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Was will das “Internet-Manifest”?

Montag, 07. September 2009

Es wird so viel behauptet den lieben langen Tag – allein die Lehrerbehauptungen vom Vormittag bekommen wir beim Mittagessen gar nicht alle durchgekaut – dass es auf 17 weitere Behauptungen auch nicht ankommt. Und doch werden diese 17 Behauptungen Thema in einer bestimmten Kulturnische sein, es wird sich ein kleines Heer von”Jawohl!”-Rufern einfinden, es werden einige meckernd am Rand stehen, und am Ort des Geschehens wird man den Eindruck haben dürfen, dass gerade gesellschaftspolitisch Relevantes geschieht, was nicht zuletzt der mediale Niederschlag belegen wird.

Denn die 17 Behauptungen stammen von Angehörigen einer Internetdebatten-Elite. Sie können sicher sein, die Fachdebatte weiter mitzubestimmen, trotzdem sich “jeder Bürger seine individuellen Nachrichtenfilter” einrichtet.

Das ist auch das Grundproblem bei den als “Internet-Manifest” titulierten Behauptungen: es ist kein Manifest von Hungernden und Dürstenden, von Menschen, die für sich Veränderung wollen, wie das bei allen wirkmächtigen Manifesten der Fall war, sondern es sind die Klugheiten von Satten, von Wissenden. Wem soll damit warum etwas gesagt werden?

“Wie Journalismus heute funktioniert” will das Internet-Manifests umreißen. Es ist ein legitimes Unterfangen, dazu nicht den ungezählten Dissertationen der letzten Jahre eine weitere hinzuzufügen, sondern einfach 17 Behauptungen in die Welt zu setzen. Nur:  Mit welcher Intention?

Einige Forderungen aus den Internetdebatten der letzten Monate sind wiederzuerkennen: man ist gegen Seitensperrungen, gegen ein Leistungsschutzrecht der Verlage. Die alte, schon immer langweilende Debatte um die journalistischen Leistungen von Bloggern scheint durch. Und den Menschen von Papiermedien muss man noch ganz viel Nachhilfe erteilen.

Alle 17 Behauptungen sind ohne Zweifel diskussionswürdig. Aber wer soll sie mit wem warum diskutieren? Medienunternehmer, Journalisten, Blogger, Community-User etc. stellen ihre Ansprüche ans Web, haben Erwartungen, Absichten. Einem gemeinsamen Manifest müsste der Dialog vorausgehen, nicht folgen. Dazu drei Beispiele.

Die Autoren – Markus Beckedahl, Mercedes Bunz, Julius Endert, Johnny Haeusler, Thomas Knüwer, Sascha Lobo, Robin Meyer-Lucht, Wolfgang Michal, Stefan Niggemeier, Kathrin Passig, Janko Röttgers, Peter Schink, Mario Sixtus, Peter Stawowy, Fiete Stegers – schreiben:

5. Das Internet ist der Sieg der Information.
Bisher ordneten, erzwungen durch die unzulängliche Technologie, Institutionen wie Medienhäuser, Forschungsstellen oder öffentliche Einrichtungen die Informationen der Welt. Nun richtet sich jeder Bürger seine individuellen Nachrichtenfilter ein, während Suchmaschinen Informationsmengen in nie gekanntem Umfang erschließen. Der einzelne Mensch kann sich so gut informieren wie nie zuvor.

Das ist sicherlich alles richtig – sagt aber zum Journalismus noch nicht viel. Journalismus beschäftigt sich per definitionem mit den Dingen, die noch nicht im Netz sind oder noch nicht so verknüpft sind, wie sie der Journalismus dann verknüpft. Dazu und wie das alles weitergehen soll (auch außerhalb des Webs), gibt es sehr viel zu sagen – im Manifest steht dazu nichts.

10. Die neue Pressefreiheit heißt Meinungsfreiheit.
Artikel 5 des Grundgesetzes konstituiert kein Schutzrecht für Berufsstände oder technisch tradierte Geschäftsmodelle. Das Internet hebt die technologischen Grenzen zwischen Amateur und Profi auf. Deshalb muss das Privileg der Pressefreiheit für jeden gelten, der zur Erfüllung der journalistischen Aufgaben beitragen kann. Qualitativ zu unterscheiden ist nicht zwischen bezahltem und unbezahltem, sondern zwischen gutem und schlechtem Journalismus.

