Archiv für die Kategorie ‘Handwerk’

Investigative Ahnungslosigkeit

Dienstag, 14. Oktober 2014

Investigativer Journalismus ist, wenn Journalisten jede Frage in der gewünschten Weise beantwortet wird. Investigativ ist ansonsten auch noch, wenn man beklagen muss, dass Fragen nicht in der gewünschten Weise beantwortet wurden (“investigativer Schmoll”). Als wenigstens noch behelfs-investigativ gilt, als Ersatz für die verwehrten Wunschantworten einen Darsteller des Vertrauens ins Fernsehbild zu setzen und ihn spekulieren zu lassen (“investigative Flipchart”).
Was man sich jedoch nach Genuss der beiden investigativen Kirchenfinanz-Reportagen “Vergelt’s Gott – Der verborgene Reichtum der katholischen Kirche” (ARD) und “Glaube, Liebe, Kapital – Die katholische Kirche und ihre Finanzen” (ZDF) als Zuschauer fragen darf: Was wollen Journalisten eigentlich mit Haushaltszahlen der Kirchen, wenn sie nicht im geringsten in der Lage sind, diese Zahlen einzuordnen? Wo beginnt beispielsweise “Prunk”, wenn einem egal ist, ob etwas einen Euro oder eintausend Euro kostet?
Natürlich kann es jedem passieren, dass er eine Tabelle beim schnellen Überfliegen falsch liest, weil dabei die Legende ignoriert wurde. Aber was soll man von einem Film halten, in den es trotz einer – vor allem aus dem Blickwinkel freie Print-Journalisten – oppulenten Mitarbeiterschar (Autoren: Nina Behlendorf, Nicolai Piechota; redaktionelle Mitarbeit: Stella Könemann, Redaktion: Annette Uhlenhut, Beate Höbermann; Produktion: Denise Bischoff, Delia Gruber; Leitung der Sendung: Claudia Ruete) folgende Behauptung schafft:

“Im bislang geheimen Bischöflichen Stuhl stecken 92 Millionen Euro. Das ist 500-mal mehr, als Limburg an Kirchensteuern kassiert.”

Wie wenig Ahnung von Kirche und Finanzen muss man haben, um an dieser Stelle nicht aus dem Halbschlaf geschreckt zu rufen: Das kann doch wohl nicht sein! Nämlich sowohl, dass das 500-Fache der jährlichen Mitgliedereinnahmen auf der hohen Kante liegt (woher soll das Geld kommen?) als auch, dass ein ganzes katholisches Bistum nur ein Fünfhundertstel von 92 Millionen Euro jährlich an Mitgliedsbeiträgen bekommt? Wo doch schon der gescholtene “Protzbau” zu Limburg über 30 Millionen Euro gekostet hat?

Leider musste man noch nicht einmal so investigativ sein, die Haushaltszahlen des Bistums selbst zu erfragen. Es reicht, die Reportage von ZDF-Zoom eine Minute zurückzuspulen, um den Fehler zu finden:

ZDF-Zoom-Fehler-Kirchensteuer

Wie üblich wurden in den Tabellen aus Gründen der Übersichtlichkeit ein paar Nuller weggelassen. Drei jeweils, wie der Legende zu entnehmen ist: “Angaben in T€”. Denn natürlich erhält das Bistum Limburg nicht nur 180.257 Euro Kirchensteuer pro Jahr, sondern 180 Millionen – und damit umfasst das ausgewiesene Vermögen des Bischöflichen Stuhls nicht mehr das 500-Fache, sondern nur noch die Hälfte der jährlichen Kirchensteuer.
Und jedes Kirchenmitglied zahlt im Schnitt nicht nur 28 Cent pro Jahr für seinen Verband, sondern – Achtung, komplizierte Verschiebung des Kommas um drei Stellen nach rechts – 280 Euro.

Update 16. Oktober:
Auf eine Anfrage von uns teilt die Redaktion mit: “Der von Ihnen angesprochenen Zahlenpatzer ist von uns ärgerlicherweise erst nach Ausstrahlung entdeckt worden – inzwischen haben wir die Korrektur-Version gefertigt.”
Zur eigenen Transparenz verweist ZDFzoom auf eine entsprechende Veröffentlichung. Danach kostet eine ZDFzoom-Produktion je nach Länge (30 oder 45 Minuten) zwischen 90.000 Euro und 130.000 Euro pro Ausgabe.

