Fragen stellen und Antworten verstehen

Von der diesjährigen „Jahreskonferenz“ des Vereins „Netzwerk Recherche“ nur Eindrücke von zwei Veranstaltungen zu sehr grundlegenden Problemen im Journalismus.

1. Fakten statt Fiktionen – das bleibt eine Herausforderung

Mit dem richtigen Zuhören haben selbst gestandene Journalisten wie Hans Leyendecker ein Problem. Und das kann einen wahnsinnig machen, weil richtiges Zuhören (und Verstehen) die Voraussetzung für objektive Berichterstattung ist. Aber auch viele Journalisten hören, was sie hören wollen – bis hin zur Skandalisierung.
Alexander Gauland, stellvertretender Sprecher der Bundes-AfD und bis vor kurzem Vorsitzender in Brandenburg, hatte die Einladung zu einer Podiumsdiskussion angenommen, Titel: „‚Populisten‘ und ‚Lügenpresse‘ – Die AfD und die Medien“.
Die Besetzung des Panels sprach schon nicht für all zu viele neue Erkenntnisse, denn neben Gauland nahmen drei Journalisten Platz: Melanie Amann vom Spiegel, Kai Gniffke von ARD aktuell und als Moderator Stefan Weigel von der Rheinischen Post. Ein Medienforscher etwa oder ein ausländischer Beobachter fehlten, so dass Gauland über weite Strecken drei Kontrahenten gegenüber saß, die sich intellektuell schmerzhaft an der Forderung festbissen, Gauland habe dafür zu sorgen, dass Journalisten bei AfD-Veranstaltungen nicht ausgeschlossen werden, andernfalls müsste er doch wohl aus der Partei  austreten. Denn Gauland betonte zigfach, er selbst sei immer gegen Presseausschlüsse gewesen und in dem von ihm geführten Landesverband Brandenburg habe es das auch nie gegeben. Zur Erinnerung: Gauland selbst war 14 Jahre Herausgeber einer Tageszeitung, der Märkischen Allgemeinen.  Weiterlesen

Ausländerkriminalität: Fragen wird man wohl noch müssen

Dass sich in den Sozialen Medien Leute reflexartig mit Juhu und Bäh profilieren wollen, mit Begeisterung und Verachtung, mit dem lukeschnell aus der Hüfte geschossenen Totalverriss tagelanger journalistischer Arbeit, gehört zur digitalen Ökologie – und die ist wertfrei. Es ist, wie es ist – der Journalismus muss sich des Phänomens nicht groß annehmen.
Wenn aber Journalisten selbst in dieser Art Journalismus infrage stellen, haben wir ein Problem. Denn wenn schon Journalisten mit einem Federstreich Journalismus aus markenstarker Quelle für Bullshit erklären, besteht wohl grundsätzlich Anlass, dieser angeblichen Info-Profession zu misstrauen.

Dass Journalisten so wie jeder Mensch ihre Meinung zu allem und jedem kund tun dürfen, ist unbestritten – wenn auch allein dies in vielen Zusammenhängen das Vertrauen in objektive Berichterstattung trüben kann.

Wenn sich Journalisten oder ihre Medien allerdings gegenseitig vorwerfen, Propaganda statt Aufklärung zu betreiben, hat sich das Business tatsächlich erledigt. (Den Verlagen und Sendern wird das wenig ausmachen, sie verkaufen dann eben nur noch Kochtöpfe und Unterhaltung, Journalisten braucht es dafür allerdings nicht, allenfalls zum Päckchenpacken und Durchfeudeln.)

Nur weil Mario Sixtus auf Twitter (über einhunderttausend Follower) im Cover der aktuellen „FAZ Woche“ eine Wiederkehr des „Stürmers“ sieht, habe ich mir das Heft gekauft (von dessen Verzichtbarkeit in meinem Medienplan ich mich schon vor einiger Zeit überzeugt hatte).
Aber Sixtus‘ kleine Notiz war zu provozierend:

Er konnte zu seinem Geistesblitz ja nur nach Lektüre des Artikels gekommen sein, schließlich gab das von ihm zitierte Cover zu einer Stürmer-Analogie nun überhaupt keinen Anlass.
Doch der Text tut dies noch weniger. Von Propaganda nicht die Spur! Die Redakteure Philip Eppelsheim und Andreas Nefzger erläutern völlig unaufgeregt Zahlen aus der „Polizeilichen Kriminalstatistik“ (PKS) und lassen Fachleute zu Wort kommen. Ein ganz normales Stück.