Bisher ist die Presse- und Rundfunkfreiheit sehr wohl ein Berufsprivileg. Der Auskunftsanspruch der Presse ist etwas anderes als eine Auskunft nach dem  Informationsfreiheitsgesetz (wo es dies überhaupt gibt). Dass es neben bezahlten Journalisten auch unbezahlte gibt, ist keine Innovation des Internets, und es gab schon immer Bereiche, wo überhaupt nur “Amateure” agieren konnten, etwa bei Schülerzeitungen.
Es besteht ganz erheblicher medienrechtlicher Entwicklungsbedarf – aber die Abschaffung der bisherigen Pressefreiheit (die etwas ganz anderes als die Meinungsäußerungsfreiheit ist!) gehört sicherlich nicht dazu. Und sollte mit dem letzten Satz so etwa wie ein Journalismus-TÜV intendiert sein, bei dem sich jeder seine Plakette für geprüften Gutjournalismus abholen kann, fehlt mir ein Link zur entsprechenden Debatte, um es nicht einfach für ganz großen Blödsinn zu halten, zumal die Autoren ausgerechnet zur Qualität gar nichts zu sagen haben:

16. Qualität bleibt die wichtigste Qualität.
Das Internet entlarvt gleichförmige Massenware. Ein Publikum gewinnt auf Dauer nur, wer herausragend, glaubwürdig und besonders ist. Die Ansprüche der Nutzer sind gestiegen. Der Journalismus muss sie erfüllen und seinen oft formulierten Grundsätzen treu bleiben.

Wer die Fachliteratur zur journalistischen Qualität der letzten 20 Jahre kennt, weiß, dass es kaum Einigkeit gibt. Das Manifest macht nun im bekannten Zirkelschluss den Erfolg selbst zum Qualitätskriterium.  Für den Journalismus ist die Frage, was seine Qualität ausmacht und wie man sie misst, von größter Bedeutung. Diese Behauptung Nr. 16 trägt dazu leider gar nichts bei.

Update 09.09.09 / 11.09.09:
* Es gibt neben einer braven englischen Übersetzung auch eine englische Kurzfassung (Beispiel zu Nr. 11: “Quantity is an excellent thing. Make lots of things and put them on the internet.”)
* Klassische Redaktionsarbeit wäre jetzt bei der Gestaltung der Diskussion gefragt. Denn diese verläuft an verschiedenen Orten je recht selbständig. Die offizielle Manifest-Seite zählt im Moment 245 Kommentare, bei Stefan Niggemeier stehen 377,  bei Sascha Lobo 41 usw.
* Lesenswerte Rezension: Julia Seeliger (taz.de)
* Überblick beim Altpapier
* Die FR-Online über Blog-Eliten

Update 11.09.09
Stefan Niggemeier erklärt ausführlich seine Intention für das Manifest.

Parteien und Journalisten haben gewählt

Montag, 31. August 2009

Warum blicken Journalisten immerzu aus der Sicht der Mächtigen, der großen Akteure unserer Gesellschaft – und so selten aus der Sicht der Bürger, des Souveräns, ihrer Journalismus-Kunden auf das politische Geschehen? Viele Verdrossenheiten, die sich derzeit als Journalismus-Verdruss bündeln lassen, dürften sich in Wohlgefallen auflösen, wenn es in der Berichterstattung, dem Talk-Gequatsche, den Analysen und Kommentaren um die große Mehrheit der Leser, Hörer und Zuschauer ginge. Und das sind keine Berufspolitiker, keine Vorstandsvorsitzenden von Banken oder Autokonzernen.

Nie wird das Manko so deutlich wie bei der Wahlberichterstattung. Von der Idee her soll am Wahltag der Souverän die Grundrichtung festlegen, in die es in den nächsten Jahren gehen soll.

Dabei beschränkt sich die Selbstbestimmung des Volkes zwar auf das, was Parteien und ggf. Direktkandidaten anbieten und – ohne jeden Bindungszwang – olitisch umzusetzen versprechen, aber immerhin: aus dem vorgelegten Angebot, vom politischen System selbst auf seine Zulässigkeit geprüft, sollen die stimmberechtigten Bürger frei wählen dürfen. Sie können dabei nichts falsch oder richtig machen, denn was für richtig und was für falsch zu halten ist, entscheiden sie ja gerade bei der Wahl selbst.

Doch was machen die Damen und Herren Journalisten? Sie verkumpeln sich mit den Politikanbietern, mit den Dienstleistern der Wähler, verbringen den Tag mit ihnen in deren Geschäftszentralen und kolportieren über Stunden, wie sich das vom Steuerzahler finanzierte Politikpersonal gerade fühlt und wie es – ab 18 Uhr – gedenkt, den Wählerwillen jetzt Wählerwillen sein zu lassen und zum Parteiengeschäft überzugehen.

