Archiv für die Kategorie ‘kurz kommentiert’

Wenn es sein muss sind wir immer schneller

Samstag, 18. Mai 2013

Dürfen Politiker ihnen von Journalisten zugesandte Fragen veröffentlichen (die sie in diesem Zuge natürlich gleich auch beantworten)? Meist schon – lautet die Antwort bei Cicero zu zwei Fällen, in denen Hans-Martin Tillack (stern) und Uwe Ritzer (Süddeutsche Zeitung) mit ihren Fragen den Anstoß für eigene Veröffentlichungen der Befragten geliefert hatten – womit ihre Geschichten der Exklusivität beraubt waren.

Das Urheberrecht hier nicht vorzuschieben erscheint logisch – und auch im Interesse von uns Journalisten, die wir ja gerne Geschriebenes Veröffentlichen, etwa Anwaltsbriefe.

Sollte es Mode werden, Anfragen von Journalisten nicht ihnen gegenüber, sondern gleich öffentlich zu beantworten, bliebe nur die Möglichkeit, als Journalist bereits alle Anfragen zu veröffentlichen. (Das ist natürlich aus anderen, auch schon intensiv diskutierten Gründen nicht optimal, – aber es würde ganz nebenbei die weit verbreitete Ignoranz Presseanfragen gegenüber senken.)

Anstaltsmedienkompetenz

Dienstag, 12. März 2013

“Die WAZ entlässt die Redaktion der ‘Westfälischen Rundschau’, Lokalsender wie center.tv müssen ihr Programm an manchen Standorten reduzieren. ‘Lokal’ refinanziert sich nur schlecht. Aber es geht auch anders: 3.000 Kilometer von Nordrhein-Westfalen entfernt, in Nordskandinavien, wird zur gleichen Zeit darüber beraten, wie das Rundfunkprogramm für die indigene Gruppe der Sami ausgebaut werden kann. Das funkfenster mit einem Porträt eines ungewöhnlichen TV-Formats.”

So bewirbt die “Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen” (LfM) einen Artikel. Dass Westfälische Rundschau und center.tv vom Verkauf ihrer Produkte leben müssen, das “ungewöhnliche TV-Format” für die Sami jedoch öffentlich-rechtlich finanziert wird, scheint der NRW-Anstalt, die sich überwiegend aus dem Rundfunkbeitrag finanziert, schnuppe.

Keine Gegendarstellung bei Clowns nötig (Mediennotizen)

Donnerstag, 28. Februar 2013

* So kanns gehen, warum in Deutschland nicht? Marcela Iacub’s Buch “Belle et Bête” über ihre frühere Beziehung zu Dominique Strauss-Kahn muss eine Gegendarstellung beigelegt werden. In Deutschland hingegen muss bei angenommenen Verstößen gegen Persönlichkeitsrechten alle entsprechenden Aussagen getilgt werden, was regelmäßig erstmal zu Vertriebsverboten führt – eine irrwitzige Form von Privatzensur.

* “Steinbrück’s Gegner nehmen den Eklat dankbar auf – es ist ja Wahlkampf.” Das ist es, was die “Journalismus” genannte Aneinanderreihung von Buchstaben so unerträglich macht: völlig ziellos, ohne jede eigene Hirntätigkeit, wird aufgeblasen und weiterposaunt, was der politische Showbetrieb gerade so anbietet. Peer Stinbrück’s Formulierung von den zwei Clowns, die in Italien die Wahl gewonnen haben, hätte jeder Politikredakteur in Deutschland auch gerne gefunden. Und was Journalisten fürs zahlende Publikum sagen dürfen, sollte einem Politiker oder Politikbewerber nicht verboten sein – wir wollen doch immer klare Worte statt Geschwurbel.
Dass Politiker so viel dummes Zeug reden, liegt ja alleine daran, dass es einen Dummzeugverarbeitungs- und -verbreitungsbetrieb gibt.