Sollte die Kritik ernsthaft an einer stinknormalen Frage festgemacht sein? „Wie kriminell sind Ausländer?“ steht klein auf dem Umschlag. Oder gar an der Silhouette dreier Personen, eine davon mit bekanntem Sportgerät in der Hand? Sixtus schreibt dazu in einem weiteren  Post: „Es ist dabei völlig egal, was in dem Artikel steht. Umpfzigtausend Menschen sehen im Netz und am Kiosk nur den Titel, und der bleibt hängen.“
Doch was soll da hängenbleiben? Eine Schlagzeile „Tatort Deutschland“ und drei nicht erkennbare Personen, aus der Nähe betrachtet wohl ohne Frauenquote?

Was erstaunlich viele Journalisten, die sich lautstark auslassen, nicht verstehen, ist ihr Job. Journalismus soll Fragen stellen, Antworten darauf suchen, diese aufbereiten, gewichten und als Informationsangebot zur Verfügung stellen, zur Orientierung, zur gesellschaftlichen Diskussion, und aus dem, was damit geschieht, sollen sie ggf. weitere Fragen entwickeln, Antworten suchen …

Aber es ist absolut nicht die Aufgabe des Journalismus, Menschen von bestimmten Positionen zu überzeugen, sie Glaubensbekenntnisse nachbeten zu lassen, ihr Verhalten in eine bestimmte Richtung zu lenken. Das ist gemeinhin die Profession der vom Journalismus so sehr (m.E. zu Unrecht) verachteten PR (m.E. konkreter: der Werbung).
Am Beispiel Ausländerkriminalität: Vielen Journalisten erscheint schon jeder Blick auf Zahlen und Fälle verboten, solange sie sich im Gefühl wiegen, es gebe da keine eklatanten Auffälligkeiten, gerne beschrieben mit dem Satz: „Ausländer sind nicht krimineller als Deutsche.“
Wenn dem so ist, ist dies die Information, die Journalismus zur Verfügung stellen muss – mit Quelle und ein paar mehr Details. Journalismus kann aber aus sich heraus gar nicht taxieren, ob das nun eine gute oder schlechte Nachricht ist, ein Langweiler oder ein Aufreger. Es ist legitim zu erwarten, dass sich Ausländer in dieser oder jener Weise in ihrem Gastland verhalten und mithin nicht strafrechtlich auffällig werden. Es ist ebenso legitim zu erwarten, dass Ausländer weit überdurchschnittlich kriminell sind, weil sie aus bestimmten Verhältnissen kommen, traumatische Erlebnisse haben, nur wegen finanzieller Erfolgsaussichten im kriminellen Business einreisen oder sonst etwas. Journalisten sollten ihre Ohren aufsperren und diese unterschiedlichen Positionen wahrnehmen, dazu wiederum Fragen stellen…

Der Artikel in der FAZ-Woche macht das recht lehrbuchhaft: er dröselt die Zahlen auf, er trägt Interpretationsmöglichkeiten vor, er stellt Beziehungen her, lässt diese von anderen bewerten. Aber der Artikel gibt nicht die einzig zulässige Befindensmöglichkeit vor: Es ist Sache jedes einzelnen Bürgers, die dargestellten Ermittlungszahlen groß oder klein zu finden, bedrohlich oder beruhigend oder belanglos.

Zum Titelthema veröffentlicht die FAZ-Woche auch eine zwei Seiten umfassende Vertiefung zum speziellen Segment „Drogenkriminalität“. Auch das recht nüchtern. Die Interpretation bleibt wieder dem mündigen Bürger überlassen. Ich kann das ganze Thema z.B. vom Tisch wischen, wenn Politik und Wähler von Bevormundung und Besserwisserei abrücken und alle Drogen freigeben: freier Konsum für freie Bürger. Aber auch zu Drogen liefern viele Journalisten lieber Benimmunterricht als Fakten. Das zum FAZ-Artikel „Kampf gegen die Hydra“ veröffentlichte Foto z.B. zeigt eines der vielen Informationsdefizite: Wo sind die unabhängigen, sprich verdeckten Beobachtungen polizeilicher Arbeit? Mir persönlich wird schlecht wenn ich sehe, wie Polizisten intim befingern, wen sie und wo sie jemanden für interessant halten, minderjährige Bleichgesichter natürlich eingeschlossen. „Alltägliche Szene: Die Polizei kontrolliert mutmaßliche Dealer im Frankfurter Bahnhofsviertel“ steht bei dem Bild; von dem, was da tatsächlich passiert, gibt es nichtmals eine Ahnung. Mehr Infos bitte! Dann kann sich mit mir erbrechen, wem danach ist, oder sich daran ergötzen und mehr Härte fordern – das liegt nicht im Zuständigkeitsbereich des Journalismus. Seine Aufgabe ist es, wissbegierig und wachen Verstandes hinzuschauen – und die recherchierten Informationen bereitzustellen. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk kann, darf und soll das selbst dann tun, wenn sich überhaupt niemand dafür interessiert. Der kundenfinanzierte Journalismus kann sich das nicht leisten und muss auch noch für die Aufmerksamkeit sorgen. Die FAZ-Woche hat dabei sicherlich nicht gegen Qualitätsstandards verstoßen.

