Ein Brief vom Onkel aus Amerika

Ungebetene Ratschläge werden meist als unhöflich empfunden und reflexartig zurückgewiesen – was nur selten schade ist. Denn jeder gute Ratschlag verlangt zu verstehen, was der Beratene eigentlich will, auch und gerade, wenn man ihn auf ein anderes Pferd setzen möchte.
Dies ist einer der Gründe, weshalb Wissenschaftler es gerne bei der Forschung belassen, allenfalls Hinweise geben zur Interpretation ihrer Erkenntnisse, ansonsten aber von Ratgaben zur guten Lebensführung absehen.
Nun geben ausgerechnet Journalisten bekanntlich permanent ungefragt Ratschläge aller Art (sie sind nicht nur Co-Trainer, wie jeder gute Deutsche, sondern auch Co-Kanzler, Co-Minisster und Co-Papst, Cheffeminist und mindestens Oberdirektor einer Volksschule). Daher nehmen sie es Jay Rosen bestimmt nicht übel, dass er ihnen ungebeten* Ratschläge erteilt hat wie diesen:

Lernen Sie, [mit dem Spannungsverhältnis zwischen Objektivitätsgebot und Demokratieverteidigung] umzugehen. Vertrauen Sie niemandem, der es beseitigen will.

Eine von Rosen gelobte Zusammenfassung seines Textes:

Aus Sicht der Journalistik sind aber doch ein paar Anmerkungen denkbar, wenngleich es sich bei Rosens offenem Brief nur um eine erste längere Notiz zu seinem dreimonatigen Deutschlandaufenthalt handelt, der sicherlich tiefere Analysen folgen werden.

Methode
Jay Rosen, Professor am Arthur L. Carter Journalism Institute der New York University, hat in diesem Sommer den deutschen Journalismus studiert, indem er mit Akteuren gesprochen hat, überwiegend Journalisten. Vermutlich sind alle 53 Gesprächspartner interessante Menschen, eine repräsentative Stichprobe für den deutschen (bzw. in Deutschland produzierten) Journalismus sind sie nicht. Zwischen Sagen und Tun der Interviewten kann es zudem große Unterschiede geben. Und schließlich verzichtet Rosen offenbar komplett darauf, den Journalismus selbst zu betrachten. Aus der Wahrnehmung einiger Medienschaffender so auf das journalistische Selbstverständnis zu schließen, dass wissenschaftliche Ratschläge zur Verbesserung des Outputs ernst zu nehmen sind, dürfte eine Herausforderung sein.

Themenfeld
Rosen spricht in seinem Brief (FAZ.net) sehr groß vom “German journalism”, meint aber nur einen sehr speziellen Teil (und ein spezielles Themenfeld) des Politikjournalismus. Das ist vermutlich gut “anschlussfähig”, weil auf vielen Journalistentreffen in Deutschland ebenfalls der Berliner Termin- und Erregungsjournalismus mit (Politik-)berichterstattung gleichgesetzt wird. Aber genau da fangen die (bekannten) Probleme eben an. Es wäre z.B. mal eine interessante Betrachtungsweise, aus der Tageszeitung oder einer Nachrichtensendung alle Politikeraussagen (-behauptungen, -empörungen, -ankündigungen etc.) und im zweiten Schritt auch noch alle PR von Lobbyisten herauszunehmen und nur zu betrachten, was übrig bleibt. Welche politisch relevanten Informationen dann noch für die Meinungsbildung zur Verfügung ständen, könnte ein Proband “von außen” sicherlich besonders gut testen.

Codex
Jay Rosen deutet zwar an, dass Journalisten in Deutschland und in den USA etwas unterschiedliche Vorstellungen von ihren Berufsrollen haben, doch was in Deutschland passieren muss, kommt völlig apodiktisch daher, ohne jeden Hinweis auf Theorie, Gesetz, göttliche Offenbarung oder sonstige Quellen der Erkenntnis. Als Beispiel sein bisher wohl am häufigsten zitiertes Statement:

It’s not your job, as journalists, to tell people what to think. But it is your job to alert them to what they need to think about. Social scientists call this agenda-setting. It is one of the most important things journalists do.

