Rigide redigierende Redakteure

Sie sind die besten im Text, die Popstars der Sprache: Redakteure (m/w). „Wenn ein unfertiger Text ein Kind ist, das sich noch entwickeln muss, dann sind gute Redakteure ein wenig wie Eltern, die ein Manuskript das werden lassen, was es eigentlich sein könnte.“ Da japst der Autor nach Luft und der freie Journalist erbricht sich vor Schreck. Als unfertiges Menschenkind mit Adoptiveltern hatte er (m/w) sich bislang nicht gesehen. Doch die das sagen, sind so unschlagbar vom Fach, dass Welten kleiner Journalisten-i-Dötzkes zusammengebrochen sein müssen, als am 5. August das Zeit-Magazin zum Thema Redigieren erschien: „Ein Heft, wo wir Ihnen alles verschönern tun“ stand rot unterringelt auf dem ersten Umschlag, und dann folgte die vor Selbstsicherheit strotzende Ankündigung: „Wir machen das Beste aus Ihren Texten“.

Bei meiner Suche nach den Katastrophengebieten, die ich vor allem in den Journalisten-Slums von Hamburg und Berlin wähnte, wurde ich heulend zähneklappernder, depressiver oder gar suizidaler Kolleginnen und Kollegen allerdings nicht gewahr – zumindest war das Redigier-Heft der Zeit nicht ursächlich dafür. Zu vertraut ist den meisten Freien die Fehlübersetzung von Redigieren als „Texte verschönern“ – wie im Zeit-Magazin, das in dieser künstlerischen Tätigkeit die Berufung fest angestellter Journalisten sieht:  „Redigieren ist, was Redakteure tun“.  Weiterlesen

Buchbesprechungen erfordern Fachkenntnis

Spiegel-Interview-Reybrouck

SPIEGEL-Teaser

Ist es schon eine journalistische Leistung, den Inhalt eines (quergelesenen) Buches kurz zu referieren und dem Werk noch eine Schulnote zu verpassen? Zumindest letzteres, die persönliche Bewertung, ist nutzlos, wenn der Rezensent den Weg zu seiner Meinungsbildung nicht nachvollziehbar macht. Dazu dürfte in der Regel auch gehören, das „Marktumfeld“ des besprochenen Buches zu kennen und zu würdigen.

Mit offenbar großem PR-Aufwand ist es dem deutschen Wallstein Verlag gelungen, das bei ihm aus dem Niederländischen übersetzt erschienenen Buch „Gegen Wahlen – Warum Abstimmen nicht demokratisch ist“ von David Van Reybrouck in den Medien zu lancieren. Noch vor dem Erscheinungstag brachte der SPIEGEL ein vierseitiges Interview mit dem Autor, zahlreiche Besprechungen gingen damit einher (u.a. im Deutschlandradio, der Welt, der Süddeutschen Zeitung, dem Tagesspiegel).
Allen journalistischen Beiträgen zu Van Reybroucks Buch ist gemein, dass sie kein Wort über das „Marktumfeld“ verlieren, sprich: die schon lange laufende Fachdebatte um „aleatorische Demokratie“. Das mag man jemandem, der selbst seit zehn Jahren zu genau diesem Thema arbeitet und publiziert, als Erfolgsneid auslegen. Andererseits kann sachliche Mängel eigentlich nur erkennen, wer das Feld zumindest gut beobachtet – wenn nicht gar selbst bestellt.

Alle Rezensenten habe ich darauf aufmerksam gemacht, dass Van Reybrouck zwar ein tolles Buch geschrieben hat, dass seine Idee der Auslosung statt Wahl aber nicht ganz neu ist. Nur ein(e) Autor(in) hat darauf reagiert – und schrieb mir:  Weiterlesen

Lebenspflicht-Journalismus

Was soll eigentlich Journalismus? Viele medienkritische Beiträge vermitteln nicht, dass diese Frage geklärt wäre. Es gibt sicher hunderte Definitionen, die sich in Nuancen unterscheiden oder schlicht in der (systemtheoretischen) Wortakrobatik, doch die grobe Zielrichtung ist dabei unstrittig: Journalismus bearbeitet gesellschaftlich relevante Themen, um Informationen bereitzustellen, die der Meinungsbildung dienen. Kurz gesagt geht es um Aufklärung, weil nur der aufgeklärte Mensch frei entscheiden kann.
Journalismus ist jedenfalls sicherlich nicht Volkserziehung. Journalismus ist nicht Mission. Journalismus ist nicht Kampagne.

Einige Jahre lang wurde als Leitmotiv des Journalismus ein fälschlich Hanns Joachim Friedrichs zugeschriebener Satz gehandelt: Ein seriöser Journalist macht sich mit keiner Sache gemein, auch nicht mit einer guten Sache.

Derzeit habe ich oft den Eindruck, dass es gar keinen Journalismus mehr ohne klares Bekenntnis zu einer vermeintlich guten Sache gibt: Man macht sich gemein mit der Bundesregierung, mit einer bestimmten Politik, mit der Bundeswehr, mit Staatsanwaltschaften, mit Demonstrationen, mit Tortenwerfern.  Weiterlesen

10 Jahre sinnloses PR-Verbot

„Journalisten machen keine PR“ – dieser dogmatische Satz ist seit 10 Jahren das einzige, was vom „Medienkodex“ des Netzwerk Recherche (nr) wahrgenommen wird.
Nun wurde er einer Überprüfung unterzogen – und von der Mitgliederversammlung am 8. Juli 2016 in Hamburg mit nur marginalen Änderungen bzw. Ergänzungen bestätigt. Doch der Satz scheidet weiterhin die Geister, – in diejenigen, die es sich leisten können niemals PR zu machen, und jene, die sich darauf angewiesen sehen, in diesem überjournalistisch bezahlten Publizitätsbereich ihre Fähigkeiten zu vermarkten.

Das wahre Problem mit diesem Satz ist seine Unbestimmtheit: Was soll mit „PR“ gemeint sein, die kein Journalist betreiben darf? Es war vor allem das Leidenschaftsthema von Thomas Leif, Vorsitzender von 2001 bis 2011, und er meinte damit alle Versuche der Einflussnahme auf journalistische Produkte, die verborgenen Spin-Doktoren ebenso wie die öffentliche INSM. Dabei ist PR, ist Öffentlichkeitsarbeit viel mehr – und in weiten Teilen für den Journalismus völlig unproblematisch.

