Derdiedas meiste (Korinthe 88)

Unter anderem “Übermedien” hat vor zwei Wochen auf eine arg schräge Medienrezeption der Antwort auf eine belanglosen Anfrage der AfD im Landtag Saarland hingewiesen. U.a. unser Liebling Spiegel.de hatte per Überschrift behauptet: “Die meisten Messerangreifer heißen Michael“. Die vor allem in Reduktionsdiensten wie Twitter,  aber etwa auch bei der Saarbrücker Zeitung vermittelte Botschaft lautete, politisch hoch motiviert:  “Keine arabischen Namen unter den Top 10”.

Was dabei gelegentlich unterging oder unterschlagen wurde: Es ging bei dieser Auswertung   von Vornamen zur “Messerkriminalität” im Saarland zwischen Januar 2016 bis April 2018 nicht um alle mutmaßlichen Straftaten, die mit einem Messer begangen worden waren, sondern nur um diejenigen, bei denen als Tatverdächtiger ein deutscher Staatsbürger registriert worden war.

Soweit, so verdienstvoll. Doch nun legt Boris Rosenkranz im Übermedien-Newsletter nochmal nach und schreibt, mit Bezug auf nicht korrigierte falsche bzw. irreführende Überschriften,  dass “eben nicht die meisten aller Messerstecher im Saarland Michael heißen, sondern die meisten aller deutschen Messerstecher.”

Und das ist eben auch falsch. Denn “die meisten” bedeutet: der größte Teil, die größte Menge von etwas, die Mehrzahl. Dass dies nicht zutrifft, kann jedes Milchmädchen im Kopf überschlagen: Bei 842 ermittelten deutschen Tatverdächtigen brauchts halt schon 421 gleiche Vornamensträger. Illusorisch. Und auch die Addition der “TOP 10” bleibt  davon weit entfernt.

Was gemeint ist: Der Vorname Michael kommt am häufigsten vor – nämlich 24 Mal. Damit heißen aber noch lange nicht “die meisten aller deutschen Messerstecher”: Michael. DAS nämlich wäre wohl nicht mehr nur für die AfD ein Kopfkratzer.

“Aber, gut, wer differenziert heute schon noch? Und die Kollegen werden sicher irgendeinen Grund haben ,an dem Fehler festzuhalten. Ob wir noch mal nachfragen?”

Satire ist kein Fake

Es war ja klar, dass seit dem 19. Dezember 2018 alles mögliche “Fake” und “Relotius”  ist. Dass der Skandal zu diversen Grundsatzdiskussionen führt, ist ein schöner Nebeneffekt. Was dabei aber alles durcheinander gerät, ist unschön.

So haben diverse Professoren die Gelegenheit genutzt, ihr Credo zu beten, es gebe keine Objektivität im Journalismus, keine Wahrheit, keine Richtigkeit, weil ja alle Wahrnehmung nur Konstruktion von Wirklichkeit sei. Michael Meyen: schreibt:

Objektivität, Trennung von Nachricht und Meinung, Neutralität, Unabhängigkeit, Vielfalt, Ausgewogenheit: Solche Kriterienkataloge sind verräterisch, weil sie etwas versprechen, was niemals einzulösen ist, und so die Selektivität verdecken, die jede Berichterstattung ausmacht (vgl. Lippmann 2018: 293).

All diese Kriterien bestreiten keineswegs Selektivität der Berichterstattung, sie sollen sie viel mehr begründen helfen. So wie “Transparenz”, die Meyen (mit vielen anderen) als Ersatz für den Objektivitätsmythos empfiehlt. Aber das wird ein anderes Mal genauer zu verhandeln sein, das Thema läuft uns bestimmt nicht weg, zu viele universitäre Jobs hängen davon ab, dass diese Debatte nicht endet.

Problematischer, weil ohnehin selten betrachtet, ist die Ausdehnung des Fake-Begriffs auf die Satire. Oder eben: das Verkennen von Satire als Fake.  Weiterlesen

Dauerbrenner Silvesterfeuerwerk und kein Ende in Sicht

Natürlich auch in diesem Jahr kurz vor Silvester: die Debatte ums Feuerwerk und die private Knallerei. Jedes Jahr dasselbe Thema, nur die Argumentationsmoden wechseln ein wenig. Letztlich ein Paradebeispiel für nutzlosen Journalismus, denn: Klarheit schafft keine dieser Debatten. Jeder darf sich in seiner Pose gefallen und sozialmedial dafür Applaus sammeln.

