Archiv für die Kategorie ‘kurz kommentiert’

Online-Abos für Kleinmagazine

Dienstag, 13. Mai 2014

Krautreporter: Der Ansatz ist überraschend wenig originell. Journalisten und Autoren wollen sich von Lesern per Abo bezahlen lassen – und deshalb auf Werbung und Verlag etc. verzichten. Dazu gab es nun schon zig Versuche, sprich vor allem: Bezahlmodelle. Im Kern unterscheidet sich das Projekt gar nicht von dem, was Verlage machen: Sie sammeln Content-Lieferanten in solcher Zahl und Qualität, dass sie sich als Paket unter einer Marke verkaufen lassen. Das ist entweder Mainstream (Publikumspresse) oder Special Interest (Fachpresse). Auch bei diesem Modell hat der einzelne kleine, feine Beitrag keine Chance, die abweichende Meinung ist natürlich nicht gefragt (weil sie die Kunden eben nicht haben wollen), und es ist nur Platz für einige wenige Medien dieser Art (weil es keine regionale Begrenzung gibt und das Internet Monopole fördert). Damit ist die Idee von Krautreporter nicht schlecht – sie ist nur einfach nicht originell. Eher elitär. Aber das braucht’s ja auch im Wischiwaschinetz.

Mehr Notizen zu Informationsflut, Lewitscharoff und Google’s Löschpflicht bei Tg.

Kirchliche Glanzkommunikation

Samstag, 07. Dezember 2013

* Die Kritik des scheidenden KEP-Geschäftsführers Wolfgang Baake am “Wort zum Sonntag” vom 1. Advent war methodisch völlig daneben. Dies ist bereits hier notiert: Evangelikaler Obrigkeitsknüppel.
Medienkritisch ist noch anzumerken, dass die Nachrichtenagenturen offenbar nur auf der Grundlage einer Pressemitteilung der KEP berichtet haben. Zumindest KNA hat auf Anfrage bestätigt, dass ihnen nicht das vollständige Beschwerdeschreiben von Baake vorlag. Dies wäre m.E. allerdings zwingende Bedingung, um das Ganze überhaupt aufzugreifen. Denn man sollte schon wissen, welche Behauptungen, Forderungen, Drohungen oder sonstwas Baake in sein Schreiben an den EKD-Medienbeauftragten gepackt hatte. Wenn eine PR-treibende Organisation in der eigenen Pressemitteilung einen (offenen) Brief erwähnt, diesen aber nicht veröffentlicht, muss dies zum Berichterstattungsausschluss führen (oder natürlich zur Recherche nach dem geheimen Brief).

* In der Werbung für ein Interview mit dem aus der katholischen Kirche ausgetretenen Theologen Frido Mann greift die Evangelische Sonntagszeitung (esz) mutig einen Satz aus dem Interview auf und titelt: “Papst Franziskus ist ein Showmaster”. Eine vergleichbar provokante Aussage zu einem protestantischen Kirchenchef dürfte man in der Publikation vergeblich suchen. In der Online-Fassung lässt die Kirchenzeitung dann auch noch genau die Passagen weg, die sich kritisch mit der evangelischen Kirche beschäftigen. Sachlich falsch ist daran nichts, aber schlechten Stil muss man den evangelischen Publizisten in diesem Fall schon bescheinigen.

Gaga-Journalismus

Donnerstag, 24. Oktober 2013

Nachrichten, die keinen Menschen interessieren, produzieren Menschen, die keinen interessieren, schon so reichlich, dass es keiner beruflichen Gaga-News-Produzenten bedarf. Deshalb ist eine Trauerfeier am Sarg des falschen Verstorbenen unbedingt nicht zu einer Nachricht zu verarbeiten, wie es dpa geschafft hat.

Eigentlich sollte man noch konsequenter sein und sämtliche Meldungen aus dem journalistischen System verbannen, die auch aus der Tastatur untalentierter Schriftsteller stammen könnten. Denn der einzige News-Wert solcher Meldungen wäre, dass sie sich zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort tatsächlich ereignet haben. Auto fährt gegen Baum, Opposition kritisiert Regierung, Hund macht Kacka. Zumal duch das gelegentliche Ausbleiben dieser Gaga-Meldungen der Eindruck entstehen könnte, es habe sich das Nichtberichtete tatsächlich auch nicht zugetragen, was meist falsch sein dürfte. Wahrscheinlich werden täglich irgendwo Särge vertauscht.