Rigide redigierende Redakteure

Donnerstag, 25. September 2014

Warum beauftragen Redakteure eigentlich freie Journalisten? Weil sie selbst keine Zeit haben? Weil ihnen das Thema zu langweilig oder mühselig oder widerspenstig erscheint? Ein gutes Motiv wäre: Weil sie interessiert daran sind, was der Freie (m/w) an Fragen entwickelt und an Antworten findet, wie er Fakten einordnet und kommentiert, wie er das Ergebnis für die Leserschaft aufbereitet. Wenn Redakteure ihre Autoren ernst nehmen, müssen sie ihnen Raum geben – mindestens für die journalistische Darstellung, aber eigentlich auch für Themen: Warum entscheidet über jedes Thema die Redaktion, anstatt zu sagen: “Hier, Kollegin X, dieses Mal bist du dran, fünf Seiten zur freien Verfügung, wir sind wahnsinnig gespannt, was du ins Heft bringen wirst!”

Das verlangte allerdings ein hierarchieärmeres Berufsverständnis: Redakteure erziehen ihre Autoren nicht, so zu schreiben, wie sie selbst schrieben, wenn sie könnten, wollten, müssten – sondern sie suchen Autoren, die eigene Themen, Sichtweisen und Darstellungen ins Blatt bringen.

Der ganze Text (mit falsch hineinredigiertem Komma an entscheidender Stelle – dort steht nämlich: “Redakteure erziehen ihre Autoren, nicht so zu schreiben …”)

AGB für Freie Journalisten

Mittwoch, 24. September 2014

AGB – meine, deine, keine
Allgemeine Geschäftsbedingungen (AGB) halten fest, was bei allen Verträgen gelten soll, soweit nicht explizit davon abgewichen wird. Alle größeren Firmen  haben eigene AGB, unter Geschäftsleuten werden sie automatisch Vertragsbestandteil, auch ohne ausdrücklich darauf hinzuweisen. Deshalb sollten Freie Journalisten die AGB ihrer Abnehmer genau prüfen und ggf. für ihren individuellen Auftrag Abweichungen verhandeln (z.B. bei Nutzungsrechten). Eigene AGB brauchen Freie in der Regel nicht, zumal in vielen Fällen nur wiederholt wird, was schon in den Gesetzen steht. Haben beide Vertragsparteien AGB und widersprechen sich diese, sind die betroffenen Regelungen unwirksam und es gilt, was im Gesetz steht. Das ist für Urheber meist gar nicht so schlecht.

Angemessene Vergütung
Journalisten steht für ihre Werke stets eine angemessene Vergütung zu (§ 32 UrhG). Angemessen ist, was als branchenüblich gilt oder in Allgemeinen Vergütungsregeln festgelegt ist. Da nicht immer schon bei Ablieferung eines Beitrags zu erkennen ist, was eine angemessene Vergütung ist, kann der Journalist ggf. später eine Nachzahlung verlangen, allerdings nicht bei Honoraren nach Tarifvertrag. (mehr …)

Handelnde Personen ausgeschlossen

Freitag, 15. August 2014

Wenn Deutschland gegen Argentinien gewinnt, ist das sprachlich eine geläufige Flapsigkeit. Jeder weiß, dass die Fußballnationalmannschaft gemeint ist, die da bei einem von der Fifa organisierten Turnier mitgespielt hat. Und zumindest die Fans wissen auch, wer genau auf dem Feld stand.

Wenn Deutschland Argentinien mit Sanktionen droht, ist die Sache schon weit weniger eindeutig. Klar, es wird um Politik gehen, vermutlich, aber vielleicht sind mit „Deutschland“ auch Wirtschaftsverände gemeint? Aber wenn die Politik agiert – wer ist das genau? Ein Minister, der gerade spricht, ein Staatssekretär, der im Hintergrund gewirkt hat, Ministerialbeamte, die sich seit Jahr und Tag mit Sanktionen beschäftigen, oder das Parlament bzw. genauer einzelne Abgeordnete dort, die für oder gegen eine bestimmte Politik gestimmt haben?

Es ist – gerade für Journalisten – schön und einfach, Organisationen handeln zu lassen. Eben ein ganzes Land, gar die Europäische Union oder den ganzen afrikanischen Kontinent – das klingt gut und griffig.

