Immer wieder: Das Relevanzkriterium

Vielleicht die gute Nachricht zuerst: offenbar die meisten journalistischen Medien haben zutreffend erkannt, dass nicht jeder Antisemitismus-Vorwurf eine Nachricht ist – auch nicht, wenn dahinter ein amerikanischer Verein steht, der sich einen prominenten Namen entliehen hat.

Die taz aber schenkt der Sache Aufmerksamkeit. Doch nach welchen professionellen Relevanzkriterien, offenbart sie nicht.

Muss es taz-Leser_innen interessieren, wie sich Henryk Broder ein ums andere Mal inszeniert – und dabei Kollegen mit Dreck bewirft? Und was erfahren sie stattdessen nicht (aus raum- und zeitökonomischen Gründen)?

a) Irgendeine amerikanische Institution (1) kürt einen renommierten, engagierten und gut lesbaren deutschen Journalisten  zu einem der großen Antisemiten des Jahres 2012. Das ist nicht an sich schon ein Thema zum Publizieren und Kommentieren, sondern allenfalls zum Recherchieren: Was kann da nur dran sein? Brauchen wir – im deutschsprachigen Journalismus – die Hilfe aus Übersee, um einen weltweit zu fürchtenden, immerhin weltweit zu ächtenden Antisemiten im Land zu erkennen?

Wenn das, was Cigdem Akyol vorträgt, schon das Ergebnis ihrer Recherchen ist, hätte ihr selbst dünken müssen, dass das Thema gerade keines ist. Man muss nicht über jeden Stock springen, den einem ein Zirkusdirektor hinhält. Vier Wortfetzen von Augstein präsentiert Akyol als Beleg für den goroßen Antisemiten. Der erste:

„Gaza ist ein Gefängnis. Ein Lager. Israel brütet sich dort seine eigenen Gegner aus“ (19.11., Spiegel Online),

Das ist doch kurz, bündig und richtig – zumindest richtig von einem bestimmten, legitimen Standpunkt aus besehen.

b) Dazu sagt ein anderer deutscher Journalist etwas, der schon immer – von seinen Anfängen bei den St. Pauli-Nachrichten – als Posenclown abonniert ist, und der zufällig auch als einzige Begründung in dem Wiesenthal-Center-Dokument auftaucht. Und der alles, was die taz nun bringt, bereits vor einigen Wochen in einem seinem Poltergeist nicht gerecht werdenden Langweiler-„Brief an meinen Lieblings-Antisemiten Augstein“ formuliert hat.

Fangen wir doch mal hinten an. Was soll denn Broder sein, der so viel Raum in der taz einnehmen darf? Ein Semit? Nach  einer äußerst befremdlichen Rassenideologie wäre das vielleicht möglich (was auch immer „polnisch-jüdisch“ in seinem Wikipedia-Zuchtbuch bedeuten soll). Aber er läuft wohl mit deutschem Pass rum und hat mit der Religion Judentum nichts am Hut.

Und ist jeder, der kein Antisemit ist, automatisch in der Landfrage Israels und Palästinas ein „antimuslimischer Rassist„?

Die Nummer funktioniert wie immer nur, weil sich Leute den Schuh anziehen wollen. Wenn ich oben im Text vor den „Zirkusdirektor“ (mit dem natürlich nicht dessen freischaffender Clown gemeint ist) nur das Wort „krummnasiger“ setzen würde, bin ich vermutlich Gegenstand einer Strafanzeige. Weil das heutige Antisemitismus-Schema genau dadurch funktioniert, dass sich Leute von Karikaturen angesprochen fühlen, deren Bezug zu ihnen sie empört weit von sich weisen.

