Archiv für die Kategorie ‘Handwerk’

SpKr-Mitbegründer abgetaucht

Dienstag, 07. Juni 2016

Denjenigen, die schon seit mehreren Jahren hin und wieder Blogtexte auf Spiegelkritik gelesen haben, ist bekannt, dass zu unseren Gründern der Mann gehört, der seit 2015 für die „Keylogger-Affäre der taz“ steht: Sebastian Heiser. Die taz-Redakteure Sebastian Erb und Martin Kaul haben den Fall über Monate aufgearbeitet – und ihren Ex-Kollegen schließlich sogar irgendwo in Asien aufgespürt. Doch in der Sache geäußert hat er sich auch dort nicht. Wie bei allen anderen, die ihn kannten, hat er auch bei uns viele Fragen hinterlassen.
Wir verweisen also auf „Dateiname LOG.TXT“ bei der taz. (Und beispielhaft auf einen SpKr-Text unseres Ex.)

Ferner dazu:
* Audiobeitrag Georg Löwisch (taz chefredakteur) bei Radio Eins.

Nachrichtenagentur „Idea“ löscht Beitrag, Kommentare und Anfragen

Dienstag, 17. November 2015
Leserkritik-ueber-Loeschungen-bei-Idea

Auch dieser Leser-Kommentar wurde von „Idea“ gelöscht. Aus der Welt ist er dennoch nicht.

Vermutlich ist das alles Absicht, damit eine kleine, pietistische Botschaftenverbreiterin namens „Idea“ im hippen Web etwas Aufmerksamkeit bekommt – dabei soll sie die gerade gar nicht mehr bekommen. Was ist los?

„Idea“ hat den Beitrag eines externen Mitarbeiters („Ein blutiges Ausrufzeichen nach der EKD-Synode“) vom Netz genommen, dabei aber auch alle User-Kommentare gelöscht. Auch alle Fragen zu dieser „Causa“, die als „Pinnwandeinträge“ bis gestern Mittag noch zu sehen waren, sind verschwunden. Wetzlarer Löschtage offenbar. Timo Rieg meint:

Es ist jedenfalls keine kleine Facebook-Posse, was sich Idea gerade leistet. Die Kommunikation mit Kunden, Lesern, externen Fachleuten etc. über einen Kanal wie Facebook ist längst unabdingbar für Journalisten. Eine Agentur, die diesen Kanal willkürlich kappt, die zeigt, dass sie mit Kritik, ja schon mit Anfragen nicht umgehen kann, kann und darf journalistisch nicht mehr ernst genommen werden.(weiterlesen dort: „Idea ist journalistisch unten durch“)

 

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Obamas Totenrede (Korinthe 81)

Montag, 05. Oktober 2015

Ein Mann, der so erfolgreich wie Barak Obama ein US-Foltergefängnis auf Kuba schließt, kann natürlich auch Toten sein „tiefes Beileid“ bekunden.

obama-totenrede

Zitate – (Korinthe 80)

Mittwoch, 23. September 2015

In einerRegionalzeitung heute früh stolperte ich über einen Satz von Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder, der bei der Vorstellung seiner Biografie gefallen sein soll und den ich online nun hier gefunden habe:

«An meiner Wiege wurde mit Sicherheit nicht gesungen: Ich werde Bundeskanzler. Aber an Ihrer, Frau Merkel, auch nicht.» (Augsburger-Allgemeine)

Es ist ein Agenturtext von dpa, in meiner Zeitung mit Autorenzeile „Kristina Dunz“ versehen. Warum ich darüber gestolpert bin? Weil ich schon im Kopf eher eine Formulierung hatte, wie sie für den selben Vorgang dann die Süddeutsche postete:

sz-merkel-schroederEin nicht unerheblicher Unterschied!
Aber so ist das mit den „Zitaten“. Die Doktorarbeit, auf die ich am häufigsten verweise, erschien 2001 unter dem Titel: „‚So habe ich das nicht gesagt!‘ – Die Authentizität der Redewiedergabe im nachrichtlichen Zeitungstext“. Autor Alexander Marinos ist heute stellvertretender Chefredakteur der WAZ. In deren Online-Ausgabe findet sich, von Diana Zinkler geschrieben, der Satz ähnlich der dpa-Fassung:

