Statistik für Angstfreie (Korinthe 85)

Es ist durchaus gesund, standardisiert zu zweifeln, wenn man gerade wieder der Auffassung  ist, man selbst (und der eigene Dunstkreis) sei dermaßen viel gescheiter als der Rest der Welt. Es kann zwar stimmen – aber gerne wird’s einfach stimmend gemacht.

Wolfgang Wetzel, “Vertreter für Bündnis´90/DIE GRÜNEN im Bündnis für Demokratie und Toleranz in der Region Zwickau”, hat auf Facebook mit gutem Quotenerfolg diese Zahlen hier gepostet:

Quelle seiner Behauptung, der “Anteil der Deutschen, die Angst haben, bei einem islamistisch motivierten Attentat zu Tode zu kommen”, läge bei 70%, dürfte eine von der  R+V Versicherung in Wiesbaden beauftragte Umfrage sein, deren Ergebnisse unter dem Titel “Die Ängste der Deutschen 2017” veröffentlicht wurden.
Doch die 70 Prozent, die hier als irrationale Dummköpfe vorgeführt werden sollen (und die kein Anteil der  82,5 Millionen Einwohner sind und auch nicht nur Deutsche, sondern eine “repräsentative Stichprobe von 2.380 Personen im Alter ab 14 Jahren” aus “70,02 Millionen Personen der Wohnbevölkerung in Privathaushalten (deutschsprachige Bevölkerung)”), haben keine Angst vor dem  persönlichen Attentatstod artikuliert, sondern der Aussage zugestimmt:

“Ich habe […] Angst davor, dass terroristische Vereinigungen Anschläge verüben”

wobei jede Zustimmung über dem Mittelwert als “große Angst” gewertet wurde. Angst vor Terroranschlägen kann man auch haben, ohne eigene Betroffenheit zu fürchten. Die Frage ist nicht einmal auf Deutschland eingegrenzt: ich kann mich also auch vor einem zweiten 9/11 fürchten oder vor Anschlägen in Paris oder London. Zu insinuieren, die Befragten hätten persönliche Todesangst, obwohl es 2017 doch nur einen Toten durch islamistischen Terror gegeben habe (die “0” im Bild hat Wetzel auf Facebook so korrigiert), ist eine Irreführung. Ferner ist von “islamistisch” in der Befragung gar nicht die Rede, aber wenn man diese Assoziation bildet, dann gehört zum ganzen Bild auch, dass die Befragung vom 23. Juni bis 28. Juli 2017 stattfand, – sechs Monate nach dem islamistischen Terroranschlag vom Berliner Breitscheidplatz mit 11 Toten und 55 Verletzten.

Dass die Angst, “bei einem islamistisch motivierten Attentat zu Tode zu kommen”, nicht bei 70% liegt, deutet auch die Zahl derer an, die der Aussage zustimmen:

“Ich habe Angst davor, dass ich Opfer einer Straftat werde.”

Es sind 29% der Befragten – und Opfer einer Straftat wird man nicht nur durch Mord und Totschlag, sondern auch durch Betrug, Diebstahl oder Einbruch.

Und schließlich wollen wir aus Gründen der Geschlechtergerechtigkeit auch noch nach Frauen und Männern differenzieren (andere Sexes sind nicht ausgewiesen):

Traditionell machen sich Frauen mehr Sorgen als Männer – so auch 2017. So lösen beispielsweise Bedrohungen durch Terroristen bei Frauen größere Ängste aus (Frauen: 75 Prozent, Männer: 66 Prozent). Auch vor Krankheit (Frauen: 53 Prozent, Männer: 41 Prozent) und Pflegebedürftigkeit (Frauen: 57 Prozent, Männer: 48 Prozent) fürchten sich die Frauen deutlich mehr.

Angst, Opfer einer Straftat zu werden, gaben 36% der Frauen und 23% der Männer an.

Wir fassen zusammen: 

* Es gibt keine Angabe über die Angst, Todesopfer eines Terroranschlags zu werden (jedenfalls nicht in dieser Umfrage und nicht mit 70%; der “Sicherheitsreport” von Allensbach etwa geht auch dieser Frage  nach, kommt aber zu ganz anderen Zahlen).
* “Terroristische Vereinigungen” sind nicht auf islamistische Flaggen begrenzt, die Befragten konnten dabei auch an Nazi-Banden oder katalanische UnabhängigkeitskämpferInnen denken.
* Wenn die Angst vor Terrorismus irrational ist, sind Frauen in diesem Punkt irrationaler als Männer.

Und was sagt der Journalismus dazu?

Das “Europäisches Journalismus-Observatorium” verbreitete den Quatsch – wie schon über 3.600 andere – ungeprüft.

+

Update

+ Am 15. Juni schrieb Wolfgang  Wetzel auf Facebook:

Ich verstehe gar nicht ganz, warum mein Post vom letzten Montag über 1.700 mal geteilt wurde. Ich habe da auf einem belanglosen Zettel einfach statistische Fakten aufgeschrieben, die jedermann/-frau auch ohne mein Zutun mühelos zugänglich sind. Was ist daran so besonders?
Ist der Bezug zur Realität, zum Faktischen, zum Messbaren und Belegbaren tatsächlich schon so weit Flöten gegangen, dass es etwas Besonderes und für manche Menschen sogar Anstößiges ist, Fakten zu verkünden? […]

Das Falsche macht die Zahlen  so besonders.

 

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