Entsorgte Objektivität

Schon wieder eine AfD-Skandal-Inszenierung. Schon wieder die deutschen Leitmedien im Gleichschritt. Schon wieder Empörung statt Journalismus. Dabei hatte es doch kleine Hoffnungszeichen gegeben, zumindest in einzelnen Redaktionen wolle man zurückkommen zur Recherche, wolle einen Informationsauftrag erfüllen, Geschehnisse sinnvoll einordnen (und nicht wie Twitter bringen, was gerade auf Zustimmung stößt).

Die Causa: Alexander Gauland soll bei einer Wahlkampfveranstaltung gesagt haben

„Ladet sie [Aydan Özoğuz (SPD), Integrationsbeauftragte der Bundesregierung] mal ins Eichsfeld ein und sagt ihr dann, was spezifisch deutsche Kultur ist. Danach kommt sie hier nie wieder her, und wir werden sie dann auch, Gott sei dank, in Anatolien entsorgen können.“

Das Journalismus-Versagen dabei:
* Gaulands Aussage wird ohne ihren Zusammenhang kolportiert.
* Ein einzelnes Wort wird zum Eklat: „entsorgen“. Ohne jede Einordnung (dabei haben schon weit prominentere Politiker Konkurrenten „entsorgen“ wollen).
* Der von den Medien inszenierte Skandal wird von ihnen zu einer Medienpropaganda der AfD erklärt.
* Am Ende wird niemand auch nur einen Funken schlauer sein, aber alle Gruppen wurden in ihrer Identifikation (= Abgrenzung von allem anderen) gestärkt.  Weiterlesen

Ach nun, Meedia halt

Über Inhalte bei Meedia, dem Internet-Nacherzähldienst, brauchen wir nicht mehr zu diskutieren, das haben genügend Kritiker versucht, egal. Aber Versuche, sich selbst zu Lasten anderer Aktualität zu bescheinigen, sollte das auf Dialog stets verzichtende Medium (s.u.) unterlassen.

Es sind nur drei Buchstaben, die eine Nachricht in den falschen Zeitkontext stellen: „nun“.  Weiterlesen

Bundesamt für Witzzulassungen

Von Rassismus kann man gut leben. Also von Rassismusvorwürfen. Denn nur mit ihnen kann man sich selbst als Antirassist abgrenzen. Psychologen haben für dieses Abgrenzen allerhand Erklärungen parat, aber es ist vor allem simple Ethologie: der Mensch als Familientier braucht ein paar Artgenossen um sich herum, mit denen er sich gegen den Rest der Welt verbündet und für seine Sippschaft sorgt (gerne auch beliebig auf Kosten anderer). Wo das mit Familien und kleinen Dörfern nicht mehr geht, bilden sich Ersatz-Clans auch ohne jede Verwandtschaft – eine Schulklasse hält für gewöhnlich gegen andere Klassen zusammen, auch eine Bundeswehrstube, eine Fußballfanuniform oder eine Twitter-Jüngerschaft schaffen neue Sozialverbände, die sich jeweils durch Abgrenzung von allen anderen definieren.

Es ist daher überhaupt nichts Besonderes, wenn irgendwelche Twitterwesen zu einer Karikatur der BILD über deutsche Politiker lauthals herausposaunen, es handele sich dabei um „rassistische Scheiße“. Man sollte es da auf gar keinen Fall mit Argumentation versuchen, mit Fakten oder Logik – es ist auch egal, ob sich Leute empören, die vor zweieinhalb Jahren noch Charlie waren, denn auch Charlie war ja nur eine temporäre Ersatzfamilie, die billigst mögliche Abgrenzung gegen Terroristen und ein Gute-Laune-Macher (wir stehen zusammen auf der richtigen Seite).

Nicht ganz so belanglos ist es, wenn Journalisten oder reichweitenstarke Journalismuskritiker ihre Peergroup-Fahne auch im Job hochhalten und darüber ein paar Tugenden guter Berichterstattung vergessen.  Weiterlesen

Fragen stellen und Antworten verstehen

Von der diesjährigen „Jahreskonferenz“ des Vereins „Netzwerk Recherche“ nur Eindrücke von zwei Veranstaltungen zu sehr grundlegenden Problemen im Journalismus.

