Glyphosat, Fotojournalismus und Küchenstatistik

Fehler können passieren, und wir sind hier schon vor Jahren davon abgekommen, auf journalistische Patzer hinzuweisen – wenn sie denn (transparent) korrigiert werden. Aber wenn Unfug einfach trotz Hinweisen stehen bleibt, stellt sich eben regelmäßig die Frage nach der journalistischen Qualität. Zwei Beispiele, kurz hintereinander über Twitter gesehen und auch nach vier Tagen mit einem „wir schaffen das“ präsent gehalten.

a) Bebilderung zu Glyphosat


Gerade weil die Kollegen von Übermedien schon mal vor knapp einem Jahr ausführlich darauf hingewiesen haben ist es ärgerlich, wenn angebliche Fachredaktionen weiterhin in die Irre führen, wie hier abgebildet bei der taz: Glyphosat ist ein Totalherbizid, das Pflanzen über ihre Blätter aufnehmen, die daraufhin absterben. Es wäre unsinnig, dies auf wachsendes Getreide oder blühenden Raps zu sprühen. Einzige Ausnahme: die von Monsanto vermarkteten genetisch veränderten Nutzflanzen, die resistent gegen Glyphosat sind. Deren Anbau ist aber in der EU derzeit verboten.
Dass also auf dem von der taz verwendeten Foto kein Glyphosat versprüht wird bzw. das Bild eben keinen in Europa zugelassenen Glyphosateinsatz zeigt, ist keine Petitesse: Solche Bilder vermitteln eben falsche Informationen – und zeigen indirekt, dass auch der Autor des Beitrags vom Thema nicht allzuviel versteht.

b) Statistik im Hausgebrauch


Auch bei der Präsentation von Zahlen, insbesondere wenn sie dann auch noch mit Vergleichen veranschaulicht werden, begründen grobe Fehler stets den Verdacht, der Berichterstatter habe sein eigenes Thema nicht verstanden.
Die Berliner Zeitung berichtet:

„Der Abstand des Lohns  zwischen Berlinerinnen und Berlinern ist im vergangenen Jahr nur ganz wenig geschrumpft  – von 15 Prozent 2015 auf 14 Prozent.“

Dabei wird schon nicht klar, ob die Männer 14% mehr verdienen oder die Frauen 14% weniger – was bekanntlich nicht dasselbe ist. Und warum die Veränderung um einen Prozentpunkt „ganz wenig“ ist, sollte vielleicht erklärt werden – immerhin ist es eine Reduktion um fast 7%.

In jedem Fall ist der Unterschied deutlich geringer, als auf der Artikelillustration dargestellt (mit der verschwurbelten BU: „Die Gehaltsunterschiede sind zum Teil beträchtlich“ – ja klar, die Bundeskanzlerin verdient auch mehr Geld als der Austräger der Berliner Zeitung) – denn dort verdient der Symbolmann 57% mehr als die Symbolfrau.

Noch doller wird es dann aber beim Versuch einer Veranschaulichung. Denn ob des irgendwie errechneten Gehaltsunterschieds von 14%

arbeitete eine Durchschnittsfrau [in Berlin] 55 Tage ohne Lohn

Wirkt das nicht schon auf den ersten Blick etwas merkwürdig? 14% Gehaltsunterschied sollen 55 unbezahlten Arbeitstagen im Jahr entsprechen? 55 Arbeitstage sind bei uns normalerweise 11 Wochen. Ferner gibt es einen gesetzlichen Urlaubsanspruch von vier Wochen, real meist sechs Wochen; dann gibt es noch Feiertage – in der Summe etwa zwei Wochen, und durchschnittlich sind Arbeitnehmer auch etwa zwei Wochen pro Jahr krankgeschrieben, arbeiten also nicht.
Auf die „55 Tage ohne Lohn“ kommt man daher nur, wenn man mutig von 365 Tagen, die das Jahr hat, 15% abzieht (obwohl die „geschlechtsspezifische Lohnlücke“ ja gerade auf 14% gesunken ist, aber die Brandenburger Vergleichszahl macht deutlich, dass dies wohl der geniale Rechenweg war). Der Autor Gerhard Lehrke geht für seine Rechnung also von 365 Arbeitstagen pro Jahr aus, von denen dann „Durchschnittsfrauen“ 55 Tage unbezahlt arbeiten müssen. Was für ein Unsinn.
(Dass der Artikel auch sonst mehr Verwirrung stiftet als Orientierung leistet, wollen wir an dieser Stelle mal nicht weiter vertiefen.)

 

 

Lesebeute zum neuen Trump-Cover

* Michael Hanfeld, FAZ, über den aktuellen SPIEGEL-Titel:

Insofern spielt der „Spiegel“-Titel genau das, was Trump braucht: ein Zerrbild von ihm, mit dem er weiter an seinem Zerrbild der Presse arbeiten kann. Denn zu einem lädt der „Spiegel“ in Bild und Text nicht ein – zu einer nüchternen, differenzierten Betrachtung von Trumps Politik. Von der hat sich das Blatt allerdings nicht erst jetzt verabschiedet. Schon der Titel vom 12. November des vergangenen Jahres, in dem Trump als Komet mit Feuerball erschien, der die Erde verschlingt, war von ähnlicher Machart wie der jetzige.