„An meiner Wiege wurde nicht gesungen, dass ich Bundeskanzler werde, aber mit Verlaub Frau Merkel, an Ihrer auch nicht.“

Da wollen wir doch mal der Wahrheit die Ehre geben und abschreiben, was Phönix uns zu bieten hat:

„Wenn Sie mir erlauben, Frau Merkel, will ich darauf hinweisen, dass zwar an meiner Wiege mit Sicherheit nicht gesungen worden ist, dass ich Bundeskanzler werden würde, aber wenn Sie mir das erlauben zu sagen an Ihrer auch nicht, und zwar aus anderen Grünen mit einem völlig anderen familiären Hintergrund natürlich.“

Da haben sich also alle Berichterstatter was zurechtgebogen. „Wenn Sie mir das erlauben“ ist etwas anderes als „mit Verlaub“, und die Anrede „Frau Merkel“ ist alles andere als identisch mit „Frau Bundeskanzlerin“.

Aber was soll man da Korinthen kacken, wo doch ein ganzer großer Journalistenpreis mit einem falschen Zitat hausieren geht.

hanns-joachim-friedrichs-guter-journalist

„Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache.“ Das wird als die große Hajo-Friedrichs-Weisheit ausgegeben. Dabei ist es zusammengepanscht, und Friedrichs selbst hat sich nie als Urheber dargestellt. In seiner Autobiografie schrieb er 1994:

[…] Charles Wheeler. Er war bei der BBC mein väterlicher Freund, und von ihm habe ich mehr über Journalismus gelernt als von jedem anderen. […] Zu seinen Maximen gehörte die Erkenntnis, dass ein seriöser Journalist „Distanz zum Gegenstand seiner Betrachtung“ hält, dass er sich „nicht gemein“ macht mit einer Sache, „auch nicht mit einer guten Sache“; dass er nicht in lauten Jubel einstimmt oder in öffentlicher Betroffenheit versinkt; und dass er auch im Umgang mit Katastrophen „cool“ bleibt, ohne „kalt“ zu wirken. „Immer dabeisein, nie dazugehören“, dieses Journalisten-Motto beschreibt den Reporter Charles Wheeler wohl am treffendsten. (Hanns Joachim Friedrichs: Journalistenleben; München: Droemer Knaur, S. 70f; ähnlich später nochmal im Spiegel 13/1995 kurz vor seinem Tod, ohne Wheeler zu nennen)

 

 

 

 

 

Phantasiejournalismus

Donnerstag, 13. August 2015

Es war ja klar, dass Medium um Medium nachziehen würde bei der Geschichte einer „bizarren“ Andacht und dem Unverständnis darüber. Um den ausführlichen Text dazu nicht noch länger zu machen, hier die Medienkritik in aller Kürze:

1. Der Pfarrer aus Nemmersdorf hat keinen Vergleich angestellt. „Mir schmecken Äpfel besser als Birnen“ ist ein Vergleich (weshalb die erste Steigerung von gut auch ein Komparativ ist – zumindest in Bayern kann jeder so viel Latein, um das zu verstehen). Die Warnung: „Wenn du heute einen Apfelbaum pflanzt, dann setzt du morgen vielleicht noch einen Birnenbaum, übermorgen einen Plaumenbaum, und am Ende ist dein Garten ein Wald“ ist kein Vergleich zwischen Apfelbäumen und Birnenbäumen, er setzt auch nicht die Pflaume mit dem Apfel gleich. Das muss man doch nicht ernsthaft erläutern, oder? In Gesprächen mit Journalisten, die im aktuellen Fall von „Vergleich“ geschrieben haben, diestanzierten denn auch einige sich vom Begriff „Vergleich“ und sprachen von „das eine in die Nähe des anderen rücken“ oder „einen Kontext herstellen“. Nun gut. Spannend wird es ja auch erst im nächsten Schritt: was soll denn eigentlich verglichen worden sein?