1. Fakten statt Fiktionen – das bleibt eine Herausforderung

Mit dem richtigen Zuhören haben selbst gestandene Journalisten wie Hans Leyendecker ein Problem. Und das kann einen wahnsinnig machen, weil richtiges Zuhören (und Verstehen) die Voraussetzung für objektive Berichterstattung ist. Aber auch viele Journalisten hören, was sie hören wollen – bis hin zur Skandalisierung.
Alexander Gauland, stellvertretender Sprecher der Bundes-AfD und bis vor kurzem Vorsitzender in Brandenburg, hatte die Einladung zu einer Podiumsdiskussion angenommen, Titel: „‚Populisten‘ und ‚Lügenpresse‘ – Die AfD und die Medien“.
Die Besetzung des Panels sprach schon nicht für all zu viele neue Erkenntnisse, denn neben Gauland nahmen drei Journalisten Platz: Melanie Amann vom Spiegel, Kai Gniffke von ARD aktuell und als Moderator Stefan Weigel von der Rheinischen Post. Ein Medienforscher etwa oder ein ausländischer Beobachter fehlten, so dass Gauland über weite Strecken drei Kontrahenten gegenüber saß, die sich intellektuell schmerzhaft an der Forderung festbissen, Gauland habe dafür zu sorgen, dass Journalisten bei AfD-Veranstaltungen nicht ausgeschlossen werden, andernfalls müsste er doch wohl aus der Partei  austreten. Dabei betonte Gauland zigfach, er selbst sei immer gegen Presseausschlüsse gewesen und in dem von ihm geführten Landesverband Brandenburg habe es das auch nie gegeben. Zur Erinnerung: Gauland selbst war 14 Jahre Herausgeber einer Tageszeitung, der Märkischen Allgemeinen.  Weiterlesen

„Bild des Tages“ im Kopf des Fachmanns

Es war eine der schrecklichsten Aufgaben während des Volontariats: BUs zu Schmuckis texten. Einen vorgegebenen Raum unter irgendeinem mehr oder weniger hübschen Foto (meist von Abonnenten der Zeitung) mit Buchstaben zu füllen. Da sitzt man dann vor diesem Foto (damals noch Papier, jaja) und sinniert. Zunächst sieht man nur, was jeder Zeitungsleser am nächsten Tag auch sehen wird. Aber nach einer Weile beginnt das Foto dann doch ganz vertraulich zu einem zu sprechen und verrät Dinge, die hernach außer dem armen Volo, der Zeilen schinden musste, niemand auf der Welt wissen wird.

Seien Sie einmal (wieder) Volo und probieren es aus. Hier das Bildangebot von Christian Beutler, Keystone (Ausschnitt):

Und nun schreiben Sie ein, zwei nette Sätze dazu bitte, ohne auf die Lösungsvorschläge unten zu schauen. Aber lassen Sie sich wirklich Zeit, damit das Bild zu Ihnen sprechen kann.

Hat das Bild zu Ihnen gesprochen?

Hier nun die Musterlösung 1 des Branchendienstes turi2:

„Fliegender Wasserträger: Eine Agrar-Drohne besprüht Weinreben im Schweizer Rapperswil. Der fliegende Helfer der Winzer transportiert 10 Liter Wasser – und die Weinbauern können im Gegenzug mehr Zeit in der strahlenden Sonne genießen.“

Hatten Sie das auch rausgehört? Viele Leser werden sich am nächsten Morgen wieder beschweren: auch früher hätten die Weinbauern keine Wassereimer zu den Reben getragen, das sei ja wohl neumodischer Quatsch… Da muss man als guter Schmucki-Texter drüber stehen.

