Medienkritik vom Feinsten

Seit einer Woche läuft die Dauer-Berichterstattung über den Germanwings-Absturz in den französischen Alpen. Sie und die Diskussion über sie laufen wie immer. The same procedure…

Sensationsjournalismus? Nein, Business

Man braucht keine Nachrichtenwerttheorie zu bemühen um festzustellen, dass es für den Berichterstattungshype Gründe gab, die man sehr doof finden kann, die aber das Grundcredo unserer Gesellschaft stellen: es verkauft sich halt. Live-„Ticker“, Breaking-News, Sondersendungen, Klickstrecken, Dossiers, Talkshows, Experten-Interviews – über die Sinnlosigkeit dieser journalistischen Lebensäußerungen kann man beliebig lang und breit und immer wieder diskutieren, ohne dass es irgendetwas bewirken wird (außer ein gutes Gefühl bei jedem Diskutanten): solange es Leser, Hörer, Zuschauer, kurz: mit Geld oder Werbeaufmerksamkeit zahlendes Publikum gibt.

Deswegen ist es dann auch müßig zu verhandeln, welche journalistischen Leistungen in dem ganzen Bohei vielleicht verborgen sind. Eine „Orientierungsleistung“, die dem Journalismus gerne zugeschrieben wird, muss man wohl nicht suchen. Ist es „Trauerarbeit“? Oder schlichte Unterhaltung – egal, wie betroffen sich die Rezipienten geben (schließlich gibt es ja nicht von ungefähr die verschiedenen Unterhaltungs-Genres, von Komödie bis Horror)?

Ebenso müßig ist die Frage nach Henne und Ei: ob die Medien vorhandene Bedürfnisse befriedigen oder sie erst wecken. Natürlich kommt der Appetit mit dem Essen – auch dies gehört zum gesellschaftstragenden Businessmodell, dem wir schließlich all den Wahnsinn verdanken, der das Gegenteil zur „Nachhaltigkeit“ bildet.

Das Mediengeschehen rund um den Germanwings-Absturz am 24. März 2015 war soweit business as usual.

 Alles wird aufgeblasen.

Ja, eine „entschleunigte Welt“ wäre schön. Wenn wir Twitter und Konsortenquatsch wieder gegen eine Wochenzeitung oder den Wochenspiegel eintauschen könnten. Lesen, sehen, hören – und dann eine Woche Zeit für anderes und bei großem Interesse auch zum Nachdenken über diese letzten News, die sieben Tage später ein Update erfahren. Wieviel Schwachsinn wohl nicht gezeugt und geboren würde!

Nur ein Beispiel: Die Süddeutsche Zeitung fragte ernsthaft, ob die ärztliche Schweigepflicht aufgehoben werden sollte, ob also eine Denunziationspflicht für Depressionen eingeführt werden müsse.

Solche Fragen kommen, wenn ein Unternehmen meint, seine Kunden mit Internetdiskussionen bei Laune halten zu müssen. Aber ist das Journalismus?

Was wollen Journalisten vor dem Joseph-König-Gymnasiums in Haltern? Und was in Montabaur? Es soll Sendezeit und Sendeplatz und Druckfläche gefüllt werden, schon klar, aber was machen Journalisten dabei? Welches Berufsbild muss jemand haben, der seinem Chef für den Auftrag zu einem solchen Ortstermin nicht auf Tisch, Tablet und Smartphone bricht?

„Wie weit dürfen Medien gehen?“ ist eine völlig belanglose Frage, solange sich für jeden Schwachsinn noch jemand findet, der ihn macht.

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Für Chef-Ethiker: Persönlichkeitsrechte des Co-Piloten

Was als – trallala, es geht alles so schön Hand in Hand – Business einiger für höhere Mathematik vermutlich ungeeignete Rechtsanwälte begann, ist inzwischen Volkssport (auch Dank Volksblogs): unendliche Empörung, wenn bei einem Ereignis, mit dem medial gerade die halbe Welt bewegt wird, Beteiligte genannt werden.

