Rentner ausgebüxt – Medien amüsieren sich

Gegen 03.00 Uhr kümmerte sich eine Streife um zwei betagtere Herren, die an dem Metal-Festival offenbar Gefallen gefunden und sich aus einem Dithmarscher Altenheim auf den Weg gen Wacken gemacht hatten. Natürlich vermisste man sie in ihrem Zuhause und organisierte rasch einen Rücktransport, nachdem die Polizei die Senioren aufgegriffen hatte. Die Männer machten sich allerdings nur widerwillig auf den Heimweg, so dass ein Streifenwagen das beauftragte Taxi vorsorglich begleitete.

Das vermeldete die Polizei Itzehoe am Morgen des 4. August 2018. Und sie regte – Wochenende, Hitze, Sommerloch – zahlreiche wörterverarbeitende Betriebe zur bunten Kolportage an. Was dabei der nachrichtliche Kern sein soll, lässt sich am ehesten anhand der lockeren Teaser bei Facebook und Twitter erahnen.

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Checkpoint ohne gültige Journalismuspapiere

Kolumnen spitzen zu, sie kommentieren, ironisieren, phantasieren gerne mit den aus der Satire bekannten Stilmitteln*. Kolumnen wollen unterhalten, zumal wenn sie wie der “Checkpoint” des Berliner Tagesspiegels in aller Herrgotts Frühe auf der Matte stehen und ins Oberstübchen gebeten werden wollen.

Ein denkbar ungeeignetes, weil unjournalistisches Stilmittel ist hingegen die Weglassung relevanter Informationen, zumal wenn sie dann eben durch eigene Geisteskapriolen ersetzt werden.

Tagesspiegel Chefredakteur  Lorenz Maroldt teilt uns heute in seinem Checkpoint mit:

Die Linken-MdA Katalin Gennburg und Kristian Ronneburg kümmern sich rührend um Ihr Wohlbefinden (ja, Sie sind gemeint) – sie fragen den Senat: „Werden die Grundrechte der Bürgerinnen und Bürger auf negative Meinungs- und Informationsfreiheit (Schutz vor unzumutbarer Konfrontation mit fremden Meinung und Informationen) bei der Genehmigung von Werbeanlagen im öffentlichen Verkehrsraum berücksichtigt?“

Ja, Schutz vor fremden Meinungen ist in der Tat eines der letzten ungelösten Probleme der Demokratie, da sind Diktaturen eindeutig im Vorteil. Besonders im Wahlkampf werden ja auch Ihnen schon die aufdringlichen Parteiwerber aufgefallen sein, die harmlose Passanten und TV-Zuschauer mit fremden Meinungen konfrontieren. Dank r2g dürfte damit also bald Schluss sein.

Was Maroldt weglässt, ist die Antwort des von den beiden Landtagsabgeordneten befragten Senats. Schon die präsentische Erzählung erweckt ja den Eindruck, Maroldt hätte hier eine ganz frische Anfrage abgefangen, doch sie ist etwas über einen Monat alt, vom 29. Mai 2018. Sogar die Antwort der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz ist nicht frisch, sie datiert auf den 8. Juni, und das alleine wäre gerade im Checkpoint ja dann doch einer Bemerkung wert gewesen, wird die Berliner Verwaltung doch quasi in jeder Ausgabe für ihre Langsamkeit gescholten.

Der Senat jedenfalls teilt nichts mit, was Maroldts Prognose stützen kann. Die entsprechende Passage aus der Anfrage mit Antwort wörtlich:

Frage:
Werden die Grundrechte der Bürgerinnen und Bürger auf negative Meinungs- und Informationsfreiheit (Schutz vor unzumutbarer Konfrontation mit fremden Meinungen und Informationen) bei der Genehmigung von Werbeanlagen im öffentlichen Verkehrsraum berücksichtigt?
a. Wenn ja: Wie?
b. Wenn nein: Warum nicht?