Turi2 beschäftigt offenbar gleich zwei Volos, die ins Bild hineinhorchen durften, denn in der E-Mail-Version eine Stunde später findet sich noch eine andere Musterlösung:

Natürlich wird es Klugscheißer geben, die Ihnen vorrechnen wollen, dass 10 Liter Wasser ja wohl mal nichts sind (die kommen dann mit „….entspricht einem Millimeter Niederschlag auf einen Quadratmeter, wie oft soll denn die Drohne betankt werden, damit das auch nur einem normalen Regen entspricht…“) und die ihnen als Hobbygärtner erklären wollen, die Sprühtechnik sehe auch sehr verschwenderisch aus, das bringe doch so gar nichts…

Der gute BU-Dichter steht weit über solcher Besserwisserei. Schließlich hätte er ja sonst auch direkt den langweiligen Text der picture alliance nehmen können, die das Bild vertreibt:

„Eine grosse Agrar-Drohne der Firma Remote Vision GmbH, die 10 Liter Fluessigkeit transportieren kann, besprueht Rebberge in Rapperswil, aufgenommen am 2. Mai 2017 in Rapperswil. Remote Vision ist ein spezialisierter Dienstleistungsbetrieb fuer industrielle und landwirtschaftliche Drohnen-Anwendungen.“

„Pah“, sagt da der dichtende Volo, „wer’s braucht – dann kann ich ja auch gleich investigativ arbeiten und schauen, was die Firma eigentlich zu ihrem Fluggerät sagt – aber im Ernst: das* will doch keiner in der Zeitung lesen.“

 

* „Der DJI Agras MG-1 ist ein Oktokopter und wurde speziell zur Verstreuung von flüssigen Pestiziden, Dünger und Herbiziden entwickelt. DJI führt ein neues Level an Effekitivät in den Landwirtschaftssektor ein.“

Kurz verklärt

Einstellungstest für Sozialwissenschaftler beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk:

Eine Familie besitzt einen Acker, der gerade groß genug ist, sie zu ernähren. Er ist seit Generationen in Familienbesitz und so sollen auch die heutigen Kinder der Familie später die Bewirtschaftung des Ackers übernehmen. Das Auskommen aller scheint auf ewig gesichert.
Nun kommt ein Fürst mit Soldaten daher und sagt, er beanspruche den Acker für sich, er wolle darauf seine Pferde spielen lassen oder ein Naturschutzreservat errichten oder einen Flugplatz bauen.
Wenn sich dieser Fürst nun nicht wie ein gewöhnlicher Räuber aufführen will: wie viel Entschädigung sollte er der Familie fairerweise zahlen? Soviel Kartoffeln und Getreide, dass sie über den ersten Winter kommt (um danach zu verhungern)? Oder Kartoffeln und Getreide für zehn Jahre? Oder Kartoffeln und Getreide bis ans Ende aller Tage?

Es ist erstaunlich, wie selbstverständlich vielen Journalisten erscheint, die Entschädigungen, die der Staat an die Kirchen für frühere Enteignungen jährlich zahlt, müssten jetzt nach so vielen Jahren endlich eingestellt werden – die kirchliche Raffgier kenne ja von alleine kein Ende.

So aktuell in einem 2-Minuten-Stück der Tagesschau von Sebastian Kisters, das die sogenannten Staatsleistungen als politisches Gemauschel skandalisieren will.  Weiterlesen

Rigide redigierende Redakteure

Sie sind die besten im Text, die Popstars der Sprache: Redakteure (m/w). „Wenn ein unfertiger Text ein Kind ist, das sich noch entwickeln muss, dann sind gute Redakteure ein wenig wie Eltern, die ein Manuskript das werden lassen, was es eigentlich sein könnte.“ Da japst der Autor nach Luft und der freie Journalist erbricht sich vor Schreck. Als unfertiges Menschenkind mit Adoptiveltern hatte er (m/w) sich bislang nicht gesehen. Doch die das sagen, sind so unschlagbar vom Fach, dass Welten kleiner Journalisten-i-Dötzkes zusammengebrochen sein müssen, als am 5. August das Zeit-Magazin zum Thema Redigieren erschien: „Ein Heft, wo wir Ihnen alles verschönern tun“ stand rot unterringelt auf dem ersten Umschlag, und dann folgte die vor Selbstsicherheit strotzende Ankündigung: „Wir machen das Beste aus Ihren Texten“.

