Archiv für die Kategorie ‘Handwerk’

Ausländerfeinde mit Abitur

Sonntag, 08. Juni 2014

“Korinthen” sind bei uns dem Spiegel vorbehalten, aber an diesem klassischen Patzer konnten wir nicht vorbeisehen.  Bei Cicero lesen wir:

cicero-auslaenderfeindlichkeit

6,8% der Ausländerfeinde haben Abitur, 20,8% hingegen haben kein  Abitur. Und die restlichen 72,4%? In der entsprechenden Studie der Universität Leipzig steht denn auch etwas anderes:

Auslaenderfeindlichkeit-Studie-LeipzigDas ist natürlich etwas ganz anderes. 6,8% der befragten Menschen mit Abitur haben (nach Definition der Studie) ausländerfeindliche Einstellungen.

 

 

Lesetipp: Katastrophaler Wirtschaftsjournalismus

Dienstag, 27. November 2012

Sebastian Dullien, Journalist und Professor für Volkswirtschaft an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin spricht von einem geradezu unterirdischem Wirtschaftsjournalismus in Deutschland. Anstatt selber hart zu recherchieren würden sich immer wieder Redaktionen hinter so genannten Experten und Wirtschaftsweisen verstecken. [...] “[Hans Werner] Sinn behauptet ein katastrophales Export-Defizit genau in dem Jahr, in dem Deutschland real Export-Weltmeister war. Trotzdem wird er immer wieder von den Medien hofiert und durch die Talkshows geschleust”, bedauert Dullien.

bei evangelisch.de

BILD besser als SPIEGEL

Sonntag, 04. November 2012

Manchmal muss eine Geschichte auch deshalb fertig erzählt werden, weil man dabei seine zuvor geäußerten Gedanken neu kommentieren, einordnen, revidieren oder verstärken muss.

Wie war das jetzt mit dem ach so unsäglichen Joachim Witt Video “Gloria”? Ekelhaft und diskreditierend und vor allem – Gipfel der Lächerlichkeit – jugendgefährdend sollte es sein. Da war sich der deutschsprachige Profi- bzw. Kommerz-Journalismus weitgehend einig. Und dann? Irrt die Bundesprüfstelle in ihrer Beurteilung:

Eine Jugendgefährdung nach § 18 Abs. 1 JuSchG kann nicht festgestellt werden, da weder unsittliche, verrohend wirkende oder zu Gewalttätigkeit, Verbrechen oder Rassenhass anreizende Medieninhalte vorliegen.

Könnte es sein, dass sich Stefan Kuzmany auf Spiegel-Online mal wieder vergaloppiert hat? (Das meint wohl auch Jan Wigger.) Ebenso wie Thomas Schmoll auf stern.de? (für den das Video in vierfacher Hinsicht grauenhaft ist: “1. Die Musik ist furchtbar. 2. Der Sänger kann nicht singen. 3. Der Text ist stümperhaft. 4. Eine Frau wird vergewaltigt” – soviel Rezensionstiefe war selten); auch bei stern.de endet die Geschichte mit der bevorstehenden Indizierung (und einer “beleidigten Leberwurst” Witt).  Wo ist derHinweis im Kampfblog Bundeswehrblog “Augen geradeaus“, das vielfach als Nachrichtenquelle für die Indizierungsabsicht genannt wurde?

Im Prinzip sollten professionelle Medien ein solch wichtiges Update behandeln wie eine Gegendarstellung: in gleicher Größe an gleicher Stelle veröffentlicht, damit die Nachricht von möglichst vielen derer wahrgenommen wird, die den Anfang davon gelesen haben. Und online sollte es eine Selbstverständlichkeit sein, unter die alten Artikel ein “Update” zu setzen, damit auch Googler und Archivnutzer nicht nur durch Zufall erfahren, dass die Sache anders ausgegangen ist, als die Journaille glaubte.

Die Agenturmeldung dazu gab es schließlich, und bild.de hat es geschafft, sie aufzugreifen. Dafür gibts hier eine ja immerhin in diesem einen Punkt zutreffende Provokationsüberschrift.

