Gerannt werden (Korinthe 83)

Wer ausgezeichneten Lokaljournalismus erkennen und auszeichnen will, sollte möglicherweise mit dem Unterschied zwischen Aktiv und Passiv zurande kommen. Die Landesmedienanstalt NRW – eine Behörde, wie sie journalistischer nicht sein könnte – teilt über ihren Pressesprecher heute mit: „Fünf Beiträge noch im Rennen um den LfM-Stiftungspreis für Lokaljournalismus„.

rennen

Den Quatsch kennt man natürlich von jedem Wahlabend, an dem sich angeblich Parteien oder Kandidaten ein „Kopf an Kopf Rennen“ liefern. Aber weder die Kandidaten noch hier die eingereichten Reportagen rennen – sie können auf den Ausgang des „Verfahrens“ (im einen Fall die Auszählung von Wählerstimmen, im anderen Fall eine Jury-Entscheidung) keinerlei Einfluss mehr nehmen. Anstatt eines spannenden Rennens gibt es nur langweilige Wartezeit.

Neues aus dem Hühnerhaufen: Was ein Beschuldigter auf gar keinen Fall darf in einem Rechtsstaat

Wir haben in Deutschland keinen Mainstream-Journalismus? Angesichts der kollektiven Erregung über den Selbstmord von Jaber Albakr darf man das mal wieder bezweifeln. Unisono wird beklagt: „Wie konnte das passieren.“ Was unterstellt: soetwas darf nicht passieren. Ein Häftling darf sich nicht umbringen. Warum eigentlich? Könnte das mal jemand recherchieren? Und ansonsten neben der aktuellen Rechtslage auch die Logik bemühen? Mehr dazu im Beitrag „Suizid ist Menschenrecht„, mit einer kleinen Sammlung bemerkenswerter Kommentierungen dazu.

Update 12.02.2017:
Wenn sich ein Beschuldigter übrigens nicht selbst aus dem Verkehr zieht, sondern aus dem Verkehr gezogen wird, haben wir es mit einer gänzlich anderen Situation zu tun, bei der sogar über Verdienstorden für den Aussage- und Strafentzug diskutiert wird.
Dass Anis Amri, der Amokfahrer vom Berliner Weihnachtsmarkt an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, bei einer Kontrolle von zwei italienischen Polizisten erschossen wurde, war jedenfalls kein Aufreger. Dass es dann doch kein Tapferkeits- oder Schützenorden gab lag alleine daran, dass sich die Exekutive optische ein wenig zu faschistisch verhalten hatte…

Profi-Tamtam um nichts

Man muss es wohl für folgerichtig halten, dass die Medien in ihrem Böhmermann-Zirkus jetzt nochmal Sondervorstellungen geben, bevor der Gaul dann doch totgeritten ist.

Die Staatsanwaltschaft Mainz stellt also die Ermittlungen gegen Jan Böhmermann ein, es wird keine Anklage geben.* Welche Sensation! Also für Journalisten, die ihren Kunden zuvor ausgemalt haben, der kindsköpfige Comedian könne bald für Jahre im Gefängnis verschwinden.

focus.de

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bild.de

Den deutschen Journalismus kennzeichnet derzeit, dass er Recherche durch Gefühl ersetzt hat. Es sollte uns also nicht wundern, dass Journalisten, die es  im April für gut möglich hielten, Jan Böhmermann werde für seinen Scherz (oder seine Satire) mit Freiheitsentzug büßen müssen, die Einstellung des Ermittlungsverfahrens mit Unverständnis vermelden. Beispielhaft Chefchecker Lorenz Maroldt vom Tagesspiegel, der sich heute Morgen ob der staatsanwaltschaftlichen Einschätzung,

ein „ernstlicher Angriff auf den personalen oder sozialen Achtungs- und Geltungsanspruch“ Erdogans sei nicht zu belegen, die „absurde Anhäufung vollkommen übertriebener, abwegig anmutender Zuschreibungen negativ bewerteter Eigenschaften und Verhaltensweisen“ bleibe ohne Bezug zu den Tatsachen,

oral bepisst haben muss vor Lachen, was er denn auch seinem Publikum anriet:

(Regieanweisung: Publikum dreht sich prustend zur Seite und schaut sich auf dem Smartphone das vom ZDF aus der Mediathek genommene Original an.)

