Archiv für die Kategorie ‘kurz kommentiert’

Falschinformation im Fall Edathy

Donnerstag, 05. März 2015

Der Strafprozess gegen Sebastian Edathy ist eingestellt worden, und viele Kommentatoren schäumen – die meisten über Edathy selbst (“mieses Schwein“, “erbärmlicher Sack“, Dreckschwein, Ratte, Kinderficker, “möge ihm der Dödel abfaulen“…), einige aber auch über die Edathy-Kommentierer (“Volksseele kocht” und mit welchem Recht etwa Til Schweiger eine Meinung zu dem Thema habe). Natürlich sind da jetzt auch die mahend-staatstragenden Journalisten: alles habe seine rechtmäßige Ordnung, die Einstellung nach § 153a StPO sei nichts Besonders, kein “Promi-Bonus”. Doch das Gros der Leute schäumt eben.

Und warum? Weil die journalistische Berichterstattung von Anfang an Edathy verurteilt hat, indem sie – ohne weitere Erklärungen, ohne Belege – von “Kinderpornografie” spricht. Das regt die Fantasie an und – um im Tenor der Facebook-Community zu sprechen – vor dem Ergebnis muss sich ekeln, wer nicht als strafbar pervers gelten will. Da ist es natürlich ein Schock, wenn ein Gericht einfach das Verfahren einstellt, sagt: alles nicht sehr bedeutsam.

Die derzeitige öffentliche Empörung über die Einstellung des Strafverfahrens gegen Edathy liegt schlicht und ergreifend in der über ein Jahr lang praktizierten Desinformation. Mit zwei simplen, stets zu fordernden Maßnahmen wäre dem jederzeit zu begegnen gewesen:
a) Ersetze willkürlich definierte Schlagworte durch klare, möglichst wertungsfreie Beschreibungen. Schreibe statt “Kinderpornographie”, was zu sehen ist auf den Fotos und Videos, die so pervers sein sollen, dass sich sogar der sonst analytisch scharfe Volker Pispers völlig vergaloppiert und von “seltsamen Neigungen” und “abscheulichen” Taten spricht.
b) Zeige, worüber du dir als Journalist eine Meinung gebildet hast, damit sie nachvollziehbar und der eigenen Meinunbsbildung nützlich wird.
Das ist nicht geschehen. Derzeit dürfte jede Abbildung eines nackten Minderjährigen als “Kinderpornografie” (§ 184c StGB) gelten, weil als “unnatürlich geschlechtsbetonte Körperhaltung” vielen alles gilt, was die primären Geschlechtsmerkmale überhaupt sichtbar werden lässt – und da sind wir längst nicht mehr beim Schutz von Minderhährigen vor sexueller Ausbeutung und Missbrauch, sondern in einer geisteskranken Welt, die spielerischen Mord und Totschlag schon zum Frühstück für Ausdruck von Liberalität hält, mit dem Erscheinungsbild unverletzter Menschen aber sehr schnell an ihre nervlichen Grenzen stößt – und in der sexuelle Handlungen zwischen Jugendlichen nicht einmal mehr in einem Roman beschrieben werden dürfen. (Die neue Pönalisierung von “Jugendpornografie” hatte die Medien seinerzeit äußerst wenig interessiert, wie wohl es gut begründete Warnungen gab.)

Es sollte den mit der Edathy-Berichterstattung befassten Journalisten peinlich sein, dass ihnen nun, hernach, Thomas Fischer, Vorsitzender Richter am Bundesgerichtshof (2. Strafsenat), erklären muss, was sie seit einem Jahr nicht verstanden haben*) – und das auch noch in selten zu lesender Positionierungsfreude (“Vielleicht sollten diejenigen, die ihn [Sebastian Edath] gar nicht schnell genug in die Hölle schicken wollen, vorerst einmal die eigenen Wichsvorlagen zur Begutachtung an die Presse übersenden.”]