Bei meiner Suche nach den Katastrophengebieten, die ich vor allem in den Journalisten-Slums von Hamburg und Berlin wähnte, wurde ich heulend zähneklappernder, depressiver oder gar suizidaler Kolleginnen und Kollegen allerdings nicht gewahr – zumindest war das Redigier-Heft der Zeit nicht ursächlich dafür. Zu vertraut ist den meisten Freien die Fehlübersetzung von Redigieren als „Texte verschönern“ – wie im Zeit-Magazin, das in dieser künstlerischen Tätigkeit die Berufung fest angestellter Journalisten sieht:  „Redigieren ist, was Redakteure tun“.  Weiterlesen

Deutsche Presseagentur meinungsschwanger?

Wieviel Nachricht und wieviel Meinung steckt in der deutschen Berichterstattung über die US-Präsidentenwahl? Damit werden sich bestimmt im Nachhinein einige Arbeiten beschäftigen, heute nur mal ein „Schlaglicht“: Schauen wir uns einen Agenturtext an, hier von dpa (der wohl auf als Vorlage für einen Beitrag der Berliner Zeitung hergehalten hat – oder beide stützen sich auf dieselbe Quelle, jedenfalls könnte man den Berliner Text nochmal separat sezieren…)
Die nachfolgenden Anmerkungen und Fragen sind nur ein Angebot für die Diskussion – es erfolgt absichtlich keine abschließende Bewertung.

Den vollständigen Artikel lesen Sie bei az-online.de

 

Textpassage AZ/dpa: Anmerkungen:
Funktioniert das?

 

Wer stellt diese Frage? Klingt jedenfalls direkt in die tendenziöse Richtung „Besteht da noch eine Chance“. Man könnte auch fragen: „Wäre das legitim?“
Wahlleute sollen Trump stoppen Fordert wer? Das müsste schon deutlicher benannt werden, da die Aussage ja insgesamt tendenziös ist (für das gleiche Ergebnis könnte man auch fordern: „Wahlleute sollen Wählerwillen ignorieren“ – was ganz anders klingt).

 

– Verweigerung statt Vollzug? Ist es „Verweigerung“ oder „Rechtsbruch“?
Washington – Was in anderen Jahren nur langweiliges Vollzugsverfahren war, ist 2016 aufgeladen wie vielleicht noch nie: Die Situation, dass ein Kandidat zwar weniger Wählerstimmen als ein Wettbewerber, gleichwohl aber mehr Wahlleute bekommen hat, ist 2016 zum fünften Mal eingetreten. Bekannt sein dürfte noch der Fall Al Gore.

https://de.wikipedia.org/wiki/Popular_Vote

 

 

Die Stimmabgabe der Wahlleute in den USA. Kann Trump verhindert werden?

 

„Kann Trump verhindert werden“ ist extrem meinungsgeladen. Es meint ja „Schlimmes verhindern“. Nachrichtlich wäre z.B. „Könnten die Wahlleute das Wahlergebnis noch / eigenmächtig verändern?“
Auf 538 Menschen ruht die letzte Hoffnung von Millionen. Ob es wirklich Millionen sind, weiß niemand, kann auch dpa nicht wissen – es sei denn, die Agentur unterstellt, dass Millionen Wähler von Clinton und Co das Ergebnis nicht akzeptieren.

Ferner wird für einen nachrichtlichen Text willkürlich nur ein Teil der Wählerschaft in den Blick genommen. Die anderen „Millionen“ hoffen wohl (überwiegend), dass die Wahlleute so abstimmen, wie es das Wahlergebnis verlangt.

Wenn an diesem Montag das Gremium der Wahlleute in den USA seine Stimmen abgibt, sollen sie als eine Art letzte Verteidigungslinie einen Präsidenten Donald Trump verhindern – so die Hoffnung seiner vielen Gegner „Verteidigungslinie“? Wer oder was soll verteidigt werden? Das eigene Interesse?
nicht nur in den USA Dürfen ausländische Meinungen bei einer US-Wahl eine Rolle spielen? Und auch hier: Wer ist damit gemeint? Die paar Laut-Kommentierer in den Socialen Medien? Politische Redakteure in Deutschland, die in jüngster Zeit ihre vornehmste Aufgabe darin sehen festzulegen, welche Parteien und welche Politiker in einer Demokratie eine Rolle spielen dürfen?
Aber daraus wird wohl nichts. In der Geschichte der USA haben die Wahlleute zu 99 Prozent so gewählt, wie sie bei der Wahl bestimmt wurden.

