Medienkritik, wo ist der Journalismus?

Die mediale Vermittlung der sogenannte #metoo-Debatte* macht ein großes Problem des Journalismus sichtbar: er bemüht sich wenig um Aufklärung (Information) und versucht stattdessen, seine Kunden über applausfähige Meinungen zu binden. Das wäre ein recht normaler, weil bequemer Vorgang („Billigproduktion“), wenn wenigstens das kleine Ressort der Medienkritik („Journalismusjournalismus“) noch nach den Regeln der Kunst arbeiten würde. Doch auch dort steht der Glaube, das eigene Befinden, inzwischen über allem. Damit gibt sich der Journalismus aber auf – und wird je nach Schönheit zu Propaganda oder Literatur.

Rein wirtschaftlich können Verlage und Sender natürlich auf Meinungsprostitution setzen (so wie jeder alles machen darf, ggf. mit entsprechenden Konsequenzen), aber dann sollte auch schleunigst die Rollen(selbst)zuschreibung geändert werden: Journalismus stellt Fragen und sucht Antworten dazu. Das verlangt vieles, allem voran aber Interesse (das natürlich professionell gespielt sein kann, es muss also gerade nicht vom Herzen kommen) und ein Mindestmaß an Verstand.

Nehmen wir die Kritik von Thomas Fischer an der Verdachtsberichterstattung der ZEIT über Dieter Wedel und den Umgang der Medien damit. Dass sich das Publikum an einer solchen Stelle sehr schnell in Fanblöcken sortiert, ist ein beobachtbares Phänomen, das wie jedes Phänomen seine Gründe hat. Aber dass sich auch viele Journalisten in diese Fanblöcke stellen und auf ihren stets mit der Wichtigkeit ihrer Arbeitsplätze aufgeladenen Privataccounts die Fahnen schwenken, befördert Zweifel an der Funktionsfähigkeit des Journalismus. Die ZEIT hat peinlicherweise nicht nur die Veröffentlichung des Fischer-Textes abgelehnt, sondern dem bis eben noch Star-Autor gleich komplett die Beziehung gekündigt. (Erschienen ist Fischers Text dann bei Meedia.)  Weiterlesen

SPIEGEL vertuscht Mord an Steingart als Sturz

Pressemitteilungen abzutippen ist kein Journalismus. Pressemitteilungen bei einer Tasse Kaffee weiterzuspinnen auch nicht. Geeignete Pressemitteilungen aus dem großen Angebot der PR auszuwählen, das könnte schon etwas mit Journalismus zu tun haben: wenn das Wichtige aus der Masse des Unwichtigen gefischt wird, wenn Fakten gegenüber Spekulationen und Forderungen bevorzugt werden, wenn durch Publikation eines Fertigtextes die Kunden immerhin etwas „orientierter“ sein könnten also ohne.

Wir alle wissen: das schnelle Blabla steht in den Medien vor der Information, oder anders gesagt: es werden Ereignisse so inszeniert, dass man Berichte über sie als Information deklarieren kann. Blabla ist dabei sehr einfach zu entlarven: Alles, was ohne Mangel auch hätte unveröffentlicht bzw. (heute treffender) unkolportiert bleiben können, steht unter Blub-Verdacht. Tratsch halt.

„Hast du schon gehört, der Gabor Steingart soll ja gefeuert werden, weil er so einen bösen Text über diesen Martin Schulz geschrieben hat.“ Sinngemäß so kolportieren es heute alle Medien, die sich offenbar für nachrichtenrelevant halten. Wenn der Spiegel das doch so sagt

Dabei ist diese Spekulation doch völlig irrelevant. Wen interessiert, was der Spiegel zu wissen glaubt, der kaufe sich diese Illustrierte oder lese auf der zugehörigen Website. Wer sich hingegen als Journalist (m/w) mit eigenem Kopf versteht, der hinterfragt die Spiegel-PR und deren Thema: Kann das sein? Soll es möglich sein, dass ein Herausgeber und Geschäftsführer gefeuert wird, weil seinem Verleger die Wortwahl in einem Newsletter nicht gefällt? Soll es möglich sein, dass ein Spitzenpolitiker, um den es in dem Text geht, einen solchen Kotau annimmt, anstatt empört aufzuschreien, er wolle mit einem solch eklatanten Eingriff in die (innere) Pressefreiheit nichts zu tun haben? Und ist es möglich, dass vom Medienmainstream Totgesagte sterben (müssen), eben weil sie von allen bereits für tot erklärt worden sind?