Wenn jetzt Journalismus nicht mehr nur von denjenigen diskreditiert wird, die in seinen Produkten vorkommen, sondern direkt von denen, die ihn produzieren, hat er sich schlicht erledigt.

Rigide redigierende Redakteure

Sie sind die besten im Text, die Popstars der Sprache: Redakteure (m/w). „Wenn ein unfertiger Text ein Kind ist, das sich noch entwickeln muss, dann sind gute Redakteure ein wenig wie Eltern, die ein Manuskript das werden lassen, was es eigentlich sein könnte.“ Da japst der Autor nach Luft und der freie Journalist erbricht sich vor Schreck. Als unfertiges Menschenkind mit Adoptiveltern hatte er (m/w) sich bislang nicht gesehen. Doch die das sagen, sind so unschlagbar vom Fach, dass Welten kleiner Journalisten-i-Dötzkes zusammengebrochen sein müssen, als am 5. August das Zeit-Magazin zum Thema Redigieren erschien: „Ein Heft, wo wir Ihnen alles verschönern tun“ stand rot unterringelt auf dem ersten Umschlag, und dann folgte die vor Selbstsicherheit strotzende Ankündigung: „Wir machen das Beste aus Ihren Texten“.

Bei meiner Suche nach den Katastrophengebieten, die ich vor allem in den Journalisten-Slums von Hamburg und Berlin wähnte, wurde ich heulend zähneklappernder, depressiver oder gar suizidaler Kolleginnen und Kollegen allerdings nicht gewahr – zumindest war das Redigier-Heft der Zeit nicht ursächlich dafür. Zu vertraut ist den meisten Freien die Fehlübersetzung von Redigieren als „Texte verschönern“ – wie im Zeit-Magazin, das in dieser künstlerischen Tätigkeit die Berufung fest angestellter Journalisten sieht:  „Redigieren ist, was Redakteure tun“.  Weiterlesen

Buchbesprechungen erfordern Fachkenntnis

Spiegel-Interview-Reybrouck

SPIEGEL-Teaser

Ist es schon eine journalistische Leistung, den Inhalt eines (quergelesenen) Buches kurz zu referieren und dem Werk noch eine Schulnote zu verpassen? Zumindest letzteres, die persönliche Bewertung, ist nutzlos, wenn der Rezensent den Weg zu seiner Meinungsbildung nicht nachvollziehbar macht. Dazu dürfte in der Regel auch gehören, das „Marktumfeld“ des besprochenen Buches zu kennen und zu würdigen.

Mit offenbar großem PR-Aufwand ist es dem deutschen Wallstein Verlag gelungen, das bei ihm aus dem Niederländischen übersetzt erschienenen Buch „Gegen Wahlen – Warum Abstimmen nicht demokratisch ist“ von David Van Reybrouck in den Medien zu lancieren. Noch vor dem Erscheinungstag brachte der SPIEGEL ein vierseitiges Interview mit dem Autor, zahlreiche Besprechungen gingen damit einher (u.a. im Deutschlandradio, der Welt, der Süddeutschen Zeitung, dem Tagesspiegel).
Allen journalistischen Beiträgen zu Van Reybroucks Buch ist gemein, dass sie kein Wort über das „Marktumfeld“ verlieren, sprich: die schon lange laufende Fachdebatte um „aleatorische Demokratie“. Das mag man jemandem, der selbst seit zehn Jahren zu genau diesem Thema arbeitet und publiziert, als Erfolgsneid auslegen. Andererseits kann sachliche Mängel eigentlich nur erkennen, wer das Feld zumindest gut beobachtet – wenn nicht gar selbst bestellt.

Alle Rezensenten habe ich darauf aufmerksam gemacht, dass Van Reybrouck zwar ein tolles Buch geschrieben hat, dass seine Idee der Auslosung statt Wahl aber nicht ganz neu ist. Nur ein(e) Autor(in) hat darauf reagiert – und schrieb mir:  Weiterlesen

Lebenspflicht-Journalismus

Was soll eigentlich Journalismus? Viele medienkritische Beiträge vermitteln nicht, dass diese Frage geklärt wäre. Es gibt sicher hunderte Definitionen, die sich in Nuancen unterscheiden oder schlicht in der (systemtheoretischen) Wortakrobatik, doch die grobe Zielrichtung ist dabei unstrittig: Journalismus bearbeitet gesellschaftlich relevante Themen, um Informationen bereitzustellen, die der Meinungsbildung dienen. Kurz gesagt geht es um Aufklärung, weil nur der aufgeklärte Mensch frei entscheiden kann.
Journalismus ist jedenfalls sicherlich nicht Volkserziehung. Journalismus ist nicht Mission. Journalismus ist nicht Kampagne.

