Mythos Ausgewogenheit

Wie schwer das mit der Meinungsäußerungsfreiheit ist, machen erfreulich viele Kommentatoren deutlich: mit ein bisschen „Je suis Charlie“ ist es eben nicht getan. Eine Meinung ist nur dann frei, wenn auch jede denkbare Gegenposition geäußert werden kann. Und das ist, wie u.a. Bettina Gaus in der taz schreibt, alles andere als selbstverständlich, sondern „ein Recht, das ständig neu erkämpft werden muss“.

Wenn etwa Anton Hofreiter, Fraktionsvorsitzender der Grünen im Bundestag, erklärt: „Diese Pegida-Demonstration ist widerlich. Aber natürlich haben unsere Behörden dafür zu sorgen, dass auch diese widerlichen Meinungsäußerungen möglich sind“ – dann sollte man ihn fragen, wie er auf PEGIDA-Plakate mit der Aufschrift „Grüne sind widerlich“ reagieren würde. Ob da vielleicht schon wieder ein Angriff auf die Demokratie vorläge?Solche Fragen haben Journalisten zu stellen. Doch viele genügen sich in der Rolle des Kolporteur: dankbar wird aufgenommen, was irgendwie vermarktbare Figuren äußern, je absurder, desto so besser.

Das dürfte der wesentliche Grund sein, warum so viele Rezipienten „Ausgewogenheit“ verlangen. Sie erwarten gar nicht, dass Medien Originelles von Blödsinn trennen, dass sie Fragen durch Recherchen beantworten, – sie erwarten das ganze Spektrum, damit sie sich stets raussuchen können, was ihnen passt. Wo vom „Klimawandel“ geschrieben wird, muss unbedingt auch ein „Klimakritiker“ zu Wort kommen.

Wobei „Ausgewogenheit“ natürlich auch meint, dass der öffentliche Mainstream in angemessener Breite vorkommt. Deshalb war es auch für viele ein Sakrileg, dass Günther Jauch in seiner gestrigen Sendung mit Kathrin Oertel jemanden vom PEGIDA-Verein eingeladen hatte. Denn um mit dieser Frau journalistisch reden zu können, bräuchte es ja zig Vertreter von „Gegenmeinungen“, unter anderem Vertreter der Muslime wurden gefordert (was alleine schon Aufklärungsbedarf über die muslimischen Strukturen in Deutschland zeigt).

Wenn Journalisten die richtigen Fragen stellen und so gut vorbereitet sind (bzw. ein so gutes und großes Team haben), dass sie Verzerrungen, Lügen, wesentliche Weglassungen ihres Gesprächspartners benennen können, dann braucht es für einen erkenntnisbringenden Talk nur zwei Leute – und keine ausgewogene „Talkrunde“ (bei Jauch kamen auf diesen „heißen Stuhl“ bisher aber nur Angela Merkel und Peer Steinbrück).

In vielen Fällen fehlt auch eine Institution, die den Medien Gegenpositionen servieren könnte. Da wäre es um so mehr die Aufgabe des Journalismus, selbst auf Relevanz und Richtigkeit zu prüfen. Tägliches Trauerspiel: die Kommentierung zur „inneren Sicherheit“ durch die beiden Lobbygruppen „Gewerkschaft der Polizei“ (Vorsitzender: Oliver Malchow) und „Deutsche Polizeigewerkschaft“ (Vors: Rainer Wendt), die zu jeder Demo, jeder „Terrorwarnung“ und jedem Polizistenvergehen unreflektiert von den Medien wiedergekäut werden. Ob die Einschätzungen, Forderungen, Gesetzesvorschläge etc. der Polizistenlobby sinnvoll sind, müssten die Rezipienten zumeist selbst recherchieren.

2 Gedanken zu „Mythos Ausgewogenheit

  1. habe die sendung nicht gesehen, aber hier in der zeitung schreibt einer http://www.berliner-zeitung.de/medien/-kathrin-oertel-bei–guenther-jauch,10809188,29603402.html „Zwar waren Oertels rhetorische Möglichkeiten begrenzt“ (gemint sind wohl ihre fähigkeitenn), und woanders lese ich „Als die Frau gefragt wurde, warum ausgerechnet im von Muslimen fast freien Dresden vor der Islamisierung des Abendlandes gewarnt werde, durfte sie unwidersprochen antworten: ‚In Deutschland wird auch gegen die Abholzung des Regenwaldes demonstriert, obwohl es keinen Regenwald gibt‘.“ http://www.fr-online.de/tv-kritik/pegida-bei-guenter-jauch–ganz-normale-frau-aus-dem-volk-,1473344,29603404.html
    das ist doch mal eine starke Antwort.

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