Archiv für die Kategorie ‘Außenspiegel’

Kurzer Lesetipp: Fazversagen

Dienstag, 28. Juli 2009

Thomas Lückerath von DWDL wundert sich, dass FAZ-Medienredakteur Michael Hanfeld einen Riemen über die erste Twitter-PK von Harald Schmidt schreibt, ohne mit den Lesern die Erkenntnis zu teilen, dass es sich dabei um einen bekannten Fake handelt.

In der angeblichen Pressekonferenz hatte Rob Vegas als Harald Weisheiten von sich gegeben wie: “Ich bin mit der Million Zuschauer immer zufrieden gewesen. Ich funktiniere aber auch im Hinterzimmer der Pension Rosi.” Bereits nach 15 Minuten intensivem Twitter-Talk machte “Schmidt” ein Päuschen:  “Ich muss kurz in die Kantine. Heute gibt es Pflaumenkuchen. Ich bin in fünf Minuten wieder da und widme mich Ihren Fragen.”

Nebeneinkünfte von Journalisten – Kommentare

Montag, 22. Juni 2009

Nebenverdienste von öffentlich-rechtlich bestallten Journalisten waren das Hauptthema in der letzten ZAPP-Sendung (Film; Text-Manuskript), das – nachdem die BILD-Zeitung darin eine Vorlage für die Titelseite gefunden hatte – von vielen Medien aufgegriffen wurde.

Die Fragen: Sind Journalisten unabhängig, wenn sie von firmen und Verbänden für viele tausend Euro zu Small-Talk oder Vortrag gebucht werden? Verkaufen sie dabei tatsächlich nur ihre persönliche Leistung oder nicht wesentlich eine Marke, der sie überhaupt ihre Nachfrage verdanken?

Hans-Jürgen Jakobs, Chefredakteur sueddeutsche.de, meint:
“Interessenkonflikte sind in dieser Gemengelage zwangsläufig – und das bei einer öffentlich-rechtlichen Vorzeigesendung wie den “Tagesthemen”, die in Kommentaren gern die Gier der anderen anprangert.”

Print-Kollege Hans Leyendecker verweist darauf, “Nebeneinkünfte sind keine Erfindung der neuen Gier-Zeit” und erinnert an Werner Höfer, “dessen ‘Internationaler Frühschoppen’ 34 Jahre lang zu sehen war, nebenher vermutlich mehr verdient hat, als ein Buhrow heute.” Laut Leyendecker war zumindest in einem Fall der eine Nebentätigkeit genehmigende Chef von der selben Agentur vermarktet wird, “wie die Journalistin, deren Genehmigung er unterschrieb.” Leyendecker verweist auf den Pressekodex und verlangt mehr Transparenz.

Jörg Meyer (Gruppe M) kommentiert im jonet:
“Das  „Mitnehmen was geht“ ist ja keine Moderationenspezialität. Aber die
Herren und Damen verdanken ihren aktuellen Marktwert allein ihrem aktuellen Job. Ich denke, der “normale” Marktwert z.B. für einen Ex USA
Korrespondenten liegt bei 2-3.000 p.T. Glauben wir Buhrow und Co ihre
geldresistente Unabhängigkeit, wäre es fair, wenn sie diese Summe behielten und der Rest an den Sender oder an Wohltätiges flösse. (Selbst die teuersten Fußballer müssen einen Teil ihrer Vermarktungsrechte abtreten, obwohl deren Marktwert mehr an individuelle Leistung gebunden ist, als bei austauschbaren Moderatoren.)

Bisher wird Offenheit vor allem von Politik und Wirtschaft gefordert. So will LobbyControl am “Tag der politischen Kommunikation” (25. Juni 2009) unter dem Motto “Wer? Wie viel? Für wen? – wer das nicht sagt, muss geh’n!” die Schaffung eines verpflichtenden Lobbyisten-Registers fordern. Dazu heißt es von der Organisation: “Mit Hilfe eines ‘Lobbyistenscanners’ werden wir zeigen, wie wirkliche Transparenz aussehen muss. Denn häufig – wie jüngst beim PR-Skandal der Bahn – ist für die Öffentlichkeit völlig undurchsichtig, wer hinter den Aktivitäten von PR-Agenturen, Think Tanks oder ehemaligen Politikern steckt und wie viel Geld dabei im Spiel ist. Wir setzen uns für ein aussagekräftiges, verpflichtendes Lobbyregister
ein, in dem sich neben Unternehmen und Verbänden auch Denkfabriken,
PR-Agenturen und Anwaltskanzleien, welche einer Lobbyarbeit nachgehen, registrieren müssen.”