Die Wähler haben nicht einfach gewählt, nein, es sind immer die Parteien, die gehandelt haben – und zwar die Mitte-Parteien immer gut, wenn sie viele Stimmen bekommen haben.

” Während sich die SPD auf ihre alten Stärken besonnen hat, hat die CDU die Macht in den Ruhrgebietsstädten verspielt.” (Der Westen)

Der Wähler hat nicht entschieden, sondern SPD und CDU haben entschieden. Die Sozis haben sich richtig, die Union irgendwie falsch benommen. Der WAZ-Chefredakteur Ulrich Reitz weiter:

“Duisburg zeigt, wie es auch gehen kann [...] Duisburg ist für die Revier-CDU der einzige Trost. Trostlos ihre Perspektive in Bochum, einer Stadt, in der der SPD zuletzt eine Menge daneben ging und in der immerhin der Bundestagspräsident Lammert zuhause ist. Ernüchtern auch das CDU-Ergebnis in Mülheim: Mit diesem schlechten Abschneiden der CDU hatte niemand gerechnet, nicht einmal die SPD. “

Andere Überschriften vom WE:
“Sein Traum vom OB-Amt ist wieder geplatzt” (Aus Bürgersicht heißt das: Etwa 15% der Wahlberechtigten wollten den CDU-Kandidaten als Oberbürgermeister haben – oder auch: 85% haben ihn nicht gewählt.)
“NRW-Siege als kleines Trostpflaster für die SPD” (Eine wirklich reizende Perspektive: das Wählervotum als Bonbon für die SPD.)

Auch in Thüringen gab es keine Wahl, sondern schlechte (sportliche?) Leistungen der Wähler, für die ungenügende PR-Arbeit der Parteien verantwortlich ist.

“Trotz der CDU-Schlappen in Thüringen und im Saarland startet Angela Merkel keine Offensive.” (Spiegel-Online)

Es geht nicht um Politik, sondern um Strategie und Attacke.

“Thüringen: Althaus nach der Wahlpleite” (Süddeutsche)

“NPD verfehlt Einzug in Thüringer Landtag um 7300 Stimmen” (Welt)

Was muss man tun, um einen Einzug zu verfehlen? An der Tür vorbeilaufen, den Bus verpassen, verschlafen? “Thüringen bleibt damit weiterhin das einzige ostdeutsche Bundesland, in dem es seit 1990 keine rechtsextreme Partei in den Landtag geschafft hat.” Ist das ein Versagen der Parteien? Oder haben schlicht stets weniger als 5 Prozent der Wähler für rechtsextreme Politik votiert?

Ging es bei den Landtagswahlen überhaupt um Landtagswahlen? Die Süddeutsche erklärt uns die Probleme, die die Wähler verursacht haben:

“In einem Punkt ist der Wahlsonntag für Angela Merkel gut gelaufen: In drei Ländern haben Persönlichkeiten die Wahlen entschieden, im Sieg wie in der Niederlage. [...]Die Probleme für die CDU-Vorsitzende Merkel beginnen damit, dass sie als Parteichefin eine Mitverantwortung für die Niederlagen übernehmen muss, weil sie Althaus und Müller nicht die alleinige Schuld hinschieben kann, obgleich beide selber schuld sind – wenn auch Althaus mehr als Müller.”

Und wie geht es weiter? Nicht mit Politik jedenfalls, sondern mit PR, mit Werbung, mit Propaganda. Die FAZ weiß schon jetzt, dass es nicht etwa am Bürgerwillen liegt, wenn nach dem 27. September auf Bundesebene keine schwarz-gelbe Koalition entsteht. Unter der Überschrift “Gelbe Sorgen” heißt es:

“Wenn es wieder nicht reicht, wird das auch daran liegen, dass die Union bis hinauf zur Bundeskanzlerin bisher nichts tut, um die Strahlkraft eines schwarz-gelben Bündnisses zu vermitteln und damit Wechselstimmung zu erzeugen.”

Über das zu berichten, was Wähler wollen oder nicht wollen, ist anstrengend. Einfach ist es, mit den Parteien über ihren Wahlkampf zu schwadronieren. Wie beim Staubsaugerverkäufer geht es nicht um das Produkt, sondern um Verkaufsgeschick.