Dabei ist die Sache m.E. recht einfach. Da es stets um die Frage eines Verbots geht, spielt die persönliche Vorliebe oder Abneigung gar keine Rolle – denn dann ließen sich alle Grundsatzfragen mit einer Stimmungsabfrage klären, was aber gerade nicht demokratisch ist, sondern nur Willkür einer artikulierten bzw. potenten Mehrheit.  Weiterlesen

Meinung muss auf Recherche gründen

Journalismus muss nicht neutral sein. Journalistinnen und Journalisten haben die Aufgabe, über Ereignisse, Entwicklungen und Zustände fair, sachgerecht und mit der nötigen Distanz zu berichten, aber das Berichtete auch zu interpretieren und zu kommentieren. Genau dazu wurden drei Typen von Darstellungsformen erfunden […]

Roger Blum, Ombudsmann des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in der Schweiz (SRF) und früher Professor für Medienwissenschaft in Bern, hat sich in der Aargauer Zeitung für Meinungsjournalismus ausgesprochen – und dafür in Journalistenkreisen erwartebaren Applaus bekommen.

Seine Darstellung der journalistischen Rolle ist präzise und in ihrer Kürze bestechend. Allerdings sollten seine Kernaussagen auch völlig unstrittig sein. Blum endet:  Weiterlesen

Medienereignis Özil – Le fait est moi

Das Sommerloch wird mal wieder mit Fußball gefüllt. Allerdings nicht dem Spiel an sich, sondern dem Drumrum, Stichwort: Mesut Özils Rückzug aus der Fußballnationalmannschaft, begründet u.a. mit Rassismuserfahrungen.
Zu einem solchen Thema kann jeder etwas sagen, ohne große Mühe. Der Journalismus sollte, wenn er sich dessen annimmt und nicht davon ausgeht, dass auch ohne ihn alle hinreichend vom Ereignis und diversen Kommentierungen erfahren, etwas Ordnung in die Publikationsflut bringen, Wichtiges von Unwichtigem scheiden, Fakten zur Verfügung stellen. Doch das misslingt oft. Einige Spotlights:  Weiterlesen

Ich sag dir, was du gesagt hast (Korinthe 86)

Ein Hauptproblem im Journalismus ist sicherlich die fahrlässige bis mutwillige Begriffsstutzigkeit von Journalisten. Sie hören, lesen und sehen was sie hören, lesen, sehen wollen, weil es in ihr Weltbild passt oder ihren wirtschaftlichen Interessen entgegenkommt.

Das führt u.a. dazu, dass Kritik an Journalismus und Journalisten fast immer falsch verstanden wird, vor lauter Abwehrreflex und eigener Bedeutungsaufladung. Besonders blank liegen die Nerven bei meinungsstarken Mitarbeitern des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, da genügt inzwischen ein einziges Reizwort, eine Erregungskaskade auszulösen.

Die Wahrnehmungsschwierigkeiten von Journalisten sind natürlich wesentlich problematischer als bei vielen anderen Bürgern. Denn sie multiplizieren jobbedingt ihre Verzerrungen, die andernorts mehr oder weniger schadlos in ihrer Blase verbleiben. Ein Beispiel:

Julian Reichelt, “E-i-C BILD”, schrieb auf Twitter:

Die @tagesschau fordert im Kommentar den Rücktritt von Angela Merkel und wirft ihr vor, „verbrannte Erde“ hinterlassen zu haben. http://www.tagesschau.de/kommentar/merk…

Nicole Diekmann, Korrespondentin im ZDF-Hauptstadtstudio, reagierte darauf so:

Was ist bestürzender? Die Unfähigkeit*, zwischen der Tagesschau und einem Korrespondenten zu unterscheiden? Oder das komplette Nichtwissen* des Unterschieds zwischen Nachricht und Kommentar?
(Gehen wir mal wohlwollend von Unwissen aus, nicht von wissentlicher Unterstellung.)

a) Woran macht Nicole Diekmannn die behauptete “Unfähigkeit” fest? Reichelts Formulierung, “die Tagesschau fordert im Kommentar…” ist so korrekt wie branchenüblich. In den meisten Presseschauen stehen zu Kommentarauszügen nur die publizierenden Medien, nicht die Autoren (was schade und nicht im Sinne des Urheberpersönlichkeitsrechts ist).
Und auch heute.de unterscheidet nicht (immer) zwischen Journalisten und Medien, wenn es etwa heißt: “…berichtet der SPIEGEL“.
Die rhetorische Figur, die Reichelt verwendet, nennt sich Synekdoche (konkret: Totum pro parte).

b) Woran macht Nicole Diekmann “das komplette Nichtwissen* des Unterschieds zwischen Nachricht und Kommentar” fest? Wir würden uns das gerne von ihr mansplainen lassen.
Aber bei 66.200 Followern wird nichts mehr erklärt, da wird nur gepredigt.