Um zu prüfen, bei wem welche Tassen aus dem Schrank gefallen sind, sollte man den Text von Gabor Steingart mal lesen. Wegen der Bedeutung (und dem unterlassenen Zitieren in den meisten „Berichten“ zur „Causa Steingart“) hier komplett (Hervorhebungen von SpKr, Hervorhebungen des Originals nicht übernommen):

Innerhalb der SPD hat ein bizarrer Machtkampf begonnen. Der mittlerweile ungeliebte Parteichef Martin Schulz will den derzeit beliebtesten SPD-Politiker, Außenminister Sigmar Gabriel, zur Strecke bringen und an dessen Stelle im Ministerium Quartier beziehen. Das Duell wird nach den Regeln des Parteienkampfes ausgetragen, also im Verborgenen. Besondere Raffinesse wird dabei vor allem von Schulz verlangt, da er sich nicht beim Mord an jenem Mann erwischen lassen darf, dem er das höchste Parteiamt erst verdankt.

Der Tathergang wird in diesen Tagen minutiös geplant. Der andere soll stolpern, ohne dass ein Stoß erkennbar ist. Er soll am Boden aufschlagen, scheinbar ohne Fremdeinwirkung. Wenn kein Zucken der Gesichtszüge mehr erkennbar ist, will Schulz den Tod des Freundes aus Goslar erst feststellen und dann beklagen. Die Tränen der Schlussszene sind dabei die größte Herausforderung für jeden Schauspieler und so auch für Schulz, der nichts Geringeres plant als den perfekten Mord.
Einzig sein Angstschweiß verrät ihn. Noch zaudert er. Wird das Publikum sein Alibi überhaupt akzeptieren? In ruhigen Minuten kommen dem ehemaligen Buchhändler, ohne dass er sich dagegen wehren kann, wahrscheinlich die mahnenden Worte des Schriftstellers Franz Grillparzer in den Sinn: „Allen Sündern wird vergeben“, schrieb der einst, „nur dem Vatermörder nicht“.

Spiegelkritik ist mal als „SPIEGEL-Watchblog“ gestartet. Das wurde recht schnell eintönig, weil die Kritik an der Hamburger Illustrierten immer wieder aufs Gleiche zielen muss: Meinungsmache statt Information. Nicht nur mit Titeln und Themen, die ganze berümt-berüchtigte „SPIEGEL-Sprache“ ist davon durchdrungen. Und der kurze Artikel auf Spiegel.de, der nun von allen journalismusbefreiten Medien nachgebetet wird, ist ein Paradebeispiel dafür. Dass Steingart mal eine große Nummer beim SPIEGEL war – geschenkt, es braucht für eine launige Story keine Verschwörungstheorie.

Vier Autoren werden für den kurzen Text benannt. Und dann dies:
+ Keine akzeptable Quelle für die Informationen, die hier gerade über die Reputation eines Kollegen entscheiden dürften. „Dem Vernehmen nach“…
+ Fertige Meinung statt Einladung zur Meinungsbildung über den kritisierten Steingart-Text. Von diesem werden nur Schlagworte wiedergegeben, aber natürlich wertend eingeordnet:

„Steingart fabulierte vom ‚perfekten Mord‘. Der ‚Tathergang‘ werde minutiös geplant.“

+ Keine Quelle für den (angeblichen) Brief von Steingarts Verleger an Martin Schulz, nur ein sehr kurzes Zitat. Was steht noch in dem Brief? Liegt er den Autoren vor? Warum wurde er durchgestochen?
+ Keine Stellungnahme von Schulz. Das ist doch das eigentliche Thema (Querelen in einer Firma gibt es überall, ob die nun Handelsblatt heißt oder „Roberts Rohrreinigung“). Schulz würde doch eine solche Entschuldigung angeekelt zurückweisen – andernfalls wäre DAS die Story.
+ Warum kein Statement von Steingart, sondern nur/ direkt von seinem Anwalt (der nichts sagt)?
+ Steingarts „Kampagne gegen den SPD-Vorsitzenden Martin Schulz“ sei „umstritten“ – welche Kampagne, mit welchen Argumenten von wem wo umstritten?

Ganz ernsthaft: Den Steingart-Text kann man zu blumig oder „drastisch“ finden (der SPIEGEL als Oberschwadronaut darf dies allerdings gerade nicht  siehe auch Update unten), aber das ist Geschmacksfrage. Wenn ein Journalist (egal welcher Hierarchiestufe) einen Text wie diesen nicht mehr schreiben darf und wenn Politiker für einen solch harmlosen, jedenfalls unter allen Aspekten zulässigen Kommentar eine Entschuldigung akzeptieren, dann kann man sich nur angewidert abwenden.