“Angela Merkel bleibt beim Schlafkampf – Angela Merkel will weiter die entrückte Superkanzlerin spielen und sich nicht mit der SPD fetzen. Experten sagen, das sei strategisch richtig – die Quittung komme aber nach der Bundestagswahl. Von Lutz Kinkel” (stern.de)

“Berlin vertraulich: SPD entkoppelt sich von der Realität – Die Siegerlaune von SPD-Kanzlerkandidat Steinmeier schien Beobachtern arg übertrieben. In der SPD jedoch freuen sich viele. Man darf wieder hoffen, Juniorpartner in einer Großen Koalition zu werden. Von Hans Peter Schütz” (stern.de)

Journalisten können über Politiker und ihr Streben nach Macht sogar berichten, wenn es praktisch gar keine Wähler gibt. Solange die Story gut ist. “Die Partei” von Satiriker Martin Sonneborn ist ein reines Medienprodukt, und die Bereitschaft der Journaille, sich für die Werbung von Hape Kerkeling als Horst Schlämmer einspannen zu lassen, ist nur noch witzfrei, ekelig und Wähler verachtend zu nennen.

Hans Onkelbach klagt in der Rheinischen Post:

“Das kann man drehen und wenden, wie man will – Tatsache ist, mehr als 50 Prozent der Düsseldorfer Wähler sind gestern nicht zur Urne gegangen und haben damit unmissverständlich klar gemacht, wie egal es ihnen ist, wer im Rathaus das Sagen hat.”

Es ist ein An- und Beklagen aus Sicht der Politiker – und der Journalisten, die mit ihrem Medientanz um das Promi-Personal der Parteien an deren Unattraktivität partizipieren.
Welche Unverschämtheit, in Wahlverweigerung eine Scheißegal-Haltung hineinzuinterpretieren. Ist mir meine Ernährung – oder noch besser: die Volksgesundheit – egal, wenn ich an einer dreckigen Imbissbude weder Currywurstpommes noch Frikadelle bestelle?

Ralf Klassen, stellvertretender Chefredakteur von stern.de, verortete CDU-Mann Peter Müller am Wahlabend in einem Paralleluniversium. Wo immer Klassen sich befindet, viele seiner Kollegen sind bei Müller – und fühlen sich dort sichtlich wohl.

Tief im Westen wird mehr malocht

Donnerstag, 27. August 2009

Die Gewerkschafter mit ihren sozialparadiesischen Vorstellungen:

„Wer 38,5 Stunden am Tag arbeitet, der muss damit seine Familie ernähren können”, betonte Bischoff.  (NRZ)

Fundstücke: Journalisten ohne Gehbehinderung

Donnerstag, 27. August 2009

Zwei nette,  sich ergänzende Fundstücke zur Selbstbeschreibung journalistischer Arbeit Ende der 60er / Anfang der 70er Jahre. Zunächst Emil Dovifat (in den “Blättern zur Berufskunde” der Bundesanstalt für Arbeit, 1965):

“Der Beruf fordert eine eigene stilistische Kraft und Ausdrucksfähigkeit von charaktervoller und tiefgreifender Wirkung. Alle diese Eignungsvoraussetzungen liegen gleich den künstlerischen Begabungen in der Persönlichkeit. [...] Der Beruf verlangt ein hohes Maß an opferbereitem Idealismus und moralischer Grundsatzfestigkeit sowie den ganzen Einsatz der Person. Widerstandsfähige, größten Arbeitsanforderungen standhaltende Gesundheit, starke Nerven, Ruhe, Beweglichkeit, gutes Sehen und Hören, keine Gehbehinderung. Gepflegtes Äußeres.”

Und ebenfalls in den Blättern zur Berufskunde Wilmont Haacke (1971):

“Frauen fehlt für das kulturkritische Amt [des Journalisten]zumeist die unerlässliche und unablässige Härte für lobendes oder verdammendes Urteil.”

(Beides zitiert nach Armin Scholl und Siegfried Weischenberg: Journalismus in der Gesellschaft, 1998, Seite 32)

Eva Herman falsch zitiert

Dienstag, 28. Juli 2009

“Da sei vieles sehr schlecht gewesen, zum Beispiel Adolf Hitler, aber einiges eben auch sehr gut. Zum Beispiel die Wertschätzung der Mutter.”  Das ist auch nach dem neuen Urteil des OLG Köln kein Zitat von Eva Herman.

Da sämtliche Medienredaktionen auch nicht mehr wissen können, als das Gericht selbst zur Zivilklage Hermans gegen den Axel Springer Verlag sagt, da die Urteilsbegründung erst in einigen Wochen vorliegen wird, hier für interessierte die Pressemitteilung: (weiterlesen…)

Kurzer Lesetipp: Fazversagen

Dienstag, 28. Juli 2009

Thomas Lückerath von DWDL wundert sich, dass FAZ-Medienredakteur Michael Hanfeld einen Riemen über die erste Twitter-PK von Harald Schmidt schreibt, ohne mit den Lesern die Erkenntnis zu teilen, dass es sich dabei um einen bekannten Fake handelt.