Horst Müller, Professor für Redaktionspraxis im Fachbereich Medien an der Hochschule Mittweida, kritisiert in seinem Blog die Karriere des Nebeneinkünfte-Themas: “Nicht der vermeintliche Skandal um die Nebenverdienste von ohnehin gut bezahlten öffentlich-rechtlichen TV-Leuten sorgte für die breite anschließende Berichterstattung, sondern die Tatsache, dass sich das Leitmedium ‘Bild’ der Sache an exponierter Stelle – nämlich auf der Titelseite – angenommen hatte. Ein Paradebeispiel für den immer breiter um sich greifenden ‘Hurra-Journalismus’ in Deutschland.” Und er fragt nach welchen Kriterien diejenigen Journalisten ausgewählt worden sind, die mit ihren Nebeneinkünften in ZAPP vorgeführt wurden.

Klare Abstinenz bei den Moneten fordert Jörg Rinne, Neue Westfälische:
“Nebentätigkeiten nur für den guten Zweck. Gibt’s ein Honorar,
dann wird’s gespendet. Ausgeschlossen sein sollten grundsätzlich alle
Nebentätigkeiten, die der journalistischen Glaubwürdigkeit zuwider
laufen.”

Für Journalisten haben wir bei Spiegelkritik schon früher freiwillige Transparenz gefordert. Zumindest bei den derzeit diskutierten Promis würde sich eine Offenlegung der Nebentätigkeiten (wie auch Verbandelungen) in der Wikipedia anbieten. Alle anderen sollten – im Sinne der Selbstorganisation des Journalismus – in ihren Selbstdarstellungen darauf verweisen.

Im Tagesschau-Blog von ARD aktuell ist das Thema hingegen bisher nicht diskutiert worden.

Journalisten als PR-Berater der Berufspolitiker

Donnerstag, 04. Juni 2009

Politikjournalismus ist in Deutschland, ich habe es schon manches Mal beklagt, fast ausschließlich Parteipolitikgebläse: Journalisten berichten, was Politiker über Politiker sagen.
In anderen “Branchen” nennt man das People-Journalismus oder Promi-Klatsch – womit in jedem Fall das Gegenteil der seriösen Politik-Berichterstattung gemeint sein soll.

Ein gutes Beispiel liefert Thomas Öchsner mit seinem Stück “Ein Wachhund, der in der Hütte bleiben muss”, einer “Analyse” der Rolle des Bundeswirtschaftsministers Karl-Theodor zu Guttenberg bei den Verhandlungen um Staatshilfen für Opel.

Einen Blick auf das parteipolitisch-journalistische Paralleluniversum gibt Öchsner mit folgendem Satz frei:

“Ein paar Minuten später, als der junge Konservative endlich an die Mikrophone darf, sagt er einen Satz, der für einen Moment das Wort “Rücktritt” durch die Köpfe der Journalisten schwirren lässt.”

Der Satz lautet:

“Es ist eine schwierige Risikoabwägung gewesen, und eine, die mich zu einem anderen Schluss gebracht hat.”

Vielsagend ist auch Öchsners Bekenntnis:

“Voller Häme berichteten SPD-Einflüsterer den Journalisten über Pannen und Peinlichkeiten bei den Verhandlungen mit der Opel-Mutter General Motors und der amerikanischen Regierung.”

Politik-Journalisten wollen natürlich nichts von Risikoabwägungen in der Opel-Sache wissen, wo es um läppische 1,5 bis 4,5 Milliarden Euro Kredit und vieles mehr geht, ihnen geht es um das Risiko Politiker, um das Risiko, vor Mikrofone zu treten, um das Risiko, von dem man nicht nur angepeoplelt, sondern vollpeopled erzählen kann.