* Ähnlich kritisiert Clemens Wergin in der Welt:

Das Kalkül dieses Covers ist klar: Es soll ein Schocker sein und dem „Spiegel“ möglichst viel Aufmerksamkeit bringen. Und das ist auch gelungen. […]
Tatsächlich beschädigt solch ein Cover nicht etwa den neuen US-Präsidenten, es beschädigt den Journalismus. Weil es das Vorurteil vieler Bürger bestätigt, dass die „Mainstream-Medien“ nicht unvoreingenommen berichten und dass viele Journalisten lieber ihr eigenes Weltbild promovieren, als neutral Zeugnis über das abzulegen, was ist. Wem angesichts der trumpschen Maßlosigkeit die eigenen Maßstäbe verrutschen, steht dem von Trump verkörperten Zeitgeist tatsächlich näher, als er glaubt.

* Malte Göbel (taz) kommentiert, der SPIEGEL habe mit der Enthauptung der Freiheitsstatue offenbar den eigenen Kopf verloren. Göbel schließt mit dem sehr wichtigen Satz:

Nicht (nur) Trump ist das Problem, es sind die Bedingungen, die Trump ermöglicht haben.

* Bereits im Dezember 2015 veröffentlichte die New York Daily News die obige, ähnliche Karikatur – und warnte mit einer Textadaption Martin Niemöllers. Im Juni 2016 publizierte Ann Telnaes einen ähnlichen Cartoon.

* Nicht konkret zum Trump-Cover, aber zu beschämendem Journalismus sei ein halbstündiger Vortrag von Jakob Augstein empfohlen, den er kürzlich an der Uni Hamburg im Rahmen einer von Volker Lilienthal veranstalteten Ringvorlesung gehalten hat. (Weitere Referenten zum Thema „Lügenpresse“: Michael Haller, Giovanni di Lorenzo, Klaus Brinkbäumer – ja, genau der SPIEGEL-Chefredakteur, sein Thema: „Keine Angst vor der Wahrheit – Theorie und Praxis eines Werbeslogans“ -, Michael Brüggemann, Kai Gniffke, Carsten Reinemann, Katharina Kleinen-von Königslöw.)

* Update: Charlie Hebdo supportet das Spiegel-Cover und lässt Angela Merkel ihren neuen Herausforderer Martin Schulz köpfen (den tieferen Sinn dieses Motivs suchen wir derzeit noch).

70 – und immer noch in der Pubertät

Man könnte Dirk Kurbjuweit eine eigene Rubrik spendieren, einerseits. Aber vermutlich ist er mit seiner Selbstgefälligkeit* doch eher der Prototyp des SPIEGEL-Redakteurs. Den Glückwünschen von Anja Reschke an die Hamburger Illustrierte schließen wir uns jedenfalls herzlichst an:

* Zur Erläuterung, wers verpasst haben sollte: Dirk Kurbjuweit hatte im Newsletter „Die Lage“ am Dienstag äußerst kompetent spekuliert, wer SPD-Kanzlerkandidat werden wird. Er lag daneben und den Scoop landete außgerechnet eine andere Hamburger Zeitschrift mit Bildchen. Darüber ging Kurbjuweit am nächsten Morgen mit einem Sonnenbad in der Gästeliste seines Büros hinweg. Auszug:

dann saßen sie da, auf einem zweisitzigen Sofa, rechts die Bundeskanzlerin, links der Vizekanzler, der bald nicht mehr SPD-Vorsitzender ist und nicht Kanzlerkandidat seiner Partei wird. Gestern Abend, nach 21 Uhr, im Hauptstadtbüro des SPIEGEL. Wir haben dort unser 70-jähriges Jubiläum gefeiert, ein volles Haus, Kollegen, Minister, Bundestagsabgeordnete, Landespolitiker. Um halb neun kam Angela Merkel. Wir haben uns mit ihr in das Zimmer von Büroleiter Michael Sauga gesetzt, die Kanzlerin und ein paar Leute von SPIEGEL und SPIEGEL ONLINE.

Zusammenfassung bei Meedia.

Update 6. März 2017:
Hans-Ulrich Jörges vom stern äußert sich in einem Meedia-Interview ausführlich zu der „Inszenierung“ des SPIEGEL mit Bundeskanzlerin Merkel:

Das war Albernheit pur! Renommiergehabe, weil sich – jede Wette! – hinter dieser Tür nichts von Bedeutung abgespielt hat, aber auch wirklich gar nichts. Außer Smalltalk. Dass das vom Spiegel dermaßen zelebriert und dann auch noch so getan wurde, als seien Geheimnisse ausgetauscht worden, ist einfach nur schräg. […] Das ist peinlich und sollte einem so bedeutenden Medium nicht passieren. Und überhaupt: Wenn der stern zu seinem Sommerfest in Berlin lädt, gibt es kein Hinterzimmer. Politiker gehören unter die Gäste beziehungsweise unters Volk. Die Süddeutsche Zeitung hat übrigens genau dieselbe Unart wie der Spiegel kultiviert und bugsiert die Kanzlerin sofort mit der Chefredaktion ins Hinterzimmer. Das ist unverfroren und beleidigt die Gäste.