 

Und das, könnte man ergänzen, obwohl oft ein Missverhältnis zwischen Wählerstimmen und Wahlmännern bestand (s.u.).

 

Warum gibt es Druck auf die Wahlleute?

Viele verweisen neben ihrem nackten Unbehagen über Trump

Die Wahlleute werden von der jeweiligen Partei bestimmt, deren Kandidat zu Wahl steht (und der zuvor in einer Vorwahl bestimmt worden ist).
auf das Wahlergebnis selbst: Zwar hat der Republikaner 306 Wahlleute gewonnen und Clinton 232, das ist deutlich. Aber Clinton führt in der Gesamtzahl der Stimmen mit stolzen 2,8 Millionen oder gut zwei Prozent. Die Kritiker argumentieren, die Wahlleute repräsentierten nicht das wahre Verhältnis der Mehrheiten im Land. Das ist Kritik an einem alten Wahlverfahren. Das Wahlverfahren darf man legitimerweise VOR der Wahl infrage stellen – und muss ggf. auf eine Teilnahme verzichten. Es später infragezustellen, wenn einem das Ergebnis nicht passt, ist unlauter – und daher auch in dieser Form keine Nachricht. Es ist ja gerade das Prinzip des Mehrheitswahlrechts, dass das Endergebnis nicht die wahren Präferenzen in der Wahlbevölkerung widerspiegelt (so wie schon das Wahlergebniss eben weit entfernt ist vom Willen der Bevölkerung insgesamt, selbst der wahlberechtigten).
Sie fordern, die Abstimmung am Montag müsse verschoben werden: Erst müsse der künftige Präsident sich zur Zukunft seiner Geschäfte äußern, außerdem müsse erst eine Beeinflussung der Wahl durch Russland geklärt werden. Wer konkret fordert eine Verschiebung der Abstimmung?
Dass sich Trump erst erklären müsse, ist ein völlig neues Argument, das mit dem Vorgenannten nichts zu tun hat – und das auch dringend eingeordnet werden müsste, z.B. im Hinblick auf die früheren Präsidenten.
Was tut sich in der Gruppe der 538?

Elektoren

„Elektoren“ gibt es nicht, die Eindeutschung des englischen „presidential elector“ ist hier jedenfalls nicht hilfreich.
berichten von Hunderten, sogar Tausenden Zuschriften mit der Forderung, Trump zu verhindern. Gab es solche „Forderungen“ bei früheren Wahlen nicht?
Fast fünf Millionen Menschen haben eine Online-Petition unterzeichnet Fünf Millionen Petenten – gegenüber fast 63 Millionen Wählern, die für Trump gestimmt haben.
. Im Gremium – das aber nie als Gruppe auftritt Gemeint ist vermutlich „als Gruppe zusammentritt“; eine einheitliche Meinung werden die Wahlleute der beiden Pateien wohl kaum äußern.
– brodelte es. Ein Republikaner trat wegen Trump zurück, ein anderer drückte öffentlich seinen Widerwillen aus. Demokraten versuchten, neue Mehrheiten zu organisieren.

 

Zwei republikanische Wahlmänner, die mit Trump nicht einverstanden sind als Beleg fürs „Brodeln“ ist etwas dünn.
Was geschieht am kommenden Montag?

Die Wahlleute aller 50 Bundesstaaten und der Hauptstadt Washington schicken ihr Votum für den US-Präsidenten und den Vize in sechs Umschlägen an vier Adressaten, unter anderem an den Präsidenten des US-Senats.

 

Wann wird das Ergebnis bekannt werden?

 

Spätestens neun Tage nach dem Votum müssen die Umschläge eingegangen sein. Zwischen diesem Zeitpunkt und dem 6. Januar kann das Ergebnis an die Öffentlichkeit dringen – am 6. wird es im Kongress verkündet.