„Das öffentliche Interesse muss in diesem Fall zurückstehen. Weder der veröffentlichte Name noch das Bild [des Co-Piloten] helfen uns bei der Beantwortung der Warumfrage.“ Sagt Vinzenz Wyss, Professor für Journalistik am Institut für Angewandte Medienwissenschaft der ZHAW, – und dürfte damit für das Gros der akademischen Medienethiker stehen.
Doch auch wenn es ein ganz schlechtes Businessmodell ist, muss man ihm widersprechen. Von der Namensnennung hängt zwar nicht die Welt ab, aber die Persönlichkeitsrechte eines mutmaßlichen Katastrophenverursachers sind so ziemlich die letzte Sorge, die einen in solch einem Fall treiben muss. Warum? Weil alle, die mit dem Namen etwas anfangen können, sprich die Andreas L. aus Montabaur um egal wie viele Ecken kannten, ihn ohnehin im Zusammenhang mit dem Unglück kennen! Wie albern zu meinen, hier könnten professionelle Nachrichtenmedium noch irgendwem etwas Neues erzählen – oder eben verheimlichen. Das war schon vor der Digitalisierung nicht möglich, aber durch die digitalen Netzwerke sollte es für jeden Kritiker offensichtlich sein: Nachbarn, Arbeits- und Vereinskollegen, Schuljahrgänge, Partycliquen – jeder, der auch nur im Entferntesten eine Ahnung hat, wer Andreas L. ist, weiß auch ohne Journalisten, dass er in der Germanwings-Maschine auf Flug 4U9525 saß. Oder wie Stefan Winterbauer schreibt: „Einige deutsche Medien tun gerade so, als ob sie alleine bestimmen könnten, was öffentlich wird und was nicht.“ Sie wären halt so gerne Gatekeeper.

Was bringt uns Mediennutzern der Name des Co-Piloten? Tatsächlich wenig, außer dass wir uns nicht verbiegen müssen, wenn wir von dem reden, dessen Name nicht genannt werden darf. Aber es bringt uns auch nicht weniger, als die meisten anderen Namen und sonstigen Details in Berichten und Reportagen. Weiß noch jemand aus dem Kopf, wie der Typ von Winnenden hieß? Aber immerhin den Ort habe ich noch präsent. Und das finden viele Einwohner von Winnenden vermutlich sehr ärgerlich. Hätte man deshalb 2009 von einem Amoklauf im Niemandsland berichten sollen? Die angenehmen Verbindungen, für die man ebenso wenig kann, will ja auch niemand abstreifen: die berühmten „Söhne und Töchter einer Stadt“, erhabene Vorfahren, tolle Kinder, Geschwister, Nachbarn.

Das Foto aber bringt sehr viel! Die Veröffentlichung von Bildern des Co-Piloten bremst unsere ansonsten grenzenlose Phantasie, denn schließlich hat jeder irgendwen irgendwie vor Augen, zusammengebastelt aus Berichten, eigenen Erfahrungen, Filmen…
Und was sollte es schaden? Das Bild ist ein Teil der Wirklichkeit (ganz gleich, was die Ermittlungen weiter ergeben), über die der Journalismus berichten soll – und er vermag es immer weniger, Teile dieser Wirklichkeit zu unterdrücken („Wir haben in der Redaktion lange überlegt, ob wir Ihnen diese schrecklichen Bilder zeigen sollen…“). Das Interesse an dem Bild des mutmaßlichen Absturz-Verursachers haben nun wirklich nicht die Medien zu verantworten – sondern, neutral formuliert: der Absturz.

Es macht schon nachdenklich, mit welchem Verve bei jedem neuen Fall die meist immer selben Persönlichkeitsrechts-Verteidiger auftreten und – völlig uneitel – erklären, niemand habe das Recht, Namen, Bild, Wohnort oder sonst etwas identifizierendes über den Täter/ ihren Mandanten zu erfahren. Das wirkt – ehrlich gesagt – jedes Mal perfekt lächerlich. Und extrem arrogant, denn die Journalisten selbst, die da vor lauter Rücksicht etwas nicht sagen oder zeigen wollen, kennen natürlich die Namen und Bilder, was ihnen offenbar keine große Bürde ist.