2. Gerade wenn sich Journalisten freuen, endlich mal Schmuddelwörter schreiben zu dürfen, sollten sie um deren Bedeutung wissen.
* Eine (fiktive) Ehe zwischen Mensch und Tier ist keine Sodomie (so aber z.B. die Welt)
* Eine (fiktive) Ehe zwischen Elter und Kind ist kein Kindesmissbrauch. (z.B. Mediengruppe Oberfranken)
* Ehe (und daher auch die „Ehe für alle“) ist kein Synonym für Sex.
* Inzest bezeichnet nicht den Geschlechtsverkehr zwischen Mensch und Tier (z.B. Focus).
Es ist erstaunlich, wie viele Überschriften und Teaser zu diesem bayerischen „Eklat“ völlig in die Binsen gehen. Und noch erstaunlicher, dass selbst nach deutlichem Hinweis auf den Fehler keine Korrektur erfolgt.

 

Strafanzeigen haben keine journalistische Relevanz

Samstag, 06. Juni 2015

Immer wieder vermelden Journalisten, jemand habe gegen eine andere Person eine Strafanzeige erstattet. Das mag zwar faktisch richtig sein (überprüft wird es selten, in der Regel reicht die Behauptung oder auch nur Ankündigung des (künftigen) Anzeigenerstatters), aber es ist keine Nachricht. Warum?

Weil mit der Vermeldung einer Strafanzeige stets der Eindruck erweckt wird, es läge auch ein strafbares Verhalten vor oder wenigstens der Verdacht. Das muss aber gar nicht der Fall sein. Eine Strafanzeige ist zunächst nicht mehr als der Antrag an die Staatsanwaltschaft, eine Sache auf ihre strafrechtliche Relevanz hin zu überprüfen. Eine Strafanzeige kann jeder jederzeit stellen, auch anonym.

Weil nur selten vollständig berichtet wird, d.h. vor allem ebenso prominent später berichtet wird, das aus der Strafanzeige nichts geworden ist.

Weil eine solche Meldung den Anzeigenerstatter hervorhebt, obwohl es doch nur um eine juristische Prüfung durch eine Behörde geht.

Weil die Berichterstattung über Anzeigen Nachahmungstäter generiert. Jeder kann inzwischen darauf hoffen, öffentliche Beachtung zu finden, wenn er einen Promi anzeigt.

 

Beispiele:

Aktuell: Annegret Kramp-Karrenbauer
Zeit-online (und fasst wie die meisten Kollegen den Sachverhalt auch noch falsch zusammen: „Eine Berliner Anwältin hat wegen der Inzucht-Aussage Strafanzeige gegen die saarländische Ministerpräsidentin erstattet.“ Link zur Anzeigenerstatterin)
Stern.de
strafanzeige-karrenbauer-stern

Strafanzeige gegen Dieter Nuhr

Strafanzeige gegen (Team) Günter Wallraff: DWDL, Kress,

PS:
Anzeigenerstattern, die groß hausieren gehen, sollten immer an § 164 StGB denken. Auszug: „Wer einen anderen bei einer Behörde oder einem zur Entgegennahme von Anzeigen zuständigen Amtsträger oder militärischen Vorgesetzten oder öffentlich wider besseres Wissen einer rechtswidrigen Tat oder der Verletzung einer Dienstpflicht in der Absicht verdächtigt, ein behördliches Verfahren oder andere behördliche Maßnahmen gegen ihn herbeizuführen oder fortdauern zu lassen, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.“