In der angeblichen Pressekonferenz hatte Rob Vegas als Harald Weisheiten von sich gegeben wie: “Ich bin mit der Million Zuschauer immer zufrieden gewesen. Ich funktiniere aber auch im Hinterzimmer der Pension Rosi.” Bereits nach 15 Minuten intensivem Twitter-Talk machte “Schmidt” ein Päuschen:  “Ich muss kurz in die Kantine. Heute gibt es Pflaumenkuchen. Ich bin in fünf Minuten wieder da und widme mich Ihren Fragen.”

Nebeneinkünfte von Journalisten – Kommentare

Montag, 22. Juni 2009

Nebenverdienste von öffentlich-rechtlich bestallten Journalisten waren das Hauptthema in der letzten ZAPP-Sendung (Film; Text-Manuskript), das – nachdem die BILD-Zeitung darin eine Vorlage für die Titelseite gefunden hatte – von vielen Medien aufgegriffen wurde.

Die Fragen: Sind Journalisten unabhängig, wenn sie von firmen und Verbänden für viele tausend Euro zu Small-Talk oder Vortrag gebucht werden? Verkaufen sie dabei tatsächlich nur ihre persönliche Leistung oder nicht wesentlich eine Marke, der sie überhaupt ihre Nachfrage verdanken?

Hans-Jürgen Jakobs, Chefredakteur sueddeutsche.de, meint:
“Interessenkonflikte sind in dieser Gemengelage zwangsläufig – und das bei einer öffentlich-rechtlichen Vorzeigesendung wie den “Tagesthemen”, die in Kommentaren gern die Gier der anderen anprangert.”

Print-Kollege Hans Leyendecker verweist darauf, “Nebeneinkünfte sind keine Erfindung der neuen Gier-Zeit” und erinnert an Werner Höfer, “dessen ‘Internationaler Frühschoppen’ 34 Jahre lang zu sehen war, nebenher vermutlich mehr verdient hat, als ein Buhrow heute.” Laut Leyendecker war zumindest in einem Fall der eine Nebentätigkeit genehmigende Chef von der selben Agentur vermarktet wird, “wie die Journalistin, deren Genehmigung er unterschrieb.” Leyendecker verweist auf den Pressekodex und verlangt mehr Transparenz.

Jörg Meyer (Gruppe M) kommentiert im jonet:
“Das  „Mitnehmen was geht“ ist ja keine Moderationenspezialität. Aber die
Herren und Damen verdanken ihren aktuellen Marktwert allein ihrem aktuellen Job. Ich denke, der “normale” Marktwert z.B. für einen Ex USA
Korrespondenten liegt bei 2-3.000 p.T. Glauben wir Buhrow und Co ihre
geldresistente Unabhängigkeit, wäre es fair, wenn sie diese Summe behielten und der Rest an den Sender oder an Wohltätiges flösse. (Selbst die teuersten Fußballer müssen einen Teil ihrer Vermarktungsrechte abtreten, obwohl deren Marktwert mehr an individuelle Leistung gebunden ist, als bei austauschbaren Moderatoren.)

Bisher wird Offenheit vor allem von Politik und Wirtschaft gefordert. So will LobbyControl am “Tag der politischen Kommunikation” (25. Juni 2009) unter dem Motto “Wer? Wie viel? Für wen? – wer das nicht sagt, muss geh’n!” die Schaffung eines verpflichtenden Lobbyisten-Registers fordern. Dazu heißt es von der Organisation: “Mit Hilfe eines ‘Lobbyistenscanners’ werden wir zeigen, wie wirkliche Transparenz aussehen muss. Denn häufig – wie jüngst beim PR-Skandal der Bahn – ist für die Öffentlichkeit völlig undurchsichtig, wer hinter den Aktivitäten von PR-Agenturen, Think Tanks oder ehemaligen Politikern steckt und wie viel Geld dabei im Spiel ist. Wir setzen uns für ein aussagekräftiges, verpflichtendes Lobbyregister
ein, in dem sich neben Unternehmen und Verbänden auch Denkfabriken,
PR-Agenturen und Anwaltskanzleien, welche einer Lobbyarbeit nachgehen, registrieren müssen.”