Nun ist er zwar leider nicht zurückgetreten, aber er hat “seine erste große Niederlage einstecken” müssen, der zu Guttenberg, erfahren wir. Denn:

“In der Nacht zum Samstag überstimmten ihn seine Kollegen.”

Guttenbergs Problem: er hat eine Meinung, die er offenbar nicht stündlich ändert, sondern die er “in den vergangenen Tagen gebetsmühlenartig wiederholt hatte” – vermutlich, weil ihm gebetsmühlenartig die gleichen Fragen gestellt wurden. Völlig unverständlich ist es Öchsner, dass zu Guttenberg auch nach der Entscheidung noch an seiner Position festhält und “am Morgen nach der langen Nacht in Berlin noch einmal eine persönliche Erklärung verlautbaren lässt”. Weil er sich mit seiner Position nicht durchgesetzt hat, gilt er bereits als (bald) “demontiert”, weshalb die Worte der Kanzlerin auf die Goldwaage müssen.

Und zum hunderttausendsten Mal in den letzten 100 Tagen muss der Vornamensalat samt seiner Adelung thematisiert und um eine eigene Lustigkeit bereichert werden – Öchsle entscheidet sich für die griffige Formulierung “Freiherr aus Bayern”.

Um das Oligarchische an der Politik-Inszenierung zu betonen, wird Guttenberg auch noch zum Enkel “des Wirtschaftswundervaters Ludwig Erhard”, wenn auch ein Mal in Anführungszeichen, um wenigstens keine Blutsverwandtschaft zu behaupten.

Was erregt nun so sehr meinen Unmut? Dass Thomas Öchsner ausschließlich aus der Sicht einiger Parteipolitiker schreibt – und nicht etwa aus der Sicht der Leser, also eines Teils des Souveräns. Kein Wort verliert er über den Ablauf der Verhandlungen, den Sinn der verschiedenen Vorschläge, die Risiken und den möglichen Nutzen für die Allgemeinheit. Stattdessen spielt er voll mit im politischen Kasperletheater. Das ist aber keine journalistische Leistung, und das können Parteipolitiker weit besser. Wenn Politik-Journalismus nur noch das Gehampel der Berufspolitiker nachzeichnen will, sollte er sich aufs Fullquote der reichlich vorhandenen Verlautbarungen wetteifernder Selbstdarsteller konzentrieren -  jegliche Analyse ist dann obsolet.

So wie es Spiegel-Online macht. Dort zeigt Florian Gathmann auf, dass der SPD gar nichts anderes übrig bleibt, als die Wähler mit Guttenberg-Witzeleien zu ködern. Er prüft keine einzige Parole auf ihren Inhalt, er lässt sie stattdessen von Suggestions-Experten auf ihre Erfolgschancen prüfen. Wie kann man potentielle Wähler am besten verarschen? Egal wie, versuchen sollte man es, aber vorsichtig, weil: der Wähler könnte das auch doof finden.

Spiegel-Redakteur Gabor Steingart hat ein langweiliges Buch (“Die Machtfrage”) geschrieben, in dem er begründet, warum er bei der nächsten Bundestagswahl nicht dabei sein wird. Für die Erkenntnis, dass Wählen wohl nichts bringt, muss man allerdings nicht Steingarts Buch lesen. Es reicht, mit wissbegierigem Vorsatz Politik-Journalismus zu konsumieren.

Fehlerliebe

Dienstag, 17. März 2009

Alice Schwarzer beruft sich auch in ihren aktuellen Kommentaren zum Amoklauf von Winnenden auf einen Professor, der womöglich gar kein Professor ist. Der Hinweis darauf von Marvin Oppong in Carta ist gut und wichtig. Nur seine Leitfrage dazu ist Banane:

“Gibt es in Deutschland noch Journalisten, die recherchieren? Oder ist die Zeit dafür zu knapp geworden?”

Ein Fall für die vorläufig abgeschlossene Liste der Immer-mehr-Phänomene: Immer mehr Journalisten recherchieren nicht. Man kann auch sagen: früher war alles besser, weil: es wird ja immer schlimmer.

Erst kürzlich wurde dies beim Karl-Theodor deutlich – auch von Oppong als Beispiel gewählt. Da wurde des neuen Wirtschaftsministers Vornamenswirrwarr immer mehr – und der Journalismus versagte (sich) auf langem Strich. Gut immerhin für die Watchblogs, die wegen des Immermehr an immer weniger Qualität Beschäftigung haben.