Es beginnt damit, dass jeder Journalist PR macht – nämlich in eigener Sache. Dies zu fördern wird vor allem Freien seit Jahren gepredigt: Marke werden, wiedererkennbar sein, Stil entwickeln. „Klappern gehört zum Handwerk“, von der eigenen Website, den Social-Media-Accounts bis zur Teilnahme an einer Jahreskonferenz des nr, am besten auf und nicht vor dem Podium. Wer als Vorstand des nr irgendetwas für den Verein tut, macht PR: die Vielzahl von nr-Veranstaltungen und nr-Publikationen gehören zum Portfolio professioneller Öffentlichkeitsarbeit.  Weiterlesen

Schlafmützen-Journalismus (Unwetter vs. Gauland)

Früher haben nachts alle gepennt. Bis auf die Räuber – und in den Städten die Nachtwächter. Informationsbedarf hatten jedenfalls die wenisten, sie gaben sich mit den Fantasiegeschichten ihrer Hirne zufrieden, aber die Welt hat sich auch damals schon in der Nacht weitergedreht, weshalb es manchmal schon am frühen Morgen etwas zu erzählen gab.

Neuerdings pennt alles asynchron. Und ist entsprechend ebenso unzeitgleich aktiv, auch wissbegierig. Kollektiv (und zum Teil miteinander) in’er Pofe liegt unterm Säufermond allerdings der deutsche Journalismus.  Weiterlesen

Leberwurst-Journalismus

Nachdem es einige Leberwurst-Journalisten mit ihrer Erregung über Til Schweiger mal wieder (via dpa) bis in meine Provinzzeitung gebracht haben, sollten wir doch mal kurz über die Aufgabe von Kunst- und Medienkritik nachdenken.

Das Grundproblem der Schweiger-Kritiker dürfte sein, was etwa Spiegel-Online in einem Nachrichtenversuch so beschreibt:

„Das Verhältnis zwischen Til Schweiger und Film- und Fernsehkritikern ist angespannt. Der Regisseur und Schauspieler verzichtet oft darauf, seine Filme zu regulären Pressevorführungen vor dem Start zugänglich zu machen.“

Das klingt, als gäbe es einen Anspruch der Presse, Filme für Besprechungen sehen zu dürfen. Dem ist natürlich nicht so, und Schweigers Umgang mit der Presse dürfte bei professionellen Autoren keinerlei Auswirkungen auf die Werkkritik haben. Davon sind allerdings viele, viele Artikel über Til Schweiger weit entfernt.

Was die beiden aktuellen Folgen „Der große Schmerz“ und „Fegefeuer“ sowie die Rezeption eines Facebook-Postings von Schweiger dazu anbelangt, machen die Leberwurst-Journalisten mal wieder keine gute Figur:

– Die beiden Folgen waren ohne Zweifel sehr gut inszeniert. Das Ergebnis muss niemandem gefallen (so wie auch niemand sehr guten Brokkoli mögen muss), aber was Schweiger an die Adresse des Regisseurs Christian Alvart schreibt, wird man cineastisch nicht beanstanden können.

– Dass eine „schlechte“ Fernseh-Quote von rund 20% (7,69 Millionen Zuschauer) Beleg für eine schlechte Sendung sein soll („kein Erfolg„), kann kein Kritiker ernst meinen. Sonst ist eben doch „BILD“ die beste Tageszeitung der Republik. Wenn sich für einen Münster-Tatort mehr Zuschauer finden, sagt das doch nicht das Mindeste über die Qualität des Hamburg-Tatorts. Muss man daran erinnern, was die meistverkaufte deutsche Fernsehserie ist? Soll das der Benchmark sein?

– Eine völlige Unsitte ist es, angeblich journalistische Produkte mit Beschreibungen von anderen Webseiten zu füllen (siehe Kritik 2011), insbesondere mit dem Widerkäuen von Facebook und Twitter. Die Beiträge werden für die dortige Leserschaft geschrieben („Community“), und sie sind öffentlich für jeden Interessierten. Dort kann man sie auch diskutieren oder sich gegenseitig bewerfen – es ist vollkommen überflüssig, das als „Nachricht“ verkleidet auf Papier zu bringen.

– Aber wenn man dann schon als Leberwurst-Journalist+#_in berichten will, was alle auf Facebook lesen können, sollte man es wenigstens verstehen, weil sonst jede Umformung (mehr Eigenleistung ist ja nicht zu erbringen) zu neuer Dichtung wird. (Und wer das schafft, wird im Schweiger-Posting nicht mehr viel Echauffierstoff finden – er ist belanglos.)

Wer die journalistische Leistung der deutschen Fernsehkritik bewerten will, solle sich ihren Umgang mit Til Schweiger anschauen, nicht nur im aktuellen Tatort-Fall. Das dürfte aufschlussreich sein.

5 PS:
Wir haben schon einige schöne Journalismen hier gekürt. Verwiesen sei auf
Zirkusjournalismus,
Seitenfülljournalismus,
Gagajournalismus,
Popeljournalismus und
Phantasiejournalismus.

Mehr PS:
Irgendwo muss man mal die vielen „Journalismen“ sammeln. Aktuell:
Erziehungsjournalismus“ (Jan Fleischhauer)

Ex-Ministerin macht auf Ex-Bundespräsident

Als Promi den Medien zu drohen, wenn einem die Berichterstattung nicht gefällt, gehört zu den deutschen Doofheiten. Christian Wulff musste wegen dieser Erkrankung aus Schloss Bellevue ausziehen.

Gemeinhin delektieren sich die deutschen Medien an solchen Vorgängen. Wo man Angriffe auf die Pressefreiheit vernimmt wird unter Journalisten der Bündnisfall ausgerufen. Normalerweise.  Weiterlesen

Empörung statt Recherche

Woran erkennt man die Qualität eines journalistischen Artikels? Diese Frage beschäftigt uns hier im Blog schon seit vielen Jahren, und die Suche wird weitergehen. Da sich auf die Schnelle ein Sachverhalt  vom Rezipienten meist nicht prüfen lässt (von persönlichen Spezialkenntnissen abgesehen) ist ein wichtiges Indiz die einem Beitrag zugrunde liegende Recherche – erkennbar an den genannten Quellen und ihrer Einordung. Erstaunlich oft ist da aber – wenig. Ein Beispiel:

Der Bürgermeister von Jüterbog, Arne Raue, schrieb am 3. November 2015 auf Facebook folgendes:

Infektionsgefahr-Fluechtlinge-Ausgangspost-BM

Kontakt mit Asylbewerbern und Flüchtlingen-
Warnung vor Infektionskrankheiten

Ich bin heute schriftlich durch eine Ärztin als Bürgermeister darauf hingewiesen worden, dass schon bei geringfügigem Kontakt mit Neuankömmlingen Gefahr von Infektionskrankheiten besteht. Einige Infektionskrankheiten können verstärkt auftreten:
-Windpocken
-Keuchhusten
-Poliomyelitis
-Röteln
-Mumps
-Hepatitis A
-Hepatitis B
Zusätzlich gibt es auch solche Infektionskrankheiten, gegen die es leider keine wirksame Impfung gibt und die in vielen Entwicklungsländern noch weit verbreitet sind. Hierzu zählt vor allem Tuberkulose. Sie wird durch Tröpfcheninfektion, also über die Luft, übertragen.
Ich weise die Bevölkerung von Jüterbog ausdrücklich darauf hin.
Für das städtische Personal werde ich vorsorglich (soweit für einzelne Krankheiten möglich) Impfungen anbieten.