Kurz verklärt

Einstellungstest für Sozialwissenschaftler beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk:

Eine Familie besitzt einen Acker, der gerade groß genug ist, sie zu ernähren. Er ist seit Generationen in Familienbesitz und so sollen auch die heutigen Kinder der Familie später die Bewirtschaftung des Ackers übernehmen. Das Auskommen aller scheint auf ewig gesichert.
Nun kommt ein Fürst mit Soldaten daher und sagt, er beanspruche den Acker für sich, er wolle darauf seine Pferde spielen lassen oder ein Naturschutzreservat errichten oder einen Flugplatz bauen.
Wenn sich dieser Fürst nun nicht wie ein gewöhnlicher Räuber aufführen will: wie viel Entschädigung sollte er der Familie fairerweise zahlen? Soviel Kartoffeln und Getreide, dass sie über den ersten Winter kommt (um danach zu verhungern)? Oder Kartoffeln und Getreide für zehn Jahre? Oder Kartoffeln und Getreide bis ans Ende aller Tage?

Es ist erstaunlich, wie selbstverständlich vielen Journalisten erscheint, die Entschädigungen, die der Staat an die Kirchen für frühere Enteignungen jährlich zahlt, müssten jetzt nach so vielen Jahren endlich eingestellt werden – die kirchliche Raffgier kenne ja von alleine kein Ende.

So aktuell in einem 2-Minuten-Stück der Tagesschau von Sebastian Kisters, das die sogenannten Staatsleistungen als politisches Gemauschel skandalisieren will.  Weiterlesen

Lesebeute

* Die Journalistenfirma „Correctiv“ will das Bistum Köln auf Herausgabe von Informationen zu seinen Aktienanlagen verklagen. In einem Spendenaufruf für den Prozess schreibt Annika Joeres:

Deutschlands Kirchen sind reich. Allein die katholische Kirche in Deutschland hat ein geschätztes Vermögen von mehreren hundert Milliarden Euro. All die Dome, Grundstücke, Kunstschätze: Ein guter Teil des Kirchenvermögens besteht aus Sachwerten. Hinzu kommen zig Milliarden Euro an Rücklagen.
Wie die Kirchen diese enormen Beträge investieren, weiß bislang niemand. […]
Wir akzeptieren diese Intransparenz nicht – und verklagen in diesen Tagen das Kölner Erzbistum auf Auskunft. Auf die Offenlegung der Investitionen zu pochen ist unser gutes Recht: Der Klimawandel und seine Auswirkungen auf Deutschland sind von erheblichem öffentlichem Interesse. […]
Es ist daher in erheblichem, allgemeinem Interesse zu erfahren, welche öffentliche Einrichtungen in fossile Rohstoffe investieren. Es ist Aufgabe der Presse, diese Informationen zusammen zu tragen und die Öffentlichkeit zu informieren […]
Gegen das Bistum Köln haben wir eine Auskunftsklage vorbereitet – um einen Präzedenzfall zu schaffen. Um am Ende Auskunft zu erhalten von allen 27 katholischen Bistümern und den 20 evangelischen Landeskirchen in Deutschland.
Falls wir gewinnen, müssen alle verraten, wie sie ihr Vermögen aus Immobilien, Verpachtungen und historischen Besitztümern investiert haben. Jeder und jede Gläubige würde zum ersten Mal erfahren, nach welchen Kriterien die Kirche das Geld der Gläubigen anlegt.

Eine Kirche zu verklagen klingt für Journalisten vermutlich sexy. Timo Rieg hält den ganzen Rechercheansatz jedoch für falsch: wirklich klimarelevantes Verhalten der Kirchenmitglieder und vor allem -beschäftigten lasse sich an ganz anderen Stellen festmachen als an Geldanlagen. Dass Correctiv meint, bislang wisse niemand etwas über kirchliche Geldanlagen, spreche zudem für große Unkenntnis der kirchlichen Strukturen. Eine ausführliche Entgegnung.

* Die Hamburger Illustrierte „Spiegel“ wird 70 Jahre alt. Die Deutsche Presseagentur (dpa) sprach mit Chefredakteur Klaus Brinkbäumer nicht über Altersstarrsinn und Tremor.

* Auch 10 Tage nach der Amokfahrt auf dem Weihnachtsmarkt an der Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche arbeiten sich Medien und Politiker an dem Fall ab – ein klares Zeichen: Terror ist (auch nur) ein Geschäft (freitag.de)

* Mit einem LKW in eine Menschenmenge zu fahren sei keine „sinnlose Gewalt“ sondern hoch effektiv – für den Täter. Nur mit dieser Sichtweise könne man Terrorismus verstehen: „Breitscheidbart„.

* Titanic schafft mal wieder etwas Erregung – mit einem Entspurt-Aufruf zum Promisterben 2016. Über den tieferen Sinn mag nachdenken, wer möchte – nichts zu denken gibt es jedenfalls bei der Erwartbarkeit der in Farbe abgebildeten noch lebenden Personen. Siehe Kommentare auf Facebook.

* Bonbon mit Korinthenaroma: Laptop und Lederhose, da laufen die Uhren manchmal anders. Deshalb wundert es uns nicht, dass die Süddeutsche Zeitung auch acht Jahre nach ihrer Abschaffung noch die Mineralölsteuer im Tank findet.
mineraloelsteuer-2014

 

Deutsche Presseagentur meinungsschwanger?