Wären sie nur nicht so besserwisserisch. So fürchterlich grantig. Mit dieser “Oh Gott, oh Gott, wie kann man nur”-Attitüde. Es ist doch schön, dass sich aufgrund der heutigen Technik- und Spaßfaktoren immer mehr Menschen kritisch mit journalistischen Leistungen befassen – und ihre Klickergebnisse veröffentlichen. Das sollten sie aber als eigene Profession begreifen – mithin als sinnvolle Ergänzung im Mediengeflecht. Es ist nicht nur albern, sondern kontraproduktiv, jeden kleinen journalistischen Fehler zum Drama aufzubauschen und seinetwegen eine Gretchenfrage zu stellen.

Literaturkritiker sind kein Außenlektorat der Verlage, Blogger kein Korrektorat. Es sind eigenständige Kommunikatoren – weshalb allerdings Literaturkritiker auch sehr ökonomisch auswählen, mit was sie sich beschäftigen. Der ökonomische Druck auf Blogger – vor allem in der Aufmerksamkeitswährung – führt, ganz nach der Erfolgsformel des Boulevards, zu Dramatisierungen und damit vor allem zu Relevanzverzerrungen. Jeder aufgespürte Pups wird zu einer bedrohlichen Giftgaswolke. Vor Erfindung der Google-Korrektur wurde dies in ähnlicher Weise von Pensionären mit dem Duden betrieben und fand sich auf den Leserbriefseiten der Zeitungen. Denn wer nämlich mit “h” schreibt ist dämlich.

Journalismus ist wie Wissenschaft eine ewige Suche nach Neuem. Mithin sind journalistische Erzeugnisse eben immer auch nur vorläufige Beschreibungen. Zum Journalismus gehört die Vermutung – anders ist Recherche gar nicht möglich – und er muss stets auch Vages und Unfertiges präsentieren. Im Rahmen der Möglichkeiten ist dies bekanntlich entsprechend zu kennzeichnen – Stichwort Verdachtsberichterstattung.

Vieles im Journalismus stimmt nicht. Im Lokaljournalismus ist etwa praktisch nichts, was zitiert wird, auch so gesagt worden. Das ist schlecht, richtig schlecht. Aber es wird nicht dadurch besser, dass man immer mehr Journalisten für immer unfähiger hält.

Recherche muss honoriert werden

Donnerstag, 05. Februar 2009

Journalismus ist nicht nur Berichterstattung und Kommentar in vielfältigen Darstellungsformen, Journalismus ist vor allem auch Nicht-Berichterstattung und Nicht-Kommentar in keiner Darstellungsform. Informationsverdichtung, Selektion von Unwichtigem, Konstruktionen von Wirklichkeit… – es gibt viele Schlagworte zu dieser Achillesferse des Journalismus: was ist relevant, was nicht – was kommt über die Medien in die Öffentlichkeit, was bleibt unbeachtet?
Schulzki-Haddouti.jpegSpiegelkritik sprach darüber mit Christiane Schulzki-Haddouti. Die freie Journalistin arbeitet vor allem über Medien- und Technik-Themen und betreibt den Kooptech-Blog unter. Seit 2000 ist sie Jurymitglied in der Initiative Nachrichtenaufklärung (INA), fünf Jahre leitete sie Rechercheseminare an den Universitäten Dortmund und Bonn.

SpKr: Die Initiative Nachrichtenaufklärung kürt jedes Jahr zehn vom deutschsprachigen Journalismus vernachlässigte Themen, das nächste Mal am 17. Februar. Mehr Wichtiges bleibt uns nicht verborgen?

Schulzki-Haddouti: Jedes Jahr sehen wir eine ganze Reihe von Themen, die zwar gesellschaftlich relevant, aber dennoch aus verschiedenen Gründen vernachlässigt wurden. Ich bin gespannt, auf welche Themen sich die Jury in diesem Jahr einigt.