Medienkritik vom Feinsten

Mittwoch, 01. April 2015

Seit einer Woche läuft die Dauer-Berichterstattung über den Germanwings-Absturz in den französischen Alpen. Sie und die Diskussion über sie laufen wie immer. The same procedure…

Sensationsjournalismus? Nein, Business

Man braucht keine Nachrichtenwerttheorie zu bemühen um festzustellen, dass es für den Berichterstattungshype Gründe gab, die man sehr doof finden kann, die aber das Grundcredo unserer Gesellschaft stellen: es verkauft sich halt. Live-„Ticker“, Breaking-News, Sondersendungen, Klickstrecken, Dossiers, Talkshows, Experten-Interviews – über die Sinnlosigkeit dieser journalistischen Lebensäußerungen kann man beliebig lang und breit und immer wieder diskutieren, ohne dass es irgendetwas bewirken wird (außer ein gutes Gefühl bei jedem Diskutanten): solange es Leser, Hörer, Zuschauer, kurz: mit Geld oder Werbeaufmerksamkeit zahlendes Publikum gibt.

Deswegen ist es dann auch müßig zu verhandeln, welche journalistischen Leistungen in dem ganzen Bohei vielleicht verborgen sind. Eine „Orientierungsleistung“, die dem Journalismus gerne zugeschrieben wird, muss man wohl nicht suchen. Ist es „Trauerarbeit“? Oder schlichte Unterhaltung – egal, wie betroffen sich die Rezipienten geben (schließlich gibt es ja nicht von ungefähr die verschiedenen Unterhaltungs-Genres, von Komödie bis Horror)?

Ebenso müßig ist die Frage nach Henne und Ei: ob die Medien vorhandene Bedürfnisse befriedigen oder sie erst wecken. Natürlich kommt der Appetit mit dem Essen – auch dies gehört zum gesellschaftstragenden Businessmodell, dem wir schließlich all den Wahnsinn verdanken, der das Gegenteil zur „Nachhaltigkeit“ bildet.

Das Mediengeschehen rund um den Germanwings-Absturz am 24. März 2015 war soweit business as usual.

 Alles wird aufgeblasen.

Ja, eine „entschleunigte Welt“ wäre schön. Wenn wir Twitter und Konsortenquatsch wieder gegen eine Wochenzeitung oder den Wochenspiegel eintauschen könnten. Lesen, sehen, hören – und dann eine Woche Zeit für anderes und bei großem Interesse auch zum Nachdenken über diese letzten News, die sieben Tage später ein Update erfahren. Wieviel Schwachsinn wohl nicht gezeugt und geboren würde!

Nur ein Beispiel: Die Süddeutsche Zeitung fragte ernsthaft, ob die ärztliche Schweigepflicht aufgehoben werden sollte, ob also eine Denunziationspflicht für Depressionen eingeführt werden müsse.

Solche Fragen kommen, wenn ein Unternehmen meint, seine Kunden mit Internetdiskussionen bei Laune halten zu müssen. Aber ist das Journalismus?

Was wollen Journalisten vor dem Joseph-König-Gymnasiums in Haltern? Und was in Montabaur? Es soll Sendezeit und Sendeplatz und Druckfläche gefüllt werden, schon klar, aber was machen Journalisten dabei? Welches Berufsbild muss jemand haben, der seinem Chef für den Auftrag zu einem solchen Ortstermin nicht auf Tisch, Tablet und Smartphone bricht?

„Wie weit dürfen Medien gehen?“ ist eine völlig belanglose Frage, solange sich für jeden Schwachsinn noch jemand findet, der ihn macht.

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Für Chef-Ethiker: Persönlichkeitsrechte des Co-Piloten

Was als – trallala, es geht alles so schön Hand in Hand – Business einiger für höhere Mathematik vermutlich ungeeignete Rechtsanwälte begann, ist inzwischen Volkssport (auch Dank Volksblogs): unendliche Empörung, wenn bei einem Ereignis, mit dem medial gerade die halbe Welt bewegt wird, Beteiligte genannt werden.

