IQ schwer verkäuflich

Journalismus kann ein netter Service sein. Wenn er etwa eine Tagung zusammenfasst, alles Blabla der Talkrunden und Panels ausblendet, mit den wichtigsten O-Tönen als Video für den realistischen (Sympathie-)Eindruck.
Warten wir also gespannt, was Journalisten von der Tagung der „Initiative Qualität im Journalismus“ (IQ) berichten werden, die am 12. Oktober 2015 im Berliner Funkhaus des Deutschlandradios stattfand. Denn mit Eröffnung der Mittagspause, die eine eher karge, ob des bereits eingesparten Frühstückhappens aber dringend benötigte Verpflegung in Aussicht stellte, schritt der Autor, der nichts bloggen sondern nur eine warme Mahlzeit schnorren wollte, von dannen.

Nur recht wenige Journalisten, Wissenschaftler und um die Demokratie Besorgte waren zu diesem achten Herbstforum der „IQ“ gekommen, am Vormittag konnte man etwa 70 Köpfe zählen – bei 16 Referenten und Podiumsdiskutanten. Der Veranstaltungstitel versprach auch nicht die ganz großen Knaller: „Qualität  hat ihren Preis – Journalismus finanzieren“.

Das größte Manko des Forums: zu viel Geplauder, zu wenig Hard Facts. Stephan Ruß-Mohl nur 20 Minuten für den einzigen Vortrag an diesem Tag zu geben war da, weil wohl nicht Frechheit, Verkennen von Qualität. Denn der Mann, der – bis heute zu seinem Leidwesen zitiert – vor einem viertel Jahrhundert journalistische Qualitätsbestimmung für so einfach hielt, wie einen Pudding an die Wand zu nageln (was er längst revidiert hat), hatte zu den ökonomischen Aspekten des Journalismus natürlich jede Menge zu sagen, musst sich aber durch seine Folien hetzen und auf einen provokativen Ausblick verzichten, um die strenge Zeitvorgabe einzuhalten.

Dafür gab es dann zwei Stunden lang Gespräche über Finanzierungsmodelle von Blogs, Online-Zeitungen, E-Paper und Print, mit: Konny Gellenbeck (taz-Genossenschaft), Dr. Christian Humborg (Correct!v), Philipp Schwörbel (Prenzlauer Berg Nachrichten), Alexander von Streit (Krautreporter), Hermann-Josef Tenhagen (finanztip), Moritz Tschermak (Watchblog „Topf voll Gold“), Florian Kranefuß (Der Tagesspiegel), Bascha Mika (Frankfurter Rundschau), sowie nach der Pause wohl noch Talk mit Dr. Ralf Bremer (Google Digital News Initiative), Simone Jost-Westendorf (LfM-Stiftung Vielfalt und Partizipation Düsseldorf), Prof. Dr. Marlis Prinzing (Macromedia-Hochschule), Jens Rehländer VolkswagenStiftung) und Prof. Dr. Stephan Ruß-Mohl (European Journalism Observatory, Lugano).

Das war nicht völlig uninteressant, allerdings vor allem vom Boulevard aus betrachtet, wegen der Personalisierung, dem People-haften. Fast alles, was Interviewer Werner Lauff nicht zu wissen vorgab und daher, gelegentlich auch mehrfach, erfragte, war dem interessierten Mediennutzer und dreimaldrei Mal dem medienjournalistisch Fachkundigen bereits bekannt. Die Essentials lassen sich auf einem Blatt zusammenfassen – als Kondensation der kleinen Tagungsmappe.

Eine wirkliche Vertiefung hätten die Ideen zur öffentlichen Finanzierung von Journalismus vertragen – so tauchten sie immer nur am Rande auf. Schon im Grußwort zur Eröffnung hatte sich Deutschlandradio Intentant Dr. Willi Steul klar gegen staatliche Subventionen ausgesprochen – wohlwissend und bekennend, dass er als Vertreter des öffentlich-rechtlichen Rundfunks da eigentlich im Glashaus sitzt. Stephan Ruß-Mohl hatte zwar ebenfalls staatliche Presseförderung als „völlig abwegig“ bezeichnet, konnte sich aber gleichwohl eine „Flat-Rate“ vorstellen, worunter er wohl die alte Idee verstand, das Geld der GEZ-Haushaltsabgabe nicht nur für den Rundfunk zu verwenden, sondern darüber nach bestimmten Kriterien Journalismus aller Mediengattungen zu fördern – ein konkreter potentieller Empfänger wäre wohl das „gemeinnützige Recherchezentrum“ „CORRECT!V“ von David Schraven und Kollegen (siehe: Kulturflatrate).