In den Facebook-Kommentaren dazu gibt es die übliche Lagerbildung: „Hetze“ werfen  die einen vor, „Verharmlosung“ die anderen. Man giftet sich gegenseitig an, nur vereinzelt gibt es sachliche Beiträge. Soweit, so traurig-normal.

Doch wie greifen die Medien das Thema auf? Sie setzen wie so oft bei der Empörung an. Das geht besonders einfach, wenn sich politische Widersacher zu Wort gemeldet haben. So bringt die Märkische Allgemeine die notorische Rücktrittsforderung:

Angesichts von Stimmungsmache gegen Flüchtlinge sei Raue „unhaltbar“, so Grünen-Landeschef Clemens Rostock. Es sei ein von rechten Kräften in die Welt gesetztes Gerücht, dass Flüchtlinge die Gesundheit anderer gefährdeten.

Der kurze Beitrag des Bürgermeisters wird ohne weitere Erläuterungen als Tritt ins „Fettnäpfchen“ bezeichnet, der nicht sein erster sei:

Zuletzt hatten Stadtverordnete im Mai seine Alleingänge gerügt und die Kommunalaufsicht des Kreises eingeschaltet.

Erst danach werden weitere Einschätzungen gebracht, die aber allesamt politisch sind. Eine Beschäftigung mit dem Kernthema erfolgt nicht, obwohl sie recht einfach wäre:

Gegen alle genannten Krankheiten außer Hepatitis B und Tuberkulose empfiehlt das Robert Koch Institut bzw. die Ständige Impfkommission grundsätzlich eine Impfung, und diese ist in Deutschland auch schon lange üblich, erfolgt also, wenn Eltern sie ihren Kindern nicht aktiv verwehren (weshalb immer wieder über eine Impfpflicht diskutiert wird). Schutzimpfungen gegen Hepatitis A wird nur für bestimmte Personengruppen bzw. bei bestimmten Aktivitäten (u.a. Reisen in Prävalenz-Gebiete, homosexuell aktive Männer, medizinisches Personal) angeraten.

Dass in Ländern, aus denen derzeit viele Flüchtlinge kommen, keineswegs von einer durchgängig vorhandenen Immunisierung gegen diese Krankheiten ausgegangen werden kann, ist bekannt – und ein wichtiges Thema der Gesundheitsämter. Allerdings besteht eben für Geimpfte in Deutschland keine Gefahr. Durch die Flüchtlinge hat sich also an der Situation nichts geändert: jeder darf bisher noch selbst entscheiden, ob er sich gegen bestimmte Infektionskrankheiten impfen lässt oder nicht – und die Nicht-Geimpften werden meist deshalb nicht krank, weil eben der größte Teil der Mitmenschen geimpft ist und damit eine Krankheitsausbreitung verhindert (auch dies beschreibt das Robert-Koch-Institut (RKI) an zig Stellen).

Eine Orientierungsleistung des Journalismus in dem Zusammenhang könnte also sein zu erläutern:
– dass für Personen mit Imfpschutz kein Risiko besteht
– eine Infektion immer direkten (bzw. nahen) Kontakt mit einem infektiösen Erkrankten voraussetzt (längst nicht jeder Infizierte kann auch zum Überträger einer Krankheit werden!)- dass es in Deutschland nicht-übertragbare Krankheiten gibt (Malaria etwa – bis der Klimawandel weiter vorangeschritten  ist jedenfalls)
– wie man sich vor nicht-impfbaren oder in Deutschland nicht geimpften Krankheiten schützen kann (dazu müsste man sich nur vergegenwärtigen, was Ärzte machen, die täglich mit allen möglichen Krankheiten zu tun haben und dies meist gut überstehen).

Auch die (vorsichtige) Warnung vor Tuberkulose von Bürgermeister Raue könnte man journalistisch, also recherchierend, aufarbeiten, anstatt sie aus dem Bauch heraus zur Panik- oder Stimmungsmache zu erklären. Man könnte dabei u.a. feststellen:
– dass das RKI Flüchtlinge durchaus als Risikogruppe sieht:

In Deutschland ist die aktive Fallsuche von Erkrankten eine wichtige Voraussetzung für die Reduzierung der Erkrankungshäufigkeit an Tuberkulose. Diese besteht in der Umgebungsuntersuchung von Kontaktpersonen infektiöser Tuberkulosepatienten.8 Zu den Zielgruppen für eine aktive Fallsuche gehören darüber hinaus Migranten aus Ländern mit hoher Tuberkulose-Prävalenz (wie Asylsuchende, Flüchtlinge, Aussiedler) und Personengruppen mit erhöhtem Infektionsrisiko, z.B. Obdachlose, Drogengebraucher und Gefängnisinsassen.

– dass längst nicht alle Flüchtlinge sofort bei Aufnahme in eine Sammelunterkunft (Erstaufnahmeeinrichtung, entsprechende Außenstellen oder „Überlauflager“) auf Tuberkulose untersucht werden, sondern i.d.R. nur ein medizinischer Schnellcheck erfolgt (Anamnese, also Befragung, Fibermessen etc.), eine TBC-Prüfung erst später erfolgt (was einige Zeit dauern kann, zumal wenn Flüchtlinge sich auf eigene Faust auf den weiteren Weg machen)
– dass eine „geschlossene Tuberkulose“ nicht ansteckend ist
– die allermeisten Flüchtlinge, die in Deutschland ankommen, gesund sind*, was kein politisches Bekenntnis ist, sondern schlicht der Tatsache geschuldet ist, dass mit einer schweren Erkrankung die strapaziöse Reise bis hier meist gar nicht machbar wäre und die Inkubationszeit der meisten Krankheiten ggf. im Zeitverlauf der Flucht liegen müsste. (*=Diese Einschätzung stammt von einem niedergelassenen Arzt, der bei Erstuntersuchungen mitwirkt.)