Ganz ernsthaft: Steingart soll gefeuert werden, weil er das Politiktheater mit einem Theater vergleicht und weil er in seinem Stück einen Parteisoldaten töten lässt?

Ganz ernsthaft: #nichtdafür  Weiterlesen

Böse BILD bleibt böse BILD

Die „Lügenpresse“ ist ja angeblich der Journalismus, der ideologisch orientiert Fakten auswählt, die berichtet werden, und ebenso ideologisch eben verschweigt, was „ihm“ nicht in den Kram passt. Soweit, so bekannt – und tausendfach verlacht.

Doch wie sieht es aus, wenn nicht die Lügenpresse-Zensoren am Werk sind, sondern die ganze freie, offene, diskussionsfreudige Internet-Community? Lässt sich denn hier ein Interesse an der „Wahrheit“, an der (erreichbaren) Vollständigkeit von Informationen erkennen? Und sind die „neuen“ Kommunikationswege dabei den (ideologisch) gescholtenen „Holz-Medien“ irgendwie einen Schritt voraus?

Ein kleiner, aber – zumindest auf Papier – sehr reichweitenstarker Fall sollte Medienkritiker verwundern:

Am Nachmittag des 18. Januar 2018 kritisiert der freie Journalist Martin Eimermacher auf Twitter einen BILD-Zeitungsbericht über die Beziehung eines 46-jährigen Mannes zu einer 14-Jährigen.

17-jähriger Syrer hat Beziehung mit 14-jährigem Mächen: BILD rastet tagelang aus
46-jähriger Deutscher hat Beziehung mit seiner 14-jährigen Nichte: Romantische Lovestory

Der Beitrag bekommt rund 6.600 Likes, wird 2.700-mal weiterverbreitet. Solch seltenen Erfolg wünscht man sich auf Twitter.

In der Nacht legt Eimermacher nach und spricht den BILD-Chefredakteur direkt an:  Weiterlesen

ARD entdeckt ihre Blase (Lesebeute)

Ich glaube, dass wir Journalisten zu sehr bestimmte Milieus abdecken und verkörpern.
Natürlich stammt die Mehrheit der Berichterstatter eher aus urbanen Milieus, ist akademisch geprägt. Die Probleme vieler Menschen finden in den unmittelbaren Tageserlebnissen von Journalisten nicht in dem Maße statt, wie es für die Bevölkerung repräsentativ wäre. Also dieses genauere Hinschauen – wie geht es den Leuten, was ist ihnen wichtig? – da müssen wir ernsthafter werden, noch näher dran sein.
Auch bei der Frage: Welche Lebenswelten kommen bei uns eigentlich nie vor? Haben wir genügend Themen vom Land zum Beispiel? Da müssen wir stärker an uns arbeiten. Wir haben auch in der Politikberichterstattung eine zu geringe Vielfalt an Formaten.

Ulrich Wilhelm, ab 2018 ARD-Vorsitzender, in einem Interview mit dpa, nach stern.de

Nichtwählerbashing als Ergebnis von Rechercheverweigerung

Nichtwählerbashing liegt bei den meinungsäußernden Journalisten seit langem im Trend. Die Logik muss in etwa die sein: Weil sie selbst natürlich aktiv wählen (natürlich, weil Wahlkampf und Wahl nicht nur ein „Hochamt der Demokratie“, sondern vor allem ein Festschmaus für den Journalismus sind), muss dies richtig sein – und anderes Verhalten muss falsch sein.
Diese Form der Meinungsbildung ist sicherlich weit verbreitet – hat nur mit Journalismus nichts zu tun. Da gibt es z.B. ganz seriöse Nichtwählerforschung, mit der man sich beschäftigen könnte. Man könnte als Journalist selbst Nichtwähler befragen. Konkret zu ungültigen Stimmen könnte man einen Blick auf die entsprechenden Wahlzettel werfen (hui, das würde evtl. noch investigativ). Man könnte es einfach mit dem Perspektivenwechsel versuchen, das Geschehen aus der Perspektive von Nichtwählern oder Ungültigwählern zu sehen.

Aber wozu Recherche, wenn man eine Meinung hat.