Einige Jahre lang wurde als Leitmotiv des Journalismus ein fälschlich Hanns Joachim Friedrichs zugeschriebener Satz gehandelt: Ein seriöser Journalist macht sich mit keiner Sache gemein, auch nicht mit einer guten Sache.

Derzeit habe ich oft den Eindruck, dass es gar keinen Journalismus mehr ohne klares Bekenntnis zu einer vermeintlich guten Sache gibt: Man macht sich gemein mit der Bundesregierung, mit einer bestimmten Politik, mit der Bundeswehr, mit Staatsanwaltschaften, mit Demonstrationen, mit Tortenwerfern.  Weiterlesen

10 Jahre sinnloses PR-Verbot

„Journalisten machen keine PR“ – dieser dogmatische Satz ist seit 10 Jahren das einzige, was vom „Medienkodex“ des Netzwerk Recherche (nr) wahrgenommen wird.
Nun wurde er einer Überprüfung unterzogen – und von der Mitgliederversammlung am 8. Juli 2016 in Hamburg mit nur marginalen Änderungen bzw. Ergänzungen bestätigt. Doch der Satz scheidet weiterhin die Geister, – in diejenigen, die es sich leisten können niemals PR zu machen, und jene, die sich darauf angewiesen sehen, in diesem überjournalistisch bezahlten Publizitätsbereich ihre Fähigkeiten zu vermarkten.

Das wahre Problem mit diesem Satz ist seine Unbestimmtheit: Was soll mit „PR“ gemeint sein, die kein Journalist betreiben darf? Es war vor allem das Leidenschaftsthema von Thomas Leif, Vorsitzender von 2001 bis 2011, und er meinte damit alle Versuche der Einflussnahme auf journalistische Produkte, die verborgenen Spin-Doktoren ebenso wie die öffentliche INSM. Dabei ist PR, ist Öffentlichkeitsarbeit viel mehr – und in weiten Teilen für den Journalismus völlig unproblematisch.

Es beginnt damit, dass jeder Journalist PR macht – nämlich in eigener Sache. Dies zu fördern wird vor allem Freien seit Jahren gepredigt: Marke werden, wiedererkennbar sein, Stil entwickeln. „Klappern gehört zum Handwerk“, von der eigenen Website, den Social-Media-Accounts bis zur Teilnahme an einer Jahreskonferenz des nr, am besten auf und nicht vor dem Podium. Wer als Vorstand des nr irgendetwas für den Verein tut, macht PR: die Vielzahl von nr-Veranstaltungen und nr-Publikationen gehören zum Portfolio professioneller Öffentlichkeitsarbeit.  Weiterlesen

Schlafmützen-Journalismus (Unwetter vs. Gauland)

Früher haben nachts alle gepennt. Bis auf die Räuber – und in den Städten die Nachtwächter. Informationsbedarf hatten jedenfalls die wenisten, sie gaben sich mit den Fantasiegeschichten ihrer Hirne zufrieden, aber die Welt hat sich auch damals schon in der Nacht weitergedreht, weshalb es manchmal schon am frühen Morgen etwas zu erzählen gab.

Neuerdings pennt alles asynchron. Und ist entsprechend ebenso unzeitgleich aktiv, auch wissbegierig. Kollektiv (und zum Teil miteinander) in’er Pofe liegt unterm Säufermond allerdings der deutsche Journalismus.  Weiterlesen

Leberwurst-Journalismus

Nachdem es einige Leberwurst-Journalisten mit ihrer Erregung über Til Schweiger mal wieder (via dpa) bis in meine Provinzzeitung gebracht haben, sollten wir doch mal kurz über die Aufgabe von Kunst- und Medienkritik nachdenken.

Das Grundproblem der Schweiger-Kritiker dürfte sein, was etwa Spiegel-Online in einem Nachrichtenversuch so beschreibt:

„Das Verhältnis zwischen Til Schweiger und Film- und Fernsehkritikern ist angespannt. Der Regisseur und Schauspieler verzichtet oft darauf, seine Filme zu regulären Pressevorführungen vor dem Start zugänglich zu machen.“

Das klingt, als gäbe es einen Anspruch der Presse, Filme für Besprechungen sehen zu dürfen. Dem ist natürlich nicht so, und Schweigers Umgang mit der Presse dürfte bei professionellen Autoren keinerlei Auswirkungen auf die Werkkritik haben. Davon sind allerdings viele, viele Artikel über Til Schweiger weit entfernt.