Das Fazit könnte also sein: Es besteht natürlich die Gefahr einer Krankheits-Infektion für Personen, die unmittelbaren, nahen Kontakt mit infizierten Flüchtlingen haben, aber die Gefahr unterscheidet sich nicht vom Risiko bei der Begegnung mit anderen Personen (z.B. Deutschen, die im Urlaub waren), die nicht geimpft sind und sich eine Bakterien- oder Virusinfektion eingefangen haben. Es schützen die empfohlenen Grundimpfungen und die Regeln der Hygiene (u.a., – peinlich, dass man darauf in Deutschland immer noch hinweisen muss: regelmäßiges Händewaschen).

Was wäre nach einer solchen Recherche noch am Posting des Bürgermeisters von Jüterbog auszusetzen? Dass er nicht das lange Erklärstück geliefert hat, welches auch die Journalisten nicht zustande bringen? An seiner Information ist nichts falsch, sie entspricht dem, was das für maßgeblich gehaltene RKI selbst ständig schreibt; sein Angebot, für städtische Mitarbeiter Imfpungen anzubieten (was wohl meint: die Kosten zu übernehmen, die nicht regulär von den Kassen getragen werden, das betrifft regulär Hepatitis und die Schutzimpfungen gegen „Kinderkrankheiten“ im Erwachsenenalter) ist konstruktiv und nach dem Stand der Dinge verantwortungsvoll, nicht Panik verbreitend. Und es bleibt die Frage, warum die Medien selbst das Thema nicht (flächendeckender) selbst aufgegriffen haben – denn wer vor Ort recherchiert, bei den Helfern etwa, der stößt geradezu unweigerlich darauf.

Die Märkische Allgemeine (MAZ) war natürlich nicht die einzige Zeitung, die aus einer Info einen Eklat gemacht hat.
Der Tagesspiegel (Berlin) etwa dichtet schon in der Überschrift: „Bürgermeister bezeichnet Flüchtlinge als ansteckend“. Der Teaser in BILD-Erregung:

Jüterbogs Bürgermeister warnt vor Kontakt zu Flüchtlingen – weil die angeblich Infektionskrankheiten übertragen. Und er hat kein Problem damit, als Rassist beschimpft zu werden. Das Sozialministerium ist entsetzt.

Daran ist – zumindest bezogen auf den hier zitierten Facebook-Eintrag (sollte es andere Publikationen geben, bitten wir um Hinweise – der Tagesspiegel verlinkt sie nicht), so viel falsch als möglich. Raue hat nicht vor Kontakt zu Flüchtlingen gewarnt! Infektionskrankheiten können (von jedem, Flüchtlinge eingeschlossen) nicht nur angeblich, sondern tatsächlich übertragen werden. Die Bezeichnung als „Rassist“ sollte vor der Verbreitung geprüft und im Artikel nachvollziehbar dargelegt werden. Und ein Sozialministerium kann wohl kaum entsetzt sein (es wird auch nur ein namentlich nicht weiter identifizierter Sprecher des Ministeriums zitiert).

Alexander Fröhlich schreibt auf tagesspiegel.de:

Der parteilose Bürgermeister von Jüterbog (Teltow-Fläming), Arne Raue, macht mit der Warnung vor ansteckenden Krankheiten Stimmung gegen Flüchtlinge. In einer Mitteilung warnte er die Bürger seiner Stadt „ausdrücklich“ vor dem Kontakt mit Asylbewerbern.

„Stimmung gegen Flüchtlinge“ ist eine gewagte Interpretation, die der Faktenlage nicht standhält. Und dass er „‚ausdrücklich‘ vor dem Kontakt mit Asylbewerbern“ warnt, ist schlicht falsch, denn das zitierte Wort „ausdrücklich“ steht in einem anderen Zusammenhang (Hervorhebung von spiegelkritik.de):

Zusätzlich gibt es auch solche Infektionskrankheiten, gegen die es leider keine wirksame Impfung gibt und die in vielen Entwicklungsländern noch weit verbreitet sind. Hierzu zählt vor allem Tuberkulose. Sie wird durch Tröpfcheninfektion, also über die Luft, übertragen.
Ich weise die Bevölkerung von Jüterbog ausdrücklich darauf hin.

(Tg)

Bonusmaterial:

Wer mag, konnte sich über die Diskriminierung von Flüchtlingen und anderen Gruppen schon lange aufregen:

Nach dem „Gesetz zur Verhütung und Bekämpfung von Infektionskrankheiten beim Menschen“ (Infektionsschutzgesetz – IfSG) sind Bewohner von „Altenheim, Altenwohnheim, Pflegeheim“ und in einer „Gemeinschaftsunterkunft für Obdachlose, Flüchtlinge, Asylbewerber oder in eine Erstaufnahmeeinrichtung des Bundes für Spätaussiedler“ verpflichtet, „ein ärztliches Zeugnis darüber vorzulegen, dass bei ihnen keine Anhaltspunkte für das Vorliegen einer ansteckungsfähigen Lungentuberkulose vorhanden sind.“ Flüchtlinge und Asylsuchende über 15 Jahre müssen dazu eine in Deutschland erstellte Röntgenaufnahme ihrer Lunge vorweisen, Schwangere ausgenommen (§ 36 Absatz 4 IfSG). Die entsprechenden Untersuchungen müssen sich die Menschen gefallen lassen, das Gesetz legt dazu explizit fest: „Das Grundrecht der körperlichen Unversehrtheit (Artikel 2 Abs. 2 Satz 1 Grundgesetz) wird insoweit eingeschränkt.“

Ferner bestimmt das Asylgesetz (AsylG) in § 62:

„Ausländer, die in einer Aufnahmeeinrichtung oder Gemeinschaftsunterkunft zu wohnen haben, sind verpflichtet, eine ärztliche Untersuchung auf übertragbare Krankheiten einschließlich einer Röntgenaufnahme der Atmungsorgane zu dulden. Die oberste Landesgesundheitsbehörde oder die von ihr bestimmte Stelle bestimmt den Umfang der Untersuchung und den Arzt, der die Untersuchung durchführt.“

(Im Jahr 2014 gab es in Deutschland insgesamt 4.488 Tuberkulose-Fälle.)