Das arroganteste Beispiel dafür von heute: die Frankfurter Neue Presse. Auf Facebook kündigte sie ihre Enthüllungsstory so an:

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Entsorgte Objektivität

Schon wieder eine AfD-Skandal-Inszenierung. Schon wieder die deutschen Leitmedien im Gleichschritt. Schon wieder Empörung statt Journalismus. Dabei hatte es doch kleine Hoffnungszeichen gegeben, zumindest in einzelnen Redaktionen wolle man zurückkommen zur Recherche, wolle einen Informationsauftrag erfüllen, Geschehnisse sinnvoll einordnen (und nicht wie Twitter bringen, was gerade auf Zustimmung stößt).

Die Causa: Alexander Gauland soll bei einer Wahlkampfveranstaltung gesagt haben

„Ladet sie [Aydan Özoğuz (SPD), Integrationsbeauftragte der Bundesregierung] mal ins Eichsfeld ein und sagt ihr dann, was spezifisch deutsche Kultur ist. Danach kommt sie hier nie wieder her, und wir werden sie dann auch, Gott sei dank, in Anatolien entsorgen können.“

Das Journalismus-Versagen dabei:
* Gaulands Aussage wird ohne ihren Zusammenhang kolportiert.
* Ein einzelnes Wort wird zum Eklat: „entsorgen“. Ohne jede Einordnung (dabei haben schon weit prominentere Politiker Konkurrenten „entsorgen“ wollen).
* Der von den Medien inszenierte Skandal wird von ihnen zu einer Medienpropaganda der AfD erklärt.
* Am Ende wird niemand auch nur einen Funken schlauer sein, aber alle Gruppen wurden in ihrer Identifikation (= Abgrenzung von allem anderen) gestärkt.  Weiterlesen

Faktencheck für die Tagesschau (Korinthe 84)

Es ist ein ausgewogener, informativer Hintergrundartikel zur Sonntagsarbeit, den tagesschau.de (doch sehr presseähnlich) publiziert hat. Nur über den Fehler am Ende sind wir gestolpert, und weil auch nach 17 Stunden trotz Hinweis noch keine Korrektur erfolgt ist, sei es hier angemerkt:

Es sind (natürlich) nur 13 Prozent der Erwerbstätigen, die sonntags arbeiten, nicht „der Menschen“ mit allen Kindern, Schülern, Rentnern und Pflegefällen, denn nur etwa die Hälfte der Bevölkerung ist erwerbstätig (womit die Angabe der Tagesschau etwa 100% über dem echten Wert liegt). Problematisch sind solche Fehler vor allem, wenn sie den Eindruck vermitteln, dass ein Autor keine rechte Vorstellung von den Zahlen hat, die er kolportiert.

Glyphosat, Fotojournalismus und Küchenstatistik

Fehler können passieren, und wir sind hier schon vor Jahren davon abgekommen, auf journalistische Patzer hinzuweisen – wenn sie denn (transparent) korrigiert werden. Aber wenn Unfug einfach trotz Hinweisen stehen bleibt, stellt sich eben regelmäßig die Frage nach der journalistischen Qualität. Zwei Beispiele, kurz hintereinander über Twitter gesehen und auch nach vier Tagen mit einem „wir schaffen das“ präsent gehalten.

a) Bebilderung zu Glyphosat


Gerade weil die Kollegen von Übermedien schon mal vor knapp einem Jahr ausführlich darauf hingewiesen haben ist es ärgerlich, wenn angebliche Fachredaktionen weiterhin in die Irre führen, wie hier abgebildet bei der taz: Glyphosat ist ein Totalherbizid, das Pflanzen über ihre Blätter aufnehmen, die daraufhin absterben. Es wäre unsinnig, dies auf wachsendes Getreide oder blühenden Raps zu sprühen. Einzige Ausnahme:

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Lesebeute zum neuen Trump-Cover

* Michael Hanfeld, FAZ, über den aktuellen SPIEGEL-Titel:

Insofern spielt der „Spiegel“-Titel genau das, was Trump braucht: ein Zerrbild von ihm, mit dem er weiter an seinem Zerrbild der Presse arbeiten kann. Denn zu einem lädt der „Spiegel“ in Bild und Text nicht ein – zu einer nüchternen, differenzierten Betrachtung von Trumps Politik. Von der hat sich das Blatt allerdings nicht erst jetzt verabschiedet. Schon der Titel vom 12. November des vergangenen Jahres, in dem Trump als Komet mit Feuerball erschien, der die Erde verschlingt, war von ähnlicher Machart wie der jetzige.

* Ähnlich kritisiert Clemens Wergin in der Welt:  Weiterlesen