Die tendenziösen Nicht-Bilder

Sonntag, 04. November 2012

Nachrichtenfilm zur Beschneidung bei der Süddeutschen Zeitung

Auch Monate nach Beginn der “Beschneidungs-Debatte” glänzt der Journalismus in Deutschland mit Fehlinformationen. Bilder von Beschneidungen gibt es nämlich nicht. Nur so kann weiterhin von einem kleinen, unbedeutenden Eingriff gesprochen werden. Die ganze Peinlichkeit fasst ein Reuters-Video (hier bei sueddeutsche.de): auch bei Beschneidung gibt es im Politikjournalismus nur Laber-Laber-Rhabarber. In zwei Micorozenen wird eine OP im Krankenhaus gezeigt, und man mag erahnen, dass eine Schwester mit OP-Besteck einen Penis gleich einer Lakritzschnecke in die Länge zieht. Aber man sieht eigentlich nichts. Kein Kind (Säugling, Knabe, Jüngling?), keine Vorhaut, keinen Schnitt, – stattdessen viele Politiker.

(mehr …)

Bild-Aufklärung

Dienstag, 17. Juli 2012

Fotos können auch Journalismus sein. Und manchmal geht Journalismus gar nicht gut ohne Fotos. Im Radio muss man dann umständlich beschreiben – wenn das Bild nicht fehlen soll.

In der Beschneidungsdebatte fehlt das Bild praktisch überall. Während jeder politische Aussetzer zum Thema Alkoholkonsum bei Jugendlichen (gerade war Schröderle mit einer Ausgangssperre ab 20 Uhr in der medialen Psycho-Ambulanz) mit einem nie so bezeichneten “Symbolbild versehen wird (schlafender Jugendlicher im Hinter-, Schnapsflaschen im Vordergrund), gibt es zur Beschneidung nie was Richtiges zu sehen (Bsp. 1, 2, 3). Dabei wäre das alles andere als populistisch oder voyeuristisch. Von der Beschneidung selbst abgesehen könnten doch Bildergalerien mit Dödeln verschiedener Schnittformen sehr erhellend sein. Dann würde es mir auch in Wort statt Bild genügen zu erfahren, wie die männlichen Redenschwinger jeweils untenherum (oder sagt man: vornerum?) aussehen. (Bei den meisten Debattierern muss man ja sehr skeptisch ob sie selbst wissen, wie sie aussähen, wenn man mit ihnen gemacht hätte, was sie ganz undramatisch finden.)

Nackte Königin ist nur ein Witz

Montag, 16. Januar 2012

Der zentrale Unterschied zwischen Comedy und Satire ist, dass Satire eine aufklärerische, meinungsschwangere Botschaft hat, während Comedy völlig wertfrei Lachen macht. (Deshalb ist Harald Schmidt auch kein Satiriker – wie es fast konsequent behauptet wird – sondern ein Comedian, denn er hat keine Botschaft, er klärt nichts auf, er stochert nur nach Lachern – und spricht ja auch selbst nur von “Gags”, die er mache.)

Wie wichtig diese Unterscheidung in der Rezeption ist, kann man derzeit in den Niederlanden beobachten.

Weil Königin Beatrix bei ihrem Besuch einer Moschee in Abu Dhabi ein – locker über den Hut geworfenes – Kopftuch trug, erregen sich die Islam-Hasser. Und als künstlerische Reaktion gibt es u.a. einen Filmbeitrag (Lucky TV), der das niederländische Königspaar in Adaption kultureller Gebräuche auf Papua-Neuguinea zeigt – nackt.

Als Comedy deklariert ist das ein guter Scherz. Als Satire aber kritisiert es den Repekt vor anderen Kulturen und Religionen. Fascho-Satire. Kann man machen, muss man aber nicht drüber lachen. Weil es eine perfide Forderung impliziert: dass nämlich der westliche Imperialismus selbstverständlich weltweit nach seinen Maßstäben durchs fremde Land trampeln darf. Der Witz ist ja gerade, dass ein Geert Wilders, der das Kopftuch auf dem Königshaupt in einem islamischen Land eine unerträgliche Anbiederung findet, im Umkehrschluss überhaupt nichts gegen die Burka in Den Haag haben kann, weil der Verzicht auf sie eine furchtbare Anbiederung an die alten Oranien-Kolonialherren wäre.

Und zur Frage der Nacktheit auf Papua-Neuguinea: Ich kenne die dortigen Gepflogenheiten nicht, aber wo man sich die Hände wäscht vor einer Mahlzeit, da sollte man dies auch als Gast tun, und wo man die Straßenschuhe vor der Tür lässt, betritt man das Haus barfuß – oder man bleibt draußen.