*)= “Er hat, nach allem, was wir wissen, nichts Verbotenes getan.” (Zeit.de)

Siehe zum Thema auch: “Edathy soll brennen” (Heinrich Schmitz, Strafverteidiger, in The European)
Siehe auch unseren nächsten Eintrag zur LKW-Werbung mit Kritik am Edathy-Prozess.
10. März: Fischer hat sich erneut geäußert. Der letzte Absatz seiner unnötig lang geratenen Kritik ist etwas bizarr:

Wäre ich Inquisitor auf der Suche nach dem nächsten vom Teufel der Wollust Besessenen – ich wüsste, bei wem ich mit der Folter anfinge: bei denen, die am lautesten über Edathys “Buben” und die süßen 14-Jährigen wehklagen.

Aber ansonsten begründet er nochmal deutlich, dass die Einstellung des Verfahrens gegen Edathy mit einer Geldauflage völlig normal ist – und derzeit nichts die Annahme rechtfertig, hier sei Recht gebeugt worden und ein Verbrecher habe sich von seiner gerechten Strafe freikaufen können. Der medienkritische Aspekt kommt bei Fischer aber etwas kurz. Schließlich wird gebetsmühlenartig behauptet, eine freie Presse sei unverzichtbar für eine Demokratie. Doch was folgt daraus, wenn eine freie Presse es offenbar nicht schafft, halbwegs vernünftig über ein Strafverfahren zu berichten, wenn sich also offenbar hunderttausende oder gar Millionen über eine korrpute, unfähige Justiz erregen – obwohl im konkreten Fall dafür jeder Anhaltspunkt fehlt?

Nachtrag 15. März:

“Nimmt man die Unschuldsvermutung als Recht »für« einen Menschen Ernst, muss dies bedeuten, dass eine wegen einer Straftat angeklagte Person zwar während des Strafverfahrens mit einem Tatverdacht belastet werden kann, soll dieser doch gerade in jenem Verfahren aufgeklärt werden. Nach Ende des Strafverfahrens endet für ihn aber jene Möglichkeit der Verdachtsaufklärung, so dass aus dem »ehemals Verdächtigen« nicht – und zwar auch nicht in Einstellungs- und Kostenentscheidungen mehr oder weniger versteckt – ein »weiterhin Verdächtiger« gemacht werden darf, sondern dieser vielmehr von der Last eines Zweifel an seiner Unschuld durchscheinenden Tatverdachts zu befreien ist.” (Prof. Dr. Daniela Demko (LLM), Luzern: Zur Unschuldsvermutung nach Art. 6 Abs. 2 EMRK bei Einstellung des Strafverfahrens und damit verknüpften Nebenfolgen)

 

Zur Berichterstattung um das Attentat auf Charlie Hebdo

Samstag, 10. Januar 2015

Anmerkungen zur medialen Aufarbeitung: Ihr seid mitnichten Charlie (Tg)
Pro Meinungsvielfalt und gegen Sprachkodices: “I am not Charlie Hebdo” (David Brooks, NYT)
Ebenfalls: “Nein, wir sind nicht ‘Charlie Hebdo’… (Cas Mudde; Original)

Satire dazu: “Polizei geht mit Atomraketen gegen islamistische Terroristen vor” (Helgoländer Vorbote, Archiv)

Hinweise

Donnerstag, 23. Oktober 2014

* “Katzen in den Kochtopf” ist eine schön provozierende Überschrift. Der Beitrag darunter ist allerdings argumentativ äußerst schwach. Und was die taz damit beitragen will, ist auch unklar – jedenfalls ist Heiko Wernings Text keine große Satire.

