Archiv für die Kategorie ‘kurz kommentiert’

Jugendschutz bei Erwachsenen?

Samstag, 28. Januar 2012

“Landesregierung will Jugendschutz verbessern” – dieser Satz fand sich gestern in vielen hessischen Zeitungen in der Subeheadline zum neuen Spielhallengesetz. Über den inhaltlichen Kokolores der Neuregelung kann man an anderer Stelle den Kopf schütteln, uns interessiert nur: welche Jugend soll da geschützt werden? Spielhallen dürfen von Jugendlichen nicht betreten werden. Punkt. Ob die nun eine oder sechs Stunden am Tag geschlossen haben müssen oder künftig mindestens 300 Meter Luftlinie auseinander liegen ist da reichlich schnuppe.

Notwehr steht jedem zu, auch dem Bösen

Sonntag, 06. November 2011

Ein Bericht wird nicht dadurch gut, dass er Positionen aneinanderreiht – auch wenn es die gängige und damit 0815-Bauweise im Politikjournalismus ist. Vielmehr ist es Aufgabe des Journalismus zu prüfen, ob eine in die Diskussion geworfene Position überhaupt diskussionswürdig ist – und zwar unter besonderer Berücksichtigung der zur Verfügung stehenden Kapazitäten.
Das BGH-Urteil, nachdem ein Hells-Angels-Rocker nicht dafür in den Knast muss, dass er in “Putativnotwehr” einen Polizisten erschossen hat, lässt sich natürlich als Aufreger hochkochen. Und selbstverständlich melden sich alle möglichen Politiker und vor allem die Polizeilobbyisten zu Wort: das kann doch wohl nicht sein!

Dabei ist die Sache recht einfach und vermittelbar: Wenn jemand glaubt, dass er gerade umgebracht wird, darf er sich mit allen Mitteln wehren. Das entspricht schlicht dem, wie sich Menschen eben zwangsläufig in einer solchen Notsituation verhalten. Und in einer anderen Konstellation (kein böser Rocker als “Täter”, kein guter Polizist als “Opfer”) würde das auch jeder einsehen (Juwelier verteidigt sich gegen mutmaßlichen Raubmörder; Frau wehrt sich gegen mutmaßlichen Vergewaltiger etc.).

Wenn die vermutete Mörderbande vor der Tür jetzt aber in Wahrheit ein freundliches Spezialeinsatzkommando (SEK) der Polizei ist, dies aber – weil es früh am Morgen ist und man möchte ja niemanden unnötig aus dem Schlaf wecken – nicht zu erkennen gibt, dann ist ein in dieser Situation abgefeuerter tödlicher Schuss einfach Pech.

Dass im Falle einer von Polizisten angenommenen Notwehrsituation, der ein völlig unschuldiger Wanderer zum Opfer fällt, die Polizeilobby gegen die Straffreiheit protestiert hätte, ist übrigens nicht bekannt:

Spiegel-Männer sprechen über Masturbation

Freitag, 03. Juni 2011

Beworben hatte Spiegel-Online die Veranstaltung, einen Bericht gab es anscheinend nicht: in einer Campus-Plauerreihe interviewte Thomas Tuma in Mainz Hape Kerkeling. Die Lokalzeitung zumindest war von diesem öffentlichen Spiegel-Gespräch nicht begeistert. Und wenn Spiegel-Redakteur Tuma Kerkelings Sexleben so wie dargestellt zum Thema gemacht hat, dann möchte man ihm in entfernter Anlehnung an ein sehr kluges Wort von Stephan Wahl raten, zunächst einmal sein eigenes, vielleicht heterosexuelles, vielleicht auch asexuelles Geschlechtsleben öffentlich zu diskutieren.

Self-Fulfilling Questions

Mittwoch, 01. Juni 2011

Es gibt nicht nur dumme Fragen (natürlich! jede Menge!), es gibt auch überflüssige Fragen – was noch milde ausgedrückt ist. Eigentlich sind es demagogische Fragen. Z.B. all jene zur Zukunft, deren beantwortung die Zukunft aktiv mitgestaltet (statt sie zu prognostizieren). Kennt man als self-fulfilling prophecy.

Schon während des Kachelmann-Prozess’ und erst recht nun danach wird überall gefragt: Wird Jörg Kachelmann wieder in der Öffentlichkeit arbeiten können, kommt er ins Fernsehen zurück? Das fragte gestern Abend z.B. Sandra Maischberger, das fragt stern.de (“Kehrt der nette Wetteronkel zurück?”).

Wer da Nein sagt, meint: das geht nicht, das darf nicht sein, das wird nicht sein (selbst wenn ich es ja gut heißen würde, aber so ist das nunmal). Wer Ja sagt, meint: muss, der muss zurückkommen (das sind wir ihm schuldig oder so).

Unter dem Deckmäntelchen der Prognose, der “Experteneinschätzung” wird damit an den Fakten gebastelt. Insofern ist auch die Frage nach Kachelmanns Zukunft schlicht – eine dumme Frage.

Kulturflatus*)

Samstag, 28. Mai 2011

Anke Engelke als Wetten-dass-Moderatorin, warum nicht, mir soll’s recht sein, ich schau nämlich gar nicht ins Fernsehen – aber der Stefan Kuzmany von Spiegel-Online, der nun als Pate für diese Idee genannt wird,  ist nicht der erste, der das fordert, soviel Fairness muss auch freitags noch drin sind, und darum sei gesagt, wer’s vor zwei Wochen schon gesagt hat, nämlich der Winterbauer Stefan vom Meedia.