Zur Prävention empfiehlt das Robert Koch Institut, auch bei den hier ankommenden Flüchtlingen umgehend fehlende Impfungen nachzuholen. Liegen keine Impfdokumente vor, sei davon auszugehen, dass kein Schutz besteht und daher geimpft werden müsse. (Diese Info für jene, die in den FB-Kommentaren darauf hinweisen, dass Flüchtlinge doch meist gar keine Impfpässe bei sich tragen.)

Ergänzungen:

  1. Hier noch der fast wortgleiche Text des Bürgermeisters auf www.jueterbog.de – wie im Tagesspiegel-Artikel erwähnt, steht hier noch der Zusatz „Bitte prüfen Sie Ihren Impfschutz!“
  2. Landrätin Kornelia Wehlan (Landkreis Teltwo-Fläming) hat sich am 9.11 auch geäußert und schreibt unter anderem: „Herr Raue warnte in den sozialen Medien davor, dass Asylbewerber Krankheiten einschleppen und somit eine Gefahr für die Bevölkerung darstellen würden. Das deckt sich in keiner Weise mit unseren Erfahrungen und den Einschätzungen des Gesundheitsamtes.“ Dies steht jedoch nicht im Widerspruch zu dem viel diskutierten Hinweis Raues, „dass schon bei geringfügigem Kontakt mit Neuankömmlingen Gefahr von Infektionskrankheiten besteht.“ Wann und wie diese Gefahr besteht, ist oben ausführlich beschrieben.
  3. Auch RBB hat berichtet.

Zitate – (Korinthe 80)

In einerRegionalzeitung heute früh stolperte ich über einen Satz von Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder, der bei der Vorstellung seiner Biografie gefallen sein soll und den ich online nun hier gefunden habe:

«An meiner Wiege wurde mit Sicherheit nicht gesungen: Ich werde Bundeskanzler. Aber an Ihrer, Frau Merkel, auch nicht.» (Augsburger-Allgemeine)

Es ist ein Agenturtext von dpa, in meiner Zeitung mit Autorenzeile „Kristina Dunz“ versehen. Warum ich darüber gestolpert bin? Weil ich schon im Kopf eher eine Formulierung hatte, wie sie für denselben Vorgang dann die Süddeutsche postete:

sz-merkel-schroederEin nicht unerheblicher Unterschied!
Aber so ist das mit den „Zitaten“. Die Doktorarbeit, auf die ich am häufigsten verweise, erschien 2001 unter dem Titel: „‚So habe ich das nicht gesagt!‘ – Die Authentizität der Redewiedergabe im nachrichtlichen Zeitungstext“. Autor Alexander Marinos ist heute stellvertretender Chefredakteur der WAZ. In deren Online-Ausgabe findet sich, von Diana Zinkler geschrieben, der Satz ähnlich der dpa-Fassung:

„An meiner Wiege wurde nicht gesungen, dass ich Bundeskanzler werde, aber mit Verlaub Frau Merkel, an Ihrer auch nicht.“

Da wollen wir doch mal der Wahrheit die Ehre geben und abschreiben, was Phönix uns zu bieten hat:

„Wenn Sie mir erlauben, Frau Merkel, will ich darauf hinweisen, dass zwar an meiner Wiege mit Sicherheit nicht gesungen worden ist, dass ich Bundeskanzler werden würde, aber wenn Sie mir das erlauben zu sagen an Ihrer auch nicht, und zwar aus anderen Grünen mit einem völlig anderen familiären Hintergrund natürlich.“

Da haben sich also alle Berichterstatter was zurechtgebogen. „Wenn Sie mir das erlauben“ ist etwas anderes als „mit Verlaub“, und die Anrede „Frau Merkel“ ist alles andere als identisch mit „Frau Bundeskanzlerin“.

Aber was soll man da Korinthen kacken, wo doch ein ganzer großer Journalistenpreis mit einem falschen Zitat hausieren geht.

hanns-joachim-friedrichs-guter-journalist

„Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache.“ Das wird als die große Hajo-Friedrichs-Weisheit ausgegeben. Dabei ist es zusammengepanscht, und Friedrichs selbst hat sich nie als Urheber dargestellt. In seiner Autobiografie schrieb er 1994:

[…] Charles Wheeler. Er war bei der BBC mein väterlicher Freund, und von ihm habe ich mehr über Journalismus gelernt als von jedem anderen. […] Zu seinen Maximen gehörte die Erkenntnis, dass ein seriöser Journalist „Distanz zum Gegenstand seiner Betrachtung“ hält, dass er sich „nicht gemein“ macht mit einer Sache, „auch nicht mit einer guten Sache“; dass er nicht in lauten Jubel einstimmt oder in öffentlicher Betroffenheit versinkt; und dass er auch im Umgang mit Katastrophen „cool“ bleibt, ohne „kalt“ zu wirken. „Immer dabeisein, nie dazugehören“, dieses Journalisten-Motto beschreibt den Reporter Charles Wheeler wohl am treffendsten. (Hanns Joachim Friedrichs: Journalistenleben; München: Droemer Knaur, S. 70f; ähnlich später nochmal im Spiegel 13/1995 kurz vor seinem Tod, ohne Wheeler zu nennen)

 

 

 

 

 

Aufregung im Herzen – Ein Pfarrer, Ehe für alle und journalistische Relevanz

sz-pfarrer-homoehe

„Pfarrer vergleicht Homosexuelle mit Sodomiten“ betitelt die Süddeutsche ein Stück aus Oberfranken – und der Medienkritiker geht in Habachtstellung: schließlich hatten wir gerade erst die Behauptung, Ministerpräsidentin Kramp-Karrenbauer vergleiche „Homo-Ehe mit Inzest und Polygamie“, was man leider guten oder schlechten Gewissens als journalistische Fehlleistung bezeichnen musste.