In den USA kommt regelmäßig eine Liste von 25 Themen zusammen. Bei INA werden nicht so viele Themen eingereicht – es sind so etwa 150 pro Jahr. Diese Themen werden von Journalistik-Studenten recherchiert und am Ende werden etwa 20 Themen einer Jury vorgeschlagen, die dann die “TOP 10″ festlegt.

Eines der am meisten vernachlässigten Themen des vergangenen Jahr waren ja Menschenrechtsverletzungen in China – im Zuge der Olympischen Spiele wurde dann über einiges berichtet. Doch über die vielen Gefangenenlager weiß man – aus nachvollziehbaren Gründen – bis heute zu wenig.

SpKr: Und die Medien laufen hernach rot an vor Scham, dass sie so wichtige Dinge übersehen haben?

Schulzki-Haddouti: Die Reaktionen sind leider sehr verhalten. Die Kollegen berichten nur selten über die Initiative; man kann schon froh sein, dass das Ergebnis kurz vermeldet wird (siehe dazu ausführlich in Kooptech). Aber es wird praktisch nie als Anstoß für eigene Recherchen genutzt. Etwa die Geschichte über den Grünen Punkt: Hier hatten wir eine ganze Latte von Rechercheansätzen aufgezeigt, aber es hat ein paar Jahre gedauert, bis der WDR der Sache nachgegangen ist, und das nur in Ansätzen. Man hätte da sehr viel daraus machen können.

SpKr: Das beklagen auch investigative Journalisten wie Jürgen Roth, der sich wundert, dass gerade auch in der Regionalberichterstattung kaum an den vielen Informationen in seinen Büchern weitergearbeitet wird. Sind die Journalisten zu dusselig dafür, zu faul oder woran liegt es? (weiterlesen…)

Aus dem Kopf zitiert

Dienstag, 27. Januar 2009

So bedeutsam ist der Wirtschafts-Kommentar der Neuen Osnabrücker Zeitung nach Ansicht der Neuen Osnabrücker Zeitung, dass er per dpa-Tochter “ots” direkt in die Redaktionsstuben der Kollegen gepustet wird:

Egal, wie eine bayerisch-niedersächsische Staatshilfe für die Autozulieferer Schaeffler und Conti aussehen soll: Sie verbietet sich. Zwar ließe sich argumentieren, dass der Steuerzahler schon den Aktionären der Allianz das Abstoßen der Dresdner Bank zu Top-Konditionen ermöglicht hat und der Auto-Industrie die Steigerung der Nachfrage nach Neuwagen bezahlt. Frei nach dem Tucholsky-Wort: “Der Gewinn, der bleibt privat, die Verluste kauft der Staat.” Aber so schlechte Beispiele dürfen nicht auch noch Schule machen.

Um welches – frei bearbeitete – Tucholsky-Wort es sich dabei handel, verrät die NOZ nicht. Doch nicht etwa schon wieder um dieses?

“Mein Kampf” keine verbotene Lektüre

Montag, 26. Januar 2009

hitlers-kampf-nicht-verboten.jpg
Zeit-Online schreibt:

Wer die Ideologie des “Dritten Reichs” studieren und verbreiten möchte, kann beispielsweise Goebbels Tagebücher ganz selbstverständlich im Buchhandel erwerben. Und selbst Hitlers verbotenes Werk “Mein Kampf” ist im Internet problemlos auffindbar.

Es ist keine Lappalie, weil es zu dem sinnentstellenden Nachgeplapper der Medien gehört: Nein, Hitlers Buch “Mein Kampf” ist nicht verboten (ebensowenig wie eine der drei Strophen Hoffmann von Fallerslebens “Lied der Deutschen”). Alles, was dazu gestritten wird, bezieht sich nur auf die Nutzungsrechte (also Vervielfältigung, Bühnenaufführung etc.) – und die reklamiert Bayern für sich.
(Und man muss sich auch nicht für einen investigativen Internet-Nutzer halten, um “Mein Kampf” zu finden – der Gang in eine Bibliothek kann auch schon zum Erfolg führen.)

Sperrfristen sind ein Deal

Freitag, 21. November 2008

Ein Online-Magazin ist stolz, sich nicht an eine Sperrfrist gehalten zu haben. Die Sperrfrist für die Mitteilung, wie das Prominenten-Special von “Wer wird Millionär?” gestern Abend ausgeht. Die Sendung war wie üblich vorher aufgezeichnet worden, so dass man über sie schon alles erzählen konnte, bevor sie ausgestrahlt wurde.