 

Etwas verwirrende Beschreibung des Wahlverfahrens. Wichtige Mitteilung wäre, dass sich die Wahlmänner in der Hauptstadt ihres Bundesstaates treffen, also an 50 verschiedenen Orten -das „Electoral College“ tagt nicht gemeinsam.
Was müsste passieren, um Trump zu verhindern?

 

s.o.
38 oder ein Achtel der Trump-Wahlleute müssten gegen ihn stimmen. Sie könnten für einen anderen Republikaner votieren, häufig genannt wird Ohios Gouverneur John Kasich. Wenn Demokraten sich ihnen anschließen, könnte der neue Kandidat über die Mehrheit von 270 kommen. Schließen sich die Demokraten dem nicht an, hat keiner eine Mehrheit. Dann entscheidet das Repräsentantenhaus, das wiederum deutlich in der Hand der Republikaner ist. Der Ausgang wäre wohl klar.

 

Der Absatz ist recht verworren – und natürlich mehr als spekulativ: Es müssten sich „alle Demokraten“ diesem abweichenden Votum anschließen – bzw. insgesamt müssten sich mindestens 270 Wahlleute auf einen Kandidaten/ eine Kandidatin verständigen. Es gab immer wieder auch Meldungen, dass evtl. nicht alle Demokraten für Clinton stimmen werden.
Sind die Wahlleute an den Wählerwillen gebunden?

 

Ja und Nein. Ein Bundesgesetz gibt es dazu nicht, aber 29 Staaten und die Hauptstadt verpflichten die Elektoren zur Wahl desjenigen, den ihre Partei nominiert hat. Andernfalls werden sie bestraft. Es gibt aus beiden politischen Lagern ernste Mahnungen: Man könne das ganze Verfahren ja veraltet finden, aber es sei nun mal von der Verfassung vorgesehen.

 

Hier wird es doch interessant, aber die Details fehlen: Wie viele republikanische Wahlmänner stammen aus den 29 Staaten, d.h. wie groß ist die Zahl derer, die rechtlich eindeutig gebunden sind?
Es sei undemokratisch, sich nun nicht daran halten zu wollen, weil einem der Wahlausgang des 8. Novembers nicht passe. Dies sollte man hier nicht als Meinung sehen, sondern als Fakt – andernfalls kann jeder zu jeder Zeit alle gesetzlichen Bestimmungen ignorieren. Nimmt man die Verpflichtung, so abzustimmen wie verlangt, als Fakt, wird eine ganz andere Meldung aus dem Ganzen.
Warum gibt es dieses ganze Verfahren überhaupt?

 

Die US-Bürger wählen den Präsidenten nur indirekt. Am Wahltag wird je nach Größe des Bundesstaates eine bestimmte Zahl an Wahlleuten bestimmt. Wer in einem Staat die Mehrheit erhält, bekommt mit ganz wenigen Ausnahmen alle Wahlleute – „the winner takes all“.

 

Was war der ursprüngliche Sinn des Gremiums?

 

Mit seiner Einrichtung verbanden die Gründungsväter der USA eines: Sie wollten Demagogen verhindern. Sie misstrauten dem Volkswillen, deswegen sollte er sozusagen gefiltert werden. Die Verfassung wurde so angelegt, dass spontane und kurzfristige Politik zurückstehen würde hinter einer Politik zum Wohl langfristiger Interessen des Landes.

 

Hier fehlt jeglicher Beleg.

Auch ist nicht ersichtlich, warum es nur um den „ursprünglichen Sinn“ gehen sollte.

 

Auch fehlen weitere Beispiele aus der Verfassung für die behauptete Intention.

 

Der Sinn des Mehrheitswahlrechts wird gar nicht erläutert – obwohl dessen Einführung auch in Deutschland immer wieder gefordert wird.

Trump, der Politik in affektgetriebene Spontanaktionen ummünzt, könnten dabei die Ohren klingeln. Theoretisch. Bislang hatte Trump noch wenige Möglichkeiten Politik zu machen, ihm wird nur sehr viel Aufmerksamkeit zuteil.
Wird sich an diesem alten System jemals etwas ändern?