Und wo wir gerade beim Gaga-Journalismus sind: Wer vom “Führer der freien Welt” schreibt und damit den Präsidenten der USA meint, sollte komplett ins Märchenfach wechseln.

Korinthe (78): Das Wörter-Wort

Montag, 30. September 2013

“‘Wir tun etwas, dass die Menschen sich einbringen können.” Das sind nach Spiegel-Recherchen “neun Worte, nicht eines”, wie Winfried Kretschmann angeblich meine.

Nur: der Grüne sprach im Singular. Und der ist bei “Worten” wie “Wörtern” gleich.  Ein Wort aber kann bekanntlich viele Wörter enthalten, so wie “das Wort Gottes”, um ein auch Atheisten einsichtiges Beispiel zu nennen, wenn sie es als Literatur sehen.

Mehr Mittelfinger, bitte

Montag, 16. September 2013

Warum tun sich so viele Journalisten schwer damit, Menschen Menschen sein  zu lassen? Sie wollen – zumindest in den von ihnen kommerziell beobachteten Lebensbereichen – Schauspieler sehen, über  deren Leistungen sie dann nicht nur zu Wahlkampfzeiten räsonieren.

Lorenz Maroldt sinniert im Tagesspiegel:

Ein Finger, der zum Fragezeichen wird, der aus dem Kandidaten ein Rätsel macht – und ihn womöglich als Kanzler unmöglich.

Seine Bildinterpretation:

Die Augen verkniffen, offen der Mund: ein Hooligan, kurz davor, dem Gegner mit der hohen Stirn das Nasenbein zu zertrümmern

Dabei ging es hier ja wirklich um Theater, mal wieder ein von Journalisten selbst veranstaltetes Improvisationstheater. Für die Reihe „Sagen Sie jetzt nichts“ hat Peer Steinbrück pantomimisch geantwortet. Eine ganz schöne Herausforderung, – und durchweg gelungen, wie ich finde.

Aber es gibt nur ein Bild, über das gesprochen wird, das die Süddeutsche Zeitung natürlich auch aufs Cover gehoben hat: der ausgestreckte Mittelfinger. Die hoch-seriöse Frage, die Steinbrück damit beantwortete, lautet: “Pannen-Peer, Problem-Peer, Peerlusconi – um nette Spitznamen müssen Sie sich keine Sorgen machen, oder?”

Was soll man auf solch eine Frage antworten? Der Stinkefinger ist nicht super-originell, aber er ist genau das, was jeder an Steinbrücks Stelle auf diese Frage sagen sollte – selbst, wenn er Worte verwenden dürfte. Weil die Frage an sich unglaublich dämlich ist: Warum sollte sich jemand “Sorgen machen” darum, dass ihm die Journalisten keine “netten Spitznamen” geben? Es gibt wohl allenfalls die Journalisten-Sorge, zu einem wichtigen Protagonisten ihres Tagesgeschäfts könnte ihnen  kein gut verkäuflicher, zitierfähiger “Spitzname” einfallen (oder ihnen  vom politischen Gegner zugetragen wird).

Ich mag Steinbrück nicht. Ich fand ihn im Kanzlerduell auch alles andere als sympathisch. Aber viel unsympathischer ist mir die gespielte Erregung über den Stinkefinger. Der geht völlig in Ordnung, weil er im schauspielerischen Kontext passte, menschlich absolut verständlich ist und von den Echauffierten selbst gefordert wurde.  (Tg)

Kleinstparteien

Mittwoch, 11. September 2013

“Sie machen den Wahlzettel extralang, und ihre Namen sind oft extraschwer zu merken: Tierschutzpartei, Familien-Partei, Partei Bibeltreuer Christen, die Violetten, Partei der Nichtwähler, Partei der Vernunft, die Nein!-Idee – so viele Kleinparteien wie nie haben sich um die Zulassung für die Bundestagswahl beworben.” (Spiegel-Online)

Spiegel-Online berichtet etwas wirr von den Kleinstparteien. Die Intention ist nicht ganz klar, aber drei Dinge fallen auf:

a) Ausgerechnet die absolute Pseudopartei “Die Partei” wird nicht erwähnt und auf ihre Existenzberechtigung hin befragt. Deren Chef Martin Sonneborn arbeitet für Spiegel-Online und promotet dort seine Spaßpartei nach Kräften.

