Archiv für die Kategorie ‘kurz kommentiert’

Vernebelte Politikansätze

Mittwoch, 22. April 2015

An dem Tag, an dem sich Retter, die keine Retter mehr sind, sondern nur noch Berger, vor der italienischen Insel Lampedusa bemühen, ein paar Hundert Leichen, Frauen, Kinder, Männer, alle tot, aus einem gekenterten Schiff zu ziehen, sagt knapp zweitausend Kilometer entfernt, in Berlin, der Sprecher des für Flüchtlinge zuständigen Bundesinnenministers, es gehe jetzt um „einen möglichst kohärenten, gebündelten, vernetzten Politikansatz“. Und niemand schreit: Nein! Es geht um Menschen!

Schreibt Cornelie Barthelme sehr beeindruckend in der Frankfurter Neuen Presse.

Aber vermutlich wird das wieder als Politikkommentar missverstanden. Dabei ist es eine sehr treffende Medienschelte. Eine Selbstkritik.

Denn nach allen Regeln der Kunst muss sich Journalismus nicht für irgendwelches Dummgebabbel interessieren. Davon ist die Welt voll. Man darf es als politische Korrespondentin in Berlin ja gerne immer wieder versuchen: Politikern Fragen stellen, ihnen ein Mikrofon vor die Nase halten, mit der Kamera zur Pressekonferenz anrücken. Aber dann müssten Journalisten wohl viel häufiger sagen: “Wie, das ist es, was Sie zu sagen haben? Schade, aber für Blubbblubb haben wir keinen Platz/ keine Zeit/ keine Nerven.”

Und wer behauptet, Dummgebabbel entlarve doch den Ausstoßenden besser als jeder Kommentar, der erinnere sich daran wenigstens bei der nächsten Wahlanalyse und vor dem nächsten Nichtwähler-Bashing.

Korinthe (79): Motorradseelsorger

Dienstag, 14. April 2015

motorradseelsorge-hessenschau

In Hessen weiß man nicht nur: “Das Innere der Leberworscht ist noch geänzlich unerforscht”. Auch manch moderneres vom Menschen geschaffene Werk bietet noch reichlich Erkundungsmöglichkeiten: etwa das Innerste des Motorrads – seine Seele.
Um die kümmert sich aber schon ausweislich einer weit verbreiteten dpa-Meldung ein Pfarrer, nämlich ein “Motorradseelsorger“. Wenn Redakteure einmal sinnvoll redigieren könnten, tun sie’s nicht…

Die sinnentleerende Verkürzung findet sich nicht nur bei BILD (wo alle wieder “typisch” rufen könnten), sondern z.B. auch in der Offenbach-Post, im Web der Hessenschau (HR, Screenshot)​, FNP​, FOCUS Online​ etc.

Eine Hochzeit soll es beim “Anlassen” auch gegeben haben. Ob sich da nun zwei Bikes oder Biker das Ja-Wort gegeben haben,  ist angesichts der Nachrichtenlage nicht sicher zu entscheiden. Jedenfalls hats wohl laut Zoom gemacht.

Deutschland, der grüne Klecks

Donnerstag, 02. April 2015

Ein grüner Klecks inmitten von sehr viel Rot: Die Karte der globalen Staatsschulden zeigt, wie die Eurozone während der vergangenen fünf Jahre in die Krise schlitterte – und wie stabil Deutschland dasteht. Aber wer sind die größten Schuldenmacher?

Soll wohl heißen: Deutschland Superstar. Und in der Titelbild-Grafik zum Spiegel-Online-Beitrag “Weltkarte der Staatsverschuldung” ist tatsächlich der Raum, den man für Deutschland halten mag: grün.

weltkarte-staatsverschuldung-1

Aber wie sieht es in der Detailkarte aus?

weltkarte-staatsverschuldung-2

Und passt das nicht auch besser zur sonstigen Katastrophen-Berichterstattung?

Falschinformation im Fall Edathy

Donnerstag, 05. März 2015

Der Strafprozess gegen Sebastian Edathy ist eingestellt worden, und viele Kommentatoren schäumen – die meisten über Edathy selbst (“mieses Schwein“, “erbärmlicher Sack“, Dreckschwein, Ratte, Kinderficker, “möge ihm der Dödel abfaulen“…), einige aber auch über die Edathy-Kommentierer (“Volksseele kocht” und mit welchem Recht etwa Til Schweiger eine Meinung zu dem Thema habe). Natürlich sind da jetzt auch die mahend-staatstragenden Journalisten: alles habe seine rechtmäßige Ordnung, die Einstellung nach § 153a StPO sei nichts Besonders, kein “Promi-Bonus”. Doch das Gros der Leute schäumt eben.