Was wissen diese Paragraphenreiter schon von der Welt? Haben die überhaupt gefühlte Meinungen, die sich tapfer gegen jeden Fakt behaupten können?

(Fred Steinhauer)

* Für die Hype-Verweigerer: Böhmermann hatte in seiner Sendung „Neo Magazin Royale“ am 31. März 2016 als Performance zum Unterschied zwischen Satire und Schmähkritik ein Gedicht namens „Schmähkritik“ über den türkischen Präsidenten Erdogan vorgetragen.Anlass war Erdogans Empörung über eine Satire der NDR-Sendung Extra3. Böhmermanns Sender ZDF hatte die Sendung aus der Mediathek gelöscht und damit wohl wesentlich zu deren Verbreitung beigetragen. Der Medienhype machte die kurze Nummer zu einer Staatsaffäre, in der sich selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel zu Wort meldete – und diese bis heute vorgeworfen bekommt. Und das alles, weil kein Journalist fähige war kurz und bündig zu recherchieren, dass dies alles gar kein Thema ist, sondern nur Kerzennebel.

Checkpoint hat den Durchblick

Checkpoint hat den Durchblick

Updates und Ergänzungen zum Thema:

+ Jan Böhmermanns Statement vom 5. Oktober 2016 (Video)
+ Jan Böhmermann spricht darin selbst von einem Witz, nicht von Satire. Das war zu befürchten.

+ Michael Hanfeld, FAZ, gibt natürlich auch keine Ruhe. Schließlich hatte er  bereits am 1. April 2016 unter der Überschrift „Dümmer als das Presserecht erlaubt“ Böhmermann als „Deppen“ bezeichnet, der mit seinem Arsch irgendwie gute Satire kaputt macht, und geschlaumeiert: „Wer jemanden auf das Übelste verunglimpft, jemandem perverse Neigungen nachsagt, gar Verbrechen unterstellt, muss damit rechnen, dass er damit spätestens vor Gericht nicht mehr durchkommt.“
Nun konnte man mit etwas Medienrechtskenntnis erwarten, dass das Hamburger Landgericht zivilrechtlich einige Passagen verbieten würde (weil dort die Benimmkammer Deutschlands ansässig ist), strafrechtlich die Sache aber vollkommen irrelevant ist (andernfalls die Sorge um dieses Land wirklich groß werden müsste). Als nun Hanfeld und andere Feuilletonhygieniker mit ihren wohl recherchierten Fakten von der Justiz eine lange Nase gezeigt bekamen, fragt Hanfeld seine Leser, ob sich Jan Böhmermann „mit seinem Gedicht immer noch für den King of Kotelett der deutschen Satireszene“ halte und bäbäbät: „Die strafrechtliche Würdigung des Schmähgedichts hätte übrigens auch ganz anders ausfallen können.“ Was man so lesen darf: „Die Staatsanwaltschaft Mainz hat einfach keine Ahnung, warum lesen die nicht wenigstens Hanfelds komprimierte Weisheiten?“

+ Verständnisprobleme lässt schon erkennen, wer – gar wiederholt – von „Böhmermanns Schmähkritik“ oder „dem Schmähgedicht“ spricht. Es ist in diesem Fall keine Korinte gekackt, wenn mandie korrekte Bezeichnungen verlangt: die vorgetragenev Verse trugen den Titel „Schmähkritik“, eine solche liegt aber in der Gesamtperformance (und nur um die kann es gehen) gerade nicht vor. Wie schon einmal erläutert: Wenn ein Schauspieler auf der Bühne oder im Fernsehen sagt: „Fick dich, du Hurensohn“, dann ist das auch keine Beleidigung. (Tatort-Tote sind übrigens meist auch nicht wirklich tot.)

