Handelnde Personen ausgeschlossen

Wenn Deutschland gegen Argentinien gewinnt, ist das sprachlich eine geläufige Flapsigkeit. Jeder weiß, dass die Fußballnationalmannschaft gemeint ist, die da bei einem von der Fifa organisierten Turnier mitgespielt hat. Und zumindest die Fans wissen auch, wer genau auf dem Feld stand.

Wenn Deutschland Argentinien mit Sanktionen droht, ist die Sache schon weit weniger eindeutig. Klar, es wird um Politik gehen, vermutlich, aber vielleicht sind mit „Deutschland“ auch Wirtschaftsverände gemeint? Aber wenn die Politik agiert – wer ist das genau? Ein Minister, der gerade spricht, ein Staatssekretär, der im Hintergrund gewirkt hat, Ministerialbeamte, die sich seit Jahr und Tag mit Sanktionen beschäftigen, oder das Parlament bzw. genauer einzelne Abgeordnete dort, die für oder gegen eine bestimmte Politik gestimmt haben?

Es ist – gerade für Journalisten – schön und einfach, Organisationen handeln zu lassen. Eben ein ganzes Land, gar die Europäische Union oder den ganzen afrikanischen Kontinent – das klingt gut und griffig.

Aber in Wirklichkeit verschleiern diese Kraftbegriffe sehr viel – und nicht selten in eigentlich unerträglicher Weise. Das lässt sich an Kirchenthemen besonders deutlich zeigen (gerade weil es dafür unter Journalisten wenig Fans gibt). Ein Beispiel:

Matthias Drobinski hat gerade über das neue Verfahren der Abgeltungssteuer auf Kapitalerträge geschrieben – und warum das zu Kirchenaustritten führt.

eigentor-der-kirchen-sueddeutsche

Überschrift und Vorspann des Artikels lauten:

„Eigentor der Kirchen

Sie fanden es unfair, dass sich Reiche vor ihrer Steuerpflicht drücken konnten. Deshalb wollen die Kirchen das ihnen zustehende Geld bei der Kapitalertragssteuer eintreiben. Das könnte für sie teuer werden.“

„Die Kirchen“ wollen also etwas von „den Reichen“. Auch im weiteren, ansonsten sehr informativen Artikel bleibt es im Wesentlichen bei zwei „Akteuren“: einerseits sind da eben die Kirchen (womit zwei Organisationseinheiten – Körperschaften des öffentlichen Rechts – gemeint sind, nämlich der „Verband der Diözesen Deutschlands“ und die „Evangelische Kirche in Deutschland“ (EKD)), andererseits die Kirchenmitglieder oder bestimmte Gruppen davon. Aber wer wirklich handelt oder gehandelt hat, wird nicht klar. Drei evangelische Kirchenmitarbeiter werden namentlich benannt – aber nirgends wird behauptet, dass es einer von diesen war, der das „Eigentor“ geschossen hat. Und das ist keine Petitesse.

Denn die 20 evangelischen Landeskirchen in Deutschland und ihr Dachverband EKD sind Mitgliederorganisationen, die zwar keine „Jahresvollversammlungen“ abhalten wie Vereine, dafür aber eigene Kirchenparlamente bilden, in denen die Kirchenpolitik verhandelt wird. Da wäre es schon sehr interessant zu wissen, wo mit welchen Argumenten mit wie viel Offenheit über eine veränderte „Beitreibungspolitik“ diskutiert wurde. Denn auch wenn für die Steuergesetzgebung der Bundestag zuständig ist, war es natürlich eine Aufgabe der Kirchenmitglieder, sich Gedanken zu machen, wie sich eine Veränderung beim Verfahren des Kirchensteuereinzugs auswirken wird. Und zu einer Anhörung des Finanzausschusses des Bundestags waren auch Vertreter der EKD und des Kommissariats der deutschen Bischöfe (nicht aber der katholischen Laienorganisation) eingeladen.

An der kirchlichen Basis vernimmt man jedenfalls schon seit vielen Monaten großes Wehklagen über die Gesetzesänderung. Man gewinnt dort nicht gerade den Eindruck, „die Kirchen“ hätten sich für den neuen automatisierten Kirchensteuereinzug eingesetzt.

Es wäre ein großer Fortschritt in der Berichterstattung – keineswegs nur bei Kirchenthemen -, wenn Journalisten in ihren Beiträgen nur handeln lassen würden, wer auch handeln kann und tatsächlich handelt. „Die Kirche“ kann nichts wollen, fordern, begrüßen oder ablehnen, denn sie kann nicht sprechen, schreiben oder lesen, schließlich hat sie noch nicht einmal die „Volksschule“ besucht. Auch wenn Juristen solchen „juristischen Personen“ sogar Persönlichkeitsrechte zugestehen, es sind doch stets ausschließlich „natürliche Personen“, die agieren. Und die sollten von uns Journalisten so genau benannt werden, wie es für eine korrekte Information notwendig ist.

Dann wäre unter anderem ein journalistisch sehr populärer aber sachlich völlig falscher – weil erfundender – Antagonismus aus der Welt geschafft: der zwischen „Kirche“ und „Kirchenmitgliedern“. Was würde aus Simone Schmollack’s auch ansonsten reichlich verwirrtem Kommentar „Exodus der Gläubigen“, wenn sie sich die Mühe machte, nach handelnden Personen zu suchen, anstatt zu poltern: „Sind nun die Kirchen begriffsstutzig oder die Gläubigen?“

„Die Kirchen“ an sich sind natürlich so begriffsstutzig wie ihre steinernen Glockentürme, die nicht nur des Schreibens und Rechnens unkundig sind, sondern die nicht einmal selbstständig bimmeln können, ohne dass ein Mensch ein Knöpfchen drückt oder ein Läutwerk programmiert.

Die handelnden Personen müssen selbstredend nicht immer alle namentlich genannt werden. Aber auch jede Umschreibung sollte noch korrekt sein. Dann hat eben nicht „die Kirche“ etwas beschlossen, sondern vielleicht die Mehrheit ihrer Abgeordneten im Kirchenparlament (oder alle oder …). Vielleicht war es aber auch nur ein Vorstand, eine Kirchenleitung (was im politischen System etwa der Regierung entspricht) oder ein einzelner Sachbearbeiter? „Man“ wüsste es gerne.

ganz-deutschland-diskutiert

„ Deutschland diskutiert das Ende des alten Irak

Deutschland hat mit Hilfstransporten in den Nordirak begonnen. Waffenlieferungen könnten folgen. Aber was kommt danach?“

Deutschland wird es wissen. Fragen wir es doch, bitte.

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