Und warum? Weil die journalistische Berichterstattung von Anfang an Edathy verurteilt hat, indem sie – ohne weitere Erklärungen, ohne Belege – von “Kinderpornografie” spricht. Das regt die Fantasie an und – um im Tenor der Facebook-Community zu sprechen – vor dem Ergebnis muss sich ekeln, wer nicht als strafbar pervers gelten will. Da ist es natürlich ein Schock, wenn ein Gericht einfach das Verfahren einstellt, sagt: alles nicht sehr bedeutsam.

Die derzeitige öffentliche Empörung über die Einstellung des Strafverfahrens gegen Edathy liegt schlicht und ergreifend in der über ein Jahr lang praktizierten Desinformation. Mit zwei simplen, stets zu fordernden Maßnahmen wäre dem jederzeit zu begegnen gewesen:
a) Ersetze willkürlich definierte Schlagworte durch klare, möglichst wertungsfreie Beschreibungen. Schreibe statt “Kinderpornographie”, was zu sehen ist auf den Fotos und Videos, die so pervers sein sollen, dass sich sogar der sonst analytisch scharfe Volker Pispers völlig vergaloppiert und von “seltsamen Neigungen” und “abscheulichen” Taten spricht.
b) Zeige, worüber du dir als Journalist eine Meinung gebildet hast, damit sie nachvollziehbar und der eigenen Meinunbsbildung nützlich wird.
Das ist nicht geschehen. Derzeit dürfte jede Abbildung eines nackten Minderjährigen als “Kinderpornografie” (§ 184c StGB) gelten, weil als “unnatürlich geschlechtsbetonte Körperhaltung” vielen alles gilt, was die primären Geschlechtsmerkmale überhaupt sichtbar werden lässt – und da sind wir längst nicht mehr beim Schutz von Minderhährigen vor sexueller Ausbeutung und Missbrauch, sondern in einer geisteskranken Welt, die spielerischen Mord und Totschlag schon zum Frühstück für Ausdruck von Liberalität hält, mit dem Erscheinungsbild unverletzter Menschen aber sehr schnell an ihre nervlichen Grenzen stößt – und in der sexuelle Handlungen zwischen Jugendlichen nicht einmal mehr in einem Roman beschrieben werden dürfen. (Die neue Pönalisierung von “Jugendpornografie” hatte die Medien seinerzeit äußerst wenig interessiert, wie wohl es gut begründete Warnungen gab.)

Es sollte den mit der Edathy-Berichterstattung befassten Journalisten peinlich sein, dass ihnen nun, hernach, Thomas Fischer, Vorsitzender Richter am Bundesgerichtshof (2. Strafsenat), erklären muss, was sie seit einem Jahr nicht verstanden haben*) – und das auch noch in selten zu lesender Positionierungsfreude (“Vielleicht sollten diejenigen, die ihn [Sebastian Edath] gar nicht schnell genug in die Hölle schicken wollen, vorerst einmal die eigenen Wichsvorlagen zur Begutachtung an die Presse übersenden.”]

*)= “Er hat, nach allem, was wir wissen, nichts Verbotenes getan.” (Zeit.de)

Siehe zum Thema auch: “Edathy soll brennen” (Heinrich Schmitz, Strafverteidiger, in The European)
Siehe auch unseren nächsten Eintrag zur LKW-Werbung mit Kritik am Edathy-Prozess.
10. März: Fischer hat sich erneut geäußert. Der letzte Absatz seiner unnötig lang geratenen Kritik ist etwas bizarr:

Wäre ich Inquisitor auf der Suche nach dem nächsten vom Teufel der Wollust Besessenen – ich wüsste, bei wem ich mit der Folter anfinge: bei denen, die am lautesten über Edathys “Buben” und die süßen 14-Jährigen wehklagen.

Aber ansonsten begründet er nochmal deutlich, dass die Einstellung des Verfahrens gegen Edathy mit einer Geldauflage völlig normal ist – und derzeit nichts die Annahme rechtfertig, hier sei Recht gebeugt worden und ein Verbrecher habe sich von seiner gerechten Strafe freikaufen können. Der medienkritische Aspekt kommt bei Fischer aber etwas kurz. Schließlich wird gebetsmühlenartig behauptet, eine freie Presse sei unverzichtbar für eine Demokratie. Doch was folgt daraus, wenn eine freie Presse es offenbar nicht schafft, halbwegs vernünftig über ein Strafverfahren zu berichten, wenn sich also offenbar hunderttausende oder gar Millionen über eine korrpute, unfähige Justiz erregen – obwohl im konkreten Fall dafür jeder Anhaltspunkt fehlt?