* Medienkritik der anderen Art: “Unwürdiger Blumensex auf Kosten der Steuerzahlerinnen” (HV)

Lesebeute

Dienstag, 30. September 2014

# Stefan Niggemeier kritisiert, dass der SPIEGEL eine Missbilligung des Presserats nicht publiziert. Es bestehe dazu zwar keine Pflicht, sei jedoch Ausdruck fairer Berichterstattung. Der Presserat hatte im SPIEGEL-Cover vom 28.Juli (“Stoppt Putin jetzt”) eine Verletzung von Persönlichkeitsrechten der abgebildeten Opfer des Fluges MH17 gesehen.

# Uns ging es zwar in erster Linie um Transparenz, aber die kritischen Fragen, die sich nun die Spiegel-Online-Redaktion öffentlich gestellt hat, waren in “Missing Link” schon angedeutet. Für Rechercheprofis haben die SpOn-Leute wenig Antworten gefunden. Sie müssen nicht die Verantwortung für Extremsportler übernehmen, sie gar aufhalten, wie es SpOn als Option durchspielt – sie sollten nur nicht überrascht sein, wenn es kein Happy End gibt. Das war auch vor vier Jahren bei Samuel Koch’s Wetten-dass-Unfall die einzig spannende Frage: wird ein Unfall gar nicht einkalkuliert, wenn jemand auf Sprungfedern über ein heranbrausendes Auto hüpfen will?

 

Grund zur Freude

Montag, 22. September 2014

Der Griff zur Floskel ist meist einer fundierten Ahnungslosigkeit geschuldet, die eine klare Aussage nicht zulässt. Gelegentlich lässt der Floskelgebrauch allerdings auch eine sehr klare Meinung erkennen – unfreiwillig. Claudia Keller eröffnent im Tagesspiegel einen Kommentar mit den Worten:

“Das Image des Islams ist schlecht wie nie – doch ein Grund zur Freude ist das nicht.”

Mit einem so herzigen Freud’schen ist alles gesagt – und sie kann sich den Rest gleich sparen.

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Sind Kinderpornos Kunst?

Mittwoch, 06. August 2014

* Was sollen Meinungsumfragen zeigen? Meinungen vermutlich. Dass die Ergebnisse wesentlich von der Fragestellung abhängen, ist bekannt. Was noch nicht jedem bekannt ist: Meinungen über Tatsachen sind irrelevant. “Sind Dienstage Ihrer Ansicht nach Werktage?” “Ist Angela Merkel deutsche Bundeskanzlerin?” Oder eben auch: Ist Die ZEIT eine Zeitung?

* Mit dem richtigen Maß an Distanz und Nähe hatte es Simone Schmollack von der taz nicht so bei der Vermeldung einer bundesweiten “Razzia”. “Kinderpornoring aufgeflogen” titelt das Blatt definitiv falsch. Denn was es zu diesem Zeitpunkt vermutich gab, waren Hinweise, die den zuständigen Gerichten für die Genehmigung von Hausdurchsuchungen genügten (die Berichterstattung auch anderer Zeitungen schweigt dazu, obwohl man bei der gleichzeitigen Durchsuchung von 125 Wohnungen in 13 Bundesländern als Journalistin vielleicht doch auch einen Blick auf die Rechtsgrundlage werfen und sich ggf. zwei Gedanken über die Verhältnismäßigkeit machen sollte ). Was immer die Fahnder nun beschlagnahmt haben (die Rede ist von 260 Computern, 850 externen Speichermedien wie Festplatten, 150 mobilen Geräte wie Tablets und Smartphones und rund 7500 CDs oder DVDs): es wird nicht nur deren Auswertung noch lange dauern, sondern es haben Gerichte (in öffentlichen Verhandlungen) zu prüfen, ob und ggf. wer sich strafbar gemacht hat. Deshalb gibt es bislang keine Täter, sondern nur Verdächtige bzw. Beschuldigte, allerdings hoffentlich nicht allzuviele nur “mutmaßlich Beschuldigten“, wie die taz schreibt.