In der Logik des Subventionsberichts der Bundesregierung wäre es auch eine Staatsleistung, Online- und Printjournalismus einheitlich zu besteuern. Der ermäßigte Mehrwertsteuersatz von 7 Prozent gilt derzeit nur für Printprodukte. So mussten die Krautreporter von der ersten Million, die sie per Crowdfunding eingesammelt hatten, den vollen Mehrwertsteuersatz von 19% abführen (siehe hierzu Hamburger Abendblatt: Finanzminister Schäuble macht das Lesen teurer).

Einige Tweets von der Veranstaltung (#IQF15):

Michael Geffken: „Hat mangelnde Zahlungsbereitschaft vielleicht auch mit Relevanz zu tun?“

BDZV: „@marlisprinzing: Community nicht als lästiges Anhängsel sehen, sondern mit einbeziehen. Dann steigt Qualität der Kommentare“

Eva Werner : „Etwas überspitzt: ‚Kein normaler Mensch draußen interessiert sich für die #Medienkrise‘, meint @Jens_Rehlaender von @VolkswagenSt.“

Journalisten-Verband (DJV): „Viele können sich unter Qualitätsjournalismus gar nichts mehr vorstellen, so @marlisprinzing. Daher fehle es an Zahlungsbereitschaft.“

BDZV: „F Kranefuß [Tagesspiegel] bei #IQF15: Wir sind froh über unsere E-Paper, machen 10 bis 15 % unserer verkauften Auflage aus.“

DJV Hamburg: „Moritz Tschernak u seine Jungs von @topfvollgold können durch Bloggen wenigstens Miete bezahlen #IQF15 (mf)“

Jens Rehländer: „@vonstreit (l.) bei #iqf15: @krautreporter ist eine ‚offene Versuchsanordnung‘ für die Branche.“ [mit Foto]

Marlis Prinzing : „@correctiv_org #Iqf15 @chumborg Christian humborg plädiert für generell mehr gemeinnützigen Journalismus!“

Jens Rehländer: „@srussmohl sieht Ausbildung und Qualitätssicherung im Journalismus möglicherweise als Finanzierungsaufgabe für Steuerzahler“

U. Maercks-Franzen: „Ruß-Mohl: Müssen auch ‚for Profit-Journalismus‘ neb. öff.- rechtlich. Journ. am Leben halten, wenn wir Qualitätsjourn.  wollen“

Frederike Roser: „#Stiftungen sind für die Finanzierung von Journalismus nur ein Tropfen auf den heißen Stein, sagt @srussmohl auf der Tagung #iqf15 beim @DLF“

matias: „DLR Intendant Steul fordert Qualitäts- statt Rudeljournalismus vom öffentlich rechtlichen Rundfunk“

Mehr Tweets beim DJV (Storify).

Ordentliche Berichte von der Tagung:
(in der am 26.10.2015 an die Teilnehmer verschickten Dokumentation finden sich einige wenige Medienbelege. Daraus kann man folgendes verlinken:)

HAZ: Wer finanziert guten Journalismus?

Bericht bei der GKP (Gesellschaft katholischer Publizisten Deutschlands)

Weiteres zum Thema:

Ad-Blocker hatte Ruß-Mohl als ein Problem der Journalismus-finanzierung genannt. Logisch irgendwie. Daher auch kein Skandal, dass Bild.de AdBlocker-Usern keinen Gratis-Content liefern will. (Bericht bei meedia)

Ein Gedanke zu „IQ schwer verkäuflich

  1. Ich grüße Sie Herr Rieg,

    wann kommt denn das angekündigte

    „Ordentliche Berichte von der Tagung: werden folgen / verlinkt“

    … scharr‘ mit den Hufen …

    Viele Grüße!

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