Falsch zitieren heißt jetzt “sponen”

Sonntag, 15. Januar 2012

Spiegel-Online (Veit Medick und Annett Meiritz) schreiben über Bundespräsident Christian Wulff:

Er wollte “neue Maßstäbe” setzen in Sachen Aufklärung, alle offenen Fragen in seiner Kredit- und Medienaffäre beantworten. Dieses Versprechen gab Christian Wulff in seinem Fernsehinterview.

Da setzt eher  Spiegel Online neue Maßstäbe bei der Sorgfalt des Zitierens.

Denn natürlich hatte Wulff nicht gesagt, er wolle alle offenen Fragen zu seiner “Affäre” beantworten. – Affäre, das ist ein Verkaufsetikett des Journalismus (und müsste doch, wenn schon, eigentlich eines der Journalismus-Vermarkter, also der Verlage und Sender sein). Wulff hatte gesagt:

Ich glaube, diese Erfahrung, dass man die Transparenz weitertreiben muss, die setzt auch neue Maßstäbe. Morgen früh werden meine Anwälte alles ins Internet einstellen. Dann kann jede Bürgerin, jeder Bürger, jedes Details zu den Abläufen sehen und bewertet sie auch rechtlich. Und ich glaube nicht, dass es das oft in der Vergangenheit gegeben hat, und wenn es das in Zukunft immer gibt, wird es auch unsere Republik offenkundig auch zu mehr Transparenz positiv verändern.”

(mehr …)

Schäuble spart: nix

Samstag, 10. Dezember 2011

Okay, selbst wenn “sparen” nicht nur bedeuten soll, dass man etwas “auf die hohe Kante legt” – wie beim Sparkonto -, sondern wenn damit auch gemeint ist, dass man “sparsam” mit etwas umgeht: es sollte doch stets vorhanden sein, was man spart.

In der Politik läuft das schon lange wortverquer – aber das sollte Journalisten nicht davon abhalten, sich verständlich auszurücken.

Selbst wenn Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble also vom Parlament für 2011 letztlich weniger Schulden zu beschließen verlangt, als dies ursprünglich vorgesehen war, hat er noch lange nichts gespart. Denn so oder so fehlt Geld, über das man also nicht einfach verfügen kann. Dass mit einem Haushaltsbeschluss des Parlaments nicht automatisch auch das Geld für die genehmigten Ausgaben vorhanden ist, wird im Moment ja täglich deutlich: denn zu welchen Konditionen sich jemand findet, der dem Staat noch Geld leiht – und ob überhaupt – kann ein Parlament nicht beschließen (es kann allenfalls enteignen).

Ob nun 50, 40 oder 20 Milliarden Euro – Schäuble lässt mehr Geld ausgeben, als an Einnahmen vorhanden ist, – und das wird nicht nur der “schwäbischen Hausfrau” anders vorkommen als “sparen”.

Und wenn wir schon dabei sind: Auch der Begriff der “Neuverschuldung” ist schlicht falsch, wenn damit die “Nettokreditaufnahme” gemeint ist. Denn derzeit werden ja überhaupt keine Schulden getilgt, sondern es wird stets nur ein auflaufender Kredit mit einem neuen “bedient”. Im Zivilrecht würde man da zutreffend immer von “Neuverschuldung” sprechen, weil ja schließlich neue Verbindlichkeiten eingegangen werden.

Bild/Text-Quelle oben: Süddeutsche Zeitung

Der tatverdächtige Täter

Samstag, 10. September 2011

In Berlin brennen die Autos, das ist ein hitziges Schlagwort und somit eine Freude für den aufklärerischen Journalismus in Deutschland. Wie schön, dass die Polizei da mal wieder jemanden festnehmen konnte – einen Brandstifter natürlich, einen Zündler, einen Chaoten. Dumm nur, dass die Berliner Polizei diesen doch wieder auf freien Fuß setzen musste, weil sich der Tatverdacht bei bestem Bemühen “nicht erhärten ließ”.
Diese Nachricht ist in allerlei Variationen zu finden. Die Polizei selbst vermeldet in ihrem Ticker zwar die Festnahme, nicht aber die Freilassung. So hält es etwa auch der Focus. Die Welt berichtet vom langen Verhör und ist sich ebenfalls sicher, von einem Täter zu berichten. Die Berliner Morgenpost macht aus ihrem Bedauern keinen Hehl: Aufgespürt, festgenommen, freigelassen – ist aber auch ein Scheiß mit diesem Rechtsstaat. Sehr ausführlich lesen wir den Fall in der Märkischen Allgemeinen, dort wird auch Bezug zu einem Panorama-Beitrag genommen – aber auch dort wird ein Täter gefasst und dann freigelassen.