Was die beiden aktuellen Folgen „Der große Schmerz“ und „Fegefeuer“ sowie die Rezeption eines Facebook-Postings von Schweiger dazu anbelangt, machen die Leberwurst-Journalisten mal wieder keine gute Figur:

– Die beiden Folgen waren ohne Zweifel sehr gut inszeniert. Das Ergebnis muss niemandem gefallen (so wie auch niemand sehr guten Brokkoli mögen muss), aber was Schweiger an die Adresse des Regisseurs Christian Alvart schreibt, wird man cineastisch nicht beanstanden können.

– Dass eine „schlechte“ Fernseh-Quote von rund 20% (7,69 Millionen Zuschauer) Beleg für eine schlechte Sendung sein soll („kein Erfolg„), kann kein Kritiker ernst meinen. Sonst ist eben doch „BILD“ die beste Tageszeitung der Republik. Wenn sich für einen Münster-Tatort mehr Zuschauer finden, sagt das doch nicht das Mindeste über die Qualität des Hamburg-Tatorts. Muss man daran erinnern, was die meistverkaufte deutsche Fernsehserie ist? Soll das der Benchmark sein?

– Eine völlige Unsitte ist es, angeblich journalistische Produkte mit Beschreibungen von anderen Webseiten zu füllen (siehe Kritik 2011), insbesondere mit dem Widerkäuen von Facebook und Twitter. Die Beiträge werden für die dortige Leserschaft geschrieben („Community“), und sie sind öffentlich für jeden Interessierten. Dort kann man sie auch diskutieren oder sich gegenseitig bewerfen – es ist vollkommen überflüssig, das als „Nachricht“ verkleidet auf Papier zu bringen.

– Aber wenn man dann schon als Leberwurst-Journalist+#_in berichten will, was alle auf Facebook lesen können, sollte man es wenigstens verstehen, weil sonst jede Umformung (mehr Eigenleistung ist ja nicht zu erbringen) zu neuer Dichtung wird. (Und wer das schafft, wird im Schweiger-Posting nicht mehr viel Echauffierstoff finden – er ist belanglos.)

Wer die journalistische Leistung der deutschen Fernsehkritik bewerten will, solle sich ihren Umgang mit Til Schweiger anschauen, nicht nur im aktuellen Tatort-Fall. Das dürfte aufschlussreich sein.

5 PS:
Wir haben schon einige schöne Journalismen hier gekürt. Verwiesen sei auf
Zirkusjournalismus,
Seitenfülljournalismus,
Gagajournalismus,
Popeljournalismus und
Phantasiejournalismus.

Mehr PS:
Irgendwo muss man mal die vielen „Journalismen“ sammeln. Aktuell:
Erziehungsjournalismus“ (Jan Fleischhauer)

Ex-Ministerin macht auf Ex-Bundespräsident

Als Promi den Medien zu drohen, wenn einem die Berichterstattung nicht gefällt, gehört zu den deutschen Doofheiten. Christian Wulff musste wegen dieser Erkrankung aus Schloss Bellevue ausziehen.

Gemeinhin delektieren sich die deutschen Medien an solchen Vorgängen. Wo man Angriffe auf die Pressefreiheit vernimmt wird unter Journalisten der Bündnisfall ausgerufen. Normalerweise.  Weiterlesen

Empörung statt Recherche

Woran erkennt man die Qualität eines journalistischen Artikels? Diese Frage beschäftigt uns hier im Blog schon seit vielen Jahren, und die Suche wird weitergehen. Da sich auf die Schnelle ein Sachverhalt  vom Rezipienten meist nicht prüfen lässt (von persönlichen Spezialkenntnissen abgesehen) ist ein wichtiges Indiz die einem Beitrag zugrunde liegende Recherche – erkennbar an den genannten Quellen und ihrer Einordung. Erstaunlich oft ist da aber – wenig. Ein Beispiel:

Der Bürgermeister von Jüterbog, Arne Raue, schrieb am 3. November 2015 auf Facebook folgendes:

Infektionsgefahr-Fluechtlinge-Ausgangspost-BM

Kontakt mit Asylbewerbern und Flüchtlingen-
Warnung vor Infektionskrankheiten

Ich bin heute schriftlich durch eine Ärztin als Bürgermeister darauf hingewiesen worden, dass schon bei geringfügigem Kontakt mit Neuankömmlingen Gefahr von Infektionskrankheiten besteht. Einige Infektionskrankheiten können verstärkt auftreten:
-Windpocken
-Keuchhusten
-Poliomyelitis
-Röteln
-Mumps
-Hepatitis A
-Hepatitis B
Zusätzlich gibt es auch solche Infektionskrankheiten, gegen die es leider keine wirksame Impfung gibt und die in vielen Entwicklungsländern noch weit verbreitet sind. Hierzu zählt vor allem Tuberkulose. Sie wird durch Tröpfcheninfektion, also über die Luft, übertragen.
Ich weise die Bevölkerung von Jüterbog ausdrücklich darauf hin.
Für das städtische Personal werde ich vorsorglich (soweit für einzelne Krankheiten möglich) Impfungen anbieten.

