BILD besser als SPIEGEL

Manchmal muss eine Geschichte auch deshalb fertig erzählt werden, weil man dabei seine zuvor geäußerten Gedanken neu kommentieren, einordnen, revidieren oder verstärken muss.

Wie war das jetzt mit dem ach so unsäglichen Joachim Witt Video „Gloria“? Ekelhaft und diskreditierend und vor allem – Gipfel der Lächerlichkeit – jugendgefährdend sollte es sein. Da war sich der deutschsprachige Profi- bzw. Kommerz-Journalismus weitgehend einig. Und dann? Irrt die Bundesprüfstelle in ihrer Beurteilung:

Eine Jugendgefährdung nach § 18 Abs. 1 JuSchG kann nicht festgestellt werden, da weder unsittliche, verrohend wirkende oder zu Gewalttätigkeit, Verbrechen oder Rassenhass anreizende Medieninhalte vorliegen.

Könnte es sein, dass sich Stefan Kuzmany auf Spiegel-Online mal wieder vergaloppiert hat? (Das meint wohl auch Jan Wigger.) Ebenso wie Thomas Schmoll auf stern.de? (für den das Video in vierfacher Hinsicht grauenhaft ist: „1. Die Musik ist furchtbar. 2. Der Sänger kann nicht singen. 3. Der Text ist stümperhaft. 4. Eine Frau wird vergewaltigt“ – soviel Rezensionstiefe war selten); auch bei stern.de endet die Geschichte mit der bevorstehenden Indizierung (und einer „beleidigten Leberwurst“ Witt).  Wo ist derHinweis im Kampfblog Bundeswehrblog „Augen geradeaus„, das vielfach als Nachrichtenquelle für die Indizierungsabsicht genannt wurde?

Im Prinzip sollten professionelle Medien ein solch wichtiges Update behandeln wie eine Gegendarstellung: in gleicher Größe an gleicher Stelle veröffentlicht, damit die Nachricht von möglichst vielen derer wahrgenommen wird, die den Anfang davon gelesen haben. Und online sollte es eine Selbstverständlichkeit sein, unter die alten Artikel ein „Update“ zu setzen, damit auch Googler und Archivnutzer nicht nur durch Zufall erfahren, dass die Sache anders ausgegangen ist, als die Journaille glaubte.

Die Agenturmeldung dazu gab es schließlich, und bild.de hat es geschafft, sie aufzugreifen. Dafür gibts hier eine ja immerhin in diesem einen Punkt zutreffende Provokationsüberschrift.

Die tendenziösen Nicht-Bilder

Nachrichtenfilm zur Beschneidung bei der Süddeutschen Zeitung

Auch Monate nach Beginn der „Beschneidungs-Debatte“ glänzt der Journalismus in Deutschland mit Fehlinformationen. Bilder von Beschneidungen gibt es nämlich nicht. Nur so kann weiterhin von einem kleinen, unbedeutenden Eingriff gesprochen werden. Die ganze Peinlichkeit fasst ein Reuters-Video (hier bei sueddeutsche.de): auch bei Beschneidung gibt es im Politikjournalismus nur Laber-Laber-Rhabarber. In zwei Micorozenen wird eine OP im Krankenhaus gezeigt, und man mag erahnen, dass eine Schwester mit OP-Besteck einen Penis gleich einer Lakritzschnecke in die Länge zieht. Aber man sieht eigentlich nichts. Kein Kind (Säugling, Knabe, Jüngling?), keine Vorhaut, keinen Schnitt, – stattdessen viele Politiker.

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