Zum Thema Kinderporno siehe auch:
Medien-Hype um Edathys Kinderpornos (auch im aktuellen Fall wird nicht angedeutet, um was es sich genau handeln soll)

* Dass auch der Teaser einer Meldung ausgewogen sein müsse, habe das Landgericht Köln entschieden, meint Mandanten-Lobbyist Ralf Höcker. Der hatte eine Einstweilige Verfügung gegen BILDplus erwirkt, weil ihm der Werbetext vor der Bezahlschranke zu einseitig war. Höcker:

“BILD muss seine Anreissertexte demnächst also entweder ausführlicher formulieren oder darf gewisse Inhalte überhaupt nicht mehr hinter einer Bezahlschranke verstecken.”

Eine solche Grundsatzentscheidung ist aus einer Einstweiligen Verfügung sicherlich nicht herauszulesen. Zudem wird der Beschluss zurecht auch kritisiert. Es wäre ein weiterer Baustein im Bollwerk der Privatzensierer, wenn nun durch Richterrecht explizite Vorgaben für Teaser (und dann als nächstes wohl auch Überschriften) gemacht würden. Wenn es zu einem Hauptsacheverfahren kommt, sollten sich die beteiligten Richter auch endlich mal selbst beschränken und sich nicht als Sprachgutachter versuchen (wie praktisch immer), sondern Sachverständige dazurufen. Denn aus journalistischer Sicht ist an dem BILDplus-Teaser nichts zu beanstanden, der da lautete: “Peinlich, peinlich, Herr Politiker! Kontrolleure erwischten den ehemaligen Grünen-Landtagsabgeordneten Daniel Mack (27) als Schwarzfahrer. Doch dabei bleibt’s nicht – jetzt ermittelt die Frankfurter Polizei gegen den Kommunikationsberater.” (zit. nach Meedia) (Zur Qualität und ggf. Unzulässigkeit der BILD-Berichterstattung in diesem Fall insgesamt äußern wir uns hier nicht!) Ausführlicher ist der Fall z.B. beim Darmstädter Echo zu lesen.
Aber fragen wollen wir denn doch noch, ob sich Ursula Scheer denn das Kölner “Urteil” wirklich durchgelesen hat, das sie in der FAZ interpretiert.

* Gerne gelesen haben wir, dass die satirische Wanderhure nicht mehr weg sein muss. Sie genießt Kunstfreiheit.

* Dass der DJV immer noch die “Bild-Leserreporter” als Bedrohung des Journalismus’ sieht, wundert allein ob der Hartnäckigkeit. Bringt nicht jede Lokalzeitung – auch außerhalb des Sommerlochs – gerne Leserfotos von Tieren, Gewittern und Schilderwäldern – vom wichtigen Zulieferbetrieb Feuerwehr (2; 3) ganz abgesehen?

 

Der dito-Spam

Sonntag, 20. Juli 2014

Facebook-Beiträge deutschsprachiger Medien werden seit einigen Stunden mit einem standardisierten Protesttext konfrontiert:

Ich spreche mich hiermit gegen die Pro-israelische Berichterstattung deutscher Medien aus. Ich spreche mich hiermit gegen die Verharmlosung des Genozids an den Palästinensern aus… (Forts. unten *)

Die Redaktion von Süddeutsche.de hält diese Copy&Paste Kommentare schlicht für Spam:

sz-spammingMan mag es in der Tat etwas nervig finden, wenn sich plötzlich unter allen möglichen, thematisch weit entfernten Artikeln der immer gleiche Kommentartext findet**? Aber: ist das nicht die typische Form von Massenprotest (und nach Spam-Bots sieht es nicht aus)? Auch wenn dieser Protest “gesteuert” ist (Campaigner würden wohl von “initiiert” sprechen) und die meisten Poster die deutschsprachige Berichterstattung wohl gar nicht kennen. (Kampagnenbild;

Es ist die digitale Form der “Protestpostkarte”, die sonst sackweise im Kanzleramt und bei anderen Macht- oder Konzernzentralen eingeht.