Horst Müller, Professor für Redaktionspraxis im Fachbereich Medien an der Hochschule Mittweida, kritisiert in seinem Blog die Karriere des Nebeneinkünfte-Themas: “Nicht der vermeintliche Skandal um die Nebenverdienste von ohnehin gut bezahlten öffentlich-rechtlichen TV-Leuten sorgte für die breite anschließende Berichterstattung, sondern die Tatsache, dass sich das Leitmedium ‘Bild’ der Sache an exponierter Stelle – nämlich auf der Titelseite – angenommen hatte. Ein Paradebeispiel für den immer breiter um sich greifenden ‘Hurra-Journalismus’ in Deutschland.” Und er fragt nach welchen Kriterien diejenigen Journalisten ausgewählt worden sind, die mit ihren Nebeneinkünften in ZAPP vorgeführt wurden.

Klare Abstinenz bei den Moneten fordert Jörg Rinne, Neue Westfälische:
“Nebentätigkeiten nur für den guten Zweck. Gibt’s ein Honorar,
dann wird’s gespendet. Ausgeschlossen sein sollten grundsätzlich alle
Nebentätigkeiten, die der journalistischen Glaubwürdigkeit zuwider
laufen.”

Für Journalisten haben wir bei Spiegelkritik schon früher freiwillige Transparenz gefordert. Zumindest bei den derzeit diskutierten Promis würde sich eine Offenlegung der Nebentätigkeiten (wie auch Verbandelungen) in der Wikipedia anbieten. Alle anderen sollten – im Sinne der Selbstorganisation des Journalismus – in ihren Selbstdarstellungen darauf verweisen.

Im Tagesschau-Blog von ARD aktuell ist das Thema hingegen bisher nicht diskutiert worden.

Journalisten als PR-Berater der Berufspolitiker

Donnerstag, 04. Juni 2009

Politikjournalismus ist in Deutschland, ich habe es schon manches Mal beklagt, fast ausschließlich Parteipolitikgebläse: Journalisten berichten, was Politiker über Politiker sagen.
In anderen “Branchen” nennt man das People-Journalismus oder Promi-Klatsch – womit in jedem Fall das Gegenteil der seriösen Politik-Berichterstattung gemeint sein soll.

Ein gutes Beispiel liefert Thomas Öchsner mit seinem Stück “Ein Wachhund, der in der Hütte bleiben muss”, einer “Analyse” der Rolle des Bundeswirtschaftsministers Karl-Theodor zu Guttenberg bei den Verhandlungen um Staatshilfen für Opel.

Einen Blick auf das parteipolitisch-journalistische Paralleluniversum gibt Öchsner mit folgendem Satz frei:

“Ein paar Minuten später, als der junge Konservative endlich an die Mikrophone darf, sagt er einen Satz, der für einen Moment das Wort “Rücktritt” durch die Köpfe der Journalisten schwirren lässt.”

Der Satz lautet:

“Es ist eine schwierige Risikoabwägung gewesen, und eine, die mich zu einem anderen Schluss gebracht hat.”

Vielsagend ist auch Öchsners Bekenntnis:

“Voller Häme berichteten SPD-Einflüsterer den Journalisten über Pannen und Peinlichkeiten bei den Verhandlungen mit der Opel-Mutter General Motors und der amerikanischen Regierung.”

Politik-Journalisten wollen natürlich nichts von Risikoabwägungen in der Opel-Sache wissen, wo es um läppische 1,5 bis 4,5 Milliarden Euro Kredit und vieles mehr geht, ihnen geht es um das Risiko Politiker, um das Risiko, vor Mikrofone zu treten, um das Risiko, von dem man nicht nur angepeoplelt, sondern vollpeopled erzählen kann.

Nun ist er zwar leider nicht zurückgetreten, aber er hat “seine erste große Niederlage einstecken” müssen, der zu Guttenberg, erfahren wir. Denn:

“In der Nacht zum Samstag überstimmten ihn seine Kollegen.”

Guttenbergs Problem: er hat eine Meinung, die er offenbar nicht stündlich ändert, sondern die er “in den vergangenen Tagen gebetsmühlenartig wiederholt hatte” – vermutlich, weil ihm gebetsmühlenartig die gleichen Fragen gestellt wurden. Völlig unverständlich ist es Öchsner, dass zu Guttenberg auch nach der Entscheidung noch an seiner Position festhält und “am Morgen nach der langen Nacht in Berlin noch einmal eine persönliche Erklärung verlautbaren lässt”. Weil er sich mit seiner Position nicht durchgesetzt hat, gilt er bereits als (bald) “demontiert”, weshalb die Worte der Kanzlerin auf die Goldwaage müssen.