 

Eine mit verlaub idiotische Frage. Sachlich wäre z.B.: „Kann die Präsidentenwahl gesetzlich anders geregelt werden“ – also entgegen der Intention der (weisen) „Gründungsväter“?

 

Ja, kann sie, es gab im Laufe der Geschichte zwei Verfassungsergänzungen dazu, die aber das Grundprinzip nicht angetastet haben.

 

Auf kurze Sicht sicher nicht, aber die Diskussion ist da. „Es würde mich wundern, wenn wir nicht in zehn Jahren nach einer Mehrheit der Stimmen entscheiden würden“ – das sagte kürzlich einer, der mit dem Missverhältnis von Stimmen und Wahlleuten eigene Erfahrungen gemacht hat: Al Gore, im Jahr 2000 Wahlverlierer gegen George W. Bush.

 

. Interessant wären hier allein aktuelle politische Bestrebungen, konkrete Ankündigungen von Politikern,

 

Nachklapp as much as you can

tz-herzzerreissend

Gut, Patrick Steinke hat es halt gar nicht gepeilt**, trotzdem alles Nötige sogar in seinem Text steht. Aber emotional auf den Leim gegangen sind dem Ganzen wohl auch alle Kollegen, die zwar sachlich richtige Meldungen gezimmert haben, die Relevanz aber auch nur aus dem möglichen Missverständnis ableiten können:

Die Familie der in Freiburg vergewaltigten und ermorderten Studentin Maria L. hatte am 26. Oktober in der FAZ eine Traueranzeige geschaltet. Eine Story versuchen Nachrichtenaufbläser nun daraus zu konstruieren, dass mit den statt Blumen erbetenen Spenden möglicherweise auch die lokale Flüchtlingsarbeit gefördert werden sollte – und das, wo am 2. Dezember als Tatverdächtiger ein Flüchtling aus Afghanistan festgenommen worden ist.

Im einfachsten Fall soll damit die besondere Niedertracht des Verbrechens betont werden: die Hinterbliebenen sammelten Geld für Flüchtlinge, während der flüchtige Mörder ein Flüchtling ist. Nachrichtenwert: null, weil es eben gerade keinen kausalen oder temporalen Zusammenhang zwischen der Festnahme eines Tatverdächtigen und dem Spendenaufruf gibt! Und dass Spenden für gemeinnützige Organisatioen anstelle von Blumen und Kränzen am Grab erbeten werden ist alles andere als ungewöhnlich (was ein Blick in die entsprechende Anzeigenrubrik der Tageszeitungen zeigt).
Selbst die Behauptung, die Angehörigen hätten um Spenden für die Flüchtlingsarbeit gebeten, ist eine völlig unbewiesene Interpretation. Kein Autor der gesichteten Meldungen bietet einen Beleg dafür. Fakt ist die Spendenbitte für den Verein „Weitblick„. Wie genau die Verfasser der Traueranzeige dessen Aktivitäten kennen und ob sie sich damit identifizieren, weiß offenbar kein Berichterstatter. Man könnte z.B. auch um Spenden für einen Verein bitten, dessen Engagement man in Einzelbereichen sehr kritisch sieht. (Leider ist diese Sprachschluderei weit verbreitet. Ein prägnantes Beispiel aus Esslinger/ Schneider: Die Überschrift, 5. Auflage, S. 24: „Steinbrück hält Sieg für möglich“ titelte die Augsburger Allgemeine vor der Bundestagswahl 2013 – obwohl niemand wissen konnte, was Steinbrück für möglich hielt; dass Steinbrück unablässig behauptet hat, er könne gegen Merkel gewinnen, ist etwas ganz anderes.)

Völlig skurril daneben lag aber die tz mit Patrick Steinkes Beitrag:
tz-jetzt

Mehrfach behauptet Steinke, die Angehörigen hätten „jetzt“ in irgendeiner Form reagiert – obwohl die Traueranzeige bereits fünf Wochen vor der Festnahme eines Tatverdächtigen aus Afghanistan erschienen war.