Im Lead fasst Olaf Przybilla, Leiter des SZ-Büros Franken in Nürnberg und Wächterpreisträger, den Eklat so zusammen:

>>In einem Schreiben hat ein evangelischer Pfarrer in Oberfranken gleichgeschlechtliche Ehen mit Beziehungen zwischen Mensch und Tier in Verbindung gebracht.<<

Bei dem Schreiben handelt es sich um den „Kirchenboten“ der Evangelischen Kirchengemeinde Nemmersdorf (Goldkronach), in der Ortspfarrer Günter Weigel einleitend ein „geistliches Wort“ geschrieben hat, wie es in fast allen Gemeindebriefen üblich ist – hier „Andacht“ genannt. Die Zusammenfassung in der Süddeutschen Zeitung:


>>“Nachdem die Homo-Ehe praktisch vom Staat eingeführt und legalisiert wurde, wurde kürzlich die weitergehende Forderung laut, die ,Ehe für alle‘ einzuführen.“
Dies sei abzulehnen, findet der Pfarrer: „Die ,Ehe für alle‘ würde in der Konsequenz nämlich in der Tat bedeuten, dass auch die Ehe unter nahen Verwandten (z. B. zwischen Eltern und Kindern oder Geschwistern) dann ebenfalls möglich wäre; oder auch die ,Ehe‘ zwischen einem Menschen und seinem geliebten (Haus-)Tier (z.B. mit seinem Hund, seiner Katze, seinem Pferd, seinem Schaf, seiner Kuh usw.).“ Er frage sich deshalb: „Wie dekadent und pervers müssen einzelne Vertreter unserer Politik und Gesellschaft eigentlich sein, um auf solche Ideen und Forderungen zu kommen?“ Der Pfarrer ist sich sicher: „Die Verwirrung auf diesem Gebiet wird immer größer.“<<

Hat Pfarrer Weigel nach diesen Zitaten nun Homosexuelle mit Sodomiten verglichen? Wer dies herauszulesen imstande ist, möge das Ergebnis des Vergleichs benennen. Aufmerksame Leser werden sich zudem fragen, was denn bei diesem Zitat weggelassen wurde, an das Weigel mit „in der Tat“ anknüpft.

Das nicht nur von Stefan Niggemeier für seine Kompetenz immer wieder gefeierte Blog „focus.de“ genügte jedenfalls der Artikel in der Süddeutschen, um sehr rechercheökonomisch zu verdichten:

>>Homo-Ehe gleich Sodomie? Pfarrer mahnt in bizarrem Kirchenbrief: „Ehe für alle“ ermöglicht Sex mit Tieren<<

focus-pfarrer-homoehe

Fangen wir also mal ganz vorne an und lesen den inkriminierten Text komplett (§ 51 UrhG).

nemmersdorfer-kirchenbote-ehe-fuer-alle-pfarrer-weigel-cover

>>Nachdem die Homo-Ehe praktisch vom Staat eingeführt und legalisiert wurde, wurde kürzlich die weitergehende Forderung laut, die „Ehe für alle“ einzuführen. Die saarländische Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer hat sich dagegen ausgesprochen. Dafür wurde sie heftig gescholten. Zu Unrecht, wie ich meine. Die „Ehe für alle“ würde in der Konsequenz nämlich in der Tat bedeuten, dass auch die Ehe unter nahen Verwandten (z. B. zwischen Eltern und Kindern oder Geschwistern) dann ebenfalls möglich wäre; oder auch die „Ehe“ zwischen einem Menschen und seinem geliebten (Haus-)Tier (z. B. mit seinem Hund, seiner Katze, seinem Pferd, seinem Schaf, seiner Kuh . usw.). Auch der Mehrehe wäre dann Tür und Tor geöffnet, wie sie z. B. schon seit alters her im Islam, aber auch in christlichen Sekten in den USA und anderswo praktiziert wird.
Wundern Sie sich also nicht, wenn ich mir demnächst einen Harem mit mindestens 365 Ehefrauen zulege (für jeden Tag des Jahres eine). Achtung: Nur Spaß – ich hoffe, Sie verstehen Humor!
Wie dekadent und pervers müssen einzelne Vertreter unserer Politik und Gesellschaft eigentlich sein, um auf solche Ideen und Forderungen zu kommen? Die Verwirrung auf diesem Gebiet wird immer größer.
Auch hier kann uns die Bibel Orientierung und Wegweisung geben. Schauen wir uns deshalb einmal genauer an, wie Jesus sich die Ehe gedacht hat. Über die Gemeinschaft in der Ehe sagt Jesus im Matthäus-Evangelium Kapitel 19, Vers 4 – 6:
„Gott, der im Anfang den Menschen geschaffen hat, schuf sie als Mann und Frau und sprach: ,Darum wird ein Mann Vater und Mutter verlassen und an seiner Frau hängen, und die zwei werden ein Fleisch sein.‘ So sind sie nun nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch. Was nun Gott zusammengefügt hat, das soll der Mensch nicht scheiden‘!“
Diese Verse aus dem Matthäus-Evangelium werden bei jeder kirchlichen Trauung vorgelesen. Was können wir ihnen entnehmen? Wie hat sich Jesus die Ehe nach seinem Willen vorgestellt? – Er will keinesfalls eine „Ehe für alle“! Ehe nach dem Willen Jesu ist:
1. die engste Verbindung zwischen einem Mann und einer Frau.
2. Die Ehe ist prinzipiell auf leibliche Nachkommenschaft hin angelegt.
3. Die Ehe ist grundsätzlich unauflöslich. Sie soll Bestand haben, solange die Ehepartner leben.
Menschen, die „Ja“ zu diesen Grundprinzipien der Ehe sagen, segnet Gott. Alles andere ist keine Ehe, weder im Sinne des Grundgesetzes, und schon gar keine christliche Ehe.
Eine „Ehe für alle“ widerspricht dem ausdrücklichen Willen Jesu und steht nicht unter dem Segen Gottes.

Mit sommerlich-sonnigen Grüßen,
Ihr Pfarrer Dr. Günter Weigel<<

Es juckt natürlich in den Fingern, als erstes zu kommentieren, über die Qualität des Beitrags könne man sicherlich streiten – um Distanz aufzubauen. Doch genau da liegt schon ein Fehler: Ist es Aufgabe von (weltlichen) Journalisten, intellektuelle oder geistliche Tiefgründigkeit einer Kurzpredigt zu bewerten? Und ist das eigene Verständnis eines solchen Textes dafür die geeignete Richtskala?