Nachtrag 15. März:

“Nimmt man die Unschuldsvermutung als Recht »für« einen Menschen Ernst, muss dies bedeuten, dass eine wegen einer Straftat angeklagte Person zwar während des Strafverfahrens mit einem Tatverdacht belastet werden kann, soll dieser doch gerade in jenem Verfahren aufgeklärt werden. Nach Ende des Strafverfahrens endet für ihn aber jene Möglichkeit der Verdachtsaufklärung, so dass aus dem »ehemals Verdächtigen« nicht – und zwar auch nicht in Einstellungs- und Kostenentscheidungen mehr oder weniger versteckt – ein »weiterhin Verdächtiger« gemacht werden darf, sondern dieser vielmehr von der Last eines Zweifel an seiner Unschuld durchscheinenden Tatverdachts zu befreien ist.” (Prof. Dr. Daniela Demko (LLM), Luzern: Zur Unschuldsvermutung nach Art. 6 Abs. 2 EMRK bei Einstellung des Strafverfahrens und damit verknüpften Nebenfolgen)

 

Zur Berichterstattung um das Attentat auf Charlie Hebdo

Samstag, 10. Januar 2015

Anmerkungen zur medialen Aufarbeitung: Ihr seid mitnichten Charlie (Tg)
Pro Meinungsvielfalt und gegen Sprachkodices: “I am not Charlie Hebdo” (David Brooks, NYT)
Ebenfalls: “Nein, wir sind nicht ‘Charlie Hebdo’… (Cas Mudde; Original)

Satire dazu: “Polizei geht mit Atomraketen gegen islamistische Terroristen vor” (Helgoländer Vorbote, Archiv)

Hinweise

Donnerstag, 23. Oktober 2014

* “Katzen in den Kochtopf” ist eine schön provozierende Überschrift. Der Beitrag darunter ist allerdings argumentativ äußerst schwach. Und was die taz damit beitragen will, ist auch unklar – jedenfalls ist Heiko Wernings Text keine große Satire.

* Medienkritik der anderen Art: “Unwürdiger Blumensex auf Kosten der Steuerzahlerinnen” (HV)

Lesebeute

Dienstag, 30. September 2014

# Stefan Niggemeier kritisiert, dass der SPIEGEL eine Missbilligung des Presserats nicht publiziert. Es bestehe dazu zwar keine Pflicht, sei jedoch Ausdruck fairer Berichterstattung. Der Presserat hatte im SPIEGEL-Cover vom 28.Juli (“Stoppt Putin jetzt”) eine Verletzung von Persönlichkeitsrechten der abgebildeten Opfer des Fluges MH17 gesehen.

# Uns ging es zwar in erster Linie um Transparenz, aber die kritischen Fragen, die sich nun die Spiegel-Online-Redaktion öffentlich gestellt hat, waren in “Missing Link” schon angedeutet. Für Rechercheprofis haben die SpOn-Leute wenig Antworten gefunden. Sie müssen nicht die Verantwortung für Extremsportler übernehmen, sie gar aufhalten, wie es SpOn als Option durchspielt – sie sollten nur nicht überrascht sein, wenn es kein Happy End gibt. Das war auch vor vier Jahren bei Samuel Koch’s Wetten-dass-Unfall die einzig spannende Frage: wird ein Unfall gar nicht einkalkuliert, wenn jemand auf Sprungfedern über ein heranbrausendes Auto hüpfen will?

 

Grund zur Freude

Montag, 22. September 2014

Der Griff zur Floskel ist meist einer fundierten Ahnungslosigkeit geschuldet, die eine klare Aussage nicht zulässt. Gelegentlich lässt der Floskelgebrauch allerdings auch eine sehr klare Meinung erkennen – unfreiwillig. Claudia Keller eröffnent im Tagesspiegel einen Kommentar mit den Worten:

“Das Image des Islams ist schlecht wie nie – doch ein Grund zur Freude ist das nicht.”

Mit einem so herzigen Freud’schen ist alles gesagt – und sie kann sich den Rest gleich sparen.

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Sind Kinderpornos Kunst?