Wieviel Nachricht und wieviel Meinung steckt in der deutschen Berichterstattung über die US-Präsidentenwahl? Damit werden sich bestimmt im Nachhinein einige Arbeiten beschäftigen, heute nur mal ein „Schlaglicht“: Schauen wir uns einen Agenturtext an, hier von dpa (der wohl auf als Vorlage für einen Beitrag der Berliner Zeitung hergehalten hat – oder beide stützen sich auf dieselbe Quelle, jedenfalls könnte man den Berliner Text nochmal separat sezieren…)
Die nachfolgenden Anmerkungen und Fragen sind nur ein Angebot für die Diskussion – es erfolgt absichtlich keine abschließende Bewertung.

Den vollständigen Artikel lesen Sie bei az-online.de

 

Textpassage AZ/dpa: Anmerkungen:
Funktioniert das?

 

Wer stellt diese Frage? Klingt jedenfalls direkt in die tendenziöse Richtung „Besteht da noch eine Chance“. Man könnte auch fragen: „Wäre das legitim?“
Wahlleute sollen Trump stoppen Fordert wer? Das müsste schon deutlicher benannt werden, da die Aussage ja insgesamt tendenziös ist (für das gleiche Ergebnis könnte man auch fordern: „Wahlleute sollen Wählerwillen ignorieren“ – was ganz anders klingt).

 

– Verweigerung statt Vollzug? Ist es „Verweigerung“ oder „Rechtsbruch“?
Washington – Was in anderen Jahren nur langweiliges Vollzugsverfahren war, ist 2016 aufgeladen wie vielleicht noch nie: Die Situation, dass ein Kandidat zwar weniger Wählerstimmen als ein Wettbewerber, gleichwohl aber mehr Wahlleute bekommen hat, ist 2016 zum fünften Mal eingetreten. Bekannt sein dürfte noch der Fall Al Gore.

https://de.wikipedia.org/wiki/Popular_Vote

 

 

Die Stimmabgabe der Wahlleute in den USA. Kann Trump verhindert werden?

 

„Kann Trump verhindert werden“ ist extrem meinungsgeladen. Es meint ja „Schlimmes verhindern“. Nachrichtlich wäre z.B. „Könnten die Wahlleute das Wahlergebnis noch / eigenmächtig verändern?“
Auf 538 Menschen ruht die letzte Hoffnung von Millionen. Ob es wirklich Millionen sind, weiß niemand, kann auch dpa nicht wissen – es sei denn, die Agentur unterstellt, dass Millionen Wähler von Clinton und Co das Ergebnis nicht akzeptieren.

Ferner wird für einen nachrichtlichen Text willkürlich nur ein Teil der Wählerschaft in den Blick genommen. Die anderen „Millionen“ hoffen wohl (überwiegend), dass die Wahlleute so abstimmen, wie es das Wahlergebnis verlangt.

Wenn an diesem Montag das Gremium der Wahlleute in den USA seine Stimmen abgibt, sollen sie als eine Art letzte Verteidigungslinie einen Präsidenten Donald Trump verhindern – so die Hoffnung seiner vielen Gegner „Verteidigungslinie“? Wer oder was soll verteidigt werden? Das eigene Interesse?
nicht nur in den USA Dürfen ausländische Meinungen bei einer US-Wahl eine Rolle spielen? Und auch hier: Wer ist damit gemeint? Die paar Laut-Kommentierer in den Socialen Medien? Politische Redakteure in Deutschland, die in jüngster Zeit ihre vornehmste Aufgabe darin sehen festzulegen, welche Parteien und welche Politiker in einer Demokratie eine Rolle spielen dürfen?
Aber daraus wird wohl nichts. In der Geschichte der USA haben die Wahlleute zu 99 Prozent so gewählt, wie sie bei der Wahl bestimmt wurden.

 

Und das, könnte man ergänzen, obwohl oft ein Missverhältnis zwischen Wählerstimmen und Wahlmännern bestand (s.u.).

 

Warum gibt es Druck auf die Wahlleute?

Viele verweisen neben ihrem nackten Unbehagen über Trump

Die Wahlleute werden von der jeweiligen Partei bestimmt, deren Kandidat zu Wahl steht (und der zuvor in einer Vorwahl bestimmt worden ist).
auf das Wahlergebnis selbst: Zwar hat der Republikaner 306 Wahlleute gewonnen und Clinton 232, das ist deutlich. Aber Clinton führt in der Gesamtzahl der Stimmen mit stolzen 2,8 Millionen oder gut zwei Prozent. Die Kritiker argumentieren, die Wahlleute repräsentierten nicht das wahre Verhältnis der Mehrheiten im Land. Das ist Kritik an einem alten Wahlverfahren. Das Wahlverfahren darf man legitimerweise VOR der Wahl infrage stellen – und muss ggf. auf eine Teilnahme verzichten. Es später infragezustellen, wenn einem das Ergebnis nicht passt, ist unlauter – und daher auch in dieser Form keine Nachricht. Es ist ja gerade das Prinzip des Mehrheitswahlrechts, dass das Endergebnis nicht die wahren Präferenzen in der Wahlbevölkerung widerspiegelt (so wie schon das Wahlergebniss eben weit entfernt ist vom Willen der Bevölkerung insgesamt, selbst der wahlberechtigten).
Sie fordern, die Abstimmung am Montag müsse verschoben werden: Erst müsse der künftige Präsident sich zur Zukunft seiner Geschäfte äußern, außerdem müsse erst eine Beeinflussung der Wahl durch Russland geklärt werden. Wer konkret fordert eine Verschiebung der Abstimmung?
Dass sich Trump erst erklären müsse, ist ein völlig neues Argument, das mit dem Vorgenannten nichts zu tun hat – und das auch dringend eingeordnet werden müsste, z.B. im Hinblick auf die früheren Präsidenten.
Was tut sich in der Gruppe der 538?

