Glyphosat, Fotojournalismus und Küchenstatistik

Fehler können passieren, und wir sind hier schon vor Jahren davon abgekommen, auf journalistische Patzer hinzuweisen – wenn sie denn (transparent) korrigiert werden. Aber wenn Unfug einfach trotz Hinweisen stehen bleibt, stellt sich eben regelmäßig die Frage nach der journalistischen Qualität. Zwei Beispiele, kurz hintereinander über Twitter gesehen und auch nach vier Tagen mit einem „wir schaffen das“ präsent gehalten.

a) Bebilderung zu Glyphosat


Gerade weil die Kollegen von Übermedien schon mal vor knapp einem Jahr ausführlich darauf hingewiesen haben ist es ärgerlich, wenn angebliche Fachredaktionen weiterhin in die Irre führen, wie hier abgebildet bei der taz: Glyphosat ist ein Totalherbizid, das Pflanzen über ihre Blätter aufnehmen, die daraufhin absterben. Es wäre unsinnig, dies auf wachsendes Getreide oder blühenden Raps zu sprühen. Einzige Ausnahme: die von Monsanto vermarkteten genetisch veränderten Nutzflanzen, die resistent gegen Glyphosat sind. Deren Anbau ist aber in der EU derzeit verboten.
Dass also auf dem von der taz verwendeten Foto kein Glyphosat versprüht wird bzw. das Bild eben keinen in Europa zugelassenen Glyphosateinsatz zeigt, ist keine Petitesse: Solche Bilder vermitteln eben falsche Informationen – und zeigen indirekt, dass auch der Autor des Beitrags vom Thema nicht allzuviel versteht.

b) Statistik im Hausgebrauch


Auch bei der Präsentation von Zahlen, insbesondere wenn sie dann auch noch mit Vergleichen veranschaulicht werden, begründen grobe Fehler stets den Verdacht, der Berichterstatter habe sein eigenes Thema nicht verstanden.
Die Berliner Zeitung berichtet:

„Der Abstand des Lohns  zwischen Berlinerinnen und Berlinern ist im vergangenen Jahr nur ganz wenig geschrumpft  – von 15 Prozent 2015 auf 14 Prozent.“

Dabei wird schon nicht klar, ob die Männer 14% mehr verdienen oder die Frauen 14% weniger – was bekanntlich nicht dasselbe ist. Und warum die Veränderung um einen Prozentpunkt „ganz wenig“ ist, sollte vielleicht erklärt werden – immerhin ist es eine Reduktion um fast 7%.

In jedem Fall ist der Unterschied deutlich geringer, als auf der Artikelillustration dargestellt (mit der verschwurbelten BU: „Die Gehaltsunterschiede sind zum Teil beträchtlich“ – ja klar, die Bundeskanzlerin verdient auch mehr Geld als der Austräger der Berliner Zeitung) – denn dort verdient der Symbolmann 57% mehr als die Symbolfrau.

Noch doller wird es dann aber beim Versuch einer Veranschaulichung. Denn ob des irgendwie errechneten Gehaltsunterschieds von 14%

arbeitete eine Durchschnittsfrau [in Berlin] 55 Tage ohne Lohn

Wirkt das nicht schon auf den ersten Blick etwas merkwürdig? 14% Gehaltsunterschied sollen 55 unbezahlten Arbeitstagen im Jahr entsprechen? 55 Arbeitstage sind bei uns normalerweise 11 Wochen. Ferner gibt es einen gesetzlichen Urlaubsanspruch von vier Wochen, real meist sechs Wochen; dann gibt es noch Feiertage – in der Summe etwa zwei Wochen, und durchschnittlich sind Arbeitnehmer auch etwa zwei Wochen pro Jahr krankgeschrieben, arbeiten also nicht.
Auf die „55 Tage ohne Lohn“ kommt man daher nur, wenn man mutig von 365 Tagen, die das Jahr hat, 15% abzieht (obwohl die „geschlechtsspezifische Lohnlücke“ ja gerade auf 14% gesunken ist, aber die Brandenburger Vergleichszahl macht deutlich, dass dies wohl der geniale Rechenweg war). Der Autor Gerhard Lehrke geht für seine Rechnung also von 365 Arbeitstagen pro Jahr aus, von denen dann „Durchschnittsfrauen“ 55 Tage unbezahlt arbeiten müssen. Was für ein Unsinn.
(Dass der Artikel auch sonst mehr Verwirrung stiftet als Orientierung leistet, wollen wir an dieser Stelle mal nicht weiter vertiefen.)