Mittwoch, 06. August 2014

* Was sollen Meinungsumfragen zeigen? Meinungen vermutlich. Dass die Ergebnisse wesentlich von der Fragestellung abhängen, ist bekannt. Was noch nicht jedem bekannt ist: Meinungen über Tatsachen sind irrelevant. “Sind Dienstage Ihrer Ansicht nach Werktage?” “Ist Angela Merkel deutsche Bundeskanzlerin?” Oder eben auch: Ist Die ZEIT eine Zeitung?

* Mit dem richtigen Maß an Distanz und Nähe hatte es Simone Schmollack von der taz nicht so bei der Vermeldung einer bundesweiten “Razzia”. “Kinderpornoring aufgeflogen” titelt das Blatt definitiv falsch. Denn was es zu diesem Zeitpunkt vermutich gab, waren Hinweise, die den zuständigen Gerichten für die Genehmigung von Hausdurchsuchungen genügten (die Berichterstattung auch anderer Zeitungen schweigt dazu, obwohl man bei der gleichzeitigen Durchsuchung von 125 Wohnungen in 13 Bundesländern als Journalistin vielleicht doch auch einen Blick auf die Rechtsgrundlage werfen und sich ggf. zwei Gedanken über die Verhältnismäßigkeit machen sollte ). Was immer die Fahnder nun beschlagnahmt haben (die Rede ist von 260 Computern, 850 externen Speichermedien wie Festplatten, 150 mobilen Geräte wie Tablets und Smartphones und rund 7500 CDs oder DVDs): es wird nicht nur deren Auswertung noch lange dauern, sondern es haben Gerichte (in öffentlichen Verhandlungen) zu prüfen, ob und ggf. wer sich strafbar gemacht hat. Deshalb gibt es bislang keine Täter, sondern nur Verdächtige bzw. Beschuldigte, allerdings hoffentlich nicht allzuviele nur “mutmaßlich Beschuldigten“, wie die taz schreibt.

Zum Thema Kinderporno siehe auch:
Medien-Hype um Edathys Kinderpornos (auch im aktuellen Fall wird nicht angedeutet, um was es sich genau handeln soll)

* Dass auch der Teaser einer Meldung ausgewogen sein müsse, habe das Landgericht Köln entschieden, meint Mandanten-Lobbyist Ralf Höcker. Der hatte eine Einstweilige Verfügung gegen BILDplus erwirkt, weil ihm der Werbetext vor der Bezahlschranke zu einseitig war. Höcker:

“BILD muss seine Anreissertexte demnächst also entweder ausführlicher formulieren oder darf gewisse Inhalte überhaupt nicht mehr hinter einer Bezahlschranke verstecken.”

Eine solche Grundsatzentscheidung ist aus einer Einstweiligen Verfügung sicherlich nicht herauszulesen. Zudem wird der Beschluss zurecht auch kritisiert. Es wäre ein weiterer Baustein im Bollwerk der Privatzensierer, wenn nun durch Richterrecht explizite Vorgaben für Teaser (und dann als nächstes wohl auch Überschriften) gemacht würden. Wenn es zu einem Hauptsacheverfahren kommt, sollten sich die beteiligten Richter auch endlich mal selbst beschränken und sich nicht als Sprachgutachter versuchen (wie praktisch immer), sondern Sachverständige dazurufen. Denn aus journalistischer Sicht ist an dem BILDplus-Teaser nichts zu beanstanden, der da lautete: “Peinlich, peinlich, Herr Politiker! Kontrolleure erwischten den ehemaligen Grünen-Landtagsabgeordneten Daniel Mack (27) als Schwarzfahrer. Doch dabei bleibt’s nicht – jetzt ermittelt die Frankfurter Polizei gegen den Kommunikationsberater.” (zit. nach Meedia) (Zur Qualität und ggf. Unzulässigkeit der BILD-Berichterstattung in diesem Fall insgesamt äußern wir uns hier nicht!) Ausführlicher ist der Fall z.B. beim Darmstädter Echo zu lesen.
Aber fragen wollen wir denn doch noch, ob sich Ursula Scheer denn das Kölner “Urteil” wirklich durchgelesen hat, das sie in der FAZ interpretiert.

* Gerne gelesen haben wir, dass die satirische Wanderhure nicht mehr weg sein muss. Sie genießt Kunstfreiheit.

* Dass der DJV immer noch die “Bild-Leserreporter” als Bedrohung des Journalismus’ sieht, wundert allein ob der Hartnäckigkeit. Bringt nicht jede Lokalzeitung – auch außerhalb des Sommerlochs – gerne Leserfotos von Tieren, Gewittern und Schilderwäldern – vom wichtigen Zulieferbetrieb Feuerwehr (2; 3) ganz abgesehen?