Elektoren

„Elektoren“ gibt es nicht, die Eindeutschung des englischen „presidential elector“ ist hier jedenfalls nicht hilfreich.
berichten von Hunderten, sogar Tausenden Zuschriften mit der Forderung, Trump zu verhindern. Gab es solche „Forderungen“ bei früheren Wahlen nicht?
Fast fünf Millionen Menschen haben eine Online-Petition unterzeichnet Fünf Millionen Petenten – gegenüber fast 63 Millionen Wählern, die für Trump gestimmt haben.
. Im Gremium – das aber nie als Gruppe auftritt Gemeint ist vermutlich „als Gruppe zusammentritt“; eine einheitliche Meinung werden die Wahlleute der beiden Pateien wohl kaum äußern.
– brodelte es. Ein Republikaner trat wegen Trump zurück, ein anderer drückte öffentlich seinen Widerwillen aus. Demokraten versuchten, neue Mehrheiten zu organisieren.

 

Zwei republikanische Wahlmänner, die mit Trump nicht einverstanden sind als Beleg fürs „Brodeln“ ist etwas dünn.
Was geschieht am kommenden Montag?

Die Wahlleute aller 50 Bundesstaaten und der Hauptstadt Washington schicken ihr Votum für den US-Präsidenten und den Vize in sechs Umschlägen an vier Adressaten, unter anderem an den Präsidenten des US-Senats.

 

Wann wird das Ergebnis bekannt werden?

 

Spätestens neun Tage nach dem Votum müssen die Umschläge eingegangen sein. Zwischen diesem Zeitpunkt und dem 6. Januar kann das Ergebnis an die Öffentlichkeit dringen – am 6. wird es im Kongress verkündet.

 

Etwas verwirrende Beschreibung des Wahlverfahrens. Wichtige Mitteilung wäre, dass sich die Wahlmänner in der Hauptstadt ihres Bundesstaates treffen, also an 50 verschiedenen Orten -das „Electoral College“ tagt nicht gemeinsam.
Was müsste passieren, um Trump zu verhindern?

 

s.o.
38 oder ein Achtel der Trump-Wahlleute müssten gegen ihn stimmen. Sie könnten für einen anderen Republikaner votieren, häufig genannt wird Ohios Gouverneur John Kasich. Wenn Demokraten sich ihnen anschließen, könnte der neue Kandidat über die Mehrheit von 270 kommen. Schließen sich die Demokraten dem nicht an, hat keiner eine Mehrheit. Dann entscheidet das Repräsentantenhaus, das wiederum deutlich in der Hand der Republikaner ist. Der Ausgang wäre wohl klar.

 

Der Absatz ist recht verworren – und natürlich mehr als spekulativ: Es müssten sich „alle Demokraten“ diesem abweichenden Votum anschließen – bzw. insgesamt müssten sich mindestens 270 Wahlleute auf einen Kandidaten/ eine Kandidatin verständigen. Es gab immer wieder auch Meldungen, dass evtl. nicht alle Demokraten für Clinton stimmen werden.
Sind die Wahlleute an den Wählerwillen gebunden?

 

Ja und Nein. Ein Bundesgesetz gibt es dazu nicht, aber 29 Staaten und die Hauptstadt verpflichten die Elektoren zur Wahl desjenigen, den ihre Partei nominiert hat. Andernfalls werden sie bestraft. Es gibt aus beiden politischen Lagern ernste Mahnungen: Man könne das ganze Verfahren ja veraltet finden, aber es sei nun mal von der Verfassung vorgesehen.

 

Hier wird es doch interessant, aber die Details fehlen: Wie viele republikanische Wahlmänner stammen aus den 29 Staaten, d.h. wie groß ist die Zahl derer, die rechtlich eindeutig gebunden sind?
Es sei undemokratisch, sich nun nicht daran halten zu wollen, weil einem der Wahlausgang des 8. Novembers nicht passe. Dies sollte man hier nicht als Meinung sehen, sondern als Fakt – andernfalls kann jeder zu jeder Zeit alle gesetzlichen Bestimmungen ignorieren. Nimmt man die Verpflichtung, so abzustimmen wie verlangt, als Fakt, wird eine ganz andere Meldung aus dem Ganzen.
Warum gibt es dieses ganze Verfahren überhaupt?

 

Die US-Bürger wählen den Präsidenten nur indirekt. Am Wahltag wird je nach Größe des Bundesstaates eine bestimmte Zahl an Wahlleuten bestimmt. Wer in einem Staat die Mehrheit erhält, bekommt mit ganz wenigen Ausnahmen alle Wahlleute – „the winner takes all“.

 

Was war der ursprüngliche Sinn des Gremiums?

 

Mit seiner Einrichtung verbanden die Gründungsväter der USA eines: Sie wollten Demagogen verhindern. Sie misstrauten dem Volkswillen, deswegen sollte er sozusagen gefiltert werden. Die Verfassung wurde so angelegt, dass spontane und kurzfristige Politik zurückstehen würde hinter einer Politik zum Wohl langfristiger Interessen des Landes.