Aber in Wirklichkeit verschleiern diese Kraftbegriffe sehr viel – und nicht selten in eigentlich unerträglicher Weise. Das lässt sich an Kirchenthemen besonders deutlich zeigen (gerade weil es dafür unter Journalisten wenig Fans gibt). Ein Beispiel:

Matthias Drobinski hat gerade über das neue Verfahren der Abgeltungssteuer auf Kapitalerträge geschrieben – und warum das zu Kirchenaustritten führt.

eigentor-der-kirchen-sueddeutsche

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Ausländerfeinde mit Abitur

Sonntag, 08. Juni 2014

“Korinthen” sind bei uns dem Spiegel vorbehalten, aber an diesem klassischen Patzer konnten wir nicht vorbeisehen.  Bei Cicero lesen wir:

cicero-auslaenderfeindlichkeit

6,8% der Ausländerfeinde haben Abitur, 20,8% hingegen haben kein  Abitur. Und die restlichen 72,4%? In der entsprechenden Studie der Universität Leipzig steht denn auch etwas anderes:

Auslaenderfeindlichkeit-Studie-LeipzigDas ist natürlich etwas ganz anderes. 6,8% der befragten Menschen mit Abitur haben (nach Definition der Studie) ausländerfeindliche Einstellungen.

 

 

Lesetipp: Katastrophaler Wirtschaftsjournalismus

Dienstag, 27. November 2012

Sebastian Dullien, Journalist und Professor für Volkswirtschaft an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin spricht von einem geradezu unterirdischem Wirtschaftsjournalismus in Deutschland. Anstatt selber hart zu recherchieren würden sich immer wieder Redaktionen hinter so genannten Experten und Wirtschaftsweisen verstecken. [...] “[Hans Werner] Sinn behauptet ein katastrophales Export-Defizit genau in dem Jahr, in dem Deutschland real Export-Weltmeister war. Trotzdem wird er immer wieder von den Medien hofiert und durch die Talkshows geschleust”, bedauert Dullien.

bei evangelisch.de

BILD besser als SPIEGEL

Sonntag, 04. November 2012

Manchmal muss eine Geschichte auch deshalb fertig erzählt werden, weil man dabei seine zuvor geäußerten Gedanken neu kommentieren, einordnen, revidieren oder verstärken muss.

Wie war das jetzt mit dem ach so unsäglichen Joachim Witt Video “Gloria”? Ekelhaft und diskreditierend und vor allem – Gipfel der Lächerlichkeit – jugendgefährdend sollte es sein. Da war sich der deutschsprachige Profi- bzw. Kommerz-Journalismus weitgehend einig. Und dann? Irrt die Bundesprüfstelle in ihrer Beurteilung:

Eine Jugendgefährdung nach § 18 Abs. 1 JuSchG kann nicht festgestellt werden, da weder unsittliche, verrohend wirkende oder zu Gewalttätigkeit, Verbrechen oder Rassenhass anreizende Medieninhalte vorliegen.

Könnte es sein, dass sich Stefan Kuzmany auf Spiegel-Online mal wieder vergaloppiert hat? (Das meint wohl auch Jan Wigger.) Ebenso wie Thomas Schmoll auf stern.de? (für den das Video in vierfacher Hinsicht grauenhaft ist: “1. Die Musik ist furchtbar. 2. Der Sänger kann nicht singen. 3. Der Text ist stümperhaft. 4. Eine Frau wird vergewaltigt” – soviel Rezensionstiefe war selten); auch bei stern.de endet die Geschichte mit der bevorstehenden Indizierung (und einer “beleidigten Leberwurst” Witt).  Wo ist derHinweis im Kampfblog Bundeswehrblog “Augen geradeaus“, das vielfach als Nachrichtenquelle für die Indizierungsabsicht genannt wurde?

Im Prinzip sollten professionelle Medien ein solch wichtiges Update behandeln wie eine Gegendarstellung: in gleicher Größe an gleicher Stelle veröffentlicht, damit die Nachricht von möglichst vielen derer wahrgenommen wird, die den Anfang davon gelesen haben. Und online sollte es eine Selbstverständlichkeit sein, unter die alten Artikel ein “Update” zu setzen, damit auch Googler und Archivnutzer nicht nur durch Zufall erfahren, dass die Sache anders ausgegangen ist, als die Journaille glaubte.

Die Agenturmeldung dazu gab es schließlich, und bild.de hat es geschafft, sie aufzugreifen. Dafür gibts hier eine ja immerhin in diesem einen Punkt zutreffende Provokationsüberschrift.