 

Der dito-Spam

Sonntag, 20. Juli 2014

Facebook-Beiträge deutschsprachiger Medien werden seit einigen Stunden mit einem standardisierten Protesttext konfrontiert:

Ich spreche mich hiermit gegen die Pro-israelische Berichterstattung deutscher Medien aus. Ich spreche mich hiermit gegen die Verharmlosung des Genozids an den Palästinensern aus… (Forts. unten *)

Die Redaktion von Süddeutsche.de hält diese Copy&Paste Kommentare schlicht für Spam:

sz-spammingMan mag es in der Tat etwas nervig finden, wenn sich plötzlich unter allen möglichen, thematisch weit entfernten Artikeln der immer gleiche Kommentartext findet**? Aber: ist das nicht die typische Form von Massenprotest (und nach Spam-Bots sieht es nicht aus)? Auch wenn dieser Protest “gesteuert” ist (Campaigner würden wohl von “initiiert” sprechen) und die meisten Poster die deutschsprachige Berichterstattung wohl gar nicht kennen. (Kampagnenbild;

Es ist die digitale Form der “Protestpostkarte”, die sonst sackweise im Kanzleramt und bei anderen Macht- oder Konzernzentralen eingeht.

Die Süddeutsche Zeitung vermisst die “inhaltliche Auseinandersetzung”. Nun, die will man bei solchen Protestaktionen doch nun tatsächlich nicht individuell führen. Ob Breife zur Freilassung politischer Gefangener (mit vorgegebenem Text von amnesty international) oder ein Protestklick bei einer campact-Aktion: wer da mitmacht, zeigt auf einfache, schnelle Art und Weise seine Meinung.
Verbannen (verbergen) kann man die Kommentare gerechtfertigter Weise überall dort, wo sie gar nicht zum Thema passen (der Aufruf taucht auch bei Coca Cola und vielen anderen auf), – weil es genügend passende Anknüpfungsartikel gibt. Aber neben sicherlich vielen Fake-Accounts, die da augenblicklich “kommentieren” schließen sich ganz offensichtlich auch reale Menschen dem Protest an. Das sollte man nicht einfach gedanklich blocken.

Über die Einseitigkeit der deutschen Berichterstattung zum neuen Krieg in Gaza mag man streiten. Was aber unstreitig sein dürfte: dass es den kommerziellen = professionellen Medien in den letzten Jahrzehnten nicht gelungen ist, über den Grundkonflikt so zu informieren, dass man nicht bei jeder Gelegenheit wieder alles neu durchkauen müsste, als gäbe es den Israelisch-Palästinensichen-Konflikt erst seit drei Tagen. Dass man in jeder Debatte die gesamte Bandbreite von Meinungen dazu antrifft zeugt wenig von der ewig beschworenen “Orientierungsleistung” der Medien. Und manches, was sie publizieren, wirkt auch eher orientierungslos. So wie der (augenblickliche) Ärger der SZ-Leute.

*=Der vollständige Protesttext:

“Ich spreche mich hiermit gegen die Pro-israelische Berichterstattung deutscher Medien aus.
Ich spreche mich hiermit gegen die Verharmlosung des Genozids an den Palästinensern aus.
Fakten und Beiweise hierzu, werden von den Medien bewusst unter den Tisch gekehrt. Ohne Erfolg.
Israel hat erneut Phosphorbomben eingesetzt.
Der Einsatz von Brandwaffen gegen Zivilpersonen bzw. in einer Art und Weise, in der es leicht zu sogenannten “Kollateralschäden“ kommen kann, ist entsprechend den Zusatzprotokollen von 1977 zu den Genfer Abkommen von 1949 verboten.
Diese Protokolle hat Israel NICHT unterzeichnet. Warum nicht?!
Israel verstößt somit auch gegen die Chemiewaffenkonvention.
Ich fordere die Medien und die deutsche Regierung auf, nicht länger in MEINEM NAMEN zu sprechen.
Ich teile nicht die Ansicht der Bundesregierung, dass Israel sich bloß “verteidige”.
Ich spreche mich ganz klar gegen diese Lüge aus.
Ich lasse mich nicht länger manipulieren und zum Narren halten.
Ich bin aufgewacht und euer Plan fruchtet nun nicht mehr.”

**= Man nennt es wohl auch Flashmob
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Updates:

tagesschau.de sieht es wie sueddeutsche.de auf Facebook (Sonntag, 23 Uhr):
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