Der erste Punkt darf als Binsenweisheit gelten, wenn auch in der Praxis manches Stück genau so daherkommt. Der zweite Punkt aber bräuchte doch eine nachvollziehbare Herleitung, insbesondere für die besondere Gabe aller Journalisten, die für jeden Bürger relevanten Themen benennen zu können (wie immer dann deren akkurate publizistische Aufarbeitung aussehen soll, worüber sich Rosen nicht weiter auslässt).

Content
Vieles in Rosens Brief an “the German Press” ist banal, und angesichts der Dramaturgie – der Forscher aus Amerika ist eingeflogen, um zu ergründen, “What is German pressthink and how is it changing?” – wirken seine Feststellungen und noch mehr seine Ratschläge recht arrogant. Das wäre keiner weiteren Erwähnung wert, bliebe Rosens Text angemessen unbeachtet. Doch die Medienanfragen laufen auf und wem der Satz das Herz wärmt, Journalisten hätten “nicht die Aufgabe, den Leuten zu sagen, was sie denken sollen”, der verbreitet derzeit den FAZ-Gastbeitrag mit Lobpreiszunge.
Dabei gäbe es viel zu diskutieren oder auch direkt zu kritisieren, wollte man den Brief als Grundlage für ernsthafte Branchenanalysen nutzen.
Wenn Rosen etwa zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Deutschland notiert:

It has a decentralized structure and a dedicated funding source, the license fee (€17.50 a month) that some Germans resent paying. Would they rather have Fox News?

dann erweckt das nicht den Eindruck, er habe die Vielfalt der Diskussion um den ÖRR und die vielen, sehr detaillierten Reformvorschläge dazu in der kurzen Zeit erfasst.

Wenn er es als Stärke des deutschen Journalismus lobt, für das Staatswesen einzutreten, fehlt ein Hinweis auf die damit einhergehende, weit verbreitete Ablehnung demokratischer Weiterentwicklung, die rein journalistisch-handwerklich zu kritisieren ist.

Und zum Umgang der Medien mit Rechtspopulismus – offenbar ein zentrales Thema in Rosens Gesprächen – gibt es nun wahrlich schon einige Forschung, die sich für eine Analyse mit dem externen Blick anbietet.

Wenn Jay Rosen später genauere Analysen des deutschen Journalismusverständnisses veröffentlicht, mögen sich Medienjournalisten und Wissenschaftler darin vertiefen. Der Relevanz des Letters entspräche, nach der deutschen Auffassung von Journalismus, redaktionelles Schweigen.

Fn *: Laut Rosen haben ihn alle seine Gesprächspartner um Rat gebeten, um den Blick von außen. Er adressiert seinen Brief aber nicht nur an diese – und dass sie alle mit denselben Ratschlägen ihre publizistische Arbeit voranbringen können, darf bezweifelt werden. 

Updates

+  Klaus Meier, Professor für Journalistik, zeigt sich in einer Kurzkritik enttäuscht über den Brief seines Kollegen. U.a. schreibt er:

Journalismus muss immer und ohne Einschränkung für Demokratie und Menschenwürde eintreten – und hier muss Journalismus auch den Leuten sagen, dass sie Demokratie und Menschenwürde zu achten haben, dass sie das auch zu denken haben. Punkt. Das darf man nicht relativieren. In Deutschland schon gar nicht – und eigentlich auch nicht in den USA.

Wie andere kritisiert Meier auch die Übersetzung der FAZ. (Nach einem Interview mit dem Deutschlandfunk hatte Rosen selbst  die Übersetzung kritisiert und erfolgreich um Änderung gebeten, darunter erstaunlicherweise eine redaktionelle Zusammenfassung im Teaser.

Ich schätze den amerikanischen Kollegen und Journalistik-Professor Jay Rosen sehr – zum Beispiel für seine Initiativen…

Gepostet von Klaus Meier am Mittwoch, 5. September 2018

 

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