 

„Burka-Verbot“ im Journalismus – ein Qualitäts-Check

Es sind nun schon zwei Wochen, die uns der deutsche Journalismus mit dem Thema „Burkaverbot“ penetriert. Natürlich wird jeder Redakteur, jede Freie weit von sich weisen, Rädchen in der PR-Maschinerie der Berufspolitiker und anderer von öffentlicher Aufmerksamkeit lebender Institutionen (wie der Polizistenlobby) zu sein und sich stattdessen als Aufklärer*in sehen. Wagen wir einen Qualitätscheck mit drei einfachen Fragen, zu deren Beantwortung ein jeder das Medium seiner Wahl heranziehen darf.

1. Ist das Thema relevant?
An manchen Tagen passiert doch mehr auf der Welt, als in eine Zeitung, eine Radiosendung oder auf eine Website passt. An diesen Problemtagen stehen Redakteure vor der schwierigen Frage, welche Themen sie bearbeiten sollen und welche sie (vorläufig) ignorieren können (zur Beruhigung: die Welt dreht sich dann meist unabhängig von der Entscheidung weiter).
Um die Relevanz eines Themas zu prüfen, kann man schauen, ob es die Kundschaft (Leser, Hörer, Zuschauer) irgendwie betrifft, ob (weitere) Informationen zu dem Thema für sie nützlich sein können. Das muss nicht zwingend mit dem Interesse der Kunden übereinstimmen (das Interesse an positiven Medizinbefunden ist bei vielen Menschen z.B. gering entwickelt, trotzdem die Information ihrer Gesundheit dienlich sein könnte) – aber die Relevanz sollte objektiv messbar sein (und nicht nur im Hirn des Redakteurs gründen).

Wie relevant ist also die Debatte um ein „Burka-Verbot“? Ist daran irgendetwas neu (und wenn ja: was, wieso)? Betrifft es die Journalismuskunden (als Burkaträgerinnen, Verwandte von Burkaträgerinnen, als Nachbarn, als Burkawaschsalonmitarbeiterin, als potentielle Opfer von Selbstmordburkaträgerinnen …)? Ist die Debatte so relevant, dass man dazu eine Meldung machen muss, dass man ein Investigativteam mit Recherchen beauftragt, dass man einen Live-Ticker einrichtet und den journalistischen Notstand ausruft? Bitte prüfen Sie selbst.

Ist ein Thema nicht relevant und wird dennoch journalistisch bearbeitet, handelt es sich übrigens um Unterhaltung – und damit lustigerweise gerade nicht mehr um Journalismus. Ist aber natürlich auch wichtig.

2. Wird das Thema vollständig bearbeitet?
Es gibt Dinge, die funktionieren nur ganz oder gar nicht – da gibt es keine halben Sachen. Man mag ein halbes Automobil fahren können (im Volksmund „Motorrad“ genannt) oder drei Viertel seiner Steurschuld zahlen, die meisten Diebe klauen nur ein bisschen (und bezahlen andere Dinge ganz regulär) – aber unvollständige Informationen sind gar keine Informationen. Dass der Bundeskanzler Opfer eines Attentats wurde, ist ohne den kleinen Zusatz „im Film Rogue Nation“ keine Information, und selbst BILD informiert über den mit 30 cm Dicke mächtigsten Penis nicht ohne den Zusatz, dass er einem Blauwal gehört.
Dass irgendwer ein „Burkaverbot“ fordert, ist daher noch gar keine Information, sondern Rauschen. Auch wenn die Forderung von einem Medien-Promi ausgestoßen wurde, macht sie das noch nicht zu einer Nachricht. Wenn sich ein Journalist für diesen Ausstoß interessieren sollte, müsste beginnen, was man früher einmal Arbeit nannte, in der konkreten Zunft „Recherche“: Fragen stellen und richtige (!) Antworten darauf suchen. Was ist der Anlass für die Forderung? Gab es das nicht schon einmal, wie wurde das damals diskutiert? Welches Ziel wird (vorgeblich) verfolgt – und ist der Vorschlag ein geeigneter Weg dahin? Was sind Alternativen? Welche Interessen stecken dahinter? Was würde die Umsetzung konkret bedeuten? Welche weiteren Forderungen könnte dies nach sich ziehen? Wie sehen Sanktionsmöglichkeiten aus?
Vollständig bearbeitet ist das Thema nicht dann, wenn jeder etwas dazu gesagt hat und damit publiziert wurde, sondern wenn alle für eine Entscheidung relevanten Fragen (richtig) beantwortet sind. Im Falle Burkaverbot sollte sich das – positive Relevanzprüfung im ersten Schritt vorausgesetzt – in einem einzigen, gut recherchierten Beitrag machen lassen (allerdings fehlt bislang ein empirischer Beleg).