„Das öffentliche Interesse muss in diesem Fall zurückstehen. Weder der veröffentlichte Name noch das Bild [des Co-Piloten] helfen uns bei der Beantwortung der Warumfrage.“ Sagt Vinzenz Wyss, Professor für Journalistik am Institut für Angewandte Medienwissenschaft der ZHAW, – und dürfte damit für das Gros der akademischen Medienethiker stehen.
Doch auch wenn es ein ganz schlechtes Businessmodell ist, muss man ihm widersprechen. Von der Namensnennung hängt zwar nicht die Welt ab, aber die Persönlichkeitsrechte eines mutmaßlichen Katastrophenverursachers sind so ziemlich die letzte Sorge, die einen in solch einem Fall treiben muss. Warum? Weil alle, die mit dem Namen etwas anfangen können, sprich die Andreas L. aus Montabaur um egal wie viele Ecken kannten, ihn ohnehin im Zusammenhang mit dem Unglück kennen! Wie albern zu meinen, hier könnten professionelle Nachrichtenmedium noch irgendwem etwas Neues erzählen – oder eben verheimlichen. Das war schon vor der Digitalisierung nicht möglich, aber durch die digitalen Netzwerke sollte es für jeden Kritiker offensichtlich sein: Nachbarn, Arbeits- und Vereinskollegen, Schuljahrgänge, Partycliquen – jeder, der auch nur im Entferntesten eine Ahnung hat, wer Andreas L. ist, weiß auch ohne Journalisten, dass er in der Germanwings-Maschine auf Flug 4U9525 saß. Oder wie Stefan Winterbauer schreibt: „Einige deutsche Medien tun gerade so, als ob sie alleine bestimmen könnten, was öffentlich wird und was nicht.“ Sie wären halt so gerne Gatekeeper.

Was bringt uns Mediennutzern der Name des Co-Piloten? Tatsächlich wenig, außer dass wir uns nicht verbiegen müssen, wenn wir von dem reden, dessen Name nicht genannt werden darf. Aber es bringt uns auch nicht weniger, als die meisten anderen Namen und sonstigen Details in Berichten und Reportagen. Weiß noch jemand aus dem Kopf, wie der Typ von Winnenden hieß? Aber immerhin den Ort habe ich noch präsent. Und das finden viele Einwohner von Winnenden vermutlich sehr ärgerlich. Hätte man deshalb 2009 von einem Amoklauf im Niemandsland berichten sollen? Die angenehmen Verbindungen, für die man ebenso wenig kann, will ja auch niemand abstreifen: die berühmten „Söhne und Töchter einer Stadt“, erhabene Vorfahren, tolle Kinder, Geschwister, Nachbarn.

Das Foto aber bringt sehr viel! Die Veröffentlichung von Bildern des Co-Piloten bremst unsere ansonsten grenzenlose Phantasie, denn schließlich hat jeder irgendwen irgendwie vor Augen, zusammengebastelt aus Berichten, eigenen Erfahrungen, Filmen…
Und was sollte es schaden? Das Bild ist ein Teil der Wirklichkeit (ganz gleich, was die Ermittlungen weiter ergeben), über die der Journalismus berichten soll – und er vermag es immer weniger, Teile dieser Wirklichkeit zu unterdrücken („Wir haben in der Redaktion lange überlegt, ob wir Ihnen diese schrecklichen Bilder zeigen sollen…“). Das Interesse an dem Bild des mutmaßlichen Absturz-Verursachers haben nun wirklich nicht die Medien zu verantworten – sondern, neutral formuliert: der Absturz.