Und so verläuft ein erschreckend großer Teil der Twitter-Aktionen meinungsstarker aber rezeptionsschwacher Journalisten: irgendwas aufschnappen, kurz kommentieren, Applaus der Fans abholen, nächster Gig.
(Das Gegenteil dazu  ist “The Art of Active Listening“…)

PS: Sich in einem Kommentar nicht an die eigenen Kunden zu wenden, sondern wie ein Politiker  an die Politik, hier konkret nur an die Bundeskanzlerin, kann man sicherlich einer ausführlichen Handwerks- und Stilkritik unterziehen, aber das ist ein anderes Thema.

Updates: 

+ Malte Pieper, Autor des Kommentars, der u.a. auf tagesschau.de publiziert wurde, äußert sich bei seinem Sender SWR, der auch kurz erklärt, was ein journalistischer Kommentar sei.

Ein presseähnlicher ARD-Rundfunk ist schlicht überflüssig

In der ewigen Diskussion um die Netzaktivitäten der öffentlich-rechtlichen Sender kaprizieren sich gerade einige Medienkritiker auf den Begriff der “Presseähnlichkeit”, die der von der Allgemeinheit finanzierte Rundfunk nicht haben solle. Und sie analysieren, die Presse werde doch immer rundfunkähnlicher: warum sollten ARD, ZDF und Deutschlandradio keine Texte fürs Internet schreiben dürfen, wo doch Zeitungshäuser immer mehr Audio und Video produzieren?

Bei Übermedien heißt es etwa:

>Sollen die Nachrichtenangebote von ARD und ZDF im Netz auch klar unterscheidbar bleiben von solchen multimedialen Verlagsangeboten? Wie? Und warum? Niemand kann privaten Medien-Angeboten im Netz untersagen, immer mehr auch wie ein Fernsehsender aufzutreten und zu wirken. Sie selbst sind immer weniger ‘presseähnlich’.<

Diese Argumentation ist entweder eine sophistische Spielart oder Einsichtsverweigerung. Die einzige Frage, um die es im Hinblick auf die Presse schon immer und im Hinblick auf den wirtschaftlichen Rundfunk seit 1984 stellt, ist diese: Was kann aktuell ausschließlich der öffentlich-rechtliche Rundfunk (ÖRR) an notwendiger Medienarbeit leisten, so dass es gerechtfertigt ist, die Bürger zu seiner Finanzierung zu verpflichten (die Nutzung ist ja derzeit nicht vorgeschrieben)?
Ob Axel Springer Gewinne macht darf dabei genauso egal sein wie die Tatsache, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk für uns freie Journalisten ein finanziell attraktiver Abnehmer ist.

Wo Presse und ÖRR sich immer ähnlicher werden, ist ohne Wenn und Aber der ÖRR vom Markt zu nehmen. Und wo die Programme von ÖRR und Privatfunk nicht unterscheidbar sind, muss der gebührenfinanzierte Anbieter abgeschaltet werden – schlicht weil es ihn dann nicht braucht.  Weiterlesen

Statistik für Angstfreie (Korinthe 85)

Es ist durchaus gesund, standardisiert zu zweifeln, wenn man gerade wieder der Auffassung  ist, man selbst (und der eigene Dunstkreis) sei dermaßen viel gescheiter als der Rest der Welt. Es kann zwar stimmen – aber gerne wird’s einfach stimmend gemacht.

Wolfgang Wetzel, “Vertreter für Bündnis´90/DIE GRÜNEN im Bündnis für Demokratie und Toleranz in der Region Zwickau”, hat auf Facebook mit gutem Quotenerfolg diese Zahlen hier gepostet:

Quelle seiner Behauptung, der “Anteil der Deutschen, die Angst haben, bei einem islamistisch motivierten Attentat zu Tode zu kommen”, läge bei 70%, dürfte eine von der  R+V Versicherung in Wiesbaden beauftragte Umfrage sein, deren Ergebnisse unter dem Titel “Die Ängste der Deutschen 2017” veröffentlicht wurden.  Weiterlesen

Zum Tod von Thomas Leif

Mit über zwei Wochen Verspätung wurde heute vermeldet (dann aber sehr schnell auf allen Kanälen), dass bereits am 30. Dezember 2017 Thomas Leif gestorben ist, Chefreporter des Südwestrundfunks (SWR) und prägender Vorsitzender des Journalisten-Clubs “Netzwerk Recherche”.