3. Werden Eigeninteressen der Medien benannt?
Insbesondere die kompakte, vollständige Themendarbietung ist im Journalismus selten. Das Burkaverbot läuft eben schon seit gut zwei Wochen in den Medien, ohne dass dabei irgendeine neue Frage geklärt wird, die nicht bereits am ersten Tag der Thematisierung im Raum stand. Da Medien mit ihrem Häppchenjournalismus Aufmerksamkeit resorbieren und zwangsläufig andere Themen aus der Berichterstattung verdrängen, ist die häufig vernehmbare Belehrung, man könne ja wegschalten/ -klicken/ umblättern, Kokolores. Nicht nur beim Wetterbericht und Verkehrsfunk wünschen sich die meisten Kunden eine aktuelle, vollständige und relevante Unterrichtung – keine Wiederholung, keine halben Sachen (weil die Nichtmeldung einer Autobahn-Vollsperrung darüber informiert, dass dort nichts Ungewöhnliches vorliegt). Wenn das Redaktionen nicht schaffen oder nicht wollen, sollten sie deutlich darauf hinweisen: „Die Innenminister der Union werden in wenigen Tagen eine ‚Berliner Erklärung‘ vorlegen und darin u.a. ein Burkaverbot fordern. Da wir im Moment nur zwei Praktikanten haben, die auch noch andere Dinge zu tun haben, beabsichtigen wir nicht das Thema zu recherchieren; stattdessen werden wir Ihnen täglich eine Zusammenfassung von Pressemitteilungen der politischen Akteure zusammenstellen.“ Oder auch: „Einige Politiker fordern, das Tragen einer Vollverschleierung in der Öffentlichkeit zu verbieten. Da wir die Dinger auch hässlich finden, werden wir entsprechende Forderungen in den nächsten Wochen, Monaten und ggf. Jahren publizieren, bis die letzte Burka vom preußischen Bürgersteig verschwunden ist.“
Oder: „Wegen des laufenden Wahlkampfs vor der Wahl des Berliner Abgeordnetenhauses am 18. September 2016 werden wir das Thema Burkaverbot nicht journalistisch bearbeiten, damit sich die Kandidatinnen und Kandidaten den Wählerinnen und Wählern möglichst ungeküsst von Sinn und Verstand präsentieren können.“
Dann müsste man als Rezipient nicht täglich, gar stündlich neu die Hoffnung bemühen, nun sei endlich der journalistische Durchbruch geklückt und irgendein Reporter habe das Thema verstanden.

Damit Sie mit dieser Anleitung möglichst gut klar kommen, hier in aller Kürze ein Anwendungsbeispiel:

umfrage-burkaverbot-spon

 

1. Frage: Ist das Thema relevant?
– Ja, nachdem die Medien es selbst gesetzt haben.
– Nein, weil die Fragestellung unzulässig ist*. (Aber das könnte zur Not im Bericht selbst noch erläutert werden.)