 

Hier fehlt jeglicher Beleg.

Auch ist nicht ersichtlich, warum es nur um den „ursprünglichen Sinn“ gehen sollte.

 

Auch fehlen weitere Beispiele aus der Verfassung für die behauptete Intention.

 

Der Sinn des Mehrheitswahlrechts wird gar nicht erläutert – obwohl dessen Einführung auch in Deutschland immer wieder gefordert wird.

Trump, der Politik in affektgetriebene Spontanaktionen ummünzt, könnten dabei die Ohren klingeln. Theoretisch. Bislang hatte Trump noch wenige Möglichkeiten Politik zu machen, ihm wird nur sehr viel Aufmerksamkeit zuteil.
Wird sich an diesem alten System jemals etwas ändern?

 

Eine mit verlaub idiotische Frage. Sachlich wäre z.B.: „Kann die Präsidentenwahl gesetzlich anders geregelt werden“ – also entgegen der Intention der (weisen) „Gründungsväter“?

 

Ja, kann sie, es gab im Laufe der Geschichte zwei Verfassungsergänzungen dazu, die aber das Grundprinzip nicht angetastet haben.

 

Auf kurze Sicht sicher nicht, aber die Diskussion ist da. „Es würde mich wundern, wenn wir nicht in zehn Jahren nach einer Mehrheit der Stimmen entscheiden würden“ – das sagte kürzlich einer, der mit dem Missverhältnis von Stimmen und Wahlleuten eigene Erfahrungen gemacht hat: Al Gore, im Jahr 2000 Wahlverlierer gegen George W. Bush.

 

. Interessant wären hier allein aktuelle politische Bestrebungen, konkrete Ankündigungen von Politikern,

 

Nachklapp as much as you can

tz-herzzerreissend

Gut, Patrick Steinke hat es halt gar nicht gepeilt**, trotzdem alles Nötige sogar in seinem Text steht. Aber emotional auf den Leim gegangen sind dem Ganzen wohl auch alle Kollegen, die zwar sachlich richtige Meldungen gezimmert haben, die Relevanz aber auch nur aus dem möglichen Missverständnis ableiten können:

Die Familie der in Freiburg vergewaltigten und ermorderten Studentin Maria L. hatte am 26. Oktober in der FAZ eine Traueranzeige geschaltet. Eine Story versuchen Nachrichtenaufbläser nun daraus zu konstruieren, dass mit den statt Blumen erbetenen Spenden möglicherweise auch die lokale Flüchtlingsarbeit gefördert werden sollte – und das, wo am 2. Dezember als Tatverdächtiger ein Flüchtling aus Afghanistan festgenommen worden ist.

Im einfachsten Fall soll damit die besondere Niedertracht des Verbrechens betont werden: die Hinterbliebenen sammelten Geld für Flüchtlinge, während der flüchtige Mörder ein Flüchtling ist. Nachrichtenwert: null, weil es eben gerade keinen kausalen oder temporalen Zusammenhang zwischen der Festnahme eines Tatverdächtigen und dem Spendenaufruf gibt! Und dass Spenden für gemeinnützige Organisatioen anstelle von Blumen und Kränzen am Grab erbeten werden ist alles andere als ungewöhnlich (was ein Blick in die entsprechende Anzeigenrubrik der Tageszeitungen zeigt).
Selbst die Behauptung, die Angehörigen hätten um Spenden für die Flüchtlingsarbeit gebeten, ist eine völlig unbewiesene Interpretation. Kein Autor der gesichteten Meldungen bietet einen Beleg dafür. Fakt ist die Spendenbitte für den Verein „Weitblick„. Wie genau die Verfasser der Traueranzeige dessen Aktivitäten kennen und ob sie sich damit identifizieren, weiß offenbar kein Berichterstatter. Man könnte z.B. auch um Spenden für einen Verein bitten, dessen Engagement man in Einzelbereichen sehr kritisch sieht. (Leider ist diese Sprachschluderei weit verbreitet. Ein prägnantes Beispiel aus Esslinger/ Schneider: Die Überschrift, 5. Auflage, S. 24: „Steinbrück hält Sieg für möglich“ titelte die Augsburger Allgemeine vor der Bundestagswahl 2013 – obwohl niemand wissen konnte, was Steinbrück für möglich hielt; dass Steinbrück unablässig behauptet hat, er könne gegen Merkel gewinnen, ist etwas ganz anderes.)

Völlig skurril daneben lag aber die tz mit Patrick Steinkes Beitrag:
tz-jetzt

Mehrfach behauptet Steinke, die Angehörigen hätten „jetzt“ in irgendeiner Form reagiert – obwohl die Traueranzeige bereits fünf Wochen vor der Festnahme eines Tatverdächtigen aus Afghanistan erschienen war.