Antwort:

a. Nein.
b. Inwieweit das aus dem Grundrecht des Artikel 5 des Grundgesetzes (GG) ableitbare Recht auf negative Meinungs- und Informationsfreiheit auch ein Recht beinhaltet, vor (optischer) Werbung über Werbeanlagen im öffentlichen Raum verschont zu bleiben, ist im Einzelnen noch weitgehend ungeklärt. Allein die bloße Konfrontation mit einer fremden
Meinung ist für sich genommen noch nicht vom Schutzbereich des Grundrechts aus Art. 5 GG erfasst. Im öffentlichen Raum, in dem der Einzelne der Werbung in zumutbarer Weise
ausweichen kann und im Übrigen auch mit ortsüblicher Werbung rechnen muss, tritt das Recht, von den Einwirkungen durch Werbung verschont zu bleiben, hinter das (positive) Recht anderer Nutzerinnen und Nutzer des öffentlichen Raums zurück, ihre Meinung oder Informationen kund zu tun (etwa auch durch politische Parteien im Vorfeld zu allgemeinen Wahlen). Soweit im Einzelfall die Zumutbarkeitsschwelle für einen Betroffenen überschritten sein sollte, ist dem insbesondere im Rahmen des bauplanungsrechtlichen Rücksichtnahmegebots Rechnung zu tragen.

* Nach der Definition: “Satire ist eine künstlerische Darstellung von Tatsachen und Meinungen mittels unwahrer Aussagen.

Wir Billigheimer

Kommentar zur Hitzacker-Berichterstattung

Journalisten überschätzen sich gerne. Demokratie sei ohne sie nicht möglich und so Trallala. Entsprechend wichtig nehmen sie sich in der Öffentlichkeit, machen aus jedem Rempler einen Angriff auf den freiheitlichen Rechtsstaat – alles bekannt und nicht originell, denn um mal wieder Kurt Tucholsky zu zitieren:

Der Standesdünkel liegt in derselben Schublade wie der Patriotismus. Vom Feuerwehrverein bis zum Vaterland sind nur wenige Schritte. Und daher sieht bei uns der Skatverein wie ein Staat und der Staat wie ein Skatverein aus. (1926)

Erstaunlich ist nur, in welchen Situationen Journalisten ihre Wichtigkeit so gar nicht bewusst zu sein scheint: nämlich wenn sie “nur ihren Job machen”, wie das dann immer legitimierend heißt.

Am vergangenen Pfingstwochenende entschieden sich Journalisten in ganz Deutschland, eine Polizeimeldung (bzw. dessen Agenturfassung) mit der Bedeutsamkeit ihrer Medienmarken aufzuladen. Ohne jede eigene Recherche und offenbar mit recht wirren bis wilden Bildern im Kopf zimmerten sie Überschriften, Teaser, Eyecatcher. In diesem Normalbetrieb, der im Ergebnis kaum einen Unterschied zwischen BILD und taz, Deutschlandfunk und Welt erkennen lässt, wird das Bedeutungspathos offenbar an der Garderobe abgehängt. Oder wie ist es möglich, dass die gesamte Medienlandschaft, die keinen Mainstream bilden möchte, Nachrichten mit maximalem Skandalpotential bastelt, ohne die Folgen bei der Arbeit zu berücksichtigen?

Es ist die berühmte self-fulfilling prophecy, mit der hier gearbeitet wird: Oh, die Nachricht ist wichtig, weil wir sie wichtig machen können. Hauen wir sie erstmal raus, fliegt uns die weitere Berichterstattung wie gebratene Tauben zu. Man kann nicht bis drei zählen, schon haben sich die üblichen PR-Profis zu Wort gemeldet: Politiker, Gewerkschaftler, Twitter-Selbstvermarkter, Weltendeuter aller Art. Das Praktische an diesem Geschäft für alle: Man muss dazu nicht mehr wissen, als in einer Meldung steht, man muss nicht nachdenken, nirgends nachfragen, man kann direkt seinen Sermon raushauen und mit dem “heiligen Bogen” in spätestens zwei Halbsätzen zu seinem ganz persönlichen Lieblingsthema kommen.  Weiterlesen

ARD entdeckt ihre Blase (Lesebeute)

Ich glaube, dass wir Journalisten zu sehr bestimmte Milieus abdecken und verkörpern.
Natürlich stammt die Mehrheit der Berichterstatter eher aus urbanen Milieus, ist akademisch geprägt. Die Probleme vieler Menschen finden in den unmittelbaren Tageserlebnissen von Journalisten nicht in dem Maße statt, wie es für die Bevölkerung repräsentativ wäre. Also dieses genauere Hinschauen – wie geht es den Leuten, was ist ihnen wichtig? – da müssen wir ernsthafter werden, noch näher dran sein.
Auch bei der Frage: Welche Lebenswelten kommen bei uns eigentlich nie vor? Haben wir genügend Themen vom Land zum Beispiel? Da müssen wir stärker an uns arbeiten. Wir haben auch in der Politikberichterstattung eine zu geringe Vielfalt an Formaten.