Perspektivwechsel: Polizeihetze verursacht Unfall

Montag, 25. Februar 2013

Mit einer waghalsigen und unverhältnismäßigen Autojagd hat die Polizei in Darmstadt das Leben zahlreicher Passanten gefährdet. Wie durch ein Wunder gab es am Ende nur zwei Verletzte.
Nach Angaben der Polizeipressestelle hatten Beamte “das Auto in der Innenstadt kontrollieren wollen, der 29-jährige Fahrer gab jedoch Gas.” Anstatt dem Flüchtigen verdeckt zu folgen oder in Ruhe über das Autokennzeichen den Halter zu ermitteln, jagten die Polizisten ihre Beute mit Blaulicht und Martinshorn durch die Innenstadt, bis es zu einem Unfall kam. “Nach der Kollision mit einem Verkehrszeichen und einem Ampelmast war das Auto so beschädigt, dass es nicht mehr weiterfahren konnte”, teilt die Polizei mit.
“Solche Verfolgungsfahrten durch die Polizei treiben den Verfolgten in eine Angstspirale, bei der er völlig die Kontrolle über sein Handeln verliert”, erläutert Verkehrspsychologe Fred Steinhauer auf Anfrage. Aus der Angst, ohne Führerschein erwischt zu werden, entstehe so regelmäßig ein immenser Schaden, nicht selten mit Verletzten oder sogar Toten.
Die Polizeibehörde hingegen zeigte sich in einer ersten Reaktion gestern uneinsichtig. “Wer vor der Polizei abhaut, hat etwas zu verbergen und muss ohne Wenn und Aber sofort gestellt werden”, sagte Darmstadts Polizeipräsident Walter Verknackdich.

Die auf einer Pressemitteilung der Polizei beruhende Agenturversion liest sich allerdings gewohnt anders.

Siehe auch: Zirkusjournalismus

Jauch und Rezensenten auf Augenhöhe

Montag, 04. Februar 2013

Den Sonntagstalk bei Günther Jauch zu kritisieren ist kein Kunststück, weil er sich brav an alle Regeln hält, die das Fernsehen in den letzten Jahren dafür entwickelt hat.
Wie so oft hatte das plakative Thema wenig mit der Sendung gestern zu tun, aber viel mit der Sendungsqualität, das Potential des Diskussionspersonals ließ auf wenig Bereicherung hoffen: “In Gottes Namen – wie gnadenlos ist der Konzern Kirche?”
Um hinten anzufangen: es gibt “den Konzern Kirche” gensauso wie “den Konzern Fernsehen” oder das Familienunternehmen “die Zeitung”. Dieser Hinweis ist keine Petitesse. Der Sendungstitel zeugt entweder von der Absicht der Redaktion, bewusst auf Krawall zu bürsten und der Unterhaltung wegen den ganzen Glaubensquark in einen Topf zu werfen, oder aber von völliger Unkenntnis der Materie.

Diskutiert wurde dann auch elend lang nur über einen Einzelfall der römisch-katholischen Kirche. Auf den größten Arbeitgeber nach dem Staat kommt man aber nur, wenn man alle Kirchen und deren selbständige Verbände zusammenfasst, also auch Caritas, Diakonie und 20 Landeskirchen nimmt. Die bilden allerdings keinen gemeinsamen Konzern, es sind Konkurrenzunternehmen – und zwar mehr im Hinblick auf Beschäftigte als Mitglieder oder – was etwas ganz anderes ist – Kunden.

Jauch hatte nicht im Ansatz vor, über die Arbeitsbedingungen bei kirchlichen Einrichtungen zu sprechen. Nicht einmal über katholische Krankenhäuser wollte er sprechen, und sein Verständnis von “Gnade” behielt er für sich. Stattdessen debattierte er anhaltend darüber, was wohl Kardinal Meisner mit einer Presseerklärung gemeint haben könnte (offenbar ohne sich vorher schlau gemacht zu haben), und über uralte Fragen zur Abtreibung. Sein Erkenntnisinteresse war ganz offensichtlich null, so dass dieses von der Runde vollumfänglich befriedigt werden konnte.