Wie das Aufblasen solcher Nichtigkeiten und die unsorgfältige Verknüpfung von Fakten zu weiterem Chaos führt, zeigt beispielhaft Folgendes:

Holger Arppe, AfD-Abgeordneter in der Rostocker Bürgerschaft und im Landtag Mecklenburg-Vorpommern, schrieb am 4.12.2016 auf Twitter als Reaktion auf die Medienberichte zur angeblichen Spendensammlung für Flüchtlinge der Familie L.:

„#HAmv Pathologische Realitätsverweigerung: Vater sammelt auf Beerdigung seiner von Flüchtlingen ermordeten Tochter Spenden für Flüchtlinge.“

An dieser Behauptung ist bis auf (nach derzeitigem Kenntnisstand:) „ermordet“ alles falsch.*

Doch das wäre nicht gar so tragisch, sinnentstellenden Verkürzungen bereits nur halb oder gar nicht Verstandenens sind grade beim Verkürzungsdienst Twitter an der Tagesordnung, und zwar über alle politischen Lager hinweg. Arppe hat derzeit rund 350 Follower – sein Beitrag blieb zunächst unkommentiert, die üblichen Fans geben ein Sternchen und damit hat sich die Sache. Doch dann wird die Mini-Notiz zwei Tage später skandalisiert, es folgen zig Reaktionen auf Twitter – die bis auf ganz wenige Ausnahmen allerdings zuunrecht einen zeitlichen Zusammenhang von Festnahme eines Flüchtlings und Spendenbitte für Flüchtlinge konstruieren, z.B. so:

Reaktionen auf Twitter und Berichte über diese dürften sich mal wieder gegenseitig befeuert haben. Nordkurier.de:
afd-beschimpft-vater

Resümee: Aus einer Nullnachricht machen zahlreiche Medien trotzdem eine Meldung, die geradezu erwartbar auch fehlinterpretiert wird, es folgen auf dieser Fehlinterpretation beruhende Reaktionen und Reaktionen auf diese Reaktionen… angedockt an ein Verbrechen viel digitaler Blödsinn wegen nichts – aber natürlich fürs eigene Geschäft.

* Die Fehler im Arppe-Post:
1. „Realitätsverweigerung“ betreibt in seinem Statement Arppe, über die Pathologie wollen wir nicht spekulieren, jedenfalls gibt es keinerlei Anzeichen für diesen Befund beim Vater der Getöteten. (Später räumte Arppe ein,  dass ‚man‘ „vielleicht etwas länger nachdenken sollte, bevor man zu irgendeinem Thema irgendetwas schreibt”.
2. Nicht der Vater, sondern alle Unterzeichner baten um Spenden statt Blumen.
3. Er sammelte wohl auch nicht auf der Beerdigung, sondern anlässlich dieser – mit der Bitte um Überweisung.
4. Der Mörder steht noch nicht fest, tatverdächtig ist zu diesem Zeitpunkt aber eine Einzelperson, es gab keine Berichte, dass die Polizei von mehreren Tätern ausgeht.
5. Spenden für Flüchtlinge wurden, siehe oben, nicht gesammelt.

** Die andere mögliche Interpretation wäre nur, Steinke hat zwar verstanden, dass es keinen Zusammenhang gibt, stellt ihn aber trotzdem her – was noch ärgerlicher wäre.

Zugabe:

Ösis weniger dumm als befürchtet

Als die „Financial Times Deutschland“ im Jahre 2002 eine Wahlempfehlung für die Union mit Kanzlerkandidat Edmund Stoiber druckte, war die Debatte groß und empört. 1300 Leserbriefe soll es dazu gegeben haben (deren veröffentlichte Auswahl nicht nur der Spiegel kritisierte).

14 Jahre später hat sich in Deutschland nicht die Wahlempfehlung durchgesetzt, sondern eine Wählerverachtung: wer nicht wählt, was der deutsche Journalismus für richtig hält, ist Hohn und Spott ausgesetzt. Rund um die Bundespräsidentenwahl in Österreich sind die journalistischen Meinungsverbreiter dabei zu neuer Hochform aufgelaufen.

Die „Leiterin Digitale Redaktion Berliner Zeitung und Berliner Kurier“ etwa gratuliert der knappen Mehrheit aktiver österreichischer Wähler auf Twitter:

Michaela Pfisterer hätte also auch etwas weniger an ihrer eigenen Recherche zweifelnd schreiben können: „48,3% der österreichischen Wähler_innen so dumm wie erwartet.“

Stern-Mann Andreas Petzold sieht Wahlen offenbar als gefährliches Glücksspiel und stellt erleichtert fest: gutgegangen.

Kein Glück hatten dann später die Italiener, für die Petzold auch noch auf Vernunft statt Dummheit gehofft hatte (es geht, das muss man offenbar verstehen, bei solchen Wahlen nicht darum, seinen ganz unbedeutenden Wunsch in die Waagschale zu werfen, wer künftig im eigenen Land eine wichtige Rolle spielen soll, es geht darum, sich korrekt deutsch zu verhalten – woran bekanntlich zunehmend selbst die Deutschen versagen – aber der Ruf nach einem „Wahlführerschein“ wird schon wieder kommen):

Die frühere Chefredakteurin der taz, heute Korrespondentin der „Deutschen Welle“, bedankt sich bei „Österreich“, es dem deutschen Journalismus recht gemacht zu haben:

Der nur halb für Sueddeutsche.de twitternde Stefan Plöchinger hat ein Fußballmatch oder einen Zwei-Fronten-Krieg beobachtet, den jedenfalls „dieses Österreich“ gewonnen hat.

Und so ging das munter den ganzen Wahlabend.