Versuchen wir es also mal, was den reinen Text angeht, systematisch:

a) Pfarrer Weigel wendet sich gegen eine „Ehe für alle“ – die er einer „praktisch vom Staat eingeführt[en] und legalisiert[en]“ „Homo-Ehe“ gegenüberstellt. Das mag sehr tricky oder ein Versehen sein, jedenfalls bezieht sich alles in dem Artikel auf die nicht näher bestimmte „Ehe für alle“, nicht auf die „Homo-Ehe“.

b) Weigel knüpft an die Aufregung um das Interview mit Kramp-Karrenbauer in der Saarbrücker Zeitung an und pflichtet der CDU-Frau bei, einer ersten Öffnung der Ehe werden weitere folgen. Das darf man für Dummzeug halten, juristisch ist aber die willkürliche Begrenzung viel schwieriger zu rechtfertigen. Und mit der von leitenden Protestanten vorgetragenen Position, auf Dauer angelegten Liebesbeziehungen wolle man den Segen nicht verwehren, ist die Beschränkung auf Paare auch schwierig zu begründen. So oder so: Es gab die Diskussion schon, intensiv-medial, auf diese hat Weigel Bezug genommen. Diese Information darf in einem Bericht über Weigels Text nicht fehlen.

c) Die Verwandtenheirat ist so abwegig nicht, außerhalb der geraden Blutslinie ist sie in Deutschland sogar erlaubt. Die Sinnhaftigkeit des strafrechtlichen Inzestverbots wird tatsächlich von namhaften Denkern bezweifelt, eine Korrektur des noch bestehenden Eheverbots (§ 1307 BGB) wäre dann vermutlich folgerichtig.
Dass Weigel diese Verwandtenehen nicht möchte, sollte ihm nicht nur als Meinungsfreiheit zugestanden werden: als jemand, der kirchliche Trauungen vollzieht, dürfte man ihm sogar eine besondere Kompetenz zusprechen – und zwar gerade unabhängig davon, ob einem das Ergebnis passt.

d) Die Ehe zwischen Mensch und Tier steht derzeit tatsächlich nicht besonders aufdringlich im Raum, wie Moritz Kircher vom Nordbayerischen Kurier recherchiert hat.*)
Aber: Hat das Weigel behauptet? Er prognostiziert diese Möglichkeit als Konsequenz einer radikalen „Ehe für alle“, und es sollte für Sprachwesen exegetisch ein Leichtes sein, dies für eine satirische Überspitzung zu halten. Darauf deutet nicht nur die konkrete Benennung einzelner Tierarten, sondern auch die nachfolgende Aufklärung, man solle sich nicht wundern, „wenn ich mir demnächst einen Harem mit mindestens 365 Ehefrauen zulege“. Weigel setzt nur in diesem tierlichen Zusammenhang „Ehe“ in Anführungszeichen. Nicht ganz so bedeutsam, aber der Vollständigkeit halber zu erwähnen: der Autor selbst behauptet, genau diese satirische Überspitzung intendiert zu haben.
Aber selbst, wer dieser Hermeneutik nicht folgen mag, sollte sich in einer Erregungspause fragen, wen oder was eine nicht-satirische Warnung vor der Ehe zwischen Menschenfrau und Katzenkater diskriminieren oder intellektuell beleidigen sollte.
Was hat denn eine homosexuelle Paarbeziehung mit Zoophilie zu tun? Nichts, eben. Beides wird hier auch nicht verglichen oder miteinander in Bezug gesetzt. Weigel denkt nur das Rechtsinstitut Ehe weiter (das, es sei ob der inzwischen vielen wirklich „bizarren“ Überschriften zu dem Thema betont, nichts mit Sex zu tun haben muss). Und da sollen mal gerade Protestanten nicht so verstört gucken, schließlich hat ihr Luther den bekannten Satz geprägt: Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott. Wenn also schon ein Auto oder Beruf zu Gott werden können…
Der schnöde Ehe-Text des BGB (§ 1353) jedenfalls ließe sich für allerhand Veralberungen nutzen.

e) Einzelne politische Forderungen hat Weigel nicht genannt und zugeordnet, weshalb seine Entrüstung vielleicht etwas überraschend kommt:

„Wie dekadent und pervers müssen einzelne Vertreter unserer Politik und Gesellschaft eigentlich sein, um auf solche Ideen und Forderungen zu kommen?“

Aber sein Text ist auch recht kurz, und wer sich nur mal in Erinnerung ruft, welch wechselhafte Rechtsgeschichte die Sodomie durchlaufen hat, wird allerhand zum Staunen finden, eben auch aus dem Politikbetrieb.

f) Wer meint, Weigel werfe hier alles durcheinander, seine Gedanken seien „bizarr“ oder verworren, der wird dann zwangsläufig seiner Feststellung zustimmen müssen: „Die Verwirrung auf diesem Gebiet wird immer größer.“ Das ist rhetorisch ein toller Kniff.

g) Danach folgt eine biblische Begründung Weigels Ablehnung einer „Ehe für alle“. Daran wird man nichts auszusetzen finden, entsprechende Diskussionen sind ja auch hunderttausendfach geführt worden. Es gibt halt solche und solche Ansichten.

Was also war jetzt der Aufreger? Was hat diesen „Leitartikel“ in einem kleinen Gemeindebrief zu einem nationalen Problem erhoben? Im Focus-Blog liegt die Relevanz allein darin begründet, dass die Süddeutsche Zeitung etwas geschrieben hat, was man daher dringend ab- und umschreiben musste. In der SZ klingt eine andere Legitimation an: nicht die Pfarrerrede gegen eine „Ehe für alle“ an sich weckte den journalistischen Jagdtrieb, sondern die Beschwerde eines homosexuellen Paares aus der Gemeinde, das sich an die bayerische Kirchenleitung als oberste Pfarreraufsicht gewandt hat. Aber ist das ein Relevanzkriterium – eine Beschwerde?

Wird nicht sonst gerne gefordert, Kirchenleute sollten sich mutiger bekennen und für ihre Werte eintreten? Muss nicht jedes deutliche Wort, wenn es nicht belanglos sein soll, irgendwen vor den Kopf stoßen? Predigt der Pfarrer gegen die Ausbeutung der tierischen Mitgeschöpfe, beschweren sich die Bauern (passiert regelmäßig, deshalb sagen auch prominente Kirchenvertreter nichts Interessantes zur Landwirtschaft). Ruft der Pfarrer zum Autofasten auf, fühlen sich Berufspendler diskriminiert und zu unrecht als Umweltsünder gebrandmarkt. Fordert er mehr (finanzielle) Anerkennung für Kindergärtnerinnen, steigt ihm der Bürgermeister aufs Dach etc.