Noch schlechter für den Business-Plan ist es, dieses Berichterstattungsrecht auch in Bezug auf die Opfer einzufordern. Aber je kleiner die Opferzahl ist, um so klarer wird, dass obige Argumentation auch dort gilt: denn warum wird denn überhaupt berichtet? Doch wegen der Opfer! (Was ist ein Unglück ohne Verunglückte, ein Mörder ohne Ermordete?) Alle, die ein Unglücks- oder Verbrechensopfer auch nur entfernt kannten, werden von seinem Schicksal erfahren – neben dem allgemeinen Tratsch (s.o.) auch, weil die Angehörigen selbst dafür sorgen werden, um nicht in den nächsten Wochen, Monaten oder auch Jahren immer wieder damit konfrontiert zu werden („Er/ sie ist tot, wusstest du das nicht?“).

Vorsicht, Nachahmungstäter!

Geradezu Erheiterndes hat Heribert Prantl zur Reflexion beigesteuert. Meedia zitiert ihn aus einem Video:

“Man darf Nachahmungstäter publizistisch nicht provozieren“. So solle der Name des Täters nicht in den Vordergrund gestellt werden. Ziel sei es, dass niemand auf die Idee kommt, dass man mit solch einer “monströsen Tat” in die Geschichte eingehen könne.

Das mag gelingen, wenn Herr Prantel und Kollegen bereit sind, die Anschläge von „9/11“ irgendwo hinten in ihrer Süddeutschen als kleine Meldung abzuhandeln. Mein Abo dafür hätten sie! Aber da damals ja alle Journalisten die begangene Tat für „unvorstellbar“ hielten (anstatt die Meldung dazu wie jeden Nachruf im Archiv bereit liegen zu haben) ist die Hoffnung auf solch ein professionelles Handling wohl nicht sehr realistisch.

Natürlich bekommt ein Flugzeugattentäter oder -selbstmörder jede erdenkliche Aufmerksamkeit! Und es wird ihn nicht allzu sehr kümmern, wenn die SZ in ihren Live-Tickern seinen Namen zu verschweigen sucht.

Über 9/11 wird heute noch täglich gesprochen, aber wehe jemand wagt es, dies eine handwerklich grandiose Inszenierung zu nennen. Was will Heribert Prantl dem PR-Terroristen sagen? „Du, 9/11 wird bei euch Selbstmordattentätern auch überbewertet…“

Auf das wahre Problem verweisen leider nur die Verschwörungsfuzzis: der Hype absorbiert jede Menge Aufmerksamkeit. Das sorgt nicht nur dafür, dass für den Augenblick andere wichtige Dinge unbemerkt bleiben (Fuzzi-Theorie), es führt vielmehr zu einer langfristig wirksamen Verschiebung von Relevanzkriterien.

Links:
Bernhard Pörksen (Prof. Uni  Tübingen) warnt vor „Pseudo-Nachrichten“ bei einem Berichterstattungs-Hype. Aber: sind nicht die meisten Nachrichten pseudo? Weil sie entweder nicht neu sind oder nicht informieren?

Updat Namensnennung:
Zu diesem Komplex könnten wir mal einen eigenen Beitrag machen, aktuell (Juni 2016) ist uns die Position der taz begegnet, die sich nun doch entschlossen hat, den (längst bekannten) Namen ihres ehemaligen Mitarbeiters zu nennen, der für die sog. „Keylogger-Affäre“ verantwortlich ist. Die taz schreibt:

„Anders als im Februar 2015 haben wir uns entschieden, den Namen unseres früheren Kollegen zu nennen: Sebastian Heiser. Denn es gibt auch gegenüber jenen eine Aufklärungspflicht, mit denen er im Namen der taz zu tun hatte: Informant_innen, Gesprächspartner_innen, Leser_innen und Auszubildende.“

Namen sind eben nicht nur Schall und Rauch, sondern mitunter eine wichtige Information.

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