Die tendenziösen Nicht-Bilder

Sonntag, 04. November 2012

Nachrichtenfilm zur Beschneidung bei der Süddeutschen Zeitung

Auch Monate nach Beginn der “Beschneidungs-Debatte” glänzt der Journalismus in Deutschland mit Fehlinformationen. Bilder von Beschneidungen gibt es nämlich nicht. Nur so kann weiterhin von einem kleinen, unbedeutenden Eingriff gesprochen werden. Die ganze Peinlichkeit fasst ein Reuters-Video (hier bei sueddeutsche.de): auch bei Beschneidung gibt es im Politikjournalismus nur Laber-Laber-Rhabarber. In zwei Micorozenen wird eine OP im Krankenhaus gezeigt, und man mag erahnen, dass eine Schwester mit OP-Besteck einen Penis gleich einer Lakritzschnecke in die Länge zieht. Aber man sieht eigentlich nichts. Kein Kind (Säugling, Knabe, Jüngling?), keine Vorhaut, keinen Schnitt, – stattdessen viele Politiker.

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Bild-Aufklärung

Dienstag, 17. Juli 2012

Fotos können auch Journalismus sein. Und manchmal geht Journalismus gar nicht gut ohne Fotos. Im Radio muss man dann umständlich beschreiben – wenn das Bild nicht fehlen soll.

In der Beschneidungsdebatte fehlt das Bild praktisch überall. Während jeder politische Aussetzer zum Thema Alkoholkonsum bei Jugendlichen (gerade war Schröderle mit einer Ausgangssperre ab 20 Uhr in der medialen Psycho-Ambulanz) mit einem nie so bezeichneten “Symbolbild versehen wird (schlafender Jugendlicher im Hinter-, Schnapsflaschen im Vordergrund), gibt es zur Beschneidung nie was Richtiges zu sehen (Bsp. 1, 2, 3). Dabei wäre das alles andere als populistisch oder voyeuristisch. Von der Beschneidung selbst abgesehen könnten doch Bildergalerien mit Dödeln verschiedener Schnittformen sehr erhellend sein. Dann würde es mir auch in Wort statt Bild genügen zu erfahren, wie die männlichen Redenschwinger jeweils untenherum (oder sagt man: vornerum?) aussehen. (Bei den meisten Debattierern muss man ja sehr skeptisch ob sie selbst wissen, wie sie aussähen, wenn man mit ihnen gemacht hätte, was sie ganz undramatisch finden.)

Nackte Königin ist nur ein Witz

Montag, 16. Januar 2012

Der zentrale Unterschied zwischen Comedy und Satire ist, dass Satire eine aufklärerische, meinungsschwangere Botschaft hat, während Comedy völlig wertfrei Lachen macht. (Deshalb ist Harald Schmidt auch kein Satiriker – wie es fast konsequent behauptet wird – sondern ein Comedian, denn er hat keine Botschaft, er klärt nichts auf, er stochert nur nach Lachern – und spricht ja auch selbst nur von “Gags”, die er mache.)

Wie wichtig diese Unterscheidung in der Rezeption ist, kann man derzeit in den Niederlanden beobachten.

Weil Königin Beatrix bei ihrem Besuch einer Moschee in Abu Dhabi ein – locker über den Hut geworfenes – Kopftuch trug, erregen sich die Islam-Hasser. Und als künstlerische Reaktion gibt es u.a. einen Filmbeitrag (Lucky TV), der das niederländische Königspaar in Adaption kultureller Gebräuche auf Papua-Neuguinea zeigt – nackt.

Als Comedy deklariert ist das ein guter Scherz. Als Satire aber kritisiert es den Repekt vor anderen Kulturen und Religionen. Fascho-Satire. Kann man machen, muss man aber nicht drüber lachen. Weil es eine perfide Forderung impliziert: dass nämlich der westliche Imperialismus selbstverständlich weltweit nach seinen Maßstäben durchs fremde Land trampeln darf. Der Witz ist ja gerade, dass ein Geert Wilders, der das Kopftuch auf dem Königshaupt in einem islamischen Land eine unerträgliche Anbiederung findet, im Umkehrschluss überhaupt nichts gegen die Burka in Den Haag haben kann, weil der Verzicht auf sie eine furchtbare Anbiederung an die alten Oranien-Kolonialherren wäre.

Und zur Frage der Nacktheit auf Papua-Neuguinea: Ich kenne die dortigen Gepflogenheiten nicht, aber wo man sich die Hände wäscht vor einer Mahlzeit, da sollte man dies auch als Gast tun, und wo man die Straßenschuhe vor der Tür lässt, betritt man das Haus barfuß – oder man bleibt draußen.