Wenn Journalistinnen mit dem Leben kollidieren

Gestern Abend habe ich es noch für einen peinlichen PR-Versuch gehalten, wie stern.de eine Nicht-Geschichte zu pushen versucht. Heute Morgen habe ich noch zwei Tassen Kaffee lang die aufbrausende Hysterie ignoriert, mir dann doch den „stern“ gekauft (und zwar, das war das Mindestmaß an Anstand – im Lidl).
Die Frage, ob der Mensch ein intelligentes Wesen ist, hat mich über den Tag nicht mehr bewegt als sonst – das übliche Grundrauschen quasi in dieser Gaga-Welt. Aber die Frage, was wohl Journalismus sein könnte -die war präsenter als im langjährigen Durchschnitt.

Nehmen wir Sueddeutsche.de. Dort lesen wir (derzeit als dritte Meldung):

„Brüderles Blick wandert auf meinen Busen“, berichtet sie [stern-Redakteurin Laura Himmelreich] dort, anschließend habe der FDP-Mann gesagt: „Sie können ein Dirndl auch ausfüllen.“ Im Laufe des Gesprächs habe er nach ihrer Hand gegriffen und diese geküsst.

Als Himmelreich versucht habe, den Politiker daran zu erinnern, dass sie Journalistin sei, habe er nur geantwortet: „Politiker verfallen doch alle Journalistinnen.“ Anschließend soll sich eine Sprecherin Brüderles bei Himmelreich entschuldigt haben.

Das ist offenbar eine professionelle nachrichtliche Zusammenfassung des „Themas“: Ein Mann schaut auf den Busen einer Frau neben ihm. [1] (Dazu ist er da. Muss ich Frauen ihre Anatomie erklären? Dass es sich bei nicht-laktierenden Frauen wohl nicht um einen Milch-Euter – „Körbchengröße 90 L“ – handelt, sollte auch biologisch ungebildeten Journalistinnen bekannt sein, und ansonsten mögen sie sich mal ein beliebiges nullipares Säugetier genauer betrachten.)
Daraufhin sagt der Mann etwas zum Aussehen der Frau. Und diese, statt darauf zugänglich oder abweisend zu reagieren, schreibt ein Jahr später einen Artikel, für den belanglos noch ein Euphemismus wäre, der aber gleichwohl vom Journalistenvolk zur investigativen Geschichte des – gütig sei es hinzugefügt – noch jungen Jahres erkoren wird.

Spiegel-Online-CvD Patricia Dreyer, vor fünf Jahren vom Blut-und-Titten-Blatt „BILD“ zum keuschen Online-Spiegel geflüchtet, beklagt als alltäglichen Sexismus:

Wenn ich, Chefin vom Dienst bei SPIEGEL ONLINE, im Büro ans Telefon gehe, höre ich nicht selten „Verbinden Sie mich bitte mit dem Chef vom Dienst“ – weil ich eine Frau bin, ist es wohl unvorstellbar, dass ich im SPIEGEL-Verlag Führungsverantwortung trage. – Stopp!

Susanne Herrmann darf auf Werben & Verkaufen in Laura Himmelreich’s Schilerung sexueller Übergriffe eine „Offenbarung“ sehen.

Ursula Kosser promotet ihr Buch „Hammelsprünge“ in der taz unter der Überschrift: „Brüderle ade –
Es gibt kein Recht auf sexuelle Anmache kraft Amtes“.

Bevor der Lärmsender „star.fm“ gerade den Sexismus von Rainer Brüderle zum Staatsthema Nummer eins erkor, lief noch ein Jingle fürs „Breakfast-Radio“: Wer hat den Längsten in Berlin.

Am Sonntag erwartet und bei Günther Jauch wohl die Frage: Zerbricht Deutschland am Gockel?

Wie soll man Medien, die dem alltäglichsten aller Themen nicht gewachsen sind, noch irgendeine Leistung zutrauen, wenn ihr Personal nicht einmal diese sechs Worte über die Lippen bekommt: „Ich danke Ihnen für dieses Gespräch.“

Timo Rieg

[1]= Wenigstens etwas hilfreich könnte ja sein zu prüfen, ob dem „Täter“ straf- oder zivilrechtlich etwas vorgeworfen werden könnte (und dann auch müsste, sprich: verhandelt würde). Da ist aber auch nach der langatmigen Schilderung im Heftchen nicht zu erahnen. Danach sollte man alle „Standesregeln“ durchgehen, Selbstverpflichtungen etc. Und wenn dann immer noch nicht zu finden ist, sollte mal geprüft werden, ob es sich um eine „Befindlichkeit“ handelt – und ob dies nach den im jeweiligen Medienhaus gebräuchlichen Relevanzkritierien die Öffentlichkeit tangieren müssen.

