Satire-Spiegel

Weil das Stichwort gerade an mehreren Stellen auftaucht, kurze Verweise:

* Satiriker treffen sich zum 75. Geburtstag von Klaus Staeck. Es berichtet Heiko Werning, der selbst manch tollen Satiretext veröffentlicht hat.
Ob die Satire Grenzen habe? „Martin Sonntag: ‚Selbstverständlich. Die Grenzen der Satire liegen dort, wo die Titanic sie setzt.'“

* Sind die Titanic-Titel mit Papst Satire? Sie sind belanglos, und darum ärgerlich, findet Timo Rieg.

* Die Guttenberg-Satire nächste Woche auf SAT 1 (12. März, 20:15 h) lohnt nicht, meint die taz.

Bio-Nachhilfe: Politik ist auch nur Sex

Rainer Brüderles „Sexismus“ ist gerade ein TOP-Thema in einer der vielen digitalen Parallelwelten. Am Kiosk, wo ich mir die stern-Ausgabe (1) heute morgen gekauft habe, wars beruhigend anders. Da ging’s um die Sorge, wie der Frühschoppen zu finanzieren ist.

Zwei große Meinungslager sind derzeit zu beobachten: das laut tönende „Politiker lasst das Baggern sein“ (2) einerseits und das empörte „Tabubruch-Privatsphäre-Journalistinnen halt“ (3) andererseits. Auf beiden Seiten wird aber das Wesentliche nicht zur Kenntnis genommen: dass es bei Politik ausschließlich um Sex geht. Das ist keine Nebengeschichte am Abend in der Hotelbar – es ist das Kerngeschäft.

„Politik ist Sex“ – das ist keine steile These, sondern Kleines Einmaleins der Ethologie. Und es wäre sehr hilfreich, wenn gerade Journalisten das, was sie im Biologieunterricht offenbar verpasst haben, mal nacharbeiten würden. Das kann und will ich hier nicht leisten, aber in aller Kürze ein paar Hinweise: [weiterlesen]

Journalisten machen keine PR – wie schade

Der Journalisten-Verein „Netzwerk Recherche“ erlebte auf seiner Jahrestagung an diesem Wochenende im NDR Hamburg zum 10-jährigen Jubiläum einen PR-GAU. Der Vorsitzende Thomas Leif legte sein Amt nieder. Was als Zeichen von Größe gedacht war, geriet zur Peinlickeit für alle Beteiligten.

Fachleute waren zahlreich vor Ort, unter ihnen der perfekt selbstinzenierte, wahnsinnig unterhaltungswerthaltige Klaus Kocks – aber gute Journalisten machen ja einen Bogen um PR-Leute.
Gescriptet war für den Tag wohl einiges, so Dankworte schwanger eröffnete Kuno Haberbusch die Jahrestagung des Netzwerk Recherche am Freitag, aber am Ende des Tages waren Regisseur, Dramaturg und Autoren stiften gegangen, im großen Saal unterhielt der Poetry-Slamer Marc Uwe Kling ein kleines, begeistertes Publikum im Rahmen der großen 10-Jahres-Fete, während sich der Manager des gesamten Jahrzehnt-Werks Thomas Leif gedemütigt vom Acker schlich. Es war ein Abend großer Tragik in diesem kleinen, aber wirkmächtigen Verein. Es war aber auch eine Lehrstunde für Journalisten, die gerne die Welt erklären, aber sich selbst nur selten fragen, was sie eigentlich so machen.  Weiterlesen

Die szenische Rekonstruktion

Der SPIEGEL hatte mit seinem Verweis, dass „szenische Rekonstruktionen“ in „Reportagen“ üblich seien, insofern recht, als wir uns endlich mit den unsäglichen Pseudo-Reportagen im Fernsehen beschäftigen müssen. In der Ankündigung schreibt Phönix zwar von einer „Dokumentation“ (was immer noch etwas anderes als eine Inszenierung sein müsste), im Filmbeitrag über Kreditkartenbetrug wurde hingegen eine Reportage von Edgar Verheyen angekündigt, und sie besteht praktisch nur aus gestellten Szenen (und einem Verheyen, der beim Autofahren mehr in die Kamera spricht als auf die Straße zu schauen und ansonsten über den HighTec-Betrug staunt, bei dem Menschen falsche Namen an ihre Briefkästen schreiben).

el-Masri & der Spiegel / Machill & die Studenten

Zwei Lesehinweise:

Über spiegel.de: Prof. Dr. Henning Ernst Müller kritisiert den Spiegel-Online Bericht „CIA-Entführung von Khaled el-Masri: Deutschland beugte sich Druck aus Washington“:

Die Spiegel-Journalisten, in dem Bestreben, einen bisher unbekannten „Skandal“ aufzudecken, schreiben nur haarscharf an einer glatten Lüge vorbei, indem sie entscheidende Informationen verschweigen. Andere Zeitungen drucken das nach (hier). Eine Peinlichkeit.