*)= Die Überschrift ist spitze, passt natürlich überhaupt nicht hierher, aber es war gerade kein Setzkasten mehr frei für sie.

Links helfen auch Redakteuren beim Verstehen

Sonntag, 24. April 2011

Über Twitter schreiben ist immer irgendwie modern. Auch wenn es offenbar gar nicht um Twitter geht, sondern um schlichte Kurztexte, die in ein Buch gepackt wurden. Jedenfalls habt die Nürnberger Zeitung selbst offenbar nicht einen einzigen passenden Link zum Thema gefunden. (weiterlesen…)

SpOn Nostalgie-Journalismus

Donnerstag, 07. April 2011

Das waren natürlich noch schöne Zeiten, als man im Lokalteil der Tageszeitung einfach nacherzählen konnte, was man in seinem heimischen Lexikon gefunden hat. Oder war in einer Pressemitteilung stand, die ja sonst niemand kannte – niemand von den zahlenden Zeitungslesern jedenfalls.
Diese Zeiten sind aber vorbei. Heute ist es nicht mehr nötig, dass eine Tageszeitung – nennen wir sie Spiegel-Online – nacherzählt, was in einem anderen Blatt steht, das sicher niemand selbst im Briefkansten hat, – nennen wir es Sueddeutsche.de. Heute kann man darauf einfach verlinken und damit den eigenen Leser zum Fremdleser machen. Klingt ein bisschen doof und unsexy, ist aber doch eines der Prinzipien in diesem Internet.

Guttenbergs PR-Strategie

Freitag, 18. Februar 2011

Die einzige Frage, die bleibt: Wie kann man nur so dusselig sein?

Protestantische Zinsen

Sonntag, 23. Januar 2011


Am Montag hatte der Herforder Superintendent, Michael Krause, öffentlich gemacht, dass in seinem Kirchenkreis seit 1967 an den Leitungsgremien vorbei ein Sondervermögen in Millionenhöhe aufgebaut worden ist. Ursprünglich wurden 1,5 Millionen D-Mark aus Kirchensteuermitteln auf ein Sparbuch eingezahlt. Diese wuchsen fast ausschließlich durch Verzinsung auf heute etwa 49,7 Millionen Euro an. Das Geld soll nun in den regulären Haushalt überführt werden. (epd)

Was Zinsen und Zinseszins ausmachen, sollte bekannt sein – gerade in der Kirche, die ja nicht von ungefähr mal ein absolutes Zinsverbot kannte, welches heute nur noch in Form historischer Texte gepflegt wird. Aber für die Vermehrung von 1,5 Millionen Mark auf rund 100 Millionen Mark binnen 44 Jahren wäre doch ein Sparbuch-Zinssatz von kontinuierlich rund 10 Prozent nötig gewesen.  (Bei halb so großem Zinssatz – 5% – wäre nicht etwa die Hälfte zusammengekommen, sondern nur ein Achtel: 12,8 Millionen Mark.) 10% Zinsen auf einem Sparbuch – das wäre dann doch sicherlich auch für die Staatsanwaltschaft interessant.

Leipziger zoffen sich weiter

Freitag, 21. Januar 2011

Das Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft an der Universität Leipzig hat mit eine ausführlichen Stellungnahme auf die Kritik ihrer Journalistik-Abteilung reagiert (Richtigstellung des Instituts für Kommunikations- und Medienwissenschaft (IfKMW) der Universität Leipzig zur Diskussion um die Profilbildung”).

Wir wollen – und können von den Ressourcen her – weiterhin nicht in das Thema einsteigen, aber für die Rubrik “kurz kommentiert” rein von der Beobachtung des Streits her anmerken:

* Bei den beiden Stellungnahmen des Instituts wäre es gut, Autoren und Genese deutlich zu machen (über die wenig hilfreichen Einträge in den Dokument-Metatdaten hinaus). Ein Institut kann sich ja nur schwer äußern (das geht nur in der geläufigen Sprache der Public Relations), meist sind es  doch noch Menschen, die Texte formulieren und publizieren.
* Die öffentliche Austragung des Streits rechtfertigt sich alleine schon daraus, dass für das Institut öffentliche Gelder verwendet werden und es eine öffentliche Aufgabe wahrnimmt. Was die “zuständigen Gremien” darüber denken, kann dabei als eine von vielen Positionen vermeldet werden – die Deutungshoheit haben diese Gremien nicht.
* Nicht alles, was gewählt wird, ist demokratisch legitimiert. “Demokratie” an einer Universität sähe anders aus als es in Deutschland der Fall ist. Aber darum geht es ja auch gar nicht. Es geht um Partizipation, um (ein wenig) Mitbestimmung der Institutsangehörigen bzw. Studierenden.
* Hochschullehrer sind sicherlich auf der ganzen Welt eine schwierige Klientel. Wenn sie Beamte sind, wird es nicht einfacher. Nicht nur der immer stärker geforderten berufspraktischen Orientierung täte es gut, das Lehr- und Forschungspersonal an Universitäten grundsätzlich nur zeitlich befristet zu beschäftigen und danach wieder seines akademischen, aber nicht staatlich-besoldeten Weges ziehen zu lassen. Mindestens der ein oder andere Fachautor wird nur deshalb in Fußnoten der Wissenschaft verwaltet, weil er Professor ist.

Updte 23.01.2011: Absolventen der Leipziger Journalistik melden sich in einem offenen Brief zu Wort.


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