In den Facebook-Kommentaren dazu gibt es die übliche Lagerbildung: „Hetze“ werfen  die einen vor, „Verharmlosung“ die anderen. Man giftet sich gegenseitig an, nur vereinzelt gibt es sachliche Beiträge. Soweit, so traurig-normal.

Doch wie greifen die Medien das Thema auf? Sie setzen wie so oft bei der Empörung an. Das geht besonders einfach, wenn sich politische Widersacher zu Wort gemeldet haben. So bringt die Märkische Allgemeine die notorische Rücktrittsforderung:

Angesichts von Stimmungsmache gegen Flüchtlinge sei Raue „unhaltbar“, so Grünen-Landeschef Clemens Rostock. Es sei ein von rechten Kräften in die Welt gesetztes Gerücht, dass Flüchtlinge die Gesundheit anderer gefährdeten.

Der kurze Beitrag des Bürgermeisters wird ohne weitere Erläuterungen als Tritt ins „Fettnäpfchen“ bezeichnet, der nicht sein erster sei:

Zuletzt hatten Stadtverordnete im Mai seine Alleingänge gerügt und die Kommunalaufsicht des Kreises eingeschaltet.

Erst danach werden weitere Einschätzungen gebracht, die aber allesamt politisch sind. Eine Beschäftigung mit dem Kernthema erfolgt nicht, obwohl sie recht einfach wäre:

Gegen alle genannten Krankheiten außer Hepatitis B und Tuberkulose empfiehlt das Robert Koch Institut bzw. die Ständige Impfkommission grundsätzlich eine Impfung, und diese ist in Deutschland auch schon lange üblich, erfolgt also, wenn Eltern sie ihren Kindern nicht aktiv verwehren (weshalb immer wieder über eine Impfpflicht diskutiert wird). Schutzimpfungen gegen Hepatitis A wird nur für bestimmte Personengruppen bzw. bei bestimmten Aktivitäten (u.a. Reisen in Prävalenz-Gebiete, homosexuell aktive Männer, medizinisches Personal) angeraten.

Dass in Ländern, aus denen derzeit viele Flüchtlinge kommen, keineswegs von einer durchgängig vorhandenen Immunisierung gegen diese Krankheiten ausgegangen werden kann, ist bekannt – und ein wichtiges Thema der Gesundheitsämter. Allerdings besteht eben für Geimpfte in Deutschland keine Gefahr. Durch die Flüchtlinge hat sich also an der Situation nichts geändert: jeder darf bisher noch selbst entscheiden, ob er sich gegen bestimmte Infektionskrankheiten impfen lässt oder nicht – und die Nicht-Geimpften werden meist deshalb nicht krank, weil eben der größte Teil der Mitmenschen geimpft ist und damit eine Krankheitsausbreitung verhindert (auch dies beschreibt das Robert-Koch-Institut (RKI) an zig Stellen).

Eine Orientierungsleistung des Journalismus in dem Zusammenhang könnte also sein zu erläutern:
– dass für Personen mit Imfpschutz kein Risiko besteht
– eine Infektion immer direkten (bzw. nahen) Kontakt mit einem infektiösen Erkrankten voraussetzt (längst nicht jeder Infizierte kann auch zum Überträger einer Krankheit werden!)- dass es in Deutschland nicht-übertragbare Krankheiten gibt (Malaria etwa – bis der Klimawandel weiter vorangeschritten  ist jedenfalls)
– wie man sich vor nicht-impfbaren oder in Deutschland nicht geimpften Krankheiten schützen kann (dazu müsste man sich nur vergegenwärtigen, was Ärzte machen, die täglich mit allen möglichen Krankheiten zu tun haben und dies meist gut überstehen).

Auch die (vorsichtige) Warnung vor Tuberkulose von Bürgermeister Raue könnte man journalistisch, also recherchierend, aufarbeiten, anstatt sie aus dem Bauch heraus zur Panik- oder Stimmungsmache zu erklären. Man könnte dabei u.a. feststellen:
– dass das RKI Flüchtlinge durchaus als Risikogruppe sieht:

In Deutschland ist die aktive Fallsuche von Erkrankten eine wichtige Voraussetzung für die Reduzierung der Erkrankungshäufigkeit an Tuberkulose. Diese besteht in der Umgebungsuntersuchung von Kontaktpersonen infektiöser Tuberkulosepatienten.8 Zu den Zielgruppen für eine aktive Fallsuche gehören darüber hinaus Migranten aus Ländern mit hoher Tuberkulose-Prävalenz (wie Asylsuchende, Flüchtlinge, Aussiedler) und Personengruppen mit erhöhtem Infektionsrisiko, z.B. Obdachlose, Drogengebraucher und Gefängnisinsassen.