Auf spiegel.de: „Leipziger Journalistik-Fehde: Immer mitten in die Presse“ – die Diskussion um Journalistik-Professor Marcel Machill.

Pferdekrise? Was für eine Pferdekrise?

Kobuk – „ein Medienwatchblog von Studierenden der Lehrveranstaltung ‚Multimedia-Journalismus‘ am Publizistikinstitut der Uni Wien“ – geht der Geschichte von angeblich 20.000 herrenlos in Irland herumirrender, vom Hungertod bedrohter Pferde nach: „Das krisengeschüttelte Irland und Haustiere, dieser verlockenden Kombination konnten offenbar auch Qualitätsjournalisten nicht widerstehen, trotz mangelhafter Quellenlage.“ –>Lesen.

DerWesten fehlerfrei


Dass die Online-WAZ „derWesten“ nichts mehr zu korrigieren hätte, darf mit Sicherheit verneint werden. Doch der Korrektur-Blog ist tot. Dabei schrieb man dort, noch unter der Leitung von Katharina Borchert:

In unseren Redaktionen arbeiten 830 Redakteure und etliche freie Journalisten 7 Tage in der Woche. Genug Zeit also, um reichlich Fehler zu machen. Wir wollen hier so viel wie möglich wieder korrigieren.

Doch wie sollen Fehler in einem eigenen Blog transparent gemacht werden, wenn man auf ihre Korrektur selbst nach Leserhinweisen verzichtet?

Lesebeute: Aggressive Anwälte

Das Medienmagazin „journalist“ hat gerade die Abmahnrepublik zum Thema. Erhellend dazu ist auch eine Einschätzung von ZAPP-Abteilungsleiter Steffen Eßbach:

„Wir haben zunehmend damit zu kämpfen, mit sehr aggressiv agierenden  Anwälten – sei es, wenn wir über Prominente berichten oder über verschiedene Medien. Da steigen Anwälte sehr stark ein und ziehen sich ganz oft an Bagatellen hoch, mit denen wir uns auseinandersetzen müssen. Entweder weil sie die Beschwerde mehrmals über den Rundfunkrat spielen oder wir mit Gegendarstellungen und juristischen Feinheiten zu kämpfen haben. […] Das ist eine Tendenz, die wir mit Sorge beobachten. Wenn sie an den Kern der Berichterstattung nicht rankommen, dann setzen sie eine sehr kurze Frist oder nehmen eine Randbemerkung und setzen die so hoch, dass sie einen Redakteur schon mal einen ganzen Tag beschäftigen kann.“

(Interview auf meedia)

Tagesspiegel lüftet bekanntes Geheimnis (und erzählt ein bisschen drumrum)

Frank Jansen ist ein mehrfach ausgezeichneter Journalist, Reporter beim Tagesspiegel. Leider hat er uns bisher trotz Anfrage nicht geholfen, seinen Artikel „Nahkampf und linke Agitation im Zeltlager“ auch als Wächterleistung zu sehen.
Der Beitrag vom 1. Dezember 2009 berichtet über ein Jugendzeltlager in Homberg (Ohm), das in den letzten fünf Tagen der hessischen Sommerferien vom „Bündnis antifaschistischer Gruppen Hessen“ ausgerichtet worden war. Nach Jansens Darstellung kam auf dem Zeltplatz des Bundes der Pfadfinderinnen und Pfadfinder (BdP) „ein Viertel der gewaltbereiten Linksextremisten in Hessen“ zusammen. Vor den Augen der Öffentlichkeit mit Planen und einem Zirkuszelt abgeschirmt soll mit Tonfas und Schlagstöcken der Nahkampf geübt worden sein. „Die Autonomen wandten Angriffs- und Verteidigungstechniken an, gegen die Judo nahezu kindlich wirkt.“ Laut Jansen sehen Sicherheitsexperten nun die Gefahr, „dass hessische Autonome noch härter zulangen, gegen Rechtsextremisten und die Polizei.“

Das klingt alles ziemlich abenteuerlich – allerdings vollständig ohne belastbare Quellen. Es gibt lauten Widerspruch – und auch offensichtliche Fehler in der Darstellung.

