Satire ist kein Fake

Es war ja klar, dass seit dem 19. Dezember 2018 alles mögliche “Fake” und “Relotius”  ist. Dass der Skandal zu diversen Grundsatzdiskussionen führt, ist ein schöner Nebeneffekt. Was dabei aber alles durcheinander gerät, ist unschön.

So haben diverse Professoren die Gelegenheit genutzt, ihr Credo zu beten, es gebe keine Objektivität im Journalismus, keine Wahrheit, keine Richtigkeit, weil ja alle Wahrnehmung nur Konstruktion von Wirklichkeit sei. Michael Meyen: schreibt:

Objektivität, Trennung von Nachricht und Meinung, Neutralität, Unabhängigkeit, Vielfalt, Ausgewogenheit: Solche Kriterienkataloge sind verräterisch, weil sie etwas versprechen, was niemals einzulösen ist, und so die Selektivität verdecken, die jede Berichterstattung ausmacht (vgl. Lippmann 2018: 293).

All diese Kriterien bestreiten keineswegs Selektivität der Berichterstattung, sie sollen sie viel mehr begründen helfen. So wie “Transparenz”, die Meyen (mit vielen anderen) als Ersatz für den Objektivitätsmythos empfiehlt. Aber das wird ein anderes Mal genauer zu verhandeln sein, das Thema läuft uns bestimmt nicht weg, zu viele universitäre Jobs hängen davon ab, dass diese Debatte nicht endet.

Problematischer, weil ohnehin selten betrachtet, ist die Ausdehnung des Fake-Begriffs auf die Satire. Oder eben: das Verkennen von Satire als Fake.

Die Weltwoche, ein Schweizer Blatt mit rechtem Muff, hat in ihrer vorletzten Ausgabe (3. Januar 2019) einen offenen Brief an Claas Relotius veröffentlicht. Autorenangabe: Tom Kummer. Der Briefautor spricht von der doch recht limitierten Wirklichkeit und davon, “dass ich fortan nicht mehr der größte Betrüger im deutschsprachigen Journalismus bin”, was er allerdings  gleich wieder relativiert: “Dass man uns Betrüger schimpft, naja, Claas, das mag juristisch so sein, im Kreativen aber mit Sicherheit nicht.”
Darüber ist erstaunlicherweise offenbar vernehmbar niemand gestolpert, bis sich Roger Schawinski am 14. Januar mit jenem Tom Kummer im Schweizerischen Fernsehen traf. und ihn zur Eröffnung  auf seinen dreisten Brief ansprach. Aber der echte Tom Kummer zeigte sich ahnungslos. Und so titelten unsere Freunde des höltzernen Bratapfeljournalismus:

Neuer Fake-Fake im Fall Relotius: Weltwoche beschwindelte Leser mit vermeintlichem Tom-Kummer-Kommentar

Bedauerlicherweise hat der geschätzte Journalistik-Professor Vinzenz Wyss ins gleiche Horn getutet. Auch er sieht die Leser getäuscht, persönlich.com zitiert ihn wie folgt:

«Das Ziel der Kolumne hätte bei einer eindeutigen Deklaration wie ‘Achtung Satire!’ oder ‘Wie würde wohl Tom Kummer reagieren?’ auch erreicht werden können. Die Idee der Persiflage ist ja durchaus witzig.»

In einem kurzen Twitter-Dialog fragt Wyss nach, woran denn die Leser die Satire hätten erkennen sollen.

Was die Leser erkennen und was nicht, können nur diese selbst feststellen. Es ist anmaßend, von seiner eigenen geistigen Konstitution auf andere zu schließen, am besten noch mit den üblichen Abstrichen, die sich hinter Begriffen wie dem “durchschnittlich gebildeten Leser” verbergen, die dusselige Richter gerne verwenden.

Viel wichtiger aber ist: diese Form der Satire verlangt gerade nicht, dass die Leser sie sofort erkennen. Sie spielt ja mit der Gutgläubigkeit, der Erwartungshaltung, den Schubladen im Kopf.
Bei Satire wie jeder anderen Form von Kommunikation einschließlich Journalismus geht es nicht um Worte, Bilder, Töne, – es geht immer um Aussagen. Satire ist eine künstlerische Darstellung von Tatsachen und Meinungen mittels unwahrer Aussagen. Diese Aussagen erschließen sich stets nur im Kontext (“der Ton macht die Musik”).

Die Weltwoche, die selbst böse (oder: peinlich) betroffen ist von Relotius-Fälschungen (und die sich dazu auch nicht gerade demütig verhalten hat), bringt den angeblichen Text eines Fälschers, der das Fälschen gutheißt, jedenfalls wirtschaftlich lohnend. Das kann man als Gag (mit Selbstironie) oder Unverschämtheit (Versuch der Reinwaschung) lesen. Und wahrscheinlich noch in zig anderen Variationen.
Der Text provoziert wohl ein paar Gedanken zu Wahrheit, Filterblasen, dumpfen Konsumenten etc. Und dies vorgeblich auf Kosten Kummers (denn nur mit diesem Namen bekommt der Beitrag seine Fallhöhe). Für die Weltwoche wäre die Pointe vermutlich besser gewesen, hätte irgendein Medienjournalist den “Fake” entlarvt: “das ist nicht Kummers Duktus”, “Tom kann den Brief gar nicht geschrieben haben, weil…”. So hat Fälscher Tom für die (mutmaßliche) Wahrheit gesorgt. Und Journalisten und Journalismusforscher, die das nicht erkannt haben, fühlen sich erneut hinters Licht geführt. Als gutgläubig geoutet. Als Gläubige (denn erneut passte das “Narrativ”).

Eine Lesart: Der Beitrag ist ein Kommentar, er arbeitet ausschließlich zwischen den Zeilen, und erst mit der Empörung über die angebliche Fälschung wird er (vollständig oder teilweise) dechiffriert. Er konnte jedenfalls seine Aussagen überhaupt nur treffen, indem er als angeblicher Tom Kummer erschienen ist.
Ob das jetzt gut war oder schlecht, besser ginge blabla ist egal – und da sollten sich auch nicht voreilig Menschen zu Kunstrichtern aufschwingen.

Was der Beitrag in der Weltwoche mit Sicherheit nicht ist: eine Fälschung. Denn seine Aussage ist gerade nicht: “hier hat Tom Kummer geschrieben”.

Denn der Brief ist Satire. Und nein, deren Qualität hängt nicht davon ab, dass sie jeder erkennt. Auch Profis dürfen daran scheitern. Dass sie erst dadurch gut wird, wollen wir nicht behaupten. Aber es macht sie zumindest bemerkenswert.

Links:
Die ganze Sendung beim SRF.
Auf persönlich.com ist der Brief an  Claas Relotius zu lesen  (bei der Weltwoche selbst gibt es keine einzelnen e-Paper und keinen Archivzugang mit Probeaccount).
Das Meedia-Bild zeigt übrigens nicht die Weltwoche-Ausgabe, in der “Lieber Claas Relotius” erschienen ist…

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