Doch wenn es gegen “die Kirche” geht, dann halten “die Journalisten” fester zusammen als das Opus Dei. So langte dann stern.de – die digitale Ausgabe des neuen deutschen Anstandsmagazins – mit einer Rezension nach unter dem Titel “Diese Kirche braucht kein Mensch”.

Was in der Sendung schon alles nicht gesagt wurde, hat Autor Mark Stöhr nach Kräften falsch verstanden und um eigene Weltanschauungen ergänzt. So “könnte einem die Kirche ja egal sein”, journalistisch gesehen, wenn bei “ihr”, dieser Kirche, nicht “fast eineinhalb Millionen Menschen (…) in Brot und Lohn” stünden.

Von Spiegel-Online lässt sich Mathias Zschaler seine Ahnungslosigkeit vergüten. Im “Kirchen-Talk” entdeckte er eine

“Parallelwelt [...] die durch den Betrieb von Kindergärten, Schulen, Krankenhäusern im wahrsten Sinne mitten unter uns ist, aber zugleich fernab jeder Lebensrealität agiert.”

Zschaler muss keine Kindergärten besuchen, ihm reicht ein bisschen Fernsehn, um daraus einen investigativen Artikel zu stricken – Spiegel-Genre “Kolportage”.

Es ist ohnehin eine merkwürdige Unart insbesonddere der Online-Medien, Fernsehen nachzuerzählen. Zschaler’s Text setzt sich weder mit der Sendung auseinander noch dreht er die Geschichte weiter, recherchiert nicht dort weiter, wo Jauch am Sonntag eingeschlafen ist.

Aber eine Frage an den Experten für Lebensrealität hätte ich noch: Ist es möglich, dass der Besitz des richtigen Parteibuches hilfreich sein könnte, wenn man bei einer Partei arbeiten möchte? Oder als Schreiberling in einem Verlag? Oder als Richter an einem Bundesgericht?

“Grammatikalischer Unsinn” auf SpOn

Donnerstag, 17. Januar 2013

Auf Spiegel-Online lesen wir zur Vermeidung des “Generischen Maskulinum”:

Deswegen seien Wörter wie Lehrende und Studierende zu bevorzugen. Andere sagen, es sei politischer, wieder andere auch einfach grammatikalischer Unsinn (wie unter anderem die Redaktionen von SPIEGEL und SPIEGEL ONLINE).

Dafür findet sich dieser Unsinn dann aber doch recht häufig auf Spiegel-Online.

Korinthe: Kreuz + Kruzifix

Mittwoch, 16. Januar 2013

Ein nacktes Kreuz ist kein Kruzifix.

Spiegel-online steht auf Trash

Mittwoch, 02. Januar 2013

Ausgerechnet “Kreator” toll finden, aber keinen einzigen journalistischen Wettbewerber? Auf ein gutes neues Jahr!

Social Media Manager

Sonntag, 30. Dezember 2012

Die ARD sucht einen “Social Media Manager” – in “freier Mitarbeit”.
Damit ist das Problem bereits vollumfassend benannt. Rob Vegas versucht es nochmal für die Bürokratenherren und -damen (bzw. versuchsweise wohl “Bürokratenmänner und -frauen“) verständlich zu machen. Wohl vergebens.
Interessant wäre nicht der Twitter-Account eines ARD-Vorsitzenden Lutz Marmor, sondern ein twitternder Lutz Marmor. Der eben auch schreibt: “Puh, fünf Stunden Sitzung wiedermal für nix.” (Was allein natürlich auch nocht keine Story ist.) Oder eben eine originale twitternde Intentanz-Praktikantin, ein NDR-Kabelträger, die Köchin der BR-Kantine usw. Nicht, dass jede twitternde Köchin interessant wäre. Aber sie kann das Zeug dazu haben, nicht der Medienberater im Hintergrund.
Deshalb ist es auch so furchtbar unergiebig, die ARD zu Medienthemen zu befragen. Man bekommt nach langem Hin und Her ein paar Zeilen von der Pressestelle geschickt, die aus der Rechtsabteilung stammen. Eigentlich sollte dabei schon der Versender vor Langeweile versterben, vor Live-Cam.

