Nichtwählerbashing als Ergebnis von Rechercheverweigerung

Nichtwählerbashing liegt bei den meinungsäußernden Journalisten seit langem im Trend. Die Logik muss in etwa die sein: Weil sie selbst natürlich aktiv wählen (natürlich, weil Wahlkampf und Wahl nicht nur ein „Hochamt der Demokratie“, sondern vor allem ein Festschmaus für den Journalismus sind), muss dies richtig sein – und anderes Verhalten muss falsch sein.
Diese Form der Meinungsbildung ist sicherlich weit verbreitet – hat nur mit Journalismus nichts zu tun. Da gibt es z.B. ganz seriöse Nichtwählerforschung, mit der man sich beschäftigen könnte. Man könnte als Journalist selbst Nichtwähler befragen. Konkret zu ungültigen Stimmen könnte man einen Blick auf die entsprechenden Wahlzettel werfen (hui, das würde evtl. noch investigativ). Man könnte es einfach mit dem Perspektivenwechsel versuchen, das Geschehen aus der Perspektive von Nichtwählern oder Ungültigwählern zu sehen.

Aber wozu Recherche, wenn man eine Meinung hat.

Das arroganteste Beispiel dafür von heute: die Frankfurter Neue Presse. Auf Facebook kündigte sie ihre Enthüllungsstory so an:

„Der dümmste Wahlkreis, der faulste Stadtteil“ – da hat jemamd Leserwertschätzung aber voll drauf. Was den faulsten Stadtteil angeht scheibt die FNP dann in ihrem Artikel:

„Fechenheim ist der faulste Stadtteil Frankfurts. Nur 61,2 Prozent der Wahlberechtigten haben ihren Zettel in der Urne versenkt – der Rest hat’s versäumt.“ Leider wird keinerlei Quelle angegeben, die Faulheit & Versäumnis belegt. Die Möglichkeit, dass jemand absichtlich nicht gewählt hat, konnte die FNP aufgrund intensiver Recherchen aber wohl zuverlässig ausschließen – sonst schriebe sie ja Blödsinn.

Und dann die Steigerung:

Exakt 2.169 Trottel behauptet die FNP im Wahlkreis Main-Kinzig-Wetterau II-Schotten ausgemacht zu haben. Denn die „haben es hier geschafft, ungültige Wahlzettel abzugeben“.

Auf Facebook gibt es ein wenig Kritik. Ein Leser schreibt u.a.:

Vielleicht sollten Sie auch die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass diese Wähler eventuell nicht „dumm“ sind, sondern bewusst ihre Wahlzettel als ungültig aufgrund eines Protests gegen die etablierten Parteien abgegeben haben?
Diese Wähler dann pauschal als „die dümmsten“ zu bezeichnen zeugt von absoluter Unwissenheit und Überheblichkeit.

Darauf reagiert von der FNP ein Christophe Braun mit einer erweiterten Kopie aus dem Artikel:

Wer sein Recht auf Teilhabe am demokratischen Prozess nicht wahrnimmt, der handelt grob fahrlässig. Es gibt keine „neutrale“ Stimme – wenn Sie Ihren Stimmzettel ungültig machen, stärken Sie indirekt die Parteien, gegen die Sie eigentlich protestieren wollen.

Offenbar hat sich die FNP-Redaktion noch nie wirklich mit Wahlrecht, Wahloptionen und Wahlauswirkungen beschäftigt. Es ist hier nicht der Ort, das alles erneut zu referieren, aber zweifelsfrei sind alle Grundbehauptungen der FNP falsch. Dafür erklärt die FNP in unübertrefflicher Arroganz alle Menschen für dumm, die die Wahlteilnahme verweigern, die ungültig wählen oder die eine Partei wählen, die nicht über die 5% Hürde kommt – auch wenn die FNP das vermutlich selbst gar nicht checkt (Anfrage läuft).

Update 23 Uhr: Der Chefredakteur der Frankfurter Neuen Presse hat auf die schriftlichen Fragen nicht reagiert. Da auch an den Texten nichts verändert wurde, ist man dort wohl überzeugt von seinem Stil. Wir haben daher jetzt förmlich eine Beschwerde beim Deutschen Presserat eingereicht.

Ergänzung 26.09.: Man könnte natürlich jetzt eine lange Liste handwerklich schlechter Produkte über Nichtwähler beginnen – aber dafür fehlt uns schlicht die Zeit. Aber es braucht eine Debatte um Qualität.
Focus.de z.B. referiert in einem Beitrag, was in einer Lokalzeitung stand: die hat EINEN Nichtwähler gefunden, der nun seine Wahlverweigerung bereut. Das ist natürlich höchst suggestiv und journalistischer Schrott, wenn auch bekannte Masche: einen Einzelfall zu nehmen und den groß aufzublasen, ohne eine halbwegs richtige Einordnung zu treffen. Hier müssten natürlich einem bereuenden Nichtwähler zig überzeugte Nichtwähler entgegengestellt werden. Aber das „Narrativ“ ist eben: wählen ist gut, wer nicht wählt muss behandelt werden. Dass sich vermutlich ein großer Teil der 15 Millionen Nichtwähler von einem solchen Journalismus verarscht fühlt, schert die Macher nicht – Nachhaltigkeit ist kein Begriff im Medienbusiness.

 

 

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