Wie das Aufblasen solcher Nichtigkeiten und die unsorgfältige Verknüpfung von Fakten zu weiterem Chaos führt, zeigt beispielhaft Folgendes:

Holger Arppe, AfD-Abgeordneter in der Rostocker Bürgerschaft und im Landtag Mecklenburg-Vorpommern, schrieb am 4.12.2016 auf Twitter als Reaktion auf die Medienberichte zur angeblichen Spendensammlung für Flüchtlinge der Familie L.:

„#HAmv Pathologische Realitätsverweigerung: Vater sammelt auf Beerdigung seiner von Flüchtlingen ermordeten Tochter Spenden für Flüchtlinge.“

An dieser Behauptung ist bis auf (nach derzeitigem Kenntnisstand:) „ermordet“ alles falsch.*

Doch das wäre nicht gar so tragisch, sinnentstellenden Verkürzungen bereits nur halb oder gar nicht Verstandenens sind grade beim Verkürzungsdienst Twitter an der Tagesordnung, und zwar über alle politischen Lager hinweg. Arppe hat derzeit rund 350 Follower – sein Beitrag blieb zunächst unkommentiert, die üblichen Fans geben ein Sternchen und damit hat sich die Sache. Doch dann wird die Mini-Notiz zwei Tage später skandalisiert, es folgen zig Reaktionen auf Twitter – die bis auf ganz wenige Ausnahmen allerdings zuunrecht einen zeitlichen Zusammenhang von Festnahme eines Flüchtlings und Spendenbitte für Flüchtlinge konstruieren, z.B. so:

Reaktionen auf Twitter und Berichte über diese dürften sich mal wieder gegenseitig befeuert haben. Nordkurier.de:
afd-beschimpft-vater

Resümee: Aus einer Nullnachricht machen zahlreiche Medien trotzdem eine Meldung, die geradezu erwartbar auch fehlinterpretiert wird, es folgen auf dieser Fehlinterpretation beruhende Reaktionen und Reaktionen auf diese Reaktionen… angedockt an ein Verbrechen viel digitaler Blödsinn wegen nichts – aber natürlich fürs eigene Geschäft.

* Die Fehler im Arppe-Post:
1. „Realitätsverweigerung“ betreibt in seinem Statement Arppe, über die Pathologie wollen wir nicht spekulieren, jedenfalls gibt es keinerlei Anzeichen für diesen Befund beim Vater der Getöteten. (Später räumte Arppe ein,  dass ‚man‘ „vielleicht etwas länger nachdenken sollte, bevor man zu irgendeinem Thema irgendetwas schreibt”.
2. Nicht der Vater, sondern alle Unterzeichner baten um Spenden statt Blumen.
3. Er sammelte wohl auch nicht auf der Beerdigung, sondern anlässlich dieser – mit der Bitte um Überweisung.
4. Der Mörder steht noch nicht fest, tatverdächtig ist zu diesem Zeitpunkt aber eine Einzelperson, es gab keine Berichte, dass die Polizei von mehreren Tätern ausgeht.
5. Spenden für Flüchtlinge wurden, siehe oben, nicht gesammelt.

** Die andere mögliche Interpretation wäre nur, Steinke hat zwar verstanden, dass es keinen Zusammenhang gibt, stellt ihn aber trotzdem her – was noch ärgerlicher wäre.

Zugabe:

Gerannt werden (Korinthe 83)

Wer ausgezeichneten Lokaljournalismus erkennen und auszeichnen will, sollte möglicherweise mit dem Unterschied zwischen Aktiv und Passiv zurande kommen. Die Landesmedienanstalt NRW – eine Behörde, wie sie journalistischer nicht sein könnte – teilt über ihren Pressesprecher heute mit: „Fünf Beiträge noch im Rennen um den LfM-Stiftungspreis für Lokaljournalismus„.

rennen

Den Quatsch kennt man natürlich von jedem Wahlabend, an dem sich angeblich Parteien oder Kandidaten ein „Kopf an Kopf Rennen“ liefern. Aber weder die Kandidaten noch hier die eingereichten Reportagen rennen – sie können auf den Ausgang des „Verfahrens“ (im einen Fall die Auszählung von Wählerstimmen, im anderen Fall eine Jury-Entscheidung) keinerlei Einfluss mehr nehmen. Anstatt eines spannenden Rennens gibt es nur langweilige Wartezeit.