Ulrich Wilhelm, ab 2018 ARD-Vorsitzender, in einem Interview mit dpa, nach stern.de

FAZ: Wirtschaftsthema fett versemmelt

Einer der Gründe für den schlechten Zustand des Journalismus dürften die Großredaktionen sein. Großraumbüros und Großraumtoiletten sind einer natürlichen Ejakulationsrate abträglich. (Und den schnellen Bürosex gibts auch nur in der BILD-Phantasie, und in Wahrheit sind gerade Journalistenansammlungen absolut knisterfreie Zonen.)
Es ist zwar doof, dass wir schlechten Journalismus haben, weil die Damen und Herren zu selten kommen, aber – aber: wir müssen damit leben, und zwar stillschweigend, weshalb Sie bitte die ersten Zeilen auch gleich wieder vergessen. Denn Sex gehört – legal veranstaltet oder unterdrückt – zum “höchstpersönlichen Lebensbereich”. Mag des Nächsten Bemühen in diesem Intimbereich auch unsere Phantasie beflügeln und den Treppenhaustratsch nähren: es ist kein öffentliches Thema, und das meint konkret: keines für Medien und Politik.  Weiterlesen

Nichtwählerbashing als Ergebnis von Rechercheverweigerung

Nichtwählerbashing liegt bei den meinungsäußernden Journalisten seit langem im Trend. Die Logik muss in etwa die sein: Weil sie selbst natürlich aktiv wählen (natürlich, weil Wahlkampf und Wahl nicht nur ein “Hochamt der Demokratie”, sondern vor allem ein Festschmaus für den Journalismus sind), muss dies richtig sein – und anderes Verhalten muss falsch sein.
Diese Form der Meinungsbildung ist sicherlich weit verbreitet – hat nur mit Journalismus nichts zu tun. Da gibt es z.B. ganz seriöse Nichtwählerforschung, mit der man sich beschäftigen könnte. Man könnte als Journalist selbst Nichtwähler befragen. Konkret zu ungültigen Stimmen könnte man einen Blick auf die entsprechenden Wahlzettel werfen (hui, das würde evtl. noch investigativ). Man könnte es einfach mit dem Perspektivenwechsel versuchen, das Geschehen aus der Perspektive von Nichtwählern oder Ungültigwählern zu sehen.

Aber wozu Recherche, wenn man eine Meinung hat.

Das arroganteste Beispiel dafür von heute: die Frankfurter Neue Presse. Auf Facebook kündigte sie ihre Enthüllungsstory so an:

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Entsorgte Objektivität

Schon wieder eine AfD-Skandal-Inszenierung. Schon wieder die deutschen Leitmedien im Gleichschritt. Schon wieder Empörung statt Journalismus. Dabei hatte es doch kleine Hoffnungszeichen gegeben, zumindest in einzelnen Redaktionen wolle man zurückkommen zur Recherche, wolle einen Informationsauftrag erfüllen, Geschehnisse sinnvoll einordnen (und nicht wie Twitter bringen, was gerade auf Zustimmung stößt).

Die Causa: Alexander Gauland soll bei einer Wahlkampfveranstaltung gesagt haben

“Ladet sie [Aydan Özoğuz (SPD), Integrationsbeauftragte der Bundesregierung] mal ins Eichsfeld ein und sagt ihr dann, was spezifisch deutsche Kultur ist. Danach kommt sie hier nie wieder her, und wir werden sie dann auch, Gott sei dank, in Anatolien entsorgen können.”

Das Journalismus-Versagen dabei:
* Gaulands Aussage wird ohne ihren Zusammenhang kolportiert.
* Ein einzelnes Wort wird zum Eklat: “entsorgen”. Ohne jede Einordnung (dabei haben schon weit prominentere Politiker Konkurrenten “entsorgen” wollen).
* Der von den Medien inszenierte Skandal wird von ihnen zu einer Medienpropaganda der AfD erklärt.
* Am Ende wird niemand auch nur einen Funken schlauer sein, aber alle Gruppen wurden in ihrer Identifikation (= Abgrenzung von allem anderen) gestärkt.  Weiterlesen

Ach nun, Meedia halt

Über Inhalte bei Meedia, dem Internet-Nacherzähldienst, brauchen wir nicht mehr zu diskutieren, das haben genügend Kritiker versucht, egal. Aber Versuche, sich selbst zu Lasten anderer Aktualität zu bescheinigen, sollte das auf Dialog stets verzichtende Medium (s.u.) unterlassen.