– dass längst nicht alle Flüchtlinge sofort bei Aufnahme in eine Sammelunterkunft (Erstaufnahmeeinrichtung, entsprechende Außenstellen oder „Überlauflager“) auf Tuberkulose untersucht werden, sondern i.d.R. nur ein medizinischer Schnellcheck erfolgt (Anamnese, also Befragung, Fibermessen etc.), eine TBC-Prüfung erst später erfolgt (was einige Zeit dauern kann, zumal wenn Flüchtlinge sich auf eigene Faust auf den weiteren Weg machen)
– dass eine „geschlossene Tuberkulose“ nicht ansteckend ist
– die allermeisten Flüchtlinge, die in Deutschland ankommen, gesund sind*, was kein politisches Bekenntnis ist, sondern schlicht der Tatsache geschuldet ist, dass mit einer schweren Erkrankung die strapaziöse Reise bis hier meist gar nicht machbar wäre und die Inkubationszeit der meisten Krankheiten ggf. im Zeitverlauf der Flucht liegen müsste. (*=Diese Einschätzung stammt von einem niedergelassenen Arzt, der bei Erstuntersuchungen mitwirkt.)

Das Fazit könnte also sein: Es besteht natürlich die Gefahr einer Krankheits-Infektion für Personen, die unmittelbaren, nahen Kontakt mit infizierten Flüchtlingen haben, aber die Gefahr unterscheidet sich nicht vom Risiko bei der Begegnung mit anderen Personen (z.B. Deutschen, die im Urlaub waren), die nicht geimpft sind und sich eine Bakterien- oder Virusinfektion eingefangen haben. Es schützen die empfohlenen Grundimpfungen und die Regeln der Hygiene (u.a., – peinlich, dass man darauf in Deutschland immer noch hinweisen muss: regelmäßiges Händewaschen).

Was wäre nach einer solchen Recherche noch am Posting des Bürgermeisters von Jüterbog auszusetzen? Dass er nicht das lange Erklärstück geliefert hat, welches auch die Journalisten nicht zustande bringen? An seiner Information ist nichts falsch, sie entspricht dem, was das für maßgeblich gehaltene RKI selbst ständig schreibt; sein Angebot, für städtische Mitarbeiter Imfpungen anzubieten (was wohl meint: die Kosten zu übernehmen, die nicht regulär von den Kassen getragen werden, das betrifft regulär Hepatitis und die Schutzimpfungen gegen „Kinderkrankheiten“ im Erwachsenenalter) ist konstruktiv und nach dem Stand der Dinge verantwortungsvoll, nicht Panik verbreitend. Und es bleibt die Frage, warum die Medien selbst das Thema nicht (flächendeckender) selbst aufgegriffen haben – denn wer vor Ort recherchiert, bei den Helfern etwa, der stößt geradezu unweigerlich darauf.

Die Märkische Allgemeine (MAZ) war natürlich nicht die einzige Zeitung, die aus einer Info einen Eklat gemacht hat.
Der Tagesspiegel (Berlin) etwa dichtet schon in der Überschrift: „Bürgermeister bezeichnet Flüchtlinge als ansteckend“. Der Teaser in BILD-Erregung:

Jüterbogs Bürgermeister warnt vor Kontakt zu Flüchtlingen – weil die angeblich Infektionskrankheiten übertragen. Und er hat kein Problem damit, als Rassist beschimpft zu werden. Das Sozialministerium ist entsetzt.

Daran ist – zumindest bezogen auf den hier zitierten Facebook-Eintrag (sollte es andere Publikationen geben, bitten wir um Hinweise – der Tagesspiegel verlinkt sie nicht), so viel falsch als möglich. Raue hat nicht vor Kontakt zu Flüchtlingen gewarnt! Infektionskrankheiten können (von jedem, Flüchtlinge eingeschlossen) nicht nur angeblich, sondern tatsächlich übertragen werden. Die Bezeichnung als „Rassist“ sollte vor der Verbreitung geprüft und im Artikel nachvollziehbar dargelegt werden. Und ein Sozialministerium kann wohl kaum entsetzt sein (es wird auch nur ein namentlich nicht weiter identifizierter Sprecher des Ministeriums zitiert).