Um den Medien Vorlaufzeit zu geben, ist es eine alte Übung, Pressemitteilungen mit einer Sperrfrist zu versehen: die enthaltene Information soll erst nach dieser Frist verbreitet werden. Im Falle einer Sendung wie “Wer wird Millionär” kann eigentlich jedes Kind darauf kommen, dass es Spannung nimmt, wenn bereits vorher bekannt ist, dass Gottschalk die 1-Millionen-Euro-Frage schafft. Das ist wie das Ende eines Krimis oder eins homerecordeten Fußballspiels zu verraten.

Doch DWDL-Redakteur Thomas Lückerath sieht in der Sperrfrist ein anderes und sehr verachtenswertes Bemühen: “Damit die Tageszeitungen am Freitag nicht schon bei ihrem Erscheinen alt aussehen, setzen Unternehmen weiterhin auf Sperrfrist-Meldungen”. Man muss wohl um viele Ecken denken, um das wirtschaftliche Interesse von RTL (Bertelsmann) an “lebenserhaltenden Maßnahmen für die ‘Tageszeitungen’” zu erkennen.

Eigentlicher Aufreger für Lückerath war offenbar, dass in einigen Digital-Ausgaben der Tageszeitungen die für die Freitags-Ausgabe vorgesehene RTL-Meldung enthalten und bereits am Donnerstag lesbar war, wie auch in den nachts verkauften Zeitungen. Das ist bei den Digitalausgaben ein wenig dumm, bei den Printausgaben hingegen uraltbekannt – über beides kann man natürlich reden. Doch Lückerath nimmt dies zum Anlass für das Gepolter, ohne Wettbewerb verzerrende Sperrfristen würden die Tageszeitungen noch schneller in die Bedeutungslosigkeit abrutschen.

Eine Sperrfrist macht nur als Deal Sinn, als Vereinbarung zwischen Informationsgeber und -nehmer: “Ich sage dir jetzt schon etwas, damit du nicht nachts um 23 Uhr noch am Rechner sitzen musst, damit du in Ruhe dein Ding schreiben kannst, aber dafür versprichst du mir, bis zur gesetzten Sperrfrist damit nicht an die Öffentlichkeit zu gehen.” Sinnfrei sind Sperrfristen natürlich bei wild gestreuten Pressemitteilungen, insbesondere bei Internet-Veröffentlichungen.

Eine andere spannende Frage wäre, wer überhaupt über den Ausgang von “Wer wird Millionär” berichten muss. Ist es eine journalistische Leistung, Unternehmens-PR zu verbreiten? Können nicht die 10,3 Millionen Fernsehzuschauer ihren Nachbarn, Bekannten und Arbeitskollegen davon erzählen, wenn sie’s wichtig finden – oder braucht es dafür wirklich eine Verbraucherwerbung-finanzierte Online-Berichterstattung – vor oder nach der Sperrfrist?

PS: Anke Eickmeyer, Leitung Leitung Non-Fiction bei er RTL Television GmbH, teilt mir gerade mit:

“Die vorgezogene Aussendung mit Sperrfrist dient dazu, Printiteln zu ermöglichen, eine Geschichte bereits am nächsten morgen nach der Sendung im Blatt zu haben – genau dann, wenn Millionen Menschen in den Büros in diesem Fall über das “Promi WWM” sprechen. Durch die Sperrfristregelung wollen wir darüber hinaus sicherstellen, dass dem Zuschauer die Ergebnisse nicht durch die schnellere Online-Berichterstattung vorweggenommen werden, sondern die Sendung für ihn spannend bleibt bis zum Schluss. Es ist also eine Regelung für den Zuschauer, die gleichzeitig den Journalisten bei der Berichterstattung helfen soll. Wenn sich Kollegen nicht an die Fristen halten, finden wir das schade und wenig kollegial Ihrer eigenen Zunft gegenüber. Das sollten sie vielleicht miteinander besprechen. Wir behalten uns unsererseits ebenfalls Schritte gegen die Nichteinhaltung der Sperrfrist vor.”


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