Die Süddeutsche Zeitung vermisst die “inhaltliche Auseinandersetzung”. Nun, die will man bei solchen Protestaktionen doch nun tatsächlich nicht individuell führen. Ob Breife zur Freilassung politischer Gefangener (mit vorgegebenem Text von amnesty international) oder ein Protestklick bei einer campact-Aktion: wer da mitmacht, zeigt auf einfache, schnelle Art und Weise seine Meinung.
Verbannen (verbergen) kann man die Kommentare gerechtfertigter Weise überall dort, wo sie gar nicht zum Thema passen (der Aufruf taucht auch bei Coca Cola und vielen anderen auf), – weil es genügend passende Anknüpfungsartikel gibt. Aber neben sicherlich vielen Fake-Accounts, die da augenblicklich “kommentieren” schließen sich ganz offensichtlich auch reale Menschen dem Protest an. Das sollte man nicht einfach gedanklich blocken.

Über die Einseitigkeit der deutschen Berichterstattung zum neuen Krieg in Gaza mag man streiten. Was aber unstreitig sein dürfte: dass es den kommerziellen = professionellen Medien in den letzten Jahrzehnten nicht gelungen ist, über den Grundkonflikt so zu informieren, dass man nicht bei jeder Gelegenheit wieder alles neu durchkauen müsste, als gäbe es den Israelisch-Palästinensichen-Konflikt erst seit drei Tagen. Dass man in jeder Debatte die gesamte Bandbreite von Meinungen dazu antrifft zeugt wenig von der ewig beschworenen “Orientierungsleistung” der Medien. Und manches, was sie publizieren, wirkt auch eher orientierungslos. So wie der (augenblickliche) Ärger der SZ-Leute.

*=Der vollständige Protesttext:

“Ich spreche mich hiermit gegen die Pro-israelische Berichterstattung deutscher Medien aus.
Ich spreche mich hiermit gegen die Verharmlosung des Genozids an den Palästinensern aus.
Fakten und Beiweise hierzu, werden von den Medien bewusst unter den Tisch gekehrt. Ohne Erfolg.
Israel hat erneut Phosphorbomben eingesetzt.
Der Einsatz von Brandwaffen gegen Zivilpersonen bzw. in einer Art und Weise, in der es leicht zu sogenannten “Kollateralschäden“ kommen kann, ist entsprechend den Zusatzprotokollen von 1977 zu den Genfer Abkommen von 1949 verboten.
Diese Protokolle hat Israel NICHT unterzeichnet. Warum nicht?!
Israel verstößt somit auch gegen die Chemiewaffenkonvention.
Ich fordere die Medien und die deutsche Regierung auf, nicht länger in MEINEM NAMEN zu sprechen.
Ich teile nicht die Ansicht der Bundesregierung, dass Israel sich bloß “verteidige”.
Ich spreche mich ganz klar gegen diese Lüge aus.
Ich lasse mich nicht länger manipulieren und zum Narren halten.
Ich bin aufgewacht und euer Plan fruchtet nun nicht mehr.”

**= Man nennt es wohl auch Flashmob
spam-oder-flashmob

Updates:

tagesschau.de sieht es wie sueddeutsche.de auf Facebook (Sonntag, 23 Uhr):
spam-nahost-tagesschau

Online-Abos für Kleinmagazine

Dienstag, 13. Mai 2014

Krautreporter: Der Ansatz ist überraschend wenig originell. Journalisten und Autoren wollen sich von Lesern per Abo bezahlen lassen – und deshalb auf Werbung und Verlag etc. verzichten. Dazu gab es nun schon zig Versuche, sprich vor allem: Bezahlmodelle. Im Kern unterscheidet sich das Projekt gar nicht von dem, was Verlage machen: Sie sammeln Content-Lieferanten in solcher Zahl und Qualität, dass sie sich als Paket unter einer Marke verkaufen lassen. Das ist entweder Mainstream (Publikumspresse) oder Special Interest (Fachpresse). Auch bei diesem Modell hat der einzelne kleine, feine Beitrag keine Chance, die abweichende Meinung ist natürlich nicht gefragt (weil sie die Kunden eben nicht haben wollen), und es ist nur Platz für einige wenige Medien dieser Art (weil es keine regionale Begrenzung gibt und das Internet Monopole fördert). Damit ist die Idee von Krautreporter nicht schlecht – sie ist nur einfach nicht originell. Eher elitär. Aber das braucht’s ja auch im Wischiwaschinetz.