b) Der Erfolg – bzw. bisher Misserfolg – von Kleinstparteien hat wesentlich mit unserem Wahlsystem zu tun, bei dem man sich nur für eine Partei entscheiden kann und die Stimme nur dann nicht verloren ist, wenn die Partei die 5 Prozenthürde schafft. Deswegen wählen viele, die zwar mit einer kleinen (monothematischen) Partei sympathisieren konventionell.
Ändert man den Wahlmodus z.B. so, dass die Wähler so viele Parteien ankreuzen können wie sie wollen, kommt die Tierschutzpartei in einem wissenschaftlichen Versuch in Konstanz 2009 auf 12,2% (würde den Einzug ins Parlament aber dennoch ganz knapp verpassen). (Quelle)

c) Und wie bei allen anderen Parteien auch wäre es gut, wenn Politikjournalismus einmal die Blickrichtung ändern würde. Es geht ja nicht um die Parteien und ihre paar Protagonisten, es geht darum, was die Bürger wollen  – und dann möglicherweise mit einer Partei zu erreichen glauben. Deshalb wäre z.B. nicht die Tierschutzpartei das Thema, sondern Tierschutz. Der spielt aber überhaupt keine Rolle.

Vermeldungen und Verwurstungen

Montag, 09. September 2013

* Die Polizei ermittelt nicht nur in eigenen Dingen, sie übernimmt auch die Berichterstattung über ihre Arbeit selbst. Journalistische Fragen spielen im Transfer jedenfalls nur selten eine Rolle, wie man am gepflegten Schlagwort von der “wachsenden Gewalt gegen Polizisten” sehen kann. Dies schafft es in jede passende Nachricht – stets ungeprüft natürlich. Denn Gewalt gegen Polizisten ist, was Polizisten dafür halten – wie bei der Kriminalstatistik werden nicht Verurteilungen gezählt, sondern Ermittlungsverfahren. Und wenn sich da tatsächlich eine qualitative Veränderung zeigen sollte, bliebe die wichtige Frage: Woran liegts. Wenn der kleine Bruder häufiger heulend zu Mama rennt, muss jedenfalls nicht zwingend der größere gewalttätiger geworden sein.

* Ebenso unreflektiert wird der Erfolg von “Body-Cams” an Frankfurter Polizisten vermeldet. Polizisten werden damit zu Google-Streetview auf zwei Beinen (und mit etwas weniger Panorama). Aber selbst Journalisten dürfen einzelne Polizisten nicht fotografieren, wobei sie in übergriffstypischen Situationen wie Demonstrationen ohnehin vermummt sind. Selbst gegen eine Kennzeichnung durch Nummern wehrt sich Hessens Innenminister bekanntlich. Da muss man kein “Kriminologisches Institut” leiten, um zu prognostizieren, auf welcher Seite die amtlich festzustellende “Polizeigewalt” weiter wachsen wird.

* Empirisch betrachtet gibt es entgegen der Lehrmeinung nur ein Nachrichtenkriterium: “Lässt sich das irgendwie zu einer Story verwursten?” Anders ist die geschlossene, dem Credo von der Medienvielfalt Hohn sprechende Berichterstattung über den “Erpressungsversuch” nicht zu erklären, den Peer Steinbrück selbst als unpolitischen Nachbarschaftszwist einstuft.

Erfreulicherweise verweigern sich die politischen Gegner diesen Spielchen. So beteiligen sich Union und FDP nicht an der Schmutzkampagne gegen Steinbrück, genauso wie die Opposition auf die ungeklärten Plagiatsvorwürfe gegen Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) nicht eingeht. (Neue Osnabrücker Zeitung)

Jetzt müssten nur noch die Medien ihre Klappe halten. Aber Politik – lässt sich halt nur sehr schwer zu einer Story verwursten.

* Etwas weniger Blähung hätte dem taz-Artikel “Arschkarte gezogen” gut getan. Denn mit der Unterzeile “Sie warben mit fremden Ärschen. Jetzt sind sie selbst gekniffen: Der Wahlwerbespot der Republikaner muss vom Netz.” ist alles Notwendige gesagt. Wenn es aber unbedingt mehr werden sollte, dann könnte auch Platz für Details sein. Dass der Anwalt der Komparsen, die gegen die Ausstrahlung des Werbespots geklagt haben, zufällig auch der Hausjurist der taz ist etwa.  (Und der könnte der taz auch endlich mal erklären, dass “ein Ordnungsgeld von bis zu 250.000 Euro” niemals eine Meldung ist, weil solch ein abartig hohes ordnungsgeld natürlich nicht droht, sondern schlicht der gesetzliche Höchstbetrag ach § 890 ZPO ist, den schon vorab auf ein angemessenes Maß zu stutzen die Richter unwillig sind.) Verzichtbar, ansonsten aber erklärungsbedürftig ist auch folgender Absatz:, der den Eindruck erweckt, eine Strafanzeige sei das neue Blockwarttelefon:

Auch die Berliner Agentur Wanted ist stinksauer – und erstattete gleich noch Anzeige beim bayrischen Zoll. Der möge einmal prüfen, ob die Sunshine GmbH den Auftrag ordnungsgemäß gemeldet, gegebenenfalls Steuern und Abgaben, abgeführt habe.

Merkwürdigkeiten

Montag, 02. September 2013

1.

“Bei den Zuschauern war Raab offenbar das heißeste Thema des Abends (neben der Deutschlandkette). Beim Kurznachrichtendienst Twitter war der ProSieben-Mann der mit Abstand meistdiskutierte Moderator.” (Spiegel-Online)

Das ist das Level, auf dem vor Kurzem noch die Popularität eines Themas an der Google-Trefferzahl von Journalisten gemessen wurde. Die paar aktiven Twitterer sind alles andere als repräsentativ, auch nicht nur für die Gruppe der “TV-Duell”-Zuschauer.

2.

“Deshalb ist Barack Obamas finstere Entschlossenheit, mit Bomben und Raketen Syriens Diktator Assad zu bestrafen, innenpolitisch kein Ritt auf der Rasierklinge. Das ist bei Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem britischen Premierminister David Cameron völlig anders, und deshalb wird der US-Präsident wohl alleine zu Felde ziehen, allenfalls mit Frankreichs Präsident Hollande an seiner Seite (…).” (Peter Königsberger, Allgemeine Zeitung, Kommentar am 31. August 2013 zu Syrien)

Es ist nicht einfach eine schlampige Sprache, es ist journalistisches Versagen, wenn in dieser Form personalisiert wird. Obama und Hollande “ziehen ins Feld”? Wenn, dann schicken sie Soldaten und lassen töten und sterben. Sie selbst werden in guter Militärtradition weit hinter der Schusslinie bleiben.

Bundeswehr groß und stark

Montag, 19. August 2013

“Die Welt” meint, der freiwillige Wehrdienst stehe vor dem Aus,  die Zahlen seien rückläufig. Das Bundeswehrministerium hingegen sagt, alles sei in Butter, man brauche nur 5.000 Freiwillige.
Wir würden das als mündige Bürger ganz gerne selbst nachvollziehen können. Die Bundeswehr hat derzeit etwa 185.000 Soldaten. Davon sind maximal 7.000 im Auslandseinsatz, darunter 50 Freiwillig Kriegsdienstleistende. Was macht der Rest? Wozu braucht es die 5.000 Wehrdienstleistenden und wozu die anderen etwa 180.000 Berufssoldaten?

Masse macht Katastrophe

Samstag, 10. August 2013

Die Anzahl vor Ort erschienener “Rettungskräfte” halten viele Redakteure regelmäßig für den Gradmesser der Unglücksbedeutung. An eine artikulierte Verwunderung ob des oft immens scheinenden Aufgebots kann ich mich nicht erinnern. Dabei könnte man viele Einsatzberichte als Zeugnis teurer Überversorgung deuten.

So wurde gestern in einer Kleinststadt ein verletzter Handwerker aus einer ferienbedingt leeren Schule geholt. Es sei bei Elektroarbeiten im Treppenhaus verletzt worden. Für die Rettung aus dieser offenbar hoch komplizierten Lage wurde die Drehleiter der Feuerwehr benötigt, ferner drei weiterer Feuerwehrautos mit 15 Mann Besatzung, Krankenwagen, Rettungswagen und Polizei. Für eine Person im Treppenhaus einer Grundschule.

Wenn das nicht gewaltig übertrieben war – sollte sich die Lokalredaktion fragen, welche Katastrophe dem Ort droht, wenn mal mehr als eine Person aus der Schule befördert werden müssen.

AnderesBeispiele:

50 Rettungskräfte, 4 Notärzte, wg. Wespenstichen – 7 Kinder kamen ins Krankenhaus.
200 Helfer betreuen 52 Kinder und Jugendliche mit Durchfall. Wie üblich konnten sie nach einem Tag fast alle wieder nach Hause. (RP)