Es macht schon nachdenklich, mit welchem Verve bei jedem neuen Fall die meist immer selben Persönlichkeitsrechts-Verteidiger auftreten und – völlig uneitel – erklären, niemand habe das Recht, Namen, Bild, Wohnort oder sonst etwas identifizierendes über den Täter/ ihren Mandanten zu erfahren. Das wirkt – ehrlich gesagt – jedes Mal perfekt lächerlich. Und extrem arrogant, denn die Journalisten selbst, die da vor lauter Rücksicht etwas nicht sagen oder zeigen wollen, kennen natürlich die Namen und Bilder, was ihnen offenbar keine große Bürde ist.

Noch schlechter für den Business-Plan ist es, dieses Berichterstattungsrecht auch in Bezug auf die Opfer einzufordern. Aber je kleiner die Opferzahl ist, um so klarer wird, dass obige Argumentation auch dort gilt: denn warum wird denn überhaupt berichtet? Doch wegen der Opfer! (Was ist ein Unglück ohne Verunglückte, ein Mörder ohne Ermordete?) Alle, die ein Unglücks- oder Verbrechensopfer auch nur entfernt kannten, werden von seinem Schicksal erfahren – neben dem allgemeinen Tratsch (s.o.) auch, weil die Angehörigen selbst dafür sorgen werden, um nicht in den nächsten Wochen, Monaten oder auch Jahren immer wieder damit konfrontiert zu werden („Er/ sie ist tot, wusstest du das nicht?“).

Vorsicht, Nachahmungstäter!

Geradezu Erheiterndes hat Heribert Prantl zur Reflexion beigesteuert. Meedia zitiert ihn aus einem Video:

“Man darf Nachahmungstäter publizistisch nicht provozieren“. So solle der Name des Täters nicht in den Vordergrund gestellt werden. Ziel sei es, dass niemand auf die Idee kommt, dass man mit solch einer “monströsen Tat” in die Geschichte eingehen könne.

Das mag gelingen, wenn Herr Prantel und Kollegen bereit sind, die Anschläge von „9/11“ irgendwo hinten in ihrer Süddeutschen als kleine Meldung abzuhandeln. Mein Abo dafür hätten sie! Aber da damals ja alle Journalisten die begangene Tat für „unvorstellbar“ hielten (anstatt die Meldung dazu wie jeden Nachruf im Archiv bereit liegen zu haben) ist die Hoffnung auf solch ein professionelles Handling wohl nicht sehr realistisch.

Natürlich bekommt ein Flugzeugattentäter oder -selbstmörder jede erdenkliche Aufmerksamkeit! Und es wird ihn nicht allzu sehr kümmern, wenn die SZ in ihren Live-Tickern seinen Namen zu verschweigen sucht.

Über 9/11 wird heute noch täglich gesprochen, aber wehe jemand wagt es, dies eine handwerklich grandiose Inszenierung zu nennen. Was will Heribert Prantl dem PR-Terroristen sagen? „Du, 9/11 wird bei euch Selbstmordattentätern auch überbewertet…“

Auf das wahre Problem verweisen leider nur die Verschwörungsfuzzis: der Hype absorbiert jede Menge Aufmerksamkeit. Das sorgt nicht nur dafür, dass für den Augenblick andere wichtige Dinge unbemerkt bleiben (Fuzzi-Theorie), es führt vielmehr zu einer langfristig wirksamen Verschiebung von Relevanzkriterien.

Links:
Bernhard Pörksen (Prof. Uni  Tübingen) warnt vor „Pseudo-Nachrichten“ bei einem Berichterstattungs-Hype. Aber: sind nicht die meisten Nachrichten pseudo? Weil sie entweder nicht neu sind oder nicht informieren?