Akyol meint:

„Schon alleine Gaza und Lager in einem Atemzug zu nennen, ist unerträglich.“

So einfach wird man also im deutschen Journalismus zum Antisemiten. Jakob Augstein selbst hat dazu schon treffend festgestellt: „Der Antisemitismus-Vorwurf wird inflationär gebraucht. Und er wird missbraucht. Immer häufiger wird Israels Besatzungspolitik mit dem Antisemitismus-Argument gegen jede Kritik in Schutz genommen. Dadurch verliert der Begriff seine Bedeutung und das Thema seine Würde.“

PS: Augustein zitiert auf seiner FB-Seite seine – leider ARD-mäßig langweilige – Antwort zu dem „Vorgang“ an die dpa: „Das SWC ist eine wichtige, international anerkannte Einrichtung. Für die Auseinandersetzung mit dem und den Kampf gegen den Antisemitismus hat das SWC meinen ganzen Respekt. Um so betrüblicher ist es, wenn dieser Kampf geschwächt wird. Das ist zwangsläufig der Fall, wenn kritischer Journalismus als rassistisch oder antisemitisch diffamiert wird.“

(1): Ich versuche mir vorzustellen, wie die Wertung einer solchen Menschenrechtsorganisation ausfiele, wenn sie in Deutschland residierte und nicht von Rabbinern, sondern von „Kirchenfürsten“ geleitet würde. Ihre Reputation im christlichen Abendland dürfte gering sein.

(2): Statt der taz hätte sich ja mal der Zentralrat der Juden in Deutschland äußern können, dessen (Ex-)“Tante Charly“ immerhin vor vier Jahren für Broder ein Recht auf freie Meinungsäußerung gefordert hat. Wo das, was Jakob Augstein zum israelisch-palästinenischen Konflikt schreibt, nicht von diesem Recht gedeckt sein soll, müsste der Zentralrat ggf. erklären – oder sich von der PR-Aktion des Wiesenthal-Centers distanzieren.

Update: Zum Thema auch, aber ohne jede Relevanzfrage, Nils Minkmar, FAZ.
Ferner: SPIEGEL über die Schwierigkeiten, mit dem Verantwortlichen der Augstein-Platzierung ins Gespräch zu kommen.

Update 14.01.2013: Das BILDblog nölt mal wieder rum, die Medien hätten das nicht richtig gelesen. Den Links und der Auffindeinfachheit nach haben aber wohl die meisten Medien selbst auf die „TOP 10 Anti-Semitic/ Anti-Israel Slurs“ geschaut. Aber dann muss man nicht jeden Eiertanz mitmachen.  Wenn es um Satzfragmente ginge, nicht um Autoren, hätte das PR-Zentrum auch die Namen weglassen können. Albern. Unseres Erachtens geht es eh um ein ganz anderes Problem – wie oben benannt.

3 Gedanken zu „Immer wieder: Das Relevanzkriterium

  1. … meines wissens hat sich der Zentralrat schon von der Aussage des SWZ distaniert.
    Vielen Dank für den Artikel
    Hingips

    Red: Ausnahmsweise durchgelassen, obwohl anonym. Richtig, inzwischen hat sich der Zentralrat offenbar erklärt, siehe Tagesspiegel. Unter unserem Rubrum „Relevanz“ wäre dann natürlich auch zu fragen, warum Michel Friedman mal wieder kolportiert wird. Nur weil jemand, dessen Namen man kennt, etwas sagt, ist es nicht automatisch journalistisch relevant.

  2. NZZ-Chefredaktor Markus Spillmann: Und gerade deshalb begegne ich dem sogenannt partizipativen Journalismus mit einiger Reserviertheit. Ich kenne keine andere Berufsgruppe, die sich in so kurzer Zeit so freigiebig der Mitsprache und dem Mitspracherecht durch alle und jeden geöffnet hat. Es wäre mir jedenfalls neu, dass sich der Metzger über die Güte des Fleisches dreinreden lässt oder der Neurologe seine Diagnose von den Likes seiner Postings abhängig macht. Von Selbstvertrauen in das, was uns Journalisten von Nicht-Journalisten unterscheidet, zeugt es jedenfalls nicht.
    http://medienwoche.ch/2015/05/23/wieviel-verantwortung-ertra%CC%88gt-der-journalismus/

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