Ergänzungen:

* Kritisch zur stern-Berichterstattung: Wibke Bruhns im Tagesspiegel.

* Und zur Debatte an sich Thomas Stadler.

* Wo ist die Eigenleistung der kommerziellen Medien, wenn sie nur wiederkäuen, was – hoch repräsentativ – auf Twitter erzählt wird? Z.B. Spiegel-Online, FAZ , Berliner Zeitung, Berliner Morgenpost.

* lesenswert differenziert zur „aufschrei“-Debatte: frau meike

* Dass ausgerechnet Rechtsanwalt Ralf Höcker zeigt, was Journalismus u.a. zu leisten gehabt hätte (nämlich: Fragen stellen)…. – bei VOCER.

* Die Frage, warum die Geschichte erst nach einem Jahr aufgewärmt wird, „schwächt die Bestandsaufnahme der Journalistin“ nicht nur, wie Katja Bauer in der Stuttgarter Zeitung schreibt, sie macht sie quasi unüberprüfbar. Denn wenn nicht jemand die Szene mit Ton gefilmt hat, ist nach dieser Zeit auf die menschliche Erinnerung nicht viel zu geben (und schon gar nicht nach der Veröffentlichung des stern-Artikels).

8 Gedanken zu „Wenn Journalistinnen mit dem Leben kollidieren

  1. Unterm Strich betrachtet: Entweder sind den meisten von uns die Themen ausgegangen oder wir pflegen das Jammern auf hohem Niveau. Wie sonst könnte man einer solchen „Sex Pistols“-Geschichte überhaupt eine solche Aufmerksamkeit schenken? Wobei ich mit der Verwendung des Bandnamens diese nicht in die Niederungen dieser Buchstabenansammlung auf Stern.de bringen möchte. Nicht dass das Netz jetzt auf Tage und Wochen mit diesem Kram vollgestopft ist. Andernorts wird das ganze schon als PR-Kampagne kontra Brüderle gewertet. So verändern sich die Qualitäten, da hatte trotz des dramatischen Ausgangs die Möllemann-Geschichte mehr Zug. Daran war aber meines Wissens nicht der Stern beteiligt…..Bitte, widmet Euch, liebe Kollegen und Kolleginnen, wieder den echten Themen und nicht dieser Farce….Mit kollegialem Gruß, Christoph v. Gallera

  2. Über das Foto mit der Kanzlerin in der Oper von Oslo, wo sie Dekollete zeigt, gab es weniger Aufregung.

  3. Was sind das doch für blutleere , victorianische Jüngferlein, die es nicht schaffen, zu später Stunde, einem angeheiterten Mann, auf lockere Sprüche, mit Witz und Humor den Wind aus den Segeln zu nehmen und mit Intelligenz zu kontern. Nein, sie verstecken sich hinter den langen Unterröcken der Schwarzer-Demagogie, die vorschreibt jeder Mann ist ein Verbrecher der nur die Unterdrückung der Frau will und das mit sexuellen Angriffen, in Wort, Schrift und Tat. Das ist so dumm! Gescheite Frauen brauchen keine Vortänzer-oder Beter, die setzen sich durch. Mit Können, mit Charme, mit Leistung.

    Und nicht mit irgendwelchen blödsinnigen Artikelchen,über angebliche, unbewiesene Geschehnisse vom vergangenen Jahr.

    Sie wollen Quoten und Gleichberechtigung und schiessen sich dann mit so unqualifizierten Aussprüchen wie: „Haben Sie nicht in den Spiegel geschaut!“ ins Aus. Wer sich über das Aussehen eines Menschen mokiert ist genauso so sexistisch!
    Der Spiegel-Satz der Frau Gaus ist genauso hirnrissig, wie die Frage am Schwarzer – Fragebogen: “ Finden Sie das Aussehen der Bundeskanzlerin angemessen?“ und „Finden Sie sich zu dick?“

    Klar , dass jetzt einige in das SchwarzerHorn tröten und “ Hülfe, wie Erschröcklich was der guten Laura da passiert ist, leiern, aber auf jene, auf die es es wirklich ankommt, die brechen in Höllengelächter aus und Laurakind kann schon ihre Bewerbung um einen Posten bei EMMA oder bei RTL-Abteilung Dschungelcamp formulieren, wenn nicht heute, dann in absehbarer Zeit. Oft kann sich der Stern sich solche“Ausrutscher“ nicht leisten. Das die nicht an die Hitler-Tagebücher gedacht haben, als sie Lauras unbewiesene Anschuldigungen druckten.

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