Updat Namensnennung:
Zu diesem Komplex könnten wir mal einen eigenen Beitrag machen, aktuell (Juni 2016) ist uns die Position der taz begegnet, die sich nun doch entschlossen hat, den (längst bekannten) Namen ihres ehemaligen Mitarbeiters zu nennen, der für die sog. „Keylogger-Affäre“ verantwortlich ist. Die taz schreibt:

„Anders als im Februar 2015 haben wir uns entschieden, den Namen unseres früheren Kollegen zu nennen: Sebastian Heiser. Denn es gibt auch gegenüber jenen eine Aufklärungspflicht, mit denen er im Namen der taz zu tun hatte: Informant_innen, Gesprächspartner_innen, Leser_innen und Auszubildende.“

Namen sind eben nicht nur Schall und Rauch, sondern mitunter eine wichtige Information.

Korrekturverhalten (3)

Dienstag, 31. März 2015

Selbst wenn es nur kleine Fehler sind – widerspricht es irgendeiner Standesregel, sie (wo nötig transparent) zu korrigieren? Tebartz-van Elst heißt vorne Franz, nicht Frank, liebe Frankfurter (gefunden: 4 Tage nach Veröffentlichung).
frank-tebartz-fr

Wenn sich weder auf der Website noch auf Facebook ein Korrekturhinweis findet und offenbar auch keiner der Redakteure binnen eines Tages darüber gestolpert ist, darf man fragen: liest das überhaupt jemand, – oder ist generell unbekannt, dass der wunderbare Berliner Bezirk anders als die Schunkelmetropole mit zwei „L“ geschrieben wird, Neukölln eben? epd-Meldung auf evangelisch.de

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Wenn  sich der Adrenalinpegel wieder normalisiert hat, könnte die neue sueddeutsche.de auch den aneblich angeblich ausgerufenen „Ausnahmezustand“ wieder einfangen.

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Ein Ausnahmezustand ist etwas anders, als wenn die Feuerwehr viel zu tun hat. Dann kann vielleicht auch nochmal jemand über den sonstigen Text schauen:

„Bei der Havarie wurden beide Schiffe zum Teil erheblich beschädigt.“

 

Siehe auch:
Korrekturverhalten 2: Keine Verlinkung zu Gegendarstellungen oder Leserbriefen und anderen Korrekturen

Positive Beispiele:
Jakob Augstein wies u.a. via Facebook auf einen Fehler in der Welt hin. Die Korrektur dort wird transparent gemacht. (Allerdings ist es bei manchen Fehlern natürlich nicht mit einer Korrektur getan, weil möglicherweise die recherchierte Grundannahme eines Artikels damit wegfällt.)

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Mythos Ausgewogenheit

Montag, 19. Januar 2015

Wie schwer das mit der Meinungsäußerungsfreiheit ist, machen erfreulich viele Kommentatoren deutlich: mit ein bisschen „Je suis Charlie“ ist es eben nicht getan. Eine Meinung ist nur dann frei, wenn auch jede denkbare Gegenposition geäußert werden kann. Und das ist, wie u.a. Bettina Gaus in der taz schreibt, alles andere als selbstverständlich, sondern „ein Recht, das ständig neu erkämpft werden muss“.

Wenn etwa Anton Hofreiter, Fraktionsvorsitzender der Grünen im Bundestag, erklärt: „Diese Pegida-Demonstration ist widerlich. Aber natürlich haben unsere Behörden dafür zu sorgen, dass auch diese widerlichen Meinungsäußerungen möglich sind“ – dann sollte man ihn fragen, wie er auf PEGIDA-Plakate mit der Aufschrift „Grüne sind widerlich“ reagieren würde. Ob da vielleicht schon wieder ein Angriff auf die Demokratie vorläge? (mehr …)