Mehr Notizen zu Informationsflut, Lewitscharoff und Google’s Löschpflicht bei Tg.

Kirchliche Glanzkommunikation

Samstag, 07. Dezember 2013

* Die Kritik des scheidenden KEP-Geschäftsführers Wolfgang Baake am “Wort zum Sonntag” vom 1. Advent war methodisch völlig daneben. Dies ist bereits hier notiert: Evangelikaler Obrigkeitsknüppel.
Medienkritisch ist noch anzumerken, dass die Nachrichtenagenturen offenbar nur auf der Grundlage einer Pressemitteilung der KEP berichtet haben. Zumindest KNA hat auf Anfrage bestätigt, dass ihnen nicht das vollständige Beschwerdeschreiben von Baake vorlag. Dies wäre m.E. allerdings zwingende Bedingung, um das Ganze überhaupt aufzugreifen. Denn man sollte schon wissen, welche Behauptungen, Forderungen, Drohungen oder sonstwas Baake in sein Schreiben an den EKD-Medienbeauftragten gepackt hatte. Wenn eine PR-treibende Organisation in der eigenen Pressemitteilung einen (offenen) Brief erwähnt, diesen aber nicht veröffentlicht, muss dies zum Berichterstattungsausschluss führen (oder natürlich zur Recherche nach dem geheimen Brief).

* In der Werbung für ein Interview mit dem aus der katholischen Kirche ausgetretenen Theologen Frido Mann greift die Evangelische Sonntagszeitung (esz) mutig einen Satz aus dem Interview auf und titelt: “Papst Franziskus ist ein Showmaster”. Eine vergleichbar provokante Aussage zu einem protestantischen Kirchenchef dürfte man in der Publikation vergeblich suchen. In der Online-Fassung lässt die Kirchenzeitung dann auch noch genau die Passagen weg, die sich kritisch mit der evangelischen Kirche beschäftigen. Sachlich falsch ist daran nichts, aber schlechten Stil muss man den evangelischen Publizisten in diesem Fall schon bescheinigen.

Gaga-Journalismus

Donnerstag, 24. Oktober 2013

Nachrichten, die keinen Menschen interessieren, produzieren Menschen, die keinen interessieren, schon so reichlich, dass es keiner beruflichen Gaga-News-Produzenten bedarf. Deshalb ist eine Trauerfeier am Sarg des falschen Verstorbenen unbedingt nicht zu einer Nachricht zu verarbeiten, wie es dpa geschafft hat.

Eigentlich sollte man noch konsequenter sein und sämtliche Meldungen aus dem journalistischen System verbannen, die auch aus der Tastatur untalentierter Schriftsteller stammen könnten. Denn der einzige News-Wert solcher Meldungen wäre, dass sie sich zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort tatsächlich ereignet haben. Auto fährt gegen Baum, Opposition kritisiert Regierung, Hund macht Kacka. Zumal duch das gelegentliche Ausbleiben dieser Gaga-Meldungen der Eindruck entstehen könnte, es habe sich das Nichtberichtete tatsächlich auch nicht zugetragen, was meist falsch sein dürfte. Wahrscheinlich werden täglich irgendwo Särge vertauscht.

Und wo wir gerade beim Gaga-Journalismus sind: Wer vom “Führer der freien Welt” schreibt und damit den Präsidenten der USA meint, sollte komplett ins Märchenfach wechseln.