Was also war jetzt der Aufreger? Wagen wir einen Schnellcheck einiger journalistischen Qualitätskriterien für den SZ-Bericht (in simplen drei Stufen):
Aktualität: Ja
Ausgewogenheit: Ja
Ethik: unklar (Was die Berichterstattung auslöst, ist noch unbekannt)
Neuigkeit (Investigation): Nein (der konkrete Fall schon, aber ähnliche Überlegungen sind schon zigfach publiziert worden, prominent etwa von Bischof Stefan Oster)
Objektivität: Ja
Relevanz: Nein
Richtigkeit: Ja (soweit von uns – richtig – geprüft)
Transparenz: Nein (es fehlt ein Hinweis auf das Zustandekommen der Geschichte, was uns evtl. wichtiges zur Motivlage sagen könnte)
Vollständigkeit: mittelprächtig (Auszug des kritisierten Textes zu kurz; Anspielung auf eine frühere Kritik Weigels völlig unnachvollziehbar – es ging um den PR-Film „Eine Tür ist genug„)

Eine Sache verdiente dann allerdings doch noch genauere Beachtung, wo die Geschichte schon mal auf dem Tisch ist: das Verhalten der Landeskirche.
Derart klare, gegen einen Pfarrer gerichtete Worte wie nun von Michael Mädler (Leitung Presse- und Öffentlichkeitsarbeit/Publizistik im Landeskirchenamt der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern) gibt es äußerst selten. Und dass man in der Oberverwaltung einer Landeskirche, deren Bischof derzeit auch EKD-Ratsvorsitzender ist, mit der Interpretation eines theologischen Textes „unsere Juristen“  beschäftigt, lässt richtig Schreckliches ahnen.

Ceterum censeo: „Medienblogger und Medienjournalisten jammern vorwiegend darüber, dass bestimmte Medien ihre politischen Ansichten nicht teilen. Und sie ignorieren Fehlleistungen, wenn die Beiträge ihrer eigenen politischen Meinung entsprechen.“ (Markus Reiter, Deutschlandradio)

Update 12. August:

1) Neue Variante der Interpretationskunst: Nun hat Weigel „Ehe für alle“ mit Kindesmissbrauch verglichen. Der Text auf infranken.de  ist vom epd, die Überschrift hoffentlich nicht. Kleiner Tipp vom Biologen: „Eltern“ und „Kind“ bezeichnet hier Verwandtschaft, kein Alter. Aber das merken sicherlich spätestens „die Juristen der bayerischen Landeskirche“.

in-franken-epd-nemmersdorf-sodomie-kindesmissbrauch

2) Dank n24 werden wir aufgeklärt, dass es Inzest zwischen Mensch und Tier gibt. Linné, Darwin – da müsst ihr wohl noch etwas nachbessern.

n24-inzest-mit-tieren>>Dr. Günter Weigel, Pfarrer der ländlichen evangelischen Kirchengemeinde Nemmersdorf in Oberfranken, hat in seinem Gemeindebrief die Ehe für schwule Paare mit inzestuösen Beziehungen zwischen Mensch und Tier verglichen.<<

3) Weder der Sprecher der evangelischen Landeskirche noch die dortigen Juristen haben übrigens bisher von Pfarrer Weigel eine Stellungnahme haben wollen (wie bisher die meisten „Berichterstatter“). Wozu sonst hat man in der Schule die werkimmanente Interpretation geübt?!!

4) Rosenheim.

5) Einen Überblick der Social-Media-Kommentare bei rivva.

6) Der Qualitätsfunk meldet sich zu Wort. Unbelievable. Soviel Unverstand ist doch schon strafbar (in anderen Zusammenhängen wird da gerne von Volksverhetzung gesprochen). Der Bayerische Rundfunk schreibt: „Die gleichgeschlechtliche Ehe sei wie eine Ehe zwischen Mensch und Tier: Dieser bizarre Vergleich des Pfarrers aus Nemmersdorf (Lkr. Bayreuth) beschäftigt nun die evangelische Landeskirche. Sie prüft juristische Konsequenzen.“ Man beachte auch die tolle Karriere des Adjektivs „bizarr“, hoffentlich bekommt Mädler dafür Tantiemen.
br-pfarrer-homophobie

*) = Investigativ-Hinweis: Die Geschichte ausgegraben hat Moritz Kircher, im Nordbayern-Kurier veröffentlicht am 8. August 2015. In seinem Artikel kommt u.a. auch jemand aus dem Kirchenvorstand zu Wort. Von Kircher stammt auch der Verweis auf eine frühere Andacht Weigels im Gemeindebrief; darüber hatte Kircher im Mai 2014 geschrieben: Pfarrer Weigel nahm damals Anstoß an einem PR-Video der EKD. Im Kirchenboten Mai-Juli 2014 hieß es damals:

>>Seit Ende Februar hat die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) die Aktion gestartet: „Eine Tür ist genug“. In dieser Aktion möchte sie deutlich  machen, dass Menschen in allen Beziehungsformen in der Kirche willkommen sind. Vorgestellt werden Menschen, die als Hetero-, Homo- oder Intersexuelle leben. Auf der Internetseite der EKD heißt es: „Eine Tür ist genug – alle gehören dazu“;  Frauen und Männer, vom anderen oder vom gleichen Geschlecht angezogen, in Paarbeziehung lebend oder alleinstehend, Männer, die sich als Frauen fühlen, Frauen, die sich als Männer fühlen, Menschen mit ganz individueller Geschlechtsidentität. Zu sehen ist bei dieser Aktion ein Video, in dem sich Menschen mit unterschiedlichen sexuellen Identitäten, in oder vor der Toilette begegnen.  Die EKD setzt sich also dafür ein, die Toilettentüren für beide Geschlechter abzuschaffen und nur durch eine Tür zu ersetzen.
Diese Aktion ist für mich ein Skandal. Gott, der Schöpfer, hat nur zwei Geschlechter geschaffen: Mann und Frau. Das Video wurde aus Kirchensteuermitteln finanziert. Ist eine solche Aktion Aufgabe der Kirche? Wie geht die EKD mit Kirchensteuergeldern um? Spenden unsere Gemeindeglieder für so einen Schwachsinn? Im Kirchenvorstand überlegen wir, ob wir künftig keine Kollekten mehr an die EKD überweisen. Kritische Stimmen zu diesem Video wurden nicht veröffentlicht und unterdrückt. Die EKD gleicht damit einer totalitären Organisation, die andere Meinungen zensiert, so wie wir es in totalitären Regimen vorfinden. Ich kann mich davon nur aufs Schärfste distanzieren.<<

Es folgten Überlegungen zum Bibelwort „Jesus Christus spricht: Ich bin die Tür; wenn jemand durch mich hineingeht, wird er selig werden.“ Damals hatte sich laut Kircher Dekan Hans-Martin Lechner schützend vor Weigel gestellt: Eine Andacht solle immer zum Nachdenken anregen und „über diese Andacht kann man eben trefflich streiten“. Eine „theologisch schwachbrüstige Argumentation“, wie sie die byerische Kirchenverwaltung nun im aktuellen Fall Weigel vorwirft, diagnostizierte damals niemand. Die EKD-Kampagne war tatsächlich hoch-umstritten, über nicht-veröffentliche Kommentare gab es viele Beschwerden.