Bekannt gemacht hatte den Tod ausgerechnet* das NDR-Medienmagazin “ZAPP”, die journalistische Würdigung in der folgenden Sendung am 17. Januar 2018 fiel dann merkwürdig knapp und – für die Nähe, die es zwischen Netzwerk Recherche und dem NDR gibt – distanziert aus. Moderatorin Anja Reschke sagte:

>>Zum Schluss möchten wir gerne eines Journalisten gedenken, der Ende Dezember gestorben ist: Thomas Leif. Der war bei ZAPP oft ein kluger Experte, und ein Mann, der sich mit großem Engagement immer für die reine Lehre des Journalismus eingesetzt hat.

[Zitat Leif:] Wir dürfen uns nicht abwimmeln lassen, wir haben einen Auftrag der Gesellschaft, und sind nicht sozusagen fünftes Rad am Wagen der PR-Industrie.

Sätze wie dieser von ihm werden uns bleiben.<<

Wir verweisen aus diesem Anlass auf den Bericht vom 10-jährigen Jubiläum des Vereins, mit dem just das Ende der Ära Leif zusammenfiel. Auf weitere Nachrufe und Rückblicke werden wir unten verlinken.

>Es ist ein tragischer „Fall Leif“ und ein „tiefer Fall Leifs“ – was der bisherige Vorsitzende beides nicht verdient hat und was doch fast unausweichlich war – wie in vielen, vielen vergleichbaren Konstellationen: da ist eine charismatische Persönlichkeit, ein Macher mit Intelligenz, Power und Vernetzung, der einer sehr guten Idee Gesicht und Herzschlag gibt. […]
Die Förderung der Recherche ist Leifs Leidenschaft, und dafür hat er Bücher geschrieben und entstehen lassen, Konferenzen und Seminare organisiert, Positionspapiere in die Diskussion eingebracht, ist durch die Republik gereist, hat die Debatte um den deutschsprachigen Journalismus stark geprägt. Keiner sonst hat auch nur im Ansatz so viel Zeit und Energie in die Vereinsaktivitäten gesteckt wie Thomas Leif. Das Netzwerk Recherche ist sein Lebenswerk – das wurde in Hamburg zigfach gesagt.
Mit Thomas Leif zusammenzuarbeiten ist vielen Menschen schwer gefallen, Widerspruch bringt ihn auf die Palme, mit seinen flotten Sprüchen und Zuspitzungen ist er ein Künstler auf der Bühne und ein Elefant im Porzellanladen. Und dass auch er in journalistischen Dingen fehlbar ist, wurde in den letzten Jahren mehrfach und keineswegs nur Netzwerk-intern diskutiert.< (SpKr vom 03.07.2011)

+ Der SWR hat nach eigenen Angaben selbst erst mit großer Verspätung von Leifs Tod erfahren und deshalb bis dahin keine Mitteilung veröffentlicht.

+ Das Netzwerk Recherche (nr) bekundet im “offiziellen Vorstandsstatement” seine Trauer recht distanziert. Anders Volker Lilienthal (s.u.), der vom Vorstand um einen Nachruf gebeten war (s.u.).

+ Ausgerechnet Leifs Arbeitgeber vergisst, für wen der Chefreporter 10 Jahre ständig ehrenamtlich im Einsatz war (gelegentlich ob des Zeitumfangs zum Erstaunen des Publikums)? Kein Wort zu dem von ihm mitgegründeten (und dann zwangsweise unehrenhaft verlassenen) Verein Netzwerk Recherche:  Weiterlesen

Demokratie als Journalisten-Phantasie

DeineDemokratie-RadiokampagneIm Radio wird das nächste große Nichtwähler-Bashing vorbereitet. 23 private und gebührenfinanzierte Sender in Baden-Württemberg, Sachsen-Anhalt und Rheinland-Pfalz werben bei ihren Kunden derzeit für die Teilnahme an den Landtagswahlen am Sonntag.

In einem von drei Spots wanzt sich beispielsweise eine Frauenstimme an die Hörer ran:  Weiterlesen