In einem hat Showmaster Rob Vegas natürlich unrecht: dass er nur wegen seines nicht abgeschlossenen Hochschulstudiums für den ausgeschriebenen Posten ausscheidet. Die Begründung liefert er derweil selbst: Der Job kann nicht von einem noch so guten, witzigen Medien-Kaspar gemacht werden. Wenn er etwas bringen soll, dann braucht es dafür ARD-Menschen. (Und als ein solcher wird sich Dieter Nuhr sicherlich nicht vereinnahmen lassen wollen – jedenfalls nicht ohne extra Kaspar-Geld.)

Meinungsmüll

Mittwoch, 17. Oktober 2012

Radio star.fm 87,9 Berlin wirbt für das nächste Morgenprogramm: HörerInnen konnten anrufen und sagen, was sie von der Idee einer stärkeren Videoüberwachung halten. Genialer Aufhänger für diese pfiffige Frage war eine “tödliche Prügel-Attacke”.  In der Bewerbung der Morgensendung kommen drei Anrufer in ganz kurzen Auszügen zu Wort. Alle drei sind für Videoüberwachung.
Haben solche Umfragen Informationsgehalt, ob nun rein quantitativ von sog. Meinungs- und Marktforschungsfirmen  oder qualitativ wie in der Radio-Sendung?
Journalismus stellt Fragen, die Antworten geben Hinweise auf den “Nachrichtenwert” eines Themas, einer Information.
Was einzelne, sich zu einer Meinungsäußerung berufen fühlende Mitbürger von polizeilicher Kameraüberwachung des öffentlichen Raums halten, ist völlig unbedeutend, ja irreführend, solange nicht die notwendigsten Fakten dazu präsentiert werden, Informationen zu den naheliegenden Fragen: Was kann Videoüberwachung bringen? Wirkt sie präventiv? Wieviel wird das kosten? Gibt es Missbrauchsgefahren? Wer profitiert? usw.
Die Berliner rufen an unter dem Eindruck der regional natürlich sehr medienpräsenten Gewalttat. Doch anstatt genau in dieser Situation zu informieren, schmeißt der Sender nur den Verstärker an, fängt absolut erwartbare Statements ein und verbreitet sie weiter. Wie wären die Antworten ausgefallen, wenn man den Zuhörern erklärt hätte, dass noch so viele Kameras nicht einen einzigen Totschlag verhindern können, weil Täter in dieser Situation nicht abwägen, ob ihnen die Sache drei bis zehn Jahre Gefängnis wert ist und wie groß das Risiko wohl ist, erwischt zu werden, sondern schlicht und ergreifend ohne rationale Kontrolle drauflosprügeln?

Es ist wohl das Grundproblem, dass viele Journalisten völlig wertfrei durch die Öffentlichkeit stolpern, immer das von Hanns-Joachim Friedrichs adaptierte Credo im Kopf, ein Journalist mache sich mit keiner Sache gemein, auch nicht mit einer guten.

Zu den Anliegen, mit denen sich Journalisten ohne Wenn und Aber gemein machen müssen, gehört die Aufklärung. Einfach (selbst generierte) Meinungen zu verbreiten, ist das Gegenteil (so wie ein Artikel auch nicht “ausgewogen” dadurch gerät, dass man zu jedem Statement noch eine abstruse “Gegenmeinung” einholt).


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