Es sind nur drei Buchstaben, die eine Nachricht in den falschen Zeitkontext stellen: “nun”.  Weiterlesen

Bundesamt für Witzzulassungen

Von Rassismus kann man gut leben. Also von Rassismusvorwürfen. Denn nur mit ihnen kann man sich selbst als Antirassist abgrenzen. Psychologen haben für dieses Abgrenzen allerhand Erklärungen parat, aber es ist vor allem simple Ethologie: der Mensch als Familientier braucht ein paar Artgenossen um sich herum, mit denen er sich gegen den Rest der Welt verbündet und für seine Sippschaft sorgt (gerne auch beliebig auf Kosten anderer). Wo das mit Familien und kleinen Dörfern nicht mehr geht, bilden sich Ersatz-Clans auch ohne jede Verwandtschaft – eine Schulklasse hält für gewöhnlich gegen andere Klassen zusammen, auch eine Bundeswehrstube, eine Fußballfanuniform oder eine Twitter-Jüngerschaft schaffen neue Sozialverbände, die sich jeweils durch Abgrenzung von allen anderen definieren.

Es ist daher überhaupt nichts Besonderes, wenn irgendwelche Twitterwesen zu einer Karikatur der BILD über deutsche Politiker lauthals herausposaunen, es handele sich dabei um “rassistische Scheiße”. Man sollte es da auf gar keinen Fall mit Argumentation versuchen, mit Fakten oder Logik – es ist auch egal, ob sich Leute empören, die vor zweieinhalb Jahren noch Charlie waren, denn auch Charlie war ja nur eine temporäre Ersatzfamilie, die billigst mögliche Abgrenzung gegen Terroristen und ein Gute-Laune-Macher (wir stehen zusammen auf der richtigen Seite).

Nicht ganz so belanglos ist es, wenn Journalisten oder reichweitenstarke Journalismuskritiker ihre Peergroup-Fahne auch im Job hochhalten und darüber ein paar Tugenden guter Berichterstattung vergessen.  Weiterlesen

Fragen stellen und Antworten verstehen

Von der diesjährigen “Jahreskonferenz” des Vereins “Netzwerk Recherche” nur Eindrücke von zwei Veranstaltungen zu sehr grundlegenden Problemen im Journalismus.

1. Fakten statt Fiktionen – das bleibt eine Herausforderung

Mit dem richtigen Zuhören haben selbst gestandene Journalisten wie Hans Leyendecker ein Problem. Und das kann einen wahnsinnig machen, weil richtiges Zuhören (und Verstehen) die Voraussetzung für objektive Berichterstattung ist. Aber auch viele Journalisten hören, was sie hören wollen – bis hin zur Skandalisierung.
Alexander Gauland, stellvertretender Sprecher der Bundes-AfD und bis vor kurzem Vorsitzender in Brandenburg, hatte die Einladung zu einer Podiumsdiskussion angenommen, Titel: “‘Populisten’ und ‘Lügenpresse’ – Die AfD und die Medien”.
Die Besetzung des Panels sprach schon nicht für all zu viele neue Erkenntnisse, denn neben Gauland nahmen drei Journalisten Platz: Melanie Amann vom Spiegel, Kai Gniffke von ARD aktuell und als Moderator Stefan Weigel von der Rheinischen Post. Ein Medienforscher etwa oder ein ausländischer Beobachter fehlten, so dass Gauland über weite Strecken drei Kontrahenten gegenüber saß, die sich intellektuell schmerzhaft an der Forderung festbissen, Gauland habe dafür zu sorgen, dass Journalisten bei AfD-Veranstaltungen nicht ausgeschlossen werden, andernfalls müsste er doch wohl aus der Partei  austreten. Dabei betonte Gauland zigfach, er selbst sei immer gegen Presseausschlüsse gewesen und in dem von ihm geführten Landesverband Brandenburg habe es das auch nie gegeben. Zur Erinnerung: Gauland selbst war 14 Jahre Herausgeber einer Tageszeitung, der Märkischen Allgemeinen.  Weiterlesen