Und zum hunderttausendsten Mal in den letzten 100 Tagen muss der Vornamensalat samt seiner Adelung thematisiert und um eine eigene Lustigkeit bereichert werden – Öchsle entscheidet sich für die griffige Formulierung “Freiherr aus Bayern”.

Um das Oligarchische an der Politik-Inszenierung zu betonen, wird Guttenberg auch noch zum Enkel “des Wirtschaftswundervaters Ludwig Erhard”, wenn auch ein Mal in Anführungszeichen, um wenigstens keine Blutsverwandtschaft zu behaupten.

Was erregt nun so sehr meinen Unmut? Dass Thomas Öchsner ausschließlich aus der Sicht einiger Parteipolitiker schreibt – und nicht etwa aus der Sicht der Leser, also eines Teils des Souveräns. Kein Wort verliert er über den Ablauf der Verhandlungen, den Sinn der verschiedenen Vorschläge, die Risiken und den möglichen Nutzen für die Allgemeinheit. Stattdessen spielt er voll mit im politischen Kasperletheater. Das ist aber keine journalistische Leistung, und das können Parteipolitiker weit besser. Wenn Politik-Journalismus nur noch das Gehampel der Berufspolitiker nachzeichnen will, sollte er sich aufs Fullquote der reichlich vorhandenen Verlautbarungen wetteifernder Selbstdarsteller konzentrieren -  jegliche Analyse ist dann obsolet.

So wie es Spiegel-Online macht. Dort zeigt Florian Gathmann auf, dass der SPD gar nichts anderes übrig bleibt, als die Wähler mit Guttenberg-Witzeleien zu ködern. Er prüft keine einzige Parole auf ihren Inhalt, er lässt sie stattdessen von Suggestions-Experten auf ihre Erfolgschancen prüfen. Wie kann man potentielle Wähler am besten verarschen? Egal wie, versuchen sollte man es, aber vorsichtig, weil: der Wähler könnte das auch doof finden.

Spiegel-Redakteur Gabor Steingart hat ein langweiliges Buch (“Die Machtfrage”) geschrieben, in dem er begründet, warum er bei der nächsten Bundestagswahl nicht dabei sein wird. Für die Erkenntnis, dass Wählen wohl nichts bringt, muss man allerdings nicht Steingarts Buch lesen. Es reicht, mit wissbegierigem Vorsatz Politik-Journalismus zu konsumieren.

Fehlerliebe

Dienstag, 17. März 2009

Alice Schwarzer beruft sich auch in ihren aktuellen Kommentaren zum Amoklauf von Winnenden auf einen Professor, der womöglich gar kein Professor ist. Der Hinweis darauf von Marvin Oppong in Carta ist gut und wichtig. Nur seine Leitfrage dazu ist Banane:

“Gibt es in Deutschland noch Journalisten, die recherchieren? Oder ist die Zeit dafür zu knapp geworden?”

Ein Fall für die vorläufig abgeschlossene Liste der Immer-mehr-Phänomene: Immer mehr Journalisten recherchieren nicht. Man kann auch sagen: früher war alles besser, weil: es wird ja immer schlimmer.

Erst kürzlich wurde dies beim Karl-Theodor deutlich – auch von Oppong als Beispiel gewählt. Da wurde des neuen Wirtschaftsministers Vornamenswirrwarr immer mehr – und der Journalismus versagte (sich) auf langem Strich. Gut immerhin für die Watchblogs, die wegen des Immermehr an immer weniger Qualität Beschäftigung haben.

Wären sie nur nicht so besserwisserisch. So fürchterlich grantig. Mit dieser “Oh Gott, oh Gott, wie kann man nur”-Attitüde. Es ist doch schön, dass sich aufgrund der heutigen Technik- und Spaßfaktoren immer mehr Menschen kritisch mit journalistischen Leistungen befassen – und ihre Klickergebnisse veröffentlichen. Das sollten sie aber als eigene Profession begreifen – mithin als sinnvolle Ergänzung im Mediengeflecht. Es ist nicht nur albern, sondern kontraproduktiv, jeden kleinen journalistischen Fehler zum Drama aufzubauschen und seinetwegen eine Gretchenfrage zu stellen.

