterstattung zu dem Naturvorgang “Regen” vorstellen? Das intellektuelle Level ist jedenfalls mti dem journalistisch ausgerufenenen Schnee-Notstand erreicht. (weiterlesen…)

Zuviel PR bei evangelisch.de

Samstag, 11. Dezember 2010

Was “evangelisch.de” eigentlich will, ist mir vom Start an unklar (was mich aber nicht überrascht, schließlich ist auch hier Arnd Brummer verantwortlich, der schon als Chefredakteur des Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatt Profil vermissen ließ) – aber das gehört hier nicht hin. Unter dem journalistischen Gesichtspunkt ist ein zentrales Problem, dass bei evangelisch.de redaktionelle Teile und PR nahtlos ineinanderübergehen.

Dass Pressemitteilungen unverändert übernommen werden, kommt auch bei anderen Medien vor und ist nicht weiter tragisch – wenn es entsprechend gekennzeichnet wird. evangelisch.de geht aber noch weiter und lässt sich gleich von (kirchlichen) Pressestellen beschicken (so etwa in der sehr lückenhaften Rubrik “Regionales”).

Andererseits geben die wenigen Redakteure manchmal einen durchaus persönlichen Laut von sich (Henrik Schmitz: “Beim Bauer-Verlag denkt man offenbar, dass man Verstopfung am besten mit Dünnpfiff beikommt”).
Zumindest wenn das Portal auch als journalistisches Medium ernstgenommen werden möchte, müsste hier sauber getrennt werden: was ist (kommentierte) Recherche, was ist Verlautbarung. (Tg)

Medienquatsch zum Wetten-dass-Unfall

Sonntag, 05. Dezember 2010

Retter kamen 23 Sekunden zu spät beim ZDF-Fernsehdrama (HV)

FR lässt sich von Kanzlerin nicht kaufen

Mittwoch, 17. November 2010

Wenn das nicht mal Unabhängigkeit dokumentiert: Die Frankfurter Rundschau weist in ihrer Online-Kritik zu einer Anzeigenkampagne der Bundeskanzlerin nicht nur darauf hin, dass auch die FR die kostenpflichtige Anzeige gedruckt hat – eine Online-Werbevariante umrahmt den Text.

Rahmstorf sieht weiter anthropogenen Klimawandel

Mittwoch, 10. November 2010

Korrekturverweigerung spricht für Propaganda

Zu den Schattenseiten des Internets gehört bekanntlich, dass sich nicht nur Informationen und Meinungen, sondenr auch Blödsinn sehr schnell verbreiten (lassen). Da sich in folgendem Fall die Verbreiter mal wieder weigern, einen Korrekturhinweis anzubringen oder wenigstens eingesandte Kommentare freizuschalten, hier als kleiner Hinweis:

Die Überschrift “Rahmstorf vom PIK bestätigt: Anthropogenen Klimawandel gibt es nicht!” klingt natürlich sensationell – so sehr, dass jeder, der sich schon mal ernsthaft mit der Forschung zum Klimawandel beschäftigt hat sehr stutzig werden muss. Welch bahnbrechend neuen Erkenntnisse liegen Professor Stefan Rahmstorf vom Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung (PIK) vor, dass er eine 180-Grad-Wende machen muss?

Die Meldung hatte “EIKE” verbreitet, “ein Zusammenschluss einer wachsenden Zahl von Natur-, Geistes- und Wirtschaftswissenschaftlern, Ingenieuren, Publizisten und Politikern, die die Behauptung eines „menschengemachten Klimawandels“ als naturwissenschaftlich nicht begründbar und daher als Schwindel gegenüber der Bevölkerung ansehen.” (Selbstbeschreibung) Zahlreiche Blogs hatten die Meldung übernommen und findet sich bereits als Argumentation auf Leserbriefseiten der Tageszeitungen.

Rahmstorf selbst geht im Wissenslog auf die Falschmeldung ein:

Was ist los? Bin ich endlich umgekauft worden? Immerhin haben US-Firmen allein in den letzten 18 Monaten eine halbe Milliarde Dollar (!) für Lobbyarbeit gegen ein amerikanisches Klimaschutzgesetz ausgegeben.

Rahmstorf führt kurz – und sehr nachvollziehbar – auf, in welchen Punkten er falsch interpretiert wird. Sein Abschlusskommentar:

Leider kann ich also nicht bestätigen, dass es keinen anthropogenen Klimawandel gibt – und schon gar nicht folgt dergleichen aus meinem Paper zu Dansgaard-Oeschger-Ereignissen aus dem Jahr 2003. Dagegen bestätigt dieser Internet-Artikel wieder einmal die alte Binsenweisheit, dass die Verleugner einer anthropogenen Erwärmung keine vernünftigen Argumente haben – würden sie sonst zur absurdmöglichsten Tatsachenverdrehung greifen?

Seniorenresidenz Kölnische Rundschau

Sonntag, 17. Oktober 2010

Es ist nicht unsere schönste Zielvorstellung, JournalistInnen weniger verdienen zu lassen. Aber wir müssen angesichts der wirtschaftlichen Situation schnell wirksame Kostenentlastungen erzielen. [..] Vor allem brauchen wir günstigere Einsteiger-Gehälter, damit wir auch jüngere Journalisten dauerhaft übernehmen können. (Helmut Heinen, Herausgeber der Kölnischen Rundschau und Präsident des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger, BDZV, im taz-Interview)

Wer mit festem Gehalt in den Journalismus einsteigt, also wohl als Volontär oder ggf. als “Jungredakteur”, hat heute in der Regel viele Jahre freie Mitarbeit hinter sich, Studium und Praktika. Es gibt zwar immer noch etwas zu lernen, aber diese “Einsteiger” sind bereits ausgebildet, haben Erfahrungen – und bringen jede Menge Power mit, konkret auch viel Engagement für unbezahlte Überstunden (zuhause wartet eh noch keine Familie).
Da spricht wirklich nichts dafür, das Gehalt gegenüber den älteren Mitarbeitern zu senken. Was angemessen ist, ist eine andere Frage. Aber die richtige Tarifstruktur wäre: am Anfang mehr zahlen, später weniger (die Koryphäen wären davon nicht betroffen, die werden ohnehin außertariflich bezahlt).
Es braucht zum Einstieg in die Unabhängigkeit von Eltern und prostitutionsnahen Nebenjobs, für den Aufbau einer “eigenen Existenz” schlicht mehr Geld, als mit paarundfünfzig Jahren, wenn die Kinder aus dem abbezahlten Haus raus sind und es Journalistenpreise ohnehin nur noch “fürs Lebenswerk” gibt (prämortale Nachrufe).
Heinen darf als publizistischer Großgrundbesitzer gerne (naja!) viel Geld einstreichen. Aber Zeitungshäuser als Seniorenresidenz haben sicherlich keine Zukunft.


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