In der Gießener Allgemeinen ließt sich der Erfolg schließlich so:

Der Polizeieinsatz gegen die Autobrandstifter in Berlin zeigt Wirkung: Eine Woche nach ersten Festnahmen hat die Polizei erneut einen Tatverdächtigen erwischt. Am Mittwochmorgne stellte sie den 28-Jährigen im Stadtteil Kreuzberg. Er soll zuvor ein Motorrad und ein Auto angezündet haben. Er wurde wieder freigelassen, der Tatverdacht habe sich nicht erhärten lassen, hieß es. (…)

Die Überschrift dazu lautet: “Auto-Brandstifter gefasst”

Krieg? What Krieg?

Dienstag, 30. August 2011

Vom People-Magazin Spiegel (das ja eigentlich nur eine Zeitschrift ist,  aber Erzählchef Georg Mascolo wird gemütskrank, wenn man sein Blatt mit dem allgemeinen Publikations-Genre bezeichnet, nun denn), von dem ist man ja nichts anderes gewohnt als Personalblabla das Deutschlandressort rauf und runter, Woche um Woche.

Aber weshalb kapitulieren jetzt auch wieder die Tageszeitungen? Sollte nicht Journalismus das sein, womit sie sich am Markt halten wollen (was doch gut und wichtig wäre, weil, so hören wir immer wieder, ohne sie ja die Demokratie – nein, nicht etwa Einzug nähme in unserem Land, sondern zusammenbräche)?

Westerwelle, ich kann den Namen nicht mehr hören, schon lange nicht. Und ja, natürlich wird er in Kürze von der bildfläche verschwinden, und dann werden die Boulevardmedien, die ihn ja einst großgeschrieben haben, den Mister 18 Prozent, die werden erst nachtreten und dann nachheulen wie immer – geschenkt. Aber könnte irgendwo auch mal Journalismus stattfinden?

Es geht doch angeblich um Libyen. Und um den Krieg der Reichen und Guten dort, mal wieder. Die Bundesregierung wollte da nicht mitmachen. Und das soll sie nun – personalfixiert am Außenminister – bedauern, weil die westlichen Mörderbanden erfolgreicher waren als die östlichen Gaddafi-Schutztruppen (wobei ich möglicherweise gerade die Sprachregelung durcheinander bringe)?

Könnte mal jemand klären, was “Deutschland” wollte und will? Wer soll und muss unbedingt tot gemacht werden? Wer auf keinen Fall? Und wo sollen es einfach andere erledigen? Wieviele Menschen hat die heldenhafte Nato-Allianz nun totgebombt oder – oft tragischer – verkrüppelt, verwaist, verwittwet? Woran misst sich ein militärischer Erfolg? Nur an Sieg und Niederlage? An erfolgreich ausgeschalteten Weichzielen und eigenen Vaterlandsopfern, oder an der Fahne, die am Ende auf dem Palast der Pseudodemokratie weht?

Das alles hat erstmal gar nichts mit Westerwelle zu tun. Es geht um Politik. Da ist einiges zu klären, da müsste man einiges wissen.

Und wenn es dann irgendwann um Personen geht: Warum fordern ausgerechnet die Grünen den Rücktritt von Westerwelle wegen seiner Libyen-Haltung? Ist er diesen Ex-Linken nicht militaristisch genug? (Und an die Journalisten gefragt: muss man eigentlich jede Rücktrittsforderung von politischen Gewerbebetrieben via Medienverstärker in die Welt posaunen, oder sollten die Forderer nicht mal selbst für die Verbreitung ihrer wichtigen botschaften engagieren? – Ich stelle mir gerade Claudia Roth als Sandwich-Man vor, das wäre doch eine sozialverträgliche Verwendungsform für sie.)

“Westerwelle weist Gerüchte über einen Rücktritt zurück”, “Geh mit Gott, aber geh … endlich!“, “Bahr stärkt Westerwelle den Rücken“, “Juli-Vorsitzender fordert Ende der FDP-Personaldebatte“, …. – ja, der People-Journalismus blüht in Deutschland, – das ist schön für diejenigen, die es interessiert, die gibt es ja vermutlich, so wie Briefmarkensammler und Zwerkkaninchenzüchter. Was man vergebens sucht, ist hingegen Politikberichterstattung.