Literaturkritiker sind kein Außenlektorat der Verlage, Blogger kein Korrektorat. Es sind eigenständige Kommunikatoren – weshalb allerdings Literaturkritiker auch sehr ökonomisch auswählen, mit was sie sich beschäftigen. Der ökonomische Druck auf Blogger – vor allem in der Aufmerksamkeitswährung – führt, ganz nach der Erfolgsformel des Boulevards, zu Dramatisierungen und damit vor allem zu Relevanzverzerrungen. Jeder aufgespürte Pups wird zu einer bedrohlichen Giftgaswolke. Vor Erfindung der Google-Korrektur wurde dies in ähnlicher Weise von Pensionären mit dem Duden betrieben und fand sich auf den Leserbriefseiten der Zeitungen. Denn wer nämlich mit “h” schreibt ist dämlich.

Journalismus ist wie Wissenschaft eine ewige Suche nach Neuem. Mithin sind journalistische Erzeugnisse eben immer auch nur vorläufige Beschreibungen. Zum Journalismus gehört die Vermutung – anders ist Recherche gar nicht möglich – und er muss stets auch Vages und Unfertiges präsentieren. Im Rahmen der Möglichkeiten ist dies bekanntlich entsprechend zu kennzeichnen – Stichwort Verdachtsberichterstattung.

Vieles im Journalismus stimmt nicht. Im Lokaljournalismus ist etwa praktisch nichts, was zitiert wird, auch so gesagt worden. Das ist schlecht, richtig schlecht. Aber es wird nicht dadurch besser, dass man immer mehr Journalisten für immer unfähiger hält.

Recherche muss honoriert werden

Donnerstag, 05. Februar 2009

Journalismus ist nicht nur Berichterstattung und Kommentar in vielfältigen Darstellungsformen, Journalismus ist vor allem auch Nicht-Berichterstattung und Nicht-Kommentar in keiner Darstellungsform. Informationsverdichtung, Selektion von Unwichtigem, Konstruktionen von Wirklichkeit… – es gibt viele Schlagworte zu dieser Achillesferse des Journalismus: was ist relevant, was nicht – was kommt über die Medien in die Öffentlichkeit, was bleibt unbeachtet?
Schulzki-Haddouti.jpegSpiegelkritik sprach darüber mit Christiane Schulzki-Haddouti. Die freie Journalistin arbeitet vor allem über Medien- und Technik-Themen und betreibt den Kooptech-Blog unter. Seit 2000 ist sie Jurymitglied in der Initiative Nachrichtenaufklärung (INA), fünf Jahre leitete sie Rechercheseminare an den Universitäten Dortmund und Bonn.

SpKr: Die Initiative Nachrichtenaufklärung kürt jedes Jahr zehn vom deutschsprachigen Journalismus vernachlässigte Themen, das nächste Mal am 17. Februar. Mehr Wichtiges bleibt uns nicht verborgen?

Schulzki-Haddouti: Jedes Jahr sehen wir eine ganze Reihe von Themen, die zwar gesellschaftlich relevant, aber dennoch aus verschiedenen Gründen vernachlässigt wurden. Ich bin gespannt, auf welche Themen sich die Jury in diesem Jahr einigt.

In den USA kommt regelmäßig eine Liste von 25 Themen zusammen. Bei INA werden nicht so viele Themen eingereicht – es sind so etwa 150 pro Jahr. Diese Themen werden von Journalistik-Studenten recherchiert und am Ende werden etwa 20 Themen einer Jury vorgeschlagen, die dann die “TOP 10″ festlegt.

Eines der am meisten vernachlässigten Themen des vergangenen Jahr waren ja Menschenrechtsverletzungen in China – im Zuge der Olympischen Spiele wurde dann über einiges berichtet. Doch über die vielen Gefangenenlager weiß man – aus nachvollziehbaren Gründen – bis heute zu wenig.

SpKr: Und die Medien laufen hernach rot an vor Scham, dass sie so wichtige Dinge übersehen haben?

Schulzki-Haddouti: Die Reaktionen sind leider sehr verhalten. Die Kollegen berichten nur selten über die Initiative; man kann schon froh sein, dass das Ergebnis kurz vermeldet wird (siehe dazu ausführlich in Kooptech). Aber es wird praktisch nie als Anstoß für eigene Recherchen genutzt. Etwa die Geschichte über den Grünen Punkt: Hier hatten wir eine ganze Latte von Rechercheansätzen aufgezeigt, aber es hat ein paar Jahre gedauert, bis der WDR der Sache nachgegangen ist, und das nur in Ansätzen. Man hätte da sehr viel daraus machen können.

SpKr: Das beklagen auch investigative Journalisten wie Jürgen Roth, der sich wundert, dass gerade auch in der Regionalberichterstattung kaum an den vielen Informationen in seinen Büchern weitergearbeitet wird. Sind die Journalisten zu dusselig dafür, zu faul oder woran liegt es? (weiterlesen…)