Frank Jansen schreibt: „Nach den fünf Tagen endete das konspirative Camp, als sei nichts geschehen. […] Das Treffen sollte geheim bleiben.“

Dem widerspricht das Bündnis in einer heute veröffentlichten Pressemitteilung: „Denn das Jugendantifa-Camp wurde bereits ein halbes Jahr im Voraus offen beworben. Dies lässt sich bereits mittels einer kurzen Google-Recherche nachprüfen, welche über den ersten Sucheintrag zur offiziellen Internetseite des Jugendantifa-Camps (www.jugendantifa-camp09.tk) führt. Zusätzlich wurde das Camp öffentlich durch Plakate, Flugblätter und Anzeigen in bundesweit vertriebenen Zeitschriften beworben.“
Die Seite ist mit Programm noch heute verfügbar, und es finden sich Monate alte Verweise auf diese. Heimlich war nur der genaue Ort des Camps:  „Aus Sicherheitsgründen geben wir den genauen Ort, an dem das Camp stattfinden wird, erst nach Anmeldeschluss und nur für alle erfolgreich angemeldeten TeilnehmerInnen bekannt.“ Dies ist im Hinblick auf vorangegangene Begegnungen von Rechten und Linken in Hessen und insbesondere den Überfall auf ein solid-Camp im Schwalm-Eder-Kreis am 20. Juli 2008 nicht allzu verwunderlich.
Auch in einem anderen zentralen Punkt widerspricht das Bündnis der Darstellung im Tagesspiegel. Jansen schreibt: „Doch das, was sich im Sommer in Hessen abgespielt hat, war selbst für lang gediente Fachleute eine Überraschung.“ Das Bündnis antifaschistischer Gruppen in Hessen entgegnet: „Auch dies entspricht nicht der Wahrheit. So sind im Vorhinein und auch während des Camps sowohl die Polizeidirektion Homberg/Ohm als auch das LKA Hessen an uns herangetreten. Ein Anruf bei den Dienststellen sollte ausreichen um dies zu überprüfen. Grund für diese Absprachen waren die Sicherheitsbedenken der Polizei. So befürchtete diese eine Gefährdung der Teilnehmer_innen durch die Neonaziszene im Vogelsbergkreis.“
Der für die Vermietung des Zeltplatzes zuständige Bildungsreferent des BdP Hans-Joachim Böhm sagt, er habe vor der Belegung sowohl beim Landeskriminalamt als auch beim Hessischen Jugendring nachgefragt, ob es Bedenken gegen eine Vermietung an den Camp-Veranstalter gebe, was verneint worden sei.
Irritierend ist in diesem Zusammenhang auch, dass sowohl das Bündnis als auch der BdP auf Anfrage sagen, Jansen sei mit ihnen nicht in Kontakt getreten. Dass Jansen weder dem Veranstalter noch dem Zeltplatz-Betreiber die Möglichkeit gegeben hat, sich zu den Vorwürfen zu äußern und gleichzeitig keine einzige Quelle für seine Informationen nennt, hebt nicht gerade die Glaubwürdigkeit seiner Darstellung. Die Wirkung blieb gleichwohl nicht aus.
Der Gießener Anzeiger hatte zunächst die Darstellungen aus dem Tagesspiegel in weiten Teilen übernommen und mit seiner eigenen Recherche nicht gerade an den kritischen Punkten angesetzt: „Trainingslager von Autonomen im August – Experten befürchten Auftakt zu mehr Gewalt“ hieß es dort am 5. Dezember.

Gleich meldete sich die Junge Union Vogelsberg zu Wort: „Das mittlerweile bekannt gewordene Lager ca. 100 linksextremer Autonomer in Homberg zeigt deutlich, wie sich linke Gruppen in Deutschland auf gewalttätige Auseinandersetzungen vorbereiten“, so Kreisvorsitzender Michael Ruhl in einer Pressemitteilung.

Einen anderen Blickwinkel zeigte dann die Gießener Allgemeine am 10. Dezember und schildert, dass auch die Stadt Homberg in die Planung des Camps eingebunden war.