Alexander Fröhlich schreibt auf tagesspiegel.de:

Der parteilose Bürgermeister von Jüterbog (Teltow-Fläming), Arne Raue, macht mit der Warnung vor ansteckenden Krankheiten Stimmung gegen Flüchtlinge. In einer Mitteilung warnte er die Bürger seiner Stadt „ausdrücklich“ vor dem Kontakt mit Asylbewerbern.

„Stimmung gegen Flüchtlinge“ ist eine gewagte Interpretation, die der Faktenlage nicht standhält. Und dass er „‚ausdrücklich‘ vor dem Kontakt mit Asylbewerbern“ warnt, ist schlicht falsch, denn das zitierte Wort „ausdrücklich“ steht in einem anderen Zusammenhang (Hervorhebung von spiegelkritik.de):

Zusätzlich gibt es auch solche Infektionskrankheiten, gegen die es leider keine wirksame Impfung gibt und die in vielen Entwicklungsländern noch weit verbreitet sind. Hierzu zählt vor allem Tuberkulose. Sie wird durch Tröpfcheninfektion, also über die Luft, übertragen.
Ich weise die Bevölkerung von Jüterbog ausdrücklich darauf hin.

(Tg)

Bonusmaterial:

Wer mag, konnte sich über die Diskriminierung von Flüchtlingen und anderen Gruppen schon lange aufregen:

Nach dem „Gesetz zur Verhütung und Bekämpfung von Infektionskrankheiten beim Menschen“ (Infektionsschutzgesetz – IfSG) sind Bewohner von „Altenheim, Altenwohnheim, Pflegeheim“ und in einer „Gemeinschaftsunterkunft für Obdachlose, Flüchtlinge, Asylbewerber oder in eine Erstaufnahmeeinrichtung des Bundes für Spätaussiedler“ verpflichtet, „ein ärztliches Zeugnis darüber vorzulegen, dass bei ihnen keine Anhaltspunkte für das Vorliegen einer ansteckungsfähigen Lungentuberkulose vorhanden sind.“ Flüchtlinge und Asylsuchende über 15 Jahre müssen dazu eine in Deutschland erstellte Röntgenaufnahme ihrer Lunge vorweisen, Schwangere ausgenommen (§ 36 Absatz 4 IfSG). Die entsprechenden Untersuchungen müssen sich die Menschen gefallen lassen, das Gesetz legt dazu explizit fest: „Das Grundrecht der körperlichen Unversehrtheit (Artikel 2 Abs. 2 Satz 1 Grundgesetz) wird insoweit eingeschränkt.“

Ferner bestimmt das Asylgesetz (AsylG) in § 62:

„Ausländer, die in einer Aufnahmeeinrichtung oder Gemeinschaftsunterkunft zu wohnen haben, sind verpflichtet, eine ärztliche Untersuchung auf übertragbare Krankheiten einschließlich einer Röntgenaufnahme der Atmungsorgane zu dulden. Die oberste Landesgesundheitsbehörde oder die von ihr bestimmte Stelle bestimmt den Umfang der Untersuchung und den Arzt, der die Untersuchung durchführt.“

(Im Jahr 2014 gab es in Deutschland insgesamt 4.488 Tuberkulose-Fälle.)

Zur Prävention empfiehlt das Robert Koch Institut, auch bei den hier ankommenden Flüchtlingen umgehend fehlende Impfungen nachzuholen. Liegen keine Impfdokumente vor, sei davon auszugehen, dass kein Schutz besteht und daher geimpft werden müsse. (Diese Info für jene, die in den FB-Kommentaren darauf hinweisen, dass Flüchtlinge doch meist gar keine Impfpässe bei sich tragen.)

Ergänzungen:

  1. Hier noch der fast wortgleiche Text des Bürgermeisters auf www.jueterbog.de – wie im Tagesspiegel-Artikel erwähnt, steht hier noch der Zusatz „Bitte prüfen Sie Ihren Impfschutz!“
  2. Landrätin Kornelia Wehlan (Landkreis Teltwo-Fläming) hat sich am 9.11 auch geäußert und schreibt unter anderem: „Herr Raue warnte in den sozialen Medien davor, dass Asylbewerber Krankheiten einschleppen und somit eine Gefahr für die Bevölkerung darstellen würden. Das deckt sich in keiner Weise mit unseren Erfahrungen und den Einschätzungen des Gesundheitsamtes.“ Dies steht jedoch nicht im Widerspruch zu dem viel diskutierten Hinweis Raues, „dass schon bei geringfügigem Kontakt mit Neuankömmlingen Gefahr von Infektionskrankheiten besteht.“ Wann und wie diese Gefahr besteht, ist oben ausführlich beschrieben.
  3. Auch RBB hat berichtet.