Wir Billigheimer

Kommentar zur Hitzacker-Berichterstattung

Journalisten überschätzen sich gerne. Demokratie sei ohne sie nicht möglich und so Trallala. Entsprechend wichtig nehmen sie sich in der Öffentlichkeit, machen aus jedem Rempler einen Angriff auf den freiheitlichen Rechtsstaat – alles bekannt und nicht originell, denn um mal wieder Kurt Tucholsky zu zitieren:

Der Standesdünkel liegt in derselben Schublade wie der Patriotismus. Vom Feuerwehrverein bis zum Vaterland sind nur wenige Schritte. Und daher sieht bei uns der Skatverein wie ein Staat und der Staat wie ein Skatverein aus. (1926)

Erstaunlich ist nur, in welchen Situationen Journalisten ihre Wichtigkeit so gar nicht bewusst zu sein scheint: nämlich wenn sie “nur ihren Job machen”, wie das dann immer legitimierend heißt.

Am vergangenen Pfingstwochenende entschieden sich Journalisten in ganz Deutschland, eine Polizeimeldung (bzw. dessen Agenturfassung) mit der Bedeutsamkeit ihrer Medienmarken aufzuladen. Ohne jede eigene Recherche und offenbar mit recht wirren bis wilden Bildern im Kopf zimmerten sie Überschriften, Teaser, Eyecatcher. In diesem Normalbetrieb, der im Ergebnis kaum einen Unterschied zwischen BILD und taz, Deutschlandfunk und Welt erkennen lässt, wird das Bedeutungspathos offenbar an der Garderobe abgehängt. Oder wie ist es möglich, dass die gesamte Medienlandschaft, die keinen Mainstream bilden möchte, Nachrichten mit maximalem Skandalpotential bastelt, ohne die Folgen bei der Arbeit zu berücksichtigen?

Es ist die berühmte self-fulfilling prophecy, mit der hier gearbeitet wird: Oh, die Nachricht ist wichtig, weil wir sie wichtig machen können. Hauen wir sie erstmal raus, fliegt uns die weitere Berichterstattung wie gebratene Tauben zu. Man kann nicht bis drei zählen, schon haben sich die üblichen PR-Profis zu Wort gemeldet: Politiker, Gewerkschaftler, Twitter-Selbstvermarkter, Weltendeuter aller Art. Das Praktische an diesem Geschäft für alle: Man muss dazu nicht mehr wissen, als in einer Meldung steht, man muss nicht nachdenken, nirgends nachfragen, man kann direkt seinen Sermon raushauen und mit dem “heiligen Bogen” in spätestens zwei Halbsätzen zu seinem ganz persönlichen Lieblingsthema kommen.  Weiterlesen