Investigative Ahnungslosigkeit

Dienstag, 14. Oktober 2014

Investigativer Journalismus ist, wenn Journalisten jede Frage in der gewünschten Weise beantwortet wird. Investigativ ist ansonsten auch noch, wenn man beklagen muss, dass Fragen nicht in der gewünschten Weise beantwortet wurden („investigativer Schmoll“). Als wenigstens noch behelfs-investigativ gilt, als Ersatz für die verwehrten Wunschantworten einen Darsteller des Vertrauens ins Fernsehbild zu setzen und ihn spekulieren zu lassen („investigative Flipchart“).
Was man sich jedoch nach Genuss der beiden investigativen Kirchenfinanz-Reportagen „Vergelt’s Gott – Der verborgene Reichtum der katholischen Kirche“ (ARD) und „Glaube, Liebe, Kapital – Die katholische Kirche und ihre Finanzen“ (ZDF) als Zuschauer fragen darf: Was wollen Journalisten eigentlich mit Haushaltszahlen der Kirchen, wenn sie nicht im geringsten in der Lage sind, diese Zahlen einzuordnen? Wo beginnt beispielsweise „Prunk“, wenn einem egal ist, ob etwas einen Euro oder eintausend Euro kostet?
Natürlich kann es jedem passieren, dass er eine Tabelle beim schnellen Überfliegen falsch liest, weil dabei die Legende ignoriert wurde. Aber was soll man von einem Film halten, in den es trotz einer – vor allem aus dem Blickwinkel freie Print-Journalisten – oppulenten Mitarbeiterschar (Autoren: Nina Behlendorf, Nicolai Piechota; redaktionelle Mitarbeit: Stella Könemann, Redaktion: Annette Uhlenhut, Beate Höbermann; Produktion: Denise Bischoff, Delia Gruber; Leitung der Sendung: Claudia Ruete) folgende Behauptung schafft:

„Im bislang geheimen Bischöflichen Stuhl stecken 92 Millionen Euro. Das ist 500-mal mehr, als Limburg an Kirchensteuern kassiert.“

Wie wenig Ahnung von Kirche und Finanzen muss man haben, um an dieser Stelle nicht aus dem Halbschlaf geschreckt zu rufen: Das kann doch wohl nicht sein! Nämlich sowohl, dass das 500-Fache der jährlichen Mitgliedereinnahmen auf der hohen Kante liegt (woher soll das Geld kommen?) als auch, dass ein ganzes katholisches Bistum nur ein Fünfhundertstel von 92 Millionen Euro jährlich an Mitgliedsbeiträgen bekommt? Wo doch schon der gescholtene „Protzbau“ zu Limburg über 30 Millionen Euro gekostet hat?

Leider musste man noch nicht einmal so investigativ sein, die Haushaltszahlen des Bistums selbst zu erfragen. Es reicht, die Reportage von ZDF-Zoom eine Minute zurückzuspulen, um den Fehler zu finden:

ZDF-Zoom-Fehler-Kirchensteuer

Wie üblich wurden in den Tabellen aus Gründen der Übersichtlichkeit ein paar Nuller weggelassen. Drei jeweils, wie der Legende zu entnehmen ist: „Angaben in T€“. Denn natürlich erhält das Bistum Limburg nicht nur 180.257 Euro Kirchensteuer pro Jahr, sondern 180 Millionen – und damit umfasst das ausgewiesene Vermögen des Bischöflichen Stuhls nicht mehr das 500-Fache, sondern nur noch die Hälfte der jährlichen Kirchensteuer.
Und jedes Kirchenmitglied zahlt im Schnitt nicht nur 28 Cent pro Jahr für seinen Verband, sondern – Achtung, komplizierte Verschiebung des Kommas um drei Stellen nach rechts – 280 Euro.

Update 16. Oktober:
Auf eine Anfrage von uns teilt die Redaktion mit: „Der von Ihnen angesprochenen Zahlenpatzer ist von uns ärgerlicherweise erst nach Ausstrahlung entdeckt worden – inzwischen haben wir die Korrektur-Version gefertigt.“
Zur eigenen Transparenz verweist ZDFzoom auf eine entsprechende Veröffentlichung. Danach kostet eine ZDFzoom-Produktion je nach Länge (30 oder 45 Minuten) zwischen 90.000 Euro und 130.000 Euro pro Ausgabe.