Bernd Ulrich, Die ZEIT:

Dominik Mai, Berliner Zeitung:

Martin Kaul, taz:

Sebastian Fischer, Spiegel-Online:

Thorsten Denkler, Süddeutsche Zeitung:

Hanna Herbst, stellvertretende Chefredakteurin „Vice Austria“

Was ist der Informationswert all dieser Gemütsbekundungen – die sich ja auch so in den Artikeln niederschlagen? Dienen sie irgendwie den Lesern/ Zuschauern/ Mediennutzern – oder sollen sie nur Fans sammeln, Applaus und wohlwollendes Kopfnicken wichtiger(er) Kollegen, denen zu gefallen Teil des Geschäfts ist?

Natürlich hat jeder Journalist zu allem Möglichen eine Meinung, und zu Themen, mit denen er sich beruflich beschäftigt vermutlich ganz besonders. Nur ist diese nackte Meinung reichlich egal – hilfreich könnte sie allenfalls in Form eines „disclosure“ sein: „Die Autorin dieses Textes ist FDP-Wählerin / Mitglied in der Bezirksvertretung für die GRÜNEN/ ehrenamtliche Funktionärin bei XY…“ Doch gerade solche formalen Offenlegungen sind in Deutschland unüblich. Stattdessen werden absolutistische Meinungen und Wertungen kund getan.

Dabei sollte man doch schon als freier Schülermitarbeiter bei der Lokalzeitung lernen, dass bloße Meinungen im Journalismus meist der Verzicht auf Information sind. „Die Band hat toll gespielt“, „Die Fotos in der Ausstellung sind grandios“, „Das Buch ist langweilig“, – solche Meinungen sagen nichts über das Berichterstattungsobjekt, sondern nur etwas über den Berichterstatter: wie es ihm gefallen hat. Damit kann man allenfalls im engeren Bekanntenkreis etwas anfangen, weil man die Äußerungen einordnen kann. („Steht mir das?“ fragt man ja auch nicht beliebige andere Kunden im Klamottenladen, sondern die bewusst ausgewählte Begleitung, deren Urteil man einzuschätzen vermag…)

Die Kunst jedes journalistischen Kommentars, jeder Rezension oder sonstigen journalistischen Bewertung liegt darin, seinen Kunden ein eigenes Urteil zu ermöglichen. Wer meint, es könne nur eines geben, der muss entsprechend nachvollziehbar und überzeugend argumentierten (und damit leben, dass es wohl immer Rezipienten gibt, die aus den vermittelten Fakten anderes folgern).

Um was ging es bei der österreichischen Bundespräsidentenwahl? Um Pannen, um Witzigkeiten und eine Entscheidung zwischen Vernunft und Rechtspopulismus. Und darum, dass die Wahl im Ergebnis vom deutschen Journalismus akzeptiert worden ist.

Vielen Dank für diese Information.

Keine Pflicht zur Erstattung einer Strafanzeige (Korinthe 82)

Vermutlich ist es nur unsere – schon lange brach liegende, nur selten erwachende – Korinthenkackerei, wenn wir über einen lapidaren Satz im Spiegel Morning-Briefing stolpern, aber weil wir so oft ähnliches lesen, hören, „vernehmen“, sei es doch kritisiert. Der Satz lautet:

Gegen den 16-Jährigen werde wegen Nichtanzeigens einer Straftat ermittelt, hieß es.<<

anzeigepflicht-spon

Zu ergänzen ist nur ein Partizip: „geplant“, also „wegen Nichtanzeigens einer geplanten Straftat“.

Der Unterschied?

Ausgeführte, begangene Straftaten müssen in Deutschland glücklicherweise bisher nicht angezeigt werden – der Blockwart ist noch nicht institutionalisiert! Nur bestimmte, schwere geplante Straftaten müssen angezeigt werden, wenn dadurch „die Ausführung oder der Erfolg noch abgewendet werden kann„. Es geht also um Prävention, nicht um Bestrafung. Sicherlich war dies im Spiegel-Briefing gemeint – nur leider wurde es nicht gesagt. Ob die Strafbestimmung auf den 16-Jährigen zutrifft, ist nämlich eine ganz andere Sache. Die Nicht-Anzeige einer begangenen Straftat ist keine „Strafvereitelung„.

 

SpKr-Mitbegründer abgetaucht

Denjenigen, die schon seit mehreren Jahren hin und wieder Blogtexte auf Spiegelkritik gelesen haben, ist bekannt, dass zu unseren Gründern der Mann gehört, der seit 2015 für die „Keylogger-Affäre der taz“ steht: Sebastian Heiser. Die taz-Redakteure Sebastian Erb und Martin Kaul haben den Fall über Monate aufgearbeitet – und ihren Ex-Kollegen schließlich sogar irgendwo in Asien aufgespürt. Doch in der Sache geäußert hat er sich auch dort nicht. Wie bei allen anderen, die ihn kannten, hat er auch bei uns viele Fragen hinterlassen.
Wir verweisen also auf „Dateiname LOG.TXT“ bei der taz. (Und beispielhaft auf einen SpKr-Text unseres Ex.)

Ferner dazu:
* Audiobeitrag Georg Löwisch (taz chefredakteur) bei Radio Eins.

Update 17.02.2017
Inzwischen ist der Fall strafrechtlich abgeschlossen. Wie die taz berichtet, hat Sebastian Heiser einen Strafbefehl über 6.400 Euro akzeptiert und gilt somit als vorbestraft.