2. Frage: Ist das Thema vollständig dargestellt?
– Sind alle wesentlichen Fakten benannt? Nein (alle Grunddaten zur Befragung fehlen, u.a. die „Grundgesamtheit“ – nur wahlberechtigte Deutsche -, Stichprobengröße und die exakte Fragestellung bzw. die Antwortmöglichkeiten)
– Sind die Angaben richtig? Nein, sowohl die Überschrift als auch die Zusammenfassung „das Tragen von Burka oder Nikab zumindest in Teilen der Öffentlichkeit zu untersagen“ sind falsch.
– Gibt es eine Einordnung (Kontext, Rechtslage, Ergebnisse der bisherigen intensiven Diskussion)? Nein.

3. Frage (Bonus): Benennt spiegel.de sein Eigeninteresse am „Agenda Setting„?

* = Natürlich kann man alles fragen – nur sinnvoll ist das Meiste dann nicht. Vermutlich tausende Online-Leser haben darauf hingewiesen, wie willkürlich die Idee eines Burkaverbots ist (und für bestimmte „Teilbereiche“ des öffentlichen Lebens sind Klamottenfragen längst unabhängig von der Verschleierung geklärt). Da Beispiele wie Tennissockenverbote die Unzulässigkeit der Fragestellung offenbar nicht jedem zeigen, ein anderes: „Sollten Bankräuber auf frischer Tat erschossen werden?“ Das kann man fragen, aber man sollte dazu sagen, dass es natürlich rechtlich nicht möglich ist und zur Legalisierung der Rechtsstaat komplett aufgehoben werden müsste (Einführung der Todesstrafe wäre noch möglich, aber Urteilsvollstreckung vor der Verhandlung eher nicht). Daher sind solche Fragen journalistisch unzulässig – weil sie nicht auf Fakten, sondern Fiktionen zielen.

Spinner sind keine Nachricht

Spiegel-Frage-Sicherheit-in-ZuegenWenn Journalismus wirklich eine Orientierungsleistung erbringen würde, dann würden seine Werktätigen nicht ein ums andere Mal die gleichen Fragen stellen und immer neu nach verkäuflichen Antworten suchen. Spiegel.de meint:

Der Angriff auf mehrere Fahrgäste in einem Regionalzug bei Würzburg wirft erneut die Frage nach der Sicherheit in Zügen und Bahnhöfen auf.

Nein! Diese Frage stellt sich nicht. Jedenfalls stellt sie sich niemand, der wenigstens ab und an mit der Bahn fährt und daher den Betrieb kennt. Es ist völlig absurd, hier über Sicherheitskontrollen wie am Flughafen zu schwadronieren (das ist ähnlich sinnvoll wie die Forderung einer Gurtpflicht, die nach jedem kleinen Bahnunfall von irgendeinem Provinzpolitiker erhoben wird). Aber man kann damit natürlich Seiten und Minuten füllen, Menschen zum Reden bringen, unsinnige Diskussionen führen…

Und wenn doch ein weiser Verkehrsjournalist meint, das Thema sei unumgänglich und da ließe sich mit viel Aufwand schon etwas machen: dann sei schon mal darauf hingewiesen, dass man dieses Spiel unendlich betreiben kann. Der nächste Durchgeknallte spaziert vielleicht in einen Kindergarten (Schulen haben ja z.T. schon mega Sicherheitsvorkehrungen seit den Schüler-Amokläufen), oder ein Krankenhaus, oder einen Supermarkt; vielleicht zündelt er an einer Tanke, vielleicht entlässt er (oder – für die Aufschreierinnen – „sie“ natürlich, pardon) Giftgas in einer U-Bahn, rollt einen großen Stein auf die Autobahn, vergiftet Lebensmittel oder rennt einfach in ein Motorrad hinein…

