BILD-Referendum: nicht unjournalistisch

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Michael Konken, dem Bundesvorsitzenden der Journalisten-Lobby DJV, ist zuzustimmen, wenn er die BILD-Berichterstattung zu den Schulden Griechenlands kritisiert – was nun wirklich nicht schwer ist, schließlich führen viele BILD-Kampagnen schlicht zum Brechreiz, aber gesagt ist dazu schon alles.

Die Aufregung konkret aber über das „BILD-Referendum“ ist nicht nachvollziehbar. Sie speist sich ganz offensichtlich nur aus der Angst vor dem Ergebnis. Auszug aus der Pressemitteilung:

Der Deutsche Journalisten-Verband fordert die BILD-Zeitung auf, ihr so genanntes „Referendum“ zur Griechenland-Unterstützung zu stoppen.
Sowohl in der gedruckten Zeitung als auch online bittet die Zeitung ihre Leser, darüber abzustimmen, ob Deutschland Griechenland weiterhin mit Geld unterstützen soll. Chefredakteur Kai Diekmann sagt dabei in dem Video-Format Daily auf Bild.de ganz unverhohlen, dass er damit rechnet, dass die Leser mit Nein stimmen werden. Dies sei dann auch ein Zeichen für die Mitglieder des Deutschen Bundestags, die im Herbst unter Umständen erneut über weitere Hilfszahlungen abstimmen müssen.
„Diekmann entfernt sich damit zum wiederholten Mal von seinem Auftrag als Journalist und macht selber Politik. Das ist nicht seine Aufgabe. Journalisten sollen Informationen anbieten, einordnen und erklären“, sagt Michael Konken, Bundesvorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbandes.

a) Leserbefragungen sind ein uraltes Mittel, um Stimmungen einzufangen. Ob Praktikanten oder Volontäre in die Fußgängerzone geschickt werden oder Online „gevotet“ wird – es ist vollkommen normal.

b) Dass solche – natürlich nicht repräsentativen – Stimmungsbilder von der Politik wahrgenommen werden, gehört zum demokratischen Diskurs. Dazu berichten Zeitungen, dazu schreiben Journalisten Kommentare, dazu gibt es Leserbriefe und Foren. Eine Story wird es doch erst, wenn Politiker darauf nicht reagieren.

c) Seine Leser um Stellungnahme zu bitten ist keine Politik, sondern reden über Politik. Zu Politik müssen es andere machen (Punkt b) – schließlich haben sich Politiker genau dieses Recht in Deutschand vorbehalten, wo sie auf das repräsentative Systsem pochen und Volksentscheide auf Bundesebene ablehnen.

d) Experten, Lobbyisten, Parteien nach ihren Meinungen zu fragen, ist journalistisches Tagesgeschäft: „Informationen anbieten, einordnen und erklären“. Warum sollte die Bild-Zeitung da nicht auch die eigenen Leser befragen dürfen?

e) Der PR-Erfolg sei dem Springer-Blatt gegönnt (und zu den satirischen Tweets kann man sogar gratulieren), schließlich hätte jede „Qualitätszeitung“ selbst eine solche Abstimmung anbieten könnten und die dafür notwendigen Informationen vorbildlich aufbereiten können. Allerdings besteht die Bevölkerung in Deutschland halt nicht nur aus FAZ-Lesern und DJV-Mitgliedern.

f) Grundsätzlich kranken Referenden wie Wahlen natürlich daran, dass viele Abstimmende nicht hinreichend informiert sind, dass Stimmenthaltungen nicht gewertet werden (außer beim Quorum) und dass es nur die Möglichkeit gibt, Ja oder Nein zu sagen, ohne etwas inhaltlich beitragen zu können. Aber genau dieses Problem wird von den Qualitätsmedien in ihrer Politikberichterstattung kaum behandelt. Der BILD kann man nun dieses Defizit aber wirklich nicht anlasten.