Wenn Journalismus eine Orientierungsleistung erbringen würde, dann hätte er seit einer Ewigkeit geklärt, dass es keine Sicherheit vor Spinnern gibt, ob sie nun Einzelpsychopathen sind, Religionsfanatiker oder kranker Despot mit Armeegewalt. (Vom wahnsinnigen PR-Support für die Durchgeknallten durch die mediale Hysterie wollen wir hier gar nicht erst reden…)

 

Cumhuriyet & Facebook – Was zu löschen ist

Anmerkungen zu zwei Preisen des Netzwerk Recherche

Im Rahmen seiner Jahrestagung 2016 hat der Verein „Netzwerk Recherche“ (nr) wieder zwei Preise verliehen: den positiven „Leuchtturm für besondere publizistische Leistungen“ und den Negativpreis „verschlossene Auster„. Zu beiden kann man Medienkritisches anmerken.

Mit dem Leuchtturm ausgezeichnet wurde Can Dündar, Chefredakteur der türkischen Tageszeitung „Cumhuriyet“ (derzeit beurlaubt). Die Preisvergabe an @candundaradasi findet in der Branche sicherlich große Anerkennung, auch ohne exakte Kenntnis seiner journalistischen Beiträge. Er leitet eine der letzten unabhängigen Zeitungen in der Türkei und ist, nach mehrmonatiger Untersuchungshaft, am 6. Mai 2016 wegen der Enthüllung geheimer Waffenlieferungen („Veröffentlichung von Staatsgeheimnissen“) in erster Instanz zu fast sechs Jahren Gefängnis verurteilt worden. Can Dündar wirkte von der Preisverleihung sehr gerührt und seine Dankesrede in Hamburg war äußerst sympathisch.

Kritisch zu sehen ist hingegen der Laudator: Martin Schulz, Präsident des Europäischen Parlaments.

So kategorisch das Netzwerk Recherche seit 15 Jahren jede journalistische Nähe zur Public Relations ablehnt, so wenig Berührungsängste hat es zur Politik. Bei der Jahrestagung 2004 etwa ließ der damalige Vorsitzende Thomas Leif Bundespräsident Johannes Rau einfliegen und der Branche die Leviten lesen – die brav, ja geradezu begeistert aufnahm, was der oberste politische Repräsentant der Bundesrepublik Deutschland (und ehemalige freie Journalist und Verleger) „für guten Journalismus“ hielt.

Ist es nicht peinlich, wenn sich Journalisten von Politikern ihre Funktion erklären oder sich von denen, die sie kritisch und distanziert zu befragen haben, belobigen lassen?

Die Rede von Martin Schulz konnte man gut finden oder nicht, aber sie war politisch, letztlich auch parteipolitisch; sie enthielt zahlreiche Axiome – und sie war teilweise stark pathetisch aufgeladen, wie man es von Politikern eben kennt: jeder Angriff auf einen Journalisten ist ein Angriff auf die westliche Wertemodell und so… (mit anderen Vorzeichen reklamiert das wohl auch Recep Tayyip Erdogan für seine Politik).

Wer Politiker für geeignet hält, hervorragende Journalisten zu identifizieren (auch wenn Schulz nur die Laudatio hielt, er war nicht die Jury), muss ihnen auch zugestehen, die schlechten ins Kröpfchen zu verschlucken – und dann sind wir wieder bei Erdogan (ohne dass dies, wie so oft von Journalisten falsch verstanden, ein Vergleich oder eine Gleichsetzung von Schulz und Erdogan ist!).

Nein, Politiker gehören nicht ins „journalistische System“, und mit ihnen gemein machen darf sich „ein guter Journalist“ sicherlich tatsächlich nie. Die Nähe von Politikjournalisten zu den Akteuren ihrer Berichterstattung wird letztlich auch auf den Jahrestagungen des Netzwerk Recherche kontinuierlich angeprangert.

Der Negativpreis „verschlossene Auster“ ging an Facebook (Deutschland) als Informationsblockierer des Jahres – doch die Begründung geriet reichlich schwammig und war deshalb letztlich nicht überzeugend. Sowohl in der kurzen Bekanntgabe durch Kuno Haberbusch (nr-Vorstand, NDR), vor allem aber in der Laudatio von Thilo Weichert, (2004 bis 2015 Datenschutzbeauftragter Schleswig-Holsteins, nicht mehr aber aktuell, was Spiegel.de noch nicht zur Kenntnis genommen hat*) standen die „Hasskommentare“ auf Facebook im Mittelpunkt, die nicht richtig, nicht konsequent und nicht transparent gelöscht werden. Facebook sei ein „Katalysator für den Hass“ sagte Weichert – doch was soll das mit Blockade von Journalismus zu tun haben? Natürlich können einzelne Journalisten gegen „Hate Speech“ anschreiben – aber dass ausgerechnet Netzwerk Recherche jetzt die Löschung von Beiträgen für die erste Recherchepflicht hält, verwundert doch. Man kann gut gegen jede Löschung argumentieren, die möglicherweise strafbaren Fälle einer Staatsanwaltschaft überlassen und ansonsten mit Information, aber nicht mit PC gegenhalten. Was die vorgeworfene Informationsverweigerung der Firma betrifft war die „Beweislage“ äußerst dünn. Und wer den Maßstab anlegt, ein Unternehmen mit großer öffentlicher Bedeutung sei, wenn schon nicht gesetzlich, so doch moralisch zur Auskunft verpflichtet, könnte bestens großen Medienhäusern die „verschlossene Auster“ verleihen – öffentlich-rechtliche Sender eingeschlossen (hier bereits vorgeschlagen 2010 und 2011). Das würde auch deutlich mutiger wirken als in das Horn zu blasen, welches derzeit pausenlos von der kulturellen Meinungsführerschaft gespielt wird.

Die verlesene schriftliche Entgegnung der namentlich in Hamburg nicht genannten Facebook-Sprecherin Tina Kulow wirkte dabei weniger plump, als sie offenbar auf die Jury gewirkt hat.

So oder so täte das Netzwerk Recherche gut daran, die Kriterien für seine Preisvergaben grundsätzlich transparent und diskutierbar zu machen. Die diesjährige „verschlossene Auster“ ließ eine journalistische Begründung vermissen – was nicht nur eine vertane Chance war, sondern auch der Glaubwürdigkeit des renommierten Vereins schaden kann. (Tg)

Update:
* Inzwischen hat Spiegel.de Weichert aus dem Amt befördert; die in Hamburg bei der nr-Jahrestagung diskutierte transparente Fehlerkorrektur sieht allerdings anders aus.

Mehr zur nr-Jahrestagung:
10 Jahre Medienkodex mit sinnlosem PR-Verbot

Böhmermahn

Schuld sind wie immer die Journalisten. Also noch. Bis die Sozialen-Medien mit ihrer reinen Ich-Kommunikation sie irgendwann ganz in die Bedeutungslosigkeit gedrängt haben werden. Aber noch sind immer die Journalisten schuld. Weil sie niemals Wichtiges von Unwichtigem scheiden, weil sie nur selten spannende Fragen beantworten, Probleme lösen, Orientierung geben wollen, sondern weil sie schlicht Aufmerksamkeit suchen – Einschaltquoten, Auflage, Klicks, Follower.

Jan Böhmermanns Gedicht „Schmähkritik“. Hatten die freiwilligen Zuschauer, hatte das leidenschaftliche Publikum, hatten diejenigen, für die „Neo Royal Magazin“ gemacht wird, ein Problem mit der Sendung? Und bedurften sie journalistischen Beistands? Brauchten sie Welterklärer und Moralverbesserer an ihrer Seite?

Ein großer Teil des Medientratsches dreht sich nur noch um Dinge, von denen man nie etwas wissen wollte. Es geht nicht um investigative Recherchen, nicht um die Aufdeckung des zu unrecht Verborgenen, sondern um die Skandalisierung von Fragmenten aus Nischenereignissen. Das, was erfolgreich separiert war, nachdem es mehr als ein Fernsehprogramm und eine Staatszeitung in Deutschland gibt, was Angebote und Interessenten nach Interessen zusammenbrachte, wird vom Journalismus wieder zusammengepanscht und zum „general interest“ erhoben, auf dass jeder eine Meinung dazu habe (nicht entwickle!) und der deutsche Smalltalk gleichgeschaltet sei.

Dass selbst dröge Familienzeitungen und die außerhalb ihrer Sendung weniger dröge wirkende Anne Will den türkischen Affentanz zu einer Liedparodie von extra3 und zu einem Beitrag in der vorletzten Böhmermann-Sendung zum nationalen Problem erheben, zeigt den Geisteszustand dieses Landes deutlich, vor allem das völlig gestörte Verhältnis zur Freiheit.

Böhmermann hat den türkischen Präsidenten Erdogan nicht beleidigt (mal abgesehen davon, dass er dies jederzeit versuchen dürfen sollte und für den Erfolg allein der Sichbeleidigtfühlende verantwortlich wäre –> Grundrecht Beleidigungsfreiheit)! Er hat eine Satire-Show aufgezeichnet, in der auch der Name Erdogan fiel. „Tötet Merkel“ von Till Reiners ist auch kein Mordaufruf. (Schönster Satz übrigens: „Ich glaube nicht, dass sich Merkel privat für Politik interessiert.“)  Weiterlesen

Demokratie als Journalisten-Phantasie

DeineDemokratie-RadiokampagneIm Radio wird das nächste große Nichtwähler-Bashing vorbereitet. 23 private und gebührenfinanzierte Sender in Baden-Württemberg, Sachsen-Anhalt und Rheinland-Pfalz werben bei ihren Kunden derzeit für die Teilnahme an den Landtagswahlen am Sonntag.

In einem von drei Spots wanzt sich beispielsweise eine Frauenstimme an die Hörer ran:  Weiterlesen

Nachrichtenagentur „Idea“ löscht Beitrag, Kommentare und Anfragen

Leserkritik-ueber-Loeschungen-bei-Idea

Auch dieser Leser-Kommentar wurde von „Idea“ gelöscht. Aus der Welt ist er dennoch nicht.

Vermutlich ist das alles Absicht, damit eine kleine, pietistische Botschaftenverbreiterin namens „Idea“ im hippen Web etwas Aufmerksamkeit bekommt – dabei soll sie die gerade gar nicht mehr bekommen. Was ist los?  Weiterlesen

Chefredaktion sucht Praktikumsplatz

Jeder darf beliebigen Müll ins Netz stellen. Oder sollte es zumindest dürfen. Aber ist es notwendig, dies Nochmindertalentierten explizit beizubringen?

Zeitjung.de, „die digitale Bravo, die Schmonzette feuchter Studententräume“ (Müßiggang Magazin), ist ein öffentliches Archiv von Belanglosigkeiten. Mit Journalismus haben die meisten Veröffentlichungen nichts zu tun. Nur ein aktuelles Beispiel: die Schreibübung „Religion: Warum uns der Vatikan an nichts mehr glauben lässt„. Wollte man den Text redigieren, bliebe nur der Papierkorb. (Null Recherche, keine Bezüge zur Zielgruppe – etwa junge Erwachsene in den vielen katholischen Jugendverbänden -, eine Kausalkette, dass sich selbst Religionsoberbasher Karlheinz Deschner geschüttelt hätte…)

Und just dieser Hort des Unvermögens sucht nun ab 2016 wieder Praktikanten, um ihnen „die Kniffe des Online-Journalismus“ beizubringen.

Bis Januar ist ja noch ein wenig hin. Für ein Kurzpraktikum des Chefredakteurs, seiner die Bewerbungen sichtenden Stellvertreterin oder irgendeines anderen Worthauers von zeitjung.de bei egal welchem JOURNALISMUS-Betrieb sollte es